Danke Firun, dass du mir in diesen schweren Stunden beistandest. Danke auch dir Praios, dass die Gerechtigkeit siegen konnte. Einen besonderen Dank gilt vor allem Adaque, der sich so tapfer schlug und mich vor dem Untergang bewahrte.
Mein Onkel ist gerettet, Sefira zur Rechenschaft gezogen, die Ehre verteidigt. Ein wenig schmerzt sie der Gedanke an ihre Dschadra. Die Bänder durfte sie abnehmen. Sie sollen nun Ihr Zeichen sein. Braun-weiß. Weiß-baun.
Kurz bevor sie die Augen schließt, durchlebt sie im Geiste noch einmal die Ereignisse des Tages, während Omar al alam bereits erschöpft im tiefen Schlaf versinkt. Ihr Gehirn malt wandelnde Bilder an die bunten Tücher.
Die untergehende Sonne wirft weite Schatten über den Balkon, als die Kontrahentinnen nacheinander vortreten, um eine Herausforderung im Kampf Mensch/Falke vs. Mensch/Falke auf Leben und Tod auszusprechen. Während das verschriene, in gewöhnliches braun gekleidete, Straßenmädchen an der Etikette kläglich scheitert, erntet die Edle Huldigung und Sympathie. „Sonne dich in deinem Ruhm solang du noch kannst“, scheint der Blick der Einfachen zu sagen.
Der fette Mondsilberwesir lässt bebend das reich bestickte Taschentuch fallen. Kaum berührte es den Boden des Balkons hoch über den Dächern von Fasar, der ersten Stadt der Menschen, grellt ein markerschütternder Schrei aus der Kehle von Sefiras Blaufalken. Schützend stellt sich Azina mit erhobener Dschadra vor Adaque. Die braun-weißen Bänder flattern im Wind. Erst spät bemerkt sie, dass es sinnlos ist, da der gegnerische Falke, wie aus dem Nichts auftaucht und sie angreift. Sie schickt nun ihren Falken ebenfalls in den Kampf, während sie sich mit Inbrunst und Hilfe des Axxeleratus aus ihrem Armreif in den Kampf stürzt, um jenen so schnell wie möglich zu beenden. Verwundert über die doch sehr starken Fähigkeiten ihrer Konkurrentin, tauscht Azina alsbald ihre Stangenwaffe gegen Khumschomer und Linkhand aus. Dabei bemerkt sie, was sie bereits ahnte. Auch Sefira steht unter Stärkungszaubern. Der Magus in der Ecke brabbelt die ganze Zeit seinen Händen gut zu. Intuitiv hetzt sie ihren treuen Jagthund Bakkus auf den Magier. Ein ziellos in die Luft geschossener Feuerball zeugt von dessen Erfolg, während der Kampf der Tierbändigerinnen ungehindert fortschreitet. Erbarmungslos schlagen die beiden Frauen, die sich noch aus Kindestagen kennen, aufeinander ein. Ihre Falken bekämpfen sowohl sich gegenseitig, als auch den jeweils menschlichen Gegner. Mehrfach rettet Adaque seiner Herrin das Leben, indem er sich in Sefiras Kopf festkrallt, ihr die Sicht nimmt, oder ihren Kopf nach hinten zieht. Nur einmal gelingt es dem anderen Falken, sich in Azinas Lederarmschiene festzukrallen. Dem Dolchstoß entgeht der Falke jedoch.
Sie können sich beide kaum noch auf den Beinen halten. Aus mehreren Schnitten blutend versetzt Azina Sefira schließlich einen Streich quer über die Brust. Stöhnend sackt Sefira zu Boden und bleibt schwer atmend liegen. Mit erhobenen Waffen steht Azina über ihr, unschlüssig, was sie tun soll. In der Zeit vor dem Kampf, ging ihr diese erhoffte Situation mehrfach durch den Kopf. Das Blut rauscht durch ihr Gehirn, wie das Abwasser der Kanäle dieser verfluchten Stadt. Zähflüssig und blubbernd. Ihre Schläfe pocht schmerzhaft. Die Menge beginnt verhalten zu rufen: „Töte sie, töte sie.“ Die Falken rauschen heran und setzen sich auf ihre Herrinnen. Der Mondsilverwesir – höchstpersönlich – erhebt sich schwerfällig von seinen Kissen. Er reckt den Arm nach vorne und deutet mit dem Daumen nach unten. Das Todesurteil. Ein Raunen geht durch die Menge. Azina zögert, scheinbar unschlüssig, was sie tun soll. Im Geiste geht sie noch einmal die Möglichkeiten durch:
- Sefira töten; Konsequenzen: Rachegelüste getilgt, Gerechtigkeit siegt, Familie vor ihr sicher, der Menge entsprochen, Rachegelüste ihrer Familie geweckt, Jagd zu Ende gebracht, Stärke bewiesen, jemand hilflosen gemeuchelt, schlechtes Gewissen
- Falken töten; Konsequenzen: Rachegelüste ungetilgt, hilfloses Tier gemeuchelt, Familie nicht sicher, der Menge widersprochen, Reguläres Ende, Sefiras Wut angeheizt; Schwäche gezeigt, schlechtes Gewissen
- niemanden töten; Konsequenzen: Rachegelüste ungetilgt, Gnade vor Recht, Familie nicht sicher, der Menge widersprochen, Schwäche gezeigt, sich selbst treu geblieben
Die Rufe der Menge werden lauter. Mit einem Ruck setzt Azina Sefira ihren praiosgeweihten Khumschomer an die Kehle. Entsetzen steht in Sefiras Antlitz geschrieben. Azina beugt sich zu ihr hinunter. Ihre Lippen beben als sie haucht: „Dein Leben für das meiner Familie!“ Erst als Sefira „ja“ flüstert, lässt die Siegerin von der Geschlagenen ab, erhebt sich und stellt sich entschlossen der raunenden Menge entgegen.
Entsetzt starrt der Wesir sie an. Azina kniet nieder und erwartet ihr Schicksal nachdem sie sagte: „Verzeiht euer Hochwohlgeborenen, aber ich vermag eine alte Freundin nicht zu töten.“. Die Menge tuschele aufgeregt. Gebannt starren alle auf den dicken Gastgeber. Schließlich nickt er zaghaft. Als keine weitere Reaktion erfolgt, erhebt sich Azina schwankend, sammelt ihre Habe ein und schreitet erhobenen Hauptes von der Plattform.
Ein Scharlatan erklärt sich bereit Azina bei der Versorgung ihrer Wunden zu helfen. Statt auf ihr Gemach geführt zu werden, lässt sie sich von einem Offizier eine Erlaubnis ausstellen, über die Erhabenenbrücke zur Gladiatorenarena zu gelangen.
So schnell ihr verletzter Körper sie trägt, überquert Azina die Erhabenenbrücke zum Stadtteil Keshal Isig. Es ist das Armenviertel der Stadt. Überall lungern Abscheulichkeiten herum. Geiern nach Ihrer Habe und Ihrem Körper. Unwirsch stößt sie das Ungeziefer mit der Dschadra davon und setzt erhobenen Hauptes ihren Weg fort. Schon in der Ferne kann sie die kleine Gruppe finsterer Gestalten erkennen, obgleich Mond und Sterne nur spärliches Licht im dunkelsten Stadtteil von Fasar spenden. Sie wappnet sich mental der unliebsamen Konfrontation und nickt den Männern nur respektvoll zu, als sie an ihnen vorbei zu schreiten versucht. Natürlich wollten sie sie nicht einfach so gehen lassen. Mit strenger kalter Miene beantwortet Azina all ihre Fragen. Zunächst fragten sie sie, ob sie etwas benötigte, Drogen oder dergleichen. Zeitverschwendung. Natürlich sind sie es, die etwas von ihr möchten. Ein Zeigen auf den abgeschnittenen Lederriemen ihres ehemaligen Geldbeutels, kann die Gauner zumindest davon überzeugen, dass sie kein Geld bei sich trägt. Zum Glück beschließen sie, ihr lediglich den Boron geweihten Säbel abzunehmen, da es eine „sehr schöne Waffe sei“. Natürlich war sie schön. Sie stammt von Borongeweihten aus den schwarzen Landen. Eine dunkle Aura geht von ihr aus. Nicht verwunderlich, dass sie ihnen gefällt. Zwar will einer der Männer noch mehr von ihr, aber ein anderer entlässt aus ihrer Gewalt. Einmal tief durchatmen.
An der Arena angekommen, versperren ihr zwei ungemütliche Wachleute den Weg. Während der Eine ihr Begehr im Inneren des Gebäudes vorträgt, pult sich der andere gelassen mit einem Hakendolch den Dreck unter den Fingernägeln hervor. Mit allerhöchster Wachsamkeit betretet Azina den Vorraum, wo sie Adaque und ihre Waffen zurücklassen muss.
Die zähen Verhandlungen mit dem Buchhalter kosten Azina, ihre drei verbliebenen Waffen, ihre 5 Marawedi von Omar und den Schuldschein des Bannstrahlers aus dem Bornland für die Mission in den Schwarzen Landen. Letztlich kann sie die Freiheit für Omar al alam erkaufen und wird sogleich geschwind zu den Blutgruben geführt, um ihn vor dem Tode zu bewahren. Die fünfte Welle der Sklaven tritt jeden Augenblick gegen die kampferprobten Gladiatoren an. Der erste Gong ertönt. Verzweifelt sucht sie in dem Menschenhaufen nach ihrem Onkel. Auf ihren Ruf nach ihm, erhält sie von Angst gequälte Zusicherungen von den falschen Leuten, die sich nach ihr recken, um dem Gefängnis zu entkommen. Trotzig brüllt Azina sie an, sie mögen beiseite treten. Mehrfache Warnungen und Todesdrohungen werden ignoriert. Erst als sie einer armen Seele den geschenkten schartigen Säbel in den Bauch rammt, nehmen die Gepeinigten endlich Abstand vom Gitter, sodass der am Boden liegende Omar zu sehen ist. Der dritte Gong ertönt. Die Gatter öffnen sich. Schnell teilt sie den Wachleuten die Position des Freigekauften mit. Er rührt sich nicht. Das Gitter wird nach vorn geschoben, die Sklaven werden ins Freie getrieben. Spitze Schreie gehen durch Mark und Bein. Ihren Ekel zurück haltend, den Blick fest auf ihren Onkel gerichtet, feuert sie die Todgeweihten an, zu kämpfen. „Wenn ihr schon sterbt, dann sterbt ehrenhaft und kämpft! Für Rhondra!“ Ein Großteil der Sklaven greift zu den Waffen und rennt ins Freie, wo die erbarmungslosen Gladiatoren ihr blutiges Werk verrichten. Azina bedauert um die Toten. Jedoch kann sie nichts für sie tun. Beschämt wendet sie den Blick ab und hilft den Wächtern Omar aus der Zelle zu holen. Erst nachdem sie festgestellt hat, dass er noch lebt, schließt sie ihn endlich in die Arme.
Fort, nur Fort von den Schreien und dem Reißen von Fleisch, ist das einzige an was sie denken kann. Gemeinsam tragen sie den Bewusstlosen nach oben in den Vorraum. Dort reicht sie ihm etwas Wasser und hat Mühe ihn zu beruhigen. Zu groß sind seine Ängste über ihre Sicherheit.
In ihrem erschöpften Zustand ist es Azina unmöglich, ihren Onkel bis zur Erhabenenbrücke zu tragen. Außerdem sähe das Gesindel auf den dreckigen Straßen von Keshal Isig in den Beiden leichte Beute. Der Torwächter, der sie in die Arena ließ und der ihr half Omar dort raus zu holen, schaut sie schon die ganze Zeit mit einem merkwürdigen Blick an. Kälte und Brutalität sind aus seinen markanten Gesichtszügen verschwunden. Zweifel und Besorgnis sind dort nun zu lesen. Er fasst sich und seinem Stolz ein Herz und trägt den ehemaligen Sklaven zur Erhabenenbrücke. Azina musste ihm versprechen, dass sie niemanden erzählt, was er „weiches“ getan habe. Gerührt tut sie etwas, was sie noch nie getan hat…
Beim Abschied, am Aufgang der Brücke, spricht sie für ihn einen Segen Firuns. „Mögest du standhaft bleiben und dein selbst bewahren.“, fügt sie in Gedanken hinzu. Sie erfährt nicht, ob er den Segen zu würdigen weiß, denn er wendet sich ab und läuft zurück zur Arena. Leicht geknickt, wie ihr scheint. Vielleicht sieht man sich unter anderen Umständen wieder. Sei stark, mein brutaler Freund.
Die Wachleute unterstützen sie bei der Rückkehr zum Turm des Mondsilberwesirs. Auf dem Zimmer angekommen, legt sie Omar al alam vorsichtig nieder. Sie prüft noch einmal seine Atmung und seinen Zustand. Zufrieden nickend, legt auch sie sich in die weichen Kissen „Welch ein Glück.“ denkt sie.
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