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Die Geister die ich rief

Greifenfurt, 26.Phex 1012

Als Lumin bei Ardach und Rontja auf dem Platz der Sonne ihrem Disput, wie denn der Leichnam des Gehäuteten am besten zu entfernen sei, beiwohnte, hörte er ihnen schon kaum noch zu. Ihm schwirrte etwas ganz anderes im Kopf herum und legte seine Stirn in Falten. Ardach, der ab und an zu ihm hinüberschaute, deutete seine Miene wohl als nachdenklich, denn es unterbrach seinen Redeschwall nicht.

„So kommen wir nicht weiter, ich muss erst einmal etwas anderes erledigen.“ stahl Lumin sich von den beiden anderen, die es wohl nur am Rande bemerkten.  Er musste etwas tun. Er musste mit Charush reden, sie könnte ihm sicher helfen!

Auf dem Weg zurück zur Fuchshöhle fror er merklich. Der Wind fegte ihm durchs Haar und zerzauste seine wohl gekämmte Frisur, die Kälte kroch ihm in die Glieder wie Raureif, der sich auf einem Blatt ausbreitet. Er zog seinen Mantel etwas fester zu. Die Hitze, die er ohne Probleme imstande war, selbst zu erzeugen, half nur wenig. Die Sonne, die ihn nie störte, blendete ihn plötzlich und ließ ihn blinzeln, sodass er den heranrollenden Wagen erst zu spät bemerkte. „Pass doch auf, Holzkopf!“ Der Fahrer riss das Gespann herum, rammte ihn aber doch, sodass Lumin ein paar Meter weit geschleudert wurde und in eine Pfütze platschte. Die Welt um ihn herum verschwamm.  Als er wieder erwachte, wedelte der Fahrer des Wagens noch im Weiterfahren drohend mit der Faust, bis er hinter der nächsten Häuserecke verschwand. Der Halbelf rieb sich, noch in der Pfütze sitzend, die Hüfte. Hoffentlich nur eine Prellung, dachte er bei sich und erhob sich, in nun in ein teils bräunlich-feuchtes Gewand gehüllt und trottete, diesmal mehr auf seine Umgebung achtend, in Richtung Fuchshöhle.

Bu-ße! Bu-ße! Bu-ße! glaubte er im Tropfen des Wassers zu vernehmen. So ging das schon ein paar Stunden, seit Zerwas besiegt war. Er war schon seit seiner Zeit auf der Akademie imstande, aus dem Säuseln des Windes, dem Knistern des Feuers Gefühle, Stimmungen herauszudeuten. Doch so deutlich sprachen die Elemente noch nie zu ihm, noch nie konnte er ganze Worte, geschweige denn Sätze vernehmen. Dazu kam, dass die Elemente ihm irgendwie böse gestimmt zu sein schienen. Aber wieso?

He glda, Fleiglschlingl. Haglst dichgl wohlgl überglnommglen, Maglglierglein? Gluckerte es irgendwo zu seiner Linken. Er schaute sich um. Keine Menschenseele in der Nähe. In der Richtung, aus der er das gluckernde Geräusch vernahm, in einer Gasse, befand sich eine große Pfütze, in die die Reste des Regens durch eine undichte Dachrinne in kleinem Strahl hineinflossen. Er kam näher. Gllllotz nichtgl so! In den Wellen und dem aufgewühlten Schlamm und Dreck meinte er, ein Gesicht zu erkennen, das sich ständig veränderte und grimmig dreinschaute. Jagl, ichgl weiglß, wasgl dugl denglst. Viegleicht bingl-ich nurgl eingle Proglektion deingler Gledanglen, viegleicht binglich echglt? Eglal, ichgl glann dirgl glelfengl. Wie denn, wollte er gerade fragen, als ihm die Unfölrmige Gestalt die Frage bereits von den Lippen las. Wenngl dichgl jemangld vongl deinemgl Umglfeld entreiglen würglde, ingl eineglandeglere Eglene, glie würglest dugl gldas finglden? Glumal esgl niegl ausgl persögnlicher Noglt herglaus wargl! Dann knisterte und rauschte es neben ihm. Genau, meine Flamme, der Schlammwichtel hat recht. Charush, seine geliebte Charush materialisierte sich neben ihm. In der Realität. Bei hellerlichtem Tag. Er wusste nicht, ob er erschreckt oder erfreut sein sollte. Du hast ihrer Meinung nach zu oft Elementare ihrer natürlichen Ebene entrissen. Sie erwarten eine Gegenleistung, ein Opfer und ein Versprechen. Mehr darf ich dir dazu nicht sagen.  „Geht es euch gut? Sagt doch was!“ Etwas rüttelte ihm an der Schulter.

Er öffnete die Augen. Er lag offenbar immer noch in der Pfütze, halb an  eine Häuserwand gelehnt. Oh, wie ihm der Schädel brummte! „Bei den Zwölfen, ihr seid heile, Meister!“ Über ihm gebeugt war der Fahrer des Wagens. Sein Lächeln entblößte eine Reihe schwarzer Stumpen. Jetzt bemerkte er erst den fauligen Atem, der ihm seit einer Weile entgegen schlug. Vielleicht hatte der ihn ja aufwachen lassen. Bei dem Gedanken schmunzelte er. „Moment, soll ich euch aufhelfen, Meister? Oder schafft Ihr es allein? Oh das tut mir echt leid, wa? Aber scheint ja allet in Ordnung zu sein, wa?“ Beim letzten Satz konnte man, wäre man im Lesen von Mienen ein wenig geschult, was Lumin nicht war, eine Mischung aus Furcht und Hoffnung ablesen. „Nein danke, es geht schon. Habt dank für eure Sorge. Dem Wagen ist nichts passiert?“ Der Mann schien etwas verwirrt. „Oh nee, der is robust, keene Sorje, Meister. Hauptsache ihr seid unvasehrt. Wenn sonst weiter nischt is, mach ick mich wieda uffn Wech?“ „Jaja, alle in Ordnung.“ Eilig stieg der Mann wieder auf den Karren und ließ ihn vom Arbeitspferd von dannen ziehen. Nun weiß ich was zu tun ist!

Wieder in der Fuchshöhle bestellte er sich eine normale Schüssel, ein Rasiermesser und eine Schüssel Wasser aufs Zimmer. Er zog sich aus und stellte den Korb mit seiner Wäsche vor die Tür. Er kramte in seinem Rucksack und fand das Stück Leder mit dem eingebrannten Hexagramm und den Zeichen der Elemente, breitete es auf dem Boden aus. Er stellte die Schüsseln vor sich ab und wusch sich zunächst gründlich mit dem Wasser, darauf achtend dass möglichst viel davon wieder in der Schüssel landete, dann schor er sich die Haare mit dem Rasiermesser und legte sie in die zweite Schüssel. Er kniete sich auf das Leder. Die Haare entzündete er daraufhin. Als sie heruntergebrannt waren, nahm er die  Wasserschüssel und goss sie in kleinen Schlücken in die Schale mit den nunmehr verbrannten Haaren und sprach dabei: „Hiermit gelobe ich, nie wieder mehr als einmal im Mond ein Elementar seiner Ebene zu entreißen und dies nur zu tun, sollte unmittelbar Gefahr für mein Leib und Leben oder die elementare Ordnung und Schöpfung als ganzes bestehen und entschuldige mich für die Unordnung, die ich auf den Ebenen verursacht haben sollte! Bitte vergebt mir und akzeptiert mich wieder als einen, der den Elementen nicht gebietet, sondern ihnen zum Dienst verpflichtet ist!“ Als das letzte Wort gesprochen war und der letzte Tropfen in die Schüssel fiel, wurde das rußige Wasser klar und der Gestank von verbrannten Haaren verschwand aus der Luft. Merklich erleichtert atmete Lumin aus und ein Lächeln zauberte sich auf sein Gesicht.

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