24. Phex 1012 B.F., unterirdische Höhle in Greifenfurt
Nach der Beerdigung Stordans bedeutete Lumin den anderen unter einem Vorwand, er bräuchte kurz einen Moment für sich. Er lief hinunter ans Wasser, immer wieder über die Schulter schauend, ob ihm auch niemand folgt, und fand tatsächlich eine kleine Stelle, die so von Steinen umringt war, dass man sie von keinem Ort aus einsehen konnte. Außerdem war es hier unglaublich still, nur entfernt konnte man den Wasserfall rauschen hören. Dieser Ort schien perfekt. Er suchte sich ein mit Moos bedecktes Fleckchen, steckte seinen Stab knirschend in den Kies daneben und nahm auf dem Mooskissen im Schneidersitz platz. Er schloss die Augen, ließ seinen Geist fallen und schloss in seinen Gedanken die Umwelt aus, sodass es vor seinem inneren Auge nur noch ihn und den Stab gab. Er konzentrierte sich auf den Rubin an der Stabspitze und sah sich von seinem Körper lösen und auf ihn zufliegen, wobei er immer kleiner wurde, bis er schließlich in ihm verschwand. Diese Technik war ihm schon in Fleisch und Blut übergegangen, schließlich hatte er sie schon unzählige Male auf seinen Reisen angewandt. Im Inneren der Kugel konnte man durch die glasartige Kuppel die Außenwelt in ein rötliches Licht getaucht sehen, im inneren war es eingerichtet wie ein gutes Gasthauszimmer, nur dass die Möbel aus schwarzem Basalt geformt waren. Hier ein üppiges Bett, dort ein Sofa mit roten Samtkissen, von der Kuppel hing ein Kronleuchter und auf der gegenüberliegenden Seite war ein Sessel, der einem an der Wand befindlichen Kamin zugewandt war. Es roch nach einer Mischung aus verbranntem Holz und Duftölen. Natürlich wusste Lumin, dass hier nichts real war, sein Geist interpretierte die Verbindung nur anhand von Dingen, die ihm vertraut waren.
Auf dem Sessel saß eine Gestalt. Als Lumin auf sie zuschritt, stand sie auf und drehte sich um. Es war eine junge Frau, vielleicht gerade zwanzig Götterläufe alt, mit langen rotem Haar und einem unauffälligen Kleid, das jedoch ihre Vorzüge hervorhob. In Ihren Augen schien es zu funkeln und auf ihnrem Mund zeichnete sich ein keckes Lächeln ab. In seinen Gedanken hallte eine Stimme, die klang, wie ein knisterndes Feuer.
Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so schnell wieder sehen, mein Funke. Die Freude, dich wiederzusehen, ist aber dadurch nicht minder groß. Gibt es einen Grund für dein Erscheinen?
In Ihren Gedanken antwortete Lumin ihr: Ich freue mich auch, dich zu sehen, auch wenn die Augenblicke so flüchtig sind, wie Morgentau an einem Sommermorgen. Sein Lächeln wurde zu einer ernsten Miene. Ich brauche mal wieder deinen Rat. Der Listige Händler, der uns führte, ist scheinbar von uns gegangen. Sein Tod schmerzt mich nicht, mehr der Verlust seiner Führung. Schließlich kannte er sich von uns allen am besten mit den Gepflogenheiten in der Stadt und dem Ränke- und Intrigenspiel aus. Das war am Ende wohl auch unsere Schwäche – dass wir uns zu sehr auf ihn verlassen haben. Nun sind wir Führerlos und unsere Probleme scheinen mehr zu sein als vorher. Es fehlt uns ein vernünftiger Plan. Die Befreiung dieser Stadt scheint nun ferner als zuvor. Die Elfenkönigin konnte uns auch nicht mit dem Aufenthaltsort des brennenden Folianten helfen. Deine Befreiung scheint nun also ebenso in weiter Ferne, wie die der Stadt. Ich bin also wahrhaftig ratlos.
Charush nahm ihn lächelnd an die Hand und zog ihn auf das Sofa hinüber. Sie platzierten sich halb sitzend, halb liegend auf dem Möbel. Charush erklärte Also ich sehe das so: wenn ein Waldbrand ein Areal vernichtet, scheint es das Ende zu sein, aber das Ende alter Dinge ist auch gleichzeitig die Chance für einen Neuanfang. Kleine Büsche und Sträucher können erneut auf dem nun gut gedüngten Boden wachsen, ohne dass ihnen die großen Bäume das Licht, das sie benötigen, wegnehmen. Denk daran. Und Meine Befreiung hat Zeit, schließlich geht es bei Greifenfurt um das große Ganze. Die Mittellande müssen bereit sein für die Gefahr aus dem Osten. Persönliche Interessen, seien sie auch noch so wichtig, können hinten angestellt werden. Außerdem währt dieser Zustand schon so lange, da sind doch ein paar Jahre nicht so schlimm.
So sanft die Verbindung anfing, so abrupt endete sie. Plötzlich fand sich Lumin wieder am unterirdischen See, doch mit dem Unterschied, dass er nun wusste, was zu tun war. Er nahm sich seinen Stab und schritt selbstbewusst zurück zu den anderen.