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Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim – 18. Peraine, 34 nach Hal – Zur Praiosstunde
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Hier, hier hab ich es gefunden.“ Die unangenehme Stimme des Leichenfledderers überschlug sich, als er mit seinen dreckigen Händen auf eine Stelle am Boden zeigte. Sie hatten mehr als eine Stunde gebraucht, um diesen Ort zu erreichen, der genau wie jede andere Stelle auf dem Schlachtfeld aussah. Der von Leichengeruch geschwängerte Nebel lag noch immer schwer auf dem Mythraelsfeld und hielt dieses fest in seinem Griff. Sie mussten über Berge aus Leichen steigen, um diesen, etwas im Firun gelegenen, Schlachtfeldabschnitt zu finden. Die zum Teil schon verfaulten Körper der zahllosen und zusammengewürfelten mittelländischen Truppen, die nun den aufgewühlten und nassen Boden des Feldes bedeckten, waren aufgebläht, zerrissen oder von Tieren und Ghulen bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert worden. Da Sieghelm der einzige der Dreien war, der diesen Anblick kannte, fiel es Kalkarib und Adellinde schwerer als ihm, all diese Eindrücke zu verarbeiten und auszuhalten. Die Hüterin der Saat musste sich unterwegs zwei Mal übergeben. Kalkarib und Sieghelm räumten ihr die Zeit ein, sich danach wieder zu ordnen, doch es war ihr sichtbar unangenehm.

„Schaut her, da ist sie!“, krakelte der Mann erneut. Sieghelm stieg über eine breite Bodenfurche zu ihm herüber. Auf dem Boden, eingedrückt und von Schlamm bedeckt, lag eine Frau, die Sieghelm auf Anhieb erkannte, da er ihr Gesicht, obwohl es blutleer und zerkratzt war, in guter Erinnerung hatte. „Oh bei der Leuin“, hauchte er traurig. „I-Ich hab es dort von der Rüstung …“ „Schweig still!“, fuhr Sieghelm scharf mit bitterbösem Blick zwischen die Erklärung des Fledderers. „Geh herüber zur Geweihten, wir entscheiden später über dein Schicksal.“ Der bärtige Mann nickte so heftig, dass es aus seinem dreckigen und dichten Bart nur so rieselte. Sofort nahm er die Beine in die Hand und eilte zu Kalkarib und Adellinde herüber. Sieghelm kniete sich zu der Frau nieder, der Geruch von Tod stieg ihm deutlicher denn je in die Nase. Die Frau die dort lag war Lady Raulgard aus dem Hause Ochsenhaupt. Sie war eine landlose Ritterin am Hofe seines Vaters Parzalon und seines Großvaters Torion II. in Dettenhofen. Sieghelm erinnert sich noch gut an sie. Zwischen 17 und 21 Hal, bevor er in den Pagendienst bei Ritters Trautmann ging, lebte er noch am Dettenhofener Stammsitz. Lady Raulgard stand schon seinem Großvater beratend zur Seite und nach dessen Ableben 24 Hal dann seinem Vater. Sieghelm hatte sie als Kind immer bewundert. Anfangs für ihr beeindruckendes Schwert, einem Anderthalbhänder, das er sogar einmal halten durfte. Doch damals war er noch zu schwach, um es heben zu können. Ihre Worte klingen noch bis heute nach und er hörte sie nun erneut, als stünde sie wieder vor ihm: „Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.“ Sieghelm musste häufig an diesen Satz denken. Während seiner Zeit bei Ritter Trautmann, aber auch während seiner Zeit an der Akademie der Feuerlilien in Rommilys. Er hatte Lady Raulgard ihr Schwert nie zum Kampf ziehen sehen, aber in seiner kindlichen Vorstellung, konnte sie anmutig und doch kraftvoll damit umgehen. „Was sagtet ihr?“, frug Adellinde, die plötzlich in einem respektvollen Abstand hinter dem Reichsritter stand. Sieghelm, der zuerst nicht wusste, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte, blickte aus der Hocke zu Adellinde nach hinten und sie schloss dann zu ihm auf. Er begann dann zu erklären: „Ich kenne diese Frau, es ist Lady Raulgard vom Hofe meines Vaters. Sie muss in der Schlacht ganz dicht bei ihm gewesen sein, als sie fiel. Und ich …“, er machte eine kurze Atempause, „… musste nur an einen Leitspruch denken, den sie mir als Kind einst mitgab: ‚Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.‘“ „Ein weiser Leitsatz“, entgegnete sie. „Mit eurer Erlaubnis, würde ich gerne einen Segen für eure Bekannte sprechen.“ Adellindes Stimme war zart und ihre großen blauen Augen tränten noch immer. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich auf dem Schlachtfeld aufzuhalten und es gelang ihr gerade so, die Fassung zu bewahren. „Ja, bitte tut dies – sie hätte bestimmt Nichts dagegen.“ So stellte sich Adellinde an das Kopfende der Ritterin, konzentrierte sich kurz und sprach dann einen Peraine-Segen über der geschundenen Körper. Währenddessen suchte Sieghelm das umliegende Feld ab. Auch er rang für einen Moment mit den Tränen und wollte sich das nicht anmerken lassen. Wenn Lady Raulgard hier lag, würde das bedeuten, dass die Truppen seines Vaters hier gewesen sein müssen. Sie war stets an dessen Seite geblieben, da sie sich selbst wie eine Art Leibwächter gesehen hatte. Sie hatten also eine erste Spur aufgenommen, doch auf dem nebeligen Schlachtfeld schien es sehr schwierig, weitere Hinweise zu finden.  

Eine lange Zeit suchten alle drei den Bereich um die tote Frau ab. Sieghelm hatte ihnen zuvor gesagt nach welchen Farben sie Ausschau halten sollten. Sie fanden zwei weitere tote Infanteristen in den Dettenhofener Farben, doch keinen Hinweis auf seinen Vater. Das Schlachtfeld war zu aufgewühlt, um anhand von Spuren deuten zu können, wohin sich sein Vater mit seinen Truppen bewegt haben könnte.  Als sie begannen sich immer weiter voneinander zu entfernen, dass sie drohten sich im Nebel zu verlieren, wurde es Kalkarib irgendwann zu viel. „Das hat doch keinen Sinn!“, fluchte er im novadischen Akzent. Da er gerade irgendwo alleine im Nebel über einem Haufen Leichen stand, konnten die anderen nur seinen Fluch hören, ihn aber nicht sehen. Auch Leutnant Pagol suchte unermüdlich mit, doch zu viele fremde Gerüche lagen auf dem Feld, so dass auch seine Nase keine Fährte aufnehmen konnte. Mit resignierenden Blick stieß der Wüstensohn auf Sieghelm. „Alles spricht dafür, dass euer Vater – wenn er noch lebt – hier nicht gefallen ist. Doch wissen wir nicht in welche Richtung er weiter gezogen ist.“ „Er lebt noch, das spüre ich“, antwortete Sieghelm im barschen Ton und setzte fort: „Doch was wir brauchen, ist ein Zeichen, eine Spur, ein Wunder … irgendwas.“ Keinen Moment später sahen Kalkarib und Sieghelm den Rücken eines schmalen, ja fast schon dürren Mannes in langer feiner Robe und Turban auf dem Kopf, der gerade an ihnen vorbeirannte. Er eilte leichtfüßig über die Leichenberge hinweg, als wären sie nicht da und gerade als er drohte im Nebel zu verschwinden, sahen die beiden wie der dürren Gestalt etwas Grünes aus einer Umhängetasche purzelte und zu Boden fiel. Sieghelm und Kalkarib blickten sich einander verdattert an. Sieghelm rieb sich die Augen, als würde er phantasieren und Kalkarib vollführte eine bittende Geste zu Rastullah. „Hast du das auch gerade gesehen?“, frug Sieghelm. „Ja, und ich kann es kaum glauben.“ „Ich auch.“ Und danach sagten beide gleichzeitig: „Ich wusste gar nicht das Nehazet rennen kann!“ Es war tatsächlich Magister Nehazet, den sie beide gesehen hatten, oder zumindest bildeten sie sich das beide ein. Sie eilten sofort zu der Stelle, wo der angebliche Nehazet etwas verloren hatte und fanden dort, frisch fallen gelassen, ein am Boden liegendes handgroßes Blutblatt mit einem Zeichen darauf. Gerade als Kalkarib es hochheben wollte, unterbrach ihn Sieghelm: „Halt! Schau doch … ist das … ein Pfeil?“ Das auf dem am Boden liegenden Blutblatt, hatte eine rote Stelle in der Mitte, dass so aussah wie ein Pfeil. Sofort blickte Kalkarib durch den Nebel zur Praiosscheibe, um das Blutblatt und den Sonnenstand in Zusammenhang zu bringen „Er zeigt Richtung … wie ihr sagt … Firun.“ Euphorisch blickten sich die beiden jungen Männer einander an. „Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, aber wir müssen dem Magister wohl danken, wenn wir ihn wieder sehen“, sprach der Reichsritter und lächelte dabei breit. Mit einem anspornenden Klopfen auf des Wüstensohns Schulter fügte er noch an: „Komm mein Freund, wir haben unser Zeichen erhalten und kennen nun die Richtung.“  

Mit Aufbruchsstimmung im Gesicht und Schwung im Körper stießen die beiden Männer wieder zu Adellinde, die die Pferde bei sich behielt und zusammen mit Pagol über den am Boden sitzenden und gefesselten Fledderer wachte. „Wir wissen wo es langgeht“, prahlte Sieghelm stolz, als hätte er selbst diese Erkenntnis gehabt, als er im Nebel vor Adellinde auftauchte. „Ähm, hervorragend. Es gibt noch etwas über das wir entscheiden müssen“, antwortete sie. Als Sieghelm die Zügel seines Pferdes in Empfang nahm, war er in eiliger Aufbruchsstimmung. „Achja? Das können wir auch unterwegs …“ Adellinde räusperte sich ungewöhnlich lange und lautstark, so dass auch Sieghelm es nicht überhören konnte. Er hatte über die Götterläufe hinweg gelernt, dass, wenn das jemand in seinem Umfeld tat, er besser seine aktuelle Handlung zügig einstellen und für einen kurzen Moment zuhören sollte. Sein Blick traf sich mit dem von Adellinde, die eine nickende Geste zu dem am Boden sitzenden Leichenfledderer machte. „Oh! Ja“, entfleuchte es ihm. Die Priesterin und der Reichsritter zogen sich dann zurück, um sich auszutauschen. Währenddessen blieb Kalkarib mit Pagol bei ihrem ‚Gefangenen‘. Der junge Wüstensohn konnte ein anfangs ruhiges und dann immer hitziger werdendes Gespräch beobachten. Aus der Entfernung sah es irgendwie bizarr und gleichzeitig komisch aus, da Sieghelm nicht nur zwei Köpfe größer war als die kleine Geweihte, sondern aufgrund seiner Statur und Rüstung auch noch zwei Mal so breit wie sie. Er musste an ein Märchen denken, dass Delia mal ihrem Sohn vorgelesen hatte, dass sie aus der Bibliothek des Magiers hatte. Eine horasische Geschichte mit dem Namen ‚Die Schöne und das Thier‘. Obwohl ihr körperlich in allen Belangen überlegen, zeigte Adellinde wie ‚die Schöne‘ in der Geschichte keine Spur davon, von ‚dem Thier‘ eingeschüchtert zu sein. Adellinde wich keinen Fingerbreit von ihrer Position, und das obwohl Sieghelm mit seinen großen und kräftigen Händen, die so groß waren wie Teller, sie mühelos hätte zerquetschen können. Sieghelm gestikulierte und fuchtelte herum, doch keine seiner Bewegungen kam ihr näher als eine Handbreit. Trotz seiner Wuchtigkeit schien es so, als hätte Adellinde eine unsichtbare und schützende Aura um sich, die ‚das Thier‘ nicht zu durchdringen vermochte. Adellinde jedoch konnte ohne Mühe in seine Aura eindringen, denn erneut legte sie während einer Tirade aus wilden Fuchteleien ihre zierlichen Zeigefinger auf seine Lippen und drückte sie mühelos zusammen. Er erstarrte in diesem Moment, sie sagte abschließend noch etwas zu ihm und verließ ihn dann, woraufhin ‚das Thier‘ mit hängenden Schultern hinterhertrottete. Als sie beide wieder bei Kalkarib ankamen, hatte Sieghelm wieder seine erhabene Haltung angenommen. Zusammen stellten sie sich dann vor den am Boden sitzenden Fledderer, den Adellinde im scharfen Ton aufforderte aufzustehen.

„Wir haben entschieden, wie du deine schändlichen Taten wiedergutmachen kannst“, verkündete die Geweihte einleitend und blickte dann zu Sieghelm, der einen Moment brauchte, um sich geistig zu sammeln. „Du hast den Zwölfen gefrevelt mit deiner Tat. Du hast von den Toten genommen, um dich selbst daran zu bereichern, doch du kannst deine Tat wiedergutmachen.“ Der bärtige Mann starrte abwechselnd die beiden ungläubig an, er hatte wohl eher mit einer Hinrichtung gerechnet. Dann fuhr Sieghelm fort: „Im Namen der Herrin Peraine, haben wir entschieden, dass du auf unserem Weg vom Schlachtfeld herunter, weiter die Symbole, Ketten, Ringe und Zeichen nimmst – jedoch unter Aufsicht der Geweihten – damit du es mit Anstand und Respekt tust. Du sollst die Last der Wertgegenstände spüren und dafür arbeiten sie zu tragen – so will es die Herrin Peraine. Wenn wir das Schlachtfeld verlassen, wirst du uns alle Gegenstände übergeben und wir werden sie an die Pferde binden um sie dann im nächsten Tempel abzugeben. Und du wirst, so du im Schweiße deines Angesichts ausreichend gearbeitet hast, von uns aus deiner Schuld entlassen und wirst zum nächsten Tempel gehen, um dort um Vergebung für deine Taten zu bitten.“ Mit den letzten Worten schaute Sieghelm wieder zur Priesterin. In seinem Augen lag ein fragenden Blick, der so viel sagte wie: ‚Habe ich etwas vergessen?‘ Doch Adellinde nickte zufrieden. „Das ist zu gütig, Herr!“, stotterte der bärtige Mann. Für einen kurzen Moment flammte in Sieghelm ein ‚JA ist es!‘ auf, doch die Hand von Adellinde, die ihn sanft am Oberarm berührte, hielt ihn zurück.  „Ich danke euch, ich danke euch!“, wimmerte er glücklich, fiel auf die Knie und grabschte nach Sieghelms Stiefel, um diese zu küssen. „Dankt Peraine und bittet sie um Vergebung für eure Taten.“, intervenierte Adellinde und half ihm wieder auf die Beine. Mit Tränen in den Augen versprach er es ihr, während Sieghelm angewidert daran denken musste, wie sie mit ihren reinen und unschuldigen Händen nur diesen räudigen Taugenichts anfassen konnte.

Kurze Zeit später waren sie auf dem von Magister Nehazet gezeigten Weg. Adellinde überwachte, wie der Fledderer, der sich als Hagen aus Waldsend vorstellte, einen immer schwerer werdenden Sack voller Wertgegenstände füllte. Doch tat er dies augenscheinlich mit Freude und Glückseeligkeit. Sieghelm hinterfragte sich selbst, denn wäre es nach ihm gegangen, würde ‚Hagen‘ nun eine Hand fehlen. Er fragte sich, ob Adellinde vielleicht doch recht damit hatte, ihn zu verschonen.  Er ertappte sich dabei, wie er sich ein ganz kleines bisschen wünschte, dass sie Unrecht behielt und er nach der ‚Entlassung‘ keinen Tempel aufsuchen und um Vergebung bitten würde. Denn Sieghelm meinte, dass er dann einfach zurück auf das Mythraelsfeld kehren wird, um seiner schändlichen Tat weiter nachzugehen. Doch würden sie es wohl nie erfahren, den ihre Queste führte sie in eine andere Richtung. Der Nebel begann sich etwas zu lichten und die Leichen wurden weniger. Gegen späten Nachmittag erreichten sie einen Waldesrand. Kahle, teils umgeknickte oder zerfetzte Kiefern, Föhren und Birken standen – oder eben nicht mehr – hier herum. Der Boden war nicht mehr ganz so aufgewühlt und der Leichengeruch ließ langsam nach. Inzwischen hatte Hagen einen Sack so groß, dass er gebückt gehen musste und sie alle etwas langsamer vorwärts kamen. Er keuchte und hustete, doch schien er angetrieben vom bloßen Überlebenswillen sehr motiviert zu sein. „Lasst uns hier noch einmal umsehen“, befahl Sieghelm in der Hoffnung, hier einen weiteren Hinweis finden zu können. Inzwischen waren sie so weit gen Firun gelaufen, dass sie hinter den zerfransten Baumwipfeln die Türme der Festung Auraleth sehen konnten, dem Stammsitz des Ordens vom Bannstrahl Praios‘. „Wir müssen uns etwa zwei Meilen im Firun von Wehrheim befinden“, merkte Sieghelm mit Blick auf die steinernen Türme an. Er fragte sich, ob die Bannstrahler sie noch halten und ob sein Vater dort Obhut gesucht hatte. Immerhin wäre es ein logischer Entschluss, sich hinter die sicheren Mauerringe der Festung zurückzuziehen. Während Adellinde bei Hagen blieb, suchten Kalkarib und Sieghelm getrennt voneinander vorsichtig die gelichteten Baumreihen nach Hinweisen ab.

Kalkarib, der noch immer etwas humpelte, da die Verletzung von vor zwei Nächten ihm etwas zu schaffen machte, folgte einer aufgewühlten Spur bis hinunter zu einem Flusslauf. Vorsichtig ließ er sich an den Bäumen den steilen Abhang hinab, um sich am Fluss etwas zu erfrischen. Zu seiner Überraschung war das Wasser des etwa acht Schritt breiten und flachen Flusses klar, so dass er sich sein Gesicht damit benetzte, um den Dreck des Schlachtfelds abzuspülen. Dann entdeckte er flussaufwärts etwas, das seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er fand, verheddert in den tiefhängenden Ästen einer Kiefer, eine zerfetzte Standarte. Er erschrak kurz, als er sie sich näher betrachtete, denn sie war mit Blut benetzt und vermeintlich menschliche Eingeweide klebten daran. Doch er erkannte die Farben der Standarte, es waren die des Dettenhofener Siegels, wie sie Sieghelm ihm beschrieben hatte. Für Kalkarib hieß das, dass die die Truppen von Sieghelms Vater hier entlang gekommen sein müssen. Erfrischt vom Fluss und von dem Wissen über die verheißungsvolle Standarte, kletterte er wieder den steilen Abhang der Flussuferböschung hinauf. Er hielt sich an Wurzeln und Ästen fest, um sich hochzuziehen. Als er hinter einem Baum hervorkroch und sich hochzog, traf ihn plötzlich die Spitze eines Stiefels an der Schläfe. Er sackte besinnungslos zurück und fiel zwei Schritt tief auf den harten, wurzeldurchzogenen Boden der Flussuferböschung.

Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Nacht vom 17. Auf dem 18. Peraine haben Kalkarib, Adellinde und Sieghelm zusammen in einer einsamen Scheune nahe der Reichsstraße verbracht. Schon am Abend hatte sich Regen angekündigt und ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich einen Unterschlupf zu suchen. Zudem wollten sie nicht in der Nacht ankommen, denn zu viele Gefahren lauerten auf einem frischen Schlachtfeld. Briganten, Leichenfledderer und wilde Tiere waren da noch die geringeren Übel. So kam es, dass die Drei ihren zugigen Unterstand erst am Morgen des 18. Peraine verlassen konnten, als es nur noch ein bisschen nieselte. Nach dem Regen folgte der Nebel, der rund um die Scheune und auch auf das Schlachtfeld waberte und wie schweres Tuch sich über die stille und tote Ebene legte. Die letzten Schritte zum Mythraelsfeld legten die Drei zu Fuß zurück, ihre Pferde führten sie hinter sich her, denn aufgrund des nassen und aufgewühlten Bodens und der geringen Sichtweite war es nicht möglich zu Reiten.  

„Ich bin als Akoluthin mal auf dem Mythraelsfeld gewesen. Ich habe zwischen Dergel und Gernat nach Einbeeren und Wirselkraut gesucht. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass der Boden so aufgewühlt war“, erzählte Adellinde, während sie immer wieder über aufgebrochene Stücken Erde hüpfen musste. Auch Sieghelm musste über eine breite Furche hinweg steigen. „Diese Zerrüttung ist auch keineswegs natürlich, Adellinde. Das ist das Werk des Weltenbrandes, den Galotta mit seiner Himmelsfeste über Wehrheim entfesselte.“ Im schweren und kühlen Nebel war die Sichtweite der Drei beschränkt. Während sich über ihnen die Praioscheibe damit mühte durch die dichte Wolkendecke zu brechen, verhüllte der dichte Nebel das Gräuel, welches in den letzten Tagen über das Mythraelsfeld gekommen war. In weiter Ferne war es ihnen kaum möglich die zersplitterten Zacken der Wehrtürme von Festung Karmaleth zu erblicken, die wie gespenstige Zähne aus dem dichten Nebel in den ebenfalls grauen Himmel ragten. Nicht nur die nasskalte Atmosphäre drückte die Stimmung der Drei, die bei jedem Schritt etwas langsamer wurden, denn die nasse Erde, die nicht nur vom Regen, sondern auch vom Blut der zahlreichen Mittelreicher durchtränkt war, blieb schwer an ihren Stiefeln haften. Auch der unangenehm süßliche und beißende Leichengeruch hing wie der Nebel schwer auf dem Schlachtfeld. Sie stiegen über dutzende, teilweise übereinander liegende Leichen hinweg. Adellinde musste sich ein Tuch vor die Nase halten, so aufdringlich war der Verwesungsgeruch. Einige der Leichen waren verstümmelt, in grotesker Haltung liegen geblieben, gänzlich verkohlt oder so zerfetzt, dass man nicht genau wusste, welches Körperteil genau zu sehen war. Keinem der drei gelang es mehr die Stimme zu erheben, während sie mit immer schwerer werdenden Schritten tiefer in das Zentrum des Schlachtfelds vordrangen. Jeder fragte es sich, doch niemand traute es sich auszusprechen: Sie wussten nicht genau wonach sie überhaupt suchen sollten und was ihr Ziel war, denn durch den dichten Nebel, der sich über die Ebene gelegt hatte, vermochten sie sich auch nicht vernünftig zu orientieren. Zwischen all den menschlichen Leichen lagen auch immer wieder Teile Galottas schändlicher Dämonenarmee. So erblickte sie einen kleinen Haufen geschälter Schädel, an die sich Sieghelm noch gut und mit Schrecken erinnern konnte. Es waren rollende Anhäufungen von Schädeln, die mittels Magie dazu gebracht wurden über ihre Gegner hinweg zu rollen und sie dabei bis auf die Knochen abzunagen. Doch die rollenden Schädel waren nicht die einzigen grotesken und todbringenden Abscheulichkeiten, die ihnen der Dämonenkaiser entgegengeworfen hatte. „Sieghelm!“, rief Kalkarib plötzlich, der mit seinem Pferd stehen geblieben war und auf den Boden starrte. „Ist das nicht einer von deinen Männern?“, fragte er in seinem für ihn typischen novadischen Akzent und zeigte auf einen in den nassen und blutdurchtränkten Boden gedrückten Körper. Sofort kam Sieghelm herüber. Bei jedem Schritt spritzte Wasser bis auf seinem schwarzer Umhang, der inzwischen braun und steif geworden war. Trotz der dichten Schicht aus Dreck, die darauf lag, erkannte er das Wappen des Schutzordens der Schöpfung auf dem Wappenrock wieder. Der Mann lag auf dem Rücken und es fehlte der Unterkörper, irgendetwas hatte ihn – anscheinend mühelos – die Hüfte abwärts durchtrennt und seine Eingeweide lagen nun in einer dunklen Pfütze aus Regenwasser und Blut. Während sich Regenwasser in seinem im Moment des Todes aufgerissenen Mund sammelte, blickten seine blauen, inzwischen etwas trüb gewordenen Augen starr gen Himmel, als würden sie gen Alveran blicken und um Erlösung bitten. Die letzten Momente des Mannes musste er niederhöllische Schmerzen gehabt haben. Sieghelm starrte das aschfahle Gesicht der Leiche an, als würde er darin verzweifelt etwas suchen. Inzwischen war auch Adellinde zu Ihnen gestoßen. Als sie den toten Körper erblickte, muss sie sich erneut ein Tuch vor den Mund halten und kurzen Stoßgebet gen Himmel schicken. „Kennt ihr den Mann?“, frug sie durch das Tuch mit unterdrückter Stimme. „Nein“, antwortete er traurig. Doch in seiner Stimme lag mehr, als er verraten wollte. Sieghelm machte sich Vorwürfe. Vorwürfe, dass er den Namen des jungen Mannes, der sein Leben für ihn und das Mittelreich gegeben hatte, nicht kannte. Er kannte nicht mal sein Gesicht, würde er nicht den silbernen Halbmond und den silbernen Blutstropfen auf schwarzen Grund tragen, würde er ihn nicht mal als einen seiner Mannen erkennen, dessen Leben zu schützen er geschworen hatte.

Adellinde machte einen Schritt an Sieghelm heran und berührte ihn sanft am Oberarm. Sie atmete tief ein, entfernte dann das Tuch vom Mund und sagte: „Euch trifft keine Schuld, Ser. Ihr seid nicht für den Tod dieses Mannes verantwortlich.“ Sie wollte für ihn da sein, ihm beistehen in seinem Moment der Unsicherheit. „Ich stimme der Priesterin zu“, gab Kalkarib als Kommentar zum Besten, der ebenfalls sah, wie der junge Ordensmeister litt. Sieghelm blickte auf, sah erst verständnislos zu Kalkarib und dann zu Adellinde. In ihm war eine unbeschreibliche Leere. „Ihr versteht nicht, worum es mir geht“, begann er im leisen Ton, hockte sich hin und fuhr mit der Hand sanft über das Gesicht des Mannes, um seine Augen zu schließen. „In einer Schlacht sterben Menschen, auf jeder Seite – und dies ist nicht meine erste Schlacht. Ich war schon Mal hier. Etwas weiter im Rahja, an der Trollpforte, kämpfte ich schon mal gegen die Schwarzen Lande. Ich war noch ein junger Knappe als …“ Er unterbrach sich in seiner Erzählung, als er merkte, dass dies zu weit führen würde. Vorsichtig löste Sieghelm die Schnalle an einer ledernen Tasche der Leiche, die aus irgendeinen Grund noch an ihr dran geblieben war. „Es geht mir darum, dass ich diesen jungen Mann nicht erkenne.“ Adellinde und Kalkarib blickten sich kurz einander fragend an. Ihre Blicken fragten: Meint er das ernst? Zweifelte Sieghelm etwa an der Echtheit des Wappens? Kalkarib ergriff die Initiative: „Sieghelm, er trägt dein Wappen!“, rief er etwas lauter als gewollt aus, als würde Lautstärke allein genügen, um ihn zur Besinnung zu bringen. „Ja natürlich, darum geht es mir auch nicht.“ Er fingerte aus der ledernen Gürteltasche der Leiche einen matschigen Zettel und eine kleine Holzfigur hervor. Mit dem Fingernagel befreite er letztere vom Schlamm, der inzwischen in die Tasche gesickerte war. Heraus kam eine kleine Holzfigur in der Größe des kleinen Fingers, die einen Schmied am Amboss zeigte. „Es geht mir darum, dass es nicht richtig ist. Mit Sicherheit wusste er, wer ICH war, aber kenne ich IHN nicht und doch war er bereit sein Leben für mich zu geben. Und das nur, weil ich ihm dazu aufrief.“ Der Gewinner der Frühlingsturney nahm die kleine Holzfigur in seine große Hand, drückte sie fest an sich und mit Blick zu den dichten Wolken sagte er dann mit lauter und fester Stimme: „Ich schwöre beim Schutzorden der Schöpfung und der donnernden Göttin, das ist das erste und letzte Mal, dass es so sein wird. Ich Zukunft will ich jede Frau und jeden Mann der für mich kämpft beim Namen und seiner Herkunft kennen – das schwöre ich.“ Erneut blickten sich Adellinde und Kalkarib kurz fragend an. Langsam begannen die beiden nachzuvollziehen, um was es dem Reichsritter ging. „Das ist ein wahrlich hehres Ziel, Ser Sieghelm“, bekräftigte Adellinde ihn im bewundernden Tonfall und strich ihm erneut über den Oberarm. Kalkarib hingegen prustete, denn er hatte eine Ahnung davon, was das in Zukunft bedeuten würde. Er sah Sieghelm schon, wie er sich jedes Mal vor der Schlacht zwanghaft unter seine Truppen mischte und versuchte sich mit Ihnen am Lagerfeuer und bei einer Schüssel Bohnen zu verbrüdern. Er verdrängte den aufblitzenden Gedanken jedoch, da es jetzt wichtigeres zu tun gab. „Was machen wir mit ihm? Wir können ihn hier unmöglich beisetzen“, erkundigte sich der Wüstensohn. „Ich habe das hier, das genügt. Die Zwölfe werden uns verzeihen.“ Sieghelm zeigte die kleine Holzfigur und den schlammigen Zettel, den Sieghelm inzwischen als Brief identifiziert hatte. „Lasst uns weiter“, sagte Sieghelm und ging wieder zurück zu seinem Pferd, auf dem Leutnant Pagol in Wachhaltung saß und sich stetig umsah. „Wonach suchen wir hier eigentlich?“, warf Kalkarib ein, der den Moment des Innehaltens nutzen wollte.Mit einem teils fragenden und teils entsetzten Blick, drehte sich Sieghelm zu Kalkarib um: „Nach meinem Vater, natürlich!“ „Ja, natürlich. Aber …“ Kalkarib machte eine drehende Geste um sich herum. „ … wir können nicht gerade sehr weit sehen in dem Nebel. Das ist wie die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste.“ „Du meinst, wie die Suche nach einer Nadel in einem Heuhaufen?!“ Beide Männer starrten sich blinzelnd und ahnungslos an. „Warum sollte man eine Nadel im Heuhaufen suchen wollen?“, platzte es im gereizten Tonfall aus Kalkarib heraus, der genau zu wissen glaubte, worauf Sieghelm anspielte. Es ging ihm erneut darum, seine Kultur zu verunglimpfen und seine Mittelländer-Kultur überseine Novadi-Kultur zu stellen. „Ach und die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste …“ „MÄNNER!“, platzte es aus Adellinde lauthals heraus. Zu gerne hätte sienun alle ihr zur Verfügung stehenden Finger auf die Lippen beiden Männer gelegt, doch leider standen sie zu weit auseinander, weshalb sie auf ein anderes erzieherisches Mittel zurückgreifen musste. Sie setzte mit nachdrücklichen Unterton, der keinen Einwand duldete, an: „Mit Sicherheit hat Ser Sieghelm einen gut durchdachten Plan, wie wir – trotz des dichten Nebels und des starken Verwesungsgeruchs – seine Hochwohlgeboren Parzalon zügig finden können, ohne ziellos über Berge aus Leichen zu stapfen. Denn niemand von uns möchte sich an diesem gottverlassenen Ort länger als nötig aufhalten. Nicht wahr, eure Exzellenz?“ „Ganz recht! Und natürlich habe ich einen Plan!“ Mit diesen Worten nahm er wieder die Zügel seines Pferdes und spürte den vernichtenden Blick der Geweihten im Nacken, weshalb er sich dazu entschied sich noch einmal zu seinen Gefährten umzudrehen um sie in seinen ‚Plan‘ einzuweihen: „Die Dettenhofener Truppen meines Vaters befanden sich auf der Linken Flanke, also im Firun des Mythraelsfeldes. Dort wurden sie auch zuletzt gesehen. Es heißt, dass sie vom Zentrum abgedrängt wurden. Unsere Suche wird also auf der Firunsseite des Schlachtfelds beginnen.“ Und als ob diese Erklärung genügte, ging Sieghelm nach einem kurzen Blick zu den zerfallenen Türmen von Burg Karmaleth, um sich zu orientieren, wieder voran. Als Kalkarib an Adellinde mit seinem Pferd vorbeiging, raunte er ihr noch trotzig zu: „Wer ist so dumm und versteckt eine Nadel im Heuhaufen?“ Was Adellinde zu dem Entschluss brachte, den nächsten Verbandwechsel bei ihm etwas straffer zu gestalten.

Die drei suchten sich einen möglichst halbwegs geraden Weg durch das ehemalige Schlachtfeld gen Firun. Die Leichenberge und Verwesungsgerüche machten den Weg zu einer Tortur. Der Magnum Opus des Weltenbrandes hatte verschiedenste unheilige Kräfte herbeigeschworenen, die das Land nicht nur verwüstet, sondern es auch topografisch gänzlich verändert hatten. Die Erde war an mehreren Stellen Ellenbreit aufgerissen worden, tiefe Kratertrichter von Explosionen und Einschlägen von herabfallenden Steinen durchzogen das Feld. Humusdämonen hatten die Wurzeln der Erde dazu gebracht empor zu steigen und sich als Ranken um Menschen zu schlingen. Diese zerstörten Konstrukte lagen noch immer wie versteinerte krause Haare von Riesen in der Landschaft herum und erschwerten das Durchqueren zusätzlich. Eine unbestimmte Zeit später liefen Sieghelm, Kalkarib und Adellinde auf eine am Boden hockende Gestalt auf. „Seid gegrüßt“, rief Sieghelm ihr euphorisch zu. Durch den Nebel waren sie der Person bis auf zehn Schritt nahe gekommen, da sie sie nicht eher erblicken konnten. Als Sieghelm die kauernde Gestalt anrief, schien sie sich zu erschrecken, fuhr hoch und wirbelte, da sie den dreien zuvor den Rücken zugekehrt hatte, herum. „Gut zu sehen, dass jemand überlebt hat …“, begann er, wurde jedoch von der Gestalt unterbrochen: „Was wollt ihr? Wer seid ihr?“ Ängstlich blickte sich der Mann mittleren Alters mit krausem Bart mit einem Bündel vor der Brust haltend zu den Dreien um. „Ich bin Ser Sieghelm, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Reichsritter des Neuen Raulschens Reich – und wer bist du?“ „Ich? Ich ähm … niemand“, stotterte er. Als der Mann sah wie Kalkarib seine Hand auf den Knauf seines Khunchomers legte, erschreckte er sich so stark, dass er das Bündel vor seiner Brust etwas lockerte. Zahllose edelmetallene Ketten, Ringe und Amulette, wertvolle Insignien und Wappenschilder purzelten heraus und platschten in den von Blut und Regen aufgeweichten Boden. Alle vier starrten für einen kurzen Moment auf den Haufen wertvoller Gegenstände, die der Mann soeben fallen gelassen hatte und allen war klar, was er hier tat. Ehe Sieghelm ‚bleib stehen‘ rufen konnte, war er auch schon auf dem Absatz herumgewirbelt und suchte im schützenden Nebel das Weite. Sieghelm wusste, dass er in seiner Gestechrüstung und in diesem Schlamm nicht die geringste Chance hatte, dem Mann zu folgen. Kalkarib hingegen war flink und leichtfüßig und trug keine erschwerende Rüstung. Ein Blick zu ihm genügte und der durchnässte Wüstensohn flitzte über die Ebene dem Leichenfledderer hinterher. Auch der Leutnant hüpfte vom Pferd und schoss wie eine Wurst, die über nasse Steine rutschte, über die feuchte Erde hinweg – nur das diese dabei protestierend kläffte.

Wenig später brachte Kalkarib den zeternden und jammernden Leichenfledderer am Schlafittchen gepackt zurück zu Sieghelms und Adellindes Position, die sich inzwischen die Wertgegenstände, die er verloren hatte, etwas näher angesehen hatten. Den ganzen Weg hatte sich Pagol in den Stiefel des Mannes verbissen und knurrte die ganze Zeit über, als würde er sagen wollen: ‚Ich schaffe es alleine ihn zu ziehen, lass ihn los!‘ Kalkarib warf ihn Sieghelm vor die Füße, wobei sich sein dichter ungepflegter Bart in einer blutigen Pfütze tunkte. „Auf die Knie mit dir“,  befahl er dem Mann im rauen Ton, während Adellinde wie eine ihn legitimierende Geweihte neben ihm stand und den Mann verurteilend ansah. „Du wirst uns jetzt dahin bringen, wo du das gefunden hast“, sagte er und hielt dem Mann ein etwas Faustgroßes versilbertes Wappenschild von einer Rüstung vor die Nase, das er im Haufen der Gegenstände, den der Leichenfledderer verloren hatte, gefunden hatte.

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Teil III – Hasardeure (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 17. Peraine, 34 nach Hal – Am frühen Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Die Gebende mit euch, Ser.“ Adellinde schälte auf einem Baumstumpf sitzend Zwiebeln, als sie den müde aussehenden Ordensmeister aus seinem provisorischen Unterstand aufstehen sah. Sie war mit der Praiosscheibe aufgestanden und hatte damit begonnen das Frühstück für sich und ihre Gefährten vorzubereiten. „Morgen“, raunte dieser nur zurück und streckte sich gähnend. Da es in der Nacht kälter geworden war, hatte er seinen dunklen Wams angelassen. Adellinde fand, dass Männer in diesen gefütterten Kleidungsstücken irgendwie drollig aussahen. Es hingen zahlreiche Nestelfäden herab und die Körperform wurde irgendwie unnatürlich in die Breite gezogen.  Was auch dieses Mal zutraf, weshalb sie etwas grinsen musste. „Was habt ihr?“, frug Sieghelm forschend, der ihr Grinsen nicht übersehen konnte. „Ach, ich … gar nichts.“ Ihre Wangen liefen rot an, als sie verlegen zur Seite schaute und selbst für einen sozial tapsigen Mann wie Sieghelm erkennbar verlegen wurde. Sieghelm beschloss sie nicht zu drängen, stattdessen kramte er in den Satteltaschen nach seinem Essgeschirr und ging damit zu ihr. „Ist Kalkarib …?“, begann er im Frageton. „Ja …“, antwortete sie und schälte weiter Zwiebeln. „Wir waren zur gleichen Zeit wach geworden. Er sagte er müsse zu Keft beten und sich deswegen zurückziehen.“ Ein langer Moment der Stille folgte, in denen nur das Knistern der Zwiebelschalen zu hören war, die Adellinde zusammentrug. „Wer ist eigentlich dieser Keft?“, platzte es dann aus ihr, lauter und neugieriger als gewollt, heraus. Als sie sich das sagen hörte, wurde sie sofort wieder etwas rot im Gesicht. Dieses Mal musste Sieghelm, ob der Unwissenheit der Geweihten, etwas grinsen. Er setzte zu einer kurzen Erklärung an: „Keft ist keine Person oder Gott, sondern ein Ort in der Wüste Khôm. Bestimmt habt ihr ihn nur falsch verstanden – sein Akzent ist gewöhnungsbedürftig.“ Als Sieghelm das sagte, deutete er sich selbst mit einer wedelnden Bewegung auf den Mund, was ein Nuscheln nachstellen sollte. Er wollte damit veranschaulichen, dass auch für ihn die Sprache der Novadis seltsam klang. „Ah, achso.“ Sie nickte nur, obwohl sie nicht den Anschein machte, vollständig zu verstehen, was der Reichsritter sagte. Sie holte ein Brettchen heraus und begann die Zwiebeln klein zu schneiden. Zwischendurch warf sie einen prüfenden Blick zum Lagerfeuer, das sie kurz zuvor angezündet hatte. Wieder folgte ein längerer Moment der Stille. Sieghelm betrachtete die junge und zierliche Frau. Er musste noch immer verarbeiten, was gestern Abend geschehen war und dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! „Ich habe mich noch gar nicht wegen gestern Abend bei euch bedankt“, begann er leise. Adellinde zwinkerte verlegen und da zeigte sich wieder ihr bezauberndes Lächeln, dass Sieghelm innerhalb der kurzen Zeit so zu schätzen gelernt hatte. „Ich habe getan, was jeder getan hätte.“ „Das sehe ich anders. Ihr habt mein Leben gerettet, und das im Angesicht eines überlegenden Gegners – ihr habt mehr Mut bewiesen, als ich es bei den meisten meiner Untergebenen je gesehen habe.“ Erneut wurden ihre Wangen scharlachrot, was ihre blauen Augen noch mehr erstrahlen ließ. „Eure Worte schmeicheln mir, Ser.“ „Ich meine das ernst!“, bestand Sieghelm in einem ungewollt harten Tonfall auf sein Gesagtes. Er erschreckte sich selbst vor der ungewollten Schärfe. Adellinde rief in ihm aus einem ihm unbekannten Grund seine sanfte Seite hervor. Es kam ihm so vor, als müsse er sie ganz behutsam behandeln, da sie beim kleinsten falschen Ton zu zerbrechen drohte. Was jedoch albern war, da er gestern Abend gesehen hatte, dass sie keineswegs ein zierliches Ding war, das man beschützen musste. In Sieghelm Welt war sie für ihn aufgrund dieses Widerspruchs ein Mysterium. „Was … was ich sagen will ist …“, setzte er erneut stotternd ein. Doch er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden. Wie konnte er ihr sagen was er dachte oder fühlte, wenn er das nicht einmal selbst wusste? Er kam sich so töricht vor und als ihm gewahr wurde, dass sie ihn nun schon mehrere Momente lang fragend in die Augen blickte, da er seinen Satz mittendrin unterbrochen hatte und einfach nicht weiter sprach, wurde auch er verlegen. „Danke. Ich möchte danke sagen.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kamen sie ihm auch schon lächerlich vor. „Gern geschehen, Ser“, antwortete sie knapp und konzentrierte sich dann wieder auf das Zwiebelschneiden. Da fiel Sieghelm noch eine Frage ein, die er ihn unbedingt stellen wollte. Am gestrigen Abend war er viel zu aufgewühlt dafür gewesen und als er sich seine aufgeschlagenen Fingerknöchel betrachtete, wurde ihm wieder klar, wie sehr er bereute, was gestern über ihn gekommen war. „Euer Gnaden, ich möchte euch noch etwas fragen.“ „Nennt mich doch bitte Adellinde“, schoss sie ihn unterbrechend dazwischen, was Sieghelm wieder etwas aus der Fassung brachte. „Na schön, wie ihr wollt – Adellinde. Ich habe mich gefragt, was passiert ist und wie es dazu kam, dass ihr plötzlich zwischen mir und dem Paktierer standet? Ich muss zugeben, dass Boron da wohl den Segen des Vergessens über mich hat kommen lassen. Ich möchte gerne wissen wie es dazu kam. Das letzte woran ich mich erinnere, ist das ich wegen des Giftatems zusammenbrach und den Tod schon vor Augen hatte.“

Sie atmete tief ein, als würde sie zu einer langen Erklärung ansetzen wollen. Da tapste plötzlich Pagol heran und schwänzelte um Sieghelms Beine herum. Er ließ sich auf den Bauch fallen und mit einem kleinen Kläffen gab er bekannt, dass er gekrault werden möchte – was Sieghelm dann auch tat. Mit Blick auf den Hund, wurden ihre Augen etwas glasig, als sie sich an die Szene des gestrigen Abends zurückversetzte. „Wir waren zu dritt hinter dem Baumtrichter, kurz vor ihrem Lager“ begann sie ruhig zu erzählen. „… es war sehr dunkel und als wir die Kampfschreie der Zwerge hörten, stürmtet ihr beide los und hattet mich damit alleine gelassen.“

„Oh Herrin, geschieht das gerade wirklich?“ hauchte Adellinde gedankenverloren, die von Sieghelm und Kalkarib alleine im Dunkeln gelassen wurde. Sie kauerte sich tief hinter den Baumtrichter, um keinesfalls gesehen zu werden. Sie hatte noch nie ein Scharmützel oder gar einen Kampf gesehen. Sie musste an die Kneipenschlägerei denken, die sie in Perz einmal mitansehen musste. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was hier geschah. Sie hörte wie ihr Atem stotterte und spürte ihre Hände zittern. Dann begann das Metallgeklapper. Klingen trafen aufeinander, gefolgt von Todesschreien. Sie wusste nicht von wem es kam, sie hoffte, dass es die der Söldner waren. Da hörte sie eine kleine innere Stimme in ihr, die ihr sagte, dass sie etwas tun musste. Sie konnte nicht einfach nur hier herumsitzen und warten bis die Verletzten zu ihr kamen. Sie musste die Initiative ergreifen. Sie fasste sich ein Herz und blickte durch ein paar Wurzeln hindurch zum Lager der Söldner. Doch das Buschwerk war zu dicht und die wenigen Fackeln erhellten den Kampfplatz nicht gut genug, um etwas erkennen zu können. „Nur ein paar Schritte näher, Adellinde, damit du etwas siehst“, sprach sie zu sich selbst und hielt nach einer geeigneten Deckung Ausschau, die etwas näher am Lager lag. Vorsichtig schlich sie vor und duckte sich fünf Schritt weiter vorne hinter eine dichte Hecke. Doch auch von hier konnte sie nicht viel erkennen. Wieder hörte sie jämmerliche Schreie, gefolgt von ein paar lauten Kommandos einer ihr fremden Stimme. Sie fragte sich, ob das ihr Anführer sei. Sie wechselte noch zwei Mal die Position, bis sie so nah war, dass sie auf die Anhöhe schauen konnte, wo sie Sieghelm im Zweikampf mit einem dunklen Ritter erblickte. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, um aus der Entfernung die Zeichen auf seiner Rüstung besser erkennen zu können. „Ist das … hmm … oh Göttin! Das kann nicht wahr sein.“ Als sie die Symbole auf der geschwärzten Rüstung sah, rutschte ihr das Herz bis in die Hose. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich taub und so klein wie eine Kirchenmaus im Praiostempel zu Gareth. „Ein Diener Mishkharas. Herrin ist das wirklich dein ernst?“, fauchte sie ungläubig gen Himmel. Für sie war klar, dass dies eine Fügung ihrer Göttin war. Sie hatte sie hierher gebracht, damit sie sich ihren Ängsten, dem Schlächter ihres Dorfes und dem Schänder ihrer Kirche stellte. Er musste es einfach sein, das spürte sie. Sie schloss sie Augen und ganz langsam begann sie drei Mal durchzuatmen, um sich so selbst zu beruhigen. Jedes Ein- und Ausatmen machte sie ganz bewusst, mit dem Gedanken daran, dass sie sich zum Werkzeug Peraines machen würde und es egal war, ob sie dabei ihr Leben lassen würde. Sie sog die Luft ein und fühlte, wie sich ihr Innerstes mit Leben füllte, mit jedem Ausatmen wuchs der Mut in ihr an, für das, wofür sie zu tun bestimmt war. Nach dem letzten Ausatmen, das über ihre rötlichen Lippen strich, öffnete sie wieder Augen, und es lag eine Entschlossenheit in ihr, die sie bis zur Sonnenwende nicht mehr ablegen würde.

Mit einem behänden Griff in ihre Stofftasche holte sie ein paar Kornähren hervor, die sie immer als Paraphernalien bei sich führte. Sie richtete sich auf, drehte sich zu der Anhöhe und trat entschlossen darauf zu. Sie sah, wie Ser Sieghelm gerade zurücktaumelte und eine giftige grüne Wolke über die Anhöhe waberte, dann begann sie erst leise und immer lauter werdend zu beten: „Herrin Peraine, ich erbitte Deinen Segen, ich habe gearbeitet wie Deine fromme Dienerin, habe geopfert wie Deine fromme Dienerin und habe gebetet wie Deine fromme Dienerin. Segne mich, auf das ich dein Werk auch morgen noch verrichten kann.“ Der Ritter brach inzwischen zusammen und der Paktierer ging mit einem süffisanten Lächeln auf ihn zu. Adellinde ließ ihn nicht mehr aus den Augen, noch war sie außerhalb des Fackelscheins, doch das würde sich jeden Moment ändern. Sie wusste, dass sie sich ihm alleine stellen musste, denn der Reichsritter war zu Boden gegangen und sie hatte als Waffe gegen ihn nur ihren Glauben. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben. „Sie her, Diener der Seuchenbringerin – SIEH HER!“ Ihre Stimme überschlug sich, als sie losbrüllte und sich somit des Paktierers Aufmerksamkeit sicher war. Er hatte gerade zu einem vernichtenden Schlag ausgeholt, doch hielt er nun inne. Adellinde trat entschlossen in den Fackelschein, in der linken Hand die Kornähren, die Rechte geballt zur Faust und ihr Blick so entschlossen, dass ihre blauen Augen hell leuchteten. „Du hast Verderben über mein Dorf gebracht, und nun stehe ich hier, lebendig und kraftvoll trotze ich deinem fauligen Atem, denn wo ich gedeihe wirst du vergehen.“ Mit diesen Worten reckte sie die Kornähren ihm entgegen. Der grünliche Nebel wich so schnell von dem Hügel, als würde er flüchten und auch der Paktierer machte einen Satz zurück als hätte ihn ein mächtiger Stein am Kopf getroffen. „WEICHE, faulige Ausgeburt! WEICHE, wo das Leben blüht und gedeiht! DU bist hier nicht willkommen.“ Ohne langsamer zu werden, stellte sich Adellinde vor Sieghelm breitbeinig auf, noch immer die Ähren noch vorne gereckt. Der Paktierer fing sich ein paar Schritt entfernt auf. Er schüttelte sich und verzog das faulige Gesicht. „Wer bist du?!“, rief Baron Markwart und hielt sich einen Arm schützend vor das Gesicht, als würde Adellinde ihn blenden. „Ich bin eine Dienerin der Gebenden aus Perz und ich bin gekommen um dir zu verheißen, dass das Ende deines Vergehens gekommen ist. Knie nieder und bitte die Gütige um Vergebung für deine Gräueltaten in Perz, oder du wirst jetzt dein Ende finden.“ Die Worte sprudelten nur so aus Adellinde heraus,sie kamen zum Teil von ihr selbst und zum anderen Teil durchdrangen Sie sie einfach. Sie spürte wie ihre Göttin durch sie zu dem Paktierer sprechen wollte und sie ließ es zu, doch vorher kam Markwart zu Wort: „Dreckiges kleines Miststück! Du bist viel hübscher als die anderen – ich hätte lieber dich auf dem Altar schänden sollen.“ Die beleidigenden Worte des Barons verfehlten ihr Ziel, denn Adellinde befand sich inzwischen in einem geistig entrückten Zustand. Die blauen Augen der Priesterin wurden für einen kurzen Moment reinweiß und ihr gesamtes grünes Antlitz strahlte so hell, dass es Markwart erneut blendete. Mit einem tieferen Ton drangen aus ihr die Worte: „Ich bin die Bewahrerin, die Hüterin des Heiligen Hains. Sieh oh Halm, die Ähren auf dem Felde, ein leiser Hauch, wenn eine sich beugt, so bebet, die andere auch. Die Sichel kommt und Schnitt, die Faulen und die fremden Halme – Erzitter mit.“ „GENUG!“, erwiderte Markwart, dem es nun überkam, der seine Kraft zusammennahm und nach vorne preschte. Mit erhobenem Warunker Hammer warf er sich voran, doch Adellinde wich keinen Fingerbreit. Da fuhr plötzlich Rondras Nagel empor, geführt vom wiedererstarkten Reichsritter, der seinen mächtigen Hieb abfing. Sieghelm setzte nach und drängte ihn zurück – da kehrten auch Adellindes blaue Augen zurück und das Prickeln fuhr aus ihrem Körper. Sie sah mit an, wie es Sieghelm gelang den Frevler zu überwältigen, während Sie nur wenige Schritt entfernt versuchte, die Worte, die soeben über Ihre Lippen gekommen waren, zu verstehen.

„Ich bewundere euch“, flüsterte Sieghelm, der Adellindes Geschichte gebannt gelauscht hatte. Ihr rannen ein paar Tränen über die Wangen. „Warum weint ihr?“ „Die Zwiebeln, sie … es sind die Zwiebeln“, gab die Priesterin als ausweichende Antwort. Doch in Wahrheit war es die Erinnerung an der Moment, als ihre Göttin durch sie sprach, der sie erneut mitnahm. Sie war traurig, dass es ihr nicht gelang, sich komplett daran zu erinnern, was sie gesagt hatte und es gab auch keine Hoffnung, es je zu erfahren, denn der Einzige, der es mitbekommen hatte, war inzwischen tot. „Wo wir schon dabei sind von gestern zu sprechen, Ser – was war es eigentlich, was euch der Paktierer noch zugeflüstert hatte, dass es euch so in Rage versetzt hatte?“ Sieghelm schluckte schwer und Adellinde sah, dass es ihm unangenehm war. „Es ist heilend für Körper und Seele, über so etwas mit einer Priesterin eures Vertrauens zu sprechen. Euer Wohlgeboren.“ „Ich möchte eigentlich nicht darüber sprechen“, wich Sieghelm aus und machte Anstalten aufzustehen.Doch da kläffte Pagol, der noch nicht genug davon hatte, gekrault zu werden, weshalb ihm nichts anderes übrig bleib, als sitzen zu bleiben. „Wenn euer Verstand nicht darüber sprechen möchte, ist es umso wichtiger für eure Seele, dass ihr es tut“, hakte Adellinde nach und griff zu den Rüben, um nun diese zu bearbeiten. Sieghelm seufzte, die Priesterin war hartnäckig und sein eigener Leutnant hatte sich gegen ihn verschworen. „Nungut, wie ihr wollt. Aber ihr müsst mir versprechen, nicht darüber zu urteilen. Ich … bin sonst nicht so.“ „Heiliges Apfelehrenwort!“ Adellinde hob die linke Hand, reckte den Rücken und machte eine bedeutsame Pose.Sieghelms Brauen senkten sich und er schaute sie verwirrt an. „So etwas gibt es doch gar nicht.“ Adellinde grinste beschwichtigend. „Natürlich nicht. Aber ich bin eine Priesterin Peraines, eure Worte sind bei mir so sicher wie das Amen in der Praioskirche.“ Nun lächelte auch Sieghelm, der Adellindes neckische Art begann zu mögen. „Nun, es war so …“

Sieghelm drehte Custoris in der Luft um die eigene Achse und versetzte Markwart damit einen Treffer gegen die linke Schulter. Der Anderthalbhänder ächzte gegen die schwarze Plattenrüstung, doch die Wucht brachte den alten Baron ins Taumeln. Er versuchte das Ungleichgewicht mit seinem Warunker Hammer auszugleichen, doch schaffte er es nicht rechtzeitig und so setzte Sieghelm nach. Mit einem mächtigen Schwung traf er den Paktierer erneut am linken Arm, so dass er hörte, wie darunter Knochen brachen. Das von Pusteln übersäte Gesicht des Barons wurde schmerzverzerrt, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war. Er konnte dem Reichsritter einfach nichts mehr entgegensetzen und hatte schon zu viel Blut verloren. „Es ist ganz gleich, was hier geschieht“, stöhnte er und wehrte einen Hieb des Ritters mit letzter Kraft ab. „Der Greifenthron wird fallen, und mit ihm das Kaiserreich.“ Sieghelm machte eine Finte, die der Baron nicht kommen sah und dieser bekam so einen Treffer gegen das rechte Bein. Unter heftigen Schmerzen gab es nach und der Baron sank auf die Knie. „Und ihr könnt es nicht verhindern, die Kaiserin gehört uns.“ Der mächtige Anderthalbhänder sauste herab und noch während das Donnern über den Hügel zu hören war, durchtrennte seine Klinge den hölzernen Schaft des Warunker Hammers. Das Holz zerbrach und die Klinge suchte seinen Weg weiter nach unten und grub sich tief in die Schulter des Barons. „Während ihr hier euren Sieg feiern werdet …“ Markwart musste Blut spucken, als er das Schwert in seine Schulter bekam, doch ließ er sich nicht davon abhalten weiter zu reden. „ … wird die Hure des Mittelreichs in der Warunkei kaiserlich vom jedem im Nekromantenrat durchgepflügt, der noch etwas Fleisch am Pimmel hat.“ Während in Sieghelms Gesicht die Wut hochkochte, ergötzte sich der Frevler daran, denn auch wenn er den Kampf hier verloren hatte, so wusste er, dass er mit einem Lächeln abtreten konnte. Er hatte seinem Widersacher ein widerwärtiges Bild in den Kopf gesetzt, dasser nicht mehr loswerden würde. Sieghelm schlug mit dem Knauf seines Schwerts gegen Markwarts Gesicht. Seine Nase brach und Blut platzte Sieghelm entgegen. Dann stürzte sich der Reichsritter auf ihn und ließ den Knauf so lange auf dessen Gesicht nieder, bis das Grinsen in seinem Gesicht nur noch eine blutige Masse war.

Teil III – Hasardeure (3)