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Zurück im Kreise

Nach den ganzen Anstrengungen und Strapazen der letzten Tage, dachte ich, ich kann mir nun ein wenig Ruhe gönnen und Adaque und mich pflegen. Es gibt auch Einiges mit Onkel Omar zu besprechen. Ich möchte ihm einen Brief mitgeben, bevor er nach Aranien reist. Das heißt, falls er nach Aranien reist. Nun, ist es leider so, dass sich die Ereignisse wieder einmal überschlagen. Delia ist verschwunden! Nicht, dass dies das erste Mal wäre. Nein, sie scheint in dieser Hinsicht sehr unkonstant oder unvorsichtig zu sein. Wir suchten die alle bekannten gemeinsamen Orte ab. Das Teehaus, wo ich Rowin fand und mit ihm zusammen auf Nehazet wartete, das Hospital, indem Sie arbeitete und den Traviatempel, wo die Schwestern sehnsüchtig auf den Adeptus’ Ankunft warteten. Kaum erblickt, ward er sogleich mit erlesenen Stickereien betraut. Ich beschäftigte mich nach dem Mittagsmahl mit Stall- und Tierpflegearbeiten bis Delia hier eintreffen solltet. Ich schulde Rowin Dank dafür, dass er mir den Khumschomer überließ, den er in den Katakomben der Arena erbeuten konnte. Die Waffe selbst ist nichts außergewöhnliches, leicht schlechter als mein aller Khumschomer, den ich von einst von Palmeya als Dank erhielt. Aber die Scheide! Die Scheide ist verziert mit den Runen des Kor. Ich bin gespannt, was diese Aufmachung noch für einen Nutzen haben wird. Als Rowin zur zweiten Praiosstunde beim Tempel eintraf und sich wunderte, dass Delia noch nicht da ist, machte ich mir doch langsam Sorgen um ihr Wohl. Rasch befragte ich Rowin, wo sie war und wo sie hingegangen sein könnte: „Vom Heim Demeyas ging sie Richtung Teehaus“. Nur kam sie dort nicht an. Da ich schon Bekanntschaft mit einigen zwielichtigen Gestalten von Keshal Isig machte, vermutete ich das Schlimmste. In aller Eile befreiten wir Nehazet aus der Runde Näherinnen und machten uns auf dem Weg. Inzwischen kannte ich mich in fünf der Stadtteile recht gut aus. Das trifft bedauerlicher Weise nicht auf Nehazet und Rowin zu, die sich wieder einmal verliefen. Erstaunlich, dass Nehazet damals vor uns in Hammerschlag ankam. Muss eine glückliche Fügung gewesen sein. Wie auch immer. Jedenfalls fanden die Beiden die Schlafstatt nicht. Es kam der Vorschlag, Demeya doch bei ihrer Arbeit in der Teppichknüpferei aufzusuchen. Wir wollten sie lediglich für einige Stunden ausleihen, als uns klar wurde, dass sie eine Sklavin ist. Natürlich machte ich mir im Vorfeld Gedanken darüber, wer diese Demeya nun sei. Hörte ich gar Erstaunliches über sie. Sie schlug beispielsweise einen Sklavenhändler nieder und führte meine Gefährten durch den Untergrund zur Arena. Nicht schlecht. Als ich endlich Ihrer angesichts wurde, fiel es mir wieder ein: Vor drei Tagen beobachtete uns eine Frau aus dem Hintergrund. Sie schlicht stets von Stand zu Stand und warf kurze Blicke zu uns herüber. Ich dachte, dass sie mir vielleicht bei den Übungen mit Adaque zusah. Erst spät erkannte ich, dass nicht ich, sondern der gute Rowin verantwortlich für ihr Interesse war. Ja, warum auch nicht. Der Händler Hairam, dem sie gehörte, erwog die Möglichkeit sie zu verkaufen. Aus gespieltem Interesse erkundigte ich mich nach dem Kaufpreis. Fünf Marawedi nannte er. Zwar, das ist zwar um einiges geringer als das, was ich für Onkel Omar bezahlte, jedoch noch zu viel für unsere bescheidenen Mittel. Nehazet zückte kurzerhand - ich weiß gar nicht, woher er die schon wieder hatte - eines der hochherrschaftlichen Rollsiegel hervor und bot dieses als Tausch an. Er lobpreiste die Möglichkeit mit diesem Siegel Einfluss in Shirdar zu erlangen. Er schlug mit Handschlag und Entlassungsurkunde ein. Nun gehört Demeya Magier, der wiederum die Urkunde an Rowin weiterreichte, welcher es in den Tiefen seines Brustpanzers verbarg. Draußen fielen sich die Beiden in die Arme und küssten sich. Hach ja, so schön kann Liebe sein, ich vergaß, wie schön das anzusehen ist. Azinas Gedanken schweiften zu Igan … Delia hat auch keine Scheu, sich der Liebe hinzugeben. Bei Firun, DELIA!! Geschwind eilten wir zu Demeyas Heim. Während sie ihre Habe zusammenpackte, ließ ich Bakkus an Delias Sachen Witterung aufnehmen. Auf Kommando stürmte er los. Wir hinterher. Die Spur führte zum Palast der Al’Achami. Oh nein, da kann nur noch Nehazet helfen. Brav stelle er sich in die Reihe der Wartenden. Sein vorgetragenes Begehr ließ das, als Ohr anmutende, Gebilde völlig kalt. Erst als Demeya sich dazwischen warf und sagte, dass wir einen Sklaven zu verschenken hätten, öffnete sich das Lichtgeflutete Tor zu einem großen blendenden Saal. Ein Magier auf einem fliegenden Teppich, der sich selbst als „Pförtner“ auswies, versperrte uns den Weg und frage erneut nach unserem Begehr. Nun hatten wir keinen Sklaven zu verschenken, sondern forderten die Freilassung unserer Hexe. Da dem nicht entsprochen wurde, bot sich Demeya als Austausch für Delia an. Natürlich verwehrte sich Rowin dieser Möglichkeit und gab die Papiere für Sie nicht heraus. Ich überlegte fieberhaft, was ich tun könnte. Aber außer dem Pförtner den Khumchomer quer über das überhebliche dreinblickende Gesicht zu ziehen, fiel mir nichts ein. Das hätte auf der Stelle unser aller Tod bedeutet. Hilflos sah ich mit an, wie sich Demeya hingab und Rowin in sich zusammenbrach. Draußen ließ sich Rowin weinend an einer Statue nieder. Ich vermochte ihm keinen Trost zu spenden. Nur der Schwur nach Rettung entglitt meinem Mund. Nach einer quälenden Stunde erschien Delia fröhlich aus dem Licht. Übel kahl geschnitten und mit Fesselspuren an den Gliedern fragte sie, warum wir so gedrückter Stimmung waren. Natürlich versuchten Nezahet und ich ihr zu erklären, was passiert ist. Nehazet mehr sachlich und ich eher persönlich, aber sie ließ sich auf nichts ein. Ihre Erinnerung wiegt stärker als unsere Aussagen. Freiwillig soll sie sich nach Unterfeld begeben haben, um sich die Haare zu schneiden. Also bitte. Das kann nicht einmal sie selbst sich abnehmen. Jedoch konnten wir Zweifel sähen, der sie sichtlich durcheinander brachte. Wir ließen Rowin zurück, der, unfähig sich zu bewegen, seinen Gefühlen freien Lauf ließ. In Gedanken schmiedete ich bereits Pläne für die Befreiung seiner Liebsten. Nur brauchte ich dazu unbedingt Delia. Daher führten wir sie zurück zum Traviatempel, wo wir uns nach einem kurzen Abendmahl schlafen legten. Delia schlief unruhig. Unschlüssig, was zu tun ist, nahm ich sie behutsam in meine Arme. Am nächsten Morgen untersuchte Nehazet Delia ausführlich magisch. Sie bat mich, in der Ecke zu warten, bis er sein Wirken beendet hätte. Sie ruht mit geschlossenen Augen auf Knien vor dem Adepten. Ich schaute leicht gelangweilt, weil sichtbar rein gar nichts passierte, aus dem Fenster. Was ich dort zu sehen bekam, ließ mich meinen Augen kaum trauen. Dort ließ gerade Rowin zwei Eimer mit Wasser fallen, die ihren Inhalt zu seinen Füßen entließen. Ihm Gegenüber stand tatsächlich Demeya. In schlaffer Haltung versuchte sie an ihm vorbei zu kommen, doch der Schwertgeselle hielt sie fest und schüttelte sie sanft. Erneut unternahm sie einen zaghaften Versuch sich loszueisen. Das Bild scheint sich zu verändern, das klare Wasser auf dem Pflaster färbt sich langsam rot und beginnt zu lodern. Zuckende Flammen umspielen das Paar. Über dem Brunnen brodelt ein Kessel. Der Blickrand verschwindet, alles konzentriert auf die Beiden vor dem … nein, in dem … Herdfeuer. Während Nehazets rhythmische fremde Worte in weite Ferne rücken, beginnt Rowin zu zittern. War es aus Erregung? War es aus Zweifel? Oder war es überwältigende Liebe. Mit einem Ruck bewegt er seinen Kopf auf den Ihren zu. Ein Kuss, strahlend, wie die aufgehende Sonne löste die familiäre Szenerie in Luft auf. Wirbelnde Farben kreisten noch einmal um sie, ehe sie verblassten. Ungläubig starrte Rowin in Demeyas wache Augen. Als sie sich endlich regt, schloss er sie fest in seine Arme. Danke Travia. Danke für ihr beider Glückseeligkeit. Viel Glück euch Beiden. Euer Weg zeichnet sich mir klar ab. Herumzureisen ist nicht mehr euer Ziel. Folgt nun frohgemut Travias heimischen Weg. Möge euer Glück niemals schwinden. Erfreut, doch zugleich traurig, wendet sie den Blick von den Beiden ab. Ihre Miene wird wieder ernst, doch ein leichtes, kaum vernehmbares, Lächeln umspielt ihre geschlossenen Lippen. ______________________________
Gedanken der Azina

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