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Teil VI – Die Sehnsucht nach Geborgenheit (4)

Burg Rabenmund – 22. Peraine, 34 nach Hal – Tief in der Nacht

Für den Wüstensohn verstrich die Zeit in den Gemäuern von Burg Rabenmund quälend langsam. Er war hellwach, seine Sinne geschärft und sein Bein schmerzte nicht mehr. Er kostete jeden Moment aus, denn er wusste, dass der kleinste Fehler das Ende von ihm und den Galottanern bedeuten würde. Die verbliebenden Rabenmunder Gardisten würden nicht lange fackeln und kurzen Prozess mit ihnen machen. Ihr Trupp war inzwischen komplett bewaffnet, doch das sollte eher für ihre weitere Flucht außerhalb der Festung dienlich sein als hier. Sicherlich, eine Waffe in den Händen zu halten wäre im Moment einer Entdeckung hilfreich, doch sie alle waren in einer miserablen körperlichen Verfassung und in einem desolaten moralischen Zustand. Im Moment überwog zwar die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht, doch diese Hoffnung stand – und das wusste Kalkarib – auf Messers Schneide.

Halbhand führte die gemischte Gruppe durch die Mauern des Stammsitzes der mittelländischen Familie. Sie gingen eine Wendeltreppe hinab und waren wieder in einem unterirdischen Gang angekommen, als er plötzlich vor einem großen Wandschrank stehen blieb. „Hier, hier ist es.“ Er zuckte wieder mit dem Augenlid und tapste zaghaft auf das Holz, als wäre es etwas Besonderes, dass man leicht kaputt machen könnte. „Was soll hier sein?“, warf Kalkarib im Flüsterton ein, denn er konnte beim besten Willen nur kalten Stein und einen hölzernen Schrank sehen. „Dahinter ist der Geheimgang nach draußen“, antwortete Halbhand und kaum hatte er es ausgesprochen, machten sich mehrere der Tobrier auch schon daran, ihn anzuheben und vorsichtig zur Seite zu hieven. Kalkarib blinzelte verwirrt und musste erst seine Gedanken sammeln. Hatte Halbhand ihn hinters Licht geführt? Zwar wurde auch in ihm die Freude auf eine gelungene Flucht größer, aber entgegen seiner Anweisung, hatte Halbhand sie nicht zu Belzora, sondern zum Fluchttunnel geführt. „Halt! Wartet, wir müssen noch Belzora retten.“ Doch die Männer machten keine Anstalten mit ihrem Vorhaben aufzuhören, stattdessen wandte sich Karmold an ihn: „Sprich für dich, Novadi – sie ist schon längst tot“, sagte er im ernsten und düsteren Ton, ehe er weitersprach: „Wir sollten machen, dass wir hier rauskommen.“ Karmolds Worte trafen Kalkarib wie Dolche direkt ins Herz. Wie konnte er das nur sagen? Er konnte es nicht wissen. Außerdem war ER der Anführer dieser Gruppe, und nicht Karmold. „Wir müssen sie retten!“, fauchte Kalkarib, packte Karmold an der Schulter und riss ihn herum, er spürte, wie die Wut wieder in ihn hochkochte. Der alte Mann entgegnete ruhig und entschlossen: „Was willst du machen, Novadi? Mich töten? Bei der Herrin der Untoten, wir sind ohnehin schon alle längst tot – sie hier auf der Burg zu suchen käme dem gleich. Ich für meinen Teil, versuche mein Glück lieber da draußen.“ Und mit diesen Worten riss er seine Schulter unsanft aus Kalkaribs Griff und schaute ihm abwartend an. Unterdessen hatte die Tobrier den Schrank zur Seite gehoben und tatsächlich kam dahinter ein schmaler, mit Spinnweben behangener Gang zum Vorschein. Der Wüstensohn blickte von Karmold in die Gesichter der anderen, nacheinander suchte er sie vergeblich nach Unterstützung ab. In ihren bis auf die Wangenknochen ausgemergelten und schmutzigen Gesichtern lag die pure Angst, kein Feuer loderte in ihnen. Wahrscheinlich wären Sie Kalkarib gefolgt, doch nun, wo sie direkt vor dem Ausgang in die Freiheit standen, war die Aussicht auf diese größer, als die frisch entfachte Treue zu einem unbekannten Novadi. Kalkarib wurde in diesem Augenblick schmerzlich bewusst, dass nicht nur Halbhand ihn an der Nase herumgeführt hatte, sondern er auch beim besten Willen keine Worte hätte finden können, die diese Männer und Frauen jetzt dazu zu bewegen würden, sich erneut in Todesgefahr führ ihn oder Belzora zu begeben. Die Wut ihn ihm wich tiefgehenden Mitgefühls, welches er für die Tobrier empfand. „Dann geht“, sagte er kurz angebunden und atmete dabei schwer aus, denn er musste jetzt eine schicksalsvolle Entscheidung fällen. „Ich werde niemanden aufhalten, doch ich suche Belzora und rette sie. Vielleicht sehen wir uns draußen, mögen eure Götter mit euch sein.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und kein Widerspruch erklang. Seine Gedanken waren bei seiner Beschützerin aus der Zelle, die ihm das Leben gerettet hatte. Ohne sie hätte er die ersten Tage hier im Kerker nicht überlebt. Seine Ehre gebot ihm, das Selbe nun für sie zu tun, ganz gleich wer sie war oder was sie zuvor getan oder nicht getan hatte. Sie hatte es verdient, dass er es wenigstens versuchen würde, sie zu finden und zu retten. „Los kommt, gehen wir“, hörte er noch Karmold hinter sich sagen, da packte ihn plötzlich jemand an der Schulter und Kalkarib fuhr angespannt herum. Vor ihm standen Yaqi und zu seiner Verwunderung auch der schüchterne Scharlatan Radromir. „Warte, ich helfe dir“, sagte Yaqi und ihre Worte waren wie Balsam für Kalkaribs Gemüt. Radromir, der mit seiner restlichen Sensibilität für soziale Interaktion bemerkte, dass auch er etwas aufbauendes sagen sollte, entschied sich mit unsicherer Stimme für: „Ich kann euch doch nicht allein gehen lassen, ohne mich wäret ihr doch aufgeschmissen.“ Yaqi und Kalkarib belegten den Scharlatan mit einem fragenden Blick und als dieser spürte, wie sich diese wie Dolche in ihn hineinbohrten, schob er erklärend hinterher: „Na, wegen der Schlösser! Keiner von euch kann … Schlösser öffnen, ja?“ Da Radromirs Nervosität von Moment zu Moment immer stärker wurde, entschied sich Kalkarib für ein entschärfendes Lächeln und sagte: „Danke, dass du mitkommst, Radromir. Ich weiß das zu schätzen.“ Erst jetzt wich langsam die Unsicherheit aus Radromir und während er mit dem Finger verlegen in seinen langen Locken spielte, überkam auch ihn ein kleines Schmunzeln. Während Karmold den Großteil der Galottaner durch den Fluchttunnel führte, schlossen sich Kalkarib, Yaqi und Radromir zusammen, um Belzora zu befreien.

Die Suche nach ihr gestaltete sich jedoch nicht einfach, denn keiner von ihnen wusste, wo sie sie hingebracht hatten. Sie wussten, dass vom tiefsten Kerker, über hängende Käfige auf dem Burghof, bis hin zur höchsten Zinne alles möglich war. Zudem kam erschwerend hinzu, dass sie sich die ganze Zeit vorsichtig und langsam fortbewegen mussten, um nicht entdeckt zu werden und es zu allem Überfluss auch noch tiefste Nacht war. Letzteres kam ihrer Heimlichkeit auch zugute, immerhin schlief auch ein Großteil der verbliebenden Burgbesatzung, aber das gleiche konnte auch für Belzora gelten. Fast schon wünschte sich Kalkarib, dass sie gerade gefoltert werden würde, dann würde man zumindest wissen, dass sie noch am Leben war und wo sie sich aufhielt. Nach einer Weile des vorsichtigen Suchens war es Radromir, der eine entscheidende Eingebung hatte: „Wie wäre es, wenn wir jemanden fragen?“ Auch wenn die Frage anfangs äußerst dümmlich erschien, so war sie doch simpel und zugleich zutreffend, dachte Kalkarib. „Hmm, aber wen? Schlafen diese Wachen nicht alle zusammen in einem Raum?“ Die zwei Wachen vor der Waffenkammer konnten sie nicht mehr fragen, die Galottaner hatten ihre Lebenslichter bereits ausgeblasen, nachdem sie zuerst nur betäubt waren. Kalkarib hätte es gerne verhindert, doch dann wäre seine Tarnung wohl oder übel aufgeflogen. „Was ist mit der Kerkerwache?“, warf Yaqi ein. Sie hatten die Kerkertür wieder geschlossen, als sie alle entkommen waren, damit es der Wache nicht auffallen würde. Erst jetzt fiel Kalkarib ein, dass Yaqi einen der Wachschemel hatte mitgehen lassen und das dessen Verschwinden anscheinend – zu ihrem Glück – nicht zu viel Misstrauen bei der Wache hervorgerufen hatte. „Der sollte allein da unten sein, und noch dazu müde. Er wäre ein leichtes Opfer und sollte wissen, wo das Rabenmund-Kind die Gefangenen hinbringt“, sagte Kalkarib und bekräftigte damit Yaqis Plan. Vorsichtig schlichen sie daher zurück in den Kerker der Burg. Unterwegs mussten sie einer Patrouille ausweichen und wären fast entdeckt worden, doch Kalkarib konnte Radromir noch rechtzeitig zurück in den Schatten ziehen.

Im Gang des Kerkers angekommen, sahen sie die bemitleidenswerte Wache dort allein sitzen. Er saß auf seinem verbliebenen Schemel, ein angeschnittenes Stück Käse und ein abgerissenes Stück Brot lagen auf dem Tisch und der Oberkörper der Wache lag auf dem Rest desselben, anscheinend war er im Sitzen eingeschlafen. „Das wird einfach“, gluckste Yaqi freudig und steckte ihr Kurzschwert weg. Sie sprachen sich kurz ab, schlichen sich dann an und zu dritt war es für sie ein leichtes, die schlafende Wache zu überwältigen. Die Wache, ein junger Mann, der gerade einmal im Alter von Kalkarib war, hatte bei der Befragung Todesangst in den Augen und würde ihnen wohl alles verraten. Während Yaqi und Radromir ihn festhielten, baute Kalkarib sich vor ihm auf, um dann mit seinem stärksten Novadi-Akzent zu sagen: „Du verrätst mir jetzt, wo der Rabenmund-Bengel die Gefangenen hinbringt, oder ich schwöre dir, bei Rashdul, dass ich dir was abschneiden werde.“ Der Akzent entfaltete seine Wirkung, denn Kalkarib wusste, dass dieser für Mittelländer angsteinflößend wirkte. Er legte zudem das Ende seines Säbels zwischen die Beine der Wache und stocherte damit ein wenig an der sensiblen Stelle herum. Zudem war es wohl sowohl seinem gespielt starken Akzent, als auch der Arroganz der Mittelländer geschuldet, dass es niemanden auffiel, dass er ‚Rashdul‘, und nicht ‚Rastullah‘ sagte. Wenn er schon so eine Scharade innerhalb einer anderen Scharade spielen musste, musste er nicht auch noch den Namen des Alleinen beschmutzen. Dass die ‚Unschätzbar Alte‘, wie man die Stadt in Mhanadistan auch noch nannte, so ähnlich klang wie seine Gottheit, war außerdem gerade mehr als dienlich. Mit zitteriger Unterlippe und Tränen in den Augen, war dem junge Wachmann anscheinend nach Kooperation zumute: „D-Die w-werden da … da … da hinten hingebracht. Der Gang … da …“ er nickte mehrfach in eine Richtung. „… dort lang. D-d-d-dann die zweite Tür zur rechten Hand.“ Kalkarib nahm den Säbel weg, was schlagartig dazu führte, dass sich der junge Wachmann etwas entspannte. Als Kalkarib sah, wie Yaqi nach ihrem Streitkolben griff, denn für sie waren sie fertig mit ihm, kam ihr Kalkarib zuvor, indem er mit dem Knauf des Säbels dem Wachmann kurzerhand gegen die Schläfe schlug, woraufhin dieser sofort das Bewusstsein verlor und erschlaffte. Yaqi und Radromir legten ihn im Anschluss vorsichtig ab, jedoch eher, um keinen unnötigen Laut zu verursachen und nicht um ihn zu schonen. „Dann lasst sie uns holen“, flüsterte Kalkarib und ging nicht weiter auf die Situation eben ein. Gedanklich zählte er die Sünden, die er beging und Mord sollte nicht dazu gehören.

Die zweite Tür zur rechten Hand, wie der Wachmann sagte, war so unscheinbar wie alle anderen auch und noch dazu unbewacht, was sowohl ein gutes, aber auch ein schlechtes Zeichen sein konnte, dachte Kalkarib. Zu dritt lauschten sie zuerst an ihr, doch vernahmen sie keinen Laut aus dem Innern. Als sie die Tür vorsichtig öffnen wollten, stellten sie fest, dass sie verschlossen war, was Radromir ins Spiel brachte. Fast schon wie ein eingespieltes Team lehnten sich der Wüstensohn und die junge Frau mit den Schlagenhautbildern am Kopf mit ihren Rücken gegen die Wand und schautet demonstrativ weg. Radromir begann sich erneut die Hände zu reiben und sein ‚Ding‘ zu machen. Sie hörten ihn flüstern, es schien fast so, als würde er ein Monolog mit dem Schloss führen, bei dem er versuchte, es dazu zu ‚überreden‘, sich zu öffnen. Es dauerte ein paar Momente und tatsächlich, das Schloss schnappte auf. Wie ein Diener, der eine höhergestellte Person die Tür aufhielt, machte er einen Schritt zur Seite und verneigte sich mit einer ausladenden Geste vor seinem ‚Herrn‘. Kalkarib trat an die Tür und drückte sie leise auf. Der Raum, der gerade einmal vier mal vier Schritt groß war und in dem es nach verschmortem Fleisch und scharfen Urin roch, war nur spärlich erhellt. Auf einer kleinen Anrichte stand eine Öllaterne und auf mehreren hohen Hockern lagern blutverschmierte gusseiserne Instrumente bereit, die Kalkarib zum Teil aus seiner Zeit, als er noch im Stall arbeitete, kannte. Ihm überkam sowohl ein Gefühl der Erleichterung als auch ein Gefühl der Übelkeit, als er Belzora in der Mitte des Raumes hängen sah. Mit zwei schmiedeeisernen Ringen an den Händen hing sie an der niedrigen Decke. Doch das war längst nicht das schlimmste. Ihr Körper war übersät mit scheinbar wahllos gesetzten Schnitten und Stichen, überall ronn frisches und altes Blut an ihr herab, vermischte sich mit ihrem Schweiß und Dreck zu seiner widerwärtig stinkenden dunklen Kruste. Ihr langes blondes Haar klebte an ihr. Trotz ihres erbärmlichen Zustands war jeder ihrer massigen und beeindruckenden Muskeln, die ihr Körper zu bieten hatte, in einem Zustand der Anspannung. Ihr Körper wurde dadurch zu einer einzigen Muskellandschaft aus Hügeln und Tälern, die erneut in Kalkarib ein warmes Glühen in seiner Körpermitte aufkeimen ließ. Er stürzte voran, er musste wissen, ob sie noch lebte. Seine Hände griffen nach ihrem Kopf und als er spürte, dass noch Wärme in ihr war, fiel ihm ein Stein von Herzen. „Belzora? Bist du wach?“, hauchte er mit sanftem Akzent und suchte sie nach Verletzungen im Gesicht ab, da auch dieses Blutverschmiert war. „Hey, kleiner“, sagte sie und lächelte ihn mit blutigen Zähnen und aufgeplatzten Lippen an. „Du siehst furchtbar aus, du musst mehr essen.“ Belzoras Worte überraschten Kalkarib, so dass er zuerst nicht bemerkte, dass sie nur scherzte. Hinter ihm begann Yaqi zu kichern. „Dir geht’s anscheinend besser als du aussiehst. Wir sind hier, um dich zu retten“, sagte Kalkarib, der das offensichtliche aussprach und nach einer Möglichkeit suchte, sie zu befreien. Die Handschellen waren mit Schlössern versehen und einen Schlüssel sah er auf Anhieb nicht. „Radromir, kannst du …?“ Kalkarib deutete auf die zwei Schlösser die Belzoras Handfesseln sicherten. „Ähm, ja … ich kann es … versuchen.“ Er trat heran und tastete eines der Schlösser in Deckenhöhe ab, während sich Yaqi und Kalkarib im Raum nach einem banalen Schlüssel umsahen. „Wo sind die anderen?“, fragte Belzora nuschelnd, der es schwer fiel deutlich zu sprechen, da ihre Lippen von der Folter angeschwollen waren. „Die sind … schon vor.“ Kalkarib entschied sich für die diplomatische Antwort, doch Yaqi schob eine etwas ehrliche Variante hinterher: „Karmold, die feige Sau, hat dich hier hängen lassen und ist abgehauen.“ Belzora schnaufte wissentlich. Anscheinend war ihr bewusst, dass es unter den ihrigen jemanden gab, der nur darauf gewartet hatte, die Führung zu übernehmen. Kalkarib wurde wieder bewusst, dass er sich hier nicht unter einer Gruppe ehrhafter Vertreter des Mittelreiches befand, sondern unter einem Haufen gefangenen Galottaner, für die Verrat und Heimtücke Alltag waren. Doch auch unter Solchen konnte man Ehre finden, dachte er sich. Immerhin hatte Belzora ihm grundlos geholfen. Und Yaqi und Radromir waren ebenfalls hier, um ihm zu helfen und sie zu befreien. Anscheinend gab es auch in den dunkelsten Landen einen Funken Licht und Hoffnung. „Meh, ich kann den Schlüssel nicht finden.“ ächzte Yaqi, die gerade in einem Eimer voller blutiger Lumpen gewühlt hatte. „Sucht ihr den hier?“, tönte eine arrogante und junge Stimme von der Tür und sofort rutschte Kalkarib das Herz in die Hose. Sie alle erstarrten als sie rumfuhren und zur Tür schauten, wo zwei gerüstete Wachen standen, kalten Stahl in den Händen, während hinter ihnen, gerade so über die Schultern hervorguckend, das makellose und blonde Gesicht des Rabenmunder Bengels zu sehen war, der verspielt einen kleinen Schlüssel in der Hand hielt. Kalkarib hatte instinktiv seinen Säbel herausgezogen und auch Yaqi hatte ihren Streitkolben schon in der Hand. Während Radromir noch hastig nach seinen Langdolch, den er in der Waffenkammer hatte mitgehen lassen, fingerte. Währenddessen schoben sich vier bewaffneten Wachen in den Raum und stellten sich nebeneinander auf. Kalkarib wog die taktische Situation ab: Sie waren nur zu dritt, da Belzora keine Hilfe war, ganz im Gegenteil, sie war sogar ein taktischer Nachteil, da sie mitten im Raum blutig von der Decke hing. Hinzukommend waren sie nur spärlich bewaffnet, wohingegen die vier Rabenmunder Wachen allesamt Äxte und Streitkolben hatten. Zu ihrem Glück trug keiner von ihnen Kettenhemden oder andere metallene Rüstungen, da sie auf ihrer eigenen Burg schließlich nicht erwarteten auf Feinde zu treffen. Additiv war da noch der Bursche, doch der schien sich im Moment eh rauszuhalten und war nur mit einem Dolch bewaffnet, weshalb Kalkarib, die Situation abwiegend, „Lasst uns verhandeln“, vorschlug.

Teil VI – Die Sehnsucht nach Geborgenheit (3)

Im Kerker von Burg Rabenmund – 22. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht

Stille war in den Kerker eingekehrt, doch ob das ein gutes Zeichen war, vermochte Kalkarib nicht einzuschätzen. Kein Laut drang zu ihnen, nachdem sie Belzora an seiner statt geholt hatten. Vielleicht war sie wirklich so stark wie sie aussah, oder vielleicht war ihr Geist sogar noch stärker. Zumindest redete der Wüstensohn sich das ein, denn an etwas anderes wollte und konnte er einfach nicht glauben. Sie hatte sich, um ihn zu retten, nach vorne gestürzt und so ihr eigenes Schicksal besiegelt. Spätestens jetzt befahl ihm seine Ehre, dass er in ihrer Schuld stand. Doch eins nach dem anderen. Im Moment stand er zusammen mit den anderen Insassen, die allesamt so sehr stanken, dass er das Gefühl hatte, inmitten eines Dunghaufens zu stehen, direkt vor der Zellentür, an der sich der Scharlatan Radromir gerade zu schaffen machte. Zuvor hatten sie an ebendieser gelauscht, um sicher zu gehen, dass die Wache gerade nicht auf ihrem Platz war. Es gab also ein kleines Zeitfenster, an dem sie etwas lauter sein konnten. „Jetzt mach schon“, zischte jemand ungeduldig. „Was dauert denn da so lange?“, sagte eine andere Stimme. „Pscht!“, zischte es von vorne zurück. Der langhaarige Radromir, in dessen braunen und welligen Haaren ganz viel Stroh steckte, fuhr mit finsterem Blick herum. „So geht das nicht“, intonierte er melodramatisch und machte eine Geste mit den Händen die so aussah, als würde er etwas zerbrechliches in den Händen hälten. „Ich brauche dafür … Ruhe, ja? Und ein wenig Zeit.“ Er drehte sich wieder zur Tür, während einige der anderen nur mit den Augen rollten oder ungeduldig ihr Gewicht von einem auf das andere Bein verlagerten. Wieder vergingen einige Momente. Kalkarib blickte angespannt zwischen den umstehenden Mitinsassen umher, die ihm allesamt einen respektvollen Abstand gaben: Links neben ihm stand ‚Halbhand‘, der – wie sich später herausstellte – eigentlich Tharsonius hieß, weshalb Kalkarib ihn weiterhin gedanklich als ‚Halbhand‘ in Erinnerung behielt, da er sich den Namen nicht hätte merken können. Dieser kannte die Burg, den Weg zur Waffenkammer und den vermeidlichen Fluchtunnel, von dem er den anderen nicht erzählen wollte. ‚Zu meiner eigenen Sicherheit‘, sagte er und Kalkarib konnte in anbetracht der anderen Insassen sehr gut nachvollziehen, wieso er damit hinter dem Berg hielt. An seiner Stelle würde er sich wohl genauso verhalten, immerhin wurde er so zu einer taktisch beschützenswerten Person. Zu seiner rechten stand Yaqi, ein junges und hageres, aber nicht minder muskulöses Weib mit sehr kurzen Haaren und Hautbildern mit Schlangenmotiven auf beiden Kopfseiten, die, als Kalkarib vorhin nach Belzoras Entfürung das Wort erhob, die erste war, die ihn unterstützte. ‚Lasst ihn ausreden!‘, fauchte sie mit einer so garstigen Bestimmtheit, dass man glaubte, ein Fluch käme über jeden, der es wagen würde, ihr zu widersprechen. Denn kurz nach Belzoras Entführung war es Kalkarib, der das Wort ergriff, um die Tobrier dazu zu bringen jetzt nicht zu verzagen und an Belzoras Plan festzuhalten. Doch hatte er nicht damit gerechnet, dass es selbst hier, im Kerker auf Burg Rabenmund, soetwas wie eine Hierarchie, oder sollte man besser sagen ‚Hackordnung‘, gab. Er wurde nämlich jäh von einem älteren Mann unterbrochen, sein Name war Karmold, der Kalkaribs Autorität sofort in Frage stellte. ‚Was glaubst du wohl wer du bist, Novadi! Es ist niemand mehr da, der dich beschützt!‘ Das waren seine Worte, als er aufstand und sich vor ihm aufbaute. Auch wenn er Schmerzen im Bein hatte, so stellte sich Kalkarib ihm gegenüber, um ihn die Stirn zu bieten. Zu seinem Glücke war da Yaqi, die genau in diesem Moment dazwischen ging, denn ohne seine Waffen und in seinem Zustand, wäre er dem offensichtlichen kriegsgestandenen alten Mann unterlegen gewesen. Kalkarib bestand darauf, den Plan weiter auszuführen und Belzora aus der hochnotpeinlichen Befragung zu befreien, in der sie sich ohne Zweifel befand und dass er und die andere es ihr schuldeten. Es war ihr einziger Weg in die Freiheit und nur eine Frage der Zeit, bis der Knabe jeden hier einen nach dem anderen rausgeholt haben würde. Jeder sollte sich also die Frage stellen, ob er bereit war, sich heute seine Freiheit wieder zu holen oder ob er lieber hier auf Burg Rabenmund sterben wollte. „Und was macht dich zum neuen Anführer?“, wollte der grauhaarige Karmold wissen und schob dabei provizierend das Kinn nach vorne. Kalkarib dachte zuerst an Sieghelm, doch ihm wurde schnell genug bewusst, dass er ihn nicht als Argument benutzen konnte. Er kramte in seinen Gedanken nach einem anderen Argument, irgendetwas, das er diesen verzweifelten Männern und Frauen anbieten konnte, das sie davon überzeugen würde, ihm zu folgen. So sehr er sich auch anstrengte, ihm fiel auf die Schnelle nichts ein. Er brachte daher nur ein abgehacktes ‚Weil …‘ heraus. Der alte Karmold nutze Kalkaribs Moment der Unsicherheit, wandte sich an die Zelleninsassen und posaunte überheblich heraus: ‚Seht ihr! Er weiß es nicht. Lasst uns also nichts überstürzen und die Situation neu bewerten.‘ Kalkarib sah, wie einige der Insassen nickten und andere unsicher zwischem ihm und seinem Herausforderer hin- und her schauten. Er konnte ihn unmöglich angreifen, Karmold war zwar ebenfalls in einem heruntergekommenen Zustand, doch sein sehniger Körper und die vielen Narben erweckten den Eindruck, dass er sich auch schon so manch nachteiliger Situation befreien konnte. Eine körperliche Konfrontation war für den Wüstensohn daher im Moment ausgeschlossen, was ihn wütend werden ließ. Wütend darüber, wie er überhaupt in diese Situation geraten war, wütend über die Lüge, die er hier im Kerker leben musste und dass ihm nicht einmal die Wahrheit vor schlimmeren bewahren konnte. Mit geballten Fäusten machte er einen Schritt nach vorne, heran an Karmold, der sich seines Sieges schon sicher war und sich wegen Kalkaribs Herantreten nun erneut aufbaute. ,Weil …‘ setzte der Novadi erneut an, wobei dieses Mal viel mehr Tiefe in seiner Stimme lag. Er fixierte seinen Kontrahenten, er spürte wie die heißspornige Wut in ihm hochkochte und er alle Kraft aufwenden musste, um nicht unkontrolliert auf ihn loszugehen. Er hörte sich die folgenden Worte sagen, war sich jedoch nicht seiner Erscheinung dabei bewusst, die alle anderen in dieser Kerkerzelle wahrnahmen. Seine braunen Augen wurden schlagartig zu roten Feuerbällen und eine Brust schwoll an und glomm von innen heraus wie ein heißer Kohlenofen, als er sagte: ‚Der Alleinige ist mein Zeuge – Weil du es bereuen würdest dich mit mir angelegt zu haben, so wahr ich hier stehe stehe.‘ Kalkarib war heiß, er spürte wie sein Blut in ihm kochte und sein Körper pulsierte, als er dies sagte. Es fühlte sich an, als wäre er ein Fass, das bis zum Überlauf gefüllt war mit kochendem Wasser. Nur ein kleiner Tropfen würde genügen, um es zum Bersten zu bringen. Doch entgegen Kalkaribs Erwartung, bekam Karmold große, furchterfüllte Augen, legte seine Hände schützend vor sein Gesicht und nahm eine unterwürfige Haltung ein. ‚Ganz ruhig, ganz ruhig‘, begann er wimmernd, was das Gemüt des Wüstensohns ein wenig abkühlte. Seine glühende Brust verglomm, als er die beschwichtigenden Worte seines Kontrahenten vernahm. ‚Wir müssen es ja nicht gleich überstürzen. Vielleicht sollten wir, ähm, an Belzoras Plan festhalten.‘ ‚Ja, genau das werden wir tun‘, sprach Kalkarib, dessen rotglühenden Feuerbälle sich wieder zu braunen Augen normalisierten. ‚Und wir werden sie nicht nur retten, sondern auch sicher hier rauskommen.‘ Seit diesem Moment wagte es niemand mehr etwas gegen Kalkarib zu sagen. Er selbst hatte es nicht mitbekommen, wie sein innerstes Geheimnis kurz davor war aus ihm herauszubrechen, doch das Spektakel entfaltete sofort seine Wirkung und seit diesem Moment gaben alle Mitinsassen ihm ein kleines bisschen mehr gebührenden Abstand als zuvor.  

Ein kaum hörbares metallisches Klicken war zu vernehmen. Radromir drehte sich mit einem verschmitzen Lächeln um und nickte. „Es ist offen“, flüsterte er und trat sofort beiseite. Er war zwar derjenige, der die Tür öffnen konnte, aber gewiss nicht der, der zuerst hindurch durchtreten würde. Das überließ er lieber jemand anderen. Doch niemand machte die anstalten die Zellentür zu öffnen, stattdessen schauten die Insassen nur nervös hin und her und bald schon wurde Kalkarib mit mehreren auffordernden und hoffnungsvollen Blicken belegt. Ehe er realisieren konnte, was gerade geschah, schob sich auch schon der grauhaarige Karmold nach vorne zur Tür durch. „Ich gehe zuerst“, sagte dieser, was Kalkarib recht war. Der grauhaarige Tobrier drückte vorsichtig die Tür auf, dahinter lag ein schmaler Gang, der nach links und rechts abging und nur von schwachem Fackelschein erleuchtet wurde. Zaghaft folgten ein paar der Mitinsassen. Karmold wandte sich an Halbhand und erkundigte sich nach dem Weg. Dieser sah sich suchend um und nach einem kurzen Augenblick deutete er selbstsicher in eine Richtung. Es war ein seltsames Schauspiel, das sich in den nassfeuchten Kerkermauern abspielte. Über ein dutzend Männer und Frauen, ausgemergelt und am Rande der Erschöpfung, gezeichnet durch Mangelernährung und schlechter Unterbringung, versuchten mehr schlecht als recht auf abgetreten Stiefeln oder gar barfuß so leise wie möglich durch einen schmalen Gang zu schleichen. Während sich der ein oder andere recht geschickt dabei anstellte, sich duckte, klein machte oder sich, soweit es möglich war, im Schatten aufhielt, gab es andere, die sich fast schon übertrieben aufrecht und ganz und gar nicht lautlos fortbewegten. Kalkarib gehörte eher zur ersten Gruppe, wobei sein verletztes Bein es ihm immernoch etwas schwer machte. Aus reiner Verzweiflung und in Ermangelung besserer Alternativen, entschied sich Yaqi, die junge Tobrierin mit den Hautbildern auf dem Kopf, dazu, den hölzernen Schemel der Wache als improvisierte Waffe mitzunehmen, was Kalkarib mit einer Mischung aus Grinsen und anerkennendem Nicken quittierte. Zwei Abzweigungen und eine Wendeltreppe, die sie nach oben führte, später, erreichten sie die vermeidliche Waffenkammer. „Da vorne ist sie“, flüsterte Halband, zeigte mit zwei Fingern auf eine Tür und zuckte dabei unkontrolliert mit dem Augenlid. Doch die Tür wurde bewacht, an einem Tisch saßen zwei Wachen in schwarzweißen Rabenmund-Wappenröcken und spielten gelangweilt miteinander Karten. Von ihrer Position aus mussten sie mindestens fünf Schritt bis zu ihnen überbrücken, was den Wachen – selbst, wenn sie überrascht waren – genug Zeit gab, auf ihr Anstürmen zu reagieren. Sofort machte sich Zweifel breit und Kalkarib hörte wie die Leute hinter ihm entmutigt miteinander flüsterten, wie sie dies bloß bewerkstelligen sollten. Kalkarib musste etwas unternehmen, ehe die Leute begannen, etwas Dummes zutun. Er packte Karmold an der Schulter und bekam dadurch seine Aufmerksamkeit. „Du übernimmst die rechte, ich den linken.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, warf Karmold einen ungläubigen Blick zu den Wachen. „Hat dich der Namenlose geritten, Novadi? Wir zwei gegen die?“, zischteder gealterte Kämpfer ungläubig und deutete bei sich selbst an die Stelle, an der normalerweise eine Waffe hing. „Mit einer Waffe, kein Problem, aber so … vergiss es“, schob er noch hinterher und schüttelte den Kopf. „Ohne mich“, sagte Karmold. „Dann mach ich es.“ Kalkarib blickte zu der Stimme, die zu Yaqi gehörte, die ihren hölzernen Wachschemel schon kampfbereit in den Händen hielt. Karmold machte bereitwillig für Yaqi Platz, die an seiner statt nach vorne trat. „Gut, dann wir“, entschied Kalkarib mit einen Blick auf den Schemel. Auch wenn ein bisschen Wahnsinn in den Augen der jungen Frau lag, so kam es ihm gerade nur mehr als recht. „Ich werde sie ablenken. Du kommst dann nach, sobald sie dir den Rücken zugedreht haben“, befahl er im Novadi-Akzent und wartete ihr bestätigendes Nicken ab. Er atmete ein letztes Mal tief durch und trat dann aufrecht aus dem Schatten zu den Wachen heran. „Salamaleikum, meine Freunde!“, sagte er in seinem besten Garethi und streckte dabei seine Arme ganz weit aus. „Eure Götter haben uns eine wundervoll kühle Nacht geschenkt, bei der selbst Rastullah neidig werden würde“, fuhr er fort und trat dabei Schritt für Schritt näher an die Waffenkammer heran. Die Wachen, eine Frau mit langem braunem Zopf und ein Mann mit ledriger Haut und einem dichten, zotteligen Bart, hatten sich inzwischen erhoben und ihre Hände an ihre Streitkölben gelegt. „Ich danke Rondra dafür, dass euer Herr mir meine Freiheit geschenkt hat, gepriesen sei die Weisheit das Hauses Rabenmund!“ Inzwischen hatten sich die beiden Wachen direkt vor die Waffenkammertür gestellt und Kalkarib stand genau vor Ihnen, was aufgrund des Winkels der Tür zu dem Gang, in dem die Tobrier warteten, dazu führte, dass sie jetzt mit dem Rücken zum Gang standen. „W-Wer bist du?“, platze es aus der Wache heraus. „Wer ich bin?“, entfuhr es Kalkarib mit gespielt höchster Empörtheit. „Ich bin die Spektabilität der geheimen Wüstentruppen der Magierakdemie zu Punin“, improvisierte er, vollführte dabei eine ausladene Geste und hoffte, dass Yaqi jeden Moment den Holzschemel über den Kopf der Wache ziehen würde. „Geheime Wüstentruppen? Was für Wüstentruppen?“, hakte die Wache nach und strich sich nachdenklich mit der Hand durch seinen Bart. „Die des …. Kalifen Malkillah, im Auftrag von Bey Nehazet ibn Tulachim.“ Kalkarib sah, wie seine flüchtig improvisierte Scharade so langsam einzustürzen drohte, weshalb er ins Schwitzen geriet, denn lange würde er die Wachen nicht mehr hinhalten können. „Bey Nehazet? Von dem habe ich schon mal gehört“, sagte die Frau und wirkte ernsthaft interessiert. „Ist das nicht der Prophet der …“ KNACK! Die Frau wurde jäh von einem hölzernen Schemel unterbrochen, der mit hoher Geschwindigkeit auf ihrem Hinterkopf aufschlug und sie auf der Stelle nicht nur zu Boden, sondern auch aus ihrem Satzbau schleuderte. Hinter ihr kam die breit grinsende Yaqi zum Vorschein. Kalkarib, der nur für einen kurzen Moment abgelenkt war, packte den langen Stil des Streitkolbens vom Wachmann und drückte mit aller Kraft dessen metallenen Kopf in Richtung des anderen fleischlichen. Noch ehe die Rabenmunder Wache seine Muskeln anspannen und seine Niederlage damit verhindern konnte, traf das Spitze des Streitkolbens seine Stirn, woraufhin er ohne Umschweife mit einer blutigen Wunde zu Boden sackte. Beide Wachen waren ausgeschaltet und ein Alarm schien ausgeblieben zu sein. „Was hast du so lange gemacht?“, erkundigte sich Kalkarib nervös bei Yaqi. „Ich war mir nicht ganz sicher auf welcher Seite du bist“,entgegnete die kahlköpfige Frau und brach in ein unterdrücktes Kichern aus. Kalkarib, der mit dieser Reaktion nicht so recht umzugehen wusste, entschied sich ebenfalls zu einem schwachen Grinsen, manchmal war es besser einfach nicht nachzufragen. Karmold und Yaqi nahmen die Streitkölben der Wachen ansich, während die anderen sie nach anderen Kurzwaffen und Münzen absuchten. Kalkarib winkte Radromir heran, denn mit Sicherheit war die Waffenkommen ebenfalls abgeschlossen. Dieser hüpfte angewidert über die betäubten Wachen und machte sich sofort am Schloss zu schaffen. „Gebt mir einen Moment der Ruhe, ja?“, sagte er noch und blickte die direkt bei ihm stehenden Yaqi und Kalkarib lange an. „Ich kann nicht wenn jemand guckt“, schob er noch hinterher und wirkte dabei wie ein kleines Kind, das soeben aus Versehen die Lieblingsvase ihrer Mutter kaputt gemacht hatte und reumürig um Vergebung bat. Mit einem synchon langen Ausatmen drehten sich Kalkarib und Yaqi um und blickten demonstrativ in andere Richtungen. Wäre die Situation, in der sie sich befanden, nicht so lebensbedrohlich gewesen, wäre sie absurd genug, um daraus eine Szene für ein Bühnenstück auf den Schauspielbühnen Havenas zu machen. Kurze Zeit später war auch diese Tür geöffnet und tatsächlich, sie hatten die Waffenkammer gefunden, welche jedoch entgegen ihrer Erwartung sehr leer war. Dann wurde ihnen bewusst, dass ja ein großteil der Besatzung der Burg momentan nicht hier war und sie daher nur noch wenig Ausrüstung hier hatten. Doch der spärliche Rest genügte, um sie trotzdem alle zu bewaffnen. Kalkarib fühlte sich für einen kurzen Augenblick lang sehr glücklich, als er unter einem grob gewebten Tuch seinen Säbel wiederfand. Auch, wenn es ihm nicht unbedingt den Erfolg sicherte, aber er war der Freiheit damit ein Stück näher gerückt und hatte sein Schicksal nun wieder in seinen eigenen Händen, zumindest fühlte es sich für ihn so an. „So, auf geht’s, holen wir Belzora und dann verschwinden wir von dieser Burg“, waren seine Worte, als er mit seinem Khunchomer die Waffenkammer verließ und vor sich einen kleinen Haufen Tobrier vorfand, die nicht nur bewaffnet, sondern auch noch in höchsten Maßen bereit waren ihm und seinem Befehl zu folgen. Er verschwendete keinen Gedanken daran, dass er gerade zum Anführer eines verfeindeten Trupps geworden war, der eine verfeindete Gefangene befreien wollte und bereit war, dafür verbündete Streitkräfte zu töten.

Teil VI – Die Sehnsucht nach Geborgenheit (2)

Im Kerker von Burg Rabenmund – 22. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag

Kalkarib musste den ganzen Tag im Kerker von Burg Rabenmund an Belzoras Worte denken: Heute Nacht werden wir fliehen. Immer wieder testete er sein verletztes Bein, spannte es an, drehte es und stieß es vorsichtig gegen die Wand, um herauszufinden, wie belastbar es war. Die Verbände mussten zwar dringend gewechselt werden, doch Adellindes Wundversorgung schien wirklich hervorragend zu sein, auch wenn er den Schmerz noch spürte, so würde ihn sein Bein bei einem vermeidlichen Fluchtversuch nicht allzu sehr einschränken. Doch sein Bein war nicht seine einzige Sorge, die ihn den ganzen Tag über quälte. Was, wenn er, oder dieser Radromir, der in der Lage sein soll, das Schloss auf magische Weise zu öffnen, von dem jungen Rabenmund-Spross aus der Kerkerzelle geholt werden. Der Wüstensohn spürte, wie ihm seine Sorgen die Kehle zuschnürten. Nicht, dass er etwa hätte sagen wollen, doch das Unbehagen in ihm wurde immer mächtiger. Der ganze Plan Belzoras hing an einem seidenen Faden und warum waren sie nicht schon früher geflohen, wenn sie in der Lage waren, die Kerkertür zu öffnen? Er traute sich nicht es anzusprechen, denn er wusste, jedes Gespräch mit ihr barg potenziell die Möglichkeit in sich, seine ungewollte, aber lebenssichernde Tarnung auffliegen zu lassen. Irgendwann am Nachmittag wurde ihnen eine große Schüssel Haferbrei hereingereicht, Belzora, die so etwas wie Anführein hier in Kerker war, nahm sie sofort an sich und stellte sie, ohne auch nur ein Wort zu sagen, zuerst vor Kalkarib, ohne dass sich jemand wagte dem zu widersprechen. „Hier, wenn du zuerst davon isst, ist es vielleicht nicht ganz nach deinen Gesetzen, aber besser, als wenn die anderen ihre Finger drin hatten“, sagte sie und setzte sich im Schneidersitz vor ihn hin. Würde sie ihm jetzt etwa beim Essen beobachten? „Danke, ich …“, entgegnete er mit hauchender Stimme, „… habe keinen Hunger.“ Was glatt gelogen war, er hatte sogar einen solchen Hunger, dass er jetzt einen ganzen Feigenbaum hätte leer essen können, aber als er einen Blick in die Schale warf, überkam ihn ein spontaner Würgereiz. Er hatte ohnehin noch nie verstanden, wie diese Mittelreicher diesen Schleim essen konnten, aber den Brei, den er sonst von seinen Mitreisenden kannte, sah wenigstens etwas appetitlicher aus als dieser, der ihn eher an eine Pferdetränke erinnerte, die seit Wochen nicht mehr gewechselt wurde. „Du musst etwas essen.“ Belzoras Worte waren streng, aber dennoch liebevoll, wie die Worte einer Mutter zu ihrem Kind, wenn es krank war und unbedingt etwas essen musste, um wieder gesund zu werden. „Du musst zu Kräften kommen für heute Nacht“, schob sie hinterher und tippte auf den Rand der Schüssel, wobei sie ihn mit ihren blauen Augen so fest anstarrte, dass sich Kalkarib weder traute zu verneinen, noch ihr in die Augen zu schauen. Er musste das Spiel mitspielen, das war klar, und dazu gehörte auch die Flucht aus den Fängen der mittelreichischen Adelsfamilie, die eigentlich auf seiner Seite waren. Er schluckte einen Klos im Hals herunter und holte sich, seinen Ekel beiseite schiebend, etwas von den stückigen Morast aus der Schüssel. Als er es sich in der Mund schob wollte sein Körper es am liebsten sofort wieder ausstoßen, doch er zwang sich es herunterzuschlucken. „So ist es gut, nimm noch etwas.“ Belzoras Lippen formten ein Lächeln. Sie gab einem der anderen ein Zeichen, der sich sofort an die Zellentür begab, um zu lauschen, ob draußen vor der Kerkertür jemand war. Als er den Kopf schüttelte kauerte sich die kräftige Frau auf den Boden und zischte einmal kurz, woraufhin die ganzen Insassen, die überall verstreut lagen begannen sich wie Widergänger zu erheben und um sie zu scharren. Während Kalkarib mit den zweiten ‚Bissen‘ kämpfte, zählte er das erste Mal, wie viele es waren. Aufgrund des kleinen Fensterspalts und der auf- und übereinander liegenden Personen war es ihm bisher schwergefallen. Er zählte, mit sich und Belzora, insgesamt 15 Gefangene. Ob das reichen würde, um eine voll ausgestattete und alarmierte Wachmannschaft zu überwältigen und von einer gesicherten Burg zu entkommen? Er zweifelte daran, doch andererseits blieb ihm nichts anderes übrig, denn auf Rettung zu warten war für ihn keine ernstzunehmende Option. Nach dem zweiten widerlichen Happen vom Brei beschloss Kalkarib die Schüssel an die anderen weiterzugeben und gesellte sich zu der verschwörerischen Runde dazu, angeführt von der blonden Tobrierin, deren schmutzigen Oberschenkelmuskeln in der hockenden Pose noch mehr als sonst zur Geltung kamen. „Der Plan ist folgender …“, begann sie im leisen Tonfall und berichtete detailliert davon, wie sie vorgehen würden. Dabei wurde Kalkarib auch klar, wieso sie nicht schon die letzten Tage versucht hatten zu fliehen: Sie hatten kurz vor Kalkaribs Ankunft vernommen, dass heute, in der Nacht vom 22. auf den 23. Peraine, erneut ein Großteil der bewaffneten Mannschaft ausreiten würde und nur eine Minimalbesatzung auf der Burg zurückbleiben würde. Das heißt, ihre Chancen zu fliehen würden steigen. Dieser Radromir, so schätzte es Kalkarib zumindest ein, musste ein Scharlatan oder soetwas sein, der ein paar kleine Zaubertricks konnte, darunter unter anderem einen, mit dem er Schlösser öffnen konnte. Belzoras Plan war es, die Nachtwache zu überwältigen und zur Rüstkammer zu kommen, um sich und die anderen die bewaffnen. Kalkarib hoffte, dass auch seine Sachen dabei sein würden, denn mit den Waffen der Mittelreicher war er nicht vertraut. Einer von ihnen, ein schlanker Mann, dem an der rechten Hand zwei Finger fehlten und der immer wieder hektisch mit einem Auge zwinkerte, schien den Aufbau der Festung gut zu kennen, denn Belzora erwähnte, dass er schon mal hier war und sie ihm folgen müssten, um zu einem geheimen Ausgang zu kommen. Sie konnten schlecht die Festung über das geschlossene Haupttor verlassen. Das Gitter hochzuziehen und das schwere Holztor zu öffnen, würde zu viel Aufsehen erregen, zumal sie wahrscheinlich zu wenige waren, um dies zu bewerkstelligen. Warum der ‚fingerlose‘ Mann, den Kalkarib gedanklich ‚Halbhand‘ taufte, Burg Rabenmund so gut kannte, dass er sogar den geheimen Ausgang kannte, war ihm schleierhaft, doch im Moment war er eine sehr wichtige Person für den Erfolg ihrer Flucht, weshalb Belzora befahl, dass er auf jeden Fall zu beschützen sei. Er war es auch, der wusste, wo sich die Rüstkammer befand. In verschwörerischem Tonfall schloss Belzora dann die Unterredung: „Das ist der Plan. Denkt daran, egal wer von uns dieser Nacht von dem Rabenmund-Kind ausgewählt wird, muss dichthalten. Wir werden keinen Aufstand wagen, egal wer geholt wird. Wir werden so oder so kurz danach ausbrechen und ihn befreien, also spielt auf Zeit.“ Die Männer und Frauen nickten. Das war ein kluger Schachzug von ihr, dachte sich Kalkarib. So versicherte sie sich, dass der oder diejenige Stillschweigen bewahren würde bei der Folter. Sie sagte das mit einer solchen Überzeugung, dass sich der Novadi nicht sicher war, ob sie wirklich die Wahrheit sagte, oder ob es nur ein Mittel war, um den Fluchtplan sicherzustellen. Es gab also zwei Schlüsselpersonen für den Erfolg, Radromir der Scharlatan, der Schlösser öffnen konnte und ‚Halbhand‘, der wusste, wie der schnellste Weg zur Waffenkammer war und wo sich der geheime Ausgang befindet. Kalkarib prägte sich die Gesichter der beiden gut ein, denn alle anderen waren entbehrlich. Da ertappte er sich bei dem Gedanken, dass das nicht für Belzora galt, denn in seinem Verständnis von Ehre schuldete er ihr etwas. Er war sich nicht sicher was, aber er stand in ihrer Schuld.

Die Stunden bis zum Abend waren zäh wie Trockenfleisch, es fiel Kalkarib schwer, einen klaren Gedanken zu fassen und sich zu fokussieren. Wie er doch die Gebete zu Rastullah vermisste, sie gaben ihm Fokus und Klarheit im Geist, befreiten ihn von liderlichen Gedanken und reinigten seine Seele. Seit Tagen hatte er nun nicht mehr gebetet und ihm wurde schmerzlich bewusst, dass er seinen Gebetsteppich wohl nicht in der Waffenkammer finden würde. Doch wenn er erst einmal draußen sein würde, könnte er sich zum Gebet wenigstens etwas von den anderen zurückziehen, der All-Eine würde es ihm verzeihen. „Kalkarib?“, hörte er die Stimme Belzoras, die ihn aus seinem Gedankenpalast riss. „Ja, was ist?“, sagte er im barschen Tonfall. „Bist du bereit für heute Nacht?“ „Ja, bin ich.“ Was hätte er auch anderes sagen sollen? „Ich meine wegen deinem Bein – kannst du gehen?“, erkundigte sie sich und schien ernsthaft besorgt zu sein. Kalkarib setzte sich auf, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kerkerwand und sah sie an. Ihr strubbeliges langes Haar umspielte ihr markantes Gesicht und ihre Augen sahen ihn auf eine Weise an, die in ihm gleichwohl Unbehagen und den Drang nach Vertrautheit hervorriefen. Noch immer war ihm nicht klar, was die kräftige Frau in ihm auslöste, noch nie zuvor hatte er für eine andere Person solche Gefühle empfunden. „Es wird gehen, mach dir um mich keine Sorgen“, sagte er im typisch novadischen Akzent und so willensstark er im Moment konnte, denn er durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Auch wenn ihm inzwischen klar war, dass sie aus absurd ersthaft persönlichen Interesse fragte und nicht aus takischen Gründen, um herauszufinden, wer das schwächte Glied in der Kette war, so wollte er aus ebenso absurden Gründen ihr gegenüber Stärke demonstrieren. Sie beugte sich plötzlich vor und ihr würzig-weibliches Odeur drang in Kalkaribs Nase, er erstarrte, als sich ihre Gesichter direkt voreiander befanden. Sie wollte ihn küssen und er war erschreckenderweise bereit dafür, doch dann schob sie ihr Gesicht im letzten Moment an dem seinen vorbei, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, wobei ihre langen blonden Haare an seinen Wangen kitzelten und er sofort eine aufsteigende Wärme der Erregung in sich spürte. Er war in dem Moment hellwach und atmete tief aus, während er ihre warme Stimme an seinem Ohr vernahm: „Ich geb auf dich acht. Ich bring dich hier lebend raus.“ Seine Lippen zitterten, als er die Worte vernahm, die Aussicht nach Geborgenheit in ihm wurder größer denn je. Sie tätschelte noch ein letztes Mal zärtlich seine Wange, bevor sie sich zurückzog, um ihre Wadenwickel etwas strammer zu wickeln. Er vermochte nicht zu sagen warum, aber in ihm sprang sein angeborenre ‚Beschützerinstinkt‘ an: ER sollte SIE beschützen, und nicht andersherum. Er musste ihr gegenüber Stärke beweisen, doch er wusste nicht wie. In seinem Zustand war er dazu kaum in der Lage. Doch dann änderste sich adhoc seine Stimmung, als er sich dabei ertappte, wie er daran dachte, sie, die ihm völlig Fremde Tobrierin, zu beschützen. Kalkarib schämte sich, er versuchte an sein Weib, Delia, und an seinen Stammhalter zu denken, er musste die unreinen Gedanken aus seinem Kopf verbannen. So verbrachte er die nächsten Stunden damit an Zuhause zu denken, an El’Trutz und wie friedlich alles sein würde, würde er doch nur mit Delia wieder vereint Zuhause sein können. Doch die Gedanken an Delia und seine Heimat waren nicht von langer Dauer, irgendwann begann er erneut daran zu denken, wie es ihm gelang, Belzora und den Anderen Stärke zu beweisen und in ihm gährte ein Plan.  

Spät am Abend war die Nacht war schon lange über Burg Rabenmund hereingebrochen und der schmale Streifen Licht, der die Kerkerzelle nur spärlich erhellte, war schon längst fort, als Schritte vor der Tür zu vernehmen waren. Sofort machte sich Anspannung breit, denn jeder wusste, dass dieser Moment nicht nur über den Ausgang ihres Fluchtplans entscheiden konnte, sondern auch über das eigene Leben. Sie hörten eine kurze Unterhaltung und das Ausstoßen eines Gelächters, anscheinend war den Wachen zu scherzen zumute. Das Schloss ächzte, als die Wache den Schlüssel herumdrehte und als die Tür aufschwang fiel das erste Mal seit Stunden wieder Licht in die Zelle. Zwei massige Wachen, mit den Händen an ihren Schwertknäufen, schoben sich hinein, dicht gefolgt von dem adrett gekleideten jungen Rabenmund-Sprössling mit den Rabensymbolen auf der Gürtelschnalle. Fast zwei Köpfe war er kleiner als die Wachen, die beim Hereinkommen hier und dort die Insassen beiseitetraten, um dem Jungspund Platz zu machen. Ein jeder verbarg sein Gesicht im Stroh oder blickte zur Wand, als sich der Spross arrogant in der Zelle umsah. Auch Kalkarib schaute weg und konnte nur einen kurzen Blick auf ihn erhaschen. Sein Gesicht war zu Belzora gedreht und im schwachen Laternenlicht trafen sich ihre Blicke. In ihren Augen spiegelte sich das Licht wider und für einen Moment musste er an den klaren Sternenhimmel in Mhanadistan denken, den er so sehr vermisste. Da wurde ihm schlagartig klar, wie er Stärke zeigen konnte. Während der Jüngling sein nächstes Opfer aussuchte, vergingen die Momente quälend langsam, in denen nur gelegentliches Scharren im Stroh oder ein verängstiges Wimmern zu hören war. Dem Wüstensohn war klar, dass der Rabenmund-Bengel jeden Moment genoss, in dem der kleine Raum mit Angst vor ihm geschwängert war. Doch Kalkarib wusste es besser. Das war nur ein unerfahrener Jungspund und er musste dies den anderen beweisen. Er musste den jungen Mann ansehen, um allen anderen und vorallem Belzora zu zeigen, dass er mutiger war sie, denn er war ein tapferer Streiter Al’Salis, ein stolzer Sohn der Wüste, der sogar schon die Niederhöllen überlebt hatte. Er drehte sich leicht, so dass er ihn direkt anblicken konnte und was er sah, erfüllte seine Erwartungen: Er sah einen jungen und hageren mittelländischen Bengel, der ein süffisantes Lächeln auf den Lippen hatte und dessen Augen den Raum nach dem nächsten Opfer sondierten. Als sich ihre beiden Blicke trafen, zwang sich Kalkarib, den Blick nicht von ihm abzuwenden, denn er, Kalkarib al’Hashinnah, war kein feiger Mann, er war besser als dieser ehrlose Wicht. „Was tust du?“, hörte er zwischen zusammengebissenen Zähnen Belzora zischen, gerade so laut, dass nur er es hören konnte, während sich die schmalen Lippen des Jünglings zu einem süffisanten Lächeln formten. „Den da“, tönte er selbstsicher und streckte einen Finger mit sichtlich sauberen Fingernagel nach ihm aus. Ohne Umschweife machten sich die Wachen daran Kalkarib zu holen und er war bereit dafür, er hatte sich extra so hingelegt, dass er den ersten mit einem Fussfeger ins Straucheln bringen oder gar zu Fall bringen konnte. Den zweiten mussten die anderen übernehmen. Er würde sich nicht feige dem Schicksal ergeben, er war bereit das Heft in die Hand zu nehmen und ehrhaft zu kämpfen. Doch noch ehe er zum Fußfeger ansetzen konnte, war Belzora schon aufgesprungen. Wie konnte sie nur so unmenschlich schnell auf den Beinen sein? Die erste Wache ächzte und brach kurz darauf zusammen, anscheinend hatte sie ihm im Halbdunkel einen mächtigen Tiefschlag in den Unterleib verpasst. Kalkarib wollte aufspringen, ihr helfen, doch der Wachmann stürzte unglücklich, samt des Gewichts seines Kettenhemds, auf seine Beine und sofort schoß ihm gellender Schmerz bis hoch in den hinteren Rücken, der ihn kurzerhand betäubte. Um ihn herum brach ein Tumult aus, den er aufgrund der betäubenden Schmerzen nicht richtig wahrnahm und erst, als er wieder zu sich kam, blickte er zur Tür, wo er sah, wie drei Wachen die betäubte Belzora aus dem Raum schleiften. Kalkarib setzte sich mühevoll auf. Es war zu spät, um zu helfen. Niemand anderes im Raum hatte die Initiative ergriffen, sie alle kauerten sich so dicht sie konnten an die Wände, denn hier war jeder sich selbst der nächste. Der Jüngling verließ als letzter die Kerkerzelle, und trug, und das war für Kalkarib Genugtuung genug, Furcht in den Augen und einen filigranen Dolch in den zittrigen Händen. Also war es eben doch nur ein Kind in feinen Stoffen, dem man zu viel Macht gegeben hatte. Erst, als das Schloss wieder zugeschlossen und es finster in der Zelle war, wurde sich Kalkarib wirklich bewusst, was gerade geschehen war. Belzora, seine einzige Verteidigungslinie und die starke Anführerin des Zellenaufstands war soeben, wegen ihm, aus der Zelle abgeführt worden und somit Opfer ihrer eigenen Worte. Denn sie war es selbst, die wollte, dass es keinen Aufstand gibt, egal wer heute geholt wird. Noch ehe die Stimmung in der Zelle kippte, musste jemand etwas tun und dieser jemand war Kalkarib.  

Teil VI – Sehnsucht nach Geborgenheit

Irgendwann und Irgendwo
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Belzora

Zeit – ein Begriff, über den sich Kalkarib noch nie so sehr Gedanken gemacht hatte, wie in den letzten Stunden. Laut Belzora war er nur ein paar Stunden, bevor er das erste Mal aufgewacht war, von seinen Peinigern in die Zelle geworfen worden. Da zu der Zeit noch Licht schien, lag die Vermutung nah, dass es noch der selbe Tag war, wie der, an dem er entführt wurde, sicher war er sich jedoch nicht. Er lag wach, das Schwindelgefühl hatte ihn fürs erste verlassen, zumindest solange er ruhig dalag. Kein Licht drang mehr durch den schmalen Spalt, es musste irgendwann mitten in der Nacht sein. Um ihn herum lagen ein dutzend schnarchender Mitinsassen. Eng an Eng und sogar teils übereinander lagen sie auf dem harten Boden, der mit einer kaum erkennbaren Schicht altem und nassen Strohs bedeckt war. Dank Belzora hatte Kalkarib ein eigenes kleines Plätzchen an der Wand und musste nicht mit den anderen in den Körperkontakt gehen. Im Laufe des Tages hatte Kalkarib einen neuen Höhepunkt an Ekel in seinem Leben erreicht, als er schockiert mitansehen musste, dass der selbe Eimer, aus dem alle Menschen in der Zelle noch am Tage tranken, sich am Ende des Tages entleerten. Auch wenn er sich weggedreht und sich die Ohren zugehalten hatte, so wusste er, dass nur anderthalb Schritt von ihm entfernt ein Eimer voller menschlicher Ausscheidungen stand, den sie nicht einmal abdecken konnten und der deshalb den Raum in eine nicht erträgliche Stinkwolke hüllte, an die er sich zu seiner eigenen Beschämung inzwischen gewöhnt hatte.

Es war tief in der Nacht, während das Madamal einen schwachen Schein durch das schmale Fenster warf, als Kalkarib sich der vollen Tragweite seiner neuen Situation wirklich bewusst wurde. Er war in einem ihm unbekannten, nassen und kalten Kerker gefangen. Seine Peiniger hielten ihn für einen Anhänger Galottas und hatten ihn mit solchen eingesperrt. Er hatte keinen Beweis bei sich, der seine Worte hätte bekräftigen können, dass er eigentlich mit einem mittelländischen Ritter reiste und auf ihrer Seite stand. Er wusste nicht wie es Adellinde und Sieghelm erging, ob sie überhaupt noch am Leben waren und wenn ja, ob sie wussten in welche Not er geraten war und ob sie ihn aus dieser misslichen Lage befreien konnten. Kalkarib schämte sich dafür, aber im Moment war Sieghelm seine einzige Hoffnung auf Rettung. Auch wenn Kalkarib es nur ungern zugab, das Wort des Reichsritters hatte Gewicht in diesem Land und wenn er hier auftauchen und sagen würde: ‚Der dort gehört zu mir‘, dann würde Kalkarib entgegen jeglicher Vorsätze mit Freuden zustimmen und sich von ihm aus diesem Kerker befreien lassen. Im Stillen betete er zu Rastullah, dass er Sieghelm und Adellinde hierher führen würde, um ihn zu befreien. Er wusste nicht, wie lange er hier noch als Schaf im Wolfspelz das Spiel mitspielen konnte und ob sie ihm am Leben lassen würden, wenn herauskommt, dass er eigentlich auf der Seite des Mittelreiches stand. Wie sich das anhört, dachte sich Kalkarib. ‚Auf der Seite des Mittelreichs‘ – er hätte nie von sich gedacht, dass er einst so denken würde. Doch hier im Kerker gab es nur ein ‚die‘ oder ‚wir‘. Er wog seine Chancen ab, ob er Belzora erklären sollte, dass er eigentlich nicht zu Dschafars Truppen gehörte, sondern einfach nur ein Mann aus Mhanadistan war. Doch auf die Frage, was im Rastullahs Namen ein Novadi dann während des Krieges hier zu suchen hatte, fiel ihm keine wasserdichte Antwort ein. Also musste er die Maskerade vorerst weiterspielen, denn ihm bleib keine Wahl – zumal er so den Vorzug hatte, dass solange er es mitspielte, Belzora ihre schützende Hand über ihn hielt. Zumindest solange er noch angeschlagen war, musste er mitspielen, auch wenn sich damit die Entschuldigungen an Rastullah nur noch weiter häuften. Er vermisste seinen Gebetsteppich, zu gerne würde er nun zum Alleinen beten, um auf diese Weise ein wenig Ruhe und Einklang finden zu können. Doch seine Peiniger hatten ihn ihm genommen. ‚Was sind das nur für Unmenschen?‘, fragte er sich und verfluchte sie dafür, dass sie ihm nicht mal seinen Gebetsteppich gelassen hatten. Selbst in den Kerkern in Mhanadistan ließ man den Gefangenen ihre Teppiche – denn niemals würde ein anständiger Novadi auf die Idee kommen, damit etwas anderes anzustellen, als ihn für das Gebet zu nutzen.

Plötzlich hörte Kalkarib Schritte, die der Kerkertür näher kamen. Aus seinen Gedanken gerissen lauschte er ihnen. Es waren mehrere Personen und sie hielten direkt vor ihrer Kerkertür an. Durch einen sehr kleinen Schlitz in der Tür fiel Fackellicht ins Innere des Kerkers. Kalkarib überlegte, ob er sich vorsichtig hinstellen sollte, um mit den Kerkermeistern zu reden und sich zu erklären. Doch egal wie leise er zu Ihnen sprechen würde, die anderen im Raum würden seine Worte zweifelsohne mitbekommen und die Maskerade hätte ein jähes Ende. Also blieb er liegen, so wach wie man nur sein konnte, denn er verspürte Angst vor dem, was er jetzt kommen mochte. Die Tür wurde aufgesperrt und geöffnet, während das Kerkerinnere nun durch das Fackellicht in Gänze erhellt wurde, wurden seine Mitinsassen zum Teil wach, hielten sich die Hände vor die Augen oder drehten sich weg. Kalkarib blinzelte vorsichtig, um zwar sehen zu können was passierte, aber um nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Von seiner Position aus konnte er zwei bewaffnete Wachen ausmachen, die sich in ihm unbekannten Wappenröcken in die Tür schoben. Zwischen ihnen stand ein junger, gerade einmal fünfzehn Sommer zählender Bursche mit neugierigem Blick. Seine Kleidung war ungewöhnlich fein und verziert, seine Stiefel so sauber, dass sich der Fackelschein darin widerspiegelte und sein Gürtel war mit mehreren golden glänzenden Beschlägen punziert, auf denen ein Vogel in verschiedenen Positionen zu sehen war. Kalkaribs Blick fiel auf seine Dolchscheide an dessen Gürtel, in dem ein ebenfalls verzierter und silberner Dolchgriff steckte. Der Junge sah sich neugierig im Kerker um. War er etwa so jemand wie Sieghelm, der nun jemanden, der auf unglückliche Weise hier gelandet war, befreit? Zumindest war dies Kalkaribs erster Gedanke. Der Bursche deutete auf einen Mitgefangenen. „Den das“, sagte er in freudiger Erwartung. Offensichtlich hatte der Busche jemanden wiedererkannt, was Kalkaribs zweiter Gedanke war. Doch als die Wachen den Mann laut protestierend, wimmernd und unter lautem Hilfegeschrei aus der Kerkerzelle schleiften, verwarf Kalkarib seine beiden Gedanken. Alle anderen Insassen sahen hilflos zu, selbst Belzora tat nichts, als der Mann Anfang zwanzig unter offensichtlicher Todesangst aus der Zelle gezerrt wurde. Als die Kerkertür wieder ins Schloss fiel und abgeschlossen wurde, kehrte zuerst keine Stille ein. Der entführte heulte und schrie noch eine Weile – doch die Stimme entfernte sich und irgendwann endete sie abrupt. In der Kerkerzelle war schon vor der Tat eine bedrückende Stimmung, doch nun konnte Kalkarib förmlich spüren, wie sich Angst und Verzweiflung noch tiefer in die Seelen der Männer und Frauen brannte. Kalkarib lag noch eine Weile wach, denn er zermarterte sich den Kopf, was mit dem Gefangenen wohl passierte. Wurde er verhört? Wurde er gefoltert? Oder beides? Wenn er solche Angst hatte, dann war es nicht das erste Mal, dass das passierte und konnte es auch ihn treffen? Was wenn sich die Kerkermeister entschieden IHN rauszuholen? Zumindest wäre er dann mit ihnen alleine und konnte ihnen, ohne Angst enttarnt zu werden, seine ganze Geschichte erzählen – doch würden sie ihm glauben schenken? Zweifel nagte an Kalkarib, und die Angst, hier in der Kerkerzelle sein Ende zu finden, stieg in ihm auf. Er würde sein hübsches Weib und seinen liebevollen Sohn nicht mehr wiedersehen, zudem würden sie in der Ungewissheit leben müssen, was mit ihm passiert war, denn niemand – nicht einmal Sieghelm – konnte wissen, was mit ihm passiert war. Er wusste schließlich selber nicht, wo er sich befand. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass sie ihn aus einer misslichen und hoffnungslosen Situation befreiten. Kalkarib gab die Hoffnung nicht auf, dass er hier lebend rauskam, er wusste nur noch nicht wie. 

Am nächsten Morgen, als die Kerkermeister den Eimer gegen einen – so hoffte er es zumindest – frischen Eimer mit Wasser tauschten, machten sich erstmal alle über das kühle Nass her. Belzora hatte den Wächter tatsächlich gefragt, ob sie für ihren Novadifreund eine Extraschüssel hätten, da er wie sagte wegen seines Glaubens, eine eigene Schüssel bräuchte, was die Wache jedoch verneinte. Kalkarib hatte das mit der Schüssel wegen der Ereignisse der Nacht schon vergessen gehabt, weshalb er umso verwunderter war, dass sich die blonde und kräftige Frau am nächsten Morgen daran erinnerte. Kalkaribs Schwindelgefühl wurde besser, und seine Verletzung am Bein schmerzte auch nicht mehr so sehr. Inzwischen war er sehr froh, dass eine fachkundige Heilerin und nicht er selbst sein Bein versorgt hatte. Rastullah allein wusste, ob es sich unter diesen Bedingungen wohl sonst entzündet hätte. „Geht es dir besser?“, erkundigte sich Belzora und reichte ihm eine Schüssel Wasser, damit er nicht selbst aufstehen musste. Neben ihr wirkte der schlanke Kalkarib wie ein Kind. Ihre Oberarme waren fast so groß, wie die von Sieghelm und ihre Schenkel waren so stark, dass sie damit bestimmt einen ganzen Baumstamm alleine anheben konnte. Kalkarib war immer wieder aufs Neue verwundert, wenn er sich mit ihr direkt neben sich verglich. „Es geht schon besser“, sagte er und trank etwas Wasser, das seinem rauen Hals guttat. Dann fasste er den Mut zu fragen: „Belzora, kannst du mir sagen, was in der Nacht passiert ist? Du hast es doch bestimmt auch mitbekommen.“ Sie lehnte sich gegen die Steinwand und starrte geradeaus. Ihr Blick wurde leer, als sie begann davon zu berichten. „Das geht hier schon seit dem Tag unserer Gefangenname so. Jeden Abend holt er einen von uns raus.“ Sie atmete tief durch und ihre Stimme wurde zittrig. „Manchmal hört man noch stundenlang danach Schreie und manchmal, so wie gestern, wird es schnell still. Keiner von ihnen ist bisher zurückgekehrt. Mögen die Götter über sie wachen.“ Der letzte Satz, den sie nachschob, verwunderte Kalkarib etwas. Erwähnte Sieghelm nicht, dass diese Leute die Dämonen anbeteten? Doch das war im Moment nicht wichtig. „Wer ist er … und wen holt er sich?“, fragte er, denn er wollte einschätzen, ob er es entweder beschleunigen oder verlangsamen wollte ‚ausgewählt‘ zu werden. „Wir sind hier auf Burg Rabenmund, ich dachte, das wüsstest du. Das ist die Stammburg der Familie und der Bursche, der jede Nacht zu uns kommt, ist der aktuelle Burgherr, da alle anderen seiner Familie fort sind – er kann also machen, wonach ihm beliebt.“ Kalkarib schluckte. Der Name Rabenmund sagte ihm etwas, er hatte ihn aus Sieghelms Erzählungen schon mal gehört und er glaubte, dass bei der Frühlingsturney auch welche dabei gewesen sein sollen. Es musste wohl eine bedeutende Familie des Mittelreiches sein, dachte er sich. Das erklärte ihm auch die Vogelmotivik am Gürtel des Jungen – es waren Raben. „Ich kann mich doch nicht an alles erinnern“, log der Wüstensohn und tat so, als würde er noch immer unter Gedächtnisverlust leiden. „Wo liegt diese Burg? Ist sie weit von …“ Dieses Mal hatte Kalkarib den Namen tatsächlich vergessen. „… ähm, diese Burg wo die ganzen Praiosdiener wohnen, entfernt?“ Kalkarib kam sich dämlich vor, er wünschte sich bei Sieghelms Erzählungen öfter zugehört zu haben. In seiner aktuellen Situation hätte es ihm geholfen, mehr über das Land und die Leute zu wissen. Es war jedoch seiner eigene Arroganz und Stolz geschuldet, dass er so gut es ging vermied, mehr darüber zu lernen, denn Kalkarib redete sich stets ein, dass er sich hier nicht lange aufhalten würde und es daher nicht notwendig war, so viel über das Land und die ganzen Adelsfamilien zu wissen. „Sprichst du von Burg Auraleth? Mensch, Kleiner – du hast ganz schön was abbekommen.“ Belzora knuffte ihn vorsichtig an der Schulter, doch auch ihr kumpelhafter Schlag war kräftig genug, um Kalkarib ins Wanken zu bringen. Als Kalkarib nickte, fuhr sie fort: „Die Stammburg der Rabenmund liegt etwa zwei Tagesreisen von Burg Auraleth entfernt.“ Kalkarib traf der Schlag: Zwei Tage?! Er war ganze zwei Tagesreisen von den anderen entfernt? Jetzt war er sich auch nicht mehr sicher, ob er noch am selben Tag im Kerker angekommen war. „Welcher Tag ist heute?“ Kalkaribs Stimme zitterte, als er die Frage stellte. Belzora blickte prüfend zum Fensterschlitz, wo die Sonne wieder den Eimer in der Mitte des Kerkers erhellte. „Heute müsste der 22. des Monats sein.“ Kalkarib versuchte sich seine Verzweiflung nicht anmerken zu lassen, doch in ihm zerriss etwas. Er wurde am Mittag des 18. entführt – zumindest nach der mittelländischen Zeitrechnung. Das bedeutete, dass schon vier Tage vergangen waren und da weder Sieghelm noch Adellinde hier aufgetaucht waren, konnte das nur bedeuten, dass sie entweder selber in einer Notsituation steckten, ihn noch immer suchten oder ihn für tot erklärt haben. Seine Hoffnung schwand von Moment zu Moment. „Hey Kleiner, mach dir keine unnötigen Sorgen.“ Sie knuffte ihn wieder freundschaftlich, anscheinend hatte er seine Verzweiflung nicht gut genug verborgen. „Ich habe schon einen Plan wie wir hier rauskommen“, flüsterte sie im verschwörerischen Ton und legte ein breites, gewinnendes Lächeln auf. Es war das erste Mal, dass er sie lächeln sah und zu seiner eigenen Verwunderung, sah sie unter der dicken Schicht aus Schmutz und Kratzern im Gesicht gar nicht so schlecht aus. Sie war zwar nicht wirklich sein Typ, aber wenn ihr blondes Haar gewaschen und ihr Körper und Gesicht gepflegt waren, würde sie bestimmt eine ansehnliche Frau sein. Ihr muskulöser Körper irritierte Kalkarib noch immer, denn er machte es ihm leichter sie anzusehen, da er immer wieder vergaß, dass sie eigentlich ein Weib war und er dabei jedes Mal gegen eines der 99 Gesetze verstieß. „Der gute Radromir dort hinten …“, fuhr sie leise fort und zeigte auf einen der Mitgefangenen auf der anderen Seite des Raums, „… kann das Schloss der Tür mittels Zauberei öffnen. Wir überwältigen dann die Wachen und fliehen von dieser verfluchten Festung.“ Als Belzora ‚die Wachen überwältigen‘ erwähnte, drehte sie ihre beiden kräftigen Fäuste übereinander in verschiedene Richtungen. Kalkarib war klar, dass sie mit dieser Geste meinte, sie töten zu wollen. Er hatte kein Problem damit, jemanden umzubringen, doch als ihm klar wurde, dass die Bewohner von Burg Rabenmund eigentlich diejenigen waren, auf deren Seite er stand, wurde ihm unbehaglich bei dem Gedanken. Er entschied sich daher für ein knappes: „Ich verstehe“, und trank den letzten Tropfen Wasser aus der Schüssel aus. „Wir …“, begann Beloza wieder und rücke noch etwas dichter an Kalkarib heran. So dicht, dass sie ihren muskulösen Schenkel auf seinen legte und er ihre Wärme spüren konnte. Sie Griff dabei mit ihrer kräftigen Hand nach seiner inzwischen bärtigen Wange und er spürte ihren heißen Atem an seinem Ohr: „ … werden es in der Nacht der toten Mada tun, und zusammen werden wir von hier entkommen.“ Kalkarib fuhr ein feuriges Kribbeln durch den Körper, als Belzora ihm so unangenehm und gleichwohl erregend nahe kam. Es war lange her, dass er das letzte Mal die Bettstatt mit Delia geteilt hatte. Er wusste nicht warum sich Belzora so sehr um ihn kümmerte und ihn beschützte, aber im Moment war es das Beste für ihn, das Spiel mitzuspielen. Als Belzora von alleine wieder von ihm abließ, drehte er sich zur Seite und blieb noch eine Weile so liegen, denn er spürte eine lange nicht mehr gefühlte Erregung, und das obwohl dieser Ort nach allem stank, was menschliche Körper ausscheiden konnten und förmlich danach schrie, dass dies der schlechteste Ort auf ganz Dere war, um hier Erregung zu spüren. Kalkaribs Welt stand Kopf und er versuchte so stark er nur konnte an seine Frau, sein Kind und seine Heimat in El’Trutz zu denken, damit ihn seine animalischen Gedanken verließen. Er fühlte sich benutzt, beschmutzt, aber auch gleichzeitig so lebendig und beschützt, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

Teil VI – Sehnsucht nach Geborgenheit

Teil V – Getrennt (1)

Irgendwann und Irgendwo
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Schmerz. Schmerzen im Kopf, Nacken und in seinem verletzten Bein veranlassten den jungen Wüstensohn dazu aufzuwachen. Er blinzelte, rieb sich den empfindlichen Nacken und griff an seine Schläfe, wo er feuchtes, teils schon trockenes Blut ertastete. ‚Was war nur geschehen‘, fragte er sich und stellte fest, dass er auf einem kalten Strohlager lag, der Boden war feucht und die Steine darunter hart. Er musste in einem Gebäude sein. Als er sich umsah, bestätigte sich sein erster Gedanke: Graue, kühle Mauern umgaben ihn, er war in einem kleinen Raum, in dem nur durch einen schmalen Schlitz etwas Licht drang. Es gab nur einen einzelnen Lichtstrahl, der eine in der Raummitte stehende kleine hölzerne Schüssel erhellte. Kalkarib setzte sich auf. Sein Schädel brummte, als wäre er damit gegen eine Wand gerannt und er hatte Mühe, der Welt zu befehlen, sich nicht zu drehen. Erst jetzt bemerkte er, dass er nicht allein war, er teilte sich den kleinen Raum mit anderen Personen. Er erschreckte sich so sehr, dass er sich instinktiv, ja fast schon wie ein geschlagenes Tier, an eine der Wände zurückzog. Noch immer brummte sein Schädel und die Gestalten auf der anderen Seite des Raums saßen zusammengekauert im Schatten, weshalb er sie kaum erkennen konnte. Hastig suchte er einen Ausgang. Da war eine massive Holztür. Kalkarib nahm all seine Selbstbeherrschung zusammen, sprang an die Tür und war gewillt sie zu öffnen, doch fand er keine Klinke, keinen Griff, nichts. Innerlich verfluchte er das Mittelreich, was bauten sie nur für Türen, ohne Griffe? „Beruhige dich, Kleiner“, raunte eine weibliche, aber harte Stimme durch den kleinen Raum. Er fuhr herum, drückte seinen Rücken gegen die Holztür, doch die Geschwindigkeit mit der er die Drehung vollführte, ließ ihn wieder schwindeln, weshalb er die Quelle der Stimme nicht ausmachen konnte. „Setz dich, du hast ordentlich was abbekommen“, hörte er die Stimme fortfahren und aus den Gruppe von Personen löste sich eine Frau und trat in den schmalen Lichtstreifen, der durch sie unterbrochen wurde. Das Licht fiel von hinter ihr in den kleinen Raum ein, wodurch er zwar nicht ihr Gesicht, aber durchaus ihre Statur und Kleidung zu erkennen vermochte. Sie war sehr kräftig und ein langer, blonder Zopf hing ihr links über die Schulter herab und eine enge zusammengeflickte Lederkleidung umschmeichelte ihre muskulösen Rundungen. „W-Wer seid ihr, was wollt ihr von mir?“, brachte Kalkarib stotternd und mit seinem typisch novadischen Akzent hervor, doch das Reden schmerzte ihn, denn das Brummen in seinem Kopf versetzte ihm einen erneuten stechenden Kopfschmerz. Anstatt zu antworten legte die Frau nur ihre Arme in die Hüften, wodurch ihre beachtlichen Muskeln hervortraten. Kalkarib hatte noch nie eine so kräftige Frau gesehen. „Du hast ordentlich was auf den Kopf bekommen, Kleiner – setz dich lieber, bevor du noch umfällst.“ In der Stimme der Frau lag etwas Mütterliches, zudem hatte sie einen für Kalkarib unbekannten Akzent. Doch was viel vordergründiger war, war ihr klar erkennbarer Befehlston. Kalkarib, der Schwierigkeiten hatte, die Welt um ihn herum dazu zu bringen sich nicht zu drehen, tastete nach seinem Khunchomer – doch er war fort. Seine Hände suchten weiter, auch Delias Waggif, den sie ihm zu Beginn der Reise mitgegeben hatte,
war fort. Zu seinem Schwindelgefühl gesellte sich nun auch noch das Gefühl der Ohnmacht. Er ließ sich unter Schmerzen in seinem verletzten Bein an der Holztür zu Boden sinken. Er hatte keine andere Wahl, denn er war in einem Raum mit Fremden eingesperrt und wusste nicht wo er war, geschweige denn, wann er war. „As’Sali, hilf mir“, flüsterte er in seiner Muttersprache und der Schmerz in seinem Kopf holte ihn ein. Er sackte in sich zusammen und wurde bewusstlos.

Belzora

Als er erwachte, lehnte er an einer anderen Stelle im Raum. Zu den Schmerzen in seinem Nacken und seinen Kopf gestellte sich nun auch noch Schmerzen in seinen Gliedern, zudem hatte er einen trockenen Mund – denn er hatte länger nichts mehr getrunken. Als er die Augen öffnete, sah er wieder nur die Holzschale in der Mitte des Raumes, die noch immer von einem Lichtstrahl erhellt wurde. „Ah, du bist endlich wach.“ Die Frauenstimme mit dem seltsamen Akzent befand sich direkt neben ihm. Er zuckte zusammen, als er bemerkte, dass die Frau neben ihm saß und wollte sich von ihr entfernen, doch auf der anderen Seite saß eine andere Gestalt an die selbe Wand gelehnt, so dass er nicht weiter konnte. „Wer seid ihr?“, fragte er und hielt sich den Kopf, als er fortfuhr: „Wo bin ich?“ Er glaubte die Frau mit dem Zopf neben sich grinsen zu sehen, denn aufgrund der anhaltenden Dunkelheit im Raum konnte er ihr Gesicht nicht richtig sehen. „Ich bin Belzora, und wir sind hier zusammen eingesperrt“, antwortete sie. „Was? Wo ist … argh.“ Kalkaribs Schädel explodierte vor Schmerz, als die Worte aus ihm herausplatzten. Es fühlte sich so an, als hätte jemand seinen Schädel mit einer Axt gespalten. „Ruh dich aus, ich kümmern mich um dich“, hörte er sie sagen, als ihm wieder so schwindelig wurde, dass er ein aufsteigendes Übelkeitsgefühl verspürte, doch außer Würgelauten, die seinen Kopfschmerz verschlimmerten, kam nichts über seine Lippen. Erneut holte die Dunkelheit Kalkarib ein.

Er träumte von seinem Weib und Kind. In seinen Gedanken war er bei ihnen, hielt seinen Sohn im Arm und befand sich Zuhause in El’Trutz, im Beisein seiner Sippe. Er vermisste sie. Er war schon viel zu lange von ihnen getrennt. Wieso hatte er sich nur dazu überreden lassen, dem arroganten Ritter zu helfen? Was ging ihn dieser Krieg dieses fremden Reiches überhaupt an? Er hatte ein wunderschönes Weib, so schön wie die Nacht, einen Sohn, so kräftig wie ein Löwe, und eine Familie, so groß wie seine Liebe zum Alleinen selbst. Oh wäre er jetzt doch nur bei seinem Weib, könnte sich an ihren Busen drücken und sie liebevoll umarmen, um ihre Wärme zu spüren und in sich aufzunehmen. Er war ein wärmeliebender Sohn der Wüste und sollte bei ihr sein – nein falsch – SIE sollte bei IHM sein. Dieses unheilige Gleichberechtigungsgefasel der Ungläubigen hatte ihn mürbe gemacht. Schon sein Bruder Mehmet hatte ihn vor den Ungläubigen gewarnt. „Lass dich nicht mit Ihnen ein, denn mit ihren spitzen Zungen machen Sie dich schwach!“, hatte er stets gesagt. In seinen Träumen war Kalkarib wieder ein El’Trutz und half zusammen mit seinem Bruder in der Karawanserei. Während Mehmet, als Erstgeborener zum neuen Karawanenführer ausgebildet wurde, wurde Kalkarib – als Zweitgeborener – der Umgang mit der Waffe gelehrt, denn er sollte einst unter der Führung seines Bruders die Heimstätte beschützen. Kalkarib war zufrieden mit seiner Rolle, denn As’Sali wollte es so, ansonsten hätte er ihn nicht zum Zweitgeborenen gemacht. Doch Kalkaribs Welt wurde zutiefst erschüttert, als Delia in sein Leben trat – seitdem ist er nur noch auf Reisen, auf der Flucht, verschollen in Raum und Zeit, entführt von einem Dämon oder in irgendeinem Kampf – doch in keinem für Rastullah, sondern immer nur in Kämpfen für andere und fremde Götter. Kalkarib hatte in der kurzen Zeit mehr erlebt, als so manch anderer in seinem ganzen Leben, zumindest war es genügend Stoff für eine eigene al’tarikh – eine Geschichte.

Als Kalkarib das dritte Mal erwachte, war sein Mund trocken, doch der Schmerz in seinem Schädel brummte nicht mehr so sehr, ihm war aber immernoch schwindelig und er war zu schwach, um sich von selbst zu erheben. Jemand hob sanft seinen Kopf an und legte ihm ein Gefäß an die trockenen Lippen. Als etwas Feuchtes seine spröden Lippen berührten, überkam es ihn, er sog es ein und schluckte es sofort herunter. Das Wasser schmeckte herrlich und er konnte nicht genug davon bekommen. Schluck für Schluck rann seine trockene Kehle hinab, während er schwindelig die Decke betrachtete. Als er jeden Tropfen genossen hatte, half ihm die Frau, die ihm zu trinken gegeben hatte, auf und setzte ihn gegen die Wand. Er genoss noch die kühle Feuchte in seinem Rachen, da sah er, wie die Frau, die Schale, aus der sie ihm zu trinken gegeben hatte, in die Raummitte in das Licht stellte. Es traf ihn wie ein Schlag, denn ihm wurde bewusst, dass aus dieser Holzschale alle hier anwesenden Personen tranken und nun auch seine Lippen diese Holzschale berührten. Ein sehr tief verwurzelter Ekel stieg in ihm auf, am liebsten wollte er das Wasser, das er eben getrunken hatte, sofort wieder ausspucken, doch sein Körper brauchte es zu sehr, als das er jetzt wieder ausspeien könnte. Seitdem er mit seinem Weib unterwegs war, aß und trank er nur aus seinem eigenen Essgeschirr, denn so wollte es sein Glaube. Er achtete auch akribisch darauf, dass keine Ungläubigen sein Essgeschirr berührten, auch wenn es sich nicht immer vermeiden ließ. Doch dann entschuldigte er sich beim nächsten Gebet dafür beim Alleinen und dann war es wieder gut. Da fiel es ihm ein, er musste bestimmt schon mindestens drei Gebete verpasst haben und zu allem Überfluss, wurde ihm sein Gebetsteppich ebenfalls genommen, As’Sali musste bestimmt schon wütend auf ihn sein. In Gedanken legte er sich schon verschiedene Entschuldigungsformulierungen zurecht, dafür dass er die Gebete verpasst hatte, dafür dass er von Geschirr getrunken hatte, dass Ungläubige berührt hatten, dafür, dass er nicht die Frau gemieden hatte und mit ihr Blicke gewechselt hatte, dafür, dass er sich nicht stets eines der 99. Gesetze im Geiste getragen hatte, dafür, dass … seine entschuldigenden Gedanken überschlugen sich und er wurde mitten in ihnen unterbrochen: „Gehörst du zu Dschafars Truppen?“, fragte die Frauenstimme neben ihm. Da Kalkarib aus seinen Gedanken gerissen wurde, hatte er sie nicht ganz verstanden. „Was?“ „Ich fragte, ob du zu Dschafars Truppen gehörst?“, wiederholte sie. Kalkarib wusste nicht, wovon sie da sprach. Er wollte es schon verneinen, da trat einer der anderen Anwesenden ins Licht, um sich die kleine Holzschüssel zu holen. Während er die Schüssel in einen Eimer daneben tunkte, um etwas Wasser herauszuholen, konnte er einen Blick auf den Mann erhaschen. Er war, so wie alle hier, in keinem guten Gesundheitszustand, bärtig und zottelig durch die mangelnde Möglichkeit der Körperpflege und trug mehrere Schichten verschiedenen Lumpen am Körper. Doch unter der Vielzahl der Lumpen entdeckte der Wüstensohn ein Zeichen, dass er von dem Mythraelsfeld nur zu gut kannte: Ein siebenzackiges Kreuz – das Zeichen Galottas. Mit einem Mal spürte Kalkarib, wie sein Herz ihm bis an den Hals schlug und er war von einem Moment auf den anderen hellwach. Er sah die Frau an, deren Gesicht er noch immer nicht so recht erkennen konnte, doch er suchte im Dunkeln bei ihr ebenfalls das Zeichen, und tatsächlich, er wurde fündig. Auf dem Stoff über ihrer Schulter erblickte er das zerfranste, aber noch gut erkennbare siebenstrahlige Zeichen des Dämonenkaisers. Er war in einen Raum mit Gefangenen aus Galottas zersprengten Truppen. Er hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Frau neben ihm wurde langsam ungeduldig. „Ja, ja Dschafar“, brachte er mühevoll hervor, wobei er erneut eines der 99. Gesetze brach. Die Frau seufzte zufrieden. „Dann hattest du mehr Glück, als die anderen von Dschafars Leuten“, begann sie zu erzählen. „Das letzte was ich von ihm gesehen hatte war, dass er von darpatischen Truppen eingekesselt wurde. Ihr habt bis auf den letzten Mann gegen sie gekämpft. Wie konntest du entkommen? Wie ich sehe bist du verletzt worden.“ Die Frau, die sich mal als Belzora vorgestellt hatte, deutete auf seine Verletzung am Bein, die er sich beim Kampf gegen die Söldner nahe Perz zugezogen hatte. Wie ein Blitz durchschoss ihm der Gedanke an Adellinde und Sieghelm. Er fragte sich, ob es ihnen gut gehe und ob sie ebenfalls gefangen genommen wurden. Doch dann fiel ihm wieder ein, dass Sieghelm niemals in einen Kerker mit Feindes des Reiches gesteckt werden würde, immerhin war er ein Mittelreicher von Rang und Namen. Er fragte sich auch, warum man IHN mit Galottas Truppen zusammen eingesperrt hatte, doch als er an sich herabblickte, seine Schnabelschuhe und seinen Kaftan sah, wurde es ihm klar: Er war hier im Mittelreich ein Ausländer, ein Niemand ohne Rang und Namen. Er erinnerte sich daran, dass Sieghelm davon berichtete hatte, das novadische Söldner auf der Gegenseite mitgekämpft hatten – wahrscheinlich hielten seine Peiniger ihn für einen von ihnen. Doch wer hatte ihn überhaupt gefangen genommen? Er musste es herausfinden und ihnen schleunigst mitteilen, dass er nicht zu denen gehörte. Doch wie sollte er das anstelle, ohne sich dabei selbst zu entlarven? Die Frau stupste ihn an, anscheinend war er schon länger in Gedanken versunken. „Hey Kleiner, ich hab dich was gefragt.“ Kalkarib brauchte schleunigst eine gute und schlüssige Erklärung, er musste seine Maske vorerst aufrechterhalten, um hier wieder lebendig herauszukommen. Da kam ihm ein Gedankenblitz: „Ich weiß es nicht“, begann er mit schmerzverzerrter Stimme und packte sich an den Kopf. „Mein Kopf, ich … muss wohl ganz schön was abbekommen haben.“ Er strich sich dabei über die verkrustete Stelle an der Schlefe, während er so tat, als hätte er das Gedächtnis verloren. Belzora schien sich damit zufrieden zu geben. „Das hast du wirklich. Armer Kleiner … wie heißt du?“ „Ich …“ begann er mit absterbender Stimme. Kalkarib überlegte kurz, ob er sich schnell einen anderen Namen ausdenken sollte, doch eigentlich hatte es keinen Sinn. Sein Name sollte unter diesen Truppen gänzlich unbekannt sein und eine Lüge weniger würde As’sali gefallen. „ … ich heiße Kalkarib.“ Die Frau holte die inzwischen zurückgelegte Holzschale aus der Mitte und holte noch etwas Wasser aus dem Eimer. Ein Mitinsasse stand protestierend auf, doch als Belzora sich ihm nur ihre Muskeln anspannend wortlos entgegen stellte, ließ er sich wieder auf den Hosenboden fallen und sie trat dabei für einen kurzen Moment ins hereinfallende Licht, so dass Kalkarib ihr Gesicht erkennen konnte. Sie hatte markante Züge, ein breites Kinn, einen Höcker auf der Nase der wohl von einem alten Nasenbruch herrührte – ihr Gesicht aber nicht verunstaltete – hohe Wangenknochen, volle Lippen und hellblaue Augen. Kalkarib fiel aufgrund ihres Gebarens auf, dass sie in der Zelle wohl sprichwörtlich die Hosen an hatte. Sie reichte ihm die Holzschale mit Wasser, die Kalkarib zwar widerwillig, aber gespielt freudig annahm. „Ich weiß, deine Leute mögen nicht von Geschirr Fremder speisen … aber sie haben uns alles abgenommen, wir haben nur diese eine“, sagte sie und setzte sich wieder neben ihm. Zur Überraschung des Wüstensohns schein sie seinen Glauben etwas zu kennen und zu respektieren. „Ich frag unsere Knechter mal, ob sie für dich eine extra Schale haben.“ Als Belzora dies sagte, verschluckte sich Kalkarib am Wasser. Er war in allem Maße überrascht, denn seine Gefühle spielten ihm einen Streich. Sie war der Feind! Ja gut, der Feind eines fremden Reichs, aber sie setzte sich für ihn ein?! Was hatte sie vor? Oder war sie doch einfach nur freundlich. Mit nicht mehr ganz so viel Angst um sein Leben, trank Kalkarib die zweite Schale Wasser aus, um die ihm zwar alle im Raum neideten, das konnte er spüren. Doch keiner hatte genug Mumm in den Knochen, um gegen sie etwas zu unternehmen. Er zählte dreizehn Personen in der kleinen Zelle, während er sich neben der massiven Frau mit den gewaltigen Muskeln ziemlich klein vorkam, aber das Gefühl hatte, vorerst in Sicherheit zu sein.

Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim – 18. Peraine, 34 nach Hal – Zur Praiosstunde
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Hier, hier hab ich es gefunden.“ Die unangenehme Stimme des Leichenfledderers überschlug sich, als er mit seinen dreckigen Händen auf eine Stelle am Boden zeigte. Sie hatten mehr als eine Stunde gebraucht, um diesen Ort zu erreichen, der genau wie jede andere Stelle auf dem Schlachtfeld aussah. Der von Leichengeruch geschwängerte Nebel lag noch immer schwer auf dem Mythraelsfeld und hielt dieses fest in seinem Griff. Sie mussten über Berge aus Leichen steigen, um diesen, etwas im Firun gelegenen, Schlachtfeldabschnitt zu finden. Die zum Teil schon verfaulten Körper der zahllosen und zusammengewürfelten mittelländischen Truppen, die nun den aufgewühlten und nassen Boden des Feldes bedeckten, waren aufgebläht, zerrissen oder von Tieren und Ghulen bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert worden. Da Sieghelm der einzige der Dreien war, der diesen Anblick kannte, fiel es Kalkarib und Adellinde schwerer als ihm, all diese Eindrücke zu verarbeiten und auszuhalten. Die Hüterin der Saat musste sich unterwegs zwei Mal übergeben. Kalkarib und Sieghelm räumten ihr die Zeit ein, sich danach wieder zu ordnen, doch es war ihr sichtbar unangenehm.

„Schaut her, da ist sie!“, krakelte der Mann erneut. Sieghelm stieg über eine breite Bodenfurche zu ihm herüber. Auf dem Boden, eingedrückt und von Schlamm bedeckt, lag eine Frau, die Sieghelm auf Anhieb erkannte, da er ihr Gesicht, obwohl es blutleer und zerkratzt war, in guter Erinnerung hatte. „Oh bei der Leuin“, hauchte er traurig. „I-Ich hab es dort von der Rüstung …“ „Schweig still!“, fuhr Sieghelm scharf mit bitterbösem Blick zwischen die Erklärung des Fledderers. „Geh herüber zur Geweihten, wir entscheiden später über dein Schicksal.“ Der bärtige Mann nickte so heftig, dass es aus seinem dreckigen und dichten Bart nur so rieselte. Sofort nahm er die Beine in die Hand und eilte zu Kalkarib und Adellinde herüber. Sieghelm kniete sich zu der Frau nieder, der Geruch von Tod stieg ihm deutlicher denn je in die Nase. Die Frau die dort lag war Lady Raulgard aus dem Hause Ochsenhaupt. Sie war eine landlose Ritterin am Hofe seines Vaters Parzalon und seines Großvaters Torion II. in Dettenhofen. Sieghelm erinnert sich noch gut an sie. Zwischen 17 und 21 Hal, bevor er in den Pagendienst bei Ritters Trautmann ging, lebte er noch am Dettenhofener Stammsitz. Lady Raulgard stand schon seinem Großvater beratend zur Seite und nach dessen Ableben 24 Hal dann seinem Vater. Sieghelm hatte sie als Kind immer bewundert. Anfangs für ihr beeindruckendes Schwert, einem Anderthalbhänder, das er sogar einmal halten durfte. Doch damals war er noch zu schwach, um es heben zu können. Ihre Worte klingen noch bis heute nach und er hörte sie nun erneut, als stünde sie wieder vor ihm: „Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.“ Sieghelm musste häufig an diesen Satz denken. Während seiner Zeit bei Ritter Trautmann, aber auch während seiner Zeit an der Akademie der Feuerlilien in Rommilys. Er hatte Lady Raulgard ihr Schwert nie zum Kampf ziehen sehen, aber in seiner kindlichen Vorstellung, konnte sie anmutig und doch kraftvoll damit umgehen. „Was sagtet ihr?“, frug Adellinde, die plötzlich in einem respektvollen Abstand hinter dem Reichsritter stand. Sieghelm, der zuerst nicht wusste, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte, blickte aus der Hocke zu Adellinde nach hinten und sie schloss dann zu ihm auf. Er begann dann zu erklären: „Ich kenne diese Frau, es ist Lady Raulgard vom Hofe meines Vaters. Sie muss in der Schlacht ganz dicht bei ihm gewesen sein, als sie fiel. Und ich …“, er machte eine kurze Atempause, „… musste nur an einen Leitspruch denken, den sie mir als Kind einst mitgab: ‚Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.‘“ „Ein weiser Leitsatz“, entgegnete sie. „Mit eurer Erlaubnis, würde ich gerne einen Segen für eure Bekannte sprechen.“ Adellindes Stimme war zart und ihre großen blauen Augen tränten noch immer. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich auf dem Schlachtfeld aufzuhalten und es gelang ihr gerade so, die Fassung zu bewahren. „Ja, bitte tut dies – sie hätte bestimmt Nichts dagegen.“ So stellte sich Adellinde an das Kopfende der Ritterin, konzentrierte sich kurz und sprach dann einen Peraine-Segen über der geschundenen Körper. Währenddessen suchte Sieghelm das umliegende Feld ab. Auch er rang für einen Moment mit den Tränen und wollte sich das nicht anmerken lassen. Wenn Lady Raulgard hier lag, würde das bedeuten, dass die Truppen seines Vaters hier gewesen sein müssen. Sie war stets an dessen Seite geblieben, da sie sich selbst wie eine Art Leibwächter gesehen hatte. Sie hatten also eine erste Spur aufgenommen, doch auf dem nebeligen Schlachtfeld schien es sehr schwierig, weitere Hinweise zu finden.  

Eine lange Zeit suchten alle drei den Bereich um die tote Frau ab. Sieghelm hatte ihnen zuvor gesagt nach welchen Farben sie Ausschau halten sollten. Sie fanden zwei weitere tote Infanteristen in den Dettenhofener Farben, doch keinen Hinweis auf seinen Vater. Das Schlachtfeld war zu aufgewühlt, um anhand von Spuren deuten zu können, wohin sich sein Vater mit seinen Truppen bewegt haben könnte.  Als sie begannen sich immer weiter voneinander zu entfernen, dass sie drohten sich im Nebel zu verlieren, wurde es Kalkarib irgendwann zu viel. „Das hat doch keinen Sinn!“, fluchte er im novadischen Akzent. Da er gerade irgendwo alleine im Nebel über einem Haufen Leichen stand, konnten die anderen nur seinen Fluch hören, ihn aber nicht sehen. Auch Leutnant Pagol suchte unermüdlich mit, doch zu viele fremde Gerüche lagen auf dem Feld, so dass auch seine Nase keine Fährte aufnehmen konnte. Mit resignierenden Blick stieß der Wüstensohn auf Sieghelm. „Alles spricht dafür, dass euer Vater – wenn er noch lebt – hier nicht gefallen ist. Doch wissen wir nicht in welche Richtung er weiter gezogen ist.“ „Er lebt noch, das spüre ich“, antwortete Sieghelm im barschen Ton und setzte fort: „Doch was wir brauchen, ist ein Zeichen, eine Spur, ein Wunder … irgendwas.“ Keinen Moment später sahen Kalkarib und Sieghelm den Rücken eines schmalen, ja fast schon dürren Mannes in langer feiner Robe und Turban auf dem Kopf, der gerade an ihnen vorbeirannte. Er eilte leichtfüßig über die Leichenberge hinweg, als wären sie nicht da und gerade als er drohte im Nebel zu verschwinden, sahen die beiden wie der dürren Gestalt etwas Grünes aus einer Umhängetasche purzelte und zu Boden fiel. Sieghelm und Kalkarib blickten sich einander verdattert an. Sieghelm rieb sich die Augen, als würde er phantasieren und Kalkarib vollführte eine bittende Geste zu Rastullah. „Hast du das auch gerade gesehen?“, frug Sieghelm. „Ja, und ich kann es kaum glauben.“ „Ich auch.“ Und danach sagten beide gleichzeitig: „Ich wusste gar nicht das Nehazet rennen kann!“ Es war tatsächlich Magister Nehazet, den sie beide gesehen hatten, oder zumindest bildeten sie sich das beide ein. Sie eilten sofort zu der Stelle, wo der angebliche Nehazet etwas verloren hatte und fanden dort, frisch fallen gelassen, ein am Boden liegendes handgroßes Blutblatt mit einem Zeichen darauf. Gerade als Kalkarib es hochheben wollte, unterbrach ihn Sieghelm: „Halt! Schau doch … ist das … ein Pfeil?“ Das auf dem am Boden liegenden Blutblatt, hatte eine rote Stelle in der Mitte, dass so aussah wie ein Pfeil. Sofort blickte Kalkarib durch den Nebel zur Praiosscheibe, um das Blutblatt und den Sonnenstand in Zusammenhang zu bringen „Er zeigt Richtung … wie ihr sagt … Firun.“ Euphorisch blickten sich die beiden jungen Männer einander an. „Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, aber wir müssen dem Magister wohl danken, wenn wir ihn wieder sehen“, sprach der Reichsritter und lächelte dabei breit. Mit einem anspornenden Klopfen auf des Wüstensohns Schulter fügte er noch an: „Komm mein Freund, wir haben unser Zeichen erhalten und kennen nun die Richtung.“  

Mit Aufbruchsstimmung im Gesicht und Schwung im Körper stießen die beiden Männer wieder zu Adellinde, die die Pferde bei sich behielt und zusammen mit Pagol über den am Boden sitzenden und gefesselten Fledderer wachte. „Wir wissen wo es langgeht“, prahlte Sieghelm stolz, als hätte er selbst diese Erkenntnis gehabt, als er im Nebel vor Adellinde auftauchte. „Ähm, hervorragend. Es gibt noch etwas über das wir entscheiden müssen“, antwortete sie. Als Sieghelm die Zügel seines Pferdes in Empfang nahm, war er in eiliger Aufbruchsstimmung. „Achja? Das können wir auch unterwegs …“ Adellinde räusperte sich ungewöhnlich lange und lautstark, so dass auch Sieghelm es nicht überhören konnte. Er hatte über die Götterläufe hinweg gelernt, dass, wenn das jemand in seinem Umfeld tat, er besser seine aktuelle Handlung zügig einstellen und für einen kurzen Moment zuhören sollte. Sein Blick traf sich mit dem von Adellinde, die eine nickende Geste zu dem am Boden sitzenden Leichenfledderer machte. „Oh! Ja“, entfleuchte es ihm. Die Priesterin und der Reichsritter zogen sich dann zurück, um sich auszutauschen. Währenddessen blieb Kalkarib mit Pagol bei ihrem ‚Gefangenen‘. Der junge Wüstensohn konnte ein anfangs ruhiges und dann immer hitziger werdendes Gespräch beobachten. Aus der Entfernung sah es irgendwie bizarr und gleichzeitig komisch aus, da Sieghelm nicht nur zwei Köpfe größer war als die kleine Geweihte, sondern aufgrund seiner Statur und Rüstung auch noch zwei Mal so breit wie sie. Er musste an ein Märchen denken, dass Delia mal ihrem Sohn vorgelesen hatte, dass sie aus der Bibliothek des Magiers hatte. Eine horasische Geschichte mit dem Namen ‚Die Schöne und das Thier‘. Obwohl ihr körperlich in allen Belangen überlegen, zeigte Adellinde wie ‚die Schöne‘ in der Geschichte keine Spur davon, von ‚dem Thier‘ eingeschüchtert zu sein. Adellinde wich keinen Fingerbreit von ihrer Position, und das obwohl Sieghelm mit seinen großen und kräftigen Händen, die so groß waren wie Teller, sie mühelos hätte zerquetschen können. Sieghelm gestikulierte und fuchtelte herum, doch keine seiner Bewegungen kam ihr näher als eine Handbreit. Trotz seiner Wuchtigkeit schien es so, als hätte Adellinde eine unsichtbare und schützende Aura um sich, die ‚das Thier‘ nicht zu durchdringen vermochte. Adellinde jedoch konnte ohne Mühe in seine Aura eindringen, denn erneut legte sie während einer Tirade aus wilden Fuchteleien ihre zierlichen Zeigefinger auf seine Lippen und drückte sie mühelos zusammen. Er erstarrte in diesem Moment, sie sagte abschließend noch etwas zu ihm und verließ ihn dann, woraufhin ‚das Thier‘ mit hängenden Schultern hinterhertrottete. Als sie beide wieder bei Kalkarib ankamen, hatte Sieghelm wieder seine erhabene Haltung angenommen. Zusammen stellten sie sich dann vor den am Boden sitzenden Fledderer, den Adellinde im scharfen Ton aufforderte aufzustehen.

„Wir haben entschieden, wie du deine schändlichen Taten wiedergutmachen kannst“, verkündete die Geweihte einleitend und blickte dann zu Sieghelm, der einen Moment brauchte, um sich geistig zu sammeln. „Du hast den Zwölfen gefrevelt mit deiner Tat. Du hast von den Toten genommen, um dich selbst daran zu bereichern, doch du kannst deine Tat wiedergutmachen.“ Der bärtige Mann starrte abwechselnd die beiden ungläubig an, er hatte wohl eher mit einer Hinrichtung gerechnet. Dann fuhr Sieghelm fort: „Im Namen der Herrin Peraine, haben wir entschieden, dass du auf unserem Weg vom Schlachtfeld herunter, weiter die Symbole, Ketten, Ringe und Zeichen nimmst – jedoch unter Aufsicht der Geweihten – damit du es mit Anstand und Respekt tust. Du sollst die Last der Wertgegenstände spüren und dafür arbeiten sie zu tragen – so will es die Herrin Peraine. Wenn wir das Schlachtfeld verlassen, wirst du uns alle Gegenstände übergeben und wir werden sie an die Pferde binden um sie dann im nächsten Tempel abzugeben. Und du wirst, so du im Schweiße deines Angesichts ausreichend gearbeitet hast, von uns aus deiner Schuld entlassen und wirst zum nächsten Tempel gehen, um dort um Vergebung für deine Taten zu bitten.“ Mit den letzten Worten schaute Sieghelm wieder zur Priesterin. In seinem Augen lag ein fragenden Blick, der so viel sagte wie: ‚Habe ich etwas vergessen?‘ Doch Adellinde nickte zufrieden. „Das ist zu gütig, Herr!“, stotterte der bärtige Mann. Für einen kurzen Moment flammte in Sieghelm ein ‚JA ist es!‘ auf, doch die Hand von Adellinde, die ihn sanft am Oberarm berührte, hielt ihn zurück.  „Ich danke euch, ich danke euch!“, wimmerte er glücklich, fiel auf die Knie und grabschte nach Sieghelms Stiefel, um diese zu küssen. „Dankt Peraine und bittet sie um Vergebung für eure Taten.“, intervenierte Adellinde und half ihm wieder auf die Beine. Mit Tränen in den Augen versprach er es ihr, während Sieghelm angewidert daran denken musste, wie sie mit ihren reinen und unschuldigen Händen nur diesen räudigen Taugenichts anfassen konnte.

Kurze Zeit später waren sie auf dem von Magister Nehazet gezeigten Weg. Adellinde überwachte, wie der Fledderer, der sich als Hagen aus Waldsend vorstellte, einen immer schwerer werdenden Sack voller Wertgegenstände füllte. Doch tat er dies augenscheinlich mit Freude und Glückseeligkeit. Sieghelm hinterfragte sich selbst, denn wäre es nach ihm gegangen, würde ‚Hagen‘ nun eine Hand fehlen. Er fragte sich, ob Adellinde vielleicht doch recht damit hatte, ihn zu verschonen.  Er ertappte sich dabei, wie er sich ein ganz kleines bisschen wünschte, dass sie Unrecht behielt und er nach der ‚Entlassung‘ keinen Tempel aufsuchen und um Vergebung bitten würde. Denn Sieghelm meinte, dass er dann einfach zurück auf das Mythraelsfeld kehren wird, um seiner schändlichen Tat weiter nachzugehen. Doch würden sie es wohl nie erfahren, den ihre Queste führte sie in eine andere Richtung. Der Nebel begann sich etwas zu lichten und die Leichen wurden weniger. Gegen späten Nachmittag erreichten sie einen Waldesrand. Kahle, teils umgeknickte oder zerfetzte Kiefern, Föhren und Birken standen – oder eben nicht mehr – hier herum. Der Boden war nicht mehr ganz so aufgewühlt und der Leichengeruch ließ langsam nach. Inzwischen hatte Hagen einen Sack so groß, dass er gebückt gehen musste und sie alle etwas langsamer vorwärts kamen. Er keuchte und hustete, doch schien er angetrieben vom bloßen Überlebenswillen sehr motiviert zu sein. „Lasst uns hier noch einmal umsehen“, befahl Sieghelm in der Hoffnung, hier einen weiteren Hinweis finden zu können. Inzwischen waren sie so weit gen Firun gelaufen, dass sie hinter den zerfransten Baumwipfeln die Türme der Festung Auraleth sehen konnten, dem Stammsitz des Ordens vom Bannstrahl Praios‘. „Wir müssen uns etwa zwei Meilen im Firun von Wehrheim befinden“, merkte Sieghelm mit Blick auf die steinernen Türme an. Er fragte sich, ob die Bannstrahler sie noch halten und ob sein Vater dort Obhut gesucht hatte. Immerhin wäre es ein logischer Entschluss, sich hinter die sicheren Mauerringe der Festung zurückzuziehen. Während Adellinde bei Hagen blieb, suchten Kalkarib und Sieghelm getrennt voneinander vorsichtig die gelichteten Baumreihen nach Hinweisen ab.

Kalkarib, der noch immer etwas humpelte, da die Verletzung von vor zwei Nächten ihm etwas zu schaffen machte, folgte einer aufgewühlten Spur bis hinunter zu einem Flusslauf. Vorsichtig ließ er sich an den Bäumen den steilen Abhang hinab, um sich am Fluss etwas zu erfrischen. Zu seiner Überraschung war das Wasser des etwa acht Schritt breiten und flachen Flusses klar, so dass er sich sein Gesicht damit benetzte, um den Dreck des Schlachtfelds abzuspülen. Dann entdeckte er flussaufwärts etwas, das seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er fand, verheddert in den tiefhängenden Ästen einer Kiefer, eine zerfetzte Standarte. Er erschrak kurz, als er sie sich näher betrachtete, denn sie war mit Blut benetzt und vermeintlich menschliche Eingeweide klebten daran. Doch er erkannte die Farben der Standarte, es waren die des Dettenhofener Siegels, wie sie Sieghelm ihm beschrieben hatte. Für Kalkarib hieß das, dass die die Truppen von Sieghelms Vater hier entlang gekommen sein müssen. Erfrischt vom Fluss und von dem Wissen über die verheißungsvolle Standarte, kletterte er wieder den steilen Abhang der Flussuferböschung hinauf. Er hielt sich an Wurzeln und Ästen fest, um sich hochzuziehen. Als er hinter einem Baum hervorkroch und sich hochzog, traf ihn plötzlich die Spitze eines Stiefels an der Schläfe. Er sackte besinnungslos zurück und fiel zwei Schritt tief auf den harten, wurzeldurchzogenen Boden der Flussuferböschung.

Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Nacht vom 17. Auf dem 18. Peraine haben Kalkarib, Adellinde und Sieghelm zusammen in einer einsamen Scheune nahe der Reichsstraße verbracht. Schon am Abend hatte sich Regen angekündigt und ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich einen Unterschlupf zu suchen. Zudem wollten sie nicht in der Nacht ankommen, denn zu viele Gefahren lauerten auf einem frischen Schlachtfeld. Briganten, Leichenfledderer und wilde Tiere waren da noch die geringeren Übel. So kam es, dass die Drei ihren zugigen Unterstand erst am Morgen des 18. Peraine verlassen konnten, als es nur noch ein bisschen nieselte. Nach dem Regen folgte der Nebel, der rund um die Scheune und auch auf das Schlachtfeld waberte und wie schweres Tuch sich über die stille und tote Ebene legte. Die letzten Schritte zum Mythraelsfeld legten die Drei zu Fuß zurück, ihre Pferde führten sie hinter sich her, denn aufgrund des nassen und aufgewühlten Bodens und der geringen Sichtweite war es nicht möglich zu Reiten.  

„Ich bin als Akoluthin mal auf dem Mythraelsfeld gewesen. Ich habe zwischen Dergel und Gernat nach Einbeeren und Wirselkraut gesucht. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass der Boden so aufgewühlt war“, erzählte Adellinde, während sie immer wieder über aufgebrochene Stücken Erde hüpfen musste. Auch Sieghelm musste über eine breite Furche hinweg steigen. „Diese Zerrüttung ist auch keineswegs natürlich, Adellinde. Das ist das Werk des Weltenbrandes, den Galotta mit seiner Himmelsfeste über Wehrheim entfesselte.“ Im schweren und kühlen Nebel war die Sichtweite der Drei beschränkt. Während sich über ihnen die Praioscheibe damit mühte durch die dichte Wolkendecke zu brechen, verhüllte der dichte Nebel das Gräuel, welches in den letzten Tagen über das Mythraelsfeld gekommen war. In weiter Ferne war es ihnen kaum möglich die zersplitterten Zacken der Wehrtürme von Festung Karmaleth zu erblicken, die wie gespenstige Zähne aus dem dichten Nebel in den ebenfalls grauen Himmel ragten. Nicht nur die nasskalte Atmosphäre drückte die Stimmung der Drei, die bei jedem Schritt etwas langsamer wurden, denn die nasse Erde, die nicht nur vom Regen, sondern auch vom Blut der zahlreichen Mittelreicher durchtränkt war, blieb schwer an ihren Stiefeln haften. Auch der unangenehm süßliche und beißende Leichengeruch hing wie der Nebel schwer auf dem Schlachtfeld. Sie stiegen über dutzende, teilweise übereinander liegende Leichen hinweg. Adellinde musste sich ein Tuch vor die Nase halten, so aufdringlich war der Verwesungsgeruch. Einige der Leichen waren verstümmelt, in grotesker Haltung liegen geblieben, gänzlich verkohlt oder so zerfetzt, dass man nicht genau wusste, welches Körperteil genau zu sehen war. Keinem der drei gelang es mehr die Stimme zu erheben, während sie mit immer schwerer werdenden Schritten tiefer in das Zentrum des Schlachtfelds vordrangen. Jeder fragte es sich, doch niemand traute es sich auszusprechen: Sie wussten nicht genau wonach sie überhaupt suchen sollten und was ihr Ziel war, denn durch den dichten Nebel, der sich über die Ebene gelegt hatte, vermochten sie sich auch nicht vernünftig zu orientieren. Zwischen all den menschlichen Leichen lagen auch immer wieder Teile Galottas schändlicher Dämonenarmee. So erblickte sie einen kleinen Haufen geschälter Schädel, an die sich Sieghelm noch gut und mit Schrecken erinnern konnte. Es waren rollende Anhäufungen von Schädeln, die mittels Magie dazu gebracht wurden über ihre Gegner hinweg zu rollen und sie dabei bis auf die Knochen abzunagen. Doch die rollenden Schädel waren nicht die einzigen grotesken und todbringenden Abscheulichkeiten, die ihnen der Dämonenkaiser entgegengeworfen hatte. „Sieghelm!“, rief Kalkarib plötzlich, der mit seinem Pferd stehen geblieben war und auf den Boden starrte. „Ist das nicht einer von deinen Männern?“, fragte er in seinem für ihn typischen novadischen Akzent und zeigte auf einen in den nassen und blutdurchtränkten Boden gedrückten Körper. Sofort kam Sieghelm herüber. Bei jedem Schritt spritzte Wasser bis auf seinem schwarzer Umhang, der inzwischen braun und steif geworden war. Trotz der dichten Schicht aus Dreck, die darauf lag, erkannte er das Wappen des Schutzordens der Schöpfung auf dem Wappenrock wieder. Der Mann lag auf dem Rücken und es fehlte der Unterkörper, irgendetwas hatte ihn – anscheinend mühelos – die Hüfte abwärts durchtrennt und seine Eingeweide lagen nun in einer dunklen Pfütze aus Regenwasser und Blut. Während sich Regenwasser in seinem im Moment des Todes aufgerissenen Mund sammelte, blickten seine blauen, inzwischen etwas trüb gewordenen Augen starr gen Himmel, als würden sie gen Alveran blicken und um Erlösung bitten. Die letzten Momente des Mannes musste er niederhöllische Schmerzen gehabt haben. Sieghelm starrte das aschfahle Gesicht der Leiche an, als würde er darin verzweifelt etwas suchen. Inzwischen war auch Adellinde zu Ihnen gestoßen. Als sie den toten Körper erblickte, muss sie sich erneut ein Tuch vor den Mund halten und kurzen Stoßgebet gen Himmel schicken. „Kennt ihr den Mann?“, frug sie durch das Tuch mit unterdrückter Stimme. „Nein“, antwortete er traurig. Doch in seiner Stimme lag mehr, als er verraten wollte. Sieghelm machte sich Vorwürfe. Vorwürfe, dass er den Namen des jungen Mannes, der sein Leben für ihn und das Mittelreich gegeben hatte, nicht kannte. Er kannte nicht mal sein Gesicht, würde er nicht den silbernen Halbmond und den silbernen Blutstropfen auf schwarzen Grund tragen, würde er ihn nicht mal als einen seiner Mannen erkennen, dessen Leben zu schützen er geschworen hatte.

Adellinde machte einen Schritt an Sieghelm heran und berührte ihn sanft am Oberarm. Sie atmete tief ein, entfernte dann das Tuch vom Mund und sagte: „Euch trifft keine Schuld, Ser. Ihr seid nicht für den Tod dieses Mannes verantwortlich.“ Sie wollte für ihn da sein, ihm beistehen in seinem Moment der Unsicherheit. „Ich stimme der Priesterin zu“, gab Kalkarib als Kommentar zum Besten, der ebenfalls sah, wie der junge Ordensmeister litt. Sieghelm blickte auf, sah erst verständnislos zu Kalkarib und dann zu Adellinde. In ihm war eine unbeschreibliche Leere. „Ihr versteht nicht, worum es mir geht“, begann er im leisen Ton, hockte sich hin und fuhr mit der Hand sanft über das Gesicht des Mannes, um seine Augen zu schließen. „In einer Schlacht sterben Menschen, auf jeder Seite – und dies ist nicht meine erste Schlacht. Ich war schon Mal hier. Etwas weiter im Rahja, an der Trollpforte, kämpfte ich schon mal gegen die Schwarzen Lande. Ich war noch ein junger Knappe als …“ Er unterbrach sich in seiner Erzählung, als er merkte, dass dies zu weit führen würde. Vorsichtig löste Sieghelm die Schnalle an einer ledernen Tasche der Leiche, die aus irgendeinen Grund noch an ihr dran geblieben war. „Es geht mir darum, dass ich diesen jungen Mann nicht erkenne.“ Adellinde und Kalkarib blickten sich kurz einander fragend an. Ihre Blicken fragten: Meint er das ernst? Zweifelte Sieghelm etwa an der Echtheit des Wappens? Kalkarib ergriff die Initiative: „Sieghelm, er trägt dein Wappen!“, rief er etwas lauter als gewollt aus, als würde Lautstärke allein genügen, um ihn zur Besinnung zu bringen. „Ja natürlich, darum geht es mir auch nicht.“ Er fingerte aus der ledernen Gürteltasche der Leiche einen matschigen Zettel und eine kleine Holzfigur hervor. Mit dem Fingernagel befreite er letztere vom Schlamm, der inzwischen in die Tasche gesickerte war. Heraus kam eine kleine Holzfigur in der Größe des kleinen Fingers, die einen Schmied am Amboss zeigte. „Es geht mir darum, dass es nicht richtig ist. Mit Sicherheit wusste er, wer ICH war, aber kenne ich IHN nicht und doch war er bereit sein Leben für mich zu geben. Und das nur, weil ich ihm dazu aufrief.“ Der Gewinner der Frühlingsturney nahm die kleine Holzfigur in seine große Hand, drückte sie fest an sich und mit Blick zu den dichten Wolken sagte er dann mit lauter und fester Stimme: „Ich schwöre beim Schutzorden der Schöpfung und der donnernden Göttin, das ist das erste und letzte Mal, dass es so sein wird. Ich Zukunft will ich jede Frau und jeden Mann der für mich kämpft beim Namen und seiner Herkunft kennen – das schwöre ich.“ Erneut blickten sich Adellinde und Kalkarib kurz fragend an. Langsam begannen die beiden nachzuvollziehen, um was es dem Reichsritter ging. „Das ist ein wahrlich hehres Ziel, Ser Sieghelm“, bekräftigte Adellinde ihn im bewundernden Tonfall und strich ihm erneut über den Oberarm. Kalkarib hingegen prustete, denn er hatte eine Ahnung davon, was das in Zukunft bedeuten würde. Er sah Sieghelm schon, wie er sich jedes Mal vor der Schlacht zwanghaft unter seine Truppen mischte und versuchte sich mit Ihnen am Lagerfeuer und bei einer Schüssel Bohnen zu verbrüdern. Er verdrängte den aufblitzenden Gedanken jedoch, da es jetzt wichtigeres zu tun gab. „Was machen wir mit ihm? Wir können ihn hier unmöglich beisetzen“, erkundigte sich der Wüstensohn. „Ich habe das hier, das genügt. Die Zwölfe werden uns verzeihen.“ Sieghelm zeigte die kleine Holzfigur und den schlammigen Zettel, den Sieghelm inzwischen als Brief identifiziert hatte. „Lasst uns weiter“, sagte Sieghelm und ging wieder zurück zu seinem Pferd, auf dem Leutnant Pagol in Wachhaltung saß und sich stetig umsah. „Wonach suchen wir hier eigentlich?“, warf Kalkarib ein, der den Moment des Innehaltens nutzen wollte.Mit einem teils fragenden und teils entsetzten Blick, drehte sich Sieghelm zu Kalkarib um: „Nach meinem Vater, natürlich!“ „Ja, natürlich. Aber …“ Kalkarib machte eine drehende Geste um sich herum. „ … wir können nicht gerade sehr weit sehen in dem Nebel. Das ist wie die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste.“ „Du meinst, wie die Suche nach einer Nadel in einem Heuhaufen?!“ Beide Männer starrten sich blinzelnd und ahnungslos an. „Warum sollte man eine Nadel im Heuhaufen suchen wollen?“, platzte es im gereizten Tonfall aus Kalkarib heraus, der genau zu wissen glaubte, worauf Sieghelm anspielte. Es ging ihm erneut darum, seine Kultur zu verunglimpfen und seine Mittelländer-Kultur überseine Novadi-Kultur zu stellen. „Ach und die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste …“ „MÄNNER!“, platzte es aus Adellinde lauthals heraus. Zu gerne hätte sienun alle ihr zur Verfügung stehenden Finger auf die Lippen beiden Männer gelegt, doch leider standen sie zu weit auseinander, weshalb sie auf ein anderes erzieherisches Mittel zurückgreifen musste. Sie setzte mit nachdrücklichen Unterton, der keinen Einwand duldete, an: „Mit Sicherheit hat Ser Sieghelm einen gut durchdachten Plan, wie wir – trotz des dichten Nebels und des starken Verwesungsgeruchs – seine Hochwohlgeboren Parzalon zügig finden können, ohne ziellos über Berge aus Leichen zu stapfen. Denn niemand von uns möchte sich an diesem gottverlassenen Ort länger als nötig aufhalten. Nicht wahr, eure Exzellenz?“ „Ganz recht! Und natürlich habe ich einen Plan!“ Mit diesen Worten nahm er wieder die Zügel seines Pferdes und spürte den vernichtenden Blick der Geweihten im Nacken, weshalb er sich dazu entschied sich noch einmal zu seinen Gefährten umzudrehen um sie in seinen ‚Plan‘ einzuweihen: „Die Dettenhofener Truppen meines Vaters befanden sich auf der Linken Flanke, also im Firun des Mythraelsfeldes. Dort wurden sie auch zuletzt gesehen. Es heißt, dass sie vom Zentrum abgedrängt wurden. Unsere Suche wird also auf der Firunsseite des Schlachtfelds beginnen.“ Und als ob diese Erklärung genügte, ging Sieghelm nach einem kurzen Blick zu den zerfallenen Türmen von Burg Karmaleth, um sich zu orientieren, wieder voran. Als Kalkarib an Adellinde mit seinem Pferd vorbeiging, raunte er ihr noch trotzig zu: „Wer ist so dumm und versteckt eine Nadel im Heuhaufen?“ Was Adellinde zu dem Entschluss brachte, den nächsten Verbandwechsel bei ihm etwas straffer zu gestalten.

Die drei suchten sich einen möglichst halbwegs geraden Weg durch das ehemalige Schlachtfeld gen Firun. Die Leichenberge und Verwesungsgerüche machten den Weg zu einer Tortur. Der Magnum Opus des Weltenbrandes hatte verschiedenste unheilige Kräfte herbeigeschworenen, die das Land nicht nur verwüstet, sondern es auch topografisch gänzlich verändert hatten. Die Erde war an mehreren Stellen Ellenbreit aufgerissen worden, tiefe Kratertrichter von Explosionen und Einschlägen von herabfallenden Steinen durchzogen das Feld. Humusdämonen hatten die Wurzeln der Erde dazu gebracht empor zu steigen und sich als Ranken um Menschen zu schlingen. Diese zerstörten Konstrukte lagen noch immer wie versteinerte krause Haare von Riesen in der Landschaft herum und erschwerten das Durchqueren zusätzlich. Eine unbestimmte Zeit später liefen Sieghelm, Kalkarib und Adellinde auf eine am Boden hockende Gestalt auf. „Seid gegrüßt“, rief Sieghelm ihr euphorisch zu. Durch den Nebel waren sie der Person bis auf zehn Schritt nahe gekommen, da sie sie nicht eher erblicken konnten. Als Sieghelm die kauernde Gestalt anrief, schien sie sich zu erschrecken, fuhr hoch und wirbelte, da sie den dreien zuvor den Rücken zugekehrt hatte, herum. „Gut zu sehen, dass jemand überlebt hat …“, begann er, wurde jedoch von der Gestalt unterbrochen: „Was wollt ihr? Wer seid ihr?“ Ängstlich blickte sich der Mann mittleren Alters mit krausem Bart mit einem Bündel vor der Brust haltend zu den Dreien um. „Ich bin Ser Sieghelm, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Reichsritter des Neuen Raulschens Reich – und wer bist du?“ „Ich? Ich ähm … niemand“, stotterte er. Als der Mann sah wie Kalkarib seine Hand auf den Knauf seines Khunchomers legte, erschreckte er sich so stark, dass er das Bündel vor seiner Brust etwas lockerte. Zahllose edelmetallene Ketten, Ringe und Amulette, wertvolle Insignien und Wappenschilder purzelten heraus und platschten in den von Blut und Regen aufgeweichten Boden. Alle vier starrten für einen kurzen Moment auf den Haufen wertvoller Gegenstände, die der Mann soeben fallen gelassen hatte und allen war klar, was er hier tat. Ehe Sieghelm ‚bleib stehen‘ rufen konnte, war er auch schon auf dem Absatz herumgewirbelt und suchte im schützenden Nebel das Weite. Sieghelm wusste, dass er in seiner Gestechrüstung und in diesem Schlamm nicht die geringste Chance hatte, dem Mann zu folgen. Kalkarib hingegen war flink und leichtfüßig und trug keine erschwerende Rüstung. Ein Blick zu ihm genügte und der durchnässte Wüstensohn flitzte über die Ebene dem Leichenfledderer hinterher. Auch der Leutnant hüpfte vom Pferd und schoss wie eine Wurst, die über nasse Steine rutschte, über die feuchte Erde hinweg – nur das diese dabei protestierend kläffte.

Wenig später brachte Kalkarib den zeternden und jammernden Leichenfledderer am Schlafittchen gepackt zurück zu Sieghelms und Adellindes Position, die sich inzwischen die Wertgegenstände, die er verloren hatte, etwas näher angesehen hatten. Den ganzen Weg hatte sich Pagol in den Stiefel des Mannes verbissen und knurrte die ganze Zeit über, als würde er sagen wollen: ‚Ich schaffe es alleine ihn zu ziehen, lass ihn los!‘ Kalkarib warf ihn Sieghelm vor die Füße, wobei sich sein dichter ungepflegter Bart in einer blutigen Pfütze tunkte. „Auf die Knie mit dir“,  befahl er dem Mann im rauen Ton, während Adellinde wie eine ihn legitimierende Geweihte neben ihm stand und den Mann verurteilend ansah. „Du wirst uns jetzt dahin bringen, wo du das gefunden hast“, sagte er und hielt dem Mann ein etwas Faustgroßes versilbertes Wappenschild von einer Rüstung vor die Nase, das er im Haufen der Gegenstände, den der Leichenfledderer verloren hatte, gefunden hatte.

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Teil III – Hasardeure (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 17. Peraine, 34 nach Hal – Am frühen Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Die Gebende mit euch, Ser.“ Adellinde schälte auf einem Baumstumpf sitzend Zwiebeln, als sie den müde aussehenden Ordensmeister aus seinem provisorischen Unterstand aufstehen sah. Sie war mit der Praiosscheibe aufgestanden und hatte damit begonnen das Frühstück für sich und ihre Gefährten vorzubereiten. „Morgen“, raunte dieser nur zurück und streckte sich gähnend. Da es in der Nacht kälter geworden war, hatte er seinen dunklen Wams angelassen. Adellinde fand, dass Männer in diesen gefütterten Kleidungsstücken irgendwie drollig aussahen. Es hingen zahlreiche Nestelfäden herab und die Körperform wurde irgendwie unnatürlich in die Breite gezogen.  Was auch dieses Mal zutraf, weshalb sie etwas grinsen musste. „Was habt ihr?“, frug Sieghelm forschend, der ihr Grinsen nicht übersehen konnte. „Ach, ich … gar nichts.“ Ihre Wangen liefen rot an, als sie verlegen zur Seite schaute und selbst für einen sozial tapsigen Mann wie Sieghelm erkennbar verlegen wurde. Sieghelm beschloss sie nicht zu drängen, stattdessen kramte er in den Satteltaschen nach seinem Essgeschirr und ging damit zu ihr. „Ist Kalkarib …?“, begann er im Frageton. „Ja …“, antwortete sie und schälte weiter Zwiebeln. „Wir waren zur gleichen Zeit wach geworden. Er sagte er müsse zu Keft beten und sich deswegen zurückziehen.“ Ein langer Moment der Stille folgte, in denen nur das Knistern der Zwiebelschalen zu hören war, die Adellinde zusammentrug. „Wer ist eigentlich dieser Keft?“, platzte es dann aus ihr, lauter und neugieriger als gewollt, heraus. Als sie sich das sagen hörte, wurde sie sofort wieder etwas rot im Gesicht. Dieses Mal musste Sieghelm, ob der Unwissenheit der Geweihten, etwas grinsen. Er setzte zu einer kurzen Erklärung an: „Keft ist keine Person oder Gott, sondern ein Ort in der Wüste Khôm. Bestimmt habt ihr ihn nur falsch verstanden – sein Akzent ist gewöhnungsbedürftig.“ Als Sieghelm das sagte, deutete er sich selbst mit einer wedelnden Bewegung auf den Mund, was ein Nuscheln nachstellen sollte. Er wollte damit veranschaulichen, dass auch für ihn die Sprache der Novadis seltsam klang. „Ah, achso.“ Sie nickte nur, obwohl sie nicht den Anschein machte, vollständig zu verstehen, was der Reichsritter sagte. Sie holte ein Brettchen heraus und begann die Zwiebeln klein zu schneiden. Zwischendurch warf sie einen prüfenden Blick zum Lagerfeuer, das sie kurz zuvor angezündet hatte. Wieder folgte ein längerer Moment der Stille. Sieghelm betrachtete die junge und zierliche Frau. Er musste noch immer verarbeiten, was gestern Abend geschehen war und dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! „Ich habe mich noch gar nicht wegen gestern Abend bei euch bedankt“, begann er leise. Adellinde zwinkerte verlegen und da zeigte sich wieder ihr bezauberndes Lächeln, dass Sieghelm innerhalb der kurzen Zeit so zu schätzen gelernt hatte. „Ich habe getan, was jeder getan hätte.“ „Das sehe ich anders. Ihr habt mein Leben gerettet, und das im Angesicht eines überlegenden Gegners – ihr habt mehr Mut bewiesen, als ich es bei den meisten meiner Untergebenen je gesehen habe.“ Erneut wurden ihre Wangen scharlachrot, was ihre blauen Augen noch mehr erstrahlen ließ. „Eure Worte schmeicheln mir, Ser.“ „Ich meine das ernst!“, bestand Sieghelm in einem ungewollt harten Tonfall auf sein Gesagtes. Er erschreckte sich selbst vor der ungewollten Schärfe. Adellinde rief in ihm aus einem ihm unbekannten Grund seine sanfte Seite hervor. Es kam ihm so vor, als müsse er sie ganz behutsam behandeln, da sie beim kleinsten falschen Ton zu zerbrechen drohte. Was jedoch albern war, da er gestern Abend gesehen hatte, dass sie keineswegs ein zierliches Ding war, das man beschützen musste. In Sieghelm Welt war sie für ihn aufgrund dieses Widerspruchs ein Mysterium. „Was … was ich sagen will ist …“, setzte er erneut stotternd ein. Doch er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden. Wie konnte er ihr sagen was er dachte oder fühlte, wenn er das nicht einmal selbst wusste? Er kam sich so töricht vor und als ihm gewahr wurde, dass sie ihn nun schon mehrere Momente lang fragend in die Augen blickte, da er seinen Satz mittendrin unterbrochen hatte und einfach nicht weiter sprach, wurde auch er verlegen. „Danke. Ich möchte danke sagen.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kamen sie ihm auch schon lächerlich vor. „Gern geschehen, Ser“, antwortete sie knapp und konzentrierte sich dann wieder auf das Zwiebelschneiden. Da fiel Sieghelm noch eine Frage ein, die er ihn unbedingt stellen wollte. Am gestrigen Abend war er viel zu aufgewühlt dafür gewesen und als er sich seine aufgeschlagenen Fingerknöchel betrachtete, wurde ihm wieder klar, wie sehr er bereute, was gestern über ihn gekommen war. „Euer Gnaden, ich möchte euch noch etwas fragen.“ „Nennt mich doch bitte Adellinde“, schoss sie ihn unterbrechend dazwischen, was Sieghelm wieder etwas aus der Fassung brachte. „Na schön, wie ihr wollt – Adellinde. Ich habe mich gefragt, was passiert ist und wie es dazu kam, dass ihr plötzlich zwischen mir und dem Paktierer standet? Ich muss zugeben, dass Boron da wohl den Segen des Vergessens über mich hat kommen lassen. Ich möchte gerne wissen wie es dazu kam. Das letzte woran ich mich erinnere, ist das ich wegen des Giftatems zusammenbrach und den Tod schon vor Augen hatte.“

Sie atmete tief ein, als würde sie zu einer langen Erklärung ansetzen wollen. Da tapste plötzlich Pagol heran und schwänzelte um Sieghelms Beine herum. Er ließ sich auf den Bauch fallen und mit einem kleinen Kläffen gab er bekannt, dass er gekrault werden möchte – was Sieghelm dann auch tat. Mit Blick auf den Hund, wurden ihre Augen etwas glasig, als sie sich an die Szene des gestrigen Abends zurückversetzte. „Wir waren zu dritt hinter dem Baumtrichter, kurz vor ihrem Lager“ begann sie ruhig zu erzählen. „… es war sehr dunkel und als wir die Kampfschreie der Zwerge hörten, stürmtet ihr beide los und hattet mich damit alleine gelassen.“

„Oh Herrin, geschieht das gerade wirklich?“ hauchte Adellinde gedankenverloren, die von Sieghelm und Kalkarib alleine im Dunkeln gelassen wurde. Sie kauerte sich tief hinter den Baumtrichter, um keinesfalls gesehen zu werden. Sie hatte noch nie ein Scharmützel oder gar einen Kampf gesehen. Sie musste an die Kneipenschlägerei denken, die sie in Perz einmal mitansehen musste. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was hier geschah. Sie hörte wie ihr Atem stotterte und spürte ihre Hände zittern. Dann begann das Metallgeklapper. Klingen trafen aufeinander, gefolgt von Todesschreien. Sie wusste nicht von wem es kam, sie hoffte, dass es die der Söldner waren. Da hörte sie eine kleine innere Stimme in ihr, die ihr sagte, dass sie etwas tun musste. Sie konnte nicht einfach nur hier herumsitzen und warten bis die Verletzten zu ihr kamen. Sie musste die Initiative ergreifen. Sie fasste sich ein Herz und blickte durch ein paar Wurzeln hindurch zum Lager der Söldner. Doch das Buschwerk war zu dicht und die wenigen Fackeln erhellten den Kampfplatz nicht gut genug, um etwas erkennen zu können. „Nur ein paar Schritte näher, Adellinde, damit du etwas siehst“, sprach sie zu sich selbst und hielt nach einer geeigneten Deckung Ausschau, die etwas näher am Lager lag. Vorsichtig schlich sie vor und duckte sich fünf Schritt weiter vorne hinter eine dichte Hecke. Doch auch von hier konnte sie nicht viel erkennen. Wieder hörte sie jämmerliche Schreie, gefolgt von ein paar lauten Kommandos einer ihr fremden Stimme. Sie fragte sich, ob das ihr Anführer sei. Sie wechselte noch zwei Mal die Position, bis sie so nah war, dass sie auf die Anhöhe schauen konnte, wo sie Sieghelm im Zweikampf mit einem dunklen Ritter erblickte. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, um aus der Entfernung die Zeichen auf seiner Rüstung besser erkennen zu können. „Ist das … hmm … oh Göttin! Das kann nicht wahr sein.“ Als sie die Symbole auf der geschwärzten Rüstung sah, rutschte ihr das Herz bis in die Hose. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich taub und so klein wie eine Kirchenmaus im Praiostempel zu Gareth. „Ein Diener Mishkharas. Herrin ist das wirklich dein ernst?“, fauchte sie ungläubig gen Himmel. Für sie war klar, dass dies eine Fügung ihrer Göttin war. Sie hatte sie hierher gebracht, damit sie sich ihren Ängsten, dem Schlächter ihres Dorfes und dem Schänder ihrer Kirche stellte. Er musste es einfach sein, das spürte sie. Sie schloss sie Augen und ganz langsam begann sie drei Mal durchzuatmen, um sich so selbst zu beruhigen. Jedes Ein- und Ausatmen machte sie ganz bewusst, mit dem Gedanken daran, dass sie sich zum Werkzeug Peraines machen würde und es egal war, ob sie dabei ihr Leben lassen würde. Sie sog die Luft ein und fühlte, wie sich ihr Innerstes mit Leben füllte, mit jedem Ausatmen wuchs der Mut in ihr an, für das, wofür sie zu tun bestimmt war. Nach dem letzten Ausatmen, das über ihre rötlichen Lippen strich, öffnete sie wieder Augen, und es lag eine Entschlossenheit in ihr, die sie bis zur Sonnenwende nicht mehr ablegen würde.

Mit einem behänden Griff in ihre Stofftasche holte sie ein paar Kornähren hervor, die sie immer als Paraphernalien bei sich führte. Sie richtete sich auf, drehte sich zu der Anhöhe und trat entschlossen darauf zu. Sie sah, wie Ser Sieghelm gerade zurücktaumelte und eine giftige grüne Wolke über die Anhöhe waberte, dann begann sie erst leise und immer lauter werdend zu beten: „Herrin Peraine, ich erbitte Deinen Segen, ich habe gearbeitet wie Deine fromme Dienerin, habe geopfert wie Deine fromme Dienerin und habe gebetet wie Deine fromme Dienerin. Segne mich, auf das ich dein Werk auch morgen noch verrichten kann.“ Der Ritter brach inzwischen zusammen und der Paktierer ging mit einem süffisanten Lächeln auf ihn zu. Adellinde ließ ihn nicht mehr aus den Augen, noch war sie außerhalb des Fackelscheins, doch das würde sich jeden Moment ändern. Sie wusste, dass sie sich ihm alleine stellen musste, denn der Reichsritter war zu Boden gegangen und sie hatte als Waffe gegen ihn nur ihren Glauben. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben. „Sie her, Diener der Seuchenbringerin – SIEH HER!“ Ihre Stimme überschlug sich, als sie losbrüllte und sich somit des Paktierers Aufmerksamkeit sicher war. Er hatte gerade zu einem vernichtenden Schlag ausgeholt, doch hielt er nun inne. Adellinde trat entschlossen in den Fackelschein, in der linken Hand die Kornähren, die Rechte geballt zur Faust und ihr Blick so entschlossen, dass ihre blauen Augen hell leuchteten. „Du hast Verderben über mein Dorf gebracht, und nun stehe ich hier, lebendig und kraftvoll trotze ich deinem fauligen Atem, denn wo ich gedeihe wirst du vergehen.“ Mit diesen Worten reckte sie die Kornähren ihm entgegen. Der grünliche Nebel wich so schnell von dem Hügel, als würde er flüchten und auch der Paktierer machte einen Satz zurück als hätte ihn ein mächtiger Stein am Kopf getroffen. „WEICHE, faulige Ausgeburt! WEICHE, wo das Leben blüht und gedeiht! DU bist hier nicht willkommen.“ Ohne langsamer zu werden, stellte sich Adellinde vor Sieghelm breitbeinig auf, noch immer die Ähren noch vorne gereckt. Der Paktierer fing sich ein paar Schritt entfernt auf. Er schüttelte sich und verzog das faulige Gesicht. „Wer bist du?!“, rief Baron Markwart und hielt sich einen Arm schützend vor das Gesicht, als würde Adellinde ihn blenden. „Ich bin eine Dienerin der Gebenden aus Perz und ich bin gekommen um dir zu verheißen, dass das Ende deines Vergehens gekommen ist. Knie nieder und bitte die Gütige um Vergebung für deine Gräueltaten in Perz, oder du wirst jetzt dein Ende finden.“ Die Worte sprudelten nur so aus Adellinde heraus,sie kamen zum Teil von ihr selbst und zum anderen Teil durchdrangen Sie sie einfach. Sie spürte wie ihre Göttin durch sie zu dem Paktierer sprechen wollte und sie ließ es zu, doch vorher kam Markwart zu Wort: „Dreckiges kleines Miststück! Du bist viel hübscher als die anderen – ich hätte lieber dich auf dem Altar schänden sollen.“ Die beleidigenden Worte des Barons verfehlten ihr Ziel, denn Adellinde befand sich inzwischen in einem geistig entrückten Zustand. Die blauen Augen der Priesterin wurden für einen kurzen Moment reinweiß und ihr gesamtes grünes Antlitz strahlte so hell, dass es Markwart erneut blendete. Mit einem tieferen Ton drangen aus ihr die Worte: „Ich bin die Bewahrerin, die Hüterin des Heiligen Hains. Sieh oh Halm, die Ähren auf dem Felde, ein leiser Hauch, wenn eine sich beugt, so bebet, die andere auch. Die Sichel kommt und Schnitt, die Faulen und die fremden Halme – Erzitter mit.“ „GENUG!“, erwiderte Markwart, dem es nun überkam, der seine Kraft zusammennahm und nach vorne preschte. Mit erhobenem Warunker Hammer warf er sich voran, doch Adellinde wich keinen Fingerbreit. Da fuhr plötzlich Rondras Nagel empor, geführt vom wiedererstarkten Reichsritter, der seinen mächtigen Hieb abfing. Sieghelm setzte nach und drängte ihn zurück – da kehrten auch Adellindes blaue Augen zurück und das Prickeln fuhr aus ihrem Körper. Sie sah mit an, wie es Sieghelm gelang den Frevler zu überwältigen, während Sie nur wenige Schritt entfernt versuchte, die Worte, die soeben über Ihre Lippen gekommen waren, zu verstehen.

„Ich bewundere euch“, flüsterte Sieghelm, der Adellindes Geschichte gebannt gelauscht hatte. Ihr rannen ein paar Tränen über die Wangen. „Warum weint ihr?“ „Die Zwiebeln, sie … es sind die Zwiebeln“, gab die Priesterin als ausweichende Antwort. Doch in Wahrheit war es die Erinnerung an der Moment, als ihre Göttin durch sie sprach, der sie erneut mitnahm. Sie war traurig, dass es ihr nicht gelang, sich komplett daran zu erinnern, was sie gesagt hatte und es gab auch keine Hoffnung, es je zu erfahren, denn der Einzige, der es mitbekommen hatte, war inzwischen tot. „Wo wir schon dabei sind von gestern zu sprechen, Ser – was war es eigentlich, was euch der Paktierer noch zugeflüstert hatte, dass es euch so in Rage versetzt hatte?“ Sieghelm schluckte schwer und Adellinde sah, dass es ihm unangenehm war. „Es ist heilend für Körper und Seele, über so etwas mit einer Priesterin eures Vertrauens zu sprechen. Euer Wohlgeboren.“ „Ich möchte eigentlich nicht darüber sprechen“, wich Sieghelm aus und machte Anstalten aufzustehen.Doch da kläffte Pagol, der noch nicht genug davon hatte, gekrault zu werden, weshalb ihm nichts anderes übrig bleib, als sitzen zu bleiben. „Wenn euer Verstand nicht darüber sprechen möchte, ist es umso wichtiger für eure Seele, dass ihr es tut“, hakte Adellinde nach und griff zu den Rüben, um nun diese zu bearbeiten. Sieghelm seufzte, die Priesterin war hartnäckig und sein eigener Leutnant hatte sich gegen ihn verschworen. „Nungut, wie ihr wollt. Aber ihr müsst mir versprechen, nicht darüber zu urteilen. Ich … bin sonst nicht so.“ „Heiliges Apfelehrenwort!“ Adellinde hob die linke Hand, reckte den Rücken und machte eine bedeutsame Pose.Sieghelms Brauen senkten sich und er schaute sie verwirrt an. „So etwas gibt es doch gar nicht.“ Adellinde grinste beschwichtigend. „Natürlich nicht. Aber ich bin eine Priesterin Peraines, eure Worte sind bei mir so sicher wie das Amen in der Praioskirche.“ Nun lächelte auch Sieghelm, der Adellindes neckische Art begann zu mögen. „Nun, es war so …“

Sieghelm drehte Custoris in der Luft um die eigene Achse und versetzte Markwart damit einen Treffer gegen die linke Schulter. Der Anderthalbhänder ächzte gegen die schwarze Plattenrüstung, doch die Wucht brachte den alten Baron ins Taumeln. Er versuchte das Ungleichgewicht mit seinem Warunker Hammer auszugleichen, doch schaffte er es nicht rechtzeitig und so setzte Sieghelm nach. Mit einem mächtigen Schwung traf er den Paktierer erneut am linken Arm, so dass er hörte, wie darunter Knochen brachen. Das von Pusteln übersäte Gesicht des Barons wurde schmerzverzerrt, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war. Er konnte dem Reichsritter einfach nichts mehr entgegensetzen und hatte schon zu viel Blut verloren. „Es ist ganz gleich, was hier geschieht“, stöhnte er und wehrte einen Hieb des Ritters mit letzter Kraft ab. „Der Greifenthron wird fallen, und mit ihm das Kaiserreich.“ Sieghelm machte eine Finte, die der Baron nicht kommen sah und dieser bekam so einen Treffer gegen das rechte Bein. Unter heftigen Schmerzen gab es nach und der Baron sank auf die Knie. „Und ihr könnt es nicht verhindern, die Kaiserin gehört uns.“ Der mächtige Anderthalbhänder sauste herab und noch während das Donnern über den Hügel zu hören war, durchtrennte seine Klinge den hölzernen Schaft des Warunker Hammers. Das Holz zerbrach und die Klinge suchte seinen Weg weiter nach unten und grub sich tief in die Schulter des Barons. „Während ihr hier euren Sieg feiern werdet …“ Markwart musste Blut spucken, als er das Schwert in seine Schulter bekam, doch ließ er sich nicht davon abhalten weiter zu reden. „ … wird die Hure des Mittelreichs in der Warunkei kaiserlich vom jedem im Nekromantenrat durchgepflügt, der noch etwas Fleisch am Pimmel hat.“ Während in Sieghelms Gesicht die Wut hochkochte, ergötzte sich der Frevler daran, denn auch wenn er den Kampf hier verloren hatte, so wusste er, dass er mit einem Lächeln abtreten konnte. Er hatte seinem Widersacher ein widerwärtiges Bild in den Kopf gesetzt, dasser nicht mehr loswerden würde. Sieghelm schlug mit dem Knauf seines Schwerts gegen Markwarts Gesicht. Seine Nase brach und Blut platzte Sieghelm entgegen. Dann stürzte sich der Reichsritter auf ihn und ließ den Knauf so lange auf dessen Gesicht nieder, bis das Grinsen in seinem Gesicht nur noch eine blutige Masse war.

Teil III – Hasardeure (3)

Teil III – Hasardeure (2)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Ha!“ Albrax’s Axt trennte einen Unterarm vom Rest des Körpers. Blut schoß durch die Luft. „Huh!“ Die Axt wirbelte in der Luft herum und drang dann tief in den Oberkörper des Söldners ein. „Hehe!“ Mit dem metallischen Endstück des Stils wehrte er gekonnt den Schwerthieb einer Söldnerin ab und ging ohne Unterbrechung zum Gegenangriff über. „Nimm das!“ Sofort sank sie auf die Knie, als sich Albrax‘s Axtblatt tief in ihre Hüfte schob. „Klonk!“ Mit der Wucht eines wasserbetriebenen Stampfwerks hämmerte Albrax seinen Helm gegen ihre Stirn. Sie wurde nach hinten über geschleudert und stand nie wieder auf.  „Was für ein Spaß!“, intonierte er auf der Suche nach einem neuen Gegner. Seine Brüder und Schwestern kämpfen noch gegen die inzwischen dezimierten Söldner, die entgegen seiner Erwartung bis aufs letzte Blut kämpften. Was ihn insgeheim ein kleines bisschen freute, denn im Hinterherrennen war er nicht so gut. Zumal es sich für einen Hochkönig nicht geziemte, einem fliehenden Feind nachzustellen. Dafür gab es schließlich Armbrüste. Albrax erblickte Kalkarib, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Er humpelte und wehrte sich mühsam gegen einen Söldner mit einem Breitschwert. Albrax verließ die Kampfreihe der Zwerge, welche sofort von seinen Brüdern und Schwestern geschlossen wurde. Seine knubbeligen Finger griffen nach etwas an seinem Gürtel, als er hinter den Reihen der Angroschim langging. Der junge Wüstensohn hatte Mühe mit seinem Gegner, was wohl an seiner ihn benachteiligenden Verletzung lag. Albrax‘ Arm beschrieb einen Halbkreis, als er durch die Luft zuckte. Im nächsten Moment schaute aus dem Oberschenkel des Söldners der Griff einer Wurfaxt heraus. „Aaaagh!“, brüllte dieser, der sich fortan auf Paraden beschränkte, da Kalkarib in die Offensive ging. Den schnellen Bewegungen des Novadis war der verletzte Söldner nicht gewachsen. Es dauerte keine zehn Momente, bis er seinen Gegner überwältigt hatte und auch dieser Söldner zu Boden ging. Als Kalkarib seinen Khunchomer am Wappenrock des Mannes abstrich, erblickte er den neben ihm stehenden und unter seinem grauen Bart breit grinsenden Hochkönig. „Mir erschien das gerechter“, brubbelte er plötzlich mit roten Pausbäckchen und zuckte kurz mit den Achseln. Was bei einem Zwerg mit seinem Format so aussah, als würde eine gedrungene Eichentruhe den Versuch unternehmen hüpfen zu wollen. Albrax hatte ihm bei seinem Kampf geholfen, in der er seinen Gegner eine ähnliche Verletzung zufügte wie die, die er hatte. Auf diese Weise konnte er seinen Gegner selbst überwinden und seine Ehre erhalten. Kalkarib blieb keine andere Wahl als „Danke“ zu sagen. „Gern geschehen Junge.“ Albrax zwinkerte ihm zu und beide blickten über das Kampffeld. Die Angroschim hatten inzwischen ohne ihn den Sieg errungen, alle Söldner waren besiegt. Die beiden Männer blickten daher zur Anhöhe, wo noch kurz zuvor Sieghelm den Anführer der Gruppe die Stirn geboten hatte. Sie waren nur zwanzig Schritt davon entfernt, und im schwachen Fackelschein der Nacht konnten Sie nicht alles klar erkennen, aber was sie dort sahen, ließ sie beide den Atem anhalten.

Baron Markwart hüstelte und grinste noch immer, als er sich erhob und ausreichend Abstand zwischen sich und Sieghelm brachte, um mit der scharfen Seite seines langen Warunker Hammers den Kopf vom Torso des Ritters trennen zu können. Sieghelms Krämpfe waren noch immer so stark, dass er absolut gar nichts dagegen ausrichten konnte, nicht einmal ein Stoßgebet an die Herrin drang ihm über die Lippen. Das einzige, was er tun konnte, war ihm nicht die Genugtuung zu geben, die Angst in seinen Augen zu sehen, weshalb er sich dafür entschied, selbige zu schließen. Es war ohnehin besser, so würde er die tödliche Klinge nicht kommen sehen. Er dachte an seine Familie, an seinen Vater Parzalon, den er nun nie wieder sehen würde und zu dessen Hilfe er eigentlich unterwegs war. Er dachte an seine beiden Brüder, Traviahold und Torion. Sein kleiner Bruder Traviahold hatte inzwischen eine Familie gegründet und war sogar Abt eines eigenen Klosters. Torion, der ebenfalls eine Familie hatte, setzte die Blutlinie fort und befand sich wohl gerade im Familiensitz in Dettenhofen. Wie er wohl reagieren wird, wenn die Nachricht kommt, das sowohl er, als auch ihr gemeinsamen Vater ihr Leben auf dem Schlachtfeld gelassen hatten? Immerhin wird er dadurch Baron von Dettenhofen. Während ihm seine Gedanken durch den Kopf schossen, bemerkte Sieghelm nicht, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war. Anscheinend ließ sich Markwart viel Zeit und kostete seinen Sieg in vollen Zügen aus. Da berührte ihn plötzlich etwas an der Wange, etwas kaltes und gleichwohl weiches. Er riss die Augen auf, und was er sah, konnte er nicht glauben. Es war Adellinde, die ihm ihre rechte Hand auf die linke Wange legte, während sie die andere Hand mit ein paar Kornähren zur Faust geballt auf Markwart richtete, der doch tatsächlich davon angewidert zurückwich. Ein göttlicher und kaum wahrnehmbarer Glanz lag auf der Aura der zierlichen Priesterin. Sieghelm wusste nicht, ob er das wirklich sah, oder ob das an dem Gift lag, das er eingeatmet hatte. Adellinde sprach dann mit seidiger Stimme und ihre Worte beruhigten ihn: „Habt keine Angst. Ich bin bei euch, Herr Ritter.“ Wobei ihre Stimme sich für ihn wie göttliches Harfenspiel anhörte. Und tatsächlich, seine Angst verflog. Für einen klitzekleinen Moment lächelte sie ihn an, was Sieghelms Herz höher springen ließ. Er wollte ihr danken, ihr irgendetwas sagen, doch er konnte nicht. Dann schloss sie die großen blauen Augen und sprach: „Heiliger Therbûn, mögest Du diesen Gläubigen leiten! Gnädige Peraine, schenke diesem Gläubigen Gesundheit!“ Während ihrer Worte wurde ihre Handfläche angenehm warm. Dann erhob sie sich und stellte sich breitbeinig zwischen ihm und Markwart verteidigend auf. Ihre Faust war dabei noch immer auf den schwarzen Ritter gerichtet. Sieghelm wusste zwar nicht, wie es ihr gelungen war, Markwart zurückzudrängen, aber er bewunderte ihren übermenschlichen Mut, sich ihm alleine und nur mit ein paar Kornähren bewaffnet zu stellen. Er spürte wie die Betäubung aus seinen Gliedern wich und er wieder Kontrolle über seine Muskeln bekam. Die Krämpfe ließen nach, doch an ihre Stelle trat erschöpfter Schmerz, als hätte er den Hindernisparcour in der Kriegerakademie zum dritten Mal absolviert.

„Glaubst du wirklich, dass du mich damit aufhalten kannst, du hübsches Ding?“, bellte Markwart wütend, dessen Gesichtsausdruck immer verzerrter wurde. „Ich bin Adellinde, ergebene Dienerin Peraines, und es war mein Tempel und es waren meine Brüder und Schwestern in Perz, die du geschändet hast“, erklärte sie. Ihre sonst so zarte Stimme war plötzlich durchdrungen von Entschlossenheit. Es war kein Funken Wut in ihr und kein Zorn lag auf ihrem Gesicht. In Markwarts Gesicht hingegen glomm unterdessen die Erkenntnis, dass sie hier war, um seine Taten in Perz zu vergelten. „Aaaaahh, du willst Rache, Mädchen.“ Als er das Wort ‚Rache‘ aussprach, wuchs wieder ein hämischen Grinsen auf ihm an. „Nein“, konterte sie kühl, was Markwart überraschte. „So, wie eine Eiche, in der die Spitze eines Pfeils steckt, keine Rache gegenüber dem Pfeil verspürt, so verspüre auch ich keine. Stattdessen lebt der Baum damit weiter und überwuchert den Fremdkörper. Peraines Güte ist größer und beständiger, als das kurzlebige und verderbende Gift, das dir Mishkhara schenkt, Paktierer.“ Für einen kurzen Moment wusste der Baron darauf nichts zu erwidern. Stattdessen griff er nach seinem Warunker Hammer und ging zum Angriff über. „Dann stirbst du hier! Dummes Ding!“ Adellinde hatte noch immer nichts zu Verteidigung, außer ihre paar Kornähren und nichts vermochte ihn aufzuhalten. Er würde sie mit einem einzigen Hieb spalten. Markwarts Mimik war eine Mischung aus süßem Schmerz und Freude, als er das Axtblatt von weit hinter sich schwang und über ihrem Kopf niederschießen ließ, denn noch immer war ihm nicht wohl in ihrer Nähe, aber er freute sich gleichzeitig, seine Arbeit in Perz vollenden zu können. Da knallte ein Donnerschlag über die Anhöhe, der alles, bis auf ein kaum hörbares ‚Nein!‘ eines wiedererstarkten Reichsritters übertönte. Mit aller Kraft und noch immer unter erschöpfenden Schmerzen hatte sich Sieghelm hinter ihr hochgestemmt, mit Custoris ausgeholt und mit der Wucht eines Auerochsen, der gegen ein Scheunentor rannte, gegen den Hieb des Barons geschlagen. Die Klingen kreuzten sich nur knapp vor Adellindes Gesicht, die nicht einmal mit der Wimper zuckte. Funken, Holz- und Metallsplitter spritzten in alle Richtungen, als der Paktierer zurücktaumelte. Der Kopf seines Hammers flog im hohen Bogen davon, Sieghelms Hieb war so stark gewesen, dass er glatt den langen Stil am Metallteil durchtrennt hatte. Markwart hielt nun nur noch einen abgebrochenen Stecken in der Hand. Seine Kampfhaltung ließ zu wünschen übrig, als sich Sieghelm lautstark prustend und mit blutunterlaufenden Augen schützend vor Adellinde schob. „Wo waren wir stehen geblieben?“, sagte Sieghelm, der Mühe hatte, die Worte auszusprechen. Markwart blickte verbittert auf das ausgefaserte Ende seines Steckens und warf ihn dann missmutig zur Seite. „Wollt ihr es so beenden? Nennt ihr das rondrianisch, einen Unbewaffneten zu erschlagen?“, spottete er und spieh dabei mehrere Klumpen Spucke aus. Er hatte recht, auch wenn er ein Paktierer war, es lag keine Ehre darin, einen Unbewaffneten zu erschlagen – und rondrianisch war es allemal nicht. Dann sah Sieghelm eine Lösung. „Dort ist ein Waffenständer, wählt eure Waffe und ich schenke euch einen raschen Tod, wie es sich für einen Adeligen gebührt.“ Mit der Spitze seines Anderthalbhänders deutete er auf einen nahen Waffenständer in dem Äxte, Streitkolben und Kriegshämmer standen. Markwart rümpfe angewidert die Nase, als er die Waffen erblickte. „Wir wissen beide, das ihr mir im Kampf überlegen seid, ich habe euch auf dem Mythraelsfeld kämpfen sehen, was soll das ganze also?“ Sieghelm schnaufte verächtlich und setzte dann mit ernster Stimme zu einer Erklärung an. „Wenn ihr euch nicht wie ein Adeliger verhaltet und sofort zu einer Waffe greift, dann werde ich euch wie einen Gemeinen behandeln. Ich lasse euch gefangen nehmen, werde euch an den Händen fesseln lasen und werde euch hinter meinem Pferd im Galopp über die Reichsstraße ziehen, bis von euch nur noch ein blutiger Klumpen übrig ist.“ Das hatte gesessen. Auch wenn Baron Markwart ein Paktierer war, aber so wollte auch er nicht sterben. Bei Markwart zeichnete sich blutrünstiger Hass auf seinem zerfledderten Gesicht ab. Widerwillig holte er sich einen zweihändigen Kriegshammer und stellte sich dann kampfbereit auf. „Ich muss euch bitten, nun etwas zur Seite zu treten, euer Gnaden. Ich übernehme wieder“, sagte Sieghelm mit sanftmütiger Stimme rücklings gewandt zu Adellinde, die ihre Haltung kein bisschen verändert hatte. Sie nickte nur, senkte die Faust und trat dann ein paar Schritte zurück. Augenblicklich verschwand auch die glitzernde Aura von ihr. „Gute Entscheidung, Euer Hochwohlgebohren.“ Sieghelm nickte seinem Kontrahenten anerkennend zu.

„Ich muss ihm helfen!“, sagte Kalkarib besorgt im novadischen Akzent. Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, eilte er auf die Anhöhe los. Doch er wurde jäh in der Bewegung unterbrochen. Der Hochkönig, der sich trotz Kalkaribs Bewegungsmoment keine Haarbreite bewegt hatte, hatte ihm am Handgelenk gepackt und hielt ihn an Ort und Stelle fest. Der Novadi blickte ihn ernst an, warum in Rastullahs Namen hielt der Zwerg ihn davon ab, Sieghelm zur Hilfe zu eilen? Es war offensichtlich, dass nicht nur er, sondern auch Adellinde in Gefahr waren. „Ganz ruhig, mein Junge.“ Albrax‘ Stimme war zugleich beruhigend und bestimmend. „Diesen Kampf muss er alleine bestehen.“ „Seht ihr denn nicht, wie er dasteht? Er ist verletzt!“, konterte Kalkarib im Tonfall eines Kindes. Albrax ruckte am Arm des Novadis, der daraufhin aufhörte zu zappeln. Mit sehr ernster Miene sah der alte Zwerg dem großen Novadi in die Augen. Seine buschigen grauen Augenbauen wippten dabei auf und ab. „Ja das ist er, aber es ist ein rondrianischer Kampf – und wenn ich etwas über Rondra in den letzten 200 Jahren meines Lebens gelernt habe, dann, das es egal ist, wie der Kampf ausgeht, solange er rondrianisch bleibt.“ Mit den letzten Worten ließ Albrax‘ den Novadi los, der Mühe hatte, sich aufgrund seines verletzten Beins zu fangen. Doch vom durchdringenden Blick des Zwergen konnte er sich nicht lösen. Kalkarik dachte nach, es lag viel Weisheit in den Worten des kleines Mannes. Er selbst verstand nicht viel von den Zwölfen, aber auch er hatte ein Ehrgefühl. „Sieh es wie den Kampf eben, wie würde es dir ergehen, wenn ich den Mann meine Wurfaxt in den Kopf und nicht in sein Bein geworfen hätte – oder willst du mir unterstellen, dass ich das nicht gekonnt hätte?“  Beim letzten Satz schob Albrax trotzig sein bärtiges Kinn nach vorne. „Nein, keineswegs!“ Kalkarib machte eine abwehrende Geste. Albrax‘ Haltung entspannte sich wieder, und nach einem kurzen Moment zwinkerte er dem Novadi zu. Sofort lächelte das Gesicht hinter der knolligen Nase wieder. Kalkarib wurde einfach nicht schlau aus dem Zwerg. Aber er hatte Recht, es war eine Angelegenheit der Ehre, ihn den Kampf alleine austragen zu lassen. Einerseits blickte er den Zwerg nun noch immer etwas wütend an, da er von ihm aufgehalten wurde, aber andererseits war er dankbar, dass er ihn daran erinnert hatte. Während das Donnern von Custoris begann, gingen die beiden Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, die Anhöhe hoch, um dem rondrianischen Tanz zuzuschauen.

Sieghelm, der noch immer unter Erschöpfungsschmerzen litt, war schwerfälliger als sonst. Und Baron Markwart steckte noch immer in einer ihm weit überlegenden Rüstung. Er wusste jedoch, dass solange eine Dienerin Peraines anwesend war, es keinen Sinn mehr hatte, auf seine giftigen Paktgeschenke zurückzugreifen. Es musste es also in einem Kampf Mann gegen Mann austragen. Es war keinesfalls Sieghelms schönster Kampf den er je ausgefochten hatte, aber in seiner Vorstellung blickte die donnernde Göttin trotzdem in diesem Moment auf diese Anhöhe, und sah mit Wohlwollen dabei zu, wie er – ihr Auserwählter – einen Paktierer Mishkhara auf rondrianischem Wege besiegen würde. Rundherum versammelten sich die Zwerge, Kalkarib und Adellinde – der so entstehende Kampfplatz war ergo groß genug für die beiden Kontrahenten. Der Reichsritter tauchte jedoch so sehr gedanklich in den Zweikampf ab, dass er seine Freunde um ihn herum nicht wahrnahm. Begleitet nur vom sanften Knistern der Fackeln und in ihrem schwachen Schein, rang der Reichsritter des Greifenthrons zu Gareth den Paktierer unter Aufbringung großer Schmerzen nieder. Markwart von Graufenck aus Eslamsbrück, Baron von Taubrimora, verstarb im ritterlichen Zweikampf in einem Wäldchen nahe Perz, erschlagen von Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher – so würde es zumindest in die Geschichtsbücher eingehen. Der Kampf war auch rondrianisch, doch zwischendurch hatte der Baron Sieghelm etwas zugeflüstert, was sonst niemand anderes vernahm, was ihn anschließend in einen blutrauschartigen Zustand versetzte. Letztlich waren Albrax und drei weitere Zwerge gezwungen Sieghelm von Markwart herunter zu ziehen, als dieser mit dem Knauf seines Schwerts nur noch blutige Klumpen in den Boden stampfte, wo einst das eingefallene und kranke Gesicht des Barons war. „Hoffen wir, das Rondra rechtzeitig weg geschaut hat“, sagte Adellinde mit besorgter Stimme noch zu Albrax, als die beiden zu Sieghelm schauten, nachdem dieser sich beruhigt hatte und an einem Baum gelehnt die blutigen Klumpen Gehirn des Barons von den Händen wischte.

Wenig später, als die Angroschim den Kampfplatz aufräumten und Sieghelm um einen Moment der Ruhe bat, trat Adellinde an den auf dem Boden sitzenden Kalkarib heran. Sein linker Oberschenkel war inzwischen angeschwollen und schmerzte so sehr, dass er nicht mehr stehen konnte. „Was ist passiert?“, erkundigte sie sich bei ihm und kniete sich zu ihm nieder, während sie schon begann in ihrer Stoffumhängetasche zu kramen. „Mich hat ein Streitkolben getroffen“, sagte er nur. Er hatte außerdem ein paar kleine Blessuren, hier und dort ein paar Kratzer, aber nichts Schlimmes. „Was habt ihr vor?“, schob er noch interessiert hinterher, da er schon ahnte, was sie machen wollte. Doch würde er keinesfalls eine Ungläubige, und schon gar nicht eine unverheiratete Frau, seinen Oberschenkel berühren lassen. Sie fingerte aus der Tasche ein paar Kräuter und ein Salbendöschen. „Zieht eure Hose aus“, sagte sie. Da zuckte Kalkarib und sprang im Sitzen auf und ab, dass ihm sein Bein noch mehr wehtat. „A-Auf keinen Fall!“ Adellinde belegte Kalkarib mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ernsthaft?‘ „G-Gebt mir die S-Salbe und die K-Kräuter, ich mach das alleine“, stotterte er, was in Verbindung mit dem Novadi-Akzent besonders putzig für Adellinde klang. Er versuchte ihr beides aus den Händen zu reißen, doch sie drehte sich so ein, dass beides hinter ihrem Körper war und er sie nicht erreichte. „Was genau ist euer Problem?“ Ihre Blicke trafen sich und Kalkarib wusste nicht, wo er anfangen sollte.
‚All das!‘ wollte er ihr entgegen rufen, doch fand alles nur in seinem Kopf statt: ‚Weil ihr eine unverheiratete Frau seid! Weil ich verheiratet bin! Weil das ganz nah an meinem Schoß ist! Weil ihr eine Ungläubige seid! Weil ihr so jung seid! Weil ihr so hübsch seid! Weil‘ …“Muss ich euch erst besinnungslos schlagen, damit ich euch behandeln kann? So könnt ihr nicht stehen, und schon gar nicht gehen. Und Ser Sieghelm braucht euch nun mehr denn je, seht ihn euch an! Soll euer Stolz der Grund dafür sein, dass er so bleibt und beim nächsten Kampf vor die Hunde geht?“ „A-Aber…“ „Kein Aber! Nun lehnt euch zurück – ich kann es auch besonders schmerzhaft für euch machen, damit ihr nicht sagen könnt dass es angenehm war. Und nun lehnt … euch … zurück!“ Adellindes blaue Augen wurden so groß wie Unauer Glasperlen. Irgendwo im Hintergrund glaubte Kalkarib einen Zwerg kichern zu hören. Er hatte keine andere Wahl, die Verletzung war so stark, dass er ohnehin bald besinnungslos werden würde, wenn sie unbehandelt blieb und dann wäre er ihr ausgeliefert. Also lehnte er sich zurück und versuchte bei Besinnung zu bleiben, damit er Delia später erzählen konnte, was genau sie gemacht hatte.

Teil III – Hasardeure (2)

Teil III – Hasardeure (1)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Überzahl der Söldner und die schlechten Sichtverhältnisse ließen die Situation für Albrax, die Zwerge und Kalkarib zwar nicht aussichtslos, aber als schwere Hürde erscheinen. Überraschenderweise gingen die Söldner koordiniert vor, was die Lage zusätzlich erschwerte. Die Zwergengruppe hatte ihre Formation geändert, inzwischen standen sie in einer Reihe Seite an Seite und boten somit eine geeinte Linie gegen die Überzahl an Gegnern, an dessen einen Ende sich Kalkarib eingereiht hatte. Beide Seiten tauschten ein paar prüfende, aber nicht allzu ernst gemeinte Stiche und Hiebe aus, es waren die klassischen ersten Versuche auszuloten, wie fähig die andere Seite war und wo ihre Schwachstellen lagen. Kalkaribs besorgter Blick ging dabei immer wieder durch die Reihen zu Sieghelm und dem schwarzen Ritter, die sich noch immer abwartend in sicherer Entfernung gegenüberstanden und anscheinend miteinander sprachen.

„So sieht man sich wieder“, sprach der fremde Ritter in geschwärzten Plattenteilen. Seine Stimme war kehlig und rau, wie von jemanden, der kürzlich eine schwere Atemwegsentzündung durchgemacht hatte. Seine Worte machten Sieghelm neugierig und er beschloss sich standesgemäß vorzustellen, damit sein Gegenüber wusste, wer ihn zu Boron schicken würde. „Ich bin Reichsritter und Ordensmeister Sieghelm Gilborn von Spichbrecher, ich streite im Namen Rondras für Königin und Kaiserreich – und mit wem habe ich die Ehre die Waffen zu kreuzen?“ Sieghelms Höflichkeit war keineswegs ernst gemeint, gehörte aber zum normalen Adeligensprech. Der ältere Ritter, dessen Gesicht von einer Kettenhaube eingerahmt wurde, hatte ein eingefallenes Gesicht und tiefe Falten um seine braunen Augen. „Ich bin Markwart von Graufenck, Baron von Eslamsbrück. Ich war in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld und habe gesehen, wie ihr den erhobenen Amagomer den Blutigen in den Staub getreten habt. Meine Glückwünsche, ich konnte ihn eh nicht ausstehen.“ Sieghelm dachte nach, seine Kenntnisse über die besetzten Gebiete waren begrenzt. Da fiel es ihm wieder ein. „Eslamsbrück, das liegt in der Grafschaft Tobimora“, stellte er fest. „Wir nennen es jetzt Taubrimora. Doch genug geplaudert, lasst uns zur Sache kommen“, schloss  Markwart von Graufenck und nahm wieder eine Kampfhaltung ein. „Sehr gerne, euer Hochwohlgeboren“, bestätigte Sieghelm, ging ebenfalls ein eine Kampfhaltung über und richtete die letzten Worte vor dem Zweikampf an Rondra, in dem er etwas nach oben schaute: „Dieser Kampf ist mein Gebet an dich, Herrin.“ Der Warunker Hammer des Ritters und Custoris begegneten sich klirrend in der Luft. Mit jedem Schwung seiner Waffe ertönte ein den Kampfplatz überschallender Donner. Da Sieghelms aktuelle Rüstung dem des vollplattierten Ritters unterlegen war, musste Sieghelm nicht nur vorsichtig sein, er musste auch versuchen seine Schläge gezielt zu setzen, da er sonst nur Plattenteile einbeulte. Sieghelm wusste, ein Warunker Hammer, dessen andere Seite mit einer scharfen Axtklinge versehen war, konnte mit genügend Schwung verheerenden Schaden anrichten, die Langwaffe war beliebt bei Söldnern, da man mit ihr sowohl gegen Plattenträger, als auch leichte Rüstungen gut gewappnet war. Der stachelige Hammerkopf eignete sich gut, um Plattenteile jeder Art zu knacken, während das lange Axtblatt genügte, um gegen weiche Ziele vorzugehen. Sieghelm trug aktuell nur Kettenteile, weshalb beide Seiten der Waffe für ihn gerade gefährlich waren. Zu guter Letzt hatte der Hammer am Ende einen tödlichen, zehn doppelfinger langen Eisendorn, wenn auch selten eingesetzt, konnte ein geübter Kämpfer diesen überraschend zum Einsatz bringen und damit seinen Gegner aufspießen.

Zurückhaltend, da die eigene Sicherheit gerade im Vordergrund stand, beschränkte sich Sieghelm zuerst darauf zu verteidigen, um taxieren zu können, wie gut sein Gegenüber mit der Waffe umzugehen wusste. Den ersten paar Schwüngen des Barons wich Sieghelm aus. Mit jedem Hieb legte sein Gegner mehr Kraft hinein, was Sieghelm fortwährend dazu zwang Paraden setzen zu müssen. Dem Reichsritter war klar, dass sein Gegner genau wusste, was er vor hatte. Er würde also versuchen seine wahren Fähigkeiten zu verbergen und sie erst zeigen, wenn er sich in einer Vorteilhaften Position sah. Sieghelm musste Baron Markwart also eine überzeugende Schwachstelle anbieten, die ihm dazu verlocken würde, gekonnter zuschlagen zu wollen, damit Sieghelm wiederrum diese exponierte Haltung auszunutzen vermochte.

Während sich der Reichsritter und der Baron von Taubrimora einen taxierenden Schlagabtausch leisteten, war der Kampf, der in unmittelbarer Nähe unterhalb der kleinen Anhöhe stattfand, weniger taktisch. „Für jeden Zwei“, hatte der Hochkönig der Zwerge mit vor Selbstsicherheit geschwellter Brust gesagt. Zuerst war sich Kalkarib nicht sicher, ob der Zwerg witzelte oder ob er es ernst meinte, denn er hatte bisher wenig Erfahrung im Umgang mit den Angroschim. Die mit rauem Kampfgebrüll untermalten Axthiebe der Zwergengruppe ließen den Wüstensohn jedoch vermuten, dass der Hochkönig seine Aussage tatsächlich ernst meinte. Sofort beschloss auch Kalkarib zum Angriff überzugehen, zum einen wollte er sich vor Sieghelm und den Zwergen keine Blöße geben, und zum anderen war die überschäumende Selbstsicherheit des Hochkönigs inspirierend für ihn. Kalkarib musste es mit zwei Gegnern gleichzeitig aufnehmen. Einer von Ihnen trug einen Streitkolben und ein kleines Rundschild, auf dem die Zähne eines Wolfs aufgemalt waren. Der andere hatte einen ihm einen Reichweitenvorteil bietenden Speer. Letzterer stellte sich knapp hinter den mit dem Streitkolben und wurde vom Schild des anderen gedeckt. Es war eine simple, aber dennoch effektive Kampfhaltung der beiden Söldner. Kalkarib war, da er nur einen Khunchomer und keinen Schild führte, in jeder Hinsicht unterlegen. Sie waren zu zweit, besser bewaffnet und zu allem Überfluss auch besser gerüstet. Doch Kalkarib hatte den Glauben an Rastullah auf seiner Seite, was aus Sicht des Wüstensohns den Vorteil der beiden zu genüge ausglich. „Allah maei. Satamut huna!“, fauchte er auf der Sprache der Novadi seinen Gegnern entgegen, um sie zu verunsichern. Für einen kurzen Moment zuckten sie tatsächlich zusammen, denn selbst Söldner der Warunkei fürchteten die Flüche der Novadis. Kalkarib ließ eine rasche Abfolge von Streichen und Hieben auf den Schildträger los, die ihn dazu zwangen in die Parade zu gehen. Die Schneide des Khunchomers regnete dabei pochend und Holzsplitter stobend auf dem Schild hernieder. Währenddessen suchte der Speerträger einen Moment, in der Kalkarib gerade ausholte, um zuzustoßen. Die Spitze des Speers durchstieß den wüstenfarbenen Kaftan von Kalkarib und verfehlte ihn damit knapp. Das war der Moment auf den Kalkarib hingearbeitet hatte. Er visierte sein Ziel an und zuckte mit dem Khunchomer blitzschnell hindurch. Die letzten fünf Finger der gewölbten Klinge schnitten sich mühelos durch den weichen Hals des Speerträgers. Noch während der Söldner Kalkarib mit weit aufgerissenen und ungläubigen Augen anstarrte und zu spät realisierte, dass das schneidige Geräusch der Luft nicht Bishdariel, sondern die Klinge des Wüstensohns war, hiebte der andere mit seinem Streitkolben nach ihm. Kalkarib versuchte auszuweichen, doch der Speer verhakte sich in seinem Kaftan und hielt ihn an Ort und Stelle. Ein betäubender Schmerz durchzuckte seinen linken Oberschenkel, als ihn der Kopf des Kolbens dort traf. Das Bein gab nach und Kalkarib ging auf die Knie. Der Speerträger hatte seine Waffe inzwischen los gelassen und hielt sich nun rückwärts taumelnd und blutgurgelnd den Hals. Der andere Kämpfer hatte sich jedoch gefangen und wurde rasend vor Wut. Während Kalkarib den Schmerz im Oberschenkel versuchte zu ignorieren, kam der Kopf des Streitkolbens erneut auf ihn zu. Zweimal musste Kalkarib die kraftvollen Hiebe aus der benachteiligten Position ablenken, was den Schmerz im Bein jedoch noch mehr befeuerte. Da stürzte sich der Söldner plötzlich und unerwartet auf ihn. Mit dem Rundschild voran warf er sich auf Kalkarib, der dieses Manöver wahrhaftig nicht hatte kommen sehen. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf, erneut brüllte der Schmerz in Kalkaribs Bein so intensiv, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde. Als er wieder zu sich kam, sah er den Söldner mit hasserfülltem Blick über sich sitzen. Das Schild drückte er auf Kalkaribs Brust und rechter Schulter und hielt damit seinen Waffenarm fixiert. Kalkarib versuchte unter dem Druck des Schilds seinen Khunchomer zu bewegen, doch gelang es ihm nicht. Der Söldner holte zum finalen Schlag aus, Kalkarib blieb keine Wahl, er zückte ohne darüber nachzudenken den Waggif, das kleine geschmückte Messer, und stach damit ziellos zu. Die schlanke gekrümmte Klinge zwängte sich mühelos zwischen den Kettengliedern hindurch und verschwand bis zum Schaft im Brustkorb des Söldners. Es verstrich ein langer Moment, in dem alles verharrte und nichts geschah. Selbst den Kampflärm drumherum nahm Kalkarib nicht mehr war. Da hustete der Söldner plötzlich und Blut rann über seine Lippen. Der Streitkolben rutschte aus dessen Hand und plumpste zu Boden. Die Gelegenheit nutzend, schob er den Mann mit Hilfe des Schilds von sich runter. Es schepperte als er neben ihm zu Boden ging, mühsam rappelte sich Kalkarib auf – der Schmerz in seinem linken Bein war noch immer da. Als er seinen Familien-Waggif aus der Brust des Mannes zog, schaute ihn dieser ungläubig an, bevor ihm die Augenlieder ein letztes Mal zufielen. „Rastullah ich danke dir“, murmelte er in seiner eigener Sprache und strich das Blut von der Klinge des Waggifs. Da ließ ihn plötzlich ein ohrenbetäubender Schrei zusammenzucken. Der Novadi realisierte, dass der Kampf zwischen den Angroschim und den Söldnern noch immer in vollem Gange war, auch wenn sich ihre Überzahl inzwischen dezimiert hatte. Humpelnd ging Kalkarib der Zwergengruppe entschlossen zur Hilfe.

Auf der kleinen Anhöhe wurde der Kampf zwischen dem alten Baron von Taubrimora und dem Ordensmeister inzwischen ernster. Auch wenn keiner von beiden bisher einen Treffer hatte landen können, so hatten sie beide viel über das Kampfverhalten des anderen gelernt. „Wollt ihr mich ermüden, Ritter?“, spottete Baron Markwart, dem das Getänzel begann zu langweilen, mit belegter Stimme. „Ich helfe euch gerne dabei, euch zur letzten Ruhe zu legen, euer Hochwohlgeboren“, konterte Sieghelm mit spitzer Zunge. Doch Markwart ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, ganz im Gegenteil, er schmunzelte sogar ob der Aussage Sieghelms. „Ihr kämpft so zaghaft wie die Akoluthinnen bei der kläglichen Verteidigung ihres Perainetempels in Perz“, sprach er in rauem Ton und ließ den Warunker Hammer erneut rotieren. Sieghelm wich den Schlägen mühelos aus. „Ihr brüstet euch mit euren Schandtaten!?“ Sieghelms Stimme kippte vom spöttischen ins ernste, auch er hatte langsam genug davon. Als der Baron begann sich mit den Gräueltaten in Perz zu profilieren, wurde ihm übel und wütend zugleich. „Ich habe die zwei jungen Akoluthinnen zwei Mal auf dem Altar gepfählt – und ich kann euch sagen – bei einem davon hatten auch sie ihren Spaß.“ Das ekelhaft schmutzige Grinsen auf den faltigen Lippen des Barons, als er beschrieb was im Tempel geschah, ließ den Reichsritter erzürnen. Die Vorstellung, was dieser widerliche alte Bastard den Bewohnern von Perz angetan hatte, war schon fürchterlich genug, doch dass er nun auch noch begann zu beschreiben wie er den Tempel schändete, kochte es in Sieghelm hoch. „Schweigt!“, brüllte Sieghelm und beschloss dem alten Mann jetzt und hier sein verdientes Ende zu setzen. Der Reichsritter schwang in mächtigen Kreisen Custoris, Donner grollte über das Wäldchen und mit wütend angewidertem Blick machte er Schritt für Schritt nach vorne. Markwart wurde in die Parade gezwungen und wich zurück. Er ließ Sieghelms Schläge ins Leere laufen, während das widerwärtige Grinsen auf seinen Lippen nicht verging. Er hatte seinen Kontrahenten nun da, wo er ihn haben wollte. Es verlangte schon sehr viel Kühnheit oder auch Wahnsinn, um sich Sieghelms Ausfall und Abfolge von Schwüngen entgegen zu stellen, wahrscheinlich besaß Markwart beides, als er plötzlich stehen blieb und Sieghelm weiter auf sich zukommen ließ. Durch die Verkürzung der Distanz, rammte Custoris Stärke donnernd auf die linke Schulterplatte des Barons. Der Plattenpanzer gab ächzend unter der Kraft nach und Markwart spürte wie ihn die Klinge durch die Rüstung hindurch traf. Er federte die Wucht mit den Beinen ab und blieb so, Angesicht zu Angesicht zu seinem Angreifer stehen. Während Sieghelms Gesicht vor süßem Zorn strahlte, überkam Markwart aus dem tiefsten Innern eine aufsteigende Übelkeit. Erst gluckste es in seiner Brust, dann in seinem Hals und als würde er ein dickes Knäuel Haare, wie ein Greifvogel das Gewölle ausspuckte, hervorbringen, drang plötzlich aus seinem Mund ein ohrenbetäubendes Rülpsen, gefolgt von einer giftgrünen Wolke, die zuerst über Sieghelms Gesicht, und dann dessen ganzen Körper waberte. Der Reichsritter, der eben noch entzückt von seinem Treffer war, erschrak und atmete einen tiefen Schwall von der übelriechenden Wolke ein. Er taumelte reflexartig zurück und auch ihm wurde sofort speiübel. Mit jedem Schritt, den er tat, spuckte und schniefte er. Es gelang ihm geradeso die Selbstbeherrschung aufzubringen, sich nicht zu übergeben. Auch seine Augen tränten für einen Moment, was Sieghelm dazu veranlasste, Custoris schützend vor sich zu halten, falls Markwart vorhatte, seinen Moment der Blindheit auszunutzen. Doch der Baron von Taubrimora blieb an Ort und Stelle stehen, er rückte seine Schulterplatte zurecht, wischte sich den Mund ab, als hätte er gerade von einer fettige Schweinshaxe abgebissen und letztlich formte sich ein überlegenes und wissendes Lächeln auf seinem Gesicht. „War das alles was ihr könnt, Herr Ritter?“ Markwart wischte sich imaginären Staub von der Brust, während er seinem Gegner erneut spottete. Sieghelm brauchte einen kurzen Moment, doch dann hatte er sich wieder gefangen, die Tränen vergingen und den Geschmack nach verdorbenen Fleisch hatte er erfolgreich ausgespuckt. „Ich habe noch gar nicht angefangen!“ Sieghelm umklammerte Custoris noch fester und ging mit mehr Entschlossenheit auf Markwart zu. Unterwegs zu ihm erfassten ihn plötzlich Schmerzen in Beinen und Armen, als hätte ihn ein Zauber getroffen. Sein rechtes Bein verkrampfte so stark, dass es sich zusammenzog und Sieghelm das Gleichgewicht verlor. Mit aller Macht hielt er Curtsoris fest, als er zu Boden ging und er am ganzen Körper heftige Schmerzen und unkontrollierte Zuckungen hatte. Er unterdrückte den Schmerz, um nicht loszuschreien, wer auch immer ihn verzaubert hatte, er wollte dem Angreifer nicht die Blöße geben zu schreien. Doch was geschah mit ihm? Er sah Markwart langsam näher kommen, der seinen Warunker Hammer lässig über die Schulter geworfen hatte und noch immer das süffisante Grinsen in Gesicht hatte. Er konnte nichts dagegen unternehmen, die Krämpfe und Zuckungen waren zu stark, dass er schon genug damit beschäftigt war, nicht die Besinnung zu verlieren. „Dadurch, dass ich den Peraine-Tempel schändete…“, begann Baron Markwart mit seiner krächzenden Stimme im Plauderton, „ …verlieh mir meine Gottheit mehr Macht als zuvor.“ Er strich sich dabei wie beiläufig über eines der Zeichen auf seiner Rüstung, was Sieghelm erst jetzt als das Zeichen Mishkharas erkannte, der Dämonin der Missernten und der Pestilenz. Sieghelm wurde sofort, allerdings viel zu spät, klar, weshalb der alte Baron seit Kampfbeginn an so ruhig geblieben war. Er hatte einen Pakt mit Mishkhara geschlossen, weshalb er es nicht nötig hatte mit Sieghelm in ein rondrianisches Gefecht zu gehen. Er hatte dank seines Pakts die Macht und Zugriff über zahlreiche wirkungsvolle Gifte. Sieghelm öffnete den Mund, er wollte ihn verfluchen, seine Göttin anrufen oder um Hilfe rufen, doch außer sehr leises Glucksen drang nichts aus seinem Mund, denn auch seine Stimmbänder verkrampfen so sehr, dass er nicht einmal mehr das tun konnte. 

Markwart, der sich sicher war, dass Sieghelm ihm nichts mehr anhaben konnte, kniete sich zu ihm nieder, um ihm besser ins krampfende Gesicht blicken zu können. Er wollte den Moment seines Sieges in vollen Zügen auskosten. Es war das zweite Mal, dass Sieghelm das eingefallene Gesicht des alten Mannes von so nahem sehen konnte. Unter der Kettenhaube, die sein Gesicht einrahmte, konnte er rote entzündete Haut ausmachen und auch seine Zähne, die so Gelb und dünn waren wie Kornähren, standen weit voneinander entfernt in dem kranken Kiefer des Paktierers. Sieghelm hatte all die Zeichen übersehen, er hatte sich zu sehr auf das Kampfverhalten des Mannes konzentriert, dass er keinen Blick für dessen Symbole auf der Rüstung oder die Zeichen des Paktes hatte, die ihm sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben standen. „Ich habe eine Idee, ich werde euch meine Ländereien in Taubrimora zeigen“, begann Markwart erneut, dieses Mal in einem absurden Ton, als würde er mit einem Kind sprechen. Seine krächzende und entzündete Stimme – die ebenfalls ein Zeichen war, das Sieghelms übersehen hatte – machte es jedoch makaber. Mit jedem Wort, das er aussprach, wurde sein Grinsen breiter und breiter: „Ich werde euren hübschen Kopf auf einen Speer aufspießen und durch mein Land tragen.“

Teil III – Hasardeure (1)