

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Das Metall von Sieghelms Plattenrüstung schepperte mit jedem Schritt, den er durch das Unterholz tat. Auch wenn er schon so schnell lief, wie er konnte, so war er nicht schnell genug, denn die Untoten folgten ihm noch immer. Im Laufschritt ging er seine Optionen durch: Er konnte sich unterwegs seiner Rüstung nach und nach entledigen, um so an Gewicht zu verlieren und an Geschwindigkeit zu gewinnen, doch würde es ihn nur noch mehr anstrengen und am Ende würde er ohne Rüstung dastehen – was einer Todeserklärung gleich käme. Denn wenn nur ein einziger Hieb oder Pfeil durchkäme, wäre er ohne Verbandszeug nicht in der Lage, die Wunde zu versorgen. Er könnte auch einfach stehen bleiben, zu Atmen kommen und sich den Untoten stellen – zumindest wäre dies rondragefälliger. Doch die Untoten waren zahlreich, zu zahlreich. Auch wenn er ihre genaue Anzahl nicht kannte, er hatte an die drei Dutzend von ihnen gesehen und er wusste nicht, wie viele da noch waren, die er nicht erblickt hatte. Ihre schiere Anzahl machte es unmöglich, denn er war allein und hatte nicht mal ein Schild dabei. Auch wenn es den sicheren Tod bedeutete, so war es zumindest eine Option, die Sieghelm nicht gänzlich aus seinen Gedanken verbannte, denn so würde er wenigstens einen ehrenhaften Tod finden. Nur das ihm der Gegner, der Ort und der Zeitpunkt missfiel. Er musste an den heiligen Hlûthar von den Nordmarken denken, dem Träger des legendären Schwerts Siebenstreich. Auch er starb im Kampf, in einem Kampf an einem Ort und Zeitpunkt, den er sich mit Sicherheit anders vorgestellt hatte. Doch der Heilige der Rondrakirche verstarb auf dem Feldherrenhügel, im Beisein vieler Mitstreiter im Kampf gegen eine Übermacht aus Dämonen, und nicht einsam in einem unbekannten Waldstück gegen ein ‚paar‘ nieder Untote. Den Heldentot, den sich Sieghelm wünschte, stellte er sich anders vor. Also lief er weiter, rannte über Stock und Stein und suchte nach weiteren Optionen. Doch schon bald würde ihm die Puste ausgehen und er würde schlichtweg umfallen. Er nahm sich fest vor, dass er, bevor das passierte, stehen blieb und sich seinem Schicksal stellte. Noch immer hörte er das Rumoren und Gestöhne der zahllosen Untoten hinter sich, die zwar selbst auch nicht die schnellsten waren, aber da er immer langsamer wurde, holten sie allmählich auf.
Er wusste nicht wie viel Zeit verging und wie lange er durch das Unterholz rannte, ihm kam es wie eine Ewigkeit vor und der Wald wollte einfach nicht enden. In der Entfernung sah er, dass das Gebiet vor ihm hügeliger wurde. Er hoffte dort zu finden wonach er suchte: Eine Höhle. Er brauchte einen Engpass, wo er den Vorteil der Untoten zu seinen Gunsten ausgleichen konnte, wo sie ihm nur einzeln oder zu zweit entgegen treten konnten. Er hoffte, ja flehte in Gedanken um eine wie auch immer geartete Höhle. Die Hoffnung auf einen zu verteidigenden Engpass ließ ihn wieder etwas Hoffnung schöpfen, auch wenn er schon starke Belastungsschmerzen in den Beinen hatte und seine Brust sich anfühlte, als würde dort ein Feuer brennen. Er spürte, wie sich sein Gambeson mit kalten Schweiß füllte und hörte seinen eigenen, immer hektischer werdenden Atem. Er kraxelte um eine Anhöhe, und blickte hoffnungsvoll auf die mehrere Schritt fast vertikal verlaufende Erdschicht, doch außer herausstehenden Wurzeln und einem leichten Überhang war dort nichts, was sich für seinen Plan eignete. Das Gegurgel und Gestöhne der Untoten, die mit jedem Lidschlag an Nähe gewannen, schallte wieder zu ihm herüber. Strauchelnd und stolpernd eilte Sieghelm zu einer anderen Stelle in der Nähe, einem ausgetrockneten Flussbett. Unterwegs verhakte sich sein Schwert in der Scheide in einem Ast, wodurch er wertvolle Zeit verlor, da er es fallen ließ und mühsam ein paar Schritt zurückgehen musste, um es aufzuheben. Er konnte die Schaar untoter Schergen hinter sich schon sehen, sie waren noch nur noch etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt. Er erreichte das ausgetrocknete Flussbett und eilte stets zu den Seiten blickend, die Hoffnung nicht aufgebend irgendwo eine Höhle zu sehen, erschöpft entlang. Ihm rannten die Untoten noch immer hinter her, auch sie stolperten und fielen, doch unermüdlich erhoben sie sich immer wieder und rannten ohne langsamer zu werden weiter. Er rannte so schnell ihm seine erschöpften und ermüdeten Beine trugen. Er machte hunderte, da vielleicht sogar tausende Schritt, da hörte Sieghelm eine innere Stimme, die ihm sagte, dass er stehen bleiben und sich dem Kampf stellen sollte, da keine Höhle kommen würde. Er war bis in alle Maßen erschöpft, doch einfach nur umfallen und sich den Untoten als Futter hingeben wollte er auch nicht. „Bleib … stehen“, keuchte er in seinen Helm hinein und spuckte dabei erschöpft aus. Er musste es seinen Beinen befehlen und er blieb stehen. Er hörte das freudige Stöhnen der Untoten, in der Erwartung, sich gleich an seinem Fleisch laben zu können. Doch so leicht würde der kampferfahrene Reichsritter und Ordensmeister es ihnen nicht machen. Er atmete zwei Mal tief durch, doch eine Brust brannte noch immer. Die Bedingungen waren mehr als ungünstig für einen Kampf gegen eine Überzahl niemals erschöpfender Gegner, doch er hatte keine andere Wahl, also stellte er sich ihr. Er hatte nicht einmal mehr genügend Atem für ein Gebet an Rondra, weshalb er es nur in Gedanken durchging. Er drehte sich um, holte Custoris aus der Scheide und schleuderte selbige zur Seite. Seine Arme waren noch kräftig genug und so schloss er seine Hände um den Griff und hob das Schwert an. Das Leder des Griffs ächzte, so fest packte er es. Ihm rannten, stolperten und torkelten an die dreißig Untote entgegen, die so ausgehungert waren, dass sie sich teils gegenseitig wegdrückten, um ja der erste am Kriegerbuffet zu sein, und die dreißig Untoten waren nur die, die Sieghelm sehen konnte. Sie kamen das Flussbett entlang und über die Hügel herab und Sieghelm stellte sich ihnen für einen finalen Kampf.
Durch den Wald dröhnte nicht verhallender Donner, denn Sieghelm schwang Custoris so schnell er konnte und mit jedem Schwung fuhr es mühelos durch weiches, untotes Fleisch. Die Wellen der Wiedergänger brandeten an Sieghelms nicht endenden Schwertschwung und ihre geschundenen Körper wurden in Stücken und Fetzen zu den Seite des Flussbetts geschleudert, teilgeronnenes Blut spritzte in Fontänen auf den matschigen Boden und das alte Flussbett füllte sich mit Blut. Sieghelm machte dabei langsame und vorsichtige Schritte rückwärts, um immer genügend Distanz zu den Untoten zu bekommen und um nicht zu stürzen, denn es war ihnen vollkommen gleich, ob sie getroffen wurden oder nicht, sie gierten nur nach warmen, lebendigen Menschenfleisch und ließen sich dabei nur von der Klinge des heiligen Anderthalbhänders aufhalten. Der Reichsritter hinterließ eine Schneise aus zerfetzten Körpern, während die Traube um ihn herum immer größer wurde und er immer schneller und unvorsichtiger nach hinten gehen musste, um ihren nach Fleisch gierenden verfaulten Händen entkommen zu können. Sieghelm erreichte eine Stelle, bei der die ehemalige Flussböschung zu seinen Seiten fast so hoch war wie er selbst. Einer der Untoten nutze den Höhenvorteil und sprang von dort direkt zu ihm herab. Seine Ausweichbewegung kam zu spät, der Untote prallte mit voller Wucht gegen ihn und krallte sich mit seinen Händen an seiner Rüstung fest, wodurch Sieghelm ins Straucheln kam und rücklings stolperte. Das Gleichgewicht verlierend, fiel er unter der Last der Untoten, die die Gelegenheit nutzten und sich auf ihn stürzten, nach hinten. Der bisher niemals endende Rondradonner endete abrupt, als Sieghelms Rüstung beim Sturz metallisch aufheulte. Er lag am Boden, war vollkommen erschöpft und auf ihm lagen hungrige Untote, die ihre verfaulten Finger gierig unter seine Rüstungsteile schoben, um ihn gleich in Stücke zu zerreißen. In einem letzten verzweifelten Akt packte er Cursoris mit der einen Hand an der Fehlschärfe und mit der anderen am Griff, um mit der Parierstange zuschlagen zu können. Er blickte durch seinen schmalen Sehschlitz des Helms hindurch und rammte die Parierstange in die weichen und teils augenlosen Köpfe der Untoten direkt über sich. Sie fielen regungslos auf ihn und schränkten ihn noch weiter ein, aber Sieghelm freute sich über jeden Untoten den er noch vernichten konnte, bevor er gleich sterben würde. Es war nur seiner metallenen Ganzkörperrüstung zu verdanken, dass die Untoten nicht ihre Zähne in Sieghelm treiben konnten, denn jede noch so kleine Stelle an seinem Körper war mit mindestens einer Schicht Metall bedeckt. In dem Helm hörte Sieghelm nur noch sich selbst, wie er knurrte, als er sich dem Ende nah seinem Überlebensinstinkt hingab. Er schlug mit der Parierstange zu, schlitzte, mit der Klinge in der Halbhand gehalten, Köpfe auf und rammte mit der Spitze seines Eisenfußes Brustkörbe und Bäuche ein. Kaltes, dickflüssiges Blut floss auf seinen Helm und tropfte durch den schmalen Sehschlitz hindurch in sein Gesicht, was ihm zu allem Überfluss noch die Sicht nahm. Nun hörte er nur noch das Schlitzen und Zerreißen von Fleisch, das wilde und unartikulierte Gestöhnte der Untoten und ein von ihm selbst kommendes alles übertönendes lauter werdendes Knurren. Plötzlich brüllte er, er brüllte so laut er konnte und wollte aufstehen, er wollte hier nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier und schon gar nicht so! Blind und erschöpft, brüllte er wie eine Löwe, schlug weiter und ließ all seine Glieder stets in Bewegung. Custoris biss zu, denn es war der Zahn Rondras und mit jedem Biss zermalmte es einen der zahllosen Wiedergänger. Sieghelm zwang sich die Augen zu öffnen, sein Sichtfeld war verschwommen, ein blutroter Schleier hing darüber und seine Augen brannten – doch konnte er Silhouetten sehen und das musste genügen. Er schlug zu, griff Custoris wieder mit beiden Händen am Griff und hörte sich selbst, wie er aus voller Lunge und Kraft einen animalisch Brüll losließ. Er spürte nur noch Hitze in sich, in allen Gliedern, jeder seiner Muskeln war glühend heiß und arbeitete über jedes Limit hinaus. Er schlitzte und hackte, alles an ihm schmerzte, doch er konnte nicht anders, er wollte hier nicht sterben. Irgendwann ebbte das Stöhnen der Untoten ab und noch immer konnte er nicht richtig sehen, weshalb er auf alles einschlug das ihm zu nahe kam und sich bewegte – Custoris erledigte den Rest.
Später

Radulf & Vitus
Ackerknecht
Er hörte eine Stimme. Alles war schwarz. Dann wieder die Stimme. Rief sie ihn? Er spürte nichts. Kein Schmerz, nur Kälte. Unerträglich tiefe Kälte. War er tot? Fühlt sich so Golgaris Flug über das Nirgendmeer an? Dann wieder die Stimme, er hörte seinen Namen. Sieghelm? Warum rief ihn jemand? War es sein Vater, Parzalon? War er jetzt bei ihm, in Rondras Hallen? Wenn doch nur nicht diese Kälte wäre. „Sieghelm?“ Da war sie wieder, die Stimme. Er öffnete die Augen und sah Blut, dickflüssig Blut, das in den aufgeweichten Waldboden sickerte. Inzwischen war es dunkel geworden, die Dämmerung war über den Tag hereingebrochen und die Nacht senkte sich über den Wald. Er hockte am Boden, sah, wie er Custoris hielt, dessen Spitze er tief in den Boden gerammt hatte. Er befand sich in einer typischen Beterposition und seine Glieder waren eisigkalt, um ihn herum lagen Berge aus zerfetzten Untoten, aufgerissen und aufgebrochen. Knochen ragten abstrakt heraus, Bäuche waren geöffnet und verfaultes Gedärm lag blutig überall auf dem Boden verteilt. Ihre Schädel waren eingeschlagen oder abgetrennt, übersäht mit Kratz- und Schlitzspuren. „Ser Sieghelm, könnt ihr mich hören?“ Die Stimme war schüchtern und ängstlich. Sieghelm blickte durch seinen Helmschlitz hindurch auf und sah Flussbettabwärts etwa zehn Schritt von sich entfernt, über zerrisse Untotenkörper hinweg eine Gruppe aus Soldaten in verschiedenfarbigen Wappenröcken. Sie hatten ihre Waffen in ihren Händen und schauten alle besorgt, teils schon angsterfüllt drein. Ganz vorne erblickte er den ihm gut vertrauten schwarzsilbernen Wappenrock des Schutzordens der Schöpfung. Der Mann, der ihn ansprach und einen ungepflegten Drei-Tage-Bart trug, der ein eingefallenes Gesicht umrahmte, war Vitus Ackerknecht, Schützer des Ordens und ein ehemaliger Gardist aus Hochstieg. „Ja, kann ich, Vitus“, sagte Sieghelm, der selbst erstmal realisieren musste, dass er anscheinend noch am Leben war und nicht genau wusste, was geschehen ist und wie er in diese Pose gekommen war. Er versuchte sich zu erheben. Von einem Moment auf den anderen fuhr die Grimmkälte aus ihm und sein ganzer Körper war ein einziger durchdringender Schmerz. „Aaarrgh!“, entfuhr es ihm und sein Körper sackte zusammen und fiel scheppernd zu Boden. „Vitus!“, rief er noch, und das letzte, was er sah, war das besorgte Gesicht des Mannes, dass sich über ihn beugte und wie sich seine Lippen bewegten. Doch er konnte ihn nicht mehr hören, denn die Welt um ihn herum wurde dunkel.
Als Sieghelm das nächste Mal erwachte, befand er sich, seiner Rüstung entledigt, in einer breiten Bettstatt wieder. Ein Feuer knisterte wohlige Wärme verbreitend in seiner unmittelbaren Nähe in einem Kamin. Als er sich bewegen wollte, bemerkte er, dass er mehrere Verbände am Körper trug und seine Arme und Beine an mehreren Stellen schmerzten. Er stöhne bei dem Versuch sich aufzurichten. „Hey, ganz langsam!“, hörte er eine Stimme und versuchte herauszufinden, von wo sie kam. Er war in einem Haus, offensichtlich ein Bauernhaus, ausgestattet mit einfachen Möbeln. Auf einer Anrichte neben ihm stand eine Schüssel mit Wasser, daneben Verbände und eine Tasche mit Wundnähzeug. Zu ihm kam ein neues, aber ebenfalls altbekanntes Gesicht, dass zu Radulf Ackerknecht, dem Bruder Vitus‘ gehörte. Auch er trug einen zerschlissenen Wappenrock des Schutzordens und an der Schlaufe seines Gürtels hing ein Streitkolben. So wie sein Bruder, hatte auch er einen dichten braunen Bart bekommen und in seinen Augen lag die Müdigkeit eines Soldaten, der das Grauen gesehen hatte. „Ihr seid endlich wach, wie fühlt ich euch, Ser?“, erkundigte sich der Anfang dreißigjährige Schützer und ebenfalls ehemalige Korporal Hochstiegs. Sieghelm ging seine Körperteile einzeln durch und da er in jedem einen dumpfen Schmerz verspürte und sich kaum bewegen konnte, entschied er sich für: „Gut, noch ein wenig Taub, aber das wird schon.“ Sieghelm bemerkte, dass seine Stimme belegt war, so als hätte er die letzten Tage nichts anderes getan, als zu schreien. Radulf schmunzelte durch seinen dichten Bart hindurch. „Sehr gut, dann könnt ihr endlich aufstehen und euren Toilettengang alleine bewältigen“, scherzte er und provozierte seinen Herrn damit. „So weit würde ich jetzt nicht gehen“, antwortete Sieghelm knapp und ließ sich mit übertrieben schmerzerfüllten Gesicht zurück auf das Kissen sinken. „Was macht ihr hier?“, schob er noch hinterher und genoss die Wärme der Kohlenpfanne unter seiner Bettdecke. Radulf holte sich einen Schemel heran, und stellte ihn neben Sieghelms Bettstatt. Als er sich setzte strich er sich imaginäre Krümel vom Wappenrock, um etwas Zeit zu gewinnen, um sich seine Worte gut zu überlegen: „Wollt ihr, dass ich beim Marschbefehl in Hochstieg anfange oder soll ich erst nach dem Weltenbrand einsteigen?“ „Weltenbrand“, erwiderte der angeschlagene Reichsritter zackig. „Tja …“, begann der Schützer und schaute sich um, als ob er im an den Wänden nach Worten suchen würde. Dann begann er leise und fast schon im Plauderton zu berichten: „Wir sind aus Hochstieg mit einem Halbregiment, also 260 Mann aufgebrochen. Ich habe gestern das letzte Mal nachgezählt – und ich bin nicht gut in zählen – da waren wir 45, also knapp ein Banner voll.“ Sieghelm konnte nicht anders, als mit weit aufgeschlagenen Augen zum Schützer zu blicken. Er war schockiert. „Ein Banner? Ich bin mit 5 Bannern und einer Lanze in die Schlacht gezogen …“ Radulf hob hilflos die Arme. „Vielleicht haben noch mehr überlebt, das sind die, die wir nach dem Weltenbrand sammeln konnten. Vielleicht sind einige schon auf eigene Faust auf dem Rückweg oder schlagen sich noch alleine durch.“ Sieghelm atmete tief durch, die Nachricht schockierte ihn. Er versuchte sich an den Moment auf dem Mythraelsfeld zu erinnern. Er hatte gesehen, wie ein paar seiner Männer und Frauen fielen, aber kurz nachdem er Amagomer den Blutigen im rondragefälligen Zweikampf besiegt hatte, stand noch ein Großteil des Regiments auf den Beinen und war wohlauf. „Was ist mit den anderen Bannerführern? Lady Dankhild, Hagen, Jost und diese … diese … wie hieß sie doch gleich …“ Sieghelm schämte sich, ihren Namen vergessen zu haben und erinnerte sich an seinen Schwur, zukünftig jeden seiner kämpfenden Untergebenen beim Namen kennen zu wollen. „… die Anführerin des Warunker Freiwilligenbanners?“ Er rührte hilfesuchend mit der Hand in der Luft, denn mehr konnte er aufgrund der Schmerzen nicht. Radulf machte eine missmutige Miene. „Ich bin mir nicht sicher, ob ihr in eurem gegenwärtigen Zustand …“, setzte der Streitkolbenkämpfer besorgt an, doch Sieghelm schaute ihn missbilligend an, was ihn dazu brachte, seinen Satz selbst zu unterbrechen und erschöpft durchzuatmen. Radulf erhob sich auf seine Schenkel klatschend und ging zum Schrank, um dort etwas aufzunehmen. Er zeigte Sieghelm ein Kette mit Wolfszähnen daran. Mit trauriger und ruhiger Stimme begann er dann zu berichten: „Wir haben Jost auf dem Mythraelsfeld gefunden, er war seinen Verletzungen erlegen. Es muss schon während der Schlacht passiert sein. Diese Kette gehörte ihm.“ Sieghelm blickte traurig auf die Kette, er kannte Jost schon lange. Er war ein erfahrener Soldat und Bogenschütze. Jost, Hagen, Radulf und Sieghelm hatten zusammen an der Trollpforte gekämpft und geblutet, als Sieghelm noch ein Junker und Niemand war. „Lady Dankhild … nun wenn man es genau nimmt, wissen wir es nicht … als Kavallerie waren sie an einem anderen Ort auf dem Schlachtfeld eingesetzt. Ich habe aber erst gestern mit einem Soldaten eines Wehrheimer Banners gesprochen, der meinte, dass er gesehen haben will, wie während des Weltenbrandes eine ganze Lanze Reiter mit unserem Wappen vom Boden verschluckt wurde.“ Radulf pausierte kurz, um das Erzählte sacken zu lassen. „Wir haben die Stelle natürlich abgesucht, aber außer einem großen Spalt im Boden … war da nichts, keine Pferde, kein Banner, kein Hinweis.“ Die beiden Männer fielen in betretenes Schweigen. „Und Hagen?“, brach der Ordensmeister dann die Stille. Hagen war sein treuester und erfahrenster Kämpfer, er war zwar ‚nur‘ ein Gemeiner aus dem Hause Kohlhütten, aber innerhalb des Ordens und aufgrund seiner Verdienste gestand Sieghelm ihm nach der Ordensgründung den Titel eines Schutzritters zu. Radulf atmete tief durch, er schien nicht zu wissen, wie er es sagen sollte. „Hagen … ja … das wissen wir auch nicht. Seine Leute berichten, dass er zu Beginn des Weltenbrandes noch stand, doch als es dann Feuer, Eis und zerstörende Magie regnete und sich der Boden unter unseren Füßen auftat … ward er nicht mehr gesehen. Wir wissen es nicht“, gab Radulf offen zu und war den Tränen nah. Auch Sieghelm war geschockt. Hagen Kohlhütten gehörte zum Siebenerrat in Hochstieg und war sein persönlicher Berater. Er kannte ihn schon, als er noch ein kleiner Junge war. Radulf wischte sich durch das Gesicht, als würde er sich Dreck aus dem Gesicht wischen, um zu verdecken, dass er ein paar Tränen verdrückte. „Achja …“, setzte er dann mit schwacher Stimme an, „Ilene aus Warunk, die Bannerführerin der Freiwilligen hat auch überlebt, sie … ist gerade unterwegs und klappert gerade einen anderen Hof ab, in der Hoffnung, dort noch Überlebende zu finden.“ Sieghelm nickte nur, es war nur ein schwacher Trost, er kannte sie nicht und er ertappte sich dabei wie er sich wünschte, dass er Hagen jederzeit gegen sie eintauschen würde. Denn der Krieg hatte ihn soeben mehrere seiner langjährigen Freunde und Wegbegleiter genommen.











