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Azina in Aranien

Ein junger in dünnes Leder gerüsteter Tulamide mit kurzem braunen Haaren und einem spitzbübischen Lächeln betritt ihr Arbeitszimmer auf dem ausgebauten heimischen Hof. Er stößt dabei mit seinen Reiterstiefeln absichtlich gegen den Türrahmen noch bevor er den Mund öffnet um zu sagen: „Oh großartige Meisterin des Nordens, kann ich euch kurz ersuchen?“ „Rashim, du sollst mich nicht so nennen.“ Streng wirft sie kurz ihren Blick nach oben, ehe sie sich wieder ihren Schriftrollen widmet. Nach einer schwungvollen Unterschrift rollt sie das Pergament zusammen und verstaut es in einer Kartusche. „Jane wäre stolz auf mich“, denkt sie bei sich. Dann steht sie auf und tippt Rashim mit der Rolle auf die Brust. „Was ist?“ fragt sie ihn, die Augen zu Schlitzen verengt. „Nun Herrin, oh Eisblume des Südens, ich habe eine Nachricht für euch.“ Und reicht ihr einen versiegelten Brief.


Sie verzieht die Lippen leicht und nimmt ihm den Brief sanft ab. „Das ist alles? … Dann geh.“ Er verbeugt sich lächelnd und geht rückwärts zur Tür hinaus. Danach betrachtet sie das Siegel und lächelt. Es ist ihr eigenes. Sie bricht es rasch und überfliegt die Zeilen. Mit eisiger Mine zerknüllt sie den Zettel und schreitet mit sauertöpferischem Gesichtsausdruck zur Tür hinaus.


„Sattelt mein Pferd!“, würde jeder andere Hausherr jetzt sagen. Doch nicht sie. Sie lenkt ihre Schritte wortlos zum Tor der Ställe und greift sich im Vorbeigehen einen beliebigen Sattel, den sie auf das erstbeste Pferd wirft. Dieses Mal handelt es sich um einen Hengst namens Aslan. Überhaupt reitet sie am Liebsten Hengste. Sie haben Feuer im Blut. „Komm Aslan, wir reiten aus.“ Dem Stallknecht wirft sie nur ein Nicken zu.


Sie führt Aslan am Zügel an den Arbeitern vorbei, die den inzwischen großen wildwüchsigen Bau um weitere Einheiten ergänzen. Alle blicken von ihrem Tagewerk auf und winken ihr fröhlich zu. Sie muss sich noch an die ganze Ehrerbietung gewöhnen, die ihr die Menschen hier zuteil kommen lassen. Sie gab vielen eine zweite Chance und etwas zu tun, um ihr Brot zu verdienen. Das war nur zweckdienlich, da die Mittel begrenzt sind und diese Menschen dankbar die Arbeit annahmen. Der höhere Zweck ihrer Mission beseelt sie zusätzlich. Nicht Wenige sind sogar Opfer von dämonischen oder vortexischen Umtrieben. Dank ihrer zweiten Sicht, die ihr Firun für ihre Aufgabe verliehen hat, erkennt sie eine Pervertierung sofort. Und mit ihrem eisblauen Speer verfügt sie auch über das Mittel, um alles Verderbte auszumerzen. Jeder verdient eine zweite Chance … sofern er bereit ist den rechten Pfad zu beschreiten.


Sie muss sich nicht umsehen, um sich zu vergewissern, dass Rashim ihr mit seinem eigenen Pferd mit respektvollen Abstand folgt. Seit sie ihn von seinem Pakt befreit hat, weicht er ihr nicht mehr von der Seite. Machmal ist es ihr etwas lästig, doch er erkennt ihre Stimmung und zieht sich dann freiwillig – aber nicht ohne Provokation – zurück. Meist ist er sehr nützlich, da er in seinem früheren Leben offenbar schon einmal einem Herrn gedient hat und Wünsche zu erfüllen weiß. Er spricht jedoch nicht über diese Zeit. Und sie fragt nicht danach.


Wichtig ist nur die Sache: Hier in Aranien nahe Baburin auf dem ehemaligen Hof ihrer Familie einen Hauptposten des Schutzordens der Schöpfung zu errichten, zu verwalten und ihn zu halten, gegen alles was da kommen mag. Dazu hat sie Kooperationen mit den hiesigen Adligen geschlossen. Vor allem die Familie der Sarjabarans, mit denen sie einst eine Fehde austrug. Doch diese Fehde konnte über den Dächern von Fasar im 1026 Götterlauf n. BF in einem Falkner-Schwert-Kampf gütlich beendet werden.


Seitdem ist viel passiert, was sie reifen und härten ließ, obgleich sie mit ihren 19 Götterläufen eigentlich noch viel zu jung für eine solche Verantwortung ist. Doch sie konnte von ihren Gefährten sehr viel lernen. Von Sieghelm lernte sie, wie man Menschen um sich scharrt. Von Jane schaute sie sich das Staatsmännische und die Verwaltungsarbeit ab, ohne dass diese es bemerkte. Nehazet verbesserte ihr Lesen und Schreiben, während sie sehr viel über Magie lernte. Delia war immer für eine Überraschung gut: sie dachte um die Ecken und ihre ungezwungene Herzlichkeit erinnerte sie an ihr früheres Ich. Das war bevor sie von Firun erwählt wurde. Von Bothor blieb ihr die Ehre und Rechtschaffenheit, wobei auch Sieghelm Ehre besaß, nur es bei ihm eher eine Frage des Prinzips war. Bisweilen recht nervig, aber auch beeindruckend. Was wohl aus ihnen allen …


„Ordensmeisterin! …“ wird sie aus ihren Gedanken gerissen. „Schau, wie gut das Getreide wächst.“ Sie heißt die Ablenkung willkommen, springt aus dem Sattel und bückt sich am Feld zu den ersten Pflänzchen hinunter und betrachtet sie eingehend. Sie lächelt den Bauer freundlich an: „In der Tat, das sieht wirklich hervorragend aus. Wir können auf eine reiche Ernte hoffen. Gute Arbeit.“ Lobt sie ihn. „Gute Arbeit!“ ruft sie laut, so dass alle sie hören konnten.


Sie gehen zu ihren Pferden zurück. „Diese Leute beten euch an.“ Bemerkt Rashim nicht zum ersten Mal spitzbübisch. Leichte Röte zieht ihre Wangen hinauf. Nach langem Schweigen antwortet sie ihm: „Das sollten sie nicht. Sie sollten die Götter anbeten! Sie sind es, deren Segen wir erbeten müssen.“ Rashim winkt ab: „In diesem Punkt irrt ihr, sonst so unfehlbarer Stern aus Eis. Was haben die Götter für diese armen Menschen bisher getan? Waren sie nicht alle gottesfürchtig genug? Dennoch erlitten sie sehr viel Leid. Ihr seid es, die ihnen Hoffnung gebt und die ihnen bewiesen hat, welch kühle, aber herzliche Macht ihr besitzt und wie ihr sie einsetzt.“ Jetzt ist es an ihr abzuwinken: „Das ist nur verliehe Macht bis meine Mission erfüllt ist. Was danach folgt, wissen nur die Zwölfe. Uns stehen schwere Zeiten bevor. Wir müssen uns wappnen.“ Sie breitet die Arme aus. „Dies alles wird sehr bald nötig sein. Wenn erst die Verheerung beginnt. Es wird Hunger und noch viel mehr Leid geben. Ich benutze diese fleißigen Menschen nur gegen das Schicksal.“ Rashim lacht kurz auf. „HA! Sie wollen doch von euch benutzt werden.“ Die Stirn in Falten ziehend wendet sie sich von ihm ab und sitzt wieder auf. Rashim schaut ihr einen Augenblick lächelnd nach, eher er ihr folgt.


Eine Weile reiten sie schweigend die Grenzen ihres kleinen Reiches ab. Sie denkt dabei an ihren Brief, der sie zur Tat zu schreiten zwingt. „Wir hatten eine Vereinbarung! Ich hier, du dort. Was soll das nun? Was ist im Effert des Reiches so wichtig, dass ich unsere Kinder verlassen soll, um das Volk ihres Vaters zu retten? Und was ist mit meiner Aufgabe hier? Wer soll diesen Stützpunkt aufbauen? … Nun ja, zugegeben, das können auch Andere, Fähigere. … Aber was soll nur aus Zahira und Zahir werden? Ich kann sie doch nicht zurücklassen!“ Tiefe Traurigkeit überfällt sie. Gut, dass hier in dem kleinen Wäldchen, welches sie gerade durchreiten, niemand ist, der die Tränen sehen kann.


„Alles in Ordnung, meine Eisblume?“ Fast niemand. Rashim ist plötzlich heran und legt aus seinem Sattel heraus einen Arm um ihre Schultern. Er muss ihren Stimmungsumschwung gespürt haben. „Ach Rashim, ich muss fort. Fort, um ein Volk zu retten.“ „Warum denn, oh zarter Eiskristall?“ Schwach versucht sie seinen Arm wegzuschieben. „Lass das.“ Doch er gibt nicht nach. Eine Weile lässt sie es geschehen. Lässt diese Schwäche geschehen. Sie hat sich verändert, seit sie hier ist. Seid sie Mutter ist. Sie kann doch nicht weggehen. Aber wenn die Pflicht es doch verlangt?


Als der Moment der Schwäche verfliegt, schüttelt sie seinen Arm und ihre Gefühle ab, schnalzt einmal mit der Zunge und gibt ihrem Hengst die Hacken. In wildem Galopp reitet sie auf den Hügel, der sich über nahe dem Anwesen erhebt und blickt in die Ferne. Tief atmet sie ein und nimmt den Anblick selbstberuhigend in sich auf. Wie automatisch schließt sie die Augen und ihr Sichtfeldverändert sich. Nun sieht sie alles in rot und blau vor sich ausgebreitet. Die blauen Flächen mit den roten wimmelnden Bewegungen darauf. Alles ist wie immer. Doch halt. Etwas nähert sich dem Anwesen. Erneut treibt sie ihr Pferd an. Dieses Mal noch schneller. Den Hügel hinunter zum Haupttor. Kurz bevor der Karren das Tor passiert, prescht sie durch Selbiges hindurch und wendet Aslan hart, sodass er sich aufbäumt und ein klagendes Wiehern ausstößt. Beruhigend kopft sie ihm auf die Schulter und flüstert ihm einige Worte zu, ehe sie ruft: „Bleibt stehen.“ Doch das war gar nicht mehr nötig. Der Kutscher hat seinen Karren bereits zum Stehen gebracht und starrt sie mit schreckensgeweiteten Augen an.


Behände springt sie vom Pferd und tritt zur Seite mit dem Rücken zum Anwesen, den Blick fest auf den Karrenlenker gerichtet, der furchtvoll immer kleiner zu werden schien. „Ahhh.“ Stöhnt die umstehende Menge auf, als aus dem Haus der wohlbekannte Speer herausfliegt und ihr direkt in die Hand gleitet. Fest packt sie ihn, während sie zur Rückseite des Karrens geht und dort mit der Speerspitze etwas aus der Ladefläche hebelt und zu Boden purzeln lässt. Es ist ein kleines hölzernes Kästchen. Wortlos geht sie zum Zugpferd des Karrens und deutet dem Kutscher weiterzufahren. Dieser gehorcht und wendet sein Gefährt auf dem Hof, um zu sehen, was da hinter ihm zurückblieb. Rashim treibt sein Pferd neben ihn und zieht seinen Khumchomer.


Azina begutachtet währenddessen unbeirrt das Kästchen, das da vor dem Tor so harmlos auf dem Boden liegt. Nachdem sie es einmal umrundet hat, stößt sie unvermittelt ihren Speer in den schmalen Schlitz des Deckels und treibt ihn so tief hinein, dass das Kästchen zerspringt. Zeitgleich erhebt sich ein Kreischen und Qietschen, das nach einer kurzen Zeit wie in weiter Ferne abklingt. Die Umstehenden nehmen sich erst nach und nach schaudernd die Hände von den Ohren und murmeln Gebete vor sich hin.


Azina zieht ihren Speer aus dem Kästchen, macht ein paar Schritte und wirft ihn wieder zum Haus, wo er in einer Spalte verschwindet und wo er offenbar irgendwo steckenblieb ohne klappernd herunterzufallen. „Bearbeite seinen Ersuch und dann lass ihn weiterziehen.“ wirft Azina Rashim im Vorbeigehen zu und betritt wieder das Haus auf dem Weg zu ihrem Arbeitszimmer. Den Brief von Azina lässt sie in den Eimer fallen und schaut mit verschränkten Armen aus dem Fenster.


Rashim tritt etwas später zur Tür herein. „Erneut eine Nachricht, oh Auserwählte Firuns, vom gleichen Absender.“ „Was?“ hektisch dreht sie sich um und reißt ihm das Pergament mit dem Siegel aus der Hand.“ Sie wendet sich rasch wieder dem Fenster zu, bricht das Siegel und überfliegt die Zeilen. Seufszend wirft sie den Brief in den Eimer und schaut wieder aus dem Fenster.


Von Neugier gepackt nimmt Rashim die Briefe aus dem Eimer. Dabei sorgt er dafür, dass sie das Knistern hören muss. Als eine Reaktion ausblieb, liest er die Briefe in der richtigen Reihenfolge.


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Ahlan und Firun zum Gruße Azina,

die schwarzen Lande sind noch nicht besiegt. Wir sollten an Borans Volk und die möglichen Folgen denken.

Es tut mir Leid.

Dare azîz

Deine Reisende Azina

13. Ingerim 1027 n. BF – Abilacht/Albernia

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Ich schreibe diese Zeilen voller Hast. Ahlan Azina, ich werde selbst gehen. Mögen unsere Gefährten ihren eigenen Weg finden. Sorge du das Deine.

Dare azîz

Deine Reisende Azina

16. Ingerim 1027 n. BF – Abilacht/Albernia

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Verwirrt schaut Rashim zu ihr am Fenster und legt die Stirn in Falten.


Sie hingegen blickt wieder hinaus auf die Felder und die Menschen und lächelt breit.


„Hier gehöre ich hin.“

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Azinas Schicksal

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