Liebe Mama, lieber Papa,
ich bin es, Azina, eure verlorene Tochter. Macht euch bitte keine Sorgen, denn mir geht es gut.
Es schmerzt mich, dass Ihr durch meinen Weggang so Vieles erleiden musstet. Es tut mir sehr sehr leid. Die Schande, die ich über euch und die Familie gebracht habe, war einfach zu groß, als dass ich es verdient hätte noch länger bei euch zu leben. Ich wäre euch nur zur Last gefallen. Nach unseren Sitten war ich wertlos und entehrt. Ich konnte meinen vorherbestimmten Weg nicht beschreiten. Also floh ich aus meiner geliebten Heimat, um in der Ferne ein neues Glück zu suchen.
In den letzten Jahren bin ich eine Andere geworden. Das kleine aufgeregte Mädchen mit einem Faible für Tiere und Pflanzen ist im Begriff in einer starken Kriegerin und Jägerin zu verschwinden. Die Liebe zu meinen tierischen Gefährten ist jedoch, nach wie vor, ungebrochen. Aus dem kindlichen Faible ist eine tiefe seelische Verbindung geworden. Anfangs Falkie und nun Bakkus, den ich nach einem verstorbenen Kameraden benannte, gaben mir den Halt die schweren Zeiten zu überstehen.
Am Anfang meiner Flucht, stand die Suche nach einer wohlhabenden Familie. Jedoch lehrten mich die harten Jahre der Unabhängigkeit eine andere Lebensweise. Um zu überleben musste ich sowohl körperlich als auch geistig härter und stärker werden, als ich es als vornehme Edelfrau je vermocht hätte. Schmutz und Schlamm entstellten mein Antlitz. Blut besudelte meinen Körper. Und ich war nicht mehr fähig und würdig, mich einem (wohlhabenden) Mann hinzugeben. Eine Schande! Ich traute mich nicht, euch zu schreiben. Ich konnte nichts, was für euch vom Wert war, vorweisen. So dachte ich traurig. Erst Onkel Omar, den ich dank glücklicher Fügung in Fasar antraf, belehrte mich eines Besseren. Mein Leben, meine Gesundheit und meine Freiheit, sind die Dinge, die ich vorweisen kann. Es ist nicht viel, aber mehr als Ihr, wie ich hörte, zu hoffen wagtet.
Ich möchte euch nun, von Anfang an, von meinen Erlebnissen und Taten erzählen, damit ihr wisst, was mir in den letzten Jahren wiederfuhr.
Das erste Jahr verdingte ich mich als Viehtreiberin, Tierpflegerin, Zureiterin und ähnlichen. Es war das schwierigste Jahr, da ich kaum Erfahrung mit Menschen der verschiedenen Schichten hatte. Es war die Zeit in der ich lernte mit der Waffe umzugehen, um sich der zahlreichen Banditen und Schändern zu erwehren, die meiner bedrohten. Ich traf auf viele Personen unterschiedlicher Herkunft. Auf einen mittelländischen Rondrageweihten namens Tornado, auf Dara, eine mittelländische Bogenbauerin, auf den schmucken Waldmenschen Bakus und einem merkwürdigen Elfen, dessen Name mir leider entfiel. Von diesem Tage an, waren meine Zeiten als sklavenähnliche Dienerin vorbei. Ich schloss mich diesen Leuten an und erlebte viele aufregende und gefährliche Abenteuer.
Zunächst waren es nur Botendienste für wenig Kupfer und Heller. Später gesellten sich Aufklärungsmissionen und Händlerschutz für ein paar Silber hinzu. Wir zogen durch das ganze Mittelreich. Besiegten Harpyien, vereitelten Pläne niederträchtiger Magier, schlugen dreiste Strolche, verhandelten mit Trollen, erlösten einen ganzen Wald von dämonischer Pervertierung durch eine Druidenhexe und trafen andere fabelhafte Wesen.
Mich traf eine Vision, die mein Leben entscheidend verändern sollte. Die Sinne schwanden mir und in einem nebenumwaberten Steinreis erschien ein fremder Kaputzenmann, der einige unverständliche Worte an mich richtete. Als wir wieder zu uns kamen, trug ein jeder von uns ein göttlliches Amulett. Tornado erhielt das Amulett der Rondra, Dara unerwartet das Amulett des Phex. Ich selbst trug von nun an, ein weißes Amulett mit einem Bergkristall – das Zeichen Firuns – auf meiner Brust. Wir wussten nicht, was wir davon halten sollten und stellten Nachforschungen an. Jedoch konnte uns niemand sagen, was dies bedeutet. Die Spekulationen liefen darauf hinaus, dass wir in irgendeiner Form von den Göttern erwählt wurden. Aber das Zeichen Firuns in meinen Händen? Damals schien ich mir nicht würdig es zu tragen. Ich war noch recht kindlich zu mir und meiner Umwelt. Doch die Ereignisse stählten mich zusehends.
Mit der Zeit gesellten sich weitere Personen meiner Gemeinschaft hinzu, während einige andere verschwanden. Bakus wurde von heimtückischen Rassisten hinterhältig ermordet, während Tornado von Rondras Kirche beantsprucht wurde. Der mysteriöse Elf entschwand eines Tages ungesehen. Zu Bakus Ehren, nannte ich den kleinen nivesischen Steppenhund, den ich auf der Straße fand Bakkus. Ich bildete ihn mit der Zeit zum Jagdhund aus. Inzwischen ist er ein treuer Gefährte.
Dara und mir schlossen sich der edle Schwertgeselle Igan und ein verarmter ehemaliger Sklave aus Al’Anfa namens Conner an. Gemeinsam erklärten wir die mysteriösen Phänomäne um Burg Siegstein, in der Baronie Hammerschlag auf, tranken mit einer Kräuterfrau Tee und sprachen mit den ehrwürdigen Druiden des Eises, deren Sippe brutal geschlachtet wurde. In dieser Gegend und zu dieser Zeit, befand sich auf Burg Siegstein ein, mit Runen geschmückter, weißer Speer. Das Artefakt Firuns! Hell erleuchtete er den modrigen Keller, als ich ihn das erste Mal in den Händen hielt. Eine Welle der Kraft durchflutete meinen Körper. Ich fühlte mich vollständiger. Ich lernte diese mächtige Waffe zu führen.
Die hochwohlgeborene Palmeya benötigte dringend Geleit und Schutz auf ihren steinigen Weg über den Rashtulswall nach Aranien. Ihr feindlich gesinnter Hofmagier erschwerte unseren Weg. In einem Kampf mit kreischenden Haryien an einem steilen Abhang verlor ich unglücklich den Runenspeer. Der starke Leibdiener Palmeyas hingegen verlor bei den Kämpfen sein Leben. Schwer angeschlagen, vollbrachten wir das Unmögliche und brachten Palmeya zurück in Ihre Residenz. Ich war der Heimat näher denn je und beschloss euch zu besuchen. Ich wusste nur noch nicht, was ich euch sagen sollte. Denn noch immer fühlte ich mich nicht bereit dazu. Die Schande lag noch greifbar in der Luft.
Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Der erzürnte Hofmagier schickte uns mit einem Zauber in das Bornland. Falkie blieb dabei in Aranien zurück. Außer mir vor Zorn und Wut trat ich die Reise zurück gen Praios an. Ich hoffte, dass Falkie den Weg zurück zu euch finden würde und ich ihn bei meiner Rückkehr wieder sehen werde.
Im Bornland trafen wir auf den Horasier Nicolo de Castelani. Mit seiner Hilfe erhielten wir nun offizielle Aufträge von hohen Gesellschaften. Nach einigen kleineren örtlichen Gegebenheiten, schickte uns ein Bannstrahler in die schwarzen Lande, um einige geheime Schriften zu holen, die den Umbruch der Herrschaft in dem verfluchten Land bedeuten sollte. Noch auf dem Hinweg befreiten wir ein Dorf von einem blutrünstigen Vampir. Wir erbeuteten schließlich die geheimnisvollen Schriften und flohen aus dem Land.
Ein verwirrter Magier namens Melami entsprang direkt auf unserem Pfad aus einem Portal gefolgt von einem Eisgolem. Nachdem wir diesen niederstreckten, bot uns der Magus einen Auftrag in seiner Heimat an. Wir ahnten nicht, dass diese Heimat sich südlich des Dschungels befand. Al’Anfa war unser Ziel. Wir sollten einige Zutaten besorgen, die Melami benötigte, um uns für einen Kampf gegen einen Eisdrachen zu rüsten. Beinahe endete ich als Feld-Sklavin. Nur mit Glück entging ich diesem Schicksal. Mit Zaubertränken ausgestattet stahlen wir dem Drachen ein Ei, welches der Sphärenwanderer Melami benötigte. Am Ende schickte er uns zurück in die Mittellande in die Nähe von Hammerschlag. Nicolo bekam eine Stellung als Voigt für die Ländereien von Hammerschlag. Wir blieben einige Zeit in der Nähe. Unsere Wohnstatt war die Burg Siegstein. Die lokalen Phänomene ließen uns keine Ruhe. Ein Magier mit dem Kurznahmen Adeptus Nehazet ay Yashualay von Punin Alam el Ketab Rohaldor ibn Tulachim ibn Rashim ibn Reshim ibn Al’rik al’Fessir ibn Abu ibn Abdul ibn Rohal ibn Dschelef ay Yalaidim ibn Ali ibn Zulhamin al’Tulam ibn … usw. und der Hauptmann der Stadtwache Sieghelm Gilborn von Spichbrecher wurden uns von der Baronie zur Seite gestellt, um die merkwürdigen (magischen) Phänomene zu untersuchen.
Einen Djin, versteinert von einem Orkschamanen in einem zwergischen Bergwerk, der die Luft in den Kammern verseuchte, brachten wir nach Burg Siegstein, um ihn zu untersuchen. Wir überwältigten eine Horde marodierender Orks, welche die Gegend unsicher machten. Tote Elfen mit abgeschnittenen Ohren und Elfenpfeile in einer zerstörten Zwergensiedlung, entfesselten beinahe einen Krieg zwischen den Zwergen und den Elfen auf dem Boden Hammerschlags. Wir handelten einen Frieden aus. Dreiste Goldkistendiebstähle eines ganzen Banditenringes klärten wir auf. Ein orangegewandeter Blutmagier aus fremden Sphären ließ nicht mit sich reden. Verwitterte mit Ranken umwachsene Wächterstatuen vor einem blühenden Druidengrab griffen, von uns allarmiert, ein, aus einem Pferdeleichnam entsprungenes, Dämonengeschöpf an. Blutige Dämonenaustreibungen folgten mit Hilfe einer Hexe auf dem Fuße. Wir sammelten die herzzerreißenden Tränen einer kleinen Fee, um ein magisches Ritual zu vollziehen.
Wichtige Geschäfte führten uns gen Firun nach Ferdok, wo wir an einem hochherrschaftlichen kultivierten Ball teilnahmen. Auf jenen Ball entlarvten wir einen diebischen maskierten Verräter. Der Kopf der Bande, ein intelligenter Papagei, entkam uns leider. Wir freundeten uns mit einer süßen Schelmin an, die auf dem Ball einiges an Schabernack trieb. Einen göttlichen Gegenstand befreiten wir aus unwürdigen Händen und übergaben ihn der Kirche.
Im Keller der einer untergegangen Magierakademie verfolgte uns ein Steingolem, so hoch wie die Mauern der Tunnel und so hart wie der Fels der Erde. Von ihm getrieben gelangten wir durch phantastische Limbusreisen zu unglaublichen Orten. Auf der Lichtung der schluchzenden Fee betraten wir wieder aventurischen Boden. Die Erinnerung an jene Orte verschwimmt allmählich im Nebel der Vergessenheit.
Wir verteidigten ein Gasthaus gegen den Angriff dämonenbeeinflusster Vögel und erneuerten den Bann auf einem der Gefäße Rohals.
Nach einiger Zeit nahmen Nehazet und ich eine Karavane nach Khorestan. Mit dabei diente als Wachschutz der Schwertgeselle Rowin. Der regierende Emir beauftragte Nehazet, den Staudamm dazu zu bringen, erneut Wasser zu spenden. Die Hexe Delia und der Schwertgeselle Rowin schlossen sich uns an. Der Damm wurde einst magisch versiegelt. Die Suche nach den verlorenen Ritualgegenständen führte uns bis nach Fasar, wo ich Onkel Omar traf, der mir von eurem Unglück erzählte. Ich entschloss mich mit unendlichem Wehmut, diese Zeilen zu schreiben, um euch nicht länger mit Ungewissheit zu quälen.
Stets traf ich auf meiner Reise wohlhabende Männer. Doch die teils grausamen Ereignisse und die Lehren Firuns ließen mich erhärten. Es ging so weit, dass ich in Khorestan als Achmad Sunni gehandelt werde. Die Dschadra, die ich einem Sklavenhändler im Kampf abnahm, tat ihr Übriges zu dem Erscheinungsbild dazu. Mit solch einem Ruf und Ansehen verdingte ich mich als Wächterin für Marktstände und Begleitschutz für Karavanen.
Meine Reise ist noch nicht beendet, meine Mission noch nicht erfüllt. Große Aufgaben liegen noch vor mir. Firuns Wille wird mich leiten. Macht euch bitte keine Sorgen. Ich habe mächtige Verbündete, die mir in der Not beistehen. Vergrämt euch nicht meine geliebten Eltern, ich bin in Gedanken stets bei euch. Werde wieder gesund Mama, damit ich dich bei meinen baldigen Besuch in die Arme schließen kann.
Firun zum Gruße.
in Liebe eure,
Azina saba Belima
______________________________
Brief von Azina an ihre Eltern