Burghof
Mit dem Burgfried im Rücken, schwebte der Studiosus zwölf Schritt über dem Boden über dem zentralen Platz. In seiner Linken hielt er noch immer mit Leichtigkeit den dicken aufgeklappten Folianten. Seine rechte Hand streckte er nach der Jenseitigen. Seine Finger formten dabei eine auf sie gerichtete Kralle, als würde er nach ihr greifen wollen. Allem Anschein nach hatte Sara’kiin ihn noch nicht bemerkt, denn sie machte keinerlei Anstalten sich ihm zuzuwenden. In aller Ruhe flüsterte Halrik zwei magische Worte, so langsam und ruhig, als würde er jede Silbe genießen. Seine blauschwarzen Lippen bewegten sich nur wenig, als sie ein kaum hörbares „Liathróid chumhacht“ formten. Zwischen seinen Fingerspitzen begann sich ein rasch vergrößerndes rötliches Schimmern zu formen. Binnen weniger Lidschläge war das Schimmern zu einer rötlichen Lichtkugel herangewachsen, dass an seine Fingerspitzen reichte und das Licht, welches die Kugel ausstrahlte, war stark genug, dass sie nicht nur Halriks graue Robe, sondern auch den Burgfried im Rücken des schlanken Studiosus in ein rötliches Schimmern tauchte. Dann ertönte ein dumpfer Knall und aus der Lichtkugel schoss ein gleißend hellroter und armdicker Strahl in Richtung der Limbusverschlingerin. Als der Strahl den Körper der ehemaligen Eismagierin erreichte, stoben unzählige kleine Lichtfunken in alle Richtungen. Der Strahl traf sie mit der Wucht eines Baustammes und schob sie ruckartig durch die Luft. Der Lichtstrahl hörte nicht auf, Sara’kiin wurde bis an den Rand der Festungsmauern gedrückt, doch dann endete ihre unfreiwillige Reise durch die Luft plötzlich. Eine Wand als blauem Licht drückte sich zwischen den roten Strahl und sie selbst. Die Energie des roten Strahls prasselte in einem langanhaltend dumpfen Ton gegen die unsichtbare Mauer der Zauberin. Das helle Licht und die sich in alle Richtungen verteilenden Lichtfunken überlagerten den Ort des Geschehens so sehr, dass Sara’kiin dahinter verschwand.
Währenddessen am Boden des Burgfrieds, erreichten Sir Gneisor und sein Knappe den am Boden liegenden Metallhaufen von Brangane. „Brangane!?“, brüllte Ser Gneisor ihr, in der Hoffnung, dass sie den Sturz überlebt hatte, zu. Noch ehe der Marschall und sein Knappe die Ritterin erreichten, verwandelte sich unter ihren erschreckten Augen das Metall der Rüstung in eine zähflüssige dunkle Masse. „Was bei Rondra?!“, stieß er aus und hielt seinen Knappen schützend zurück, da dieser gegen ihn gegen gelaufen war. Unter ihren Blicken verwandelte sich der Körper der Frau samt der Rüstung in eine lichtverschluckende schwarze Masse. Dann nahm sie wieder Form an, Arme und Beine bildeten sich, auch die Rüstung und das Schwert nahmen wieder Gestalt an und zuletzt erhielt alles wieder Farbe. Vor den beiden stand wieder Lady Brangane, die keinerlei Kampfspuren davongetragen hatte. „Keine Zeit für lange Erklärungen …“, begann Lady Brangane hastig, deren Stimme leicht schnarrte. „Ich bin nicht die, für die ihr mich gehalten habt.“ Auch wenn Ser Gneisor rechter Arm schwer verletzt war, so ging er trotzdem in eine verteidigende Kampfhaltung über – sein Knappe stellte sich tapfer neben ihm. „Was im Namen der Götter bist du dann und wo ist Lady Brangane?“ brachte der Marschall zwischen zusammengebissenen Zähnen fordernd hervor, da es ihm sichtbar viel Kraft kostete trotz des gebrochenen Arms und der geborstenen Rippen in die Kampfhaltung zu gehen. „Ich bin hier, um die Limbusverschlingerin aufzuhalten, mehr ist jetzt nicht wichtig“, sagte Brangane noch immer mit einem Schnarren in der Stimme, als würden ihre Worte als Erklärung genügen. Gneisor und Brangane musterten sich gegenseitig, so als würden beide ihre Chancen gegenüber dem anderen abschätzen. „Das ist ein Diener des vielgestaltigen Blenders, Ser – wir können dem Ding nicht vertrauen“, rief Ingmar dazwischen. Gneisor überlegte. Es war das erste Mal, dass er einem Dämon und noch dazu einen viergehörten Auge in Auge gegenüberstand. Bei der Schlacht an der Trollpforte, vor sechs Götterläufen, hatte er aus der Entfernung ein paar beschworene Dämonen gesehen, allesamt waren sie von schrecklicher Gestalt. Sie mähten ihre Männer und Frauen zu hunderten nieder. Doch das waren alles Dämonen aus den kriegerischen Domänen. Dieser hier, so sich Gneisor erinnern konnte, war kein Kämpfer, sondern ein Dämon aus Amazeroths Gefolge, ein Genius und Blender und kein Streiter. Doch das machte ihn nicht minder gefährlich. Doch das alles erklärte nicht, wieso er hier war. Gneisor versuchte sich an die Lehrstunden in Hochstieg zu erinnern. Seine Exzellenz Nehazet hatte, noch bevor sie nach Friedstein kamen, ihm und den anderen wichtigen Persönlichkeiten des Ordens über den Sphärenkrieg aufgeklärt. Auch wenn er es damals kaum glauben wollte, so erzählte der Südländer davon, dass auch die Dämonen die Jenseitigen zum Feind hatten und es unter Ihnen ebenfalls Auserwählte geben soll. Amazeroth der Weltenbrenner war einer von ihnen. Sollte etwa dieser Dämon aus Amazaroths Gefolge auch einer sein?
Ehe weitere Worte gewechselt wurden, griff Brangane mit einer Hand zu ihrer Brust. Sie griff in sich hinein, wie eine Hand die in einen Teich hineinlangte. Sie zog aus sich selbst ein ovales Amulett und hielt es den beiden Kämpfern entgegen. Auf dem Amulett war das Zeichen Amazeroths in Zhayad-Ligatur zu sehen. „Ich bin die Auserwählte Iribaars. Und solltet ihr entgegen meiner Erwartung jetzt nicht spontan eure Auserwählte Hesindes aus euren Burgkeller herausholen, so bin ich die einzige hier, die Sara’kiin Einhalt gebieten kann. Also entweder tretet ihr jetzt beiseite und lasst mich meine Arbeit machen oder ihr schluckt eure Vorbehalte herunter und helft mir dabei, eure sterblichen Hintern zu retten.“