Button

Gedanken eines Witwers

Es ist der Abend des 11. Praios 1028 BF. Am Morgen ist die Gruppe, in Begleitung von Lady Koschdane und dem Trauerzug ihres Bruders, aus Salmingen abgereist, auf dem gemeinsamen Weg nach Hammerschlag und zur Feste Friedstein. Direkt hinter Salmingens Stadtmauern machten sie einen kurzen Halt, damit Bothor in den Rondra-Tempel konnte, um seine versprochene Belohnung abzuholen. Aber wie konnte Bothor ahnen, welche Pläne die Hohepriesterin noch hatte…

Bothor sitzt auf dem Boden seines Zimmers im Gasthaus „An der Tarnel“ in Tarnelfurt. Sanfte Tränen fließen über seine Wangen. Die Beine hat er eng an seinen Körper gezogen. Auf seinen Knien hat er seine Hände abgelegt, die Finger ineinander verschränkt, die Handflächen offen nach oben zeigend, in ihnen ein kleines Ton-Amulett. Es zeigt zwei Gänse ein Ei flankierend. Es ist rau und schon leicht abgegriffen, zu oft in den Händen gehalten für seine einfache Machart…

Oh meine geliebte Hellena! Zwei Tage und drei Monde fehlen bis zu unserem 30. Traviatag! Oh einzige Liebe, die je in meinem Herzen war! Oh, wie kann ich mir nur erdreisten, heute in meinen Träumen dir in die Augen zu schauen? Wie soll ich dir, Mutter meines Sohnes, je wieder vor die Augen treten? Als wir uns im Namen der Großen Mutter schworen einander zu lieben, welche Tage auch immer kommen mögen, schworen wir uns auch, dass Rahja dir neben mir nur Stuten schicken möge und mir neben dir nur Hengste. Nie waren wir Kinder der Traurigkeit, aber immer waren wir uns treu, ich dir auch, seit dem ich verflucht bin allein auf Dere zu wandeln! Wie konnte ich dich heute nur betrügen? Wie konnte ich Lolgramoth anheimfallen? Immer trug ich dich in meinem Herzen und meine ewige Liebe zu dir stolz nach außen! Meine Tränen führten dich über das Nirgendmeer, wohin tragen mich meine Tränen heute? Oh Boron, Herr der du mich erwählt hast, ich bitte dich, lass die Liebe meines Lebens meinen Verrat vergessen! Soll ihre Seele nicht durch meinen Betrug Schmerzen leiden. Oh ihr Göttinnen Travia und Rahja, ich bitte euch, straft mich auf jede Art, die euch beliebt! Mein Herz, meine Gefühle, mein Verlangen liegt in euren Händen. Oh Mutter Rondra, so lang habe ich dir treu gedient. Ja, ich habe dich strafen wollen mit meinem Schweigen, aber handelte ich je gegen dich? Wieso führtest du mich in diesen Kampf? In deinem Haus? Gegen dich selbst? Wie sollte ich nicht unterliegen? Welche Chance hatte ich, siegreich hervorzugehen? Ist dies deine Strafe? Soll es Güte sein? Oh ihr Götter, ihr alle, in deren Blick ich liege, zeigt mir einen Weg! Gebt mir die Chance, einst mich mit der Seele meiner Hellena wieder verbinden zu können, ohne dass der Verrat und der Betrug dieses Tages zwischen uns stehen. Ich bitte euch! Hellena, ich liebe dich. Seit ich dich das erste mal sah, bis zu dem Moment, in dem ich das letzte Mal etwas sehen werde und allzeit darüber hinaus!

Bothors Nacht war still, unruhig, traumlos und kaum erholend. Wie schon am Tag zuvor ließ er sich dank all seiner Selbstbeherrschung nicht anmerken, wie aufgewühlt er im Inneren war. Spätestens zur Mittagsstunde, als Fräulein Peddersen das Gespräch auf ihre Vision und das Vortex-Buch brachte, verdrängte Bothor das Geschehene wieder und konzentrierte sich auf die anstehende Rettung der Welt…