

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Kalkarib
al’Hashinnah

Adellinde
Peraine-Geweihte
„Ha!“ Albrax’s Axt trennte einen Unterarm vom Rest des Körpers. Blut schoß durch die Luft. „Huh!“ Die Axt wirbelte in der Luft herum und drang dann tief in den Oberkörper des Söldners ein. „Hehe!“ Mit dem metallischen Endstück des Stils wehrte er gekonnt den Schwerthieb einer Söldnerin ab und ging ohne Unterbrechung zum Gegenangriff über. „Nimm das!“ Sofort sank sie auf die Knie, als sich Albrax‘s Axtblatt tief in ihre Hüfte schob. „Klonk!“ Mit der Wucht eines wasserbetriebenen Stampfwerks hämmerte Albrax seinen Helm gegen ihre Stirn. Sie wurde nach hinten über geschleudert und stand nie wieder auf. „Was für ein Spaß!“, intonierte er auf der Suche nach einem neuen Gegner. Seine Brüder und Schwestern kämpfen noch gegen die inzwischen dezimierten Söldner, die entgegen seiner Erwartung bis aufs letzte Blut kämpften. Was ihn insgeheim ein kleines bisschen freute, denn im Hinterherrennen war er nicht so gut. Zumal es sich für einen Hochkönig nicht geziemte, einem fliehenden Feind nachzustellen. Dafür gab es schließlich Armbrüste. Albrax erblickte Kalkarib, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Er humpelte und wehrte sich mühsam gegen einen Söldner mit einem Breitschwert. Albrax verließ die Kampfreihe der Zwerge, welche sofort von seinen Brüdern und Schwestern geschlossen wurde. Seine knubbeligen Finger griffen nach etwas an seinem Gürtel, als er hinter den Reihen der Angroschim langging. Der junge Wüstensohn hatte Mühe mit seinem Gegner, was wohl an seiner ihn benachteiligenden Verletzung lag. Albrax‘ Arm beschrieb einen Halbkreis, als er durch die Luft zuckte. Im nächsten Moment schaute aus dem Oberschenkel des Söldners der Griff einer Wurfaxt heraus. „Aaaagh!“, brüllte dieser, der sich fortan auf Paraden beschränkte, da Kalkarib in die Offensive ging. Den schnellen Bewegungen des Novadis war der verletzte Söldner nicht gewachsen. Es dauerte keine zehn Momente, bis er seinen Gegner überwältigt hatte und auch dieser Söldner zu Boden ging. Als Kalkarib seinen Khunchomer am Wappenrock des Mannes abstrich, erblickte er den neben ihm stehenden und unter seinem grauen Bart breit grinsenden Hochkönig. „Mir erschien das gerechter“, brubbelte er plötzlich mit roten Pausbäckchen und zuckte kurz mit den Achseln. Was bei einem Zwerg mit seinem Format so aussah, als würde eine gedrungene Eichentruhe den Versuch unternehmen hüpfen zu wollen. Albrax hatte ihm bei seinem Kampf geholfen, in der er seinen Gegner eine ähnliche Verletzung zufügte wie die, die er hatte. Auf diese Weise konnte er seinen Gegner selbst überwinden und seine Ehre erhalten. Kalkarib blieb keine andere Wahl als „Danke“ zu sagen. „Gern geschehen Junge.“ Albrax zwinkerte ihm zu und beide blickten über das Kampffeld. Die Angroschim hatten inzwischen ohne ihn den Sieg errungen, alle Söldner waren besiegt. Die beiden Männer blickten daher zur Anhöhe, wo noch kurz zuvor Sieghelm den Anführer der Gruppe die Stirn geboten hatte. Sie waren nur zwanzig Schritt davon entfernt, und im schwachen Fackelschein der Nacht konnten Sie nicht alles klar erkennen, aber was sie dort sahen, ließ sie beide den Atem anhalten.
Baron Markwart hüstelte und grinste noch immer, als er sich erhob und ausreichend Abstand zwischen sich und Sieghelm brachte, um mit der scharfen Seite seines langen Warunker Hammers den Kopf vom Torso des Ritters trennen zu können. Sieghelms Krämpfe waren noch immer so stark, dass er absolut gar nichts dagegen ausrichten konnte, nicht einmal ein Stoßgebet an die Herrin drang ihm über die Lippen. Das einzige, was er tun konnte, war ihm nicht die Genugtuung zu geben, die Angst in seinen Augen zu sehen, weshalb er sich dafür entschied, selbige zu schließen. Es war ohnehin besser, so würde er die tödliche Klinge nicht kommen sehen. Er dachte an seine Familie, an seinen Vater Parzalon, den er nun nie wieder sehen würde und zu dessen Hilfe er eigentlich unterwegs war. Er dachte an seine beiden Brüder, Traviahold und Torion. Sein kleiner Bruder Traviahold hatte inzwischen eine Familie gegründet und war sogar Abt eines eigenen Klosters. Torion, der ebenfalls eine Familie hatte, setzte die Blutlinie fort und befand sich wohl gerade im Familiensitz in Dettenhofen. Wie er wohl reagieren wird, wenn die Nachricht kommt, das sowohl er, als auch ihr gemeinsamen Vater ihr Leben auf dem Schlachtfeld gelassen hatten? Immerhin wird er dadurch Baron von Dettenhofen. Während ihm seine Gedanken durch den Kopf schossen, bemerkte Sieghelm nicht, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war. Anscheinend ließ sich Markwart viel Zeit und kostete seinen Sieg in vollen Zügen aus. Da berührte ihn plötzlich etwas an der Wange, etwas kaltes und gleichwohl weiches. Er riss die Augen auf, und was er sah, konnte er nicht glauben. Es war Adellinde, die ihm ihre rechte Hand auf die linke Wange legte, während sie die andere Hand mit ein paar Kornähren zur Faust geballt auf Markwart richtete, der doch tatsächlich davon angewidert zurückwich. Ein göttlicher und kaum wahrnehmbarer Glanz lag auf der Aura der zierlichen Priesterin. Sieghelm wusste nicht, ob er das wirklich sah, oder ob das an dem Gift lag, das er eingeatmet hatte. Adellinde sprach dann mit seidiger Stimme und ihre Worte beruhigten ihn: „Habt keine Angst. Ich bin bei euch, Herr Ritter.“ Wobei ihre Stimme sich für ihn wie göttliches Harfenspiel anhörte. Und tatsächlich, seine Angst verflog. Für einen klitzekleinen Moment lächelte sie ihn an, was Sieghelms Herz höher springen ließ. Er wollte ihr danken, ihr irgendetwas sagen, doch er konnte nicht. Dann schloss sie die großen blauen Augen und sprach: „Heiliger Therbûn, mögest Du diesen Gläubigen leiten! Gnädige Peraine, schenke diesem Gläubigen Gesundheit!“ Während ihrer Worte wurde ihre Handfläche angenehm warm. Dann erhob sie sich und stellte sich breitbeinig zwischen ihm und Markwart verteidigend auf. Ihre Faust war dabei noch immer auf den schwarzen Ritter gerichtet. Sieghelm wusste zwar nicht, wie es ihr gelungen war, Markwart zurückzudrängen, aber er bewunderte ihren übermenschlichen Mut, sich ihm alleine und nur mit ein paar Kornähren bewaffnet zu stellen. Er spürte wie die Betäubung aus seinen Gliedern wich und er wieder Kontrolle über seine Muskeln bekam. Die Krämpfe ließen nach, doch an ihre Stelle trat erschöpfter Schmerz, als hätte er den Hindernisparcour in der Kriegerakademie zum dritten Mal absolviert.
„Glaubst du wirklich, dass du mich damit aufhalten kannst, du hübsches Ding?“, bellte Markwart wütend, dessen Gesichtsausdruck immer verzerrter wurde. „Ich bin Adellinde, ergebene Dienerin Peraines, und es war mein Tempel und es waren meine Brüder und Schwestern in Perz, die du geschändet hast“, erklärte sie. Ihre sonst so zarte Stimme war plötzlich durchdrungen von Entschlossenheit. Es war kein Funken Wut in ihr und kein Zorn lag auf ihrem Gesicht. In Markwarts Gesicht hingegen glomm unterdessen die Erkenntnis, dass sie hier war, um seine Taten in Perz zu vergelten. „Aaaaahh, du willst Rache, Mädchen.“ Als er das Wort ‚Rache‘ aussprach, wuchs wieder ein hämischen Grinsen auf ihm an. „Nein“, konterte sie kühl, was Markwart überraschte. „So, wie eine Eiche, in der die Spitze eines Pfeils steckt, keine Rache gegenüber dem Pfeil verspürt, so verspüre auch ich keine. Stattdessen lebt der Baum damit weiter und überwuchert den Fremdkörper. Peraines Güte ist größer und beständiger, als das kurzlebige und verderbende Gift, das dir Mishkhara schenkt, Paktierer.“ Für einen kurzen Moment wusste der Baron darauf nichts zu erwidern. Stattdessen griff er nach seinem Warunker Hammer und ging zum Angriff über. „Dann stirbst du hier! Dummes Ding!“ Adellinde hatte noch immer nichts zu Verteidigung, außer ihre paar Kornähren und nichts vermochte ihn aufzuhalten. Er würde sie mit einem einzigen Hieb spalten. Markwarts Mimik war eine Mischung aus süßem Schmerz und Freude, als er das Axtblatt von weit hinter sich schwang und über ihrem Kopf niederschießen ließ, denn noch immer war ihm nicht wohl in ihrer Nähe, aber er freute sich gleichzeitig, seine Arbeit in Perz vollenden zu können. Da knallte ein Donnerschlag über die Anhöhe, der alles, bis auf ein kaum hörbares ‚Nein!‘ eines wiedererstarkten Reichsritters übertönte. Mit aller Kraft und noch immer unter erschöpfenden Schmerzen hatte sich Sieghelm hinter ihr hochgestemmt, mit Custoris ausgeholt und mit der Wucht eines Auerochsen, der gegen ein Scheunentor rannte, gegen den Hieb des Barons geschlagen. Die Klingen kreuzten sich nur knapp vor Adellindes Gesicht, die nicht einmal mit der Wimper zuckte. Funken, Holz- und Metallsplitter spritzten in alle Richtungen, als der Paktierer zurücktaumelte. Der Kopf seines Hammers flog im hohen Bogen davon, Sieghelms Hieb war so stark gewesen, dass er glatt den langen Stil am Metallteil durchtrennt hatte. Markwart hielt nun nur noch einen abgebrochenen Stecken in der Hand. Seine Kampfhaltung ließ zu wünschen übrig, als sich Sieghelm lautstark prustend und mit blutunterlaufenden Augen schützend vor Adellinde schob. „Wo waren wir stehen geblieben?“, sagte Sieghelm, der Mühe hatte, die Worte auszusprechen. Markwart blickte verbittert auf das ausgefaserte Ende seines Steckens und warf ihn dann missmutig zur Seite. „Wollt ihr es so beenden? Nennt ihr das rondrianisch, einen Unbewaffneten zu erschlagen?“, spottete er und spieh dabei mehrere Klumpen Spucke aus. Er hatte recht, auch wenn er ein Paktierer war, es lag keine Ehre darin, einen Unbewaffneten zu erschlagen – und rondrianisch war es allemal nicht. Dann sah Sieghelm eine Lösung. „Dort ist ein Waffenständer, wählt eure Waffe und ich schenke euch einen raschen Tod, wie es sich für einen Adeligen gebührt.“ Mit der Spitze seines Anderthalbhänders deutete er auf einen nahen Waffenständer in dem Äxte, Streitkolben und Kriegshämmer standen. Markwart rümpfe angewidert die Nase, als er die Waffen erblickte. „Wir wissen beide, das ihr mir im Kampf überlegen seid, ich habe euch auf dem Mythraelsfeld kämpfen sehen, was soll das ganze also?“ Sieghelm schnaufte verächtlich und setzte dann mit ernster Stimme zu einer Erklärung an. „Wenn ihr euch nicht wie ein Adeliger verhaltet und sofort zu einer Waffe greift, dann werde ich euch wie einen Gemeinen behandeln. Ich lasse euch gefangen nehmen, werde euch an den Händen fesseln lasen und werde euch hinter meinem Pferd im Galopp über die Reichsstraße ziehen, bis von euch nur noch ein blutiger Klumpen übrig ist.“ Das hatte gesessen. Auch wenn Baron Markwart ein Paktierer war, aber so wollte auch er nicht sterben. Bei Markwart zeichnete sich blutrünstiger Hass auf seinem zerfledderten Gesicht ab. Widerwillig holte er sich einen zweihändigen Kriegshammer und stellte sich dann kampfbereit auf. „Ich muss euch bitten, nun etwas zur Seite zu treten, euer Gnaden. Ich übernehme wieder“, sagte Sieghelm mit sanftmütiger Stimme rücklings gewandt zu Adellinde, die ihre Haltung kein bisschen verändert hatte. Sie nickte nur, senkte die Faust und trat dann ein paar Schritte zurück. Augenblicklich verschwand auch die glitzernde Aura von ihr. „Gute Entscheidung, Euer Hochwohlgebohren.“ Sieghelm nickte seinem Kontrahenten anerkennend zu.
„Ich muss ihm helfen!“, sagte Kalkarib besorgt im novadischen Akzent. Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, eilte er auf die Anhöhe los. Doch er wurde jäh in der Bewegung unterbrochen. Der Hochkönig, der sich trotz Kalkaribs Bewegungsmoment keine Haarbreite bewegt hatte, hatte ihm am Handgelenk gepackt und hielt ihn an Ort und Stelle fest. Der Novadi blickte ihn ernst an, warum in Rastullahs Namen hielt der Zwerg ihn davon ab, Sieghelm zur Hilfe zu eilen? Es war offensichtlich, dass nicht nur er, sondern auch Adellinde in Gefahr waren. „Ganz ruhig, mein Junge.“ Albrax‘ Stimme war zugleich beruhigend und bestimmend. „Diesen Kampf muss er alleine bestehen.“ „Seht ihr denn nicht, wie er dasteht? Er ist verletzt!“, konterte Kalkarib im Tonfall eines Kindes. Albrax ruckte am Arm des Novadis, der daraufhin aufhörte zu zappeln. Mit sehr ernster Miene sah der alte Zwerg dem großen Novadi in die Augen. Seine buschigen grauen Augenbauen wippten dabei auf und ab. „Ja das ist er, aber es ist ein rondrianischer Kampf – und wenn ich etwas über Rondra in den letzten 200 Jahren meines Lebens gelernt habe, dann, das es egal ist, wie der Kampf ausgeht, solange er rondrianisch bleibt.“ Mit den letzten Worten ließ Albrax‘ den Novadi los, der Mühe hatte, sich aufgrund seines verletzten Beins zu fangen. Doch vom durchdringenden Blick des Zwergen konnte er sich nicht lösen. Kalkarik dachte nach, es lag viel Weisheit in den Worten des kleines Mannes. Er selbst verstand nicht viel von den Zwölfen, aber auch er hatte ein Ehrgefühl. „Sieh es wie den Kampf eben, wie würde es dir ergehen, wenn ich den Mann meine Wurfaxt in den Kopf und nicht in sein Bein geworfen hätte – oder willst du mir unterstellen, dass ich das nicht gekonnt hätte?“ Beim letzten Satz schob Albrax trotzig sein bärtiges Kinn nach vorne. „Nein, keineswegs!“ Kalkarib machte eine abwehrende Geste. Albrax‘ Haltung entspannte sich wieder, und nach einem kurzen Moment zwinkerte er dem Novadi zu. Sofort lächelte das Gesicht hinter der knolligen Nase wieder. Kalkarib wurde einfach nicht schlau aus dem Zwerg. Aber er hatte Recht, es war eine Angelegenheit der Ehre, ihn den Kampf alleine austragen zu lassen. Einerseits blickte er den Zwerg nun noch immer etwas wütend an, da er von ihm aufgehalten wurde, aber andererseits war er dankbar, dass er ihn daran erinnert hatte. Während das Donnern von Custoris begann, gingen die beiden Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, die Anhöhe hoch, um dem rondrianischen Tanz zuzuschauen.
Sieghelm, der noch immer unter Erschöpfungsschmerzen litt, war schwerfälliger als sonst. Und Baron Markwart steckte noch immer in einer ihm weit überlegenden Rüstung. Er wusste jedoch, dass solange eine Dienerin Peraines anwesend war, es keinen Sinn mehr hatte, auf seine giftigen Paktgeschenke zurückzugreifen. Es musste es also in einem Kampf Mann gegen Mann austragen. Es war keinesfalls Sieghelms schönster Kampf den er je ausgefochten hatte, aber in seiner Vorstellung blickte die donnernde Göttin trotzdem in diesem Moment auf diese Anhöhe, und sah mit Wohlwollen dabei zu, wie er – ihr Auserwählter – einen Paktierer Mishkhara auf rondrianischem Wege besiegen würde. Rundherum versammelten sich die Zwerge, Kalkarib und Adellinde – der so entstehende Kampfplatz war ergo groß genug für die beiden Kontrahenten. Der Reichsritter tauchte jedoch so sehr gedanklich in den Zweikampf ab, dass er seine Freunde um ihn herum nicht wahrnahm. Begleitet nur vom sanften Knistern der Fackeln und in ihrem schwachen Schein, rang der Reichsritter des Greifenthrons zu Gareth den Paktierer unter Aufbringung großer Schmerzen nieder. Markwart von Graufenck aus Eslamsbrück, Baron von Taubrimora, verstarb im ritterlichen Zweikampf in einem Wäldchen nahe Perz, erschlagen von Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher – so würde es zumindest in die Geschichtsbücher eingehen. Der Kampf war auch rondrianisch, doch zwischendurch hatte der Baron Sieghelm etwas zugeflüstert, was sonst niemand anderes vernahm, was ihn anschließend in einen blutrauschartigen Zustand versetzte. Letztlich waren Albrax und drei weitere Zwerge gezwungen Sieghelm von Markwart herunter zu ziehen, als dieser mit dem Knauf seines Schwerts nur noch blutige Klumpen in den Boden stampfte, wo einst das eingefallene und kranke Gesicht des Barons war. „Hoffen wir, das Rondra rechtzeitig weg geschaut hat“, sagte Adellinde mit besorgter Stimme noch zu Albrax, als die beiden zu Sieghelm schauten, nachdem dieser sich beruhigt hatte und an einem Baum gelehnt die blutigen Klumpen Gehirn des Barons von den Händen wischte.
Wenig später, als die Angroschim den Kampfplatz aufräumten und Sieghelm um einen Moment der Ruhe bat, trat Adellinde an den auf dem Boden sitzenden Kalkarib heran. Sein linker Oberschenkel war inzwischen angeschwollen und schmerzte so sehr, dass er nicht mehr stehen konnte. „Was ist passiert?“, erkundigte sie sich bei ihm und kniete sich zu ihm nieder, während sie schon begann in ihrer Stoffumhängetasche zu kramen. „Mich hat ein Streitkolben getroffen“, sagte er nur. Er hatte außerdem ein paar kleine Blessuren, hier und dort ein paar Kratzer, aber nichts Schlimmes. „Was habt ihr vor?“, schob er noch interessiert hinterher, da er schon ahnte, was sie machen wollte. Doch würde er keinesfalls eine Ungläubige, und schon gar nicht eine unverheiratete Frau, seinen Oberschenkel berühren lassen. Sie fingerte aus der Tasche ein paar Kräuter und ein Salbendöschen. „Zieht eure Hose aus“, sagte sie. Da zuckte Kalkarib und sprang im Sitzen auf und ab, dass ihm sein Bein noch mehr wehtat. „A-Auf keinen Fall!“ Adellinde belegte Kalkarib mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ernsthaft?‘ „G-Gebt mir die S-Salbe und die K-Kräuter, ich mach das alleine“, stotterte er, was in Verbindung mit dem Novadi-Akzent besonders putzig für Adellinde klang. Er versuchte ihr beides aus den Händen zu reißen, doch sie drehte sich so ein, dass beides hinter ihrem Körper war und er sie nicht erreichte. „Was genau ist euer Problem?“ Ihre Blicke trafen sich und Kalkarib wusste nicht, wo er anfangen sollte.
‚All das!‘ wollte er ihr entgegen rufen, doch fand alles nur in seinem Kopf statt: ‚Weil ihr eine unverheiratete Frau seid! Weil ich verheiratet bin! Weil das ganz nah an meinem Schoß ist! Weil ihr eine Ungläubige seid! Weil ihr so jung seid! Weil ihr so hübsch seid! Weil‘ …“Muss ich euch erst besinnungslos schlagen, damit ich euch behandeln kann? So könnt ihr nicht stehen, und schon gar nicht gehen. Und Ser Sieghelm braucht euch nun mehr denn je, seht ihn euch an! Soll euer Stolz der Grund dafür sein, dass er so bleibt und beim nächsten Kampf vor die Hunde geht?“ „A-Aber…“ „Kein Aber! Nun lehnt euch zurück – ich kann es auch besonders schmerzhaft für euch machen, damit ihr nicht sagen könnt dass es angenehm war. Und nun lehnt … euch … zurück!“ Adellindes blaue Augen wurden so groß wie Unauer Glasperlen. Irgendwo im Hintergrund glaubte Kalkarib einen Zwerg kichern zu hören. Er hatte keine andere Wahl, die Verletzung war so stark, dass er ohnehin bald besinnungslos werden würde, wenn sie unbehandelt blieb und dann wäre er ihr ausgeliefert. Also lehnte er sich zurück und versuchte bei Besinnung zu bleiben, damit er Delia später erzählen konnte, was genau sie gemacht hatte.
