Nachmittag des 2. Tsa 1029 B.F., Gasthof „Zur Fetten Flunder“, Nostria-Stadt
Im spärlich eingerichteten Zimmer, in dem Ludevico nun neben Firl auch noch eine weitere Person beherbergte, brannte eine flackernde Kerze auf dem Tisch. Daran, mit dem Ellenbogen auf dem Tisch und mit der Hand die Stirn stützend, saß der Spross des Handelshauses Eichauer und atmete schwer. Trotz der Fensterläden war es in dem Raum merklich frisch und sein Atem bildete leichte Dampfschwaden. Vor ihm auf dem dilettantisch zusammengezimmerten Holztisch – würde er darauf achten, wäre seinem fachmännischen Auge aufgefallen, dass es sich um Rotfichtenholz handelte, das hauptsächlich in den Wäldern Andergasts vorkam, doch seine Gedanken waren gerade woanders, lagen säuberlich einige Blätter Pergament, ein Tintenfass in dem ein Gänsekiel steckte und eine zusammengerollte Schriftrolle, an der ein aufgerissenes Siegel prangte. Er atmete tief ein und schaute noch einmal über die Schulter. In dem kleinen Raum war ein kleines, verlassenes Bett, sowie ein zweites, in dem Firl seelenruhig schlief und auf dem Boden waren einige Felle ausgebreitet, in denen sich der ihm erst kürzlich bekannte Nordmann Ragnar etwas unruhig wälzte.
So, nun habe ich etwas Ruhe, um mich um die etwas wichtigeren Dinge zu kümmern, dachte er bei sich. Er sog noch einmal die frische Winterluft ein, nahm den Gänsekiel, streifte ihn vorsichtig am Tintenfass ab und begann zu schreiben.
Eure Königliche Majestät,
mein Name ist Ludevico Graulunkh Llondrian Eichauer, meines Zeichens erstgeborener Sohn von Ulrik Eichauer, Familienoberhaupt des bekannten Großhandelshauses Eichauer aus Andergast. Ich schreibe Euch diese Zeilen, da ich einige Zeit mit einer Euch bekannten Edlen zu Reisen die Freude hatte, die jedoch nur von allzu kurzer Dauer war. Des weiteren erlaube ich mir, zu denken, dass Ihr ein Recht habt, zu erfahren, aus welchem Grunde ich nun nicht mehr seine Gesellschaft genießen darf. Der besagte Edle, von dem ich hier schreibe, hat den wohlklingenden Namen Bermhoin G. R. Ui Niamad, Hofmaler Eurer Königlichen Majestät. Im Zuge einer groß angelegten Verschwörung in Winhall, die wir aufzudecken bereit waren, hatte er uns großzügig seine Hilfe, Unterstützung und seinen tadellosen Ruf und Fachkenntnis der albernischen Juristerei zur Seite gestellt. Doch als er gerade im Magistrat zu Winhall mit der zuständigen Richterin im Gespräch war, konnte ich leider nur vom Boden durch ein Fenster mitbekommen, wie er – bei PRAios! – ein Adliger des albernischen Königshauses, im Magistrat der Stadt von einem einfachen Büttel kaltblütig ermordet wurde. Ich hätte gern diesen Vorfall persönlich untersucht und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen, doch waren offenbar zu hochrangige Personen in den Vorfall verwickelt, sodass mir – um mein Leib und Leben zu wahren und Euch diese Zeilen zukommen zu lassen – nichts blieb, als Hals über Kopf aus dieser Stadt zu fliehen. Ich möchte Euch hiermit mein tiefstes Beileid ob dieses Verlustes ausdrücken und Euch untertänigst um Unterstützung in der Aufklärung dieses Falles bitten. Bis dato trugen wir die Mitverschwörer so zusammen:
Hochwürden Nerzis, Vorsteher des Winhaller Borontempels,
Lichtbringerin Dano Kurstan, die sich bereits selbst richtete,
Richterin Bernhold, die sich offenbar im Zimmer befand, in dem Euer geliebter Hofmaler gemeuchelt wurde.
Für all diese Anschuldigungen befinden sich Beweismittel in meinem Besitz und ich schwöre bei den zwölfen, allen voran beim Herre PRAios, dass alles so geschehen ist, wie hier darniedergeschrieben.
Die Habe von ihm und seinem Leibmagus werde ich Euch in den nächsten Tagen zukommen lassen.
Hochachtungsvoll
Ludevico G.L. Eichauer
Nostria, den zweiten TSA eintausendneunundzwanzig nach dem Falle Bosparans, Gasthof „Zur Fetten Flunder“
Auf der Rückseite vermerkte er noch „Zu Händen Ihrer Königlichen Majestät Invher ni Bennain, Havena, Hauptstadt des stolzen Königreichs von Albernia„
Er wartete kurz, bis die letzten Buchstaben getrocknet waren, dann rollte er das Pergament zusammen, band eine rote Kordel darum und packte raschelnd ein rotes Stück Wachs aus einem Tuch, dass er sodann über die Kerze hielt. Den Wachs tropfte er geduldig auf die Kordel und das Pergament und drückte bis es fest wurde, seinen Siegelring darauf.
So, eine unangenehme Aufgabe hinter mir, eine steht noch aus. Dabei wurde es ihm im Gemüte schwer, denn so sehr er bisher versuchte, die Ereignisse der letzten Wochen zu vergessen, so sehr drängten sie nun wieder an die Oberfläche. Nie zuvor hatte er Menschen, die ihm so nahe standen, in so kurzer Zeit zu Boron gehen sehen.
Er nahm daraufhin ein zweites Blatt Pergament und schrieb.
Liebe Mütter, Väter, Brüder und Schwestern sowie Freunde von Mara Tannhaus,
Mein Name ist Ludevico Eichauer vom Handelshaus Eichauer aus Andergast und ich hatte die Ehre, eure stolze, hilfsbereite und entschlossene sowie überaus fähige Tochter, Schwester, Freundin als meine Begleiterin auf meiner Reise zu haben. Sie hat sich rührend um alle auch noch so kleinen Wehwehchen gekümmert und hätte sicher eine fähige Heilerin abgegeben. Hätte, da sie, als wir einst in der Wildnis zwischen dem Hof der Bargelters im Süden Andergasts und Winhall rasteten, sich schützend vor mich stellte, als ich wehrlos von einer Gruppe Rotpelze angegriffen wurde. Mein fähiger Leibwächter war gerade einen Steinwurf entfernt am Fluss, um Wasser zu holen. Sie konnte gerade noch einen Rotpelz mit ihrem Heilerbesteck niederstrecken, als sie tödlich und hinterrücks von einem Pfeil getroffen wurde. Mein Leibwächter eilte so schnell er konnte, um die restlichen Rotpelze zu erschlagen, doch für Mara kam leider jede Hilfe zu spät. Ihr Verlust schmerzt mich sehr, da sie nicht nur durch ihre Fachkenntnis, sondern auch durch ihre offene und ehrliche Art eine Bereicherung für meine Reisegesellschaft war. Ihr Lachen wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Ich wäre gern persönlich vorbeigekommen, um die traurige Kunde zu verbreiten, doch meine Geschäfte binden mich. Zumindest haben wir ihr ein borongefälliges Begräbnis ermöglicht. Ich werde euch alsbald ihr Hab und Gut zukommen lassen.
Mein herzliches Beileid
Ludevico Eichauer
2. TSA 1883. Jahr der Unabhängigkeit
Und auch hier schrieb er auf die Rückseite „Zu Händen der Angehörigen von Mara Tannhaus, Joborn“ und versiegelte diesen Brief ebenso wie den vorherigen mit Wachs und Siegel. Diese Version schien ihm besser zu passen als die Wahrheit. Er wollte vermeiden, dass einfache bürgerliche Uneingeweihte den Vorgängen in Winhall nachforschten. Außerdem erscheint solch ein Tod, wenn sicher auch genauso traurig für die Angehörigen, bestimmt ehrenhafter, als der einer Freien, die ihre Nase in Angelegenheiten steckte, die zu groß für sie waren, und deswegen in einem Kerker umkam. Sobald er auf einen Hauch von Zivilisation stößt, würde er die Briefe bei den Beilunker Reitern oder ähnlich verlässlichen Botendiensten abgeben. Er schaute sich die Kerze an. Sie war fast abgebrannt, doch eine halbe Stunde blieb ihm wohl noch. Er würde sich noch einmal den Brief seines Vaters zu Gemüte führen. Zunächst aber verstaute er die beiden Briefe in einem gewachsten Leinensack, den er dann in seinen Rucksack steckte. Ragnar lag nun ruhig da, schnarchte nur ab und zu. Dafür bewegte sich Firl sehr unruhig. Offenbar träumte er gerade. Der Händler schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch. Dann nahm er das zusammengerollte Pergament mit dem gebrochenen Siegel und las noch einmal den Brief, den der Zöllner ihm von seinem Vater hat zukommen lassen.
Mein geliebter Sohn! – wann hatte er ihn zuletzt so genannt? er konnte sich nicht daran erinnern… –
Ich habe eine frohe Kunde zu verbreiten! Deiner Mutter geht es zwar immernoch nicht besser, und die Heiler meinen, ihr Zustand würde sich nicht allzu bald verändern. Darum habe ich beim hiesigen Traviapriester eine Annullierung unserer Ehe veranlasst. Die Bediensteten kümmern sich momentan um sie, ihr Zustand ist stabil. Nun zur wirklichen frohen Kunde: Arkenon Dalibor, das Familienoberhaupt unserer einstigen Konkurrenten, der Dalibors, ist zu Boron gegangen. Das ist natürlich traurig, doch wo der Herr Boron Vergehen sät, sprießen Tsas Keime aus, nicht wahr? -Bei PHEx, er schreibt wahrhaftig wie ein Bauer, der gerade erst das Schreiben gelernt hat – Also kam doch wie ein angeschossener Hund die Witwe Dalibor zu mir, und ich muss dir sagen, es war wie damals, als ich deine Mutter kennen gelernt habe. –Ja, das klingt vertraut. Überschnelle, hastige Entscheidung, ohne nachzudenken. – Sie meinte, es tue ihr leid, dass unsere Handelshäuser immer so verfeindet waren und sie hätte schon immer für mich geschwärmt, doch ihre traviatischen Pflichten banden sie. Sie hat mir eine Fusion unserer Handelshäuser und eine Heirat vorgeschlagen, was sagst du dazu? Ich habe sofort eingewilligt und gleich am nächsten Tag den Traviabund veranlasst. Das Handelshaus Dalibor gibt es nun nicht mehr. Außerdem fühle ich mich so jung wie schon lange nicht mehr! Es tue ihr auch leid, mir übrigens inzwischen auch, dass sie dem Glück zwischen dir und dieser Lysandra im Weg stand. Darum haben wir beide entschlossen, dass ihr noch dieses Jahr den Traviabund eingehen werdet, Lysandra freut sich auch darauf. Damit können wir die beiden Familien noch enger zusammen bringen und du wolltest das doch schon immer, nicht wahr? –Ja, inzwischen so sehr wie Zorganpocken. Diese Schlampe. – Wie auch immer. Zu dem Zeitpunkt, in dem du diese Zeilen liest, befinde ich mich schon auf der Gischt und fahre mit der Holzlieferung gen PraioS. Ich denke, du solltest nun mehr Zeit mit deiner zukünftigen Frau verbringen, ich fühle mich wieder in der Lage, die Geschäfte allein zu erledigen. Deine Zeit wird sicher später kommen, doch vorerst gilt es, eine Hochzeit zu organisieren. Du kannst also guten Gewissens nach Andergast zurückkehren und mich dort für die anfallenden Geschäfte vertreten sowie die Fusion der Handelshäuser abwickeln. Elise, deine neue Mutter, begleitet mich auf meiner Reise in den Süden. Somit hast du genug Zeit allein mit deiner Verlobten. Sie hat ebenso wie du die nötigen Befugnisse von ihrer Mutter erhalten.
Familiäre Grüße
Ulrik Eichauer
In ihm war alle Trauer verschwunden und hatte nun Wut Platz gemacht. Pah, die hiesigen Geschäfte wickelte er schon seit Jahren ab. Die günstig eingekaufte Holzlieferung aus Anderwald war sein händlerisches Meisterwerk, und nun sollte sein Vater dafür die Lorbeeren einheimsen? Endlich hatte er die Gelegenheit, die wahrhaft großen Geschäfte und Handelspartner kennen zu lernen und in die eigene Hand zu nehmen und nun das? Bei PHEx, wie er es hasste, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen und nicht so, wie er es geplant hatte. Vor allem, wenn er darauf keinen Einfluss hatte. Und nun sollte er ausgerechnet diese Hure heiraten, die ihn so hinterging? Sein Vater hatte nicht einmal den Schneid, es ihm direkt ins Gesicht zu sagen, sondern schien es darüberhinaus so eilig zu haben, dass er ihm nur einen Brief daließ. Niemals in seinem Leben wurde er so gedemütigt. Oh PHEx, warum musst du mich so strafen? dachte er bei sich. Zumindest hatte er nun genug Zeit, sich um die Angelegenheiten in Nostria zu kümmern. Allzusehr zog es ihn nun nicht nach Hause zurück. Doch sollte sein Vater in einem oder zwei Monden zurückkehren, so konnte er sich auf etwas gefasst machen, soviel war sicher.
Den Brief knüllte er lieblos zusammen und stopfte ihn in den Rucksack. Sie hatten noch eine Menge vor. Er sollte sich nun auch langsam zu Bett begeben. In dem Augenblick erlöschte die Kerze und kleine Rauchfädchen schlängelten sich vom Docht empor. Der Händler machte sich bettfertig und kuschelte sich in die Decken. Er lag noch eine ganze Weile wach, denn seine Gedanken kreisten um den Brief seines Vaters, und seine Möglichkeiten, den Plänen ebendiesem entgegen zu wirken. Irgendwann fand er dann aber doch den Weg in Borons Arme und schlief friedlich ein.