Azina macht sich mit ihrem Wolf auf den Rückweg zum Warnturm. Die Luft ist klar und frisch. Das Madamal spendet durch den wolkenlosen Himmel etwas Licht. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie an die zurückliegenden Stunden denkt.
„Ist er nicht prachtvoll, Elfenbein? So stark, so männlich! Und er duftet nach Natur. Herrlich! Und er hat mir seine Welt gezeigt. Sie besteht aus mehr als diesen Bergen, diesem Schnee und diesen Bäumen. Ich meine, ich habe einmal etwas von Sumu gehört. Von der Kraft der Natur. Der gefallenen Riesin. Beide Geschichten stimmen überein.
Er nannte es Shamar. Das Shamar ist die Lebenskraft, die aus der Erde kommt. So erzählte er es mir und er zeigte es mir.“
Gedankenverloren fährt sie noch einmal mit ihren Fingern ihre Adern an ihrem Handgelenk nach. Sie erschauert.
„Und Firun lässt mich sie sehen! Rot wie das Blut in den Adern aller Lebewesen. Blau wie das Erz aus der Erde, das die Pflanzen in sich aufnehmen. Weiß untermalt die Neutralität der Magie. Violett ist die Farbe der Dämonen. Und schwarz ist der Vortex. Er stammt nicht aus dieser Welt. Er ist etwas Fremdes. Ein farbloses gefährliches Dunkel, das unsere Welt zu verschlingen droht.“
Sie bleibt kurz stehen und schließt die Augen. Ihre Hände tasten nach Elfenbeins Kopf und kraulen ihn hinter den Ohren. Der Schatten ihrer Augenlider weicht einer strahlenden Helligkeit. Blaue Linien erweitern zuckend ihre Sicht bis sie das gesamte Gebirgsmassiv vor sich sehen kann. Mit jedem einzelnen Vorsprung und jedem Spalt. Sie blickt hinunter auf Elfenbein. Seine rote Aura gewinnt an Tiefe, je länger sie ihn betrachtet. Feinste Fassetten seines Seins offenbaren sich ihr. Mit dem Gedanken an den Ursprung des Lebens folgt sie den Strängen und findet kein Ende.
„Alles kommt aus Shamar. Oh welch eine Ehre ist es, dies sehen zu dürfen. Die Lebensadern unserer Welt. Firun, welch ein Geschenk! Womit habe ich das verdient? Nein, nicht verdient. Ich erhielt sie, um sie zu nutzen und um zu dienen. Wie kann ich das im Besten Sinne tun? Wie kann ich, mit dem was mir gegeben ist, am besten dienen? Ich kann sehen, was sonst keiner sieht. Zumindest nicht auf so einfache Weise. Ich sehe, was in dieser Sphäre fremd ist. Und ich kann bekämpfen, was ich sehe.
Und vielleicht ist es mit dieser Gabe sogar möglich zu heilen. Zerrissene Lebensadern wieder zusammenzufügen. Zu reinigen. Wieder herzustellen, was verdorben ist.
Wenn ich in einigen Tagen zu Garnan zurückkehre, werde ich ein Jahr lang eine Augenbinde tragen! Bis ich meine Wurzeln finde … Nein … Boran irrt sich. Ich habe meine Wurzeln bereits gefunden. Ich habe vier Jahre danach gesucht. Ich sehne mich nach ihnen. Und doch kann ich noch nicht verweilen. Aufgaben erwarten mich. Denn ich bin der Bote. Und als solcher bringe ich die Kunde Firuns. Tod und Verderben allen Dämonen und Vortexwesen! Ich werde sie aufspüren und vernichten. Ich bleibe eine Jägerin. Doch meine Beute ist eine Andere.
So oft ich kann, werde ich mich meiner Wurzeln erinnern und meine Kraft daraus schöpfen. Und wer weiß. Wenn alles vorbei ist, finde ich vielleicht, wonach mein Herz sich sehnt.
Doch das kommende Jahr widme ich mich der Quelle Kraft, den Trollzacken und Shakriin Boran!“
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Azinas Gedanken