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Blut und Tod

Die Ereignisse der letzten Tage hatten Alkrikmir sehr aufgewühlt. Er war so angespannt, seine Nerven waren wie zum zerreißen gespannte Seidenfäden. Er gab sich Mühe, einfach nur zu funktionieren und ein halbwegs normales Bild aufrecht zu erhalten. Er wühlte sich in seinem Strohbett hin und her, konnte nicht schlafen. Zu viel ging ihm in den Gedanken umher. Warum verspüre ich solch eine Freude dabei, Orks abzuschlachten? Sicher, sie sind unsere Gegner, doch warum fühle ich solche Genugtuung wenn mir ihr Blut ins Gesicht spritzt? Warum trage ich den eingetrockneten Lebenssaft wie eine zweite Haut? Warum spüre ich Erfüllung, wenn ich sehe wie langsam das Leben aus ihnen weicht? Bin ich ein Monster wie sie es eigentlich für uns sind? Eigentlich müsste ich mich doch schlecht fühlen, schließlich habe ich ihr Leben unwiederbringlich beendet, zum ersten Mal überhaupt ein Leben beendet. Fühlt es sich bei jedem so an? Gehe ich zu brutal vor? Was denken meine Gefährten von mir? Sehen sie mich als skrupellose Tötungsmaschine?

Irgendwann – es kam ihm wie eine Ewigkeit vor – fand er doch über das Knacken und Flimmern des schwelenden Feuers in der Hütte in den Schlaf.

Plötzlich wachte er auf. Die Hütte war bis auf ihn leer, die Tür stand offen. Er hörte weit entfernt ein sich wiederholendes Geräusch, als wenn jemand durch Matsch laufen würde. Er sprang aus dem Bett, schnappte sich sein Schwert. Vorsichtig schob er die Tür zur Seite und folgte  dem Geräusch. Dabei sah er sich immer wieder um. Nirgends war einer der Gefährten zu sehen. Kein Geräusch des Waldes war zu hören, nur das eine sich immer wiederholende. Es war unglaublich düster, der Mond verschwand hinter einer dicken Wolkendecke. Als er sich vorsichtig weiter vortastete, inzwischen in völliger Dunkelheit, kam das Geräusch immer näher. Als er sich kurz umblickte, war nicht einmal mehr der Weiler zu erkennen. Er schaute nach vorne, bald müsste er den Ursprung dieser nächtlichen Störung erreicht haben. Vorsichtig voranschreitend, darauf achtend nicht auf Zweige zu tretend bewegte er sich vorwärts. Plötzlich riss die Wolkendecke auf und der Mondschein zeigte in einem dünnen Strahl eine Lichtung, auf der eine kleine kräftige Gestalt mit dunklem Fell, sich über eine zweite Gestalt beugte und immer wieder mit einer Keule auf sie einschlug, wo deren Kopf sein müsste. Patsch patsch patsch machte es. immer und immer wieder. Er stürmte sofort auf den Ork zu und versenkte sein Schwert in ihm und schrie „Du MONSTER!“, doch anstatt tot umzufallen drehte sich der Kopf des Orks in unnatürlicher Weise einmal um seine Achse. „Neeeein, DU bist das Monster! Uns alle hast du getötet!“ Und erst jetzt merkte er, dass das Gesicht des Orks seinem zum verwechseln ähnlich sah, nur mit Fell und Hauern. Er ließ sein Schwert los und taumelte zurück. Der Alrik-Ork gackerte verrückt. Auf einmal hörte er etwas von der Leiche am Boden. Es gluckerte durch das Blut „Duuuu hast uns getöööötet“, dabei fragte er sich, wie die Leiche ohne Gesicht überhaupt reden konnte. Und sie hatte die gleiche Rüstung, die Bryda, seine Ausbilderin immer trug… Was geht hier vor, dachte er sich. Ich muss die anderen finden! Die Wolkendecke riss auf. Er war umzingelt. Eine Horde Gestalten, die in unterschiedlichsten Stadien der Verwesung waren, liefen langsam auf ihn zu. Sie sagten langsam, wie ein immer sich wiederholender Singsang „Duuuu hast uns getööötet!“, dabei erkannte er vertraute Gesichter, trotz der Verwesung. Inga, die Wirtin aus Stolzbach. Otto, der Sohn der Näherin. Und sind das nicht seine Geschwister, seine Eltern dort drüben? Der Orkschamane musste dunkle Magie genutzt haben und ihre Leichen wiederbelebt haben! Waren sie wirklich alle tot? Panik machte sich in ihm breit, als sich der Kreis der Untoten immer näher um ihn schloss. Nein, dachte er sich, ich werde hier nicht sterben, die anderen brauchen mich“ Auch wenn sie vielleicht auch schon getötet wurden. Er setzte seinen Fuß auf den komischerweise immer noch spottenden Ork, faste sein Schwert mit festem Griff und zog es raus, dabei fiel der Ork mit einem dumpfen Geräusch auf den moosigen Waldboden. Er stürmte auf die Untoten zu und hackte sich durch sie durch, immer einen Schrei loslassend, als der Stahl durch splitternde Knochen und verwesendes Fleisch schnitt. Er hieb und schnitt und schwang sein Schwert, bis der letzte der lebenden Toten nur noch ein großer Haufen Knochen, Haut und graues Fleisch waren.

Endlich. Endlich trat Stille in den Wald ein. Erschöpft lehnte er sich gegen einen Baum, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und seine nassen, hängenden Haare aus dem Gesicht. Er blickte sich um. Auf einmal waren die untoten Leichen verschwunden. An ihrer Stelle lagen Jasper, Hakon, Katrina und Swafleif blutend und mit einigen fehlenden Gliedmaßen stöhnend auf dem Boden. Swafleif stöhnte, mit Fassungslosigkeit im Gesicht. „Warum hast du uns das angetan?“ Ihm dämmerte langsam was er getan hatte. Der junge Nostrier ließ das Schwert fallen und rief aus voller Verzweiflung: „Neeeeeeein!“

Plötzlich wachte er in er Hütte auf, die anderen schreckten auf und schauten ihn an. Offenbar hatte er nur schlecht geträumt. Sein Herz klopfte schnell, er war immer noch aufgeregt. Er entschuldigte sich kurz, drehte sich auf die Seite und lag mit offenen Augen auf der Seite. Schlafen konnte er jetzt nicht mehr. Das Feuer in der Hütte war nun schon fast runtergebrannt. Es knackte noch ab und an, sonst legte sich wieder Stille über die kleine Hütte im Weiler.

Die Geister die ich rief

Greifenfurt, 26.Phex 1012

Als Lumin bei Ardach und Rontja auf dem Platz der Sonne ihrem Disput, wie denn der Leichnam des Gehäuteten am besten zu entfernen sei, beiwohnte, hörte er ihnen schon kaum noch zu. Ihm schwirrte etwas ganz anderes im Kopf herum und legte seine Stirn in Falten. Ardach, der ab und an zu ihm hinüberschaute, deutete seine Miene wohl als nachdenklich, denn es unterbrach seinen Redeschwall nicht.

„So kommen wir nicht weiter, ich muss erst einmal etwas anderes erledigen.“ stahl Lumin sich von den beiden anderen, die es wohl nur am Rande bemerkten.  Er musste etwas tun. Er musste mit Charush reden, sie könnte ihm sicher helfen!

Auf dem Weg zurück zur Fuchshöhle fror er merklich. Der Wind fegte ihm durchs Haar und zerzauste seine wohl gekämmte Frisur, die Kälte kroch ihm in die Glieder wie Raureif, der sich auf einem Blatt ausbreitet. Er zog seinen Mantel etwas fester zu. Die Hitze, die er ohne Probleme imstande war, selbst zu erzeugen, half nur wenig. Die Sonne, die ihn nie störte, blendete ihn plötzlich und ließ ihn blinzeln, sodass er den heranrollenden Wagen erst zu spät bemerkte. „Pass doch auf, Holzkopf!“ Der Fahrer riss das Gespann herum, rammte ihn aber doch, sodass Lumin ein paar Meter weit geschleudert wurde und in eine Pfütze platschte. Die Welt um ihn herum verschwamm.  Als er wieder erwachte, wedelte der Fahrer des Wagens noch im Weiterfahren drohend mit der Faust, bis er hinter der nächsten Häuserecke verschwand. Der Halbelf rieb sich, noch in der Pfütze sitzend, die Hüfte. Hoffentlich nur eine Prellung, dachte er bei sich und erhob sich, in nun in ein teils bräunlich-feuchtes Gewand gehüllt und trottete, diesmal mehr auf seine Umgebung achtend, in Richtung Fuchshöhle.

Bu-ße! Bu-ße! Bu-ße! glaubte er im Tropfen des Wassers zu vernehmen. So ging das schon ein paar Stunden, seit Zerwas besiegt war. Er war schon seit seiner Zeit auf der Akademie imstande, aus dem Säuseln des Windes, dem Knistern des Feuers Gefühle, Stimmungen herauszudeuten. Doch so deutlich sprachen die Elemente noch nie zu ihm, noch nie konnte er ganze Worte, geschweige denn Sätze vernehmen. Dazu kam, dass die Elemente ihm irgendwie böse gestimmt zu sein schienen. Aber wieso?

He glda, Fleiglschlingl. Haglst dichgl wohlgl überglnommglen, Maglglierglein? Gluckerte es irgendwo zu seiner Linken. Er schaute sich um. Keine Menschenseele in der Nähe. In der Richtung, aus der er das gluckernde Geräusch vernahm, in einer Gasse, befand sich eine große Pfütze, in die die Reste des Regens durch eine undichte Dachrinne in kleinem Strahl hineinflossen. Er kam näher. Gllllotz nichtgl so! In den Wellen und dem aufgewühlten Schlamm und Dreck meinte er, ein Gesicht zu erkennen, das sich ständig veränderte und grimmig dreinschaute. Jagl, ichgl weiglß, wasgl dugl denglst. Viegleicht bingl-ich nurgl eingle Proglektion deingler Gledanglen, viegleicht binglich echglt? Eglal, ichgl glann dirgl glelfengl. Wie denn, wollte er gerade fragen, als ihm die Unfölrmige Gestalt die Frage bereits von den Lippen las. Wenngl dichgl jemangld vongl deinemgl Umglfeld entreiglen würglde, ingl eineglandeglere Eglene, glie würglest dugl gldas finglden? Glumal esgl niegl ausgl persögnlicher Noglt herglaus wargl! Dann knisterte und rauschte es neben ihm. Genau, meine Flamme, der Schlammwichtel hat recht. Charush, seine geliebte Charush materialisierte sich neben ihm. In der Realität. Bei hellerlichtem Tag. Er wusste nicht, ob er erschreckt oder erfreut sein sollte. Du hast ihrer Meinung nach zu oft Elementare ihrer natürlichen Ebene entrissen. Sie erwarten eine Gegenleistung, ein Opfer und ein Versprechen. Mehr darf ich dir dazu nicht sagen.  „Geht es euch gut? Sagt doch was!“ Etwas rüttelte ihm an der Schulter.

Er öffnete die Augen. Er lag offenbar immer noch in der Pfütze, halb an  eine Häuserwand gelehnt. Oh, wie ihm der Schädel brummte! „Bei den Zwölfen, ihr seid heile, Meister!“ Über ihm gebeugt war der Fahrer des Wagens. Sein Lächeln entblößte eine Reihe schwarzer Stumpen. Jetzt bemerkte er erst den fauligen Atem, der ihm seit einer Weile entgegen schlug. Vielleicht hatte der ihn ja aufwachen lassen. Bei dem Gedanken schmunzelte er. „Moment, soll ich euch aufhelfen, Meister? Oder schafft Ihr es allein? Oh das tut mir echt leid, wa? Aber scheint ja allet in Ordnung zu sein, wa?“ Beim letzten Satz konnte man, wäre man im Lesen von Mienen ein wenig geschult, was Lumin nicht war, eine Mischung aus Furcht und Hoffnung ablesen. „Nein danke, es geht schon. Habt dank für eure Sorge. Dem Wagen ist nichts passiert?“ Der Mann schien etwas verwirrt. „Oh nee, der is robust, keene Sorje, Meister. Hauptsache ihr seid unvasehrt. Wenn sonst weiter nischt is, mach ick mich wieda uffn Wech?“ „Jaja, alle in Ordnung.“ Eilig stieg der Mann wieder auf den Karren und ließ ihn vom Arbeitspferd von dannen ziehen. Nun weiß ich was zu tun ist!

Wieder in der Fuchshöhle bestellte er sich eine normale Schüssel, ein Rasiermesser und eine Schüssel Wasser aufs Zimmer. Er zog sich aus und stellte den Korb mit seiner Wäsche vor die Tür. Er kramte in seinem Rucksack und fand das Stück Leder mit dem eingebrannten Hexagramm und den Zeichen der Elemente, breitete es auf dem Boden aus. Er stellte die Schüsseln vor sich ab und wusch sich zunächst gründlich mit dem Wasser, darauf achtend dass möglichst viel davon wieder in der Schüssel landete, dann schor er sich die Haare mit dem Rasiermesser und legte sie in die zweite Schüssel. Er kniete sich auf das Leder. Die Haare entzündete er daraufhin. Als sie heruntergebrannt waren, nahm er die  Wasserschüssel und goss sie in kleinen Schlücken in die Schale mit den nunmehr verbrannten Haaren und sprach dabei: „Hiermit gelobe ich, nie wieder mehr als einmal im Mond ein Elementar seiner Ebene zu entreißen und dies nur zu tun, sollte unmittelbar Gefahr für mein Leib und Leben oder die elementare Ordnung und Schöpfung als ganzes bestehen und entschuldige mich für die Unordnung, die ich auf den Ebenen verursacht haben sollte! Bitte vergebt mir und akzeptiert mich wieder als einen, der den Elementen nicht gebietet, sondern ihnen zum Dienst verpflichtet ist!“ Als das letzte Wort gesprochen war und der letzte Tropfen in die Schüssel fiel, wurde das rußige Wasser klar und der Gestank von verbrannten Haaren verschwand aus der Luft. Merklich erleichtert atmete Lumin aus und ein Lächeln zauberte sich auf sein Gesicht.

Reflexionen

24. Phex 1012 B.F., unterirdische Höhle in Greifenfurt

Nach der Beerdigung Stordans bedeutete Lumin den anderen unter einem Vorwand, er bräuchte kurz  einen Moment für sich. Er lief hinunter ans Wasser, immer wieder über die Schulter schauend, ob ihm auch niemand folgt, und fand tatsächlich eine kleine Stelle, die so von Steinen umringt war, dass man sie von keinem Ort aus einsehen konnte. Außerdem war es hier unglaublich still, nur entfernt konnte man den Wasserfall rauschen hören. Dieser Ort schien perfekt. Er suchte sich ein mit Moos bedecktes Fleckchen, steckte seinen Stab knirschend in den Kies daneben und nahm auf dem Mooskissen im Schneidersitz  platz. Er schloss die Augen, ließ seinen Geist fallen und schloss in seinen Gedanken die Umwelt aus, sodass es vor seinem inneren Auge nur noch ihn und den Stab gab. Er konzentrierte sich auf den Rubin an der Stabspitze und sah sich von seinem Körper lösen und auf ihn zufliegen, wobei er immer kleiner wurde, bis er schließlich in ihm verschwand. Diese Technik war ihm schon in Fleisch und Blut übergegangen, schließlich hatte er sie schon unzählige Male auf seinen Reisen angewandt. Im Inneren der Kugel konnte man durch die glasartige Kuppel die Außenwelt in ein rötliches Licht getaucht sehen, im inneren war es eingerichtet wie ein gutes Gasthauszimmer, nur dass die Möbel aus schwarzem Basalt geformt waren. Hier ein üppiges Bett, dort ein Sofa mit roten Samtkissen, von der Kuppel hing ein Kronleuchter und auf der gegenüberliegenden Seite war ein Sessel, der einem an der Wand befindlichen Kamin zugewandt war. Es roch nach einer Mischung aus verbranntem Holz und Duftölen. Natürlich wusste Lumin, dass hier nichts real war, sein Geist interpretierte die Verbindung nur anhand von Dingen, die ihm vertraut waren.
Auf dem Sessel saß eine Gestalt. Als Lumin auf sie zuschritt, stand sie auf und drehte sich um. Es war eine junge Frau, vielleicht gerade zwanzig Götterläufe alt, mit langen rotem Haar und einem unauffälligen Kleid, das jedoch ihre Vorzüge hervorhob. In Ihren Augen schien es zu funkeln und auf ihnrem Mund zeichnete sich ein keckes Lächeln ab. In seinen Gedanken hallte eine Stimme, die klang, wie ein knisterndes Feuer.

Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so schnell wieder sehen, mein Funke. Die Freude, dich wiederzusehen, ist aber dadurch nicht minder groß. Gibt es einen Grund für dein Erscheinen?

In Ihren Gedanken antwortete Lumin ihr: Ich freue mich auch, dich zu sehen, auch wenn die Augenblicke so flüchtig sind, wie Morgentau an einem Sommermorgen. Sein Lächeln wurde zu einer ernsten Miene. Ich brauche mal wieder deinen Rat. Der Listige Händler, der uns führte, ist scheinbar von uns gegangen. Sein Tod schmerzt mich nicht, mehr der Verlust seiner Führung. Schließlich kannte er sich von uns allen am besten mit den Gepflogenheiten in der Stadt und dem Ränke- und Intrigenspiel aus. Das war am Ende wohl auch unsere Schwäche – dass wir uns zu sehr auf ihn verlassen haben. Nun sind wir Führerlos und unsere Probleme scheinen mehr zu sein als vorher. Es fehlt uns ein vernünftiger Plan. Die Befreiung dieser Stadt scheint nun ferner als zuvor. Die Elfenkönigin konnte uns auch nicht mit dem Aufenthaltsort des brennenden Folianten helfen. Deine Befreiung scheint nun also ebenso in weiter Ferne, wie die der Stadt. Ich bin also wahrhaftig ratlos.

Charush nahm ihn lächelnd an die Hand und zog ihn auf das Sofa hinüber. Sie platzierten sich halb sitzend, halb liegend auf dem Möbel. Charush erklärte Also ich sehe das so: wenn ein Waldbrand ein Areal vernichtet, scheint es das Ende zu sein, aber das Ende alter Dinge ist auch gleichzeitig die Chance für einen Neuanfang. Kleine Büsche und Sträucher können erneut auf dem nun gut gedüngten Boden wachsen, ohne dass ihnen die großen Bäume das Licht, das sie benötigen, wegnehmen. Denk daran. Und Meine Befreiung hat Zeit, schließlich geht es bei Greifenfurt um das große Ganze. Die Mittellande müssen bereit sein für die Gefahr aus dem Osten. Persönliche Interessen, seien sie auch noch so wichtig, können hinten angestellt werden. Außerdem währt dieser Zustand schon so lange, da sind doch ein paar Jahre nicht so schlimm.

So sanft die Verbindung anfing, so abrupt endete sie. Plötzlich fand sich Lumin wieder am unterirdischen See, doch mit dem Unterschied, dass er nun wusste, was zu tun war. Er nahm sich seinen Stab und schritt selbstbewusst zurück zu den anderen.

Gedanken eines Wildnisreisenden

Später am Abend, als die Gruppe sich wieder in einem gemeinsamen Lager einfand, entfernte sich Ludevico unter einem Vorwand ein paar Schritte davon. Trotz seiner Bemühungen, sich in die Gruppe einzubringen, fühlte er sich doch ein wenig hilflos und verloren. Scheinbar war diese Umgebung nicht für ihn gemacht. Trotz des Versuchs, Karan etwas Wissen über das Überleben im Wald abzuringen, kam er sich vor, wie ein Fisch, der versuchte, einen Berg zu erklimmen. Bei dem Gedanken schaute er zum Lagerfeuer, auf dem Wendeline ein Süppchen zubereitete, während ihm der Magen knurrte.

Längerfristig musste er seinen Platz in der Gruppe zumindest für die Zeit im Wald neu definieren. Eigentlich war er gewohnt, mit anderem Material zu arbeiten. Er wollte niemandem zur Last fallen und das tat er gerade offensichtlich, so seine Meinung. Die Familie der Eichauers hatte schon immer sehr viel Wert darauf gelegt, die eigenen Wurzeln zu ehren, schließlich waren seine Vorfahren auch Holzfäller. Nein, er durfte sich nicht wegen ein paar Unwägbarkeiten geschlagen geben!

Und dann waren da noch diese Wölfe. Einem halbwegs intelligenten Schurken konnte er gewiss weißmachen, dass die Vereinbarung nicht sofort einzulösen war, sondern erst in einiger Zeit, da nichts vereinbart worden war, Doch diesen wilden Tieren? Es war sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis sie wiederkommen und ihren Tribut fordern würden. Und dieses mal würde er sich nicht rausreden können. Sie sollten auf einen neuen Angriff vorbereitet sein.

Er hatte Wendeline erzählt, dass er aus purer Ablenkung von seinen familienpolitischen Pflichten auf die Suche nach dieser Quelle mitgekommen ist; doch fragte er sich, ob nicht das Wasser dieser Quelle, vielleicht auch erst mit Lysandras Hilfe, ein Heilmittel für den Status seiner Mutter war. Denn so wenig er sie mochte, konnte er sie bei dieser Gelegenheit schlecht einfach ihrem Schicksal überlassen. Doch zunächst mussten sie diese Quelle einmal finden und lebend aus dem Wald herauskommen. Wer weiß, was sie noch erwartete. Der Oger hat gezeigt, dass die Gruppe, wenn sie gut zusammenarbeitet, durchaus in der Lage ist, sich gegen die hiesigen Lebewesen zu erwehren.Das ist das einzige, was sie behalten müssen. Denn vorbereiten kann man sich leider nicht, wenn man nicht weiß, was einen erwartet. Bevor er noch weiter grübeln konnte, fasst ihn jemand auf die Schulter. „Ludevico, das Essen ist fertig“ sagte eine Frauenstimme. Als er sich umdrehte, nahm er eine lächelnde Wendeline wahr. „Natürlich“ sagte er lächelnd und begab sich mit ihr zu den anderen ans Lager.

Nach dem Sturm

Als die Gruppe in der Nacht zu Racona von Salzas Wohnstatt zurückkehrte, war Ludevico ungewöhnlich still und kehrte ohne Worte auf sein Zimmer zurück, um sich bettfertig zu machen. Er lag noch lange nachdenklich da und kämpfte mit Gewissensbissen.

Warum hatten wir eigentlich Firl mitgenommen? Das war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein Fehler. Allerdings besser, er bekommt jetzt mit, dass das Abenteuerleben eine Spur härter ist, als er es sich dachte, als würde er es mitten im Wald erfahren. Hier hat er noch die Möglichkeit, in ein normales Leben zurückzukehren und sich zu entscheiden. Doch ist meine Beziehung zu dem aufgeweckten Jungen viel zu frisch, als dass ich ihn jetzt einfach fallen lassen wollen würde. Ich werde morgen sogleich einen Brief aufsetzen, den ich beim Tempel für ihn abgeben werde. Für heute muss ich schlafen, die Ereignisse dieser Nacht waren einfach zu viel. Doch vor allem muss ich mich bei Dir entschuldigen, PHEx. Ich habe Deine Macht missbraucht, nur um meine eigenen Interessen zu wahren und gleich zweimal Menschen aus Borons Händen zu entreißen, die ich noch nicht einmal leiden kann. Sicher war es perainegefällig gewesen, doch habe ich meine Tarnung dadurch preisgegeben. Dies ist unverzeihlich, und ich werde dich erst einmal nicht mehr um Hilfe bitten und versuchen, auf eigene Faust zu handeln. Ich hoffe, du vergibst mir meine unüberlegten Taten.

Bei diesen Gedanken schlief er mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn ein. Doch sein Schlaf war unruhig; ständig wälzte er sich auf dem Bett hin und her. Am nächsten Morgen war er darum nicht sehr erholt und man merkte ihm seine düstere Stimmung an. Er verbrachte den frühen Tag hauptsächlich in seinem Zimmer. Er ließ sich sein Essen dorthin bringen, während er wiederum einen Brief aufsetzte.

Das Schreiben ist für mich eine wahre Wohltat. Es erinnert mich ein wenig an mein normales Leben und gibt mir ein wenig Halt, denn das Abenteuerleben ist für mich im Grunde genommen genauso wenig etwas für mich wie für den kleinen Jungen.

Dabei musste er lächeln, doch seine Miene verdüsterte sich wieder, als die Ereignisse der letzten Nacht in sein Gedächtnis zurückkamen. Er schüttelte sich kurz und atmete tief durch, die Haltung straffend. Alles stand bereit und er begann zu schreiben.

Lieber Firl aus Thurana,

unsere Bekanntschaft dauert noch nicht sehr lange an, doch verstanden wir uns auf Anhieb gut. Obwohl dein Verschwinden für die Gruppe und mich einen herben Verlust darstellt, kann ich mehr noch als die anderen deine Entscheidung verstehen; du hast meinen vollen Respekt dafür. Nimm dir die Zeit im Borontempel, um zu überdenken, was du mit deinem Leben anstellen willst. Doch wie auch immer deine Entscheidung ausfällt, so sollst du wissen – und in diesem Punkt wiederhole ich mich gern -, dass du an meiner Seite immer einen Platz haben wirst. Denn auf lange Sicht ist das Abenteuerleben auf Straßen und in Katakomben genauso wenig für mich wie für dich gemacht. Ich hoffe, wir können zumindest im Geschriebenen noch in Kontakt bleiben, denn es interessiert mich sehr, wie sich ein so vielversprechender Sprössling wie du entwickelt. Solltest du das genauso sehen, so schicke mir doch von Zeit zu Zeit einen Brief an meine Adresse in Andergast. Es würde mir sicher die langweiligen Pflichten eines Händlers erleichtern und ein wenig Sonne in mein Herz treiben. Außerdem möchte ich dir hiermit ein Angebot machen. Ich weiß, diese Praktik ist sicher eher für Maraskanis üblich, doch da ich bisher weder eine Frau für mich gefunden habe, noch aufgrund dessen einen Spross mein eigen nennen kann, würde ich dich, solltest du dem Tempelleben überdrüssig werden, gern adoptieren. Verstehe das nicht als eine Aufforderung, ich möchte dir lediglich diese Tür offen halten. Denn ich will nicht, dass unsere Bekanntschaft und Zusammenarbeit so früh endet. Außerdem möchte ich dich bitten, die Handsprache, die ich euch beibrachte, für dich zu behalten, da sie eher wie ein Juwel ist, das ich Menschen, die ich schätze, anvertraue und sie nicht dafür gedacht ist, einfach wie ein Stück Lumpen weitergereicht zu werden. Ich hoffe, du kannst das verstehen.

Auf hoffentlich bald

LGLE

Dann versiegelte er den Brief wieder auf die gleiche Weise wie die anderen davor. Auf seinem Gesicht konnte man sehen, dass offenbar eine große Last von ihm abgefallen war. Seine Stirn war immer noch in Falten, doch nun nicht mehr so sehr. Er blies die Kerze aus, nahm das zusammengerollte Pergament und verließ unter einem Vorwand das Wohngebäude des Magus gen Borontempel.

Briefe

Nachmittag des 2. Tsa 1029 B.F., Gasthof „Zur Fetten Flunder“, Nostria-Stadt

Im spärlich eingerichteten Zimmer, in dem Ludevico nun neben Firl auch noch eine weitere Person beherbergte, brannte eine flackernde Kerze auf dem Tisch. Daran, mit dem Ellenbogen auf dem Tisch und mit der Hand die Stirn stützend, saß der Spross des Handelshauses Eichauer und atmete schwer. Trotz der Fensterläden war es in dem Raum merklich frisch und sein Atem bildete leichte Dampfschwaden. Vor ihm auf dem dilettantisch zusammengezimmerten Holztisch – würde er darauf achten, wäre seinem fachmännischen Auge aufgefallen, dass es sich um Rotfichtenholz handelte, das hauptsächlich in den Wäldern Andergasts vorkam, doch seine Gedanken waren gerade woanders, lagen säuberlich einige Blätter Pergament, ein Tintenfass in dem ein Gänsekiel steckte und eine zusammengerollte Schriftrolle, an der ein aufgerissenes Siegel prangte. Er atmete tief ein und schaute noch einmal über die Schulter. In dem kleinen Raum war ein kleines, verlassenes Bett, sowie ein zweites, in dem Firl seelenruhig schlief und auf dem Boden waren einige Felle ausgebreitet, in denen sich der ihm erst kürzlich bekannte Nordmann Ragnar etwas unruhig wälzte.

So, nun habe ich etwas Ruhe, um mich um die etwas wichtigeren Dinge zu kümmern, dachte er bei sich. Er sog noch einmal die frische Winterluft ein, nahm den Gänsekiel, streifte ihn vorsichtig am Tintenfass ab und begann zu schreiben.

Eure Königliche Majestät,

mein Name ist Ludevico  Graulunkh Llondrian Eichauer, meines Zeichens erstgeborener Sohn von Ulrik Eichauer, Familienoberhaupt des bekannten Großhandelshauses Eichauer aus Andergast. Ich schreibe Euch diese Zeilen, da ich einige Zeit mit einer Euch bekannten Edlen zu Reisen die Freude hatte, die jedoch nur von allzu kurzer Dauer war. Des weiteren erlaube ich mir, zu denken, dass Ihr ein Recht habt, zu erfahren, aus welchem Grunde ich nun nicht mehr seine Gesellschaft genießen darf. Der besagte Edle, von dem ich hier schreibe, hat den wohlklingenden Namen Bermhoin G. R. Ui Niamad, Hofmaler Eurer Königlichen Majestät. Im Zuge einer groß angelegten Verschwörung in Winhall, die wir aufzudecken bereit waren, hatte er uns großzügig seine Hilfe, Unterstützung und seinen tadellosen Ruf und Fachkenntnis der albernischen Juristerei zur Seite gestellt. Doch als er gerade im Magistrat zu Winhall mit der zuständigen Richterin im Gespräch war, konnte ich leider nur vom Boden durch ein Fenster mitbekommen, wie er – bei PRAios! – ein Adliger des albernischen Königshauses, im Magistrat der Stadt von einem einfachen Büttel kaltblütig ermordet wurde. Ich hätte gern diesen Vorfall persönlich untersucht und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen, doch waren offenbar zu hochrangige Personen in den Vorfall verwickelt, sodass mir – um mein Leib und Leben zu wahren und Euch diese Zeilen zukommen zu lassen – nichts blieb, als Hals über Kopf aus dieser Stadt zu fliehen. Ich möchte Euch hiermit mein tiefstes Beileid ob dieses Verlustes ausdrücken und Euch untertänigst um Unterstützung in der Aufklärung dieses Falles bitten. Bis dato trugen wir die Mitverschwörer so zusammen:

Hochwürden Nerzis, Vorsteher des Winhaller Borontempels,

Lichtbringerin Dano Kurstan, die sich bereits selbst richtete,

Richterin Bernhold, die sich offenbar im Zimmer befand, in dem Euer geliebter Hofmaler gemeuchelt wurde.

Für all diese Anschuldigungen befinden sich Beweismittel in meinem Besitz und ich schwöre bei den zwölfen, allen voran beim Herre PRAios, dass alles so geschehen ist, wie hier darniedergeschrieben.

Die Habe von ihm und seinem Leibmagus werde ich Euch in den nächsten Tagen zukommen lassen.

 

Hochachtungsvoll

Ludevico G.L. Eichauer

Nostria, den zweiten TSA eintausendneunundzwanzig nach dem Falle Bosparans, Gasthof „Zur Fetten Flunder“

Auf der Rückseite vermerkte er noch „Zu Händen Ihrer Königlichen Majestät Invher ni Bennain, Havena, Hauptstadt des stolzen Königreichs von Albernia

Er wartete kurz, bis die letzten Buchstaben getrocknet waren, dann rollte er das Pergament zusammen, band eine rote Kordel darum und packte raschelnd ein rotes Stück Wachs aus einem Tuch, dass er sodann über die Kerze hielt. Den Wachs tropfte er geduldig auf die Kordel und das Pergament und drückte bis es fest wurde, seinen Siegelring darauf.

So, eine unangenehme Aufgabe hinter mir, eine steht noch aus. Dabei wurde es ihm im Gemüte schwer, denn so sehr er bisher versuchte, die Ereignisse der letzten Wochen zu vergessen, so sehr drängten sie nun wieder an die Oberfläche. Nie zuvor hatte er Menschen, die ihm so nahe standen, in so kurzer Zeit zu Boron gehen sehen.

Er nahm daraufhin ein zweites Blatt Pergament und schrieb.

Liebe Mütter, Väter, Brüder und Schwestern sowie Freunde von Mara Tannhaus,

Mein Name ist Ludevico Eichauer vom Handelshaus Eichauer aus Andergast und ich hatte die Ehre, eure stolze, hilfsbereite und entschlossene sowie überaus fähige Tochter, Schwester, Freundin als meine Begleiterin auf meiner Reise zu haben. Sie hat sich rührend um alle auch noch so kleinen Wehwehchen gekümmert und hätte sicher eine fähige Heilerin abgegeben. Hätte, da sie, als wir einst in der Wildnis zwischen dem Hof der Bargelters im Süden Andergasts und Winhall rasteten, sich schützend vor mich stellte, als ich wehrlos von einer Gruppe Rotpelze angegriffen wurde. Mein fähiger Leibwächter war gerade einen Steinwurf entfernt am Fluss, um Wasser zu holen. Sie konnte gerade noch einen Rotpelz mit ihrem Heilerbesteck niederstrecken, als sie tödlich und hinterrücks von einem Pfeil getroffen wurde. Mein Leibwächter eilte so schnell er konnte, um die restlichen Rotpelze zu erschlagen, doch für Mara kam leider jede Hilfe zu spät. Ihr Verlust schmerzt mich sehr, da sie nicht nur durch ihre Fachkenntnis, sondern auch durch ihre offene und ehrliche Art eine Bereicherung für meine Reisegesellschaft war. Ihr Lachen wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Ich wäre gern persönlich vorbeigekommen, um die traurige Kunde zu verbreiten, doch meine Geschäfte binden mich. Zumindest haben wir ihr ein borongefälliges Begräbnis ermöglicht. Ich werde euch alsbald ihr Hab und Gut zukommen lassen.

Mein herzliches Beileid

Ludevico Eichauer

2. TSA 1883. Jahr der Unabhängigkeit 

Und auch hier schrieb er auf die Rückseite „Zu Händen der Angehörigen von Mara Tannhaus, Joborn“ und versiegelte diesen Brief ebenso wie den vorherigen mit Wachs und Siegel. Diese Version schien ihm besser zu passen als die Wahrheit. Er wollte vermeiden, dass einfache bürgerliche Uneingeweihte den Vorgängen in Winhall nachforschten. Außerdem erscheint solch ein Tod, wenn sicher auch genauso traurig für die Angehörigen, bestimmt ehrenhafter, als der einer Freien, die ihre Nase in Angelegenheiten steckte, die zu groß für sie waren, und deswegen in einem Kerker umkam. Sobald er auf einen Hauch von Zivilisation stößt, würde er die Briefe bei den Beilunker Reitern oder ähnlich verlässlichen Botendiensten abgeben. Er schaute sich die Kerze an. Sie war fast abgebrannt, doch eine halbe Stunde blieb ihm wohl noch. Er würde sich noch einmal den Brief seines Vaters zu Gemüte führen. Zunächst aber verstaute er die beiden Briefe in einem gewachsten Leinensack, den er dann in seinen Rucksack steckte. Ragnar lag nun ruhig da, schnarchte nur ab und zu. Dafür bewegte sich Firl sehr unruhig. Offenbar träumte er gerade. Der Händler schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch. Dann nahm er das zusammengerollte Pergament mit dem gebrochenen Siegel und las noch einmal den Brief, den der Zöllner ihm von seinem Vater hat zukommen lassen.

Mein geliebter Sohn! – wann hatte er ihn zuletzt so genannt? er konnte sich nicht daran erinnern… –

Ich habe eine frohe Kunde zu verbreiten! Deiner Mutter geht es zwar immernoch nicht besser, und die Heiler meinen, ihr Zustand würde sich nicht allzu bald verändern. Darum habe ich beim hiesigen Traviapriester eine Annullierung unserer Ehe veranlasst. Die Bediensteten kümmern sich momentan um sie, ihr Zustand ist stabil. Nun zur wirklichen frohen Kunde: Arkenon Dalibor, das Familienoberhaupt unserer einstigen Konkurrenten, der Dalibors, ist zu Boron gegangen. Das ist natürlich traurig, doch wo der Herr Boron Vergehen sät, sprießen Tsas Keime aus, nicht wahr? -Bei PHEx, er schreibt wahrhaftig wie ein Bauer, der gerade erst das Schreiben gelernt hat – Also kam doch wie ein angeschossener Hund die Witwe Dalibor zu mir, und ich muss dir sagen, es war wie damals, als ich deine Mutter kennen gelernt habe. –Ja, das klingt vertraut. Überschnelle, hastige Entscheidung, ohne nachzudenken. – Sie meinte, es tue ihr leid, dass unsere Handelshäuser immer so verfeindet waren und sie hätte schon immer für mich geschwärmt, doch ihre traviatischen Pflichten banden sie. Sie hat mir eine Fusion unserer Handelshäuser und eine Heirat vorgeschlagen, was sagst du dazu? Ich habe sofort eingewilligt und gleich am nächsten Tag den Traviabund veranlasst. Das Handelshaus Dalibor gibt es nun nicht mehr. Außerdem fühle ich mich so jung wie schon lange nicht mehr! Es tue ihr auch leid, mir übrigens inzwischen auch, dass sie dem Glück zwischen dir und dieser Lysandra im Weg stand. Darum haben wir beide entschlossen, dass ihr noch dieses Jahr den Traviabund eingehen werdet, Lysandra freut sich auch darauf. Damit können wir die beiden Familien noch enger zusammen bringen und du wolltest das doch schon immer, nicht wahr? –Ja, inzwischen so sehr wie Zorganpocken. Diese Schlampe. – Wie auch immer. Zu dem Zeitpunkt, in dem du diese Zeilen liest, befinde ich mich schon auf der Gischt und fahre mit der Holzlieferung gen PraioS. Ich denke, du solltest nun mehr Zeit mit deiner zukünftigen Frau verbringen, ich fühle mich wieder in der Lage, die Geschäfte allein zu erledigen. Deine Zeit wird sicher später kommen, doch vorerst gilt es, eine Hochzeit zu organisieren. Du kannst also guten Gewissens nach Andergast zurückkehren und mich dort für die anfallenden Geschäfte vertreten sowie die Fusion der Handelshäuser abwickeln. Elise, deine neue Mutter, begleitet mich auf meiner Reise in den Süden. Somit hast du genug Zeit allein mit deiner Verlobten. Sie hat ebenso wie du die nötigen Befugnisse von ihrer Mutter erhalten.

Familiäre Grüße

Ulrik Eichauer

In ihm war alle Trauer verschwunden und hatte nun Wut Platz gemacht. Pah, die hiesigen Geschäfte wickelte er schon seit Jahren ab. Die günstig eingekaufte Holzlieferung aus Anderwald war sein händlerisches Meisterwerk, und nun sollte sein Vater dafür die Lorbeeren einheimsen? Endlich hatte er die Gelegenheit, die wahrhaft großen Geschäfte und Handelspartner kennen zu lernen und in die eigene Hand zu nehmen und nun das? Bei PHEx, wie er es hasste, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen und nicht so, wie er es geplant hatte. Vor allem, wenn er darauf keinen Einfluss hatte. Und nun sollte er ausgerechnet diese Hure heiraten, die ihn so hinterging? Sein Vater hatte nicht einmal den Schneid, es ihm direkt ins Gesicht zu sagen, sondern schien es darüberhinaus so eilig zu haben, dass er ihm nur einen Brief daließ. Niemals in seinem Leben wurde er so gedemütigt. Oh PHEx, warum musst du mich so strafen? dachte er bei sich. Zumindest hatte er nun genug Zeit, sich um die Angelegenheiten in Nostria zu kümmern. Allzusehr zog es ihn nun nicht nach Hause zurück. Doch sollte sein Vater in einem oder zwei Monden zurückkehren, so konnte er sich auf etwas gefasst machen, soviel war sicher.

Den Brief knüllte er lieblos zusammen und stopfte ihn in den Rucksack. Sie hatten noch eine Menge vor. Er sollte sich nun auch langsam zu Bett begeben. In dem Augenblick erlöschte die Kerze und  kleine Rauchfädchen schlängelten sich vom Docht empor. Der Händler machte sich bettfertig und kuschelte sich in die Decken. Er lag noch eine ganze Weile wach, denn seine Gedanken kreisten um den Brief seines Vaters, und seine Möglichkeiten, den Plänen ebendiesem entgegen zu wirken. Irgendwann fand er dann aber doch den Weg in Borons Arme und schlief friedlich ein.

 

Aufbruch – Reise

Als die Pferde gesattelt waren und auch Ludevicos treuer Esel, da murmelte der andergastsche Händler der Gruppe zu: „Ich muss noch kurz etwas erledigen.“ Dann nahm er aus seiner Satteltasche eine hölzerne runde und längliche Schatulle heraus und verschwand damit zügigen Schrittes im Gasthaus. Dort angekommen, musste er sich erst ein wenig an die Dunkelheit gewöhnen, denn draußen hatte die Praiosscheibe den Hof in ein helles Licht getaucht, das trotz des kalten Wintertages etwas angenehme Wärme verbreitete. Hier drinnen spendete ein traviagefälliges Kaminfeuer wohlige Wärme; das war ihm auch wesentlich lieber. Im Gastraum befand sich, das bemerkte er, als sich die Stube von fast vollkommener Dunkelheit in ein Dämmerlicht verwandelte, nur noch Thalania, die ihn zunächst verwundert, dann freundlich anschaute. Sie öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen, doch Ludevico unterbrach sie gleich mit einem Kopfschütteln und lächelte ihr zu. Sie zuckte nur kurz mit den Schultern und fuhr fort, die Gaststube zu reinigen, nun, da der große Gästepulk, der sie ja nunmal waren, einmal das Haus verließ. Ludevico ging auf das Kaminfeuer zu, nachdem er sich sicher war, dass die Magd ihn nicht weiter beachtete. Er öffnete die Schatulle, holte raschelnd das Pergament, das er die Nacht zuvor so sorgfältig schrieb, heraus und ließ es ohne Zögern in die Flammen fallen. Es knisterte heftig, als die Flammen sich durch die trockene Schweinehaut fraßen. Er blieb noch ein wenig vorm Feuer stehen, sichergehend, dass auch der letzte Rest vom Schriftstück verbrannte und kehrte dann mit der leeren Schatulle nach draußen zurück. Die anderen schauten ihn erwartungsvoll an. Er meinte nur: „Wir können dann los.“

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Sie waren gerade ein paar Stunden unterwegs, es war ein wunderschöner Wintertag. Die Praiosscheibe schien, eine leichte Brise spielte mit Ludevicos unter seinem grauen Filzhut hervorschauendem Haar. Auf den Tannenspitzen glänzten von der Ferne einige zu Eis gefrorene Wassertropfen, sodass es schien, als funkelten die Sterne bei Tage. Ein Lächeln zauberte sich auf Ludevicos Gesicht, ließ sich von der Gruppe ein wenig zurückfallen und geriet ins Grübeln.

Ja, das waren so andere Gesellen, als die gekaufte Söldnergruppe, die sich kurz vor Hillhaus einfach so TROTZ BEZAHLUNG aus dem Staub machten und im Stich ließen. Einfach so nach dem Nachtlager verlassen worden bin ich. Die Pferde Hatten sie auch mitgenommen.  Der Gedanke daran lässt mich vor Wut fast bersten!  

Ein zarter Windhauch fegte ein wenig liegengebliebenen Schnee von einer Tanne direkt in seinen Nacken. Nach einigem Gefluche und Getöse befreite sich der Händler vom Übel, schüttelte sich kurz und besann sich wieder auf seine Gedanken.

Auch wenn mir der Almadaner viel zu voll mit Rondrastolz und praiotischer Rechtsauffassung war, so band ihn das doch allzu vorzüglich an mich. Er hatte sich als nützlicher Verbündeter erwiesen. Für einen Schwertgesellen war er erstaunlich gewieft und schien Kopf vor Herz durchs Leben zu gehen. Hoffen wir, dass, sollte das alles vorbei sein, sich eine Gelegenheit ergibt, ihn dauerhaft zu binden. Nützliche Leute sind hierzulande rar, so musste ich mit bedauern feststellen. Und von der handvoll nützlicher gibt es einen Finger voll zuverlässiger, die ihn nicht gleich bei der besten Gelegenheit verraten. Ja, Rondrigo hatte seinen Wert bewiesen.

Sie passierten eine kleine Furt, das Wasser sprudelte Gurgelnd und Glucksend über die Steine und streichte über die am Rand des Flusses hängenden Eisplatten, die noch dort hingen, scheinbar wartend, bis dass Taue oder der Fluss selbst sie mitrissen.

Ja, das ist ein regelrechtes Konzert! Ich sollte wohl öfters in der Natur unterwegs sein. Die Bäume natürlich, die so herrlich durch Peraines Gabe wuchsen, und sich dann ohne viel zutun in bares Gold verwandelten, haben natürlich ihren Nutzen. Doch der erholsame Effekt der baren Natur auf das Wohlbefinden? Hmmm, ob man das zu Geld machen kann? Ludevico holte ein Pergament aus der Satteltasche, kritzelte mit einem Griffel etwas darauf und verstaute das ganze wieder. Ich werde später darüber nachdenken. Kam nicht diese Hebamme irgendwo hier aus der Nähe? Ich muss sie bei Gelegenheit einmal fragen. Sie hat mich von allen am meisten überrascht. Ich dachte nicht, dass in einem – vor allem WEIBLICHEN – Wesen so viel Potenzial und Anmut steckt. Noch nie habe ich eine Frau so wahrgenommen. Erst Mutter, die nun ihre gerechte Strafe für ihr Handeln abbekam, dann Lysandra . Hach, Lysandra, warum musstest du mich so hintergehen? Nun gut, Jugendsünden. Aber Mara hatte dieses Bescheidene. Sie wollte mich nicht gleich kontrollieren, und sie war nicht an meinem Geld interessiert. Natürlich kann das auch eine ganz ausgephexte Sache sein. Aber ich kenne Menschen. Die meisten jedenfalls. Ich sah den plötzlichen Stolz in ihren Augen. Hatte sie etwa noch nie für Ihre vorzüglichen Leistungen Geld genommen? Ich habe ja die Auflistung gesehen. Ich kenne mich zwar mit den Preisen bei Heilern nicht so gut aus, doch es kam mir vor, als hätte sie mir einen großen Rabatt gegeben. Ich hätte es alles umsonst haben können. Der Verlust des Geldes schmerzt schon, doch mir kommt es vor, das sei es wert gewesen. In ihr hat sich ein Tor geöffnet. Vielleicht nur ein bisschen. Doch scheinen sich dahinter  für sie interessante Dinge zu befinden. Reitet und bewegt sie nun nicht anders? Mir kommt es vor, als sei sie um ein paar Finger gewachsen. Auf sein Gesicht zauberte sich erneut ein Lächeln. Er konnte mit seiner Arbeit hier zufrieden sein. Denn trotz der Verzögerung hatte ihn die Gesellschaft um einiges vorangebracht. Behindert hatte ihn nur Aimos, doch hoffentlich hat sich das jetzt gelegt. Hätte es sich wohl auch früher, wenn er ihm die Befreiung aus dem Elfendorf entlohnt hätte. Vergangen ist vergangen, den Blick sollte man in die Zukunft richten! Wenn Phex ihm hold ist, sehen sie sich über lang sowieso nicht wieder.

Hm zu dem Edlen aus Havena kann ich mir keine so rechte Meinung bilden. War er am Anfang noch voller Trauer und verständlicherweise abweisend, so legte sich das zunehmends. Sehr geliebt zu haben schien er ihn ja wohl nicht. Etwas sprunghaft und affektiert. Also mir ist das ja nichts, Männer miteinander. Ihm schauderte bei dem Gedanken. Aber sollen sie nur, solange sie mich nicht einbeziehen. Ich habe ja sogar zu dem Esel ein besseres Verhältnis als zu ihm. Ja, du hast mir gute Dienste geleistet, Grauer. Sollst auch in Winhall ordentlich viel Heu bekommen. Ich schaue, ob man sich um dich kümmert. Nicht einmal gebockt hast du. Und um dich wird sich ordentlich gekümmert!

Während sie weiterritten, veränderte sich die Landschaft unmerklich. Die noch vereinzelt herumstehenden Eichen wichen zunehmends den Tannen und hier und da sah man das Sonnenlicht, das sich an einzelnen Tümpeln brach, die in der Gegend verteilt waren. Der Tag war jedoch noch jung und Winhall weit. Ludevico ließ den Grauen wieder zur Gruppe aufschließen und suchte das Gespräch.

Vorabend der Abreise

Abend des 14. Firun 1029 n.B.F.

Als der Händler Ludevico G. Ll. Eichauer endlich auf seinem Zimmer war, lehnte er die Tür an, sich von innen dagegen, sodass sie ins Schloss fiel. So blieb er noch eine Weile stehen. Hätte man in der Dunkelheit des Raums sehen können, so hätte man erkannt, dass der sonst so gut aussehende Händler recht angeschlagen war. Bei jedem Atemzug hörte man ein Rasseln und Keuchen, die Augen waren gerötet und angeschwollen, der Teint blass.

Oh ich hole mir hier noch den Blutigen Rotz! Dämliche Natur, mich armen Salzarelenbändiger einfach so zu empfangen! Am Ende sattelt mich noch irgendein Egel auf! Und dieser elendige Torflilie werd ich noch zeigen, wo sie sich demnächst den Torf stechen geht! Ha! Vielleicht kann ich ihn ja in den Becher stecken lassen. Firunian wird ihn schon holen. Schade, dass es in Winhall keine Graue Tafel gibt. Ich muss dann wohl erst einen Spatz nach Nostria absetzen. Erhunian wird sicher einiges in Bewegung setzen können.

Er stieß sich mühsam unter Schniefen von der Tür ab und fingerte ein wenig in seinem Rucksack herum, den er auch erst nach einigem Zusammenstoßen mit Möbeln und darauffolgenden Flüchen fand. Kurz darauf sah man in der Dunkelheit einige Funken fliegen, die bald einer zunächst kleinen, dann größer werdenden Flamme einer Öllampe Platz machten. Der Lichtkegel mit dem Händler im Mittelpunkt bewegte sich nach kurzer Orientierung durch den Raum, bis er seinen Platz an einem Schreibtisch fand.

Der Graue ist mir hold, wenigstens habe ich hier einen vernünftigen Schreibtisch, um einen halbwegs lesbaren Spatz aufzusetzen. In Winhall findet sich sicher ein Bote, der bereit ist, gegen ein Entgelt diesen Brief schnellstmöglich an die gewünschte Stelle zu bringen.

So setzte er sich an den Tisch, legte sich Federkiel, Tinte und Pergament zurecht und schrieb.

 

Hoch verehrter Erhunian,

als Botaniker auf Forschungsreise habe ich einen unglaublichen Fund gemacht, von dem ich euch unbedingt erzählen muss! Ich befinde mich gerade kurz vor Winhall, wo ich noch eine Weile bleiben werde, doch ich bin auf dem Weg zu euch. Ich fand im Moor die seltene Torflilie, die wir nur aus den Büchern kennen! Ich denke, sie ist eine männliche, was man an den roten Hüllblättern erkennen kann, doch sie hat ungewöhnliche runde stachlige Seitentriebe. Ich habe mir sogar an ihr eine kleine Wunde zugefügt.

Sucht ihr mal einen schönen Becher aus, in den wir sie tun können. Könntet ihr wohl etwas über ihr Habitat herausfinden, damit sie uns dort auch lang erhalten bleibt?Ich bin mir sicher, Firunian möchte sie darin bestimmt auch einmal sehen. Sie ist so selten, man hat sie sonst wohl nur in Kalleth gesehen, vielleicht hilft euch das. Sie ist in einem gesonderten Tross untergebracht und folgt mir gerade. Oh und ich habe sie nach eurem Vater „Lilia torfosa Aimos“ genannt. Brilliant, nicht wahr? Ich bin sicher, er hätte sich darüber gefreut.

Hochachtungsvoll, euer grauer Vater L.G.L.E

P.S. Ich hatte die Gelegenheit, über unsere letzte Partie Karten nachzudenken, die Lösung des Patts in dem wir steckten, war ganz einfach. Man muss nur die dreiundzwanzig Haken über die neunundzwanzig Decken legen, dann kommt man zwei Schritt vor den Berg!

 

Er ließ die Tinte noch ein wenig trocknen, dann rollte er das Pergament zusammen, verschloss er es mit einer Kordel und Siegelwachs, tat es in eine scheinbar dafür vorgesehene runde Holzschatulle und verstaute es im Rucksack.

Es ist schon spät, ich sollte mich zu Bett begeben. Das Problem mit dem magischen Wesen ist nun nicht mehr meins, so dachte er. Vielleicht werde ich morgen noch einmal einen Blick auf die Mühle werfen. Das bin ich wohl den Leuten schuldig, die uns so freundlich und nett bewirtschaftet hatten. Empfehlen kann ich diesen Hof wohl, sehr traviagefälliges Volk, das hier so haust. Für ländliche Verhältnissse jedenfalls.

Er lachte lautstark, doch das Lachen endete in einem weiteren Husten- und Schnupfenanfall, den er erst nach einigem weiteren Röcheln beendete. Der Phexensjünger begab sich noch einmal kurz nach unten und fand nur noch Thalania vor, die gerade noch die letzten Tische bereinigte.

„Gute Frau, bitte weckt doch mich und den almadischen Streiter zeitlich so wie Ihr uns heute geweckt habt.“

Thalania nickte nur kurz, offenbar hatte sie einen anstrengenden Tag hinter sich. Ludevico nickte noch einmal zurück, bevor er sich hoch in sein Zimmer begab. er löschte noch eben die Öllampe, dann kuschelte der Andergaster sich unter die Decke. Nach einigen Husten- und Niesanfällen fand er doch irgendwann den Weg in Bishdariels Arme.

 

[Falls jemandem einiges komisch vorkommt: Habe, Spielhilfe sei dank, einiges in Füchsisch geschrieben. Hier mal die Übersetzungen. Denke, am Ende des Beitrags ist es besser als mittenreingekliert. Sortierung nach Auftreten im Text.

Salzarelenbändiger=Kaufmann

Egel=Gauner

Torflilie=Söldner

Torf=Geldbeutel, demnach Torf stechen~Geld verdienen

Becher=Kerker

Firunian=Hunger

Spatz=Brief

Graue Tafel=Phextempel

der Graue=Phex

Grauer Vater=Phexgeweihter

Im P.S. ist das aktuelle Datum und die Uhrzeit verschlüsselt.]

 

 

Dunkle Tiefen

[als Orestas]

See

 Als der Magier von der Brücke aus Eis, die das Elementar baute, glitt, schien alles in Zeitlupe zu geschehen. Sein Versuch, sich noch schnell mit der Hand am glatten Untergrund festzuhalten, ging schief und er rutschte ab. Während er fiel, konnte er noch den Schrecken in Bermhoins Gesicht erkennen.

Verphext nochmal, ich hätte ihm auftragen sollen, die Brücke rauer zu gestalten. Ich kriege sicher eine Erkältung, wenn ich erst einmal aus dem kalten Wasser heraus bin.

Dann platschte es und Orestas fiel ins kalte Nass. Seine Versuche, zu schwimmen, waren nicht gerade von Erfolg gekrönt. Ewigjunge, lass mich jetzt nicht im Stich! Als er verzweifelt strampelte, war das einzige, das er erreichte, eine Menge Wasser zu verspritzen. Seine Kräfte ließen im kühlen Wasser, das ihn seiner Körperwärme beraubte, schnell nach und er fing an, zu sinken. Seinen Stab loszulassen, um sich besser im nassen Element fortzubewegen, darauf kam er in der Eile nicht. Langsam benebelten sich seine Sinne, während er sank. Vom Fackelschein seiner Gefährten an der Oberfläche sah er kaum noch etwas. Doch was war das? Vernahm er dort eine Gestalt, die sich langsam von oben in seine Richtung bewegt? Bermhoin? Seid Ihr das?  Oh, Ihr mutiger, mutiger Streiter! Niemals würde ich mein Leben mit jemandem der an Euch herankommt, verbringen können!  Er versuchte, einen Hoffnungsschimmer in Form der Gestalt erspähend, sich gegen den Sog, der von unten kam, zu wehren, doch seine Glieder waren einfach viel zu schwer.  Und so sank er immer tiefer, während die Entfernung zur Person über ihm immer größer wurde.

Das soll also das Ende sein? Nachdem ich einem Granden und aus einer Gefängniszelle entkam, nachdem wir Geistern getrotzt haben, Widrigkeiten überwunden haben, scheitere ich an einem einfachen See? Doch ich bereue nichts, ich habe immer die Grundsätze Tsas verfolgt und nach Dere herausgetragen. Ja, Aventurien ist ein wenig tsagefälliger geworden! Wenn auch nicht viel, so habe ich der doch ein wenig von mir hinterlassen! Oh, Bermhoin, wo seid Ihr nur? Mir ist so kalt. Es ist so dunkel. Ich habe Angst.

Währenddessen schwanden seine Sinne, als er immer tiefer sank.

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Plötzlich wachte er auf. Erst konnte er kaum etwas sehen, es war sehr schummrig. Irgendjemand schmiegte sich an ihn. Bermhoin? seid Ihr das?  Zunächst dachte er, das alles war nur ein Traumgespinst gewesen und er wäre irgendwo in der Andergastschen Wildnis im Zelt mit seinem Freund. Doch dann trafen ihn Kopfschmerzen, so stark, wie nach einem langen Gelage. Er hatte sich wohl auch am Hals irgendwo an einem Felsen geschnitten. Er hatte dort eine brennende kleine Wunde.  Aber er lebte! Moment, du bist nicht Bermhoin! Und dann erkannte er, dass er in einer der sargähnlichen Kisten lag und eine Elfin sich an ihn schmiegte.

Doch auf dem Gedanken konnte er sich nicht ausruhen. Denn kurz danach barst der Sarg in einem lauten Getöse auseinander und die Elfin, die neben ihm lag zerplatzte in einer Explosion aus Staub. Plötzlich sah er Bermhoin!  Und die anderen waren auch dort! Er war gar nicht tot! Oh, das muss ein Wunder Tsas sein! Oh Schöpferin, das kann ich dir nie ausreichend danken!  Tränen des Glücks rannen über seine Wangen. Doch dazu, etwas zu sagen, kam er nicht, denn Bermhoin stürzte sich gleich auf ihn und drückte ihn so kräftig, Tränen in den Augen, dass ihm förmlich die Luft wegblieb.

Oh, es ist wie ein Traum! Plötzlich merkte er, wie Bermhoin unsanft von ihm heruntergerissen wurde und Aimos stand vor ihm, mit wie gewohnt grimmiger Miene. Bevor Orestas etwas zu seiner Verteifigung sagen konnte, sauste der Streitkolben des Korkriegers auf sein Gesicht herab.

Zweifel

Nachdem der erste Schrecken über das Verschwinden Firls und Maras verklungen war, seufzte Orestas kurz. Und wieder verschlug es ihn in die Wildnis der streitenden Königreiche. Er seufzte erneut. Nun hatte die gegnerische Gruppe schon einen Vorsprung von ein paar Tagen. Und nun? Ständig tun sich neue Probleme auf! Können dieses Rotzgör und die Quacksalberin, die sich nicht einmal gegen eine Vogelscheuche verteidigen kann, nicht EINMAL auf sich aufpassen? Er müsste nun seinen armen Bruder einfach im Stich lassen, nur um diese beiden Pechvögel aus den Klauen von Elfen zu retten. Alles klar. Elfen. Im Wald. Warum nicht gleich Nahema zu einem Duell herausfordern. Er knirschte mit den Zähnen.

Orestas, beruhige dich. Wie oft hat denn Mara dir und der Gruppe geholfen? Kleine Kratzer versorgt. Große Wunden verbunden. Knochen wieder eingerenkt. Nicht einen Augenblick hat sie gezögert, dir in der Stunde der Not gegen Sklavenjäger zu helfen. Und Firl. Selbstlos bot er an, mit der Gruppe zu reisen. Obwohl er sich der Gefahren bewusst war. Wie sehr hat sein Beisein die Gruppe bereichert? Wie kannst du nur so denken? Natürlich werden wir die zwei befreien! Vard’Han wäre schon längst auf dem Weg! Nicht einen Moment hätte er gezögert, für Menschen einzustehen, die ihm nahe stehen! Wie er mich immer vor den anderen Straßenkindern beschützt hat, selbst wenn sie in der Überzahl waren und die Chancen schlecht standen! Ja! Ich werde dir ein ebenso guter Bruder sein! Halt nur noch ein wenig aus, liebstes Brüderlein. Nur noch ein wenig. Sobald dies überstanden ist, eilen wir zu deiner Rettung!