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Teil V – Getrennt (2)

Burg Auraleth – 18. Peraine, 34 nach Hal – Am Nachmittag
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

Ihre Brust brannte, als sie immer wieder nach oben schaute und die Zinnen von Burg Auraleth näherkommen sah. An oder hinter den Mauern der Praiotenfeste würde sie mit Sicherheit Schutz finden. Oder vielleicht sogar Verstärkung. Ihre Tränen über den plötzlichen Verlust von Hagen hatte sie inzwischen weggewischt, doch noch immer schmerzte sie seine Opferung. Er hatte ihr damit Zeit verschafft, um sich außerhalb der Sichtweite der Untoten zu bringen, aber dennoch gab er sein Leben für ihres – was sie schmerzte. Während sie immer weiter rannte und sich von Baum zu Baum versteckte, um sich immer wieder Mal kontrollierend umzusehen, musste Sie an das Gespräch mit Hagen denken. Sie hatte ihn dazu gebracht sein Handeln zu hinterfragen und für einen kurzen Moment hatte sie eine Verbindung gespürt. Auch wenn der Mann aus Waldsend schmutzig, schäbig und stinkend war, so war unter der Kruste nur eine verirrte Seele, die nach Halt suchte. Und Adellinde gab ihm wieder Halt – nur das eben dieser Halt ihn geradewegs in die Arme Borons getrieben hatte.

Beschirmer
Hagen von Föhrenstieg
Orden vom Bannstrahl Praios

Adellinde erreichte mit dreckigem Saum an der grünen Geweihtenklufft die erste Außenmauer von Burg Auraleth, der schon vor langer Zeit geschliffene erste Festungsring hatte zahlreiche Breschen. Sie waren so groß, dass darin Büsche und Bäume wachsen konnten. Sie kletterte über die mit Moos und Erde überwucherten Steine und lief weiter zum zweiten Festungsring. „Hilfe!“, rief sie außer Atem, doch niemand schien zu antworten. Sie erreichte den zweiten Festungsring, doch auch dieser hatte alte Breschen. Als sie erneut über Steine kletterte, sah sie im Innenhof des zweiten Festungsrings mehrere Leichen liegen. Sie erkannte die weißgoldenen Farben von Geweihten des Götterfürsten und einige Akoluthen – aber auch mehrere zerfetzte Gestalten, die wohl du Galottas Truppen gehört haben müssen. Anscheinend hatte hier vor kurzem ein Kampf stattgefunden und niemand hatte es geschafft die Leichen ordentlich beiseite zu schaffen, geschweige denn sie zu bestatten. Sie blickte hoch zu einem der rauchenden Türme und sendete ein kurzes Stoßgebet zu Praios, dass jemand auf der Festung überlebt haben möge. „So helft mir doch, bitte!“, rief sie wieder, und ihre Stimme überschlug sich, da sie noch immer außer Atem war.

Auf einer Anhöhe gelegen, erblickte sie einen weiteren Festungsring, der jedoch Intakt zu sein schien, nach links und rechts sah sie nur hohe Mauern. Auf den ersten Blick schien Festung Auraleth standgehalten zu haben. Sie erspähte einen Aufweg, zu dem sich immer wieder stolpernd und teilweise kletternd hoch bewegte. Mit schmutziger und zerschlissener Robe erreichte sie den breiten Weg und entdeckte endlich einen der Eingänge zur Festung. Die Tore waren geschlossen und hinter den Mauern stieg dichter Rauch auf. Sie stellte sich erschöpft vor das Tor, wischte sich an ihrer Robe das Gesicht trocken und holte nochmal Luft: „Im Namen des Herrn Praios, hört mich jemand!“, brüllte sie so laut sie konnte. Sie hoffte inständig, dass hinter den Mauen sich noch jemand befand, der ihr wohlgesonnen war. Wenn Festung Auraleth besetzt war und Galottas Schergen herausstürmen würden, hätte Sie nicht mehr die Kraft erneut zu fliehen. Ihre Beine zitterten und ihre Hände waren ganz kalt. Sollten die Götter entscheiden, wie es nun weiter geht, dachte sie sich schicksalsergeben. Tatsächlich öffnete sich eine kleine Pforte in dem mächtigen Tor und ein älterer Mann mit grauem Bart, Kettenhemd und weißem Wappenrock lugte heraus. „Bei den Zwölfen, welch eine Freude euch zu sehen – ich bin Hüterin der Saat Adellinde, ich komme in höchster Not, bitte lasst mich rasch ein!“, stellte sie sich zügig vor und trat näher. Doch als der Mann seinen Schwertknauf nach vorne schob und mit einer Hand daran rumfingerte, blieb sie in respektvollen Abstand stehen. „Dem Himmelrichter zum Gruße, ich bin Hermann der Pförtner – beweist mir zuerst eure Worte, bevor ich euch einlasse!“ Die Antwort des Pförtners verwunderte Adellinde, sie hatte nicht erwartet sich ‚beweisen‘ zu müssen, schon gar nicht vor einem Praioten. Zumal sie auf Anhieb nicht wusste, wie sie das hätte anstellen sollen. „Ähm … wie stellt ihr euch vor, soll ich das tun? Ich bin eine bescheidene Dienerin der Hüterin des Lebens, ich führe nichts von Wert bei mir – ich habe nur meine Robe, mein Glauben und mein Wort.“ Der Pförtner musterte sie. Als sie seine prüfende Blicke auf ihrer dreckigen und zerschlissenen Robe spürte, wurde ihr ein wenig unbehaglich. Sie wünschte sich eine saubere und neue Robe her, am liebsten sogar ein heißes Bad, doch die Umstände machten es ihr unmöglich. Als Hermann der Pförtner zu einer Antwort ansetzte, kam sie ihm zuvor und machte dabei einen mutigen Schritt nach vorne: „Hört zu, Hermann der Pförtner – ich habe nur mein Wort, und ihr seid ein Diener des Herrn des Lichts, der die Wahrheit erkennt, wenn er sie sieht – ich könnte euch jetzt auf Anhieb mehrere Gebete an die Herrin Peraine rezitieren und sogar das ein oder andere Stoßgebet an unseren Götterfürsten, aber ich habe keine Zeit dafür! Ich reise mit dem edlen Reichsritter und Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher zu Hochstieg, dem ehrenwerten Sieger der Frühlingsturney – ihr habt bestimmt Kunde davon bekommen. Seine Exzellenz ist in der Nähe und in größter Not, er benötigt sofort eure Hilfe – denn er stellt sich da draußen tapfer gegen die untoten Horden Galottas, die ihr versäumt habt von eurem Land zu tilgen! Und nun lasst mich ein!“ Mit jedem Satz, den sie rausfeuerte, wurde sie nicht nur schneller, sondern auch lauter und bestimmter. Am Ende stand sie kurz vor des Pförtners Nase und blickte ihn vernichtend an. „Hermann, lass die Geweihte ein“, dröhnte eine kräftige Männerstimme von Innen, woraufhin der alte Pförtner sofort demütig Platz machte. Adellinde schlüpfte mit einer kurzen Danksagung hindurch und stand plötzlich vor einer Gruppe aufgesattelter Reiter, angeführt von einem Mann mit rot vernarbten und teils verbundenen Gesicht, so dann man nur eins seiner Augen sehen konnte. Er trug auf seinen Kopf eine weiße Kappe auf der eine goldene Sonne gestickt war und dazu eine in der Praiossonne außergewöhnlich hell glänzende Rüstung mit gelbroten Praiossymbolen darauf. Seine erhabene und autoritäre Erscheinung wurde durch sein markant breites Gesicht und den frisch vernarbten Gesichtszügen noch unterstrichen. Instinktiv machte Adellinde eine leicht verneigende Geste vor dem Mann, der eine Gruppe aus vier weiteren Reitern anführte. „Ich bin Hagen von Föhrenstieg“, begann der Mann vom Pferd herunter mit lauter und anklagender Stimme zu donnern. „Beschirmer der Ordnung der Mittellande und Herr von Burg Auraleth, seit Hochmeister Rapherian von unserem Herrn höchstselbst abberufen wurde.“ Er machte eine kurze Pause um Luft zu holen und fuhr dann langsam mit noch anklagendem Ton fort: „Ihr besitzt eine laute und dreiste Stimme und führt noch dazu eine dreiste Anklage ins Feld … und das für eine Geweihte der gütigen Göttin.“ Adellinde, die sich das erste Mal seit Tagen wieder unter Geweihten befand, vergaß, dass sie es hier mit Praioten zutun hatte. Selbst unter anderen Geweihten, galten sie als herrschsüchtig und gelegentlich überheblich. Sie kramte kurz in ihrer inneren Bibliothek zu Titeln und Rängen und erinnere sich daran, dass ein Beschirmer dem Rang eines Ordensmeisters beim Orden des Bannstrahls Praios‘ gleichkam. Mit einer tiefen entschuldigenden Verneigung setzte sie noch einmal etwas leiser an: „Bitte verzeiht mir meinen unangemessenen Ton, eure Exzellenz. Es liegt mir fern Anklagen zu erheben. Erlaubt mir mich zu erklären. Ich bin aus Perz, mein Tempel dort wurde von Galottas Horden geschändet und geplündert, seine Wohlgeboren Sieghelm von Spichbrecher, hat mich dort gefunden und mitgenommen – seither reise ich mit ihm und helfe ihm bei seiner Queste seinen Vater, Baron Parzalon zu Dettenhofen wiederzufinden.“ Für einen Moment blickte Adellinde auf, doch aufgrund der blendenden Rüstung konnte sie ihn nicht allzu lange ansehen, weshalb sie wieder zum Boden schaute, der genauso aufgewühlt war wie sie. „Im Wald im Rahja, wurden wir von zahllosen Untoten überrascht und wurden getrennt. Er stellte sich ihnen tapfer entgegen, damit ich zu fliehen vermochte.“ Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie von dem anderen ‚Hagen‘ erzählen solle, entschied sich aus taktischen Gründen jedoch dagegen. „Der ehrenwerte Reichsritter und Ordensmeister benötigt eure Hilfe, er steckt in größter Not und ihr seid seine und meine letzte Hoffnung, eure Exzellenz.“ Als Adellindes Schilderung endete, kehrte Stille ein. Sie schaute weiterhin zu Boden, denn sie traute sich nicht dem Mann in die Augen – bzw. in das Auge zu sehen. Sie hoffte die richtigen Worte mit dem richtigen Ton angeschlagen zu haben. Sie wusste, sie würden ihr schon nichts tun, aber sie musste sie irgendwie überzeugen. Da brach der Beschirmer mit lauter Stimme das Schweigen: „Ich kenne den Reichsritter. Er war vor kurzem hier auf Burg Auraleth.“ Jetzt konnte Adellinde nicht anders als verwundert zu ihm aufzuschauen. Zu dem Pförtner gewandt, redete er im Befehlston weiter: „Hermann, öffnet die Tore – wir reiten aus.“ Der alte Pförtner tat wie ihm geheißen, indem er in seiner Wachnische an einem Seil zog, das zum Mechanismus zum Öffnen der Festungstore führte. Ein ganz leises Klingeln war zu hören. Adellinde trat zur Seite, da sie den fünf Reitern Platz machen wollte. Sie war nicht sicher, ob der Beschirmer jetzt ausreiten wollte um Sieghelm zur Hilfe zu eilen, oder ob er ohnehin gerade in eine andere Richtung losreiten wollte. Über Adellinde und der Gruppe Bannstrahler ratterte der Mechanismus los, es knallte laut, als die Ketten auf Metall prasselten und das massive Fallgitter hochgehoben wurde, während der Pförtner zusammen mit vier anderen das Holztor aufstemmte. Als das laute Rasseln der Ketten verklungen war, ritt die Gruppe etwas vor und der Beschirmer hielt sein Ross direkt neben Adellinde an. Ohne sie anzusehen, fragte er sie: „In welche Richtung sagtet ihr, war der Reichsritter?“ Sie schaute auf und konnte von Nahen sehen, dass das Gesicht des Mannes vor kurzem verbrannt wurde. Seine Verbände waren frisch gewechselt, aber unter ihnen lag eine dicke Schicht Brandsalbe, um seine Verletzung zu lindern und die Heilung zu fördern. Adellinde wusste, dass er ungeheuerliche Schmerzen haben musste. Eine Verbrennung dieser Art und in der Größe, würde jeden normalen Menschen mit Fiber an die Bettstatt fesseln, doch Hagen von Föhrenstieg machte nicht den Hauch eines Eindrucks beeinträchtigt zu sein. „In Richtung Rahja, nahe eines Nebenarms der Gernat.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gab der Burgherr seinem Pferd die Sporen und alle fünf Reiter preschten unter lautem Hufengeklapper los. Sie zogen bei ihrem Ritt eine dicke Staubwolke hinter sich her, während Adellinde wieder das metallische Geschepper der Torkette hörte, als das Fallgitter herab gelassen wurde. Am liebsten wäre sie mitgekommen, doch das lag nun außerhalb ihrer Macht. Sie war in Sicherheit – vorerst. Und sie musste darauf vertrauen, dass es den Bannstrahlern gelang, Sieghelm und oder Kalkarib zu finden. Erst jetzt fiel ihr ein, dass Sie den Praioten nichts von dem jungen Novadi erzählt hatte, aber das war wohl auch besser so. Sie würden ganz bestimmt nicht wegen eines einzelnen unbedeutenden Novadis auch nur einen Finger krümmen, so viel wusste sie über die Anhänger des Ordens des Herrn Praios‘.

Adellinde beschloss näher zum Burgried aufzusteigen. Auch wenn sie nun schon die dritte Festungsmauer durchquert hatte, war sie noch immer nicht im Inneren Burgfried angekommen, es gab noch einen weiteren Verteidigungsring, den sie durchqueren musste. Sie nah nun endlich die Quelle der schwarzen Rauchwolke, die Praioten hatten die Leichen der Untoten und die der Toten Söldner und der anderen Geschöpfe aus Galottas Armee zu einem Haufen zusammengetragen und waren dabei, sie dem Feuer zu übergeben. Eine Gruppe Praioten zerrten die leblosen Körper von alten Handkarren und warfen diese auf den großen brennenden Haufen, der höher war, als sie selbst. Adellinde bedeckte ihre Nase aufgrund des dabei entstehenden Gestanks. Doch dann hörte sie ein paar Schreie aus einem Pallas. Instinktiv ging sie hin und entdeckte in der breiten, an der Wehrmauer gelegenen Stallung ein hastig angelegtes Krankenlager. Dutzende, auf den ersten Blick nicht zählbare Mengen an Verletzten, Versehrten und Kranken lagen auf Strohlagern quer und teils schon übereinander verteilt in der Scheune. Sie ging hinein und jeder Dritte griff nach ihr, rief nach ihr, schrie oder wimmerte leise. Es waren nicht nur Praioten, nein, es waren die unterschiedlichsten Leute, größtenteils Soldaten vom Feld, die es lebend vom Mythraelsfeld geschafft hatten, dachte sich Adellinde zuerst. Es waren jedoch auch Stadtbewohner und Bürger dabei. Dann fiel ihr wieder ein, das Wehrheim vom Magnum Opus zerstört wurde und es wohl auch Überlebende von dort waren. Jede ihr bekannte oder nicht bekannte Verletzungsart war vertreten und die Luft des Ortes war gefüllt von Schmerzensschreien und Hilferufen. Adellinde wankte ziellos durch die Scheune, flüsterte hier und dort Stoßgebete für die Verletzten, tupfte fiebernden Leuten die Stirn ab und taumelte dann ziellos weiter. Auch der ganze Pallas war gefüllt mit Verletzten und es gab viel zu wenig Fachkundige, die sich um sie kümmern konnten. Sie wusste nicht genau wie lange, aber sie verbrachte mehrere Stunden dort, kümmerte sich um die Verletzten, half Verbände anzulegen oder zu wechseln, improvisierte selber welche aus ihrem Unterkleid, wusch Wunden aus und stand dem einen oder anderen bei, als dieser zu Boron ging. Bis in den Praiosuntergang hinein blieb sie dort und arbeitete bis zur Erschöpfung. Als sie auf dem Hof des Pallas am Brunnen neues Wasser holte, lehnte sie sich kurz daran, um durchzuatmen, doch ihr Körper zollte Tribut für die harten letzten Tage und sie schlief binnen eines Lidschlags ein.

Teil V – Getrennt (2)

Teil IV – Nebel des Krieges (3)

Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim – 18. Peraine, 34 nach Hal – Zur Praiosstunde
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Der Ordensmeister kehrte nach erfolgloser Suche zum provisorischen Lager zurück. Adellinde saß dort noch immer zusammen mit Hagen aus Waldsend und sie schienen in ein intensives Gespräch vertieft, weshalb er sie nicht stören wollte. Er ging zu seinem Pferd und nahm einen kräftigen Schank aus seinem Wasserschlauch, denn von dem Leichengestank war seine Kehle ganz trocken geworden. Er überprüfte seine Ausrüstung, ging die Vorräte durch und friemelte hier und dort an seiner Plattenrüstung herum. Der Marsch über das Mythraelsfeld hatte den Glanz von deinem Rüstzeug genommen und er musste sich daran machen, sie wieder auf Vordermann zu bringen. Also packte er sein Putzzeug aus, hockte sich scheppernd auf einen umgefallenen Baumstamm und begann seine Rüstung zu reinigen. Kaum hatte sich der Reichsritter hingesetzt, hüpfte Pagol heran, umschwänzelte dessen Beine und ließ sich dann erschöpft zu seinen eisenbewehrten Füßen nieder. Die Zeit verging quälend langsam. Adellinde unterhielt sich währenddessen immer intensiver mit dem Leichenfledderer. Sieghelm bekam nur ein paar Wortfetzen mit, anscheinend hielt sie ihm keine Predigt, sondern versuchte den Mann dazu zu bewegen, sein Handeln zu hinterfragen. Dieser wiederum hing an ihren Lippen und lauschte sehr aufmerksam ihren Worten. So verstrich die Zeit und während Sieghelm seine Rüstung putzte, fragte er sich immer wieder, ob Kalkarib wohl etwas gefunden haben könnte, dass er jetzt schon so lange wegblieb. Das Gespräch zwischen Hagen und Adellinde unterbrach sie irgendwann mit den Worten: „Ihr müsst darüber nachdenken, ich lasse euch für einen Moment in Ruhe.“  Die zierliche Priesterin ging zum Ritter herüber und setzte sich vorsichtig neben ihn. Sie stöhnte etwas, was Sieghelm dazu veranlasste nachzufragen: „Stimmt etwas nicht?“ Sie schien etwas aus den Gedanken gerissen und zögerte mit der Antwort. „Nein, es ist alles in Ordnung. Ich musste nur gerade daran denken, dass ich so etwas schon lange nicht mehr getan hatte.“ „Was meint ihr?“ „Diese Art von Unterhaltung. Einer in seinem Glauben wankenden Person durch meine Worte wieder Halt zu geben. Das war eigentlich eine meiner Hauptbeschäftigungen in Perz. Bevor all dies geschah“, schob sie noch hinterher und rührte dabei genervt wirkend mit dem Finger in der Luft. Sieghelm hob seine Augenbrauen und dachte kurz nach, während er seine Unterarmschienen polierte. „Gab es in eurem Ort denn so viele vom rechten Weg Abgekommene?“ Adellindes Augen wurden kugelrund als der Reichsritter fragte. „Oh ihr würdet staunen, wie viele Leute Gareth verlassen hatten, um ihr Glück anderswo zu suchen. Wehrheim ist … war … eine verheißungsvolle Garnisonsstadt, in der man sein Leben stets in den Dienst des Kaisserreichs stellen konnte. Es gab viele rastlose Seelen, die noch nie Gareth verlassen hatten, um in Wehrheim ein neues Leben anzufangen. Doch Aves sei dank, haben sie unterwegs ihr Leben hinterfragt und haben so manches mal bei uns im Tempel halt gemacht, um nach Rat zu suchen.“ Sieghelm unterbrach sie: „Moment, das heißt ihr habt es Ihnen ausgeredet?“ Adellinde war schockiert und legte eine Hand auf ihre Brust. „Es Ihnen ausgeredet? Nein! Peraine ist meine Zeugin, das habe ich nicht. Ganz im Gegenteil!“ Sieghelm atmete erleichtert aus. „Dann ist gut. Ich hatte schon befürchtet ihr …“ „Ich habe Ihnen nur wieder Vertrauen in die Zwölfe und damit erneut Halt im Leben gegeben.“, unterbrach sie den Reichsritter und pulte sich dabei in den Fingernägeln herum. Sieghelm, der das Putzen einstellte, belegte die Priesterin nun mit einem scharfen Blick und holte für einem längeren Satz tief Atem, als direkt hinter ihnen die Pferde plötzlich scheuten. Der wachsame Ritter sprang sofort auf und griff zum Schwert, welches er wegen der Rüstungspflege mit samt der Scheide abgelegt hatte. Auch Pagol sprang auf und sah sich wachsam um. Nur Adellinde blieb blinzelnd und leicht verwirrt sitzen. „Ist bei euch …“ „Pssst!“, zischte Sieghelm sie an, während seine braunen Augen das lichte Waldgebiet absuchten. „Beruhigt die Pferde und macht sie los“, begann er im leisen Tonfall zu erklären. „Kalkarib ist schon lange fort und nur die Götter wissen, was hier noch so durch das Unterholz streicht.“ Mit seinem Anderthalbhänder noch in der Scheide, schritt Sieghelm das provisorische Lager ab und schaute in alle Richtungen, während die Geweihte, wie ihr befohlen, zu den drei Pferden ging und sie versuchte zu beruhigen.

Das Waldstück, in dem sich Sieghelm und seine Gefährten befanden, gehörte zum leicht hügeligen Gebiet des Flusses Gernat. Der flößbare Seitenarm der Dergel befand sich rahjawärts von ihnen, weshalb es in diese Richtung leicht bergab ging. Und aus eben dieser Richtung kommend, sah Sieghelm in der Entfernung Bewegungen durch die Bäume hindurch. „Dort kommt etwas auf uns zu. Macht die Pferde bereit, Adellinde“, raunte Sieghelm ihr erneut zu. Zügig legte er kurz das Schwert ab, schnappte sich seinen Helm und streifte ihn sich über den Kopf. Inzwischen war auch der in seinen Gedanken versunkene Leichenfledderer wieder ‚erwacht‘ und da er den Ritter alarmiert umschauen sah, erhob er sich, war sich jedoch unsicher, was er tun sollte und stand daher nur wie angewurzelt da. Die Geweihte löste die Zügel der Pferde, half Pagol auf seinen Hochsitz und verstaute so schnell und gleichwohl lautlos, wie sie konnte, die Ausrüstung. „Was ist mit Kalkarib?“, rief sie im lauten Flüsterton zu Sieghelm herüber, der Mühe hatte, die Bewegungen im Dickicht auszumachen. „Er wird unserer Fährte folgen müssen“, antwortete er und kniff die Augen zusammen. Da heulte plötzlich in einem ohrenbetäubenden Lärm eines der Pferde auf, stieg in die Lüfte, dass Adellinde, die gerade die Zügel in der Hand hatte, mitgerissen wurde, und fiel dann mit einem lautem rumsen seitlich zu Boden. Die Priesterin hatte Glück und landete wieder auf ihren Beinen und kam nur etwas ins Straucheln. Doch das Pferd hatte zwei Pfeile in der Flanke stecken. Anhand der Position der Pfeile erkannte Sieghelm sofort, dass sie aus einer anderen Richtung als das Flussbett kamen und sie sich daher in unmittelbarer Gefahr befanden. „Hinterhalt!“, rief er und ließ Custoris unter einem kaum hörbaren Donnergrollen aus der Schwertscheide schnellen. Die beiden anderen Pferde wurden plötzlich so aufgeregt, dass es mit ihnen durchging und sie aus dem Stand lostrabten. Adellinde konnte ihre Hand noch in letzter Sekunde aus der Schlaufe des Pferdes holen und wurde somit nicht mitgerissen. „Lauft schnell, in diese Richtung!“, befahl der Ritter im lauten Ton und deutete mit der langen Schwertscheide, die er in seiner Linken hielt, in Richtung Efferd. Adellinde brauchte einen Moment, um sich von dem Schreck zu erholen, doch dann eilte sie los. Auch Hagen nahm die Beine in die Hand und begleitete sie, während sich im Rennen seine Arme und Beine zu überschlagen begannen. Sieghelm, der in einer über fünfzig Stein schweren Metallrüstung stand, wusste, dass es keinen Sinn hatte zu rennen und es nicht nur rondragefällig, sondern auch noch nandusgefällig war, sich langsam fortzubewegen und sich dem Feind zu stellen, anstatt vor ihm zu fliehen. Er hatte die zwei in Richtung Burg Auraleth geschickt, in der Hoffnung, dass dort noch Praioten waren, die Ihnen Schutz bieten konnten oder sie sich zumindest in den zahlreichen geschliffenen Wehrmauern verstecken und Schutz suchen konnten.

Der Ordensmeister musste nicht lange warten, er folgte zwar in zügigen Schritten den anderen, doch rasch kamen aus dem Dickicht mehrere Gestalten hervor. Die Götter hielten für ihn eine weitere Prüfung bereit. Er hatte auf seiner Queste schon gegen Ghule und abtrünnige Söldner kämpfen müssen, doch in Galottas Heerwurm kämpfen noch andere widerwärtige Kreaturen mit. Da der Fäulnis- und Verwesungsgeruch wegen der zahlreichen gefallenen Streiter und der zerstörten Untoten auf dem Mythraelsfeld allgegenwärtig war, war es unmöglich diese Gruppe im Vorhinein auszumachen.  Aus dem Dickicht kamen mehrere Skelette mit Bögen und schartigen Äxten und zum Teil verweste Untote in verrosteten Rüstungsteilen und schartigen Schwertern. Er zählte sechs von Ihnen, die den Hinterhalt gelegt hatten, während sich eine wohl noch größere Anzahl flusswärts befand.

 „In Namen der leuenköpfigen Göttin, Herrin Rondra, ich stehe hier – dein Streiter – und ersuche dich erneut um deinen Beistand“, begann er in absichtlich lauten Ton, um die Untoten auf sich zu lenken, während Adellinde das Weite suchte. Sieghelm musste hilflos mitansehen, wie die zwei skelettierten Bogenschützen Pfeile aus ihren Köchern holten und auf die Sehnen ihrer knarzigen Bögen legten, denn er war noch zu weit von ihnen entfernt und außerdem waren da noch die vier Nahkämpfer, die einen Ansturm unmöglich machten. Leider hatte er kein Schild, denn das war mit dem Pferd durchgegangen. Er hatte nur sich, Custoris und seinen Glauben an Rondra – was Sieghelm genügte. Der erste Pfeil schoss zischend an Sieghelm vorbei, Rondra sei dank waren Untote miserable Bogenschützen. Der zweite flog direkt auf ihn zu, doch mit einem beherzten Hüpfer zur Seite brachte er sich aus der Schussbahn. „Herrin sieh her, ich werde nicht wanken, während ich Thargunitoths Gezücht zerschlage. Denn du bist bei mir.“ Sieghelm nutzte das Überraschungsmoment, auch wenn die Untoten wohl nicht in der Lage waren, sich überraschen zu lassen, aber zumindest hatte er dann den Vorteil, schneller bei den Bogenschützen sein zu können. Er rannte schlagartig auf sie zu und wurde unterwegs von einem Untoten in rostiger und zerfledderter Kettenrüstung und einer Handaxt abgefangen. Schon in der Bewegung schwang Sieghelm Cursoris und ein Donner ertönte, als der mächtige Schwung glatt den morschen Holzstil der Axt samt Oberkörper des Untoten Dieners mühelos durchschlug. Eine Untote Bäuerin mit einem nagelbewährten Kantholz schlug halbherzig von der Seite zu, als Sieghelm an ihr vorbeistürmte, wobei die rostigen Nägel wirkungslos über Sieghelms Plattenrüstung kratzten. Der Ritter war nicht aufzuhalten und noch ehe einer der Bogenschützen den zweiten Pfeil auf die Sehne gelegt hatte, schlug Sieghelm erneut zu. Mühelos und fast ohne Widerstand durchschlug das Schwert die magisch erhobenen Knochen, die bei ihrem Weg zum Boden in ihre Einzelteile zerfielen. Mit einem rostigen Breitschwert und einem verblichenen Wappenschild bewaffnet trat ihm ein untoter Soldat entgegen. Im von Fäulnis durchzogenen Gesicht des ehemaligen Gardisten aus Warunk, was Sieghelm an den Fetzen seines Wappenrocks erkannte, tummelten sich zahlreiche Maden – was Sieghelm für einen kurzen Moment erschaudern ließ, als er in die augenlosen Löcher im madenzerfressenen Schädel des Gardisten blickte. Sieghelm holte aus und hatte die Gunst des ersten Schlags, da sein Bihänder mehr Reichweite hatte als das rostige Schwert des Untoten. Mit einem feuchten Kratzen wehrte der Untote Gardist den Schlag mit dem Wappenschild ab, wobei ein Stück davon abplatzte. Aus dem Augenwinkel sah Sieghelm wieder die untote Bäuerin in Schlagdistanz kommen, weshalb er zu einem riskanten Manöver ansetzte. Mit der Linken, in der sich noch immer die Schwertscheide befand, stach er beherzt nach der Bäuerin, während er mit der Rechten einen schwungvollen Hieb nach dem Gardisten schwang. Die metallene Spitze der Schwertscheide bohrte sich mühelos in den weichen Schädel der Frau und blieb darin stecken, während Sieghelms Schwerthieb von dem Gardisten erneut mit dem morschen Schild abgewehrt wurde. Da bekam der Reichsritter einen kräftigen Stoß gegen den Rücken, das Metall heulte auf und gab nach. Er spürte einen ihn aus dem Gleichgewicht bringenden Faustschlag gegen sein Schulterblatt. Ein Pfeil hatte aus nächster Nähe seine Plattenrüstung durchschlagen und war in den darunter liegenden Kettenteilen hängen geblieben. Die im Pfeil enthaltene Kraft entlud sich dann als heftiger Faustschlag in das Schulterblatt des Streiters. Sieghelm kam leicht ins Wanken, konnte aber nun endlich sein Schwert mit zwei Händen packen um seinen ganzen Vorteil auszuspielen. Dennoch musste er aus einer unvorteilhaften Position zwei gute Schläge des Gardisten abwehren, was ihm nur mühevoll gelang. Mit flinken Füßen umtänzelte er anschließend den Warunker, um ihn zwischen sich und dem Bogenschützen zu bringen. Der letzte Nahkämpfer stellte sich neben den Gardisten, auch diesen musterte Sieghelm kurz, um seine Kampffähigkeit einschätzen zu können. Es war zu seiner Verwunderung ein nur leicht verwester Leichnam eines Tulamiden. Die leichten und bunten, jedoch etwas verblichenen und matschbedeckten Stoffe, der Turban und das krumme Schwert, welches er in seinen Händen hielt, waren eindeutige Hinweise. Plötzlich musste, auch wenn er kein Tulamide war, Sieghelm an Kalkarib denken und daran, was ihm wohl zugestoßen war oder ob er sich in Sicherheit bringen konnte. Er hoffte, dass es dem Sohn der Wüste gut ging, doch im Moment hatte Sieghelm ganz andere Sorgen. Der Warunker Gardist und der untote Tulamide begannen ein Feuerwerk aus kurzen Schlägen auf Sieghelm regnen zu lassen, den meisten davon wich Sieghelm aus, indem er kontrolliert zurückging. Währenddessen lauerte auf eine gute Gelegenheit. Als der Tulamide mit seinem Säbel einmal zu weit ausgeholt hatte, zuckte Sieghelm aus der Oberhau Position einmal mit dem Anderthalbhänder kurz herab, binnen eines Lidschlags durchschlug die Spitze des Schwerts den zerfledderten Turban und spaltete den Kopf des Untoten. Blut und Hirn spritzte in alle Richtungen und der Leichnam brach zusammen, so dass nur noch der untote Gardist und der eine Bogenschütze standen. Ein Pfeil zuckt plötzlich über die Schulter des Gardisten und  streifte Sieghelm am Helm. Er musste sich beeilen, irgendwann würde ein Pfeil ihn treffen. Erneut hob der Ordensmeister das Schwert in den Oberhau und deutete einen Schlag von oben an, der Gardist tat es ihm gleich und brachte sein inzwischen löchriges Schild ebenfalls nach oben. Darauf hatte Sieghelm gewartet, er schlug zu und zwang den Gardisten zur oberen Abwehr, doch der Schwerthieb war nur eine Ablenkung, die wirkliche Gefahr drohte von Sieghelms Fuß, den er mit aller Kraft voran in den Bauch des Untoten trieb. Hätte der Untote noch einem Atem gehabt, hätte er ihn jetzt wohl verlassen, denn der Gardist flog mit Wucht nach hinten und landete auf dem Rücken und verlor dabei sein rostiges Schwert. Sieghelm setzte nach und stach mit der Spitze über ihn stehend in den Brustkorb. Es knirschte und blubberte feucht, als der weiche Oberkörper nachgab, denn das Kettenhemd blieb stabil und wurde ins Innere des vermoderten Körpers gedrückt. Dann setzte er zu einem Sprint an und schoss auf dem Bogenschützen zu. Der Hieb, der das Skelett in seine Einzelteile zerlegte, war dann nur noch Formsache.

Schwer atmend überblickte Sieghelm das Kampffeld, er hatte den Hinterhalt besiegt, doch eine große Schar weiterer Leichname, Untoter und Skelette war im Anmarsch. Einige Pfeile schlugen rund um ihn ein oder purzelten wirkungslos, weil von den Ästen der Bäume abgelenkt, von oben heran. Sofort zog er schmatzend die Schwertscheide aus dem Kopf der ehemaligen Bäuerin und nahm die Beine in die Hand. Er hatte noch immer einen Pfeil im Rücken stecken, was ihm beim Rennen behinderte. Doch zum Glück knickten unterwegs die sich überlappenden Metallteile am Rücken den Pfeil ab, doch der Druck im Rücken blieb. Er hatte jedoch keine Zeit, sich jetzt darum zu kümmern. Er versuchte Adellinde und den Leichenfledderer zu erspähen, doch die Beiden waren schon außer Sicht. Da dachte Sieghelm an den Leutnant: Wo war er? War er mit den beiden mitgerannt, um sie zu beschützten? Das letzte Mal, als er ihn gesehen hatte, lag er zu seinen Füßen und bei dem Kampf eben war er nicht dabei. Er hoffte das es ihm und allen anderen gut ging, denn er war nun alleine, auf sich gestellt und noch längst nicht in Sicherheit. Er rannte so schnell es in der Plattenrüstung möglich war – denn der Gegner war ihm zahlenmäßig zu sehr überlegen. Zudem würde er nicht die Ausdauer haben, ewig zu rennen – denn die Untoten – wenn sie auch langsam waren, würden niemals erschöpfen.

Sieghelm hörte sich im Innern des Helms unterwegs schwer atmen, seine Brust brannte, doch er wusste, er musste Distanz zwischen sich und die Untotenschar bringen. Leider verlor er unterwegs seinen einzigen Orientierungspunkt aus den Augen, die Zinnen von Burg Auraleth, weshalb er nicht wusste, in welche Richtung er rannte. Er musste schnell etwas finden, wo er einen taktischen Vorteil bekam und sich etwas verschnaufen konnte. Doch die nur leicht hügelige Ebene war viel zu flach für eine Engstelle, Höhlen konnte er auch nicht ausmachen und der Wald zu licht, um sich im Unterholz zu verstecken.

Währenddessen eilten auch Adellinde und Hagen stolpernd durch den Wald. Sie folgten den weit entfernten Festungsmauern von Burg Auraleth, in dessen Richtung sie Sieghelm geschickt hatte. „Komm schon, lauft weiter! Glaubt an euch!“, rief sie ihm außer Atem zu. Doch der Fledderer schien nicht bei bester Gesundheit und Kondition zu sein und hustete unterwegs ungesund. Zumal er immer wieder anhalten musste, um durchzuatmen. Währenddessen schaute sich Adellinde hektisch nach dem Reichsritter um, sie wollte ihn nicht verlieren, war er ihr in den kurzen Zeit doch irgendwie ans Herz gewachsen. Durch den lichten Wald hindurch hörte sie jedoch nur das Geschepper der Untoten, die durch das Unterholz marodierten. „Wir müssen weiter!“, trieb sie Hagen an. „Ich kann nicht mehr“, hustete er und stützte sich auf seinen Knien ab. „Wenn wir bleiben, sterben wir!“, schrie sie ihn an und sah, dass bestimmt ein dutzend Untoter gerade über die Spitze eines Hügels auf sie zu eilten. „Das … ist mir gleich“, antwortete er und spuckte aus. „Was redet ihr da! Los, kommt weiter!“ Adellinde versuchte dem Mann, ihrem Ekel vor seinem Körpergeruch zum Trotz, unter den Arm zu greifen und weiter zu ziehen, doch er entzog sich ihrem Griff. „Lasst mich! Ich … werde hier bleiben … und sie aufhalten.“ „Bei der gütigen Göttin, redet nicht so einen Unsinn daher! Ihr würdet sterben! Ihr habt ja nichtmal eine …“ Adellinde hatte den Satz nicht mal zuende gesprochen, da zog der Fledderer einen Langdolch aus seinen Schaftstiefel. Für einen ganz kurzen Moment rutschte Adellinde das Herz in die Hose, wollte er sie jetzt und hier abstechen? Doch als sich Hagen umdrehte, wurde ihr bewusst, dass der lebenstolle Mann aus Waldsend vor hatte, sich mit dem Dolch den Untoten entgegen zu stellen. „Ich verschaffe euch etwas Zeit … nun lauft schon.“ Adellinde zögerte. Sie kannte den Mann nicht. Sie hatte mit ihm nur geredet und nun wollte er sich für sie opfern?! Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Ihre Lippen zitterten und ihr wurde ganz kalt bei dem Gedanken daran. „Ich danke euch, Euer Gnaden … und nun lauft endlich!“ Für mehr war keine Zeit, ein letzter Blick und Adellinde eilte wieder los. Ihr liefen die Tränen, als sie unterwegs hörte, wie Hagen die Untoten beschimpfte, um etwas Zeit für Sie zu gewinnen. Sie blickte nicht zurück, sie wusste, dass er dort gerade starb – sein Leben gab – für sie. Mit Tränen in den Augen rannte sie so lange sie konnte.

Teil IV – Nebel des Krieges (3)

Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim – 18. Peraine, 34 nach Hal – Zur Praiosstunde
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Hier, hier hab ich es gefunden.“ Die unangenehme Stimme des Leichenfledderers überschlug sich, als er mit seinen dreckigen Händen auf eine Stelle am Boden zeigte. Sie hatten mehr als eine Stunde gebraucht, um diesen Ort zu erreichen, der genau wie jede andere Stelle auf dem Schlachtfeld aussah. Der von Leichengeruch geschwängerte Nebel lag noch immer schwer auf dem Mythraelsfeld und hielt dieses fest in seinem Griff. Sie mussten über Berge aus Leichen steigen, um diesen, etwas im Firun gelegenen, Schlachtfeldabschnitt zu finden. Die zum Teil schon verfaulten Körper der zahllosen und zusammengewürfelten mittelländischen Truppen, die nun den aufgewühlten und nassen Boden des Feldes bedeckten, waren aufgebläht, zerrissen oder von Tieren und Ghulen bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert worden. Da Sieghelm der einzige der Dreien war, der diesen Anblick kannte, fiel es Kalkarib und Adellinde schwerer als ihm, all diese Eindrücke zu verarbeiten und auszuhalten. Die Hüterin der Saat musste sich unterwegs zwei Mal übergeben. Kalkarib und Sieghelm räumten ihr die Zeit ein, sich danach wieder zu ordnen, doch es war ihr sichtbar unangenehm.

„Schaut her, da ist sie!“, krakelte der Mann erneut. Sieghelm stieg über eine breite Bodenfurche zu ihm herüber. Auf dem Boden, eingedrückt und von Schlamm bedeckt, lag eine Frau, die Sieghelm auf Anhieb erkannte, da er ihr Gesicht, obwohl es blutleer und zerkratzt war, in guter Erinnerung hatte. „Oh bei der Leuin“, hauchte er traurig. „I-Ich hab es dort von der Rüstung …“ „Schweig still!“, fuhr Sieghelm scharf mit bitterbösem Blick zwischen die Erklärung des Fledderers. „Geh herüber zur Geweihten, wir entscheiden später über dein Schicksal.“ Der bärtige Mann nickte so heftig, dass es aus seinem dreckigen und dichten Bart nur so rieselte. Sofort nahm er die Beine in die Hand und eilte zu Kalkarib und Adellinde herüber. Sieghelm kniete sich zu der Frau nieder, der Geruch von Tod stieg ihm deutlicher denn je in die Nase. Die Frau die dort lag war Lady Raulgard aus dem Hause Ochsenhaupt. Sie war eine landlose Ritterin am Hofe seines Vaters Parzalon und seines Großvaters Torion II. in Dettenhofen. Sieghelm erinnert sich noch gut an sie. Zwischen 17 und 21 Hal, bevor er in den Pagendienst bei Ritters Trautmann ging, lebte er noch am Dettenhofener Stammsitz. Lady Raulgard stand schon seinem Großvater beratend zur Seite und nach dessen Ableben 24 Hal dann seinem Vater. Sieghelm hatte sie als Kind immer bewundert. Anfangs für ihr beeindruckendes Schwert, einem Anderthalbhänder, das er sogar einmal halten durfte. Doch damals war er noch zu schwach, um es heben zu können. Ihre Worte klingen noch bis heute nach und er hörte sie nun erneut, als stünde sie wieder vor ihm: „Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.“ Sieghelm musste häufig an diesen Satz denken. Während seiner Zeit bei Ritter Trautmann, aber auch während seiner Zeit an der Akademie der Feuerlilien in Rommilys. Er hatte Lady Raulgard ihr Schwert nie zum Kampf ziehen sehen, aber in seiner kindlichen Vorstellung, konnte sie anmutig und doch kraftvoll damit umgehen. „Was sagtet ihr?“, frug Adellinde, die plötzlich in einem respektvollen Abstand hinter dem Reichsritter stand. Sieghelm, der zuerst nicht wusste, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte, blickte aus der Hocke zu Adellinde nach hinten und sie schloss dann zu ihm auf. Er begann dann zu erklären: „Ich kenne diese Frau, es ist Lady Raulgard vom Hofe meines Vaters. Sie muss in der Schlacht ganz dicht bei ihm gewesen sein, als sie fiel. Und ich …“, er machte eine kurze Atempause, „… musste nur an einen Leitspruch denken, den sie mir als Kind einst mitgab: ‚Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.‘“ „Ein weiser Leitsatz“, entgegnete sie. „Mit eurer Erlaubnis, würde ich gerne einen Segen für eure Bekannte sprechen.“ Adellindes Stimme war zart und ihre großen blauen Augen tränten noch immer. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich auf dem Schlachtfeld aufzuhalten und es gelang ihr gerade so, die Fassung zu bewahren. „Ja, bitte tut dies – sie hätte bestimmt Nichts dagegen.“ So stellte sich Adellinde an das Kopfende der Ritterin, konzentrierte sich kurz und sprach dann einen Peraine-Segen über der geschundenen Körper. Währenddessen suchte Sieghelm das umliegende Feld ab. Auch er rang für einen Moment mit den Tränen und wollte sich das nicht anmerken lassen. Wenn Lady Raulgard hier lag, würde das bedeuten, dass die Truppen seines Vaters hier gewesen sein müssen. Sie war stets an dessen Seite geblieben, da sie sich selbst wie eine Art Leibwächter gesehen hatte. Sie hatten also eine erste Spur aufgenommen, doch auf dem nebeligen Schlachtfeld schien es sehr schwierig, weitere Hinweise zu finden.  

Eine lange Zeit suchten alle drei den Bereich um die tote Frau ab. Sieghelm hatte ihnen zuvor gesagt nach welchen Farben sie Ausschau halten sollten. Sie fanden zwei weitere tote Infanteristen in den Dettenhofener Farben, doch keinen Hinweis auf seinen Vater. Das Schlachtfeld war zu aufgewühlt, um anhand von Spuren deuten zu können, wohin sich sein Vater mit seinen Truppen bewegt haben könnte.  Als sie begannen sich immer weiter voneinander zu entfernen, dass sie drohten sich im Nebel zu verlieren, wurde es Kalkarib irgendwann zu viel. „Das hat doch keinen Sinn!“, fluchte er im novadischen Akzent. Da er gerade irgendwo alleine im Nebel über einem Haufen Leichen stand, konnten die anderen nur seinen Fluch hören, ihn aber nicht sehen. Auch Leutnant Pagol suchte unermüdlich mit, doch zu viele fremde Gerüche lagen auf dem Feld, so dass auch seine Nase keine Fährte aufnehmen konnte. Mit resignierenden Blick stieß der Wüstensohn auf Sieghelm. „Alles spricht dafür, dass euer Vater – wenn er noch lebt – hier nicht gefallen ist. Doch wissen wir nicht in welche Richtung er weiter gezogen ist.“ „Er lebt noch, das spüre ich“, antwortete Sieghelm im barschen Ton und setzte fort: „Doch was wir brauchen, ist ein Zeichen, eine Spur, ein Wunder … irgendwas.“ Keinen Moment später sahen Kalkarib und Sieghelm den Rücken eines schmalen, ja fast schon dürren Mannes in langer feiner Robe und Turban auf dem Kopf, der gerade an ihnen vorbeirannte. Er eilte leichtfüßig über die Leichenberge hinweg, als wären sie nicht da und gerade als er drohte im Nebel zu verschwinden, sahen die beiden wie der dürren Gestalt etwas Grünes aus einer Umhängetasche purzelte und zu Boden fiel. Sieghelm und Kalkarib blickten sich einander verdattert an. Sieghelm rieb sich die Augen, als würde er phantasieren und Kalkarib vollführte eine bittende Geste zu Rastullah. „Hast du das auch gerade gesehen?“, frug Sieghelm. „Ja, und ich kann es kaum glauben.“ „Ich auch.“ Und danach sagten beide gleichzeitig: „Ich wusste gar nicht das Nehazet rennen kann!“ Es war tatsächlich Magister Nehazet, den sie beide gesehen hatten, oder zumindest bildeten sie sich das beide ein. Sie eilten sofort zu der Stelle, wo der angebliche Nehazet etwas verloren hatte und fanden dort, frisch fallen gelassen, ein am Boden liegendes handgroßes Blutblatt mit einem Zeichen darauf. Gerade als Kalkarib es hochheben wollte, unterbrach ihn Sieghelm: „Halt! Schau doch … ist das … ein Pfeil?“ Das auf dem am Boden liegenden Blutblatt, hatte eine rote Stelle in der Mitte, dass so aussah wie ein Pfeil. Sofort blickte Kalkarib durch den Nebel zur Praiosscheibe, um das Blutblatt und den Sonnenstand in Zusammenhang zu bringen „Er zeigt Richtung … wie ihr sagt … Firun.“ Euphorisch blickten sich die beiden jungen Männer einander an. „Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, aber wir müssen dem Magister wohl danken, wenn wir ihn wieder sehen“, sprach der Reichsritter und lächelte dabei breit. Mit einem anspornenden Klopfen auf des Wüstensohns Schulter fügte er noch an: „Komm mein Freund, wir haben unser Zeichen erhalten und kennen nun die Richtung.“  

Mit Aufbruchsstimmung im Gesicht und Schwung im Körper stießen die beiden Männer wieder zu Adellinde, die die Pferde bei sich behielt und zusammen mit Pagol über den am Boden sitzenden und gefesselten Fledderer wachte. „Wir wissen wo es langgeht“, prahlte Sieghelm stolz, als hätte er selbst diese Erkenntnis gehabt, als er im Nebel vor Adellinde auftauchte. „Ähm, hervorragend. Es gibt noch etwas über das wir entscheiden müssen“, antwortete sie. Als Sieghelm die Zügel seines Pferdes in Empfang nahm, war er in eiliger Aufbruchsstimmung. „Achja? Das können wir auch unterwegs …“ Adellinde räusperte sich ungewöhnlich lange und lautstark, so dass auch Sieghelm es nicht überhören konnte. Er hatte über die Götterläufe hinweg gelernt, dass, wenn das jemand in seinem Umfeld tat, er besser seine aktuelle Handlung zügig einstellen und für einen kurzen Moment zuhören sollte. Sein Blick traf sich mit dem von Adellinde, die eine nickende Geste zu dem am Boden sitzenden Leichenfledderer machte. „Oh! Ja“, entfleuchte es ihm. Die Priesterin und der Reichsritter zogen sich dann zurück, um sich auszutauschen. Währenddessen blieb Kalkarib mit Pagol bei ihrem ‚Gefangenen‘. Der junge Wüstensohn konnte ein anfangs ruhiges und dann immer hitziger werdendes Gespräch beobachten. Aus der Entfernung sah es irgendwie bizarr und gleichzeitig komisch aus, da Sieghelm nicht nur zwei Köpfe größer war als die kleine Geweihte, sondern aufgrund seiner Statur und Rüstung auch noch zwei Mal so breit wie sie. Er musste an ein Märchen denken, dass Delia mal ihrem Sohn vorgelesen hatte, dass sie aus der Bibliothek des Magiers hatte. Eine horasische Geschichte mit dem Namen ‚Die Schöne und das Thier‘. Obwohl ihr körperlich in allen Belangen überlegen, zeigte Adellinde wie ‚die Schöne‘ in der Geschichte keine Spur davon, von ‚dem Thier‘ eingeschüchtert zu sein. Adellinde wich keinen Fingerbreit von ihrer Position, und das obwohl Sieghelm mit seinen großen und kräftigen Händen, die so groß waren wie Teller, sie mühelos hätte zerquetschen können. Sieghelm gestikulierte und fuchtelte herum, doch keine seiner Bewegungen kam ihr näher als eine Handbreit. Trotz seiner Wuchtigkeit schien es so, als hätte Adellinde eine unsichtbare und schützende Aura um sich, die ‚das Thier‘ nicht zu durchdringen vermochte. Adellinde jedoch konnte ohne Mühe in seine Aura eindringen, denn erneut legte sie während einer Tirade aus wilden Fuchteleien ihre zierlichen Zeigefinger auf seine Lippen und drückte sie mühelos zusammen. Er erstarrte in diesem Moment, sie sagte abschließend noch etwas zu ihm und verließ ihn dann, woraufhin ‚das Thier‘ mit hängenden Schultern hinterhertrottete. Als sie beide wieder bei Kalkarib ankamen, hatte Sieghelm wieder seine erhabene Haltung angenommen. Zusammen stellten sie sich dann vor den am Boden sitzenden Fledderer, den Adellinde im scharfen Ton aufforderte aufzustehen.

„Wir haben entschieden, wie du deine schändlichen Taten wiedergutmachen kannst“, verkündete die Geweihte einleitend und blickte dann zu Sieghelm, der einen Moment brauchte, um sich geistig zu sammeln. „Du hast den Zwölfen gefrevelt mit deiner Tat. Du hast von den Toten genommen, um dich selbst daran zu bereichern, doch du kannst deine Tat wiedergutmachen.“ Der bärtige Mann starrte abwechselnd die beiden ungläubig an, er hatte wohl eher mit einer Hinrichtung gerechnet. Dann fuhr Sieghelm fort: „Im Namen der Herrin Peraine, haben wir entschieden, dass du auf unserem Weg vom Schlachtfeld herunter, weiter die Symbole, Ketten, Ringe und Zeichen nimmst – jedoch unter Aufsicht der Geweihten – damit du es mit Anstand und Respekt tust. Du sollst die Last der Wertgegenstände spüren und dafür arbeiten sie zu tragen – so will es die Herrin Peraine. Wenn wir das Schlachtfeld verlassen, wirst du uns alle Gegenstände übergeben und wir werden sie an die Pferde binden um sie dann im nächsten Tempel abzugeben. Und du wirst, so du im Schweiße deines Angesichts ausreichend gearbeitet hast, von uns aus deiner Schuld entlassen und wirst zum nächsten Tempel gehen, um dort um Vergebung für deine Taten zu bitten.“ Mit den letzten Worten schaute Sieghelm wieder zur Priesterin. In seinem Augen lag ein fragenden Blick, der so viel sagte wie: ‚Habe ich etwas vergessen?‘ Doch Adellinde nickte zufrieden. „Das ist zu gütig, Herr!“, stotterte der bärtige Mann. Für einen kurzen Moment flammte in Sieghelm ein ‚JA ist es!‘ auf, doch die Hand von Adellinde, die ihn sanft am Oberarm berührte, hielt ihn zurück.  „Ich danke euch, ich danke euch!“, wimmerte er glücklich, fiel auf die Knie und grabschte nach Sieghelms Stiefel, um diese zu küssen. „Dankt Peraine und bittet sie um Vergebung für eure Taten.“, intervenierte Adellinde und half ihm wieder auf die Beine. Mit Tränen in den Augen versprach er es ihr, während Sieghelm angewidert daran denken musste, wie sie mit ihren reinen und unschuldigen Händen nur diesen räudigen Taugenichts anfassen konnte.

Kurze Zeit später waren sie auf dem von Magister Nehazet gezeigten Weg. Adellinde überwachte, wie der Fledderer, der sich als Hagen aus Waldsend vorstellte, einen immer schwerer werdenden Sack voller Wertgegenstände füllte. Doch tat er dies augenscheinlich mit Freude und Glückseeligkeit. Sieghelm hinterfragte sich selbst, denn wäre es nach ihm gegangen, würde ‚Hagen‘ nun eine Hand fehlen. Er fragte sich, ob Adellinde vielleicht doch recht damit hatte, ihn zu verschonen.  Er ertappte sich dabei, wie er sich ein ganz kleines bisschen wünschte, dass sie Unrecht behielt und er nach der ‚Entlassung‘ keinen Tempel aufsuchen und um Vergebung bitten würde. Denn Sieghelm meinte, dass er dann einfach zurück auf das Mythraelsfeld kehren wird, um seiner schändlichen Tat weiter nachzugehen. Doch würden sie es wohl nie erfahren, den ihre Queste führte sie in eine andere Richtung. Der Nebel begann sich etwas zu lichten und die Leichen wurden weniger. Gegen späten Nachmittag erreichten sie einen Waldesrand. Kahle, teils umgeknickte oder zerfetzte Kiefern, Föhren und Birken standen – oder eben nicht mehr – hier herum. Der Boden war nicht mehr ganz so aufgewühlt und der Leichengeruch ließ langsam nach. Inzwischen hatte Hagen einen Sack so groß, dass er gebückt gehen musste und sie alle etwas langsamer vorwärts kamen. Er keuchte und hustete, doch schien er angetrieben vom bloßen Überlebenswillen sehr motiviert zu sein. „Lasst uns hier noch einmal umsehen“, befahl Sieghelm in der Hoffnung, hier einen weiteren Hinweis finden zu können. Inzwischen waren sie so weit gen Firun gelaufen, dass sie hinter den zerfransten Baumwipfeln die Türme der Festung Auraleth sehen konnten, dem Stammsitz des Ordens vom Bannstrahl Praios‘. „Wir müssen uns etwa zwei Meilen im Firun von Wehrheim befinden“, merkte Sieghelm mit Blick auf die steinernen Türme an. Er fragte sich, ob die Bannstrahler sie noch halten und ob sein Vater dort Obhut gesucht hatte. Immerhin wäre es ein logischer Entschluss, sich hinter die sicheren Mauerringe der Festung zurückzuziehen. Während Adellinde bei Hagen blieb, suchten Kalkarib und Sieghelm getrennt voneinander vorsichtig die gelichteten Baumreihen nach Hinweisen ab.

Kalkarib, der noch immer etwas humpelte, da die Verletzung von vor zwei Nächten ihm etwas zu schaffen machte, folgte einer aufgewühlten Spur bis hinunter zu einem Flusslauf. Vorsichtig ließ er sich an den Bäumen den steilen Abhang hinab, um sich am Fluss etwas zu erfrischen. Zu seiner Überraschung war das Wasser des etwa acht Schritt breiten und flachen Flusses klar, so dass er sich sein Gesicht damit benetzte, um den Dreck des Schlachtfelds abzuspülen. Dann entdeckte er flussaufwärts etwas, das seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er fand, verheddert in den tiefhängenden Ästen einer Kiefer, eine zerfetzte Standarte. Er erschrak kurz, als er sie sich näher betrachtete, denn sie war mit Blut benetzt und vermeintlich menschliche Eingeweide klebten daran. Doch er erkannte die Farben der Standarte, es waren die des Dettenhofener Siegels, wie sie Sieghelm ihm beschrieben hatte. Für Kalkarib hieß das, dass die die Truppen von Sieghelms Vater hier entlang gekommen sein müssen. Erfrischt vom Fluss und von dem Wissen über die verheißungsvolle Standarte, kletterte er wieder den steilen Abhang der Flussuferböschung hinauf. Er hielt sich an Wurzeln und Ästen fest, um sich hochzuziehen. Als er hinter einem Baum hervorkroch und sich hochzog, traf ihn plötzlich die Spitze eines Stiefels an der Schläfe. Er sackte besinnungslos zurück und fiel zwei Schritt tief auf den harten, wurzeldurchzogenen Boden der Flussuferböschung.

Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Nacht vom 17. Auf dem 18. Peraine haben Kalkarib, Adellinde und Sieghelm zusammen in einer einsamen Scheune nahe der Reichsstraße verbracht. Schon am Abend hatte sich Regen angekündigt und ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich einen Unterschlupf zu suchen. Zudem wollten sie nicht in der Nacht ankommen, denn zu viele Gefahren lauerten auf einem frischen Schlachtfeld. Briganten, Leichenfledderer und wilde Tiere waren da noch die geringeren Übel. So kam es, dass die Drei ihren zugigen Unterstand erst am Morgen des 18. Peraine verlassen konnten, als es nur noch ein bisschen nieselte. Nach dem Regen folgte der Nebel, der rund um die Scheune und auch auf das Schlachtfeld waberte und wie schweres Tuch sich über die stille und tote Ebene legte. Die letzten Schritte zum Mythraelsfeld legten die Drei zu Fuß zurück, ihre Pferde führten sie hinter sich her, denn aufgrund des nassen und aufgewühlten Bodens und der geringen Sichtweite war es nicht möglich zu Reiten.  

„Ich bin als Akoluthin mal auf dem Mythraelsfeld gewesen. Ich habe zwischen Dergel und Gernat nach Einbeeren und Wirselkraut gesucht. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass der Boden so aufgewühlt war“, erzählte Adellinde, während sie immer wieder über aufgebrochene Stücken Erde hüpfen musste. Auch Sieghelm musste über eine breite Furche hinweg steigen. „Diese Zerrüttung ist auch keineswegs natürlich, Adellinde. Das ist das Werk des Weltenbrandes, den Galotta mit seiner Himmelsfeste über Wehrheim entfesselte.“ Im schweren und kühlen Nebel war die Sichtweite der Drei beschränkt. Während sich über ihnen die Praioscheibe damit mühte durch die dichte Wolkendecke zu brechen, verhüllte der dichte Nebel das Gräuel, welches in den letzten Tagen über das Mythraelsfeld gekommen war. In weiter Ferne war es ihnen kaum möglich die zersplitterten Zacken der Wehrtürme von Festung Karmaleth zu erblicken, die wie gespenstige Zähne aus dem dichten Nebel in den ebenfalls grauen Himmel ragten. Nicht nur die nasskalte Atmosphäre drückte die Stimmung der Drei, die bei jedem Schritt etwas langsamer wurden, denn die nasse Erde, die nicht nur vom Regen, sondern auch vom Blut der zahlreichen Mittelreicher durchtränkt war, blieb schwer an ihren Stiefeln haften. Auch der unangenehm süßliche und beißende Leichengeruch hing wie der Nebel schwer auf dem Schlachtfeld. Sie stiegen über dutzende, teilweise übereinander liegende Leichen hinweg. Adellinde musste sich ein Tuch vor die Nase halten, so aufdringlich war der Verwesungsgeruch. Einige der Leichen waren verstümmelt, in grotesker Haltung liegen geblieben, gänzlich verkohlt oder so zerfetzt, dass man nicht genau wusste, welches Körperteil genau zu sehen war. Keinem der drei gelang es mehr die Stimme zu erheben, während sie mit immer schwerer werdenden Schritten tiefer in das Zentrum des Schlachtfelds vordrangen. Jeder fragte es sich, doch niemand traute es sich auszusprechen: Sie wussten nicht genau wonach sie überhaupt suchen sollten und was ihr Ziel war, denn durch den dichten Nebel, der sich über die Ebene gelegt hatte, vermochten sie sich auch nicht vernünftig zu orientieren. Zwischen all den menschlichen Leichen lagen auch immer wieder Teile Galottas schändlicher Dämonenarmee. So erblickte sie einen kleinen Haufen geschälter Schädel, an die sich Sieghelm noch gut und mit Schrecken erinnern konnte. Es waren rollende Anhäufungen von Schädeln, die mittels Magie dazu gebracht wurden über ihre Gegner hinweg zu rollen und sie dabei bis auf die Knochen abzunagen. Doch die rollenden Schädel waren nicht die einzigen grotesken und todbringenden Abscheulichkeiten, die ihnen der Dämonenkaiser entgegengeworfen hatte. „Sieghelm!“, rief Kalkarib plötzlich, der mit seinem Pferd stehen geblieben war und auf den Boden starrte. „Ist das nicht einer von deinen Männern?“, fragte er in seinem für ihn typischen novadischen Akzent und zeigte auf einen in den nassen und blutdurchtränkten Boden gedrückten Körper. Sofort kam Sieghelm herüber. Bei jedem Schritt spritzte Wasser bis auf seinem schwarzer Umhang, der inzwischen braun und steif geworden war. Trotz der dichten Schicht aus Dreck, die darauf lag, erkannte er das Wappen des Schutzordens der Schöpfung auf dem Wappenrock wieder. Der Mann lag auf dem Rücken und es fehlte der Unterkörper, irgendetwas hatte ihn – anscheinend mühelos – die Hüfte abwärts durchtrennt und seine Eingeweide lagen nun in einer dunklen Pfütze aus Regenwasser und Blut. Während sich Regenwasser in seinem im Moment des Todes aufgerissenen Mund sammelte, blickten seine blauen, inzwischen etwas trüb gewordenen Augen starr gen Himmel, als würden sie gen Alveran blicken und um Erlösung bitten. Die letzten Momente des Mannes musste er niederhöllische Schmerzen gehabt haben. Sieghelm starrte das aschfahle Gesicht der Leiche an, als würde er darin verzweifelt etwas suchen. Inzwischen war auch Adellinde zu Ihnen gestoßen. Als sie den toten Körper erblickte, muss sie sich erneut ein Tuch vor den Mund halten und kurzen Stoßgebet gen Himmel schicken. „Kennt ihr den Mann?“, frug sie durch das Tuch mit unterdrückter Stimme. „Nein“, antwortete er traurig. Doch in seiner Stimme lag mehr, als er verraten wollte. Sieghelm machte sich Vorwürfe. Vorwürfe, dass er den Namen des jungen Mannes, der sein Leben für ihn und das Mittelreich gegeben hatte, nicht kannte. Er kannte nicht mal sein Gesicht, würde er nicht den silbernen Halbmond und den silbernen Blutstropfen auf schwarzen Grund tragen, würde er ihn nicht mal als einen seiner Mannen erkennen, dessen Leben zu schützen er geschworen hatte.

Adellinde machte einen Schritt an Sieghelm heran und berührte ihn sanft am Oberarm. Sie atmete tief ein, entfernte dann das Tuch vom Mund und sagte: „Euch trifft keine Schuld, Ser. Ihr seid nicht für den Tod dieses Mannes verantwortlich.“ Sie wollte für ihn da sein, ihm beistehen in seinem Moment der Unsicherheit. „Ich stimme der Priesterin zu“, gab Kalkarib als Kommentar zum Besten, der ebenfalls sah, wie der junge Ordensmeister litt. Sieghelm blickte auf, sah erst verständnislos zu Kalkarib und dann zu Adellinde. In ihm war eine unbeschreibliche Leere. „Ihr versteht nicht, worum es mir geht“, begann er im leisen Ton, hockte sich hin und fuhr mit der Hand sanft über das Gesicht des Mannes, um seine Augen zu schließen. „In einer Schlacht sterben Menschen, auf jeder Seite – und dies ist nicht meine erste Schlacht. Ich war schon Mal hier. Etwas weiter im Rahja, an der Trollpforte, kämpfte ich schon mal gegen die Schwarzen Lande. Ich war noch ein junger Knappe als …“ Er unterbrach sich in seiner Erzählung, als er merkte, dass dies zu weit führen würde. Vorsichtig löste Sieghelm die Schnalle an einer ledernen Tasche der Leiche, die aus irgendeinen Grund noch an ihr dran geblieben war. „Es geht mir darum, dass ich diesen jungen Mann nicht erkenne.“ Adellinde und Kalkarib blickten sich kurz einander fragend an. Ihre Blicken fragten: Meint er das ernst? Zweifelte Sieghelm etwa an der Echtheit des Wappens? Kalkarib ergriff die Initiative: „Sieghelm, er trägt dein Wappen!“, rief er etwas lauter als gewollt aus, als würde Lautstärke allein genügen, um ihn zur Besinnung zu bringen. „Ja natürlich, darum geht es mir auch nicht.“ Er fingerte aus der ledernen Gürteltasche der Leiche einen matschigen Zettel und eine kleine Holzfigur hervor. Mit dem Fingernagel befreite er letztere vom Schlamm, der inzwischen in die Tasche gesickerte war. Heraus kam eine kleine Holzfigur in der Größe des kleinen Fingers, die einen Schmied am Amboss zeigte. „Es geht mir darum, dass es nicht richtig ist. Mit Sicherheit wusste er, wer ICH war, aber kenne ich IHN nicht und doch war er bereit sein Leben für mich zu geben. Und das nur, weil ich ihm dazu aufrief.“ Der Gewinner der Frühlingsturney nahm die kleine Holzfigur in seine große Hand, drückte sie fest an sich und mit Blick zu den dichten Wolken sagte er dann mit lauter und fester Stimme: „Ich schwöre beim Schutzorden der Schöpfung und der donnernden Göttin, das ist das erste und letzte Mal, dass es so sein wird. Ich Zukunft will ich jede Frau und jeden Mann der für mich kämpft beim Namen und seiner Herkunft kennen – das schwöre ich.“ Erneut blickten sich Adellinde und Kalkarib kurz fragend an. Langsam begannen die beiden nachzuvollziehen, um was es dem Reichsritter ging. „Das ist ein wahrlich hehres Ziel, Ser Sieghelm“, bekräftigte Adellinde ihn im bewundernden Tonfall und strich ihm erneut über den Oberarm. Kalkarib hingegen prustete, denn er hatte eine Ahnung davon, was das in Zukunft bedeuten würde. Er sah Sieghelm schon, wie er sich jedes Mal vor der Schlacht zwanghaft unter seine Truppen mischte und versuchte sich mit Ihnen am Lagerfeuer und bei einer Schüssel Bohnen zu verbrüdern. Er verdrängte den aufblitzenden Gedanken jedoch, da es jetzt wichtigeres zu tun gab. „Was machen wir mit ihm? Wir können ihn hier unmöglich beisetzen“, erkundigte sich der Wüstensohn. „Ich habe das hier, das genügt. Die Zwölfe werden uns verzeihen.“ Sieghelm zeigte die kleine Holzfigur und den schlammigen Zettel, den Sieghelm inzwischen als Brief identifiziert hatte. „Lasst uns weiter“, sagte Sieghelm und ging wieder zurück zu seinem Pferd, auf dem Leutnant Pagol in Wachhaltung saß und sich stetig umsah. „Wonach suchen wir hier eigentlich?“, warf Kalkarib ein, der den Moment des Innehaltens nutzen wollte.Mit einem teils fragenden und teils entsetzten Blick, drehte sich Sieghelm zu Kalkarib um: „Nach meinem Vater, natürlich!“ „Ja, natürlich. Aber …“ Kalkarib machte eine drehende Geste um sich herum. „ … wir können nicht gerade sehr weit sehen in dem Nebel. Das ist wie die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste.“ „Du meinst, wie die Suche nach einer Nadel in einem Heuhaufen?!“ Beide Männer starrten sich blinzelnd und ahnungslos an. „Warum sollte man eine Nadel im Heuhaufen suchen wollen?“, platzte es im gereizten Tonfall aus Kalkarib heraus, der genau zu wissen glaubte, worauf Sieghelm anspielte. Es ging ihm erneut darum, seine Kultur zu verunglimpfen und seine Mittelländer-Kultur überseine Novadi-Kultur zu stellen. „Ach und die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste …“ „MÄNNER!“, platzte es aus Adellinde lauthals heraus. Zu gerne hätte sienun alle ihr zur Verfügung stehenden Finger auf die Lippen beiden Männer gelegt, doch leider standen sie zu weit auseinander, weshalb sie auf ein anderes erzieherisches Mittel zurückgreifen musste. Sie setzte mit nachdrücklichen Unterton, der keinen Einwand duldete, an: „Mit Sicherheit hat Ser Sieghelm einen gut durchdachten Plan, wie wir – trotz des dichten Nebels und des starken Verwesungsgeruchs – seine Hochwohlgeboren Parzalon zügig finden können, ohne ziellos über Berge aus Leichen zu stapfen. Denn niemand von uns möchte sich an diesem gottverlassenen Ort länger als nötig aufhalten. Nicht wahr, eure Exzellenz?“ „Ganz recht! Und natürlich habe ich einen Plan!“ Mit diesen Worten nahm er wieder die Zügel seines Pferdes und spürte den vernichtenden Blick der Geweihten im Nacken, weshalb er sich dazu entschied sich noch einmal zu seinen Gefährten umzudrehen um sie in seinen ‚Plan‘ einzuweihen: „Die Dettenhofener Truppen meines Vaters befanden sich auf der Linken Flanke, also im Firun des Mythraelsfeldes. Dort wurden sie auch zuletzt gesehen. Es heißt, dass sie vom Zentrum abgedrängt wurden. Unsere Suche wird also auf der Firunsseite des Schlachtfelds beginnen.“ Und als ob diese Erklärung genügte, ging Sieghelm nach einem kurzen Blick zu den zerfallenen Türmen von Burg Karmaleth, um sich zu orientieren, wieder voran. Als Kalkarib an Adellinde mit seinem Pferd vorbeiging, raunte er ihr noch trotzig zu: „Wer ist so dumm und versteckt eine Nadel im Heuhaufen?“ Was Adellinde zu dem Entschluss brachte, den nächsten Verbandwechsel bei ihm etwas straffer zu gestalten.

Die drei suchten sich einen möglichst halbwegs geraden Weg durch das ehemalige Schlachtfeld gen Firun. Die Leichenberge und Verwesungsgerüche machten den Weg zu einer Tortur. Der Magnum Opus des Weltenbrandes hatte verschiedenste unheilige Kräfte herbeigeschworenen, die das Land nicht nur verwüstet, sondern es auch topografisch gänzlich verändert hatten. Die Erde war an mehreren Stellen Ellenbreit aufgerissen worden, tiefe Kratertrichter von Explosionen und Einschlägen von herabfallenden Steinen durchzogen das Feld. Humusdämonen hatten die Wurzeln der Erde dazu gebracht empor zu steigen und sich als Ranken um Menschen zu schlingen. Diese zerstörten Konstrukte lagen noch immer wie versteinerte krause Haare von Riesen in der Landschaft herum und erschwerten das Durchqueren zusätzlich. Eine unbestimmte Zeit später liefen Sieghelm, Kalkarib und Adellinde auf eine am Boden hockende Gestalt auf. „Seid gegrüßt“, rief Sieghelm ihr euphorisch zu. Durch den Nebel waren sie der Person bis auf zehn Schritt nahe gekommen, da sie sie nicht eher erblicken konnten. Als Sieghelm die kauernde Gestalt anrief, schien sie sich zu erschrecken, fuhr hoch und wirbelte, da sie den dreien zuvor den Rücken zugekehrt hatte, herum. „Gut zu sehen, dass jemand überlebt hat …“, begann er, wurde jedoch von der Gestalt unterbrochen: „Was wollt ihr? Wer seid ihr?“ Ängstlich blickte sich der Mann mittleren Alters mit krausem Bart mit einem Bündel vor der Brust haltend zu den Dreien um. „Ich bin Ser Sieghelm, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Reichsritter des Neuen Raulschens Reich – und wer bist du?“ „Ich? Ich ähm … niemand“, stotterte er. Als der Mann sah wie Kalkarib seine Hand auf den Knauf seines Khunchomers legte, erschreckte er sich so stark, dass er das Bündel vor seiner Brust etwas lockerte. Zahllose edelmetallene Ketten, Ringe und Amulette, wertvolle Insignien und Wappenschilder purzelten heraus und platschten in den von Blut und Regen aufgeweichten Boden. Alle vier starrten für einen kurzen Moment auf den Haufen wertvoller Gegenstände, die der Mann soeben fallen gelassen hatte und allen war klar, was er hier tat. Ehe Sieghelm ‚bleib stehen‘ rufen konnte, war er auch schon auf dem Absatz herumgewirbelt und suchte im schützenden Nebel das Weite. Sieghelm wusste, dass er in seiner Gestechrüstung und in diesem Schlamm nicht die geringste Chance hatte, dem Mann zu folgen. Kalkarib hingegen war flink und leichtfüßig und trug keine erschwerende Rüstung. Ein Blick zu ihm genügte und der durchnässte Wüstensohn flitzte über die Ebene dem Leichenfledderer hinterher. Auch der Leutnant hüpfte vom Pferd und schoss wie eine Wurst, die über nasse Steine rutschte, über die feuchte Erde hinweg – nur das diese dabei protestierend kläffte.

Wenig später brachte Kalkarib den zeternden und jammernden Leichenfledderer am Schlafittchen gepackt zurück zu Sieghelms und Adellindes Position, die sich inzwischen die Wertgegenstände, die er verloren hatte, etwas näher angesehen hatten. Den ganzen Weg hatte sich Pagol in den Stiefel des Mannes verbissen und knurrte die ganze Zeit über, als würde er sagen wollen: ‚Ich schaffe es alleine ihn zu ziehen, lass ihn los!‘ Kalkarib warf ihn Sieghelm vor die Füße, wobei sich sein dichter ungepflegter Bart in einer blutigen Pfütze tunkte. „Auf die Knie mit dir“,  befahl er dem Mann im rauen Ton, während Adellinde wie eine ihn legitimierende Geweihte neben ihm stand und den Mann verurteilend ansah. „Du wirst uns jetzt dahin bringen, wo du das gefunden hast“, sagte er und hielt dem Mann ein etwas Faustgroßes versilbertes Wappenschild von einer Rüstung vor die Nase, das er im Haufen der Gegenstände, den der Leichenfledderer verloren hatte, gefunden hatte.

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Teil III – Hasardeure (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 17. Peraine, 34 nach Hal – Am frühen Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Die Gebende mit euch, Ser.“ Adellinde schälte auf einem Baumstumpf sitzend Zwiebeln, als sie den müde aussehenden Ordensmeister aus seinem provisorischen Unterstand aufstehen sah. Sie war mit der Praiosscheibe aufgestanden und hatte damit begonnen das Frühstück für sich und ihre Gefährten vorzubereiten. „Morgen“, raunte dieser nur zurück und streckte sich gähnend. Da es in der Nacht kälter geworden war, hatte er seinen dunklen Wams angelassen. Adellinde fand, dass Männer in diesen gefütterten Kleidungsstücken irgendwie drollig aussahen. Es hingen zahlreiche Nestelfäden herab und die Körperform wurde irgendwie unnatürlich in die Breite gezogen.  Was auch dieses Mal zutraf, weshalb sie etwas grinsen musste. „Was habt ihr?“, frug Sieghelm forschend, der ihr Grinsen nicht übersehen konnte. „Ach, ich … gar nichts.“ Ihre Wangen liefen rot an, als sie verlegen zur Seite schaute und selbst für einen sozial tapsigen Mann wie Sieghelm erkennbar verlegen wurde. Sieghelm beschloss sie nicht zu drängen, stattdessen kramte er in den Satteltaschen nach seinem Essgeschirr und ging damit zu ihr. „Ist Kalkarib …?“, begann er im Frageton. „Ja …“, antwortete sie und schälte weiter Zwiebeln. „Wir waren zur gleichen Zeit wach geworden. Er sagte er müsse zu Keft beten und sich deswegen zurückziehen.“ Ein langer Moment der Stille folgte, in denen nur das Knistern der Zwiebelschalen zu hören war, die Adellinde zusammentrug. „Wer ist eigentlich dieser Keft?“, platzte es dann aus ihr, lauter und neugieriger als gewollt, heraus. Als sie sich das sagen hörte, wurde sie sofort wieder etwas rot im Gesicht. Dieses Mal musste Sieghelm, ob der Unwissenheit der Geweihten, etwas grinsen. Er setzte zu einer kurzen Erklärung an: „Keft ist keine Person oder Gott, sondern ein Ort in der Wüste Khôm. Bestimmt habt ihr ihn nur falsch verstanden – sein Akzent ist gewöhnungsbedürftig.“ Als Sieghelm das sagte, deutete er sich selbst mit einer wedelnden Bewegung auf den Mund, was ein Nuscheln nachstellen sollte. Er wollte damit veranschaulichen, dass auch für ihn die Sprache der Novadis seltsam klang. „Ah, achso.“ Sie nickte nur, obwohl sie nicht den Anschein machte, vollständig zu verstehen, was der Reichsritter sagte. Sie holte ein Brettchen heraus und begann die Zwiebeln klein zu schneiden. Zwischendurch warf sie einen prüfenden Blick zum Lagerfeuer, das sie kurz zuvor angezündet hatte. Wieder folgte ein längerer Moment der Stille. Sieghelm betrachtete die junge und zierliche Frau. Er musste noch immer verarbeiten, was gestern Abend geschehen war und dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! „Ich habe mich noch gar nicht wegen gestern Abend bei euch bedankt“, begann er leise. Adellinde zwinkerte verlegen und da zeigte sich wieder ihr bezauberndes Lächeln, dass Sieghelm innerhalb der kurzen Zeit so zu schätzen gelernt hatte. „Ich habe getan, was jeder getan hätte.“ „Das sehe ich anders. Ihr habt mein Leben gerettet, und das im Angesicht eines überlegenden Gegners – ihr habt mehr Mut bewiesen, als ich es bei den meisten meiner Untergebenen je gesehen habe.“ Erneut wurden ihre Wangen scharlachrot, was ihre blauen Augen noch mehr erstrahlen ließ. „Eure Worte schmeicheln mir, Ser.“ „Ich meine das ernst!“, bestand Sieghelm in einem ungewollt harten Tonfall auf sein Gesagtes. Er erschreckte sich selbst vor der ungewollten Schärfe. Adellinde rief in ihm aus einem ihm unbekannten Grund seine sanfte Seite hervor. Es kam ihm so vor, als müsse er sie ganz behutsam behandeln, da sie beim kleinsten falschen Ton zu zerbrechen drohte. Was jedoch albern war, da er gestern Abend gesehen hatte, dass sie keineswegs ein zierliches Ding war, das man beschützen musste. In Sieghelm Welt war sie für ihn aufgrund dieses Widerspruchs ein Mysterium. „Was … was ich sagen will ist …“, setzte er erneut stotternd ein. Doch er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden. Wie konnte er ihr sagen was er dachte oder fühlte, wenn er das nicht einmal selbst wusste? Er kam sich so töricht vor und als ihm gewahr wurde, dass sie ihn nun schon mehrere Momente lang fragend in die Augen blickte, da er seinen Satz mittendrin unterbrochen hatte und einfach nicht weiter sprach, wurde auch er verlegen. „Danke. Ich möchte danke sagen.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kamen sie ihm auch schon lächerlich vor. „Gern geschehen, Ser“, antwortete sie knapp und konzentrierte sich dann wieder auf das Zwiebelschneiden. Da fiel Sieghelm noch eine Frage ein, die er ihn unbedingt stellen wollte. Am gestrigen Abend war er viel zu aufgewühlt dafür gewesen und als er sich seine aufgeschlagenen Fingerknöchel betrachtete, wurde ihm wieder klar, wie sehr er bereute, was gestern über ihn gekommen war. „Euer Gnaden, ich möchte euch noch etwas fragen.“ „Nennt mich doch bitte Adellinde“, schoss sie ihn unterbrechend dazwischen, was Sieghelm wieder etwas aus der Fassung brachte. „Na schön, wie ihr wollt – Adellinde. Ich habe mich gefragt, was passiert ist und wie es dazu kam, dass ihr plötzlich zwischen mir und dem Paktierer standet? Ich muss zugeben, dass Boron da wohl den Segen des Vergessens über mich hat kommen lassen. Ich möchte gerne wissen wie es dazu kam. Das letzte woran ich mich erinnere, ist das ich wegen des Giftatems zusammenbrach und den Tod schon vor Augen hatte.“

Sie atmete tief ein, als würde sie zu einer langen Erklärung ansetzen wollen. Da tapste plötzlich Pagol heran und schwänzelte um Sieghelms Beine herum. Er ließ sich auf den Bauch fallen und mit einem kleinen Kläffen gab er bekannt, dass er gekrault werden möchte – was Sieghelm dann auch tat. Mit Blick auf den Hund, wurden ihre Augen etwas glasig, als sie sich an die Szene des gestrigen Abends zurückversetzte. „Wir waren zu dritt hinter dem Baumtrichter, kurz vor ihrem Lager“ begann sie ruhig zu erzählen. „… es war sehr dunkel und als wir die Kampfschreie der Zwerge hörten, stürmtet ihr beide los und hattet mich damit alleine gelassen.“

„Oh Herrin, geschieht das gerade wirklich?“ hauchte Adellinde gedankenverloren, die von Sieghelm und Kalkarib alleine im Dunkeln gelassen wurde. Sie kauerte sich tief hinter den Baumtrichter, um keinesfalls gesehen zu werden. Sie hatte noch nie ein Scharmützel oder gar einen Kampf gesehen. Sie musste an die Kneipenschlägerei denken, die sie in Perz einmal mitansehen musste. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was hier geschah. Sie hörte wie ihr Atem stotterte und spürte ihre Hände zittern. Dann begann das Metallgeklapper. Klingen trafen aufeinander, gefolgt von Todesschreien. Sie wusste nicht von wem es kam, sie hoffte, dass es die der Söldner waren. Da hörte sie eine kleine innere Stimme in ihr, die ihr sagte, dass sie etwas tun musste. Sie konnte nicht einfach nur hier herumsitzen und warten bis die Verletzten zu ihr kamen. Sie musste die Initiative ergreifen. Sie fasste sich ein Herz und blickte durch ein paar Wurzeln hindurch zum Lager der Söldner. Doch das Buschwerk war zu dicht und die wenigen Fackeln erhellten den Kampfplatz nicht gut genug, um etwas erkennen zu können. „Nur ein paar Schritte näher, Adellinde, damit du etwas siehst“, sprach sie zu sich selbst und hielt nach einer geeigneten Deckung Ausschau, die etwas näher am Lager lag. Vorsichtig schlich sie vor und duckte sich fünf Schritt weiter vorne hinter eine dichte Hecke. Doch auch von hier konnte sie nicht viel erkennen. Wieder hörte sie jämmerliche Schreie, gefolgt von ein paar lauten Kommandos einer ihr fremden Stimme. Sie fragte sich, ob das ihr Anführer sei. Sie wechselte noch zwei Mal die Position, bis sie so nah war, dass sie auf die Anhöhe schauen konnte, wo sie Sieghelm im Zweikampf mit einem dunklen Ritter erblickte. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, um aus der Entfernung die Zeichen auf seiner Rüstung besser erkennen zu können. „Ist das … hmm … oh Göttin! Das kann nicht wahr sein.“ Als sie die Symbole auf der geschwärzten Rüstung sah, rutschte ihr das Herz bis in die Hose. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich taub und so klein wie eine Kirchenmaus im Praiostempel zu Gareth. „Ein Diener Mishkharas. Herrin ist das wirklich dein ernst?“, fauchte sie ungläubig gen Himmel. Für sie war klar, dass dies eine Fügung ihrer Göttin war. Sie hatte sie hierher gebracht, damit sie sich ihren Ängsten, dem Schlächter ihres Dorfes und dem Schänder ihrer Kirche stellte. Er musste es einfach sein, das spürte sie. Sie schloss sie Augen und ganz langsam begann sie drei Mal durchzuatmen, um sich so selbst zu beruhigen. Jedes Ein- und Ausatmen machte sie ganz bewusst, mit dem Gedanken daran, dass sie sich zum Werkzeug Peraines machen würde und es egal war, ob sie dabei ihr Leben lassen würde. Sie sog die Luft ein und fühlte, wie sich ihr Innerstes mit Leben füllte, mit jedem Ausatmen wuchs der Mut in ihr an, für das, wofür sie zu tun bestimmt war. Nach dem letzten Ausatmen, das über ihre rötlichen Lippen strich, öffnete sie wieder Augen, und es lag eine Entschlossenheit in ihr, die sie bis zur Sonnenwende nicht mehr ablegen würde.

Mit einem behänden Griff in ihre Stofftasche holte sie ein paar Kornähren hervor, die sie immer als Paraphernalien bei sich führte. Sie richtete sich auf, drehte sich zu der Anhöhe und trat entschlossen darauf zu. Sie sah, wie Ser Sieghelm gerade zurücktaumelte und eine giftige grüne Wolke über die Anhöhe waberte, dann begann sie erst leise und immer lauter werdend zu beten: „Herrin Peraine, ich erbitte Deinen Segen, ich habe gearbeitet wie Deine fromme Dienerin, habe geopfert wie Deine fromme Dienerin und habe gebetet wie Deine fromme Dienerin. Segne mich, auf das ich dein Werk auch morgen noch verrichten kann.“ Der Ritter brach inzwischen zusammen und der Paktierer ging mit einem süffisanten Lächeln auf ihn zu. Adellinde ließ ihn nicht mehr aus den Augen, noch war sie außerhalb des Fackelscheins, doch das würde sich jeden Moment ändern. Sie wusste, dass sie sich ihm alleine stellen musste, denn der Reichsritter war zu Boden gegangen und sie hatte als Waffe gegen ihn nur ihren Glauben. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben. „Sie her, Diener der Seuchenbringerin – SIEH HER!“ Ihre Stimme überschlug sich, als sie losbrüllte und sich somit des Paktierers Aufmerksamkeit sicher war. Er hatte gerade zu einem vernichtenden Schlag ausgeholt, doch hielt er nun inne. Adellinde trat entschlossen in den Fackelschein, in der linken Hand die Kornähren, die Rechte geballt zur Faust und ihr Blick so entschlossen, dass ihre blauen Augen hell leuchteten. „Du hast Verderben über mein Dorf gebracht, und nun stehe ich hier, lebendig und kraftvoll trotze ich deinem fauligen Atem, denn wo ich gedeihe wirst du vergehen.“ Mit diesen Worten reckte sie die Kornähren ihm entgegen. Der grünliche Nebel wich so schnell von dem Hügel, als würde er flüchten und auch der Paktierer machte einen Satz zurück als hätte ihn ein mächtiger Stein am Kopf getroffen. „WEICHE, faulige Ausgeburt! WEICHE, wo das Leben blüht und gedeiht! DU bist hier nicht willkommen.“ Ohne langsamer zu werden, stellte sich Adellinde vor Sieghelm breitbeinig auf, noch immer die Ähren noch vorne gereckt. Der Paktierer fing sich ein paar Schritt entfernt auf. Er schüttelte sich und verzog das faulige Gesicht. „Wer bist du?!“, rief Baron Markwart und hielt sich einen Arm schützend vor das Gesicht, als würde Adellinde ihn blenden. „Ich bin eine Dienerin der Gebenden aus Perz und ich bin gekommen um dir zu verheißen, dass das Ende deines Vergehens gekommen ist. Knie nieder und bitte die Gütige um Vergebung für deine Gräueltaten in Perz, oder du wirst jetzt dein Ende finden.“ Die Worte sprudelten nur so aus Adellinde heraus,sie kamen zum Teil von ihr selbst und zum anderen Teil durchdrangen Sie sie einfach. Sie spürte wie ihre Göttin durch sie zu dem Paktierer sprechen wollte und sie ließ es zu, doch vorher kam Markwart zu Wort: „Dreckiges kleines Miststück! Du bist viel hübscher als die anderen – ich hätte lieber dich auf dem Altar schänden sollen.“ Die beleidigenden Worte des Barons verfehlten ihr Ziel, denn Adellinde befand sich inzwischen in einem geistig entrückten Zustand. Die blauen Augen der Priesterin wurden für einen kurzen Moment reinweiß und ihr gesamtes grünes Antlitz strahlte so hell, dass es Markwart erneut blendete. Mit einem tieferen Ton drangen aus ihr die Worte: „Ich bin die Bewahrerin, die Hüterin des Heiligen Hains. Sieh oh Halm, die Ähren auf dem Felde, ein leiser Hauch, wenn eine sich beugt, so bebet, die andere auch. Die Sichel kommt und Schnitt, die Faulen und die fremden Halme – Erzitter mit.“ „GENUG!“, erwiderte Markwart, dem es nun überkam, der seine Kraft zusammennahm und nach vorne preschte. Mit erhobenem Warunker Hammer warf er sich voran, doch Adellinde wich keinen Fingerbreit. Da fuhr plötzlich Rondras Nagel empor, geführt vom wiedererstarkten Reichsritter, der seinen mächtigen Hieb abfing. Sieghelm setzte nach und drängte ihn zurück – da kehrten auch Adellindes blaue Augen zurück und das Prickeln fuhr aus ihrem Körper. Sie sah mit an, wie es Sieghelm gelang den Frevler zu überwältigen, während Sie nur wenige Schritt entfernt versuchte, die Worte, die soeben über Ihre Lippen gekommen waren, zu verstehen.

„Ich bewundere euch“, flüsterte Sieghelm, der Adellindes Geschichte gebannt gelauscht hatte. Ihr rannen ein paar Tränen über die Wangen. „Warum weint ihr?“ „Die Zwiebeln, sie … es sind die Zwiebeln“, gab die Priesterin als ausweichende Antwort. Doch in Wahrheit war es die Erinnerung an der Moment, als ihre Göttin durch sie sprach, der sie erneut mitnahm. Sie war traurig, dass es ihr nicht gelang, sich komplett daran zu erinnern, was sie gesagt hatte und es gab auch keine Hoffnung, es je zu erfahren, denn der Einzige, der es mitbekommen hatte, war inzwischen tot. „Wo wir schon dabei sind von gestern zu sprechen, Ser – was war es eigentlich, was euch der Paktierer noch zugeflüstert hatte, dass es euch so in Rage versetzt hatte?“ Sieghelm schluckte schwer und Adellinde sah, dass es ihm unangenehm war. „Es ist heilend für Körper und Seele, über so etwas mit einer Priesterin eures Vertrauens zu sprechen. Euer Wohlgeboren.“ „Ich möchte eigentlich nicht darüber sprechen“, wich Sieghelm aus und machte Anstalten aufzustehen.Doch da kläffte Pagol, der noch nicht genug davon hatte, gekrault zu werden, weshalb ihm nichts anderes übrig bleib, als sitzen zu bleiben. „Wenn euer Verstand nicht darüber sprechen möchte, ist es umso wichtiger für eure Seele, dass ihr es tut“, hakte Adellinde nach und griff zu den Rüben, um nun diese zu bearbeiten. Sieghelm seufzte, die Priesterin war hartnäckig und sein eigener Leutnant hatte sich gegen ihn verschworen. „Nungut, wie ihr wollt. Aber ihr müsst mir versprechen, nicht darüber zu urteilen. Ich … bin sonst nicht so.“ „Heiliges Apfelehrenwort!“ Adellinde hob die linke Hand, reckte den Rücken und machte eine bedeutsame Pose.Sieghelms Brauen senkten sich und er schaute sie verwirrt an. „So etwas gibt es doch gar nicht.“ Adellinde grinste beschwichtigend. „Natürlich nicht. Aber ich bin eine Priesterin Peraines, eure Worte sind bei mir so sicher wie das Amen in der Praioskirche.“ Nun lächelte auch Sieghelm, der Adellindes neckische Art begann zu mögen. „Nun, es war so …“

Sieghelm drehte Custoris in der Luft um die eigene Achse und versetzte Markwart damit einen Treffer gegen die linke Schulter. Der Anderthalbhänder ächzte gegen die schwarze Plattenrüstung, doch die Wucht brachte den alten Baron ins Taumeln. Er versuchte das Ungleichgewicht mit seinem Warunker Hammer auszugleichen, doch schaffte er es nicht rechtzeitig und so setzte Sieghelm nach. Mit einem mächtigen Schwung traf er den Paktierer erneut am linken Arm, so dass er hörte, wie darunter Knochen brachen. Das von Pusteln übersäte Gesicht des Barons wurde schmerzverzerrt, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war. Er konnte dem Reichsritter einfach nichts mehr entgegensetzen und hatte schon zu viel Blut verloren. „Es ist ganz gleich, was hier geschieht“, stöhnte er und wehrte einen Hieb des Ritters mit letzter Kraft ab. „Der Greifenthron wird fallen, und mit ihm das Kaiserreich.“ Sieghelm machte eine Finte, die der Baron nicht kommen sah und dieser bekam so einen Treffer gegen das rechte Bein. Unter heftigen Schmerzen gab es nach und der Baron sank auf die Knie. „Und ihr könnt es nicht verhindern, die Kaiserin gehört uns.“ Der mächtige Anderthalbhänder sauste herab und noch während das Donnern über den Hügel zu hören war, durchtrennte seine Klinge den hölzernen Schaft des Warunker Hammers. Das Holz zerbrach und die Klinge suchte seinen Weg weiter nach unten und grub sich tief in die Schulter des Barons. „Während ihr hier euren Sieg feiern werdet …“ Markwart musste Blut spucken, als er das Schwert in seine Schulter bekam, doch ließ er sich nicht davon abhalten weiter zu reden. „ … wird die Hure des Mittelreichs in der Warunkei kaiserlich vom jedem im Nekromantenrat durchgepflügt, der noch etwas Fleisch am Pimmel hat.“ Während in Sieghelms Gesicht die Wut hochkochte, ergötzte sich der Frevler daran, denn auch wenn er den Kampf hier verloren hatte, so wusste er, dass er mit einem Lächeln abtreten konnte. Er hatte seinem Widersacher ein widerwärtiges Bild in den Kopf gesetzt, dasser nicht mehr loswerden würde. Sieghelm schlug mit dem Knauf seines Schwerts gegen Markwarts Gesicht. Seine Nase brach und Blut platzte Sieghelm entgegen. Dann stürzte sich der Reichsritter auf ihn und ließ den Knauf so lange auf dessen Gesicht nieder, bis das Grinsen in seinem Gesicht nur noch eine blutige Masse war.

Teil III – Hasardeure (3)

Teil III – Hasardeure (2)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Ha!“ Albrax’s Axt trennte einen Unterarm vom Rest des Körpers. Blut schoß durch die Luft. „Huh!“ Die Axt wirbelte in der Luft herum und drang dann tief in den Oberkörper des Söldners ein. „Hehe!“ Mit dem metallischen Endstück des Stils wehrte er gekonnt den Schwerthieb einer Söldnerin ab und ging ohne Unterbrechung zum Gegenangriff über. „Nimm das!“ Sofort sank sie auf die Knie, als sich Albrax‘s Axtblatt tief in ihre Hüfte schob. „Klonk!“ Mit der Wucht eines wasserbetriebenen Stampfwerks hämmerte Albrax seinen Helm gegen ihre Stirn. Sie wurde nach hinten über geschleudert und stand nie wieder auf.  „Was für ein Spaß!“, intonierte er auf der Suche nach einem neuen Gegner. Seine Brüder und Schwestern kämpfen noch gegen die inzwischen dezimierten Söldner, die entgegen seiner Erwartung bis aufs letzte Blut kämpften. Was ihn insgeheim ein kleines bisschen freute, denn im Hinterherrennen war er nicht so gut. Zumal es sich für einen Hochkönig nicht geziemte, einem fliehenden Feind nachzustellen. Dafür gab es schließlich Armbrüste. Albrax erblickte Kalkarib, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Er humpelte und wehrte sich mühsam gegen einen Söldner mit einem Breitschwert. Albrax verließ die Kampfreihe der Zwerge, welche sofort von seinen Brüdern und Schwestern geschlossen wurde. Seine knubbeligen Finger griffen nach etwas an seinem Gürtel, als er hinter den Reihen der Angroschim langging. Der junge Wüstensohn hatte Mühe mit seinem Gegner, was wohl an seiner ihn benachteiligenden Verletzung lag. Albrax‘ Arm beschrieb einen Halbkreis, als er durch die Luft zuckte. Im nächsten Moment schaute aus dem Oberschenkel des Söldners der Griff einer Wurfaxt heraus. „Aaaagh!“, brüllte dieser, der sich fortan auf Paraden beschränkte, da Kalkarib in die Offensive ging. Den schnellen Bewegungen des Novadis war der verletzte Söldner nicht gewachsen. Es dauerte keine zehn Momente, bis er seinen Gegner überwältigt hatte und auch dieser Söldner zu Boden ging. Als Kalkarib seinen Khunchomer am Wappenrock des Mannes abstrich, erblickte er den neben ihm stehenden und unter seinem grauen Bart breit grinsenden Hochkönig. „Mir erschien das gerechter“, brubbelte er plötzlich mit roten Pausbäckchen und zuckte kurz mit den Achseln. Was bei einem Zwerg mit seinem Format so aussah, als würde eine gedrungene Eichentruhe den Versuch unternehmen hüpfen zu wollen. Albrax hatte ihm bei seinem Kampf geholfen, in der er seinen Gegner eine ähnliche Verletzung zufügte wie die, die er hatte. Auf diese Weise konnte er seinen Gegner selbst überwinden und seine Ehre erhalten. Kalkarib blieb keine andere Wahl als „Danke“ zu sagen. „Gern geschehen Junge.“ Albrax zwinkerte ihm zu und beide blickten über das Kampffeld. Die Angroschim hatten inzwischen ohne ihn den Sieg errungen, alle Söldner waren besiegt. Die beiden Männer blickten daher zur Anhöhe, wo noch kurz zuvor Sieghelm den Anführer der Gruppe die Stirn geboten hatte. Sie waren nur zwanzig Schritt davon entfernt, und im schwachen Fackelschein der Nacht konnten Sie nicht alles klar erkennen, aber was sie dort sahen, ließ sie beide den Atem anhalten.

Baron Markwart hüstelte und grinste noch immer, als er sich erhob und ausreichend Abstand zwischen sich und Sieghelm brachte, um mit der scharfen Seite seines langen Warunker Hammers den Kopf vom Torso des Ritters trennen zu können. Sieghelms Krämpfe waren noch immer so stark, dass er absolut gar nichts dagegen ausrichten konnte, nicht einmal ein Stoßgebet an die Herrin drang ihm über die Lippen. Das einzige, was er tun konnte, war ihm nicht die Genugtuung zu geben, die Angst in seinen Augen zu sehen, weshalb er sich dafür entschied, selbige zu schließen. Es war ohnehin besser, so würde er die tödliche Klinge nicht kommen sehen. Er dachte an seine Familie, an seinen Vater Parzalon, den er nun nie wieder sehen würde und zu dessen Hilfe er eigentlich unterwegs war. Er dachte an seine beiden Brüder, Traviahold und Torion. Sein kleiner Bruder Traviahold hatte inzwischen eine Familie gegründet und war sogar Abt eines eigenen Klosters. Torion, der ebenfalls eine Familie hatte, setzte die Blutlinie fort und befand sich wohl gerade im Familiensitz in Dettenhofen. Wie er wohl reagieren wird, wenn die Nachricht kommt, das sowohl er, als auch ihr gemeinsamen Vater ihr Leben auf dem Schlachtfeld gelassen hatten? Immerhin wird er dadurch Baron von Dettenhofen. Während ihm seine Gedanken durch den Kopf schossen, bemerkte Sieghelm nicht, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war. Anscheinend ließ sich Markwart viel Zeit und kostete seinen Sieg in vollen Zügen aus. Da berührte ihn plötzlich etwas an der Wange, etwas kaltes und gleichwohl weiches. Er riss die Augen auf, und was er sah, konnte er nicht glauben. Es war Adellinde, die ihm ihre rechte Hand auf die linke Wange legte, während sie die andere Hand mit ein paar Kornähren zur Faust geballt auf Markwart richtete, der doch tatsächlich davon angewidert zurückwich. Ein göttlicher und kaum wahrnehmbarer Glanz lag auf der Aura der zierlichen Priesterin. Sieghelm wusste nicht, ob er das wirklich sah, oder ob das an dem Gift lag, das er eingeatmet hatte. Adellinde sprach dann mit seidiger Stimme und ihre Worte beruhigten ihn: „Habt keine Angst. Ich bin bei euch, Herr Ritter.“ Wobei ihre Stimme sich für ihn wie göttliches Harfenspiel anhörte. Und tatsächlich, seine Angst verflog. Für einen klitzekleinen Moment lächelte sie ihn an, was Sieghelms Herz höher springen ließ. Er wollte ihr danken, ihr irgendetwas sagen, doch er konnte nicht. Dann schloss sie die großen blauen Augen und sprach: „Heiliger Therbûn, mögest Du diesen Gläubigen leiten! Gnädige Peraine, schenke diesem Gläubigen Gesundheit!“ Während ihrer Worte wurde ihre Handfläche angenehm warm. Dann erhob sie sich und stellte sich breitbeinig zwischen ihm und Markwart verteidigend auf. Ihre Faust war dabei noch immer auf den schwarzen Ritter gerichtet. Sieghelm wusste zwar nicht, wie es ihr gelungen war, Markwart zurückzudrängen, aber er bewunderte ihren übermenschlichen Mut, sich ihm alleine und nur mit ein paar Kornähren bewaffnet zu stellen. Er spürte wie die Betäubung aus seinen Gliedern wich und er wieder Kontrolle über seine Muskeln bekam. Die Krämpfe ließen nach, doch an ihre Stelle trat erschöpfter Schmerz, als hätte er den Hindernisparcour in der Kriegerakademie zum dritten Mal absolviert.

„Glaubst du wirklich, dass du mich damit aufhalten kannst, du hübsches Ding?“, bellte Markwart wütend, dessen Gesichtsausdruck immer verzerrter wurde. „Ich bin Adellinde, ergebene Dienerin Peraines, und es war mein Tempel und es waren meine Brüder und Schwestern in Perz, die du geschändet hast“, erklärte sie. Ihre sonst so zarte Stimme war plötzlich durchdrungen von Entschlossenheit. Es war kein Funken Wut in ihr und kein Zorn lag auf ihrem Gesicht. In Markwarts Gesicht hingegen glomm unterdessen die Erkenntnis, dass sie hier war, um seine Taten in Perz zu vergelten. „Aaaaahh, du willst Rache, Mädchen.“ Als er das Wort ‚Rache‘ aussprach, wuchs wieder ein hämischen Grinsen auf ihm an. „Nein“, konterte sie kühl, was Markwart überraschte. „So, wie eine Eiche, in der die Spitze eines Pfeils steckt, keine Rache gegenüber dem Pfeil verspürt, so verspüre auch ich keine. Stattdessen lebt der Baum damit weiter und überwuchert den Fremdkörper. Peraines Güte ist größer und beständiger, als das kurzlebige und verderbende Gift, das dir Mishkhara schenkt, Paktierer.“ Für einen kurzen Moment wusste der Baron darauf nichts zu erwidern. Stattdessen griff er nach seinem Warunker Hammer und ging zum Angriff über. „Dann stirbst du hier! Dummes Ding!“ Adellinde hatte noch immer nichts zu Verteidigung, außer ihre paar Kornähren und nichts vermochte ihn aufzuhalten. Er würde sie mit einem einzigen Hieb spalten. Markwarts Mimik war eine Mischung aus süßem Schmerz und Freude, als er das Axtblatt von weit hinter sich schwang und über ihrem Kopf niederschießen ließ, denn noch immer war ihm nicht wohl in ihrer Nähe, aber er freute sich gleichzeitig, seine Arbeit in Perz vollenden zu können. Da knallte ein Donnerschlag über die Anhöhe, der alles, bis auf ein kaum hörbares ‚Nein!‘ eines wiedererstarkten Reichsritters übertönte. Mit aller Kraft und noch immer unter erschöpfenden Schmerzen hatte sich Sieghelm hinter ihr hochgestemmt, mit Custoris ausgeholt und mit der Wucht eines Auerochsen, der gegen ein Scheunentor rannte, gegen den Hieb des Barons geschlagen. Die Klingen kreuzten sich nur knapp vor Adellindes Gesicht, die nicht einmal mit der Wimper zuckte. Funken, Holz- und Metallsplitter spritzten in alle Richtungen, als der Paktierer zurücktaumelte. Der Kopf seines Hammers flog im hohen Bogen davon, Sieghelms Hieb war so stark gewesen, dass er glatt den langen Stil am Metallteil durchtrennt hatte. Markwart hielt nun nur noch einen abgebrochenen Stecken in der Hand. Seine Kampfhaltung ließ zu wünschen übrig, als sich Sieghelm lautstark prustend und mit blutunterlaufenden Augen schützend vor Adellinde schob. „Wo waren wir stehen geblieben?“, sagte Sieghelm, der Mühe hatte, die Worte auszusprechen. Markwart blickte verbittert auf das ausgefaserte Ende seines Steckens und warf ihn dann missmutig zur Seite. „Wollt ihr es so beenden? Nennt ihr das rondrianisch, einen Unbewaffneten zu erschlagen?“, spottete er und spieh dabei mehrere Klumpen Spucke aus. Er hatte recht, auch wenn er ein Paktierer war, es lag keine Ehre darin, einen Unbewaffneten zu erschlagen – und rondrianisch war es allemal nicht. Dann sah Sieghelm eine Lösung. „Dort ist ein Waffenständer, wählt eure Waffe und ich schenke euch einen raschen Tod, wie es sich für einen Adeligen gebührt.“ Mit der Spitze seines Anderthalbhänders deutete er auf einen nahen Waffenständer in dem Äxte, Streitkolben und Kriegshämmer standen. Markwart rümpfe angewidert die Nase, als er die Waffen erblickte. „Wir wissen beide, das ihr mir im Kampf überlegen seid, ich habe euch auf dem Mythraelsfeld kämpfen sehen, was soll das ganze also?“ Sieghelm schnaufte verächtlich und setzte dann mit ernster Stimme zu einer Erklärung an. „Wenn ihr euch nicht wie ein Adeliger verhaltet und sofort zu einer Waffe greift, dann werde ich euch wie einen Gemeinen behandeln. Ich lasse euch gefangen nehmen, werde euch an den Händen fesseln lasen und werde euch hinter meinem Pferd im Galopp über die Reichsstraße ziehen, bis von euch nur noch ein blutiger Klumpen übrig ist.“ Das hatte gesessen. Auch wenn Baron Markwart ein Paktierer war, aber so wollte auch er nicht sterben. Bei Markwart zeichnete sich blutrünstiger Hass auf seinem zerfledderten Gesicht ab. Widerwillig holte er sich einen zweihändigen Kriegshammer und stellte sich dann kampfbereit auf. „Ich muss euch bitten, nun etwas zur Seite zu treten, euer Gnaden. Ich übernehme wieder“, sagte Sieghelm mit sanftmütiger Stimme rücklings gewandt zu Adellinde, die ihre Haltung kein bisschen verändert hatte. Sie nickte nur, senkte die Faust und trat dann ein paar Schritte zurück. Augenblicklich verschwand auch die glitzernde Aura von ihr. „Gute Entscheidung, Euer Hochwohlgebohren.“ Sieghelm nickte seinem Kontrahenten anerkennend zu.

„Ich muss ihm helfen!“, sagte Kalkarib besorgt im novadischen Akzent. Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, eilte er auf die Anhöhe los. Doch er wurde jäh in der Bewegung unterbrochen. Der Hochkönig, der sich trotz Kalkaribs Bewegungsmoment keine Haarbreite bewegt hatte, hatte ihm am Handgelenk gepackt und hielt ihn an Ort und Stelle fest. Der Novadi blickte ihn ernst an, warum in Rastullahs Namen hielt der Zwerg ihn davon ab, Sieghelm zur Hilfe zu eilen? Es war offensichtlich, dass nicht nur er, sondern auch Adellinde in Gefahr waren. „Ganz ruhig, mein Junge.“ Albrax‘ Stimme war zugleich beruhigend und bestimmend. „Diesen Kampf muss er alleine bestehen.“ „Seht ihr denn nicht, wie er dasteht? Er ist verletzt!“, konterte Kalkarib im Tonfall eines Kindes. Albrax ruckte am Arm des Novadis, der daraufhin aufhörte zu zappeln. Mit sehr ernster Miene sah der alte Zwerg dem großen Novadi in die Augen. Seine buschigen grauen Augenbauen wippten dabei auf und ab. „Ja das ist er, aber es ist ein rondrianischer Kampf – und wenn ich etwas über Rondra in den letzten 200 Jahren meines Lebens gelernt habe, dann, das es egal ist, wie der Kampf ausgeht, solange er rondrianisch bleibt.“ Mit den letzten Worten ließ Albrax‘ den Novadi los, der Mühe hatte, sich aufgrund seines verletzten Beins zu fangen. Doch vom durchdringenden Blick des Zwergen konnte er sich nicht lösen. Kalkarik dachte nach, es lag viel Weisheit in den Worten des kleines Mannes. Er selbst verstand nicht viel von den Zwölfen, aber auch er hatte ein Ehrgefühl. „Sieh es wie den Kampf eben, wie würde es dir ergehen, wenn ich den Mann meine Wurfaxt in den Kopf und nicht in sein Bein geworfen hätte – oder willst du mir unterstellen, dass ich das nicht gekonnt hätte?“  Beim letzten Satz schob Albrax trotzig sein bärtiges Kinn nach vorne. „Nein, keineswegs!“ Kalkarib machte eine abwehrende Geste. Albrax‘ Haltung entspannte sich wieder, und nach einem kurzen Moment zwinkerte er dem Novadi zu. Sofort lächelte das Gesicht hinter der knolligen Nase wieder. Kalkarib wurde einfach nicht schlau aus dem Zwerg. Aber er hatte Recht, es war eine Angelegenheit der Ehre, ihn den Kampf alleine austragen zu lassen. Einerseits blickte er den Zwerg nun noch immer etwas wütend an, da er von ihm aufgehalten wurde, aber andererseits war er dankbar, dass er ihn daran erinnert hatte. Während das Donnern von Custoris begann, gingen die beiden Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, die Anhöhe hoch, um dem rondrianischen Tanz zuzuschauen.

Sieghelm, der noch immer unter Erschöpfungsschmerzen litt, war schwerfälliger als sonst. Und Baron Markwart steckte noch immer in einer ihm weit überlegenden Rüstung. Er wusste jedoch, dass solange eine Dienerin Peraines anwesend war, es keinen Sinn mehr hatte, auf seine giftigen Paktgeschenke zurückzugreifen. Es musste es also in einem Kampf Mann gegen Mann austragen. Es war keinesfalls Sieghelms schönster Kampf den er je ausgefochten hatte, aber in seiner Vorstellung blickte die donnernde Göttin trotzdem in diesem Moment auf diese Anhöhe, und sah mit Wohlwollen dabei zu, wie er – ihr Auserwählter – einen Paktierer Mishkhara auf rondrianischem Wege besiegen würde. Rundherum versammelten sich die Zwerge, Kalkarib und Adellinde – der so entstehende Kampfplatz war ergo groß genug für die beiden Kontrahenten. Der Reichsritter tauchte jedoch so sehr gedanklich in den Zweikampf ab, dass er seine Freunde um ihn herum nicht wahrnahm. Begleitet nur vom sanften Knistern der Fackeln und in ihrem schwachen Schein, rang der Reichsritter des Greifenthrons zu Gareth den Paktierer unter Aufbringung großer Schmerzen nieder. Markwart von Graufenck aus Eslamsbrück, Baron von Taubrimora, verstarb im ritterlichen Zweikampf in einem Wäldchen nahe Perz, erschlagen von Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher – so würde es zumindest in die Geschichtsbücher eingehen. Der Kampf war auch rondrianisch, doch zwischendurch hatte der Baron Sieghelm etwas zugeflüstert, was sonst niemand anderes vernahm, was ihn anschließend in einen blutrauschartigen Zustand versetzte. Letztlich waren Albrax und drei weitere Zwerge gezwungen Sieghelm von Markwart herunter zu ziehen, als dieser mit dem Knauf seines Schwerts nur noch blutige Klumpen in den Boden stampfte, wo einst das eingefallene und kranke Gesicht des Barons war. „Hoffen wir, das Rondra rechtzeitig weg geschaut hat“, sagte Adellinde mit besorgter Stimme noch zu Albrax, als die beiden zu Sieghelm schauten, nachdem dieser sich beruhigt hatte und an einem Baum gelehnt die blutigen Klumpen Gehirn des Barons von den Händen wischte.

Wenig später, als die Angroschim den Kampfplatz aufräumten und Sieghelm um einen Moment der Ruhe bat, trat Adellinde an den auf dem Boden sitzenden Kalkarib heran. Sein linker Oberschenkel war inzwischen angeschwollen und schmerzte so sehr, dass er nicht mehr stehen konnte. „Was ist passiert?“, erkundigte sie sich bei ihm und kniete sich zu ihm nieder, während sie schon begann in ihrer Stoffumhängetasche zu kramen. „Mich hat ein Streitkolben getroffen“, sagte er nur. Er hatte außerdem ein paar kleine Blessuren, hier und dort ein paar Kratzer, aber nichts Schlimmes. „Was habt ihr vor?“, schob er noch interessiert hinterher, da er schon ahnte, was sie machen wollte. Doch würde er keinesfalls eine Ungläubige, und schon gar nicht eine unverheiratete Frau, seinen Oberschenkel berühren lassen. Sie fingerte aus der Tasche ein paar Kräuter und ein Salbendöschen. „Zieht eure Hose aus“, sagte sie. Da zuckte Kalkarib und sprang im Sitzen auf und ab, dass ihm sein Bein noch mehr wehtat. „A-Auf keinen Fall!“ Adellinde belegte Kalkarib mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ernsthaft?‘ „G-Gebt mir die S-Salbe und die K-Kräuter, ich mach das alleine“, stotterte er, was in Verbindung mit dem Novadi-Akzent besonders putzig für Adellinde klang. Er versuchte ihr beides aus den Händen zu reißen, doch sie drehte sich so ein, dass beides hinter ihrem Körper war und er sie nicht erreichte. „Was genau ist euer Problem?“ Ihre Blicke trafen sich und Kalkarib wusste nicht, wo er anfangen sollte.
‚All das!‘ wollte er ihr entgegen rufen, doch fand alles nur in seinem Kopf statt: ‚Weil ihr eine unverheiratete Frau seid! Weil ich verheiratet bin! Weil das ganz nah an meinem Schoß ist! Weil ihr eine Ungläubige seid! Weil ihr so jung seid! Weil ihr so hübsch seid! Weil‘ …“Muss ich euch erst besinnungslos schlagen, damit ich euch behandeln kann? So könnt ihr nicht stehen, und schon gar nicht gehen. Und Ser Sieghelm braucht euch nun mehr denn je, seht ihn euch an! Soll euer Stolz der Grund dafür sein, dass er so bleibt und beim nächsten Kampf vor die Hunde geht?“ „A-Aber…“ „Kein Aber! Nun lehnt euch zurück – ich kann es auch besonders schmerzhaft für euch machen, damit ihr nicht sagen könnt dass es angenehm war. Und nun lehnt … euch … zurück!“ Adellindes blaue Augen wurden so groß wie Unauer Glasperlen. Irgendwo im Hintergrund glaubte Kalkarib einen Zwerg kichern zu hören. Er hatte keine andere Wahl, die Verletzung war so stark, dass er ohnehin bald besinnungslos werden würde, wenn sie unbehandelt blieb und dann wäre er ihr ausgeliefert. Also lehnte er sich zurück und versuchte bei Besinnung zu bleiben, damit er Delia später erzählen konnte, was genau sie gemacht hatte.

Teil III – Hasardeure (2)

Teil III – Hasardeure (1)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Überzahl der Söldner und die schlechten Sichtverhältnisse ließen die Situation für Albrax, die Zwerge und Kalkarib zwar nicht aussichtslos, aber als schwere Hürde erscheinen. Überraschenderweise gingen die Söldner koordiniert vor, was die Lage zusätzlich erschwerte. Die Zwergengruppe hatte ihre Formation geändert, inzwischen standen sie in einer Reihe Seite an Seite und boten somit eine geeinte Linie gegen die Überzahl an Gegnern, an dessen einen Ende sich Kalkarib eingereiht hatte. Beide Seiten tauschten ein paar prüfende, aber nicht allzu ernst gemeinte Stiche und Hiebe aus, es waren die klassischen ersten Versuche auszuloten, wie fähig die andere Seite war und wo ihre Schwachstellen lagen. Kalkaribs besorgter Blick ging dabei immer wieder durch die Reihen zu Sieghelm und dem schwarzen Ritter, die sich noch immer abwartend in sicherer Entfernung gegenüberstanden und anscheinend miteinander sprachen.

„So sieht man sich wieder“, sprach der fremde Ritter in geschwärzten Plattenteilen. Seine Stimme war kehlig und rau, wie von jemanden, der kürzlich eine schwere Atemwegsentzündung durchgemacht hatte. Seine Worte machten Sieghelm neugierig und er beschloss sich standesgemäß vorzustellen, damit sein Gegenüber wusste, wer ihn zu Boron schicken würde. „Ich bin Reichsritter und Ordensmeister Sieghelm Gilborn von Spichbrecher, ich streite im Namen Rondras für Königin und Kaiserreich – und mit wem habe ich die Ehre die Waffen zu kreuzen?“ Sieghelms Höflichkeit war keineswegs ernst gemeint, gehörte aber zum normalen Adeligensprech. Der ältere Ritter, dessen Gesicht von einer Kettenhaube eingerahmt wurde, hatte ein eingefallenes Gesicht und tiefe Falten um seine braunen Augen. „Ich bin Markwart von Graufenck, Baron von Eslamsbrück. Ich war in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld und habe gesehen, wie ihr den erhobenen Amagomer den Blutigen in den Staub getreten habt. Meine Glückwünsche, ich konnte ihn eh nicht ausstehen.“ Sieghelm dachte nach, seine Kenntnisse über die besetzten Gebiete waren begrenzt. Da fiel es ihm wieder ein. „Eslamsbrück, das liegt in der Grafschaft Tobimora“, stellte er fest. „Wir nennen es jetzt Taubrimora. Doch genug geplaudert, lasst uns zur Sache kommen“, schloss  Markwart von Graufenck und nahm wieder eine Kampfhaltung ein. „Sehr gerne, euer Hochwohlgeboren“, bestätigte Sieghelm, ging ebenfalls ein eine Kampfhaltung über und richtete die letzten Worte vor dem Zweikampf an Rondra, in dem er etwas nach oben schaute: „Dieser Kampf ist mein Gebet an dich, Herrin.“ Der Warunker Hammer des Ritters und Custoris begegneten sich klirrend in der Luft. Mit jedem Schwung seiner Waffe ertönte ein den Kampfplatz überschallender Donner. Da Sieghelms aktuelle Rüstung dem des vollplattierten Ritters unterlegen war, musste Sieghelm nicht nur vorsichtig sein, er musste auch versuchen seine Schläge gezielt zu setzen, da er sonst nur Plattenteile einbeulte. Sieghelm wusste, ein Warunker Hammer, dessen andere Seite mit einer scharfen Axtklinge versehen war, konnte mit genügend Schwung verheerenden Schaden anrichten, die Langwaffe war beliebt bei Söldnern, da man mit ihr sowohl gegen Plattenträger, als auch leichte Rüstungen gut gewappnet war. Der stachelige Hammerkopf eignete sich gut, um Plattenteile jeder Art zu knacken, während das lange Axtblatt genügte, um gegen weiche Ziele vorzugehen. Sieghelm trug aktuell nur Kettenteile, weshalb beide Seiten der Waffe für ihn gerade gefährlich waren. Zu guter Letzt hatte der Hammer am Ende einen tödlichen, zehn doppelfinger langen Eisendorn, wenn auch selten eingesetzt, konnte ein geübter Kämpfer diesen überraschend zum Einsatz bringen und damit seinen Gegner aufspießen.

Zurückhaltend, da die eigene Sicherheit gerade im Vordergrund stand, beschränkte sich Sieghelm zuerst darauf zu verteidigen, um taxieren zu können, wie gut sein Gegenüber mit der Waffe umzugehen wusste. Den ersten paar Schwüngen des Barons wich Sieghelm aus. Mit jedem Hieb legte sein Gegner mehr Kraft hinein, was Sieghelm fortwährend dazu zwang Paraden setzen zu müssen. Dem Reichsritter war klar, dass sein Gegner genau wusste, was er vor hatte. Er würde also versuchen seine wahren Fähigkeiten zu verbergen und sie erst zeigen, wenn er sich in einer Vorteilhaften Position sah. Sieghelm musste Baron Markwart also eine überzeugende Schwachstelle anbieten, die ihm dazu verlocken würde, gekonnter zuschlagen zu wollen, damit Sieghelm wiederrum diese exponierte Haltung auszunutzen vermochte.

Während sich der Reichsritter und der Baron von Taubrimora einen taxierenden Schlagabtausch leisteten, war der Kampf, der in unmittelbarer Nähe unterhalb der kleinen Anhöhe stattfand, weniger taktisch. „Für jeden Zwei“, hatte der Hochkönig der Zwerge mit vor Selbstsicherheit geschwellter Brust gesagt. Zuerst war sich Kalkarib nicht sicher, ob der Zwerg witzelte oder ob er es ernst meinte, denn er hatte bisher wenig Erfahrung im Umgang mit den Angroschim. Die mit rauem Kampfgebrüll untermalten Axthiebe der Zwergengruppe ließen den Wüstensohn jedoch vermuten, dass der Hochkönig seine Aussage tatsächlich ernst meinte. Sofort beschloss auch Kalkarib zum Angriff überzugehen, zum einen wollte er sich vor Sieghelm und den Zwergen keine Blöße geben, und zum anderen war die überschäumende Selbstsicherheit des Hochkönigs inspirierend für ihn. Kalkarib musste es mit zwei Gegnern gleichzeitig aufnehmen. Einer von Ihnen trug einen Streitkolben und ein kleines Rundschild, auf dem die Zähne eines Wolfs aufgemalt waren. Der andere hatte einen ihm einen Reichweitenvorteil bietenden Speer. Letzterer stellte sich knapp hinter den mit dem Streitkolben und wurde vom Schild des anderen gedeckt. Es war eine simple, aber dennoch effektive Kampfhaltung der beiden Söldner. Kalkarib war, da er nur einen Khunchomer und keinen Schild führte, in jeder Hinsicht unterlegen. Sie waren zu zweit, besser bewaffnet und zu allem Überfluss auch besser gerüstet. Doch Kalkarib hatte den Glauben an Rastullah auf seiner Seite, was aus Sicht des Wüstensohns den Vorteil der beiden zu genüge ausglich. „Allah maei. Satamut huna!“, fauchte er auf der Sprache der Novadi seinen Gegnern entgegen, um sie zu verunsichern. Für einen kurzen Moment zuckten sie tatsächlich zusammen, denn selbst Söldner der Warunkei fürchteten die Flüche der Novadis. Kalkarib ließ eine rasche Abfolge von Streichen und Hieben auf den Schildträger los, die ihn dazu zwangen in die Parade zu gehen. Die Schneide des Khunchomers regnete dabei pochend und Holzsplitter stobend auf dem Schild hernieder. Währenddessen suchte der Speerträger einen Moment, in der Kalkarib gerade ausholte, um zuzustoßen. Die Spitze des Speers durchstieß den wüstenfarbenen Kaftan von Kalkarib und verfehlte ihn damit knapp. Das war der Moment auf den Kalkarib hingearbeitet hatte. Er visierte sein Ziel an und zuckte mit dem Khunchomer blitzschnell hindurch. Die letzten fünf Finger der gewölbten Klinge schnitten sich mühelos durch den weichen Hals des Speerträgers. Noch während der Söldner Kalkarib mit weit aufgerissenen und ungläubigen Augen anstarrte und zu spät realisierte, dass das schneidige Geräusch der Luft nicht Bishdariel, sondern die Klinge des Wüstensohns war, hiebte der andere mit seinem Streitkolben nach ihm. Kalkarib versuchte auszuweichen, doch der Speer verhakte sich in seinem Kaftan und hielt ihn an Ort und Stelle. Ein betäubender Schmerz durchzuckte seinen linken Oberschenkel, als ihn der Kopf des Kolbens dort traf. Das Bein gab nach und Kalkarib ging auf die Knie. Der Speerträger hatte seine Waffe inzwischen los gelassen und hielt sich nun rückwärts taumelnd und blutgurgelnd den Hals. Der andere Kämpfer hatte sich jedoch gefangen und wurde rasend vor Wut. Während Kalkarib den Schmerz im Oberschenkel versuchte zu ignorieren, kam der Kopf des Streitkolbens erneut auf ihn zu. Zweimal musste Kalkarib die kraftvollen Hiebe aus der benachteiligten Position ablenken, was den Schmerz im Bein jedoch noch mehr befeuerte. Da stürzte sich der Söldner plötzlich und unerwartet auf ihn. Mit dem Rundschild voran warf er sich auf Kalkarib, der dieses Manöver wahrhaftig nicht hatte kommen sehen. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf, erneut brüllte der Schmerz in Kalkaribs Bein so intensiv, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde. Als er wieder zu sich kam, sah er den Söldner mit hasserfülltem Blick über sich sitzen. Das Schild drückte er auf Kalkaribs Brust und rechter Schulter und hielt damit seinen Waffenarm fixiert. Kalkarib versuchte unter dem Druck des Schilds seinen Khunchomer zu bewegen, doch gelang es ihm nicht. Der Söldner holte zum finalen Schlag aus, Kalkarib blieb keine Wahl, er zückte ohne darüber nachzudenken den Waggif, das kleine geschmückte Messer, und stach damit ziellos zu. Die schlanke gekrümmte Klinge zwängte sich mühelos zwischen den Kettengliedern hindurch und verschwand bis zum Schaft im Brustkorb des Söldners. Es verstrich ein langer Moment, in dem alles verharrte und nichts geschah. Selbst den Kampflärm drumherum nahm Kalkarib nicht mehr war. Da hustete der Söldner plötzlich und Blut rann über seine Lippen. Der Streitkolben rutschte aus dessen Hand und plumpste zu Boden. Die Gelegenheit nutzend, schob er den Mann mit Hilfe des Schilds von sich runter. Es schepperte als er neben ihm zu Boden ging, mühsam rappelte sich Kalkarib auf – der Schmerz in seinem linken Bein war noch immer da. Als er seinen Familien-Waggif aus der Brust des Mannes zog, schaute ihn dieser ungläubig an, bevor ihm die Augenlieder ein letztes Mal zufielen. „Rastullah ich danke dir“, murmelte er in seiner eigener Sprache und strich das Blut von der Klinge des Waggifs. Da ließ ihn plötzlich ein ohrenbetäubender Schrei zusammenzucken. Der Novadi realisierte, dass der Kampf zwischen den Angroschim und den Söldnern noch immer in vollem Gange war, auch wenn sich ihre Überzahl inzwischen dezimiert hatte. Humpelnd ging Kalkarib der Zwergengruppe entschlossen zur Hilfe.

Auf der kleinen Anhöhe wurde der Kampf zwischen dem alten Baron von Taubrimora und dem Ordensmeister inzwischen ernster. Auch wenn keiner von beiden bisher einen Treffer hatte landen können, so hatten sie beide viel über das Kampfverhalten des anderen gelernt. „Wollt ihr mich ermüden, Ritter?“, spottete Baron Markwart, dem das Getänzel begann zu langweilen, mit belegter Stimme. „Ich helfe euch gerne dabei, euch zur letzten Ruhe zu legen, euer Hochwohlgeboren“, konterte Sieghelm mit spitzer Zunge. Doch Markwart ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, ganz im Gegenteil, er schmunzelte sogar ob der Aussage Sieghelms. „Ihr kämpft so zaghaft wie die Akoluthinnen bei der kläglichen Verteidigung ihres Perainetempels in Perz“, sprach er in rauem Ton und ließ den Warunker Hammer erneut rotieren. Sieghelm wich den Schlägen mühelos aus. „Ihr brüstet euch mit euren Schandtaten!?“ Sieghelms Stimme kippte vom spöttischen ins ernste, auch er hatte langsam genug davon. Als der Baron begann sich mit den Gräueltaten in Perz zu profilieren, wurde ihm übel und wütend zugleich. „Ich habe die zwei jungen Akoluthinnen zwei Mal auf dem Altar gepfählt – und ich kann euch sagen – bei einem davon hatten auch sie ihren Spaß.“ Das ekelhaft schmutzige Grinsen auf den faltigen Lippen des Barons, als er beschrieb was im Tempel geschah, ließ den Reichsritter erzürnen. Die Vorstellung, was dieser widerliche alte Bastard den Bewohnern von Perz angetan hatte, war schon fürchterlich genug, doch dass er nun auch noch begann zu beschreiben wie er den Tempel schändete, kochte es in Sieghelm hoch. „Schweigt!“, brüllte Sieghelm und beschloss dem alten Mann jetzt und hier sein verdientes Ende zu setzen. Der Reichsritter schwang in mächtigen Kreisen Custoris, Donner grollte über das Wäldchen und mit wütend angewidertem Blick machte er Schritt für Schritt nach vorne. Markwart wurde in die Parade gezwungen und wich zurück. Er ließ Sieghelms Schläge ins Leere laufen, während das widerwärtige Grinsen auf seinen Lippen nicht verging. Er hatte seinen Kontrahenten nun da, wo er ihn haben wollte. Es verlangte schon sehr viel Kühnheit oder auch Wahnsinn, um sich Sieghelms Ausfall und Abfolge von Schwüngen entgegen zu stellen, wahrscheinlich besaß Markwart beides, als er plötzlich stehen blieb und Sieghelm weiter auf sich zukommen ließ. Durch die Verkürzung der Distanz, rammte Custoris Stärke donnernd auf die linke Schulterplatte des Barons. Der Plattenpanzer gab ächzend unter der Kraft nach und Markwart spürte wie ihn die Klinge durch die Rüstung hindurch traf. Er federte die Wucht mit den Beinen ab und blieb so, Angesicht zu Angesicht zu seinem Angreifer stehen. Während Sieghelms Gesicht vor süßem Zorn strahlte, überkam Markwart aus dem tiefsten Innern eine aufsteigende Übelkeit. Erst gluckste es in seiner Brust, dann in seinem Hals und als würde er ein dickes Knäuel Haare, wie ein Greifvogel das Gewölle ausspuckte, hervorbringen, drang plötzlich aus seinem Mund ein ohrenbetäubendes Rülpsen, gefolgt von einer giftgrünen Wolke, die zuerst über Sieghelms Gesicht, und dann dessen ganzen Körper waberte. Der Reichsritter, der eben noch entzückt von seinem Treffer war, erschrak und atmete einen tiefen Schwall von der übelriechenden Wolke ein. Er taumelte reflexartig zurück und auch ihm wurde sofort speiübel. Mit jedem Schritt, den er tat, spuckte und schniefte er. Es gelang ihm geradeso die Selbstbeherrschung aufzubringen, sich nicht zu übergeben. Auch seine Augen tränten für einen Moment, was Sieghelm dazu veranlasste, Custoris schützend vor sich zu halten, falls Markwart vorhatte, seinen Moment der Blindheit auszunutzen. Doch der Baron von Taubrimora blieb an Ort und Stelle stehen, er rückte seine Schulterplatte zurecht, wischte sich den Mund ab, als hätte er gerade von einer fettige Schweinshaxe abgebissen und letztlich formte sich ein überlegenes und wissendes Lächeln auf seinem Gesicht. „War das alles was ihr könnt, Herr Ritter?“ Markwart wischte sich imaginären Staub von der Brust, während er seinem Gegner erneut spottete. Sieghelm brauchte einen kurzen Moment, doch dann hatte er sich wieder gefangen, die Tränen vergingen und den Geschmack nach verdorbenen Fleisch hatte er erfolgreich ausgespuckt. „Ich habe noch gar nicht angefangen!“ Sieghelm umklammerte Custoris noch fester und ging mit mehr Entschlossenheit auf Markwart zu. Unterwegs zu ihm erfassten ihn plötzlich Schmerzen in Beinen und Armen, als hätte ihn ein Zauber getroffen. Sein rechtes Bein verkrampfte so stark, dass es sich zusammenzog und Sieghelm das Gleichgewicht verlor. Mit aller Macht hielt er Curtsoris fest, als er zu Boden ging und er am ganzen Körper heftige Schmerzen und unkontrollierte Zuckungen hatte. Er unterdrückte den Schmerz, um nicht loszuschreien, wer auch immer ihn verzaubert hatte, er wollte dem Angreifer nicht die Blöße geben zu schreien. Doch was geschah mit ihm? Er sah Markwart langsam näher kommen, der seinen Warunker Hammer lässig über die Schulter geworfen hatte und noch immer das süffisante Grinsen in Gesicht hatte. Er konnte nichts dagegen unternehmen, die Krämpfe und Zuckungen waren zu stark, dass er schon genug damit beschäftigt war, nicht die Besinnung zu verlieren. „Dadurch, dass ich den Peraine-Tempel schändete…“, begann Baron Markwart mit seiner krächzenden Stimme im Plauderton, „ …verlieh mir meine Gottheit mehr Macht als zuvor.“ Er strich sich dabei wie beiläufig über eines der Zeichen auf seiner Rüstung, was Sieghelm erst jetzt als das Zeichen Mishkharas erkannte, der Dämonin der Missernten und der Pestilenz. Sieghelm wurde sofort, allerdings viel zu spät, klar, weshalb der alte Baron seit Kampfbeginn an so ruhig geblieben war. Er hatte einen Pakt mit Mishkhara geschlossen, weshalb er es nicht nötig hatte mit Sieghelm in ein rondrianisches Gefecht zu gehen. Er hatte dank seines Pakts die Macht und Zugriff über zahlreiche wirkungsvolle Gifte. Sieghelm öffnete den Mund, er wollte ihn verfluchen, seine Göttin anrufen oder um Hilfe rufen, doch außer sehr leises Glucksen drang nichts aus seinem Mund, denn auch seine Stimmbänder verkrampfen so sehr, dass er nicht einmal mehr das tun konnte. 

Markwart, der sich sicher war, dass Sieghelm ihm nichts mehr anhaben konnte, kniete sich zu ihm nieder, um ihm besser ins krampfende Gesicht blicken zu können. Er wollte den Moment seines Sieges in vollen Zügen auskosten. Es war das zweite Mal, dass Sieghelm das eingefallene Gesicht des alten Mannes von so nahem sehen konnte. Unter der Kettenhaube, die sein Gesicht einrahmte, konnte er rote entzündete Haut ausmachen und auch seine Zähne, die so Gelb und dünn waren wie Kornähren, standen weit voneinander entfernt in dem kranken Kiefer des Paktierers. Sieghelm hatte all die Zeichen übersehen, er hatte sich zu sehr auf das Kampfverhalten des Mannes konzentriert, dass er keinen Blick für dessen Symbole auf der Rüstung oder die Zeichen des Paktes hatte, die ihm sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben standen. „Ich habe eine Idee, ich werde euch meine Ländereien in Taubrimora zeigen“, begann Markwart erneut, dieses Mal in einem absurden Ton, als würde er mit einem Kind sprechen. Seine krächzende und entzündete Stimme – die ebenfalls ein Zeichen war, das Sieghelms übersehen hatte – machte es jedoch makaber. Mit jedem Wort, das er aussprach, wurde sein Grinsen breiter und breiter: „Ich werde euren hübschen Kopf auf einen Speer aufspießen und durch mein Land tragen.“

Teil III – Hasardeure (1)

Teil II – Neue und alte Freunde (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Der Reichsritter und der Novadi berichteten dem Hochkönig der Zwerge von der Gräueltat aus Perz und als Kalkarib erwähnte, dass er wusste wo sich die vermeidlich Schuldigen zur Zeit aufhielten, erhellten sich die alten und müden Augen des Angroschim zunehmend. Die Aussicht auf einen Kampf ließ ihn freudig von einem Bein aufs andere wippen, denn er hatte seinen Felsspalter schon viel zu lange nicht mehr geschwungen. Albrax ließ sechs Zwerge aus seiner Delegation bei Ysta und den Flüchtlingen zurück, die sich solange in einem anderen Wäldchen verstecken sollten. Er nahm vier weitere seiner besten Kämpfer mit, um dem Söldnerhaufen die Stirn zu bieten. „Wir sind Ihnen dann immernoch zwei zu eins unterlegen“, kommentierte Kalkarik die Situation, als er die eigene Gruppenstärke durchzählte und mit denen der Söldnergruppe verglich. „Nur Zwei für jeden?“, antwortete Albrax selbstsicher. „Dann wird es nicht lange dauern.“ Die Antwort des Hochkönigs überraschte Kalkarib, der noch keine Erfahrung mit Zwergen und ihrer Art zu Kämpfen hatte. Als sich die drei Menschen, denn Adellinde bestand darauf auch mitzukommen, und die fünf Zwerge, angeführt von Kalkarib, da nur er wusste, wo sich die Söldner aufhielten, am frühen Abend aufmachten, berichtete der Wüstensohn so detailliert er konnte von dem Lager der Söldner. Er hatte etwa drei Handvoll von ihnen gezählt und berichtete von ihrer Bewaffnung, wie ihr Lager aufgebaut war und welche möglichen Schwachpunkte es hatte. Albrax und Sieghelm hörten sich seine Ausführungen gut an, immerhin würde eine gute Vorbereitung über Sieg oder Niederlage entscheiden, führte der Reichsritter als Argument ins Feld. Am Ende schmiedeten sie einen Plan, wie sie im Schutze der Dunkelheit das Lager angreifen würden. Kalkarib schlug vor, dass sie warten sollten, bis es dunkel war, um sich dann so nah wie möglich an das Lager heranzuschleichen und sie zu überraschen, wenn sich die ersten schon hingelegt hatten. Sieghelm gefiel der Vorschlag nicht, er empfand ihn als nicht ‚rondrianischen genug‘, meinte aber, dass Albrax entscheiden sollte wie sie vorgehen sollen, da ihm als Hochkönig die Ehre zuteilwurde, die angemessene Taktik vorzugeben. Albrax fühlte sich geehrt, doch wäre er kein Zwerg, wenn er genau das tat, was alle von ihm erwarteten, weshalb er wollte, dass Kalkaribs Plan umgesetzt wird, da er die Gruppe entdeckt hatte und es seiner Meinung nach in seiner Verantwortung läge „den Angriffsplan“ vorzugeben. Mit einem kleinlauten Murren stimmte Sieghelm dem Hochkönig zu. Letztlich hatten sie sich für einen klassischen Zangenangriff entschieden. Auf der einen Seite die Zwerge, angeführt von Hochkönig Albrax, und auf der anderen Seite Sieghelm und Kalkarib. Da Adellinde nicht kämpfen konnte, sollte sie etwas zurück bleiben und für etwaige Verletzte bereit stehen. Sie wollten die Nacht abwarten, sich anschleichen und dann auf ein Zeichen Kalkaribs hin von zwei Seiten das Lager in die Mangel nehmen. Da ein Teil der Söldner zu der Zeit schon schlafen würde und sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatten, würde es so das Risiko auf eigene Verletzte minimieren. Der Plan schien perfekt, doch was Kalkarib nicht wusste war, dass er eine kleine Gruppe stark unterkämpfter Zwerge enthielt.

Die Dunkelheit brach über das Wäldchen ganz plötzlich herein, die Dämmerung hatte lange angehalten, aber von einem Moment auf den anderen wurde es stockfinster. Die Zwerge und Menschen teilten sich wie verabredet auf. Sieghelm hatte seine schweren Rüstungsteile beim Pferd zurückgelassen und war nur mit leichter Rüstung unterwegs, um nicht so viel Krach zu machen und den Zwergen war ihre Rüstung quasi angewachsen, weshalb auch diese kaum bis gar keine Geräusche verursachten. „Wir sehen uns in der Mitte ihres Lagers, auf einen guten Kampf“, flüsterte Sieghelm dem Hochkönig zur Verabschiedung zu und dann trennten sich ihre Wege. Adellinde, Kalkarib und Sieghelm mussten sich etwa fünfhundert Schritt durch teils dichten Wald schleichen, um zum Lager vorzudringen. Sie sollten von Rahja her angreifen, während die Zwerge die Efferdseite einnehmen sollten.  Die halbe Meile kam den drei wie eine Ewigkeit vor, vor allem Sieghelm hatte damit zu kämpfen, denn es war so gar nicht seine Art sich fortzubewegen. Wohingegen sich Kalkarib und Adellinde weniger schwer taten. Immer wieder trat Sieghelm auf einen knackenden Ast, verhakte sich in einem Gebüsch oder kratzte mit seiner Rüstung an der Borke eines Baumes entlang. „Beim Alleinen, kannst du nicht leiser sein?!“, brach es irgendwann im gepressten Flüsterton aus Kalkarib heraus, dessen Blick bei jedem ungewollten Geräusch, das Sieghelm verursachte, immer finsterer wurde. „Ich kann einfach nichts sehen. Es ist nicht jeder so ein windiges Wiesel wie du“, frotzelte Sieghelm. „Ein Wiesel? Was soll …“ „PSCHT!“, zischte Adellinde lauter als gewollt dazwischen, als sie einer lautstarke Diskussion entgegen sah und sich dazu verpflichtet fühlte diese vorzubeugen. Die beiden Männer sahen sich erst verblüfft einander an und holten dann beide hörbar tief Luft. „Ah-Ah“, gluckste sie. Erneut ließ Adellinde ihre Zeigefinger flink durch die Luft fliegen, doch dieses Mal kamen sie auf den Lippen beider Männer zur Ruhe. „Wir haben dafür keine Zeit“, begann sie im eindringlich ernsten Ton. „Jeder hier gibt sein Bestes und jeder hier will das Selbe – also bei der gütigen Göttin, reißt euch zusammen.“ Für ein paar Lidschläge konnte man sehen, wie es in beiden jungen Männern arbeitete. Zeitgleich erhoben beide ebenfalls ihre Finger und deuteten auf den jeweils anderen. Adellinde konnte das schnippige ‚Aber er hat angefangen‘ schon in ihrem Kopf hören, doch ehe es einer von den beiden Zankhähnen aussprechen konnte schnipste sie mit beiden Händen kurz vor ihren Gesichtern und vollführte anschließend eine komplexe Abfolge von Gesten, die so viel hieß wie: ‚Schnauze halten, konzentriert bleiben und weiter gehen!‘ Was die beiden Männer dann auch kommentarlos befolgten. Sie fragte sich, was diese beiden ‚Jungs‘ bloß miteinander verband. Sie kannte sie erst flüchtig, aber wenn sie in der kurzen Zeit eins über sie gelernt hatte, dann, dass sie keine Gelegenheit ausließen miteinander zu zanken, ohne das es dabei zu einem Ergebnis kam. Trotzdem fand sie beiden putzig. Vielleicht genau wegen ihrer kindische Art keinen Zank auszulassen, gingen sie trotzdem achtsam miteinander um und harmonierten auf eine sehr seltsame Weise miteinander.

Den Rest der Strecke bis zum Söldnerlager legten die drei schweigend hin, und tatsächlich gelang es Sieghelm auch etwas leiser zu sein als zuvor. Kalkarib ging dem Ritter sogar unterwegs zur Hand, was der allgemeinen Stimmung und der Heimlichkeit der ganzen Gruppe zuträglich war. Als sie die Lichtkegel des Lagers sahen, wurden sie besonders vorsichtig, denn auch wenn es nur Söldner waren, konnten sie trotzdem irgendwo Wachen aufgestellt haben. Sie versteckten sich hinter dem Wurzeltrichter einer umgefallenen Buche, von dem aus sie einen guten Blick auf das Lager hatten. Zwei Feuerstellen konnten sie ausmachen, um denen ständig fünf Söldner saßen und sich miteinander unterhielten. Sie beobachteten das Lager noch eine Weile, denn sie mussten sicher gehen, dass auch die Zwerge auf der anderen Seite ihre Position eingenommen hatten. Da sie die Zwerge weder sehen noch sich mit ihnen verständigen konnten, blieb Ihnen keine andere Wahl, als zur Sicherheit noch etwas abzuwarten. Immerhin waren die Angroschim zu fünft und vielleicht kamen sie nicht so zügig voran wie sie oder sie wurden unterwegs durch irgendetwas aufgehalten und nichts wäre fataler für den Ausgang des Überraschungsangriffs gewesen, als zum Sturm zu rufen und die andere Gruppe war noch nicht da. Kalkarib und Sieghelm zählten insgesamt 16 Söldner, und das waren nur die, die sie sehen konnten. In den kleinen Zelten konnten noch mehr sein. Auf jeden Fall mussten es diejenigen sein, die Perz angegriffen hatten. Sieghelm erkannte einige kleine Fässer auf einem Handkarren als Bierfässer wieder, wie sie in den Tavernen in Perz benutzt wurden. Die Söldnergruppe trug die unterschiedlichsten Waffen, die meisten von Ihnen hatten Hiebwaffen wie Streitkolben, Äxte oder Morgensterne, aber es waren auch Hellebarden, Piken und klassische Schwert und Schildträger unter ihnen. Es waren auch Bogenschützen dabei, doch mit Ihnen würden sie leichtes Spiel haben, da sie im Überraschungsangriff nicht genug Zeit haben würden ihre Bögen zu bespannen und es in der Dunkelheit eh wenig Sinn ergab, mit einem Bogen zu schießen. Während die beiden Männer die taktische Lage sondierten, ging Adellinde ein letztes Mal ihre Verbände und Heilmittel durch. „Wenn ihr verletzt seid, ruft mich und ich komme zu euch“, flüsterte sie den beiden ganz leise zu.

Gemeinsam warteten sie noch etwas. Die Söldner verhielten sich allgemeinhin recht ruhig, sie tranken zwar das Bier aus Perz, aber sie ließen sich nicht richtig volllaufen. Für Sieghelm machte es fast den Eindruck, als wäre es ein geordneter Haufen. Er hatte sich betrinkende, grölende und feiernde Soldlinge erwartet, mit denen sie leichtes Spiel haben würden und nicht eine Gruppe nüchternen Söldner, die wachsam sein würden. Doch es machte letztlich keinen Unterschied, sie alle würden diese Nacht nicht überleben – dafür würden er und Custoris schon sorgen. „Die Zwerge sollten inzwischen in Position sein“, hauchte Sieghelm, der langsam ungeduldig wurde. „Ja, aber es haben sich noch nicht genug schlafen gelegt, über zwei Handvoll sind noch wach“ antwortete Kalkarib ebenfalls leise, ohne das Lager aus den Augen zu lassen. Es war ruhig rund um das Lager, nur ab und an trug der Wind ein paar vereinzelte Wortfetzen der ehemaligen Galottaner herüber. Kalkarib zählte akribisch jeden der sich in eins der zahlreichen Zelte zurückzog, denn schon bald würde er den Befehl zum Angriff geben. Die Zeit verstrich quälend langsam, denn die drei gaben sich die größte Mühe leise zu sein und sich so wenig wie möglich zu bewegen. Auch vom Söldnerlager war kaum ein Laut zu hören. Doch dann eskalierte die Lage völlig: „HAAAAARRRRGH!“ Lautes Gebrüll war das Erste, was sie aus Richtung des Lagers vernahmen, es war derart grotesk laut und unartikuliert, dass keiner der drei es sofort einzuordnen wusste. Waren es die Schmerzensschreie eines unglücklichen Mannes der ins Lagerfeuer gefallen war? Hatten die Söldner einen Gefangenen, den man mit einer glühenden Schmiedezange den großen Zeh abgeknipst hatte? Oder gar der absurd schrille Schrei eines Nachtwinds im Angesicht einer Gruppe Magier? Kalkarib und Sieghelm sprangen instinktiv hinter ihrer Deckung hervor, um einen besseren Blick auf das Lager zu haben und da sahen sie auch schon, was der Grund für das absurde Geschrei war. Sie wurden Zeugen wie eine dichte Traube axt- und hammerschwingender wild brüllender Zwerge in dichter Formation durch das Lager marodierte. Die Söldner wussten nicht wie ihnen geschah und die ersten von Ihnen wurden von ihren Hämmern und Äxten erst zu Fall gebracht und dann in einer perfekt ablaufenden Todesmaschinerie mit mehreren Hieben im Vorbeigehen zu Boron geschickt. „Wir müssen Ihnen helfen, los!“, befahl Sieghelm eilig, der seinen Anderthalbhander aus der Scheide springen ließ und sofort loseilte. Kalkarib folgte ihm auf dem Fuße, während Adellinde hinter dem Wurzeltrichter blieb. Sie hörten noch immer das groteske zwergische Kampfgebrüll, das immer wieder mal vom absterbenden Schreien eines Söldners übertönt wurde. Als die beiden Kämpfer am Lager ankamen, war das erste Überraschungsmoment vorbei, die restlichen Söldner hatten sich inzwischen ihre Waffen geschnappt und sich kampfbereit gemacht, die Zwerge hatten fünf von Ihnen wortwörtlich niedergemäht und sind in Formation in der Mitte des Lagers zum Stehen gekommen. Schulter an Schulter standen die sechs gedrungenen Zwerge wie eine Einheit zusammen und reckten ihre vor Söldnerblut tropfenden Klingen ihren umzingelnden Gegnern entgegen. „Rondra ist mit uns!“, brüllte Sieghelm, preschte aus der Dunkelheit hervor und zog so die Aufmerksamkeit von vier Söldnern auf sich. Die Söldner wandten sich ihm zwar zu, doch mit einem einzigen und dennoch mächtigen Hieb von Custoris spaltete er den Brustkorb eines Söldners, begleitet von einem göttlichen Donnerknall, in zwei Hälften – was unmittelbar zu dessem Tod führte. Erschrocken sprangen die anderen zur Seite und wagten es nicht, dem Reichsritter die Stirn zu bieten. Währenddessen schnellte Kalkarib an einer anderen Stelle aus einem Busch hervor und ließ seinen Khunchomer in Windeseile zwei Mal durch den Oberkörper einer Söldnerin schnellen, so dass sie sofort zu Boden ging. „Zwerge! Was macht ihr hier?“, rief Kalkarib, der empört darüber war, dass der Angriff nicht auf sein Kommando hin initiiert wurde, der Zwergengruppe perplex zu. „Ich improvisiere!“, rief die Zwergengruppe zurück. Es war zwar Albrax‘ Stimme, doch war nicht genau auszumachen, wer von den fünf miteinander verhakten Zwergen der Hochkönig war. Für mehr Dialog blieb keine Zeit, die Söldner hatten den zweiten Überraschungsangriff inzwischen auch verdaut und positionierten sich taktisch neu. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch, bei dem keiner der Seiten einen entscheidenden Schlag zu setzen vermochte. Mit jedem Schwung den Sieghelm dabei tat, donnerte Custoris so laut durch das Wäldchen, dass man glauben konnte, dass ein Gewitter heraufzog. Das ganze wurde vom wilden Kampfgebrüll der Zwergengruppe untermalt, die die dichte Formation nicht aufgaben, sich wie ein axtbewehrter Kreisel hin- und herdrehten und dabei alle Beine vom Boden schnitten wie eine frisch geschärfte Sense trockenes Heu. Der Khunchomer des Novadis surrte so schnell durch die Luft, dass jeder Söldner schon die erste Wunde am Körper hatte, eh er auch nur seine schwerfällige Waffe in Reichweite zu ihm bringen konnte. Trotz des improvisierten Überraschungsangriffs der Zwerge, waren noch genügend Söldner übrig, um vorerst für einen Patt zwischen den beiden Gruppierungen zu sorgen. Zwischen dem Donnern des Schwerts und dem Gebrüll der Zwerge, vermochte Sieghelm eine einzelne befehlsgewohnte männliche Stimme auszumachen, die dem unglücklichen Haufen Befehle zubellte. Das muss der Anführer sein, dachte sich der Ordensmeister und orientierten sich im Schein der Lagerfeuer neu. Er entdeckte einen stämmigen Mann Mitte vierzig Götterläufe alt in einer geschwärzten Plattenrüstung mit roten Symbolen. Während die Zwerge von über zehn Männern und Frauen mit Piken und Hellebarden bewaffnet umzingelt wurden und Kalkarib immer wieder die Position wechseln musste, um nicht selbst in Bedrängnis zu geraten, kämpfte sich Sieghelm entschlossen zu den kommandobrüllenden Mann vor. Tödliche Hiebe konnte der Reichsritter unterwegs nicht setzen, denn er wollte keine Zeit verlieren. Die halbherzigen Hiebe der Söldner, die es wagten, sich in seinen Weg zu stellen, schlug der Ritter wie beiläufig beiseite. Inzwischen war er dem Mann in der Plattenrüstung näher gekommen, seine Aura war klar die eines Adeligen. Dies würde ein würdiger Kampf werden, dachte sich Sieghelm und rief mit entschlossener und lauter Stimme, so dass es der Ritter zu hören vermochte: „Dieser Kampf ist mein Gebet an dich, himmlische Leuin.“ Sofort schenkte der adelige Söldneranführer Sieghelm seine Aufmerksamkeit, indem er sich zu ihm drehte und eine Kampfhaltung einnahm. Er führte eine zweihändig geführte Warunker Gardeaxt, und wenn er damit umzugehen vermochte, hatte das Aufeinandertreffen der beiden das Potenzial, ein gleichwertiger Zweikampf zu werden, weshalb Sieghelm hoffte, des er nicht zu schnell vorbei war und eines Kampfgebets an Rondra würdig. „Macht Platz“, befahl der unbekannte Adelige zu den ihm umgebenen Mannen und tatsächlich, die Söldner räumten ihrem Befehlshaber und Sieghelm einen ordentlichen Kampfplatz von über fünf Schritt Durchmesser ein. Inzwischen hatten sich die Positionen der anderen ebenfalls zurechtgerückt und es entstand eine kurze Kampfpause. Während sich Sieghelm einem rondrianischen Zweikampf stellte, den er selbst gesucht hatte, mussten der Novadi und die fünf Zwerge es mit dem Rest der Bande aufnehmen. „Für jeden Zwei“, sagte Albrax aus der Zwergenformation und gluckste vor Lachen. „Für jeden Zwei“, bestätigte Kalkarib ernst, denn ihnen standen tatsächlich ein dutzend Söldner gegenüber und schon begann das Schwertgeklirre erneut.

Teil II – Neue und alte Freunde (3)

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Sieghelm, Adellinde und Kalkarib kauerten zusammen hinter einer Anhöhe und lugten über die Kuppe. Die zwei Pferde hatten sie etwas weiter hinten an einer alten Koppel befestigt, damit man diese von der Reichsstraße aus nicht sehen konnte. Sie blickten zwischen dem hohen Gras des Hügels hinweg in Richtung der Straße, um so von der großen herannahenden Gruppe nicht gesehen zu werden. In Sieghelms Gesicht und seiner gesamten Körpersprache war zu sehen, dass er mit der Herangehensweise seiner kleinen Reisegruppe nicht allzu zufrieden war, er wurde jedoch überstimmt und wollte vor Adellinde nicht den störrischen Reiseleiter raushängen lassen. „Kannst ihr etwas erkennen?“, frug er gleichwohl interessiert und ein kleines bisschen trotzig. Nur Adellinde und Kalkarib blickten durch das hohe Gras in Richtung Straße. Sieghelm hielt es für nicht notwendig und lag auf dem Rücken um, wie er es nannte ‚Die Rückseite im Auge zu behalten‘. „Noch nicht, nur das es viele sind“, antwortete Kalkarib im markanten Novadi-Akzent. Der Ritter wollte schon zu einem gehässigen Kommentar ansetzen, biss sich dann aber auf die Zunge und hielt sich zurück.

Es verstrich noch etwas Zeit. Die herannahende Gruppe, die offen auf der Reichsstraße von Firun nach Praios ging, war zu Fuß unterwegs und nahte sich nur langsam ihrer Position. „Das ist merkwürdig. Ich glaube, ich sehe da einen Tulamiden.“ Kalkaribs Worte ließen Sieghelm neugierig werden. „Einen Tulamiden? Beim heiligen Geron …“ Sieghelm konnte es kaum glauben. Hatte Galotta etwa sogar Tulamiden aus Aranien unter seinen Sold gestellt? Wenn dem so war, war es schlimmer als befürchtet. Diese gottlosen Südländer würden noch viel bösartiger marodieren als mittelländische Söldner. Nun wandte er sich doch um, drückte etwas das hohe Gras zur Seite und blickte ebenfalls über die Kuppe zur Reichsstraße. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sie hatten sich extra auf die Rahjaseite des Weges gelegt, um so die aufgehende Praiosscheibe um Rücken zu haben und somit einen taktischen Vorteil zu besitzen. Es schien so, als hätte der Wüstensohn tatsächlich Recht, auch Sieghelm erblickte dort einen Tulamiden – oder zumindest jemanden der wie einer gekleidet war. Er trug einen großen Turban und einen roten Kaftan. Sogar eines dieser, wie Sieghelm sie nannte, ‚kaputten‘ krummen Schwerter. „Du hast Recht, das ist wirklich ein Tulamide. Hmmm, wenn sich teile Araniens dem Heptarchenreich angeschlossen haben, dann steht der Feind nun auch im Süden vor den Toren des Kaiserreichs“, spekulierte er. „Zuzutrauen wäre es diesen Landesverrätern“, fügte er mit ernster Stimme hinzu. Da erhob Adellinde das Wort: „Herr Ritter, schaut euch die Leute hinter ihm mal genauer an.“ Ihre seidige Stimme entzückte ihn so sehr, dass er ihrem Wunsch sofort entsprach. Er drückte wieder etwas Gras zur Seite und blickte noch einmal über die Kuppe. „Ich sehe … sehe … heruntergekommene Marodeure, bei meiner Treu! Es sind sogar Kinder darunter! Diese gottlosen Tulamiden schrecken vor nichts zurück! Ich habe es immer gesagt, diese Landes …“ „Ser!“, unterbrach Adellinde den Ritter in seinem Fluch mit scharfer Stimme. „Das sind Überlebende aus Wehrheim!“  Ihre blauen Augen blickten den Ritter mit ernster Miene an. Sieghelm wurde von ihnen in den Bann gezogen und schaute zum dritten Mal durch das hohe Gras. „Hmmm … auch möglich“, gestand er ein. „Das kommt davon, wenn man ohne ordentliches Wappen über eine Reichsstraße in einem Kriegsgebiet reist. Wie soll man da als Heerführer Freund von Feind unterscheiden?“ Adellinde stieß nur ein wütendes Schnaufen aus, und ehe Kalkarib und Sieghelm reagieren konnten, war sie auch schon aufgesprungen und über die Kuppe gesprungen. Die beiden Männer versuchten noch nach ihr zu greifen, um sie daran zu hindern, doch die kleine Priesterin war einfach viel zu wendig und so griffen beide ins Leere. „Gut gemacht, Kalkarib“, spottete Sieghelm in ironischem Flüsterton, während er sich wieder fallen ließ. Dieser blickte mit großen Augen und absoluter Unverständnis zu Sieghelm. „Was kann ich denn jetzt dafür?“, protestierte er. „Sich hinter der Anhöhe zu verstecken war deine Idee, ich hatte gleich gesagt, dass wir auf der Reichstraße offen auf sie zugehen sollten.“ Der Novadi setzte zu einer Erklärung an, doch irgendwie war Sieghelms einfacher Logik nichts entgegen zu setzen, dass ihn hätte umstimmen können, und so ließ er es bleiben, schnaufte nur angestrengt und blickte wieder durch das Gras, um zu sehen, was die Priesterin vor hatte. „Wir müssen etwas unternehmen.“ sagte er dann noch, als er sah wie die große Reisegruppe anhielt, als Adellinde sie konfrontierte. 

„Peraine segne euch!“, rief die kleine Priesterin mit ihrer hellen Stimme der großen Gruppe entgegen und breitete einladend die Arme aus. Sie trug eine dunkelgrüne Kutte mit einer gelben Ährenstickerei auf der Brust und war ganz offensichtlich als Dienerin der gebenden Göttin zu erkennen. Der Mann, der wie ein Tulamide aussah und ganz vorne lief, war der erste der ihr entgegen schritt. „Salam’aleikum, die Gebende ist mit euch!“, antwortete er und machte eine mehr als nötige tiefe Verbeugung. „Ich bin Ysta Mandrakhor, bescheidener Diener der Heiligen Mutter“, stellte sich der Mann weiter vor. Er trug einen dunklen, grau melierten Spitzbart am Kinn der ihm bis zur Brust reichte, war von hagerer Gestalt und gekleidet in einem etwas abgewetzten roten Kaftan, der von einem mit silberbeschlägen verzierten Gürtel gehalten wurde. An dessen Seite in einer Halterung ein Säbel hing, der in einer ebenfalls mit Silber verzierten Scheide steckte. Adellinde erkannte, dass der Tulamide offenbar von höherem Stand sein mochte. Zudem hatte er einen leichten, kaum hörbaren Akzent, der so überzeugend war, dass er wohl wirklich aus Aranien stammen mochte. Von seinem offensichtlichen Aussehen ganz zu schweigen. „Ich bin der Karawanenführer einer Gruppe aus Waisen und Versehrten aus Wehrheim. Wir sind auf der Reise nach Gareth, um dort Schutz zu suchen. Und mit wem habe ich die Ehre?“ Der Mann, der sich als Ysta vorstellte, lächelte breit. Adellinde blickte kurz unwillkürlich herüber zur Anhöhe, sie hatte vergeblich gehofft, dass ihr die beiden Männer hinterher eilen würden. Ihr Gegenüber bemerkte ihren Seitenblick zur Anhöhe und ließ ebenfalls für einen kurzen Moment seine Augen darauf ruhen, ohne auch nur eine einzige Miene zu verziehen. Für die junge Adellinde wäre es schwer gewesen zu schätzen, wie alt der Tulamide war, sie hatte mit Südländern keine Erfahrung. Seine bronzefarbene Haut schien makellos sein, doch sein langer Bart und sein Stand ließ sie vermuten, dass er zwischen 40 und 50 Götterläufe alt war. „Ich heiße Adellinde, ich reise …“ sie stockte wieder kurz. Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie die Situation jetzt erklären sollte. Einerseits wollte sie die beiden nicht in die Pfanne hauen, andererseits, war sie als Priesterin der Wahrheit verpflichtet. „ … nicht alleine. Meine Gefährten befinden sich in der Nähe und werden auch gleich hier sein.“ Den letzten Satz sprach sie absichtlich lauter und langsamer aus als eigentlich nötig, damit Sieghelm und Kalkarib sie auch sicher hören konnten. Sie war sich nicht mehr ganz so sicher, dass sie außer Gefahr war, die angeblichen Waisenkinder und Versehrten sahen zwar wirklich wie Waisen und Versehrte aus, aber sie hatte auch allerhand über die mächtige Illusionsmagie der Tulamiden gehört – die ihr eben erst wieder einfiel. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass ihr Mut mal wieder größer war, als ihre Vernunft. „Es freut mich sehr, euch kennen zu lernen, euer Gnaden. Ich reise jedoch nicht alleine, wäre es doch viel zu gefährlich zu dieser Zeit und in diesen Landen.“ Als der Tulamide erwähnte, dass er nicht alleine reiste, suchten Adellinde blaue Augen zwischen den Reihen der  vermeidlichen Flüchtlingen nach möglichen Bewaffneten ab. Einige der Kinder drängten sich jedoch nach vorne, als wollten sie näher kommen. Sie konnte sogar hier und dort die Stile von Waffen und das Aufblitzen von Klingen sehen. Ganz vorsichtig, ließ sie ihre Hand zu ihrem Messer gleiten, dass an ihrem Seilgürtel befestigt war.

Da war plötzlich das Gestampfe von Pferden zu hören. Ysta unterbrach sich und blickte zu der Anhöhe. Auch Adellinde fuhr herum und sah den Ritter, zusammen mit dem Novadi anmutig und gleichwohl bedrohlich über die Kuppe heranreiten. Ihre Waffen steckten noch in ihren Scheiden, aber das Toben der Pferde beeindruckte sie alle. Sie machten erst halt, als die beide links und rechts neben der Geweihten waren. Adellinde zuckte kurz zusammen, da sie befürchtete, zwischen den Muskelbergen zerquetscht zu werden, doch anscheinend wussten die beiden Reiter genau, was sie taten. Da donnerte auch schon Sieghelms mächtige Stimme über die Reichsstraße: „Ich bin Reichsritter Sieghelm Gilborn von Sprichbrecher, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Wächter von Custoris, dem Bihänder der himmlischen Leuin.“ Adellinde wusste nicht genau weshalb, aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich jetzt wo die beiden Männer da waren, wesentlich sicherer als zuvor. Der Tulamide legte erneut seine rechte Hand auf die Brust und deutete wieder eine Verbeugung an. Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als er von hinten, ja fast schon zur Seite geschubst wurde. Eines der Kinder, nein, ein Zwerg drängelte ihn zur Seite. „Ka baskan draxin! Garoschem Sieghelm!“, tönte die tiefe raue und alte Stimme des Zwergs, die Sieghelm nur sehr bekannt vorkam. „Eure bergkönigliche Hoheit!“, platze es aus Sieghelm heraus, der sofort vom Pferd sprang und dem Zwerg entgegen ging. Der Hochkönig der Zwerge trug kaum Rüstung, und die, die er trug, war dreckig und zerfetzt, selbst das Kettenhemd, das er trug, war kaum zu erkennen. Seinen weißen Bart, der ein Großteil seines Gesichts verdeckte, hatte er sich unter das Kettenhemd gestopft. Erst jetzt sahen die drei, dass noch mehr Zwerge unter den Waisen und Versehrten waren. Sie alle waren kaum zu erkennen und verbargen ihre Bärte und Waffen. Der Ordensmeister begrüßte lachend den Zwerg, als wären sie alte Bekannte, was Adellinde irritiert und bewundernd beobachtete. Sie tauschten ein paar Höflichkeiten aus und kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, währenddessen trat Ysta etwas in den Hintergrund. „Wenn ich es nicht besser wüsste, eure Bergkönigliche Hoheit, dann könnte man denken, ihr würdet euch vor dem Feind verstecken.“ Sieghelm deutet auf den versteckten Bart. „Ach das, wir wollten dem Rogelo dabei helfen, die Waisen nach Gareth zu bringen.“ Er deutete dabei zu dem Tulamiden. Sieghelm verstand ihn, denn er konnte Rogolan, die Sprache der Angroschim, und musste daher etwas grinsen. „Da hab ich mir gedacht, wir könnten doch die Waisengruppe nutzen, ein paar Dorkkaschos anzulocken, um ihnen unsere Hämmer und Äxte vorzustellen. Kein Söldner wäre nämlich drachisch genug, eine Gruppe voll gerüsteter Angroschim anzugreifen. Also haben wir uns unter sie gemischt, damit es so aussieht, als wäre diese Reisegruppe Broxa-Beute. Ha!“ Die buschigen silbernen Brauen des Zwergenkönigs hüpften bei der Schilderung seines Plans freudig auf und ab. Währenddessen versuchte Kalkarib zwischen den Flüchtlingen von seiner erhöhten Position aus die Zwerge unter ihnen zu zählen, er kam auf acht, und das waren nur die, die er erkannte. Ansonsten waren da noch acht weitere Handvoll Flüchtlinge. „Das klingt nach einem guten Plan, eure Hoheit.“ „Ach nenn mich doch Albrax, Junge!“, konterte der Zwerg sofort und klopfte Sieghelm gegen den Unterarm, denn höher kam er nicht. „Doch noch hatte es noch kein Söldner gewagt uns anzugreifen“, fügte er noch mit enttäuschter Stimme an und stieß dabei lustlos einen Kieselstein über die Reichstraße. „Wenn ich mich einmischen darf, eure Hoheit.“ Es war Kalkarib, der plötzlich das Wort ergriff, da er einen Geistesblitz hatte. „Ich habe da einen Vorschlag, von dem wir alle profitieren könnten.“ Albrax und Sieghelm sahen zu Kalkarib hoch. Albrax Gesicht erhellte sich sofort bei dem vielversprechenden Vorschlag, so dass man das erste Mal seine blauen Augen richtig sehen konnte und auch Sieghelm wurde sofort klar, welchen Plan Kalkarib im Sinn hatte.

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Am späten Abend
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Im rötlich-goldenen Schein der untergehenden Praiosscheibe stach Sieghelm den Spaten erschöpft in die Erde neben der Ruine des ehemaligen Peraine-Tempels. Er war zusammen mit Kalkarib, nachdem die Perainepriesterin von Sieghelms Niederschlag erwacht war, nach Perz zurückgekehrt, um die ganzen Leichen aus der Tempelruine ordentlich beizusetzen. Die junge Priesterin, die sich als Meisterin der Ernte Adellinde vorstellte, beteuerte, ihn und Kalkarib für die brandschatzenden Söldner gehalten zu halten, die erst vor kurzem ihren Tempel geschändet hatten. Sie erklärte, dass es vor allem an Kalkaribs Dialekt lag. Sieghelm konnte sich eine Spitze an seinen Gefährten an dieser Stelle natürlich nicht verkneifen. Sie war, als der Weltenbrand über Wehrheim kam und der endlose Heerwurm nach Wehrheim zog, gerade in den Wäldern nach dringenden Heilkräutern für eine Schwangere Dorfbewohnerin suchen, als es passierte. In der Eile, als sie aus der Entfernung die fliegende Festung sah, war sie im Wald gegen einen Ast gerannt und besinnungslos zu Boden gegangen. Erst als die Söldner Perz schon niedergebrannt und den Tempel geschändet hatten, war sie erwacht und zurückgekehrt. Sie hatte in den Häusern nach Überlebenden gesucht, und dabei war ihr aufgefallen, dass noch immer unheimliche Gesellen, Söldner Galottas und Marodeure umherliefen. Sie wollte mit der grünen Kutte nicht so auffallen und hatte sich schnell eine Graue, die sie in den Ruinen fand, übergeworfen. Sie war zum Tempel zurückgekehrt, doch hat sie schon von weitem dort die Ghule gesehen und sich davon fern gehalten. In der Böschung des Baches suchte sie dann Donf und Einbeeren, um damit eventuellen Überlebenden helfen zu können. Sieghelm und Kalkarib glaubten ihr und erst nachdem sie ihr mehrmals versicherten, dass die Ghule an der Tempelruine tot waren, kehrte sie bereitwillig mit ihnen dorthin zurück. Sie war es auch, die darauf bestand, die Toten beizusetzen. Kalkarib machte sich gar nicht mehr die Mühe nach Sieghelms eigentlicher Quest zu fragen, ihm war klar, dass dieser erst hier helfen und abschließen musste, bevor er weiter gehen konnte. 

Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

„Puuh, das waren alle.“ Sieghelm schnaufte und stützte sich auf den Spatenstiel. Er hatte Teile seiner Rüstung abgelegt, um besser graben zu können. Seine Kettenteile hatte er aufgrund der unsicheren Gebiete jedoch an gelassen. Man wusste nie, wer noch so vorbei kam. Kalkarib verfluchte bei jedem dritten Spatenstich den harten und torfigen Boden der Mittellande. Er war aus seiner Heimat Mhanadistan viel lockeren und weicheren Boden gewohnt. „Warum beim Alleinen kommt ausgerechnet ihr, wo eurer Boden so hart wie Stein ist, auf die Idee, eure Toten einbuddeln zu wollen?“, fragte er die zierliche Priesterin, die ordentlich mit anpackte, ernsthaft, worauf diese nicht so recht wusste, was sie antworten sollte. Die drei bestatteten nicht nur die Überreste der Leichname aus dem Tempel, sondern auch die zwei Gehängten von der Taverne, die Sieghelm bei seiner Ankunft in Perz abgenommen hatte. Am Ende, während des Praiosuntergangs, segnete Adellinde den Boden in dem alle beigesetzt wurden. 

„Was habt ihr nun vor?“, erkundigte sich Sieghelm, nach der Weihung, bei der jungen und kleinen Priesterin. Ihm war erst beim Gräber ausheben, als sie einmal nebeneinander standen,aufgefallen, wie klein sie eigentlich war, denn ihr Scheitel reichte ihm gerade mal bis zur Schulter. Inzwischen hatte sie die graue Kutte abgelegt und ihr praiosblondes, nach hinten zu einem Zopf gebundenes Haar kam zum Vorschein. Es glänzte im Lichte Praios und ließ ihre makellose Haut wie Porzellan wirken. Ihre dunkelblauen Augen waren im Verhältnis zu ihrem ansonsten kleinen Gesicht riesig, trotzdem ergab wie eine wunderschöne Gesamterscheinung. In Sieghelm weckten sie mehr als üblich den Beschützerinstinkt. „Ich weiß es nicht, mein Tempel ist zerstört, alle die ich kannte und für die ich da war, sind tot. Mich hält hier nichts mehr“, erklärte sie in einem fast schon beängstigend nüchternen Ton. „Unter normalen Umständen wäre es meine ritterliche Pflicht, euch bis zu einem sicheren Ort gen Praios zu begleiten, euer Gnaden“, begann Sieghelm mit pflichtbewusster aber dennoch entschuldigender Stimme. „Doch eine höchst persönliche Quest führt mich genau in eine andere Richtung. Ich muss in den Nabel der Zerstörung, gen Wehrheim, oder was davon übrig ist.“ Die Priesterin sah mit ihren dunkelbauen Augen direkt zu ihm. Als dieser seine persönliche Quest erwähnte, machten sich Neugier und Hoffnung in ihrem liebreizenden Gesicht breit. „Was ist das für eine persönliche Quest, die euch nach Firun führt, Herr Ritter?“ Für einen kurzen Moment wollte Sieghelm protestieren, welche Dreistigkeit sie besaß, danach zu fragen. Doch sie war eine Dienerin der Zwölfe und noch dazu eine überaus hübsche. Er konnte ihre Frage also nicht unbeantwortet lassen. „Mein Vater, Baron Parzalon führte ein Regiment in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld an. Es heißt, er sei seit dem Magnum Opus nicht mehr gesehen und es ist meine praios- und traviagefällige Pflicht als sein Sohn nach ihm zu suchen und ihn zu finden, Euer Gnaden.“ Die junge Priesterin legte einen Zeigefinger an ihr Kinn, als würde sie das brauchen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie schaute zum Tempel, ließ den Blick über das frische Gräberfeld schweifen und blickte Sieghelm dann mit entschlossenem Blick an. „Dann werde ich euch auf eurer Quest begleiten und beistehen, Herr Ritter.“ Sieghelm fiel die Kinnlade herunter, als die zierliche Priesterin diesen Satz mit befehlsgewohnter Stimmlage aussprach. „Euer Gnaden, aber …“, setzte Sieghelm an und baute sich etwas vor ihr auf. Ihr Gesicht war dabei auf der Höhe von Sieghelms Brust. Sie hob nur erneut den Zeigefinger, doch dieses Mal ließ sie ihn knapp vor Sieghelms Gesicht ruhen. „Kein Aber, Ser Sieghelm. Ich kann reiten und ihr werdet außerdem jemanden benötigen, der eure Wunden pflegt, wenn ihr in den, wie ihr es nanntet ‚Nabel der Zerstörung‘, reitet. Und zudem könnt ihr so auch gleich eurer Ritterpflicht nachkommen und auf mich aufpassen.“ Der Reichsritter blinzelte und sah dann hilfesuchend zu Kalkarib, der sich wieder seinen Schal über die Nase gezogen hatte. Sieghelm glaubte unter dem Schal ein breites Grinsen erkennen zu können. „Doch für heute haben wir genug gearbeitet, die Gebende wird uns eine ruhige und erholsame Nacht schenken.“ Mit diesen Worten machte Adellinde auf den Hacken kehrt und ging zu ihrem Bündel herüber, wo sich eine Schlafrolle befand, die sie aus dem Tempel geholt hatte. Sieghelm konnte nicht anders, als der zierlichen Frau hinterher zu schauen. Inzwischen trat der Novadi an seine Seite und stellte sich Schulter an Schulter mit ihm auf. Sie sahen der kleinen Frau dabei zu, wie sie emsig das Nachtlager für sie herrichtete.

„Bei Rastullah, ich habe bisher nur ein einziges Mal ein solches Feuer in einer Frau gesehen. Sie ist nicht nur mit der Schönheit der Nacht vom Alleinen, sondern auch mit Mut und Entschlossenheit gesegnet. Ich mag sie.“ Sieghelm brauchte einen Moment, um aus seiner Starre zu erwachen. Hatte die junge Priesterin ihm etwa gerade einen Befehl erteilt? IHM? Dem Ordensmeister und Reichsritter! Doch aus einem für Sieghelm unbekannten Grund konnte er ihr nicht widersprechen! Sie hatte alles verloren, und zeigte im Angesicht dieses Verlusts so viel Mut, dass er sie bewunderte. „Du hältst die erste Wache“, befahl Sieghelm knurrend zu Kalkarib, der unter seinem Schal noch immer bis über beide Ohren grinste.

„Euer Gnaden, da ihr uns morgen begleiten werdet, solltet ihr aber vorher noch einiges wissen“, hörte der Wüstensohn Sieghelm sagen, bevor er sich zu ihr gesellte und beim Lageraufbau half. Den Abend verbrachten Kalkarib und Pagol zusammen, die etwas abseits des Lagers Wache hielten. Der Novadi wollte den beiden ihre Privatsphäre lassen. Er hörte sie lange miteinander reden. Anscheinend hielt es Sieghelm für notwendig, die Priesterin umfassend über den Orden und die Ereignisse der letzten Tage aufzuklären. Währenddessen holte Kalkarib seinen Teppich, um sein Abendgebet zu Rastullah zu halten. Zum Glück war da ja noch der Leutnant, der für den kurzen Moment die Wache übernehmen konnte.

Teil II – Neue und alte Freunde (1)