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Herz

Er lief über eine geschlossene, weiße Schneedecke. Die Beute war ganz nah. Er konnte ihre Spur deutlich erkennen. Tage lang war er ihr gefolgt und heute war es endlich soweit. Das Ziel, die Beute auf die er sein Leben lang gewartet hatte. Die Jagd würde bald zu Ende sein. Leicht trugen ihn seine Schritte tiefer in den verschneiten Wald. Federnd und elegant wich er kleinen Ästen und Wurzeln aus. Vor ihm öffnete sich der Wald zu einer kleinen Lichtung. Dort stand es, das Ziel! Reglos und still, als würde es denken in Sicherheit zu sein. Er legte einen Pfeil auf die Sehne und zielte. Der Jäger atmete tief ein, lies sich Zeit dieser Schuss durfte nicht fehlen. Er lies den Pfeil los und erlegte die Beute. Er trat näher an das zarte Geschöpf heran. Es lag so unschuldig dort, so friedlich als würde es schlafen. Nur ein paar kleine Blutstropfen lagen neben der Beute im Schnee. Der Jäger drehte den toten Leib, um besser das Herz erreichen zu können. Sein Messer blitzte auf. Einmal… Zweimal… Dreimal… Dann hatte zog er das kleine, warme Herz aus dem Körper. Karan strich dem Jungen das braune Haar aus dem Gesicht und schloss die gleichfalls braunen Augen. Firls Herz erkaltete in Karans Hand als er die Lichtung verließ…

Die Welt drehte sich und verschwand. Karan fand sich nackt in weiche, weiße Federn liegend wieder. Eine zarte Frauenstimme sprach in seinem Geiste. Sie kündete vom Ende des Winters. Die Jagd hatte Karan perfektioniert, die Wildnis war sein zu Hause. Doch was ist die Welt ohne Gefühl? Was die Welt ohne die leichte Wärme des Frühlings? Ifirn öffnete ihr Federkleid und ließ den Halbfirnelfen frei.

Dann erwachte er aus tiefem Traum….

Firl, der kleine Mann aus Thurana hatte die Gruppe verlasen. Er war das Herz und das Gewissen gewesen. Mit seinem Fortgang sollte auch jenes gehen. Doch wo Hoffnung ist, da ist auch ein Herz und Hoffnung… Hoffnung hatte Karan immer…

Warum ein Zwerg?

Zurück im Haus des Magus suchte Ragnar nur kurz den Tonkrug mit dem bornländischen Rübenschnaps, von dem er einen kräftigen Schluck nahm, bevor er sich es in seinem Bett gemütlich machte und unruhig einschlief. Die Geschehnisse der Nacht beschäftigten ihn sehr. Natürlich hat die Gruppe, relativ erfolgreich, ihre Aufgaben erfüllt, beide Gesuchten wurden unversehrt befreit, zwei weitere Gefangene noch dazu; Golgari wurde von Phexens Sternen geblendet, sodass der Mantikor-Krieger wieder zurück nach Dere kam. Den einzigen Verlust erlitt die Gruppe durch den kleinen stummen Jungen, der freiwillig sie verlassen wollte. Und trotzdem war Ragnar nicht zufrieden, weder mit der Queste, noch mit den Umständen, geschweige denn mit sich selbst. Dort unter in diesen stinkenden Gängen, der Kanalisation, dort war er er. Die Brücke, sein Geniestreich gegen die Wachen, seine Ungestümtheit an der letzten Tür und sein Kampf gegen den Erz-Dschinn, dass alles war er, wie er sich kannte. Aber seit wann meuchelt ein Ragnar schlafende Menschen? Hatte er seine Swafskari nicht unter Kontrolle gehabt? Muss er Angst haben eine Gefahr für die Gesellschaft zu werden? Diese Gedanken und Sorgen ließen ihn kaum schlafen. Als er durch seine Augenlider bemerkte, dass es zu dämmern begann stand er auf und verließ nur mit leichter Kleidung und seinem Stab ausgestattet das Haus, um sich auf den Weg zur Tommelmündung zu begeben. Dort entkleidete er sich, stieg in die Fluten und bekämpfte die Kälte, um Zwiesprache mit seinem Gott zu halten. „Vater, großer Pottwal, gib mir, deinem Kind, die Kraft und den Mut meine Ungestümtheit zu kontrollieren, dass sie nur die Schuldigen treffe. Lass mich meine Swafskari, deinen Segen, beherrschen, wie du die Weltmeere beherrschst, damit ich dir bessere Dienste leisten kann, als als gesegnetes Kind auf entfernten Inseln. Zeig Gnade den Gefallenen, die durch deine Meere ziehen wollen, bis sie dereinst an deiner Seite gegen die Schlange kämpfen werden, wie auch später einmal ich.“ Mit einem abschließenden „Swafnir ist groß!“ verlässt er das Wasser, reibt sich kurz trocken, zieht sich an und macht sich auf den Rückweg zum Magus, um nicht zu spät zum Frühmahl zu kommen. Er schwört sich nie wieder jemanden seine Axt spüren zu lassen, der nicht selber eine Waffe gegen ihn erhebt.

Briefe

Nachmittag des 2. Tsa 1029 B.F., Gasthof „Zur Fetten Flunder“, Nostria-Stadt

Im spärlich eingerichteten Zimmer, in dem Ludevico nun neben Firl auch noch eine weitere Person beherbergte, brannte eine flackernde Kerze auf dem Tisch. Daran, mit dem Ellenbogen auf dem Tisch und mit der Hand die Stirn stützend, saß der Spross des Handelshauses Eichauer und atmete schwer. Trotz der Fensterläden war es in dem Raum merklich frisch und sein Atem bildete leichte Dampfschwaden. Vor ihm auf dem dilettantisch zusammengezimmerten Holztisch – würde er darauf achten, wäre seinem fachmännischen Auge aufgefallen, dass es sich um Rotfichtenholz handelte, das hauptsächlich in den Wäldern Andergasts vorkam, doch seine Gedanken waren gerade woanders, lagen säuberlich einige Blätter Pergament, ein Tintenfass in dem ein Gänsekiel steckte und eine zusammengerollte Schriftrolle, an der ein aufgerissenes Siegel prangte. Er atmete tief ein und schaute noch einmal über die Schulter. In dem kleinen Raum war ein kleines, verlassenes Bett, sowie ein zweites, in dem Firl seelenruhig schlief und auf dem Boden waren einige Felle ausgebreitet, in denen sich der ihm erst kürzlich bekannte Nordmann Ragnar etwas unruhig wälzte.

So, nun habe ich etwas Ruhe, um mich um die etwas wichtigeren Dinge zu kümmern, dachte er bei sich. Er sog noch einmal die frische Winterluft ein, nahm den Gänsekiel, streifte ihn vorsichtig am Tintenfass ab und begann zu schreiben.

Eure Königliche Majestät,

mein Name ist Ludevico  Graulunkh Llondrian Eichauer, meines Zeichens erstgeborener Sohn von Ulrik Eichauer, Familienoberhaupt des bekannten Großhandelshauses Eichauer aus Andergast. Ich schreibe Euch diese Zeilen, da ich einige Zeit mit einer Euch bekannten Edlen zu Reisen die Freude hatte, die jedoch nur von allzu kurzer Dauer war. Des weiteren erlaube ich mir, zu denken, dass Ihr ein Recht habt, zu erfahren, aus welchem Grunde ich nun nicht mehr seine Gesellschaft genießen darf. Der besagte Edle, von dem ich hier schreibe, hat den wohlklingenden Namen Bermhoin G. R. Ui Niamad, Hofmaler Eurer Königlichen Majestät. Im Zuge einer groß angelegten Verschwörung in Winhall, die wir aufzudecken bereit waren, hatte er uns großzügig seine Hilfe, Unterstützung und seinen tadellosen Ruf und Fachkenntnis der albernischen Juristerei zur Seite gestellt. Doch als er gerade im Magistrat zu Winhall mit der zuständigen Richterin im Gespräch war, konnte ich leider nur vom Boden durch ein Fenster mitbekommen, wie er – bei PRAios! – ein Adliger des albernischen Königshauses, im Magistrat der Stadt von einem einfachen Büttel kaltblütig ermordet wurde. Ich hätte gern diesen Vorfall persönlich untersucht und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen, doch waren offenbar zu hochrangige Personen in den Vorfall verwickelt, sodass mir – um mein Leib und Leben zu wahren und Euch diese Zeilen zukommen zu lassen – nichts blieb, als Hals über Kopf aus dieser Stadt zu fliehen. Ich möchte Euch hiermit mein tiefstes Beileid ob dieses Verlustes ausdrücken und Euch untertänigst um Unterstützung in der Aufklärung dieses Falles bitten. Bis dato trugen wir die Mitverschwörer so zusammen:

Hochwürden Nerzis, Vorsteher des Winhaller Borontempels,

Lichtbringerin Dano Kurstan, die sich bereits selbst richtete,

Richterin Bernhold, die sich offenbar im Zimmer befand, in dem Euer geliebter Hofmaler gemeuchelt wurde.

Für all diese Anschuldigungen befinden sich Beweismittel in meinem Besitz und ich schwöre bei den zwölfen, allen voran beim Herre PRAios, dass alles so geschehen ist, wie hier darniedergeschrieben.

Die Habe von ihm und seinem Leibmagus werde ich Euch in den nächsten Tagen zukommen lassen.

 

Hochachtungsvoll

Ludevico G.L. Eichauer

Nostria, den zweiten TSA eintausendneunundzwanzig nach dem Falle Bosparans, Gasthof „Zur Fetten Flunder“

Auf der Rückseite vermerkte er noch „Zu Händen Ihrer Königlichen Majestät Invher ni Bennain, Havena, Hauptstadt des stolzen Königreichs von Albernia

Er wartete kurz, bis die letzten Buchstaben getrocknet waren, dann rollte er das Pergament zusammen, band eine rote Kordel darum und packte raschelnd ein rotes Stück Wachs aus einem Tuch, dass er sodann über die Kerze hielt. Den Wachs tropfte er geduldig auf die Kordel und das Pergament und drückte bis es fest wurde, seinen Siegelring darauf.

So, eine unangenehme Aufgabe hinter mir, eine steht noch aus. Dabei wurde es ihm im Gemüte schwer, denn so sehr er bisher versuchte, die Ereignisse der letzten Wochen zu vergessen, so sehr drängten sie nun wieder an die Oberfläche. Nie zuvor hatte er Menschen, die ihm so nahe standen, in so kurzer Zeit zu Boron gehen sehen.

Er nahm daraufhin ein zweites Blatt Pergament und schrieb.

Liebe Mütter, Väter, Brüder und Schwestern sowie Freunde von Mara Tannhaus,

Mein Name ist Ludevico Eichauer vom Handelshaus Eichauer aus Andergast und ich hatte die Ehre, eure stolze, hilfsbereite und entschlossene sowie überaus fähige Tochter, Schwester, Freundin als meine Begleiterin auf meiner Reise zu haben. Sie hat sich rührend um alle auch noch so kleinen Wehwehchen gekümmert und hätte sicher eine fähige Heilerin abgegeben. Hätte, da sie, als wir einst in der Wildnis zwischen dem Hof der Bargelters im Süden Andergasts und Winhall rasteten, sich schützend vor mich stellte, als ich wehrlos von einer Gruppe Rotpelze angegriffen wurde. Mein fähiger Leibwächter war gerade einen Steinwurf entfernt am Fluss, um Wasser zu holen. Sie konnte gerade noch einen Rotpelz mit ihrem Heilerbesteck niederstrecken, als sie tödlich und hinterrücks von einem Pfeil getroffen wurde. Mein Leibwächter eilte so schnell er konnte, um die restlichen Rotpelze zu erschlagen, doch für Mara kam leider jede Hilfe zu spät. Ihr Verlust schmerzt mich sehr, da sie nicht nur durch ihre Fachkenntnis, sondern auch durch ihre offene und ehrliche Art eine Bereicherung für meine Reisegesellschaft war. Ihr Lachen wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Ich wäre gern persönlich vorbeigekommen, um die traurige Kunde zu verbreiten, doch meine Geschäfte binden mich. Zumindest haben wir ihr ein borongefälliges Begräbnis ermöglicht. Ich werde euch alsbald ihr Hab und Gut zukommen lassen.

Mein herzliches Beileid

Ludevico Eichauer

2. TSA 1883. Jahr der Unabhängigkeit 

Und auch hier schrieb er auf die Rückseite „Zu Händen der Angehörigen von Mara Tannhaus, Joborn“ und versiegelte diesen Brief ebenso wie den vorherigen mit Wachs und Siegel. Diese Version schien ihm besser zu passen als die Wahrheit. Er wollte vermeiden, dass einfache bürgerliche Uneingeweihte den Vorgängen in Winhall nachforschten. Außerdem erscheint solch ein Tod, wenn sicher auch genauso traurig für die Angehörigen, bestimmt ehrenhafter, als der einer Freien, die ihre Nase in Angelegenheiten steckte, die zu groß für sie waren, und deswegen in einem Kerker umkam. Sobald er auf einen Hauch von Zivilisation stößt, würde er die Briefe bei den Beilunker Reitern oder ähnlich verlässlichen Botendiensten abgeben. Er schaute sich die Kerze an. Sie war fast abgebrannt, doch eine halbe Stunde blieb ihm wohl noch. Er würde sich noch einmal den Brief seines Vaters zu Gemüte führen. Zunächst aber verstaute er die beiden Briefe in einem gewachsten Leinensack, den er dann in seinen Rucksack steckte. Ragnar lag nun ruhig da, schnarchte nur ab und zu. Dafür bewegte sich Firl sehr unruhig. Offenbar träumte er gerade. Der Händler schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch. Dann nahm er das zusammengerollte Pergament mit dem gebrochenen Siegel und las noch einmal den Brief, den der Zöllner ihm von seinem Vater hat zukommen lassen.

Mein geliebter Sohn! – wann hatte er ihn zuletzt so genannt? er konnte sich nicht daran erinnern… –

Ich habe eine frohe Kunde zu verbreiten! Deiner Mutter geht es zwar immernoch nicht besser, und die Heiler meinen, ihr Zustand würde sich nicht allzu bald verändern. Darum habe ich beim hiesigen Traviapriester eine Annullierung unserer Ehe veranlasst. Die Bediensteten kümmern sich momentan um sie, ihr Zustand ist stabil. Nun zur wirklichen frohen Kunde: Arkenon Dalibor, das Familienoberhaupt unserer einstigen Konkurrenten, der Dalibors, ist zu Boron gegangen. Das ist natürlich traurig, doch wo der Herr Boron Vergehen sät, sprießen Tsas Keime aus, nicht wahr? -Bei PHEx, er schreibt wahrhaftig wie ein Bauer, der gerade erst das Schreiben gelernt hat – Also kam doch wie ein angeschossener Hund die Witwe Dalibor zu mir, und ich muss dir sagen, es war wie damals, als ich deine Mutter kennen gelernt habe. –Ja, das klingt vertraut. Überschnelle, hastige Entscheidung, ohne nachzudenken. – Sie meinte, es tue ihr leid, dass unsere Handelshäuser immer so verfeindet waren und sie hätte schon immer für mich geschwärmt, doch ihre traviatischen Pflichten banden sie. Sie hat mir eine Fusion unserer Handelshäuser und eine Heirat vorgeschlagen, was sagst du dazu? Ich habe sofort eingewilligt und gleich am nächsten Tag den Traviabund veranlasst. Das Handelshaus Dalibor gibt es nun nicht mehr. Außerdem fühle ich mich so jung wie schon lange nicht mehr! Es tue ihr auch leid, mir übrigens inzwischen auch, dass sie dem Glück zwischen dir und dieser Lysandra im Weg stand. Darum haben wir beide entschlossen, dass ihr noch dieses Jahr den Traviabund eingehen werdet, Lysandra freut sich auch darauf. Damit können wir die beiden Familien noch enger zusammen bringen und du wolltest das doch schon immer, nicht wahr? –Ja, inzwischen so sehr wie Zorganpocken. Diese Schlampe. – Wie auch immer. Zu dem Zeitpunkt, in dem du diese Zeilen liest, befinde ich mich schon auf der Gischt und fahre mit der Holzlieferung gen PraioS. Ich denke, du solltest nun mehr Zeit mit deiner zukünftigen Frau verbringen, ich fühle mich wieder in der Lage, die Geschäfte allein zu erledigen. Deine Zeit wird sicher später kommen, doch vorerst gilt es, eine Hochzeit zu organisieren. Du kannst also guten Gewissens nach Andergast zurückkehren und mich dort für die anfallenden Geschäfte vertreten sowie die Fusion der Handelshäuser abwickeln. Elise, deine neue Mutter, begleitet mich auf meiner Reise in den Süden. Somit hast du genug Zeit allein mit deiner Verlobten. Sie hat ebenso wie du die nötigen Befugnisse von ihrer Mutter erhalten.

Familiäre Grüße

Ulrik Eichauer

In ihm war alle Trauer verschwunden und hatte nun Wut Platz gemacht. Pah, die hiesigen Geschäfte wickelte er schon seit Jahren ab. Die günstig eingekaufte Holzlieferung aus Anderwald war sein händlerisches Meisterwerk, und nun sollte sein Vater dafür die Lorbeeren einheimsen? Endlich hatte er die Gelegenheit, die wahrhaft großen Geschäfte und Handelspartner kennen zu lernen und in die eigene Hand zu nehmen und nun das? Bei PHEx, wie er es hasste, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen und nicht so, wie er es geplant hatte. Vor allem, wenn er darauf keinen Einfluss hatte. Und nun sollte er ausgerechnet diese Hure heiraten, die ihn so hinterging? Sein Vater hatte nicht einmal den Schneid, es ihm direkt ins Gesicht zu sagen, sondern schien es darüberhinaus so eilig zu haben, dass er ihm nur einen Brief daließ. Niemals in seinem Leben wurde er so gedemütigt. Oh PHEx, warum musst du mich so strafen? dachte er bei sich. Zumindest hatte er nun genug Zeit, sich um die Angelegenheiten in Nostria zu kümmern. Allzusehr zog es ihn nun nicht nach Hause zurück. Doch sollte sein Vater in einem oder zwei Monden zurückkehren, so konnte er sich auf etwas gefasst machen, soviel war sicher.

Den Brief knüllte er lieblos zusammen und stopfte ihn in den Rucksack. Sie hatten noch eine Menge vor. Er sollte sich nun auch langsam zu Bett begeben. In dem Augenblick erlöschte die Kerze und  kleine Rauchfädchen schlängelten sich vom Docht empor. Der Händler machte sich bettfertig und kuschelte sich in die Decken. Er lag noch eine ganze Weile wach, denn seine Gedanken kreisten um den Brief seines Vaters, und seine Möglichkeiten, den Plänen ebendiesem entgegen zu wirken. Irgendwann fand er dann aber doch den Weg in Borons Arme und schlief friedlich ein.

 

Ein anderes Leben

In mitten des Trubels der Wohnung des Magus saß Karan und betrachtete das Treiben um sich herum. Wie konnte man nur so leben. Gefühlt waren hier 50 Kinder im Haus und immer wenn man dachte, dass man alle gesehen habe so kam ein neues Kind von irgendwo her. Dieses traute Familien Leben löste unangenehme Gedanken bei dem Halbfirnelfen aus. War sowas für ihn möglich? Bisher hatte er sich sein Leben in einem Wald im Norden nahe Olport vorgestellt. Vielleicht eine kleine Hütte mit einem Schrein an Herrn Firun und das was zum Leben gebraucht wird kommt aus dem Wald oder wird in der Stadt erhandelt. Somit konnte er zurückgezogen im Wald leben und Ragnar an der Akademie in Olport unterrichten und dennoch waren sie sich nahe.

Doch nun wurde dieses Bild von einem anderen überlagert. Die kleine Hütte im Wald war nun größer und näher an der Stadt . Schutzrunen prangten an der Tür und aus den Fenstern leuchtete ein behagliches Licht. Im Inneren war es mit der absoluten Stille auch vorbei. Karan saß in einem Sessel am Kamin und betrachtete seinen Bogen über dem Kamin. Ragnar saß über seinen Aufzeichnungen gebeugt an seinem Arbeitstisch und brummte vor sich ihn. Der Geruch einer kräftigen Suppe erfüllte den Raum, welche im Kessel durch einen verzauberten Löffel umgerührt wurde. Ein kleiner Junger von Ragnars kräftiger Statur und Karans eisblauen, leicht schrägen Elfenaugen kam auf Karan zu und legte ihm ein Stofftier auf den Schoß und rannte dann kichernd davon.
Karan nickte ein. Eine starke, kalte Hand weckte ihn und er hörte Ragnars brummende Stimme. „Komm ins Bett. Es ist spät. Das Kind schläft schon.“ Karan sah Björn vor dem Kamin schlafen und…

Der protestierende Aufschei der Herrin des Hauses weckte Karan aus seinem Tagtraum. Bei den Zwölfen! Das war unheimlich! Und wo kam das Kind her? Also ein Leben mit Ragnar wäre gut aber… Karan beschloss, dass diese Stadt ihm ganz und gar nicht gut tat. Ein Schauer rann ihm über den Rücken und er schüttelte sich. In dem er das bunte Treiben im Haus beobachtete wollte er sich auf andere Gedanken bringen. Doch immer wieder schoben sich Bilder von Ragnar, dem Kind und ihm in sein Gedächtnis…

Das Schlachthaus

Überall lagen Leichen. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters. Sie alle wurden binnen weniger Augenblicke von Karan und seinen Gefährten dahingemetzelt. Positiv war die Beute die eingesammelt wurde. Unter einigen Aspekten war auch die Jagd und der Kampf gut und firungefällig gewesen. Oder etwa doch nicht? Es blieb ein bitterer Nachgeschmack. Sie alle wurden benutzt und verraten. Ragnars und Karans Freund Kasimir sowie die anderen Sklaven waren nicht hier. Dies alles war nur ein Test einer Verbrecherbande gewesen. Ein Test ob sie alle würdig waren. Sie sollten nun einen echten Hinweis auf die Sklaven erhalten. Doch konnten sie diesem Hinweis trauen? Nun nachdem sie so benutzt worden waren?

Der junge Mann Firl musste dies alles mit ansehen. So viel Blut und Leid hatte der Jünger der Göttin Tsa wohl noch nicht erblickt. Es würde ihn abhärten und auf diese unschöne Seite des Abenteuerlebens vorbereiten. Es ist zwar gut alle 12 Götter zu verehren, doch Härte, Disziplin und Wille konnten in dieser Welt nicht schaden. Je eher Firl das lernte, desto besser.

Abenteuerleben

Das sollte nun also das Abenteuerleben sein? In einer wildfremden Stadt einen ehemaligen Reisegefährten zu finden, das wäre unter normalen Umständen nicht so schwer. Doch die Umstände waren alles andere als normal. Die Stadt Nostria war heruntergekommen und nicht als die Stadt des stolzen Königreichs zu erkennen. Warum fürchteten sich einige Andergaster so sehr vor Nostria? Hier gab es höchstens die Verbrecherbanden vor denen man sich in Acht nehmen musste. Karan hoffte sehr darauf, dass er bald mit Ragnar aus dieser Stadt verschwinden konnte. Er wäre froh wenn die Gruppe Abenteurer ihnen beiden helfen konnte. Es war alles zu verwirrend und das war nicht seine Art. Diese ganzen zwischenmenschlichen Dinge, Untertöne und versteckten Anspielungen. Sowas machte man doch nicht. Lieber dem geraden Flug des Pfeils folgen, das wäre es! Firun würde wollen, dass sowas gerade heraus angesprochen wird und dann… und dann waren wir wieder bei seinem Problem. Ragnar. Bei ihm konnte er auch nicht alles einfach so gerade heraus ansprechen. Obwohl sie gute Freunde und Jagdgefährten waren. Doch wer weiß was eines Tages sein würde. Dieser Tag hatte ihnen einen Hund und ein paar nützliche Informationen und vielleicht ein paar neue Freunde eingebracht.

Die Gedanken des Halbfirnelfen kreisten um dieses und jenes Thema, als er das Feuerholz sammelte doch oft auch um Ragnar. Es war Zeit wieder zum Lager und dem guten Freund zurück zu kehren.

Bermhoin gleitet dahin

„Es tut mir so leid Mara!“, waren die letzten Gedanken, bevor das Schwert des Gardisten auf ihn niederschlug. Tiefe Schwärze umfing ihn, Schmerzlosigkeit war der Lohn dafür. Er spürte nicht, wie die Spitze des Schwertes sich in sein Herz bohrte, aber er hörte das Rauschen von schwingenden Flügeln, die sich näherten. „Dann war es das also mit mir!?“ Erstaunlich, dass man im Tode noch denken konnte.

Er war gespannt, wohin Golgari ihn bringen würde. Zu Praios, dass er ihn in sein Goldenes Buch eintrage, denn immerhin ist er adelig und bei einem praiosgefälligen Auftrag gestorben. Oder in Efferds Wasserreich, denn der Große Flussvater ist der Urvater aller Albernier. Oder auf Tsas Regenbogen, damit er auf der Perfektion seiner geliebten Farben in ein neues Leben reisen kann. Oder doch zu Hesindes Hain, hat er doch immer nach Wissen gestebt und es gemehrt. Außerdem würde er dort seinen Orestas wiedersehen.

„Orestas! Grade noch hast du mich dich gehen lassen und schon bin ich auf dem direkten Wege zu dir! Ich freue mich dich wiederzusehen!“, seufzte Bermhoin gerade noch, als er lautes Flügelschlagen hinter sich hörte. Er hatte nicht mitbekommen, dass er sich schon auf Golgaris Rücken befand. Er drehte sich um und sah dicht hinter sich einen weiteren Raben und auf dessen Rücken saß Mara und winkte ihm zu. Er winkte zurück, doch drehte er sich weg, damit sie nicht seine Tränen sah, die er ob ihres Schicksals vergoss.

Maras Ende

Einsam und allein saß Mara Tannhaus in ihrer Zelle. Ihre Gedanken verweilten bei ihren Freunden und der kommenden Gerichtsverhandlung. Hier zu warten fühlte sich für die Jobornerin wie die Ewigkeit an. Obwohl sie dank des Ritter Primus bessere Nahrung bekam und es Ihr an nicht vielen mangelte.

Im Flur hörte sie gedämpfte Stimmen. Irgendwer kam zu ihrer Zelle. Mal wieder eine Befragung oder ein freundliches Gesicht, vielleicht sollte auch die Gerichtsverhandlung beginnen? Die Zellentür öffnete sich und Mara erschrak. Vor Ihr stand einer der Gardisten. Er war schwer verletzt und blutete. Sofort sprang Mara auf „Bei den Zwölfen! Was ist passiert? Kommt her ich versorge Eure Wunden so gut ich kann. Hektisch und voller Sorge wollte Mara aus den Decken etwas improvisieren als der Gardist vor ihr stand… etwas zu nah. Vor Schreck weiteten sich Maras Augen, als sie den Schmerz unterhalb des linken Rippenbogens bemerkte. Was passierte hier? Sie wollte doch nur helfen.

Dunkelheit umfing sie und sie flog auf den Schwingen eines mächtigen Raben über ein endloses Meer. „Der Herr hat Dich zu sich gerufen“ ertönte die tiefe Stimme des Raben. „Deine Freunde haben alles versucht. Doch die verschworene Gemeinschaft war zu mächtig. Doch sei gewiss sie bekommen ihre gerechte Strafe. Seine Hochwürden Nerziss würde bereits von mir zum Herren des Todes gebracht, da er in Ungnade viel. Doch sorgt Euch nicht Mara wir sind gleich da. Ja ich weiß Ihr seit müde und ich verspreche Euch, Ihr könnt bald sehr lange schlafen. Mara tätschelte das Gefieder des Raben und ihre letzten Gedanken waren bei ihren Freunden. Dabei erschien es ihr so, als würde Bermhoin auf einem anderen Raben in einiger Entfernung neben ihr fliegen und Ihr fröhlich zuwinken. Sie erwiderte den Gruß und lächelte freundlich.

So flog die Hebamme Mara Tannhaus, getragen von Golgari und begleitet von Bermhoin über das Nirgendmeer, dem Vergessen entgegen.

Träume zum Vergessen

Es ist abends, fast schon Nacht. Bermhoin liegt in seinem Bett. Und obwohl er im Gastraum schon auf dem Tisch eingeschlafen war, jetzt hielten ihn seine Gedanken wach. Was hatte er nur getan? Wozu hatte er sich hinreißen lassen? Wie tief ist er gesunken? Sollte je herauskommen, dass er, Bermhoin Guileagh Rwadh Ui Niamad, Hofmaler Ihrer königlichen Hoheit Inhver Ni Bennain, als Fee verkleidet einen einfachen Vorarbeiter versucht hat von etwas zu überzeugen, nun, dann würde er wohl Albernia für immer aus Scham den Rücken kehren. Und wozu das Ganze? Wegen einer unbedeutenden Holzladung eines hinterwäldlerischen Händlers, den er nochnichtmal richtig leiden konnte. Hätte man nicht einfach beim ersten Anzeichen von Problemen nach Nostria weiterreisen können? Und notfalls auch nur zu fünft? Bermhoin hatte Bedenken bezüglich der nächsten Tage. Hatte sich irgendjemand darüber Gedanken gemacht, was passiert, wenn Ywain wieder nüchtern ist, oder wie Bermhoin nochmal das Haus verlassen soll? Alle, er selber eingeschlossen, denken viel zu engstirnig und kurzfristig…

Über die Ganzen Fragen nickt Bermhoin langsam ein und findet sich in einem Traum wieder. Es ist ein sehr hektischer Traum, aber ein wunderschöner. Bermhoin findet sich an allen möglichen ihm bekannten Orten Aventuriens wieder, immer begleitet von seinem geliebten Orestas. Sie lachen und freuen sich über ihre gemeinsame Zeit, ihre gemeinsamen Reisen, die sie zusammen verbringen. An den schönsten Orten der Welt stehen sie zu zweit und genießen. Nach und nach werden die Szenerien länger und die Szenenwechsel langsamer. Bis Bermhoin mit Orestas am Bug eines Schiffes stehend auf Bermhoins absoluten Lieblingsort zusteuern: Die Bunten Mauern von Methumis!

Und während Bermhoin die Situation in vollen Zügen genießt, stoßen seltsame unbekannte Melodien an sein Ohr. Und von Orestas mit den Armen umschlungen singt dieser ihm leise ein Lied in sein Ohr. Bermhoin kennt die Sprache nicht, aber er versteht die Worte. Es wird wohl engelisch sein, die Zunge der Engel.

You are the loneliest person that I’ve ever known
We are joined at the surface but nowhere else
I look in the glass and stare at your, strained, grey, motionless face and ask
Underneath, is there a golden soul?

Take care of the ones that you love
Take care of the ones that you love

Baby, I’m leaving here
You need to be with somebody else
I can’t stop bleeding here
Can you suture my wounds?

Everyone is beginning to breathe as I break down
You are in love with a shadow that won’t come back
Sooner or later we all have to wake
Try forgetting everything
Underneath, there’s a perfect sky

Baby, I’m leaving here
You need to be with somebody else
I can’t stop bleeding here
Can you suture my wounds and feelings?

Baby, I’m leaving here
You need to be with somebody else
I can’t stop bleeding here
Can you suture my wounds and feelings?

Ahh Ahh
Ahh Ahh

Baby, I’m leaving here
You need to be with somebody else
I can’t stop bleeding here
Can you suture my wounds and feelings?

Baby, I’m leaving here
You need to be with somebody else
I can’t stop bleeding here
Can you suture my wounds?

(Biffy Clyro – Opposite)

Bermhoin wacht auf. Die ersten Sonnenstrahlen finden ihren Weg auf sein Gedicht. Er kann sich nicht erinnern, was er geträumt hat, er weiß nurnoch, dass es ihn tief bewegt hat. Am Vormittag bleibt er im Kontor, um sich auf seine diestägige Rolle als Orestas vorzubereiten. Doch es fällt ihm schwer. Er hat keine Erinnerungen mehr an sein Auftreten, seine Mimik, seine Gestik, seinen Tonfall. Selbst sein Gesicht sieht er nur noch unscharf…