Button

Teil V – Getrennt (3)

In einem Waldstück nahe des Mythraelsfelds – 18. Peraine, 34 nach Hal – Am späten Nachmittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Metall von Sieghelms Plattenrüstung schepperte mit jedem Schritt, den er durch das Unterholz tat. Auch wenn er schon so schnell lief, wie er konnte, so war er nicht schnell genug, denn die Untoten folgten ihm noch immer. Im Laufschritt ging er seine Optionen durch: Er konnte sich unterwegs seiner Rüstung nach und nach entledigen, um so an Gewicht zu verlieren und an Geschwindigkeit zu gewinnen, doch würde es ihn nur noch mehr anstrengen und am Ende würde er ohne Rüstung dastehen – was einer Todeserklärung gleich käme. Denn wenn nur ein einziger Hieb oder Pfeil durchkäme, wäre er ohne Verbandszeug nicht in der Lage, die Wunde zu versorgen. Er könnte auch einfach stehen bleiben, zu Atmen kommen und sich den Untoten stellen – zumindest wäre dies rondragefälliger. Doch die Untoten waren zahlreich, zu zahlreich. Auch wenn er ihre genaue Anzahl nicht kannte, er hatte an die drei Dutzend von ihnen gesehen und er wusste nicht, wie viele da noch waren, die er nicht erblickt hatte. Ihre schiere Anzahl machte es unmöglich, denn er war allein und hatte nicht mal ein Schild dabei. Auch wenn es den sicheren Tod bedeutete, so war es zumindest eine Option, die Sieghelm nicht gänzlich aus seinen Gedanken verbannte, denn so würde er wenigstens einen ehrenhaften Tod finden. Nur das ihm der Gegner, der Ort und der Zeitpunkt missfiel. Er musste an den heiligen Hlûthar von den Nordmarken denken, dem Träger des legendären Schwerts Siebenstreich. Auch er starb im Kampf, in einem Kampf an einem Ort und Zeitpunkt, den er sich mit Sicherheit anders vorgestellt hatte. Doch der Heilige der Rondrakirche verstarb auf dem Feldherrenhügel, im Beisein vieler Mitstreiter im Kampf gegen eine Übermacht aus Dämonen, und nicht einsam in einem unbekannten Waldstück gegen ein ‚paar‘ nieder Untote. Den Heldentot, den sich Sieghelm wünschte, stellte er sich anders vor. Also lief er weiter, rannte über Stock und Stein und suchte nach weiteren Optionen. Doch schon bald würde ihm die Puste ausgehen und er würde schlichtweg umfallen. Er nahm sich fest vor, dass er, bevor das passierte, stehen blieb und sich seinem Schicksal stellte. Noch immer hörte er das Rumoren und Gestöhne der zahllosen Untoten hinter sich, die zwar selbst auch nicht die schnellsten waren, aber da er immer langsamer wurde, holten sie allmählich auf.

Er wusste nicht wie viel Zeit verging und wie lange er durch das Unterholz rannte, ihm kam es wie eine Ewigkeit vor und der Wald wollte einfach nicht enden. In der Entfernung sah er, dass das Gebiet vor ihm hügeliger wurde. Er hoffte dort zu finden wonach er suchte: Eine Höhle. Er brauchte einen Engpass, wo er den Vorteil der Untoten zu seinen Gunsten ausgleichen konnte, wo sie ihm nur einzeln oder zu zweit entgegen treten konnten. Er hoffte, ja flehte in Gedanken um eine wie auch immer geartete Höhle. Die Hoffnung auf einen zu verteidigenden Engpass ließ ihn wieder etwas Hoffnung schöpfen, auch wenn er schon starke Belastungsschmerzen in den Beinen hatte und seine Brust sich anfühlte, als würde dort ein Feuer brennen. Er spürte, wie sich sein Gambeson mit kalten Schweiß füllte und hörte seinen eigenen, immer hektischer werdenden Atem. Er kraxelte um eine Anhöhe, und blickte hoffnungsvoll auf die mehrere Schritt fast vertikal verlaufende Erdschicht, doch außer herausstehenden Wurzeln und einem leichten Überhang war dort nichts, was sich für seinen Plan eignete. Das Gegurgel und Gestöhne der Untoten, die mit jedem Lidschlag an Nähe gewannen, schallte wieder zu ihm herüber. Strauchelnd und stolpernd eilte Sieghelm zu einer anderen Stelle in der Nähe, einem ausgetrockneten Flussbett. Unterwegs verhakte sich sein Schwert in der Scheide in einem Ast, wodurch er wertvolle Zeit verlor, da er es fallen ließ und mühsam ein paar Schritt zurückgehen musste, um es aufzuheben. Er konnte die Schaar untoter Schergen hinter sich schon sehen, sie waren noch nur noch etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt. Er erreichte das ausgetrocknete Flussbett und eilte stets zu den Seiten blickend, die Hoffnung nicht aufgebend irgendwo eine Höhle zu sehen, erschöpft entlang. Ihm rannten die Untoten noch immer hinter her, auch sie stolperten und fielen, doch unermüdlich erhoben sie sich immer wieder und rannten ohne langsamer zu werden weiter. Er rannte so schnell ihm seine erschöpften und ermüdeten Beine trugen. Er machte hunderte, da vielleicht sogar tausende Schritt, da hörte Sieghelm eine innere Stimme, die ihm sagte, dass er stehen bleiben und sich dem Kampf stellen sollte, da keine Höhle kommen würde. Er war bis in alle Maßen erschöpft, doch einfach nur umfallen und sich den Untoten als Futter hingeben wollte er auch nicht. „Bleib … stehen“, keuchte er in seinen Helm hinein und spuckte dabei erschöpft aus. Er musste es seinen Beinen befehlen und er blieb stehen. Er hörte das freudige Stöhnen der Untoten, in der Erwartung, sich gleich an seinem Fleisch laben zu können. Doch so leicht würde der kampferfahrene Reichsritter und Ordensmeister es ihnen nicht machen. Er atmete zwei Mal tief durch, doch eine Brust brannte noch immer. Die Bedingungen waren mehr als ungünstig für einen Kampf gegen eine Überzahl niemals erschöpfender Gegner, doch er hatte keine andere Wahl, also stellte er sich ihr. Er hatte nicht einmal mehr genügend Atem für ein Gebet an Rondra, weshalb er es nur in Gedanken durchging. Er drehte sich um, holte Custoris aus der Scheide und schleuderte selbige zur Seite. Seine Arme waren noch kräftig genug und so schloss er seine Hände um den Griff und hob das Schwert an. Das Leder des Griffs ächzte, so fest packte er es. Ihm rannten, stolperten und torkelten an die dreißig Untote entgegen, die so ausgehungert waren, dass sie sich teils gegenseitig wegdrückten, um ja der erste am Kriegerbuffet zu sein, und die dreißig Untoten waren nur die, die Sieghelm sehen konnte. Sie kamen das Flussbett entlang und über die Hügel herab und Sieghelm stellte sich ihnen für einen finalen Kampf.

Durch den Wald dröhnte nicht verhallender Donner, denn Sieghelm schwang Custoris so schnell er konnte und mit jedem Schwung fuhr es mühelos durch weiches, untotes Fleisch. Die Wellen der Wiedergänger brandeten an Sieghelms nicht endenden Schwertschwung und ihre geschundenen Körper wurden in Stücken und Fetzen zu den Seite des Flussbetts geschleudert, teilgeronnenes Blut spritzte in Fontänen auf den matschigen Boden und das alte Flussbett füllte sich mit Blut. Sieghelm machte dabei langsame und vorsichtige Schritte rückwärts, um immer genügend Distanz zu den Untoten zu bekommen und um nicht zu stürzen, denn es war ihnen vollkommen gleich, ob sie getroffen wurden oder nicht, sie gierten nur nach warmen, lebendigen Menschenfleisch und ließen sich dabei nur von der Klinge des heiligen Anderthalbhänders aufhalten. Der Reichsritter hinterließ eine Schneise aus zerfetzten Körpern, während die Traube um ihn herum immer größer wurde und er immer schneller und unvorsichtiger nach hinten gehen musste, um ihren nach Fleisch gierenden verfaulten Händen entkommen zu können. Sieghelm erreichte eine Stelle, bei der die ehemalige Flussböschung zu seinen Seiten fast so hoch war wie er selbst. Einer der Untoten nutze den Höhenvorteil und sprang von dort direkt zu ihm herab. Seine Ausweichbewegung kam zu spät, der Untote prallte mit voller Wucht gegen ihn und krallte sich mit seinen Händen an seiner Rüstung fest, wodurch Sieghelm ins Straucheln kam und rücklings stolperte. Das Gleichgewicht verlierend, fiel er unter der Last der Untoten, die die Gelegenheit nutzten und sich auf ihn stürzten, nach hinten. Der bisher niemals endende Rondradonner endete abrupt, als Sieghelms Rüstung beim Sturz metallisch aufheulte. Er lag am Boden, war vollkommen erschöpft und auf ihm lagen hungrige Untote, die ihre verfaulten Finger gierig unter seine Rüstungsteile schoben, um ihn gleich in Stücke zu zerreißen. In einem letzten verzweifelten Akt packte er Cursoris mit der einen Hand an der Fehlschärfe und mit der anderen am Griff, um mit der Parierstange zuschlagen zu können. Er blickte durch seinen schmalen Sehschlitz des Helms hindurch und rammte die Parierstange in die weichen und teils augenlosen Köpfe der Untoten direkt über sich. Sie fielen regungslos auf ihn und schränkten ihn noch weiter ein, aber Sieghelm freute sich über jeden Untoten den er noch vernichten konnte, bevor er gleich sterben würde. Es war nur seiner metallenen Ganzkörperrüstung zu verdanken, dass die Untoten nicht ihre Zähne in Sieghelm treiben konnten, denn jede noch so kleine Stelle an seinem Körper war mit mindestens einer Schicht Metall bedeckt. In dem Helm hörte Sieghelm nur noch sich selbst, wie er knurrte, als er sich dem Ende nah seinem Überlebensinstinkt hingab. Er schlug mit der Parierstange zu, schlitzte, mit der Klinge in der Halbhand gehalten, Köpfe auf und rammte mit der Spitze seines Eisenfußes Brustkörbe und Bäuche ein. Kaltes, dickflüssiges Blut floss auf seinen Helm und tropfte durch den schmalen Sehschlitz hindurch in sein Gesicht, was ihm zu allem Überfluss noch die Sicht nahm. Nun hörte er nur noch das Schlitzen und Zerreißen von Fleisch, das wilde und unartikulierte Gestöhnte der Untoten und ein von ihm selbst kommendes alles übertönendes lauter werdendes Knurren. Plötzlich brüllte er, er brüllte so laut er konnte und wollte aufstehen, er wollte hier nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier und schon gar nicht so! Blind und erschöpft, brüllte er wie eine Löwe, schlug weiter und ließ all seine Glieder stets in Bewegung. Custoris biss zu, denn es war der Zahn Rondras und mit jedem Biss zermalmte es einen der zahllosen Wiedergänger. Sieghelm zwang sich die Augen zu öffnen, sein Sichtfeld war verschwommen, ein blutroter Schleier hing darüber und seine Augen brannten – doch konnte er Silhouetten sehen und das musste genügen. Er schlug zu, griff Custoris wieder mit beiden Händen am Griff und hörte sich selbst, wie er aus voller Lunge und Kraft einen animalisch Brüll losließ. Er spürte nur noch Hitze in sich, in allen Gliedern, jeder seiner Muskeln war glühend heiß und arbeitete über jedes Limit hinaus. Er schlitzte und hackte, alles an ihm schmerzte, doch er konnte nicht anders, er wollte hier nicht sterben. Irgendwann ebbte das Stöhnen der Untoten ab und noch immer konnte er nicht richtig sehen, weshalb er auf alles einschlug das ihm zu nahe kam und sich bewegte – Custoris erledigte den Rest.

Später

Schützer
Radulf & Vitus
Ackerknecht

Er hörte eine Stimme. Alles war schwarz. Dann wieder die Stimme. Rief sie ihn? Er spürte nichts. Kein Schmerz, nur Kälte. Unerträglich tiefe Kälte. War er tot? Fühlt sich so Golgaris Flug über das Nirgendmeer an? Dann wieder die Stimme, er hörte seinen Namen. Sieghelm? Warum rief ihn jemand? War es sein Vater, Parzalon? War er jetzt bei ihm, in Rondras Hallen? Wenn doch nur nicht diese Kälte wäre. „Sieghelm?“ Da war sie wieder, die Stimme. Er öffnete die Augen und sah Blut, dickflüssig Blut, das in den aufgeweichten Waldboden sickerte. Inzwischen war es dunkel geworden, die Dämmerung war über den Tag hereingebrochen und die Nacht senkte sich über den Wald. Er hockte am Boden, sah, wie er Custoris hielt, dessen Spitze er tief in den Boden gerammt hatte. Er befand sich in einer typischen Beterposition und seine Glieder waren eisigkalt, um ihn herum lagen Berge aus zerfetzten Untoten, aufgerissen und aufgebrochen. Knochen ragten abstrakt heraus, Bäuche waren geöffnet und verfaultes Gedärm lag blutig überall auf dem Boden verteilt. Ihre Schädel waren eingeschlagen oder abgetrennt, übersäht mit Kratz- und Schlitzspuren. „Ser Sieghelm, könnt ihr mich hören?“ Die Stimme war schüchtern und ängstlich. Sieghelm blickte durch seinen Helmschlitz hindurch auf und sah Flussbettabwärts etwa zehn Schritt von sich entfernt, über zerrisse Untotenkörper hinweg eine Gruppe aus Soldaten in verschiedenfarbigen Wappenröcken. Sie hatten ihre Waffen in ihren Händen und schauten alle besorgt, teils schon angsterfüllt drein. Ganz vorne erblickte er den ihm gut vertrauten schwarzsilbernen Wappenrock des Schutzordens der Schöpfung. Der Mann, der ihn ansprach und einen ungepflegten Drei-Tage-Bart trug, der ein eingefallenes Gesicht umrahmte, war Vitus Ackerknecht, Schützer des Ordens und ein ehemaliger Gardist aus Hochstieg. „Ja, kann ich, Vitus“, sagte Sieghelm, der selbst erstmal realisieren musste, dass er anscheinend noch am Leben war und nicht genau wusste, was geschehen ist und wie er in diese Pose gekommen war. Er versuchte sich zu erheben. Von einem Moment auf den anderen fuhr die Grimmkälte aus ihm und sein ganzer Körper war ein einziger durchdringender Schmerz. „Aaarrgh!“, entfuhr es ihm und sein Körper sackte zusammen und fiel scheppernd zu Boden. „Vitus!“, rief er noch, und das letzte, was er sah, war das besorgte Gesicht des Mannes, dass sich über ihn beugte und wie sich seine Lippen bewegten. Doch er konnte ihn nicht mehr hören, denn die Welt um ihn herum wurde dunkel.

Als Sieghelm das nächste Mal erwachte, befand er sich, seiner Rüstung entledigt, in einer breiten Bettstatt wieder. Ein Feuer knisterte wohlige Wärme verbreitend in seiner unmittelbaren Nähe in einem Kamin. Als er sich bewegen wollte, bemerkte er, dass er mehrere Verbände am Körper trug und seine Arme und Beine an mehreren Stellen schmerzten. Er stöhne bei dem Versuch sich aufzurichten. „Hey, ganz langsam!“, hörte er eine Stimme und versuchte herauszufinden, von wo sie kam. Er war in einem Haus, offensichtlich ein Bauernhaus, ausgestattet mit einfachen Möbeln. Auf einer Anrichte neben ihm stand eine Schüssel mit Wasser, daneben Verbände und eine Tasche mit Wundnähzeug. Zu ihm kam ein neues, aber ebenfalls altbekanntes Gesicht, dass zu Radulf Ackerknecht, dem Bruder Vitus‘ gehörte. Auch er trug einen zerschlissenen Wappenrock des Schutzordens und an der Schlaufe seines Gürtels hing ein Streitkolben. So wie sein Bruder, hatte auch er einen dichten braunen Bart bekommen und in seinen Augen lag die Müdigkeit eines Soldaten, der das Grauen gesehen hatte. „Ihr seid endlich wach, wie fühlt ich euch, Ser?“, erkundigte sich der Anfang dreißigjährige Schützer und ebenfalls ehemalige Korporal Hochstiegs. Sieghelm ging seine Körperteile einzeln durch und da er in jedem einen dumpfen Schmerz verspürte und sich kaum bewegen konnte, entschied er sich für: „Gut, noch ein wenig Taub, aber das wird schon.“ Sieghelm bemerkte, dass seine Stimme belegt war, so als hätte er die letzten Tage nichts anderes getan, als zu schreien. Radulf schmunzelte durch seinen dichten Bart hindurch. „Sehr gut, dann könnt ihr endlich aufstehen und euren Toilettengang alleine bewältigen“, scherzte er und provozierte seinen Herrn damit. „So weit würde ich jetzt nicht gehen“, antwortete Sieghelm knapp und ließ sich mit übertrieben schmerzerfüllten Gesicht zurück auf das Kissen sinken. „Was macht ihr hier?“, schob er noch hinterher und genoss die Wärme der Kohlenpfanne unter seiner Bettdecke. Radulf holte sich einen Schemel heran, und stellte ihn neben Sieghelms Bettstatt. Als er sich setzte strich er sich imaginäre Krümel vom Wappenrock, um etwas Zeit zu gewinnen, um sich seine Worte gut zu überlegen: „Wollt ihr, dass ich beim Marschbefehl in Hochstieg anfange oder soll ich erst nach dem Weltenbrand einsteigen?“ „Weltenbrand“, erwiderte der angeschlagene Reichsritter zackig. „Tja …“, begann der Schützer und schaute sich um, als ob er im an den Wänden nach Worten suchen würde. Dann begann er leise und fast schon im Plauderton zu berichten: „Wir sind aus Hochstieg mit einem Halbregiment, also 260 Mann aufgebrochen. Ich habe gestern das letzte Mal nachgezählt – und ich bin nicht gut in zählen –  da waren wir 45, also knapp ein Banner voll.“ Sieghelm konnte nicht anders, als mit weit aufgeschlagenen Augen zum Schützer zu blicken. Er war schockiert. „Ein Banner? Ich bin mit 5 Bannern und einer Lanze in die Schlacht gezogen …“ Radulf hob hilflos die Arme. „Vielleicht haben noch mehr überlebt, das sind die, die wir nach dem Weltenbrand sammeln konnten. Vielleicht sind einige schon auf eigene Faust auf dem Rückweg oder schlagen sich noch alleine durch.“ Sieghelm atmete tief durch, die Nachricht schockierte ihn. Er versuchte sich an den Moment auf dem Mythraelsfeld zu erinnern. Er hatte gesehen, wie ein paar seiner Männer und Frauen fielen, aber kurz nachdem er Amagomer den Blutigen im rondragefälligen Zweikampf besiegt hatte, stand noch ein Großteil des Regiments auf den Beinen und war wohlauf. „Was ist mit den anderen Bannerführern? Lady Dankhild, Hagen, Jost und diese … diese … wie hieß sie doch gleich …“ Sieghelm schämte sich, ihren Namen vergessen zu haben und erinnerte sich an seinen Schwur, zukünftig jeden seiner kämpfenden Untergebenen beim Namen kennen zu wollen. „… die Anführerin des Warunker Freiwilligenbanners?“ Er rührte hilfesuchend mit der Hand in der Luft, denn mehr konnte er aufgrund der Schmerzen nicht. Radulf machte eine missmutige Miene. „Ich bin mir nicht sicher, ob ihr in eurem gegenwärtigen Zustand …“, setzte der Streitkolbenkämpfer besorgt an, doch Sieghelm schaute ihn missbilligend an, was ihn dazu brachte, seinen Satz selbst zu unterbrechen und erschöpft durchzuatmen. Radulf erhob sich auf seine Schenkel klatschend und ging zum Schrank, um dort etwas aufzunehmen. Er zeigte Sieghelm ein Kette mit Wolfszähnen daran. Mit trauriger und ruhiger Stimme begann er dann zu berichten: „Wir haben Jost auf dem Mythraelsfeld gefunden, er war seinen Verletzungen erlegen. Es muss schon während der Schlacht passiert sein. Diese Kette gehörte ihm.“ Sieghelm blickte traurig auf die Kette, er kannte Jost schon lange. Er war ein erfahrener Soldat und Bogenschütze. Jost, Hagen, Radulf und Sieghelm hatten zusammen an der Trollpforte gekämpft und geblutet, als Sieghelm noch ein Junker und Niemand war. „Lady Dankhild … nun wenn man es genau nimmt, wissen wir es nicht … als Kavallerie waren sie an einem anderen Ort auf dem Schlachtfeld eingesetzt. Ich habe aber erst gestern mit einem Soldaten eines Wehrheimer Banners gesprochen, der meinte, dass er gesehen haben will, wie während des Weltenbrandes eine ganze Lanze Reiter mit unserem Wappen vom Boden verschluckt wurde.“ Radulf pausierte kurz, um das Erzählte sacken zu lassen. „Wir haben die Stelle natürlich abgesucht, aber außer einem großen Spalt im Boden … war da nichts, keine Pferde, kein Banner, kein Hinweis.“ Die beiden Männer fielen in betretenes Schweigen. „Und Hagen?“, brach der Ordensmeister dann die Stille. Hagen war sein treuester und erfahrenster Kämpfer, er war zwar ‚nur‘ ein Gemeiner aus dem Hause Kohlhütten, aber innerhalb des Ordens und aufgrund seiner Verdienste gestand Sieghelm ihm nach der Ordensgründung den Titel eines Schutzritters zu. Radulf atmete tief durch, er schien nicht zu wissen, wie er es sagen sollte. „Hagen … ja … das wissen wir auch nicht. Seine Leute berichten, dass er zu Beginn des Weltenbrandes noch stand, doch als es dann Feuer, Eis und zerstörende Magie regnete und sich der Boden unter unseren Füßen auftat … ward er nicht mehr gesehen. Wir wissen es nicht“, gab Radulf offen zu und war den Tränen nah. Auch Sieghelm war geschockt. Hagen Kohlhütten gehörte zum Siebenerrat in Hochstieg und war sein persönlicher Berater. Er kannte ihn schon, als er noch ein kleiner Junge war. Radulf wischte sich durch das Gesicht, als würde er sich Dreck aus dem Gesicht wischen, um zu verdecken, dass er ein paar Tränen verdrückte. „Achja …“, setzte er dann mit schwacher Stimme an, „Ilene aus Warunk, die Bannerführerin der Freiwilligen hat auch überlebt, sie … ist gerade unterwegs und klappert gerade einen anderen Hof ab, in der Hoffnung, dort noch Überlebende zu finden.“ Sieghelm nickte nur, es war nur ein schwacher Trost, er kannte sie nicht und er ertappte sich dabei wie er sich wünschte, dass er Hagen jederzeit gegen sie eintauschen würde. Denn der Krieg hatte ihn soeben mehrere seiner langjährigen Freunde und Wegbegleiter genommen.

Teil V – Getrennt (3)

Teil IV – Nebel des Krieges (3)

Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim – 18. Peraine, 34 nach Hal – Zur Praiosstunde
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Der Ordensmeister kehrte nach erfolgloser Suche zum provisorischen Lager zurück. Adellinde saß dort noch immer zusammen mit Hagen aus Waldsend und sie schienen in ein intensives Gespräch vertieft, weshalb er sie nicht stören wollte. Er ging zu seinem Pferd und nahm einen kräftigen Schank aus seinem Wasserschlauch, denn von dem Leichengestank war seine Kehle ganz trocken geworden. Er überprüfte seine Ausrüstung, ging die Vorräte durch und friemelte hier und dort an seiner Plattenrüstung herum. Der Marsch über das Mythraelsfeld hatte den Glanz von deinem Rüstzeug genommen und er musste sich daran machen, sie wieder auf Vordermann zu bringen. Also packte er sein Putzzeug aus, hockte sich scheppernd auf einen umgefallenen Baumstamm und begann seine Rüstung zu reinigen. Kaum hatte sich der Reichsritter hingesetzt, hüpfte Pagol heran, umschwänzelte dessen Beine und ließ sich dann erschöpft zu seinen eisenbewehrten Füßen nieder. Die Zeit verging quälend langsam. Adellinde unterhielt sich währenddessen immer intensiver mit dem Leichenfledderer. Sieghelm bekam nur ein paar Wortfetzen mit, anscheinend hielt sie ihm keine Predigt, sondern versuchte den Mann dazu zu bewegen, sein Handeln zu hinterfragen. Dieser wiederum hing an ihren Lippen und lauschte sehr aufmerksam ihren Worten. So verstrich die Zeit und während Sieghelm seine Rüstung putzte, fragte er sich immer wieder, ob Kalkarib wohl etwas gefunden haben könnte, dass er jetzt schon so lange wegblieb. Das Gespräch zwischen Hagen und Adellinde unterbrach sie irgendwann mit den Worten: „Ihr müsst darüber nachdenken, ich lasse euch für einen Moment in Ruhe.“  Die zierliche Priesterin ging zum Ritter herüber und setzte sich vorsichtig neben ihn. Sie stöhnte etwas, was Sieghelm dazu veranlasste nachzufragen: „Stimmt etwas nicht?“ Sie schien etwas aus den Gedanken gerissen und zögerte mit der Antwort. „Nein, es ist alles in Ordnung. Ich musste nur gerade daran denken, dass ich so etwas schon lange nicht mehr getan hatte.“ „Was meint ihr?“ „Diese Art von Unterhaltung. Einer in seinem Glauben wankenden Person durch meine Worte wieder Halt zu geben. Das war eigentlich eine meiner Hauptbeschäftigungen in Perz. Bevor all dies geschah“, schob sie noch hinterher und rührte dabei genervt wirkend mit dem Finger in der Luft. Sieghelm hob seine Augenbrauen und dachte kurz nach, während er seine Unterarmschienen polierte. „Gab es in eurem Ort denn so viele vom rechten Weg Abgekommene?“ Adellindes Augen wurden kugelrund als der Reichsritter fragte. „Oh ihr würdet staunen, wie viele Leute Gareth verlassen hatten, um ihr Glück anderswo zu suchen. Wehrheim ist … war … eine verheißungsvolle Garnisonsstadt, in der man sein Leben stets in den Dienst des Kaisserreichs stellen konnte. Es gab viele rastlose Seelen, die noch nie Gareth verlassen hatten, um in Wehrheim ein neues Leben anzufangen. Doch Aves sei dank, haben sie unterwegs ihr Leben hinterfragt und haben so manches mal bei uns im Tempel halt gemacht, um nach Rat zu suchen.“ Sieghelm unterbrach sie: „Moment, das heißt ihr habt es Ihnen ausgeredet?“ Adellinde war schockiert und legte eine Hand auf ihre Brust. „Es Ihnen ausgeredet? Nein! Peraine ist meine Zeugin, das habe ich nicht. Ganz im Gegenteil!“ Sieghelm atmete erleichtert aus. „Dann ist gut. Ich hatte schon befürchtet ihr …“ „Ich habe Ihnen nur wieder Vertrauen in die Zwölfe und damit erneut Halt im Leben gegeben.“, unterbrach sie den Reichsritter und pulte sich dabei in den Fingernägeln herum. Sieghelm, der das Putzen einstellte, belegte die Priesterin nun mit einem scharfen Blick und holte für einem längeren Satz tief Atem, als direkt hinter ihnen die Pferde plötzlich scheuten. Der wachsame Ritter sprang sofort auf und griff zum Schwert, welches er wegen der Rüstungspflege mit samt der Scheide abgelegt hatte. Auch Pagol sprang auf und sah sich wachsam um. Nur Adellinde blieb blinzelnd und leicht verwirrt sitzen. „Ist bei euch …“ „Pssst!“, zischte Sieghelm sie an, während seine braunen Augen das lichte Waldgebiet absuchten. „Beruhigt die Pferde und macht sie los“, begann er im leisen Tonfall zu erklären. „Kalkarib ist schon lange fort und nur die Götter wissen, was hier noch so durch das Unterholz streicht.“ Mit seinem Anderthalbhänder noch in der Scheide, schritt Sieghelm das provisorische Lager ab und schaute in alle Richtungen, während die Geweihte, wie ihr befohlen, zu den drei Pferden ging und sie versuchte zu beruhigen.

Das Waldstück, in dem sich Sieghelm und seine Gefährten befanden, gehörte zum leicht hügeligen Gebiet des Flusses Gernat. Der flößbare Seitenarm der Dergel befand sich rahjawärts von ihnen, weshalb es in diese Richtung leicht bergab ging. Und aus eben dieser Richtung kommend, sah Sieghelm in der Entfernung Bewegungen durch die Bäume hindurch. „Dort kommt etwas auf uns zu. Macht die Pferde bereit, Adellinde“, raunte Sieghelm ihr erneut zu. Zügig legte er kurz das Schwert ab, schnappte sich seinen Helm und streifte ihn sich über den Kopf. Inzwischen war auch der in seinen Gedanken versunkene Leichenfledderer wieder ‚erwacht‘ und da er den Ritter alarmiert umschauen sah, erhob er sich, war sich jedoch unsicher, was er tun sollte und stand daher nur wie angewurzelt da. Die Geweihte löste die Zügel der Pferde, half Pagol auf seinen Hochsitz und verstaute so schnell und gleichwohl lautlos, wie sie konnte, die Ausrüstung. „Was ist mit Kalkarib?“, rief sie im lauten Flüsterton zu Sieghelm herüber, der Mühe hatte, die Bewegungen im Dickicht auszumachen. „Er wird unserer Fährte folgen müssen“, antwortete er und kniff die Augen zusammen. Da heulte plötzlich in einem ohrenbetäubenden Lärm eines der Pferde auf, stieg in die Lüfte, dass Adellinde, die gerade die Zügel in der Hand hatte, mitgerissen wurde, und fiel dann mit einem lautem rumsen seitlich zu Boden. Die Priesterin hatte Glück und landete wieder auf ihren Beinen und kam nur etwas ins Straucheln. Doch das Pferd hatte zwei Pfeile in der Flanke stecken. Anhand der Position der Pfeile erkannte Sieghelm sofort, dass sie aus einer anderen Richtung als das Flussbett kamen und sie sich daher in unmittelbarer Gefahr befanden. „Hinterhalt!“, rief er und ließ Custoris unter einem kaum hörbaren Donnergrollen aus der Schwertscheide schnellen. Die beiden anderen Pferde wurden plötzlich so aufgeregt, dass es mit ihnen durchging und sie aus dem Stand lostrabten. Adellinde konnte ihre Hand noch in letzter Sekunde aus der Schlaufe des Pferdes holen und wurde somit nicht mitgerissen. „Lauft schnell, in diese Richtung!“, befahl der Ritter im lauten Ton und deutete mit der langen Schwertscheide, die er in seiner Linken hielt, in Richtung Efferd. Adellinde brauchte einen Moment, um sich von dem Schreck zu erholen, doch dann eilte sie los. Auch Hagen nahm die Beine in die Hand und begleitete sie, während sich im Rennen seine Arme und Beine zu überschlagen begannen. Sieghelm, der in einer über fünfzig Stein schweren Metallrüstung stand, wusste, dass es keinen Sinn hatte zu rennen und es nicht nur rondragefällig, sondern auch noch nandusgefällig war, sich langsam fortzubewegen und sich dem Feind zu stellen, anstatt vor ihm zu fliehen. Er hatte die zwei in Richtung Burg Auraleth geschickt, in der Hoffnung, dass dort noch Praioten waren, die Ihnen Schutz bieten konnten oder sie sich zumindest in den zahlreichen geschliffenen Wehrmauern verstecken und Schutz suchen konnten.

Der Ordensmeister musste nicht lange warten, er folgte zwar in zügigen Schritten den anderen, doch rasch kamen aus dem Dickicht mehrere Gestalten hervor. Die Götter hielten für ihn eine weitere Prüfung bereit. Er hatte auf seiner Queste schon gegen Ghule und abtrünnige Söldner kämpfen müssen, doch in Galottas Heerwurm kämpfen noch andere widerwärtige Kreaturen mit. Da der Fäulnis- und Verwesungsgeruch wegen der zahlreichen gefallenen Streiter und der zerstörten Untoten auf dem Mythraelsfeld allgegenwärtig war, war es unmöglich diese Gruppe im Vorhinein auszumachen.  Aus dem Dickicht kamen mehrere Skelette mit Bögen und schartigen Äxten und zum Teil verweste Untote in verrosteten Rüstungsteilen und schartigen Schwertern. Er zählte sechs von Ihnen, die den Hinterhalt gelegt hatten, während sich eine wohl noch größere Anzahl flusswärts befand.

 „In Namen der leuenköpfigen Göttin, Herrin Rondra, ich stehe hier – dein Streiter – und ersuche dich erneut um deinen Beistand“, begann er in absichtlich lauten Ton, um die Untoten auf sich zu lenken, während Adellinde das Weite suchte. Sieghelm musste hilflos mitansehen, wie die zwei skelettierten Bogenschützen Pfeile aus ihren Köchern holten und auf die Sehnen ihrer knarzigen Bögen legten, denn er war noch zu weit von ihnen entfernt und außerdem waren da noch die vier Nahkämpfer, die einen Ansturm unmöglich machten. Leider hatte er kein Schild, denn das war mit dem Pferd durchgegangen. Er hatte nur sich, Custoris und seinen Glauben an Rondra – was Sieghelm genügte. Der erste Pfeil schoss zischend an Sieghelm vorbei, Rondra sei dank waren Untote miserable Bogenschützen. Der zweite flog direkt auf ihn zu, doch mit einem beherzten Hüpfer zur Seite brachte er sich aus der Schussbahn. „Herrin sieh her, ich werde nicht wanken, während ich Thargunitoths Gezücht zerschlage. Denn du bist bei mir.“ Sieghelm nutzte das Überraschungsmoment, auch wenn die Untoten wohl nicht in der Lage waren, sich überraschen zu lassen, aber zumindest hatte er dann den Vorteil, schneller bei den Bogenschützen sein zu können. Er rannte schlagartig auf sie zu und wurde unterwegs von einem Untoten in rostiger und zerfledderter Kettenrüstung und einer Handaxt abgefangen. Schon in der Bewegung schwang Sieghelm Cursoris und ein Donner ertönte, als der mächtige Schwung glatt den morschen Holzstil der Axt samt Oberkörper des Untoten Dieners mühelos durchschlug. Eine Untote Bäuerin mit einem nagelbewährten Kantholz schlug halbherzig von der Seite zu, als Sieghelm an ihr vorbeistürmte, wobei die rostigen Nägel wirkungslos über Sieghelms Plattenrüstung kratzten. Der Ritter war nicht aufzuhalten und noch ehe einer der Bogenschützen den zweiten Pfeil auf die Sehne gelegt hatte, schlug Sieghelm erneut zu. Mühelos und fast ohne Widerstand durchschlug das Schwert die magisch erhobenen Knochen, die bei ihrem Weg zum Boden in ihre Einzelteile zerfielen. Mit einem rostigen Breitschwert und einem verblichenen Wappenschild bewaffnet trat ihm ein untoter Soldat entgegen. Im von Fäulnis durchzogenen Gesicht des ehemaligen Gardisten aus Warunk, was Sieghelm an den Fetzen seines Wappenrocks erkannte, tummelten sich zahlreiche Maden – was Sieghelm für einen kurzen Moment erschaudern ließ, als er in die augenlosen Löcher im madenzerfressenen Schädel des Gardisten blickte. Sieghelm holte aus und hatte die Gunst des ersten Schlags, da sein Bihänder mehr Reichweite hatte als das rostige Schwert des Untoten. Mit einem feuchten Kratzen wehrte der Untote Gardist den Schlag mit dem Wappenschild ab, wobei ein Stück davon abplatzte. Aus dem Augenwinkel sah Sieghelm wieder die untote Bäuerin in Schlagdistanz kommen, weshalb er zu einem riskanten Manöver ansetzte. Mit der Linken, in der sich noch immer die Schwertscheide befand, stach er beherzt nach der Bäuerin, während er mit der Rechten einen schwungvollen Hieb nach dem Gardisten schwang. Die metallene Spitze der Schwertscheide bohrte sich mühelos in den weichen Schädel der Frau und blieb darin stecken, während Sieghelms Schwerthieb von dem Gardisten erneut mit dem morschen Schild abgewehrt wurde. Da bekam der Reichsritter einen kräftigen Stoß gegen den Rücken, das Metall heulte auf und gab nach. Er spürte einen ihn aus dem Gleichgewicht bringenden Faustschlag gegen sein Schulterblatt. Ein Pfeil hatte aus nächster Nähe seine Plattenrüstung durchschlagen und war in den darunter liegenden Kettenteilen hängen geblieben. Die im Pfeil enthaltene Kraft entlud sich dann als heftiger Faustschlag in das Schulterblatt des Streiters. Sieghelm kam leicht ins Wanken, konnte aber nun endlich sein Schwert mit zwei Händen packen um seinen ganzen Vorteil auszuspielen. Dennoch musste er aus einer unvorteilhaften Position zwei gute Schläge des Gardisten abwehren, was ihm nur mühevoll gelang. Mit flinken Füßen umtänzelte er anschließend den Warunker, um ihn zwischen sich und dem Bogenschützen zu bringen. Der letzte Nahkämpfer stellte sich neben den Gardisten, auch diesen musterte Sieghelm kurz, um seine Kampffähigkeit einschätzen zu können. Es war zu seiner Verwunderung ein nur leicht verwester Leichnam eines Tulamiden. Die leichten und bunten, jedoch etwas verblichenen und matschbedeckten Stoffe, der Turban und das krumme Schwert, welches er in seinen Händen hielt, waren eindeutige Hinweise. Plötzlich musste, auch wenn er kein Tulamide war, Sieghelm an Kalkarib denken und daran, was ihm wohl zugestoßen war oder ob er sich in Sicherheit bringen konnte. Er hoffte, dass es dem Sohn der Wüste gut ging, doch im Moment hatte Sieghelm ganz andere Sorgen. Der Warunker Gardist und der untote Tulamide begannen ein Feuerwerk aus kurzen Schlägen auf Sieghelm regnen zu lassen, den meisten davon wich Sieghelm aus, indem er kontrolliert zurückging. Währenddessen lauerte auf eine gute Gelegenheit. Als der Tulamide mit seinem Säbel einmal zu weit ausgeholt hatte, zuckte Sieghelm aus der Oberhau Position einmal mit dem Anderthalbhänder kurz herab, binnen eines Lidschlags durchschlug die Spitze des Schwerts den zerfledderten Turban und spaltete den Kopf des Untoten. Blut und Hirn spritzte in alle Richtungen und der Leichnam brach zusammen, so dass nur noch der untote Gardist und der eine Bogenschütze standen. Ein Pfeil zuckt plötzlich über die Schulter des Gardisten und  streifte Sieghelm am Helm. Er musste sich beeilen, irgendwann würde ein Pfeil ihn treffen. Erneut hob der Ordensmeister das Schwert in den Oberhau und deutete einen Schlag von oben an, der Gardist tat es ihm gleich und brachte sein inzwischen löchriges Schild ebenfalls nach oben. Darauf hatte Sieghelm gewartet, er schlug zu und zwang den Gardisten zur oberen Abwehr, doch der Schwerthieb war nur eine Ablenkung, die wirkliche Gefahr drohte von Sieghelms Fuß, den er mit aller Kraft voran in den Bauch des Untoten trieb. Hätte der Untote noch einem Atem gehabt, hätte er ihn jetzt wohl verlassen, denn der Gardist flog mit Wucht nach hinten und landete auf dem Rücken und verlor dabei sein rostiges Schwert. Sieghelm setzte nach und stach mit der Spitze über ihn stehend in den Brustkorb. Es knirschte und blubberte feucht, als der weiche Oberkörper nachgab, denn das Kettenhemd blieb stabil und wurde ins Innere des vermoderten Körpers gedrückt. Dann setzte er zu einem Sprint an und schoss auf dem Bogenschützen zu. Der Hieb, der das Skelett in seine Einzelteile zerlegte, war dann nur noch Formsache.

Schwer atmend überblickte Sieghelm das Kampffeld, er hatte den Hinterhalt besiegt, doch eine große Schar weiterer Leichname, Untoter und Skelette war im Anmarsch. Einige Pfeile schlugen rund um ihn ein oder purzelten wirkungslos, weil von den Ästen der Bäume abgelenkt, von oben heran. Sofort zog er schmatzend die Schwertscheide aus dem Kopf der ehemaligen Bäuerin und nahm die Beine in die Hand. Er hatte noch immer einen Pfeil im Rücken stecken, was ihm beim Rennen behinderte. Doch zum Glück knickten unterwegs die sich überlappenden Metallteile am Rücken den Pfeil ab, doch der Druck im Rücken blieb. Er hatte jedoch keine Zeit, sich jetzt darum zu kümmern. Er versuchte Adellinde und den Leichenfledderer zu erspähen, doch die Beiden waren schon außer Sicht. Da dachte Sieghelm an den Leutnant: Wo war er? War er mit den beiden mitgerannt, um sie zu beschützten? Das letzte Mal, als er ihn gesehen hatte, lag er zu seinen Füßen und bei dem Kampf eben war er nicht dabei. Er hoffte das es ihm und allen anderen gut ging, denn er war nun alleine, auf sich gestellt und noch längst nicht in Sicherheit. Er rannte so schnell es in der Plattenrüstung möglich war – denn der Gegner war ihm zahlenmäßig zu sehr überlegen. Zudem würde er nicht die Ausdauer haben, ewig zu rennen – denn die Untoten – wenn sie auch langsam waren, würden niemals erschöpfen.

Sieghelm hörte sich im Innern des Helms unterwegs schwer atmen, seine Brust brannte, doch er wusste, er musste Distanz zwischen sich und die Untotenschar bringen. Leider verlor er unterwegs seinen einzigen Orientierungspunkt aus den Augen, die Zinnen von Burg Auraleth, weshalb er nicht wusste, in welche Richtung er rannte. Er musste schnell etwas finden, wo er einen taktischen Vorteil bekam und sich etwas verschnaufen konnte. Doch die nur leicht hügelige Ebene war viel zu flach für eine Engstelle, Höhlen konnte er auch nicht ausmachen und der Wald zu licht, um sich im Unterholz zu verstecken.

Währenddessen eilten auch Adellinde und Hagen stolpernd durch den Wald. Sie folgten den weit entfernten Festungsmauern von Burg Auraleth, in dessen Richtung sie Sieghelm geschickt hatte. „Komm schon, lauft weiter! Glaubt an euch!“, rief sie ihm außer Atem zu. Doch der Fledderer schien nicht bei bester Gesundheit und Kondition zu sein und hustete unterwegs ungesund. Zumal er immer wieder anhalten musste, um durchzuatmen. Währenddessen schaute sich Adellinde hektisch nach dem Reichsritter um, sie wollte ihn nicht verlieren, war er ihr in den kurzen Zeit doch irgendwie ans Herz gewachsen. Durch den lichten Wald hindurch hörte sie jedoch nur das Geschepper der Untoten, die durch das Unterholz marodierten. „Wir müssen weiter!“, trieb sie Hagen an. „Ich kann nicht mehr“, hustete er und stützte sich auf seinen Knien ab. „Wenn wir bleiben, sterben wir!“, schrie sie ihn an und sah, dass bestimmt ein dutzend Untoter gerade über die Spitze eines Hügels auf sie zu eilten. „Das … ist mir gleich“, antwortete er und spuckte aus. „Was redet ihr da! Los, kommt weiter!“ Adellinde versuchte dem Mann, ihrem Ekel vor seinem Körpergeruch zum Trotz, unter den Arm zu greifen und weiter zu ziehen, doch er entzog sich ihrem Griff. „Lasst mich! Ich … werde hier bleiben … und sie aufhalten.“ „Bei der gütigen Göttin, redet nicht so einen Unsinn daher! Ihr würdet sterben! Ihr habt ja nichtmal eine …“ Adellinde hatte den Satz nicht mal zuende gesprochen, da zog der Fledderer einen Langdolch aus seinen Schaftstiefel. Für einen ganz kurzen Moment rutschte Adellinde das Herz in die Hose, wollte er sie jetzt und hier abstechen? Doch als sich Hagen umdrehte, wurde ihr bewusst, dass der lebenstolle Mann aus Waldsend vor hatte, sich mit dem Dolch den Untoten entgegen zu stellen. „Ich verschaffe euch etwas Zeit … nun lauft schon.“ Adellinde zögerte. Sie kannte den Mann nicht. Sie hatte mit ihm nur geredet und nun wollte er sich für sie opfern?! Sie wusste nicht was sie sagen sollte. Ihre Lippen zitterten und ihr wurde ganz kalt bei dem Gedanken daran. „Ich danke euch, Euer Gnaden … und nun lauft endlich!“ Für mehr war keine Zeit, ein letzter Blick und Adellinde eilte wieder los. Ihr liefen die Tränen, als sie unterwegs hörte, wie Hagen die Untoten beschimpfte, um etwas Zeit für Sie zu gewinnen. Sie blickte nicht zurück, sie wusste, dass er dort gerade starb – sein Leben gab – für sie. Mit Tränen in den Augen rannte sie so lange sie konnte.

Teil IV – Nebel des Krieges (3)

Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Auf dem Mythraelsfeld nahe Wehrheim – 18. Peraine, 34 nach Hal – Zur Praiosstunde
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Hier, hier hab ich es gefunden.“ Die unangenehme Stimme des Leichenfledderers überschlug sich, als er mit seinen dreckigen Händen auf eine Stelle am Boden zeigte. Sie hatten mehr als eine Stunde gebraucht, um diesen Ort zu erreichen, der genau wie jede andere Stelle auf dem Schlachtfeld aussah. Der von Leichengeruch geschwängerte Nebel lag noch immer schwer auf dem Mythraelsfeld und hielt dieses fest in seinem Griff. Sie mussten über Berge aus Leichen steigen, um diesen, etwas im Firun gelegenen, Schlachtfeldabschnitt zu finden. Die zum Teil schon verfaulten Körper der zahllosen und zusammengewürfelten mittelländischen Truppen, die nun den aufgewühlten und nassen Boden des Feldes bedeckten, waren aufgebläht, zerrissen oder von Tieren und Ghulen bis zur Unkenntlichkeit zerfleddert worden. Da Sieghelm der einzige der Dreien war, der diesen Anblick kannte, fiel es Kalkarib und Adellinde schwerer als ihm, all diese Eindrücke zu verarbeiten und auszuhalten. Die Hüterin der Saat musste sich unterwegs zwei Mal übergeben. Kalkarib und Sieghelm räumten ihr die Zeit ein, sich danach wieder zu ordnen, doch es war ihr sichtbar unangenehm.

„Schaut her, da ist sie!“, krakelte der Mann erneut. Sieghelm stieg über eine breite Bodenfurche zu ihm herüber. Auf dem Boden, eingedrückt und von Schlamm bedeckt, lag eine Frau, die Sieghelm auf Anhieb erkannte, da er ihr Gesicht, obwohl es blutleer und zerkratzt war, in guter Erinnerung hatte. „Oh bei der Leuin“, hauchte er traurig. „I-Ich hab es dort von der Rüstung …“ „Schweig still!“, fuhr Sieghelm scharf mit bitterbösem Blick zwischen die Erklärung des Fledderers. „Geh herüber zur Geweihten, wir entscheiden später über dein Schicksal.“ Der bärtige Mann nickte so heftig, dass es aus seinem dreckigen und dichten Bart nur so rieselte. Sofort nahm er die Beine in die Hand und eilte zu Kalkarib und Adellinde herüber. Sieghelm kniete sich zu der Frau nieder, der Geruch von Tod stieg ihm deutlicher denn je in die Nase. Die Frau die dort lag war Lady Raulgard aus dem Hause Ochsenhaupt. Sie war eine landlose Ritterin am Hofe seines Vaters Parzalon und seines Großvaters Torion II. in Dettenhofen. Sieghelm erinnert sich noch gut an sie. Zwischen 17 und 21 Hal, bevor er in den Pagendienst bei Ritters Trautmann ging, lebte er noch am Dettenhofener Stammsitz. Lady Raulgard stand schon seinem Großvater beratend zur Seite und nach dessen Ableben 24 Hal dann seinem Vater. Sieghelm hatte sie als Kind immer bewundert. Anfangs für ihr beeindruckendes Schwert, einem Anderthalbhänder, das er sogar einmal halten durfte. Doch damals war er noch zu schwach, um es heben zu können. Ihre Worte klingen noch bis heute nach und er hörte sie nun erneut, als stünde sie wieder vor ihm: „Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.“ Sieghelm musste häufig an diesen Satz denken. Während seiner Zeit bei Ritter Trautmann, aber auch während seiner Zeit an der Akademie der Feuerlilien in Rommilys. Er hatte Lady Raulgard ihr Schwert nie zum Kampf ziehen sehen, aber in seiner kindlichen Vorstellung, konnte sie anmutig und doch kraftvoll damit umgehen. „Was sagtet ihr?“, frug Adellinde, die plötzlich in einem respektvollen Abstand hinter dem Reichsritter stand. Sieghelm, der zuerst nicht wusste, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte, blickte aus der Hocke zu Adellinde nach hinten und sie schloss dann zu ihm auf. Er begann dann zu erklären: „Ich kenne diese Frau, es ist Lady Raulgard vom Hofe meines Vaters. Sie muss in der Schlacht ganz dicht bei ihm gewesen sein, als sie fiel. Und ich …“, er machte eine kurze Atempause, „… musste nur an einen Leitspruch denken, den sie mir als Kind einst mitgab: ‚Jeder Bauer kann ein Schwert halten, aber nur ein wahrer Krieger wird es zu führen wissen.‘“ „Ein weiser Leitsatz“, entgegnete sie. „Mit eurer Erlaubnis, würde ich gerne einen Segen für eure Bekannte sprechen.“ Adellindes Stimme war zart und ihre großen blauen Augen tränten noch immer. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich auf dem Schlachtfeld aufzuhalten und es gelang ihr gerade so, die Fassung zu bewahren. „Ja, bitte tut dies – sie hätte bestimmt Nichts dagegen.“ So stellte sich Adellinde an das Kopfende der Ritterin, konzentrierte sich kurz und sprach dann einen Peraine-Segen über der geschundenen Körper. Währenddessen suchte Sieghelm das umliegende Feld ab. Auch er rang für einen Moment mit den Tränen und wollte sich das nicht anmerken lassen. Wenn Lady Raulgard hier lag, würde das bedeuten, dass die Truppen seines Vaters hier gewesen sein müssen. Sie war stets an dessen Seite geblieben, da sie sich selbst wie eine Art Leibwächter gesehen hatte. Sie hatten also eine erste Spur aufgenommen, doch auf dem nebeligen Schlachtfeld schien es sehr schwierig, weitere Hinweise zu finden.  

Eine lange Zeit suchten alle drei den Bereich um die tote Frau ab. Sieghelm hatte ihnen zuvor gesagt nach welchen Farben sie Ausschau halten sollten. Sie fanden zwei weitere tote Infanteristen in den Dettenhofener Farben, doch keinen Hinweis auf seinen Vater. Das Schlachtfeld war zu aufgewühlt, um anhand von Spuren deuten zu können, wohin sich sein Vater mit seinen Truppen bewegt haben könnte.  Als sie begannen sich immer weiter voneinander zu entfernen, dass sie drohten sich im Nebel zu verlieren, wurde es Kalkarib irgendwann zu viel. „Das hat doch keinen Sinn!“, fluchte er im novadischen Akzent. Da er gerade irgendwo alleine im Nebel über einem Haufen Leichen stand, konnten die anderen nur seinen Fluch hören, ihn aber nicht sehen. Auch Leutnant Pagol suchte unermüdlich mit, doch zu viele fremde Gerüche lagen auf dem Feld, so dass auch seine Nase keine Fährte aufnehmen konnte. Mit resignierenden Blick stieß der Wüstensohn auf Sieghelm. „Alles spricht dafür, dass euer Vater – wenn er noch lebt – hier nicht gefallen ist. Doch wissen wir nicht in welche Richtung er weiter gezogen ist.“ „Er lebt noch, das spüre ich“, antwortete Sieghelm im barschen Ton und setzte fort: „Doch was wir brauchen, ist ein Zeichen, eine Spur, ein Wunder … irgendwas.“ Keinen Moment später sahen Kalkarib und Sieghelm den Rücken eines schmalen, ja fast schon dürren Mannes in langer feiner Robe und Turban auf dem Kopf, der gerade an ihnen vorbeirannte. Er eilte leichtfüßig über die Leichenberge hinweg, als wären sie nicht da und gerade als er drohte im Nebel zu verschwinden, sahen die beiden wie der dürren Gestalt etwas Grünes aus einer Umhängetasche purzelte und zu Boden fiel. Sieghelm und Kalkarib blickten sich einander verdattert an. Sieghelm rieb sich die Augen, als würde er phantasieren und Kalkarib vollführte eine bittende Geste zu Rastullah. „Hast du das auch gerade gesehen?“, frug Sieghelm. „Ja, und ich kann es kaum glauben.“ „Ich auch.“ Und danach sagten beide gleichzeitig: „Ich wusste gar nicht das Nehazet rennen kann!“ Es war tatsächlich Magister Nehazet, den sie beide gesehen hatten, oder zumindest bildeten sie sich das beide ein. Sie eilten sofort zu der Stelle, wo der angebliche Nehazet etwas verloren hatte und fanden dort, frisch fallen gelassen, ein am Boden liegendes handgroßes Blutblatt mit einem Zeichen darauf. Gerade als Kalkarib es hochheben wollte, unterbrach ihn Sieghelm: „Halt! Schau doch … ist das … ein Pfeil?“ Das auf dem am Boden liegenden Blutblatt, hatte eine rote Stelle in der Mitte, dass so aussah wie ein Pfeil. Sofort blickte Kalkarib durch den Nebel zur Praiosscheibe, um das Blutblatt und den Sonnenstand in Zusammenhang zu bringen „Er zeigt Richtung … wie ihr sagt … Firun.“ Euphorisch blickten sich die beiden jungen Männer einander an. „Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, aber wir müssen dem Magister wohl danken, wenn wir ihn wieder sehen“, sprach der Reichsritter und lächelte dabei breit. Mit einem anspornenden Klopfen auf des Wüstensohns Schulter fügte er noch an: „Komm mein Freund, wir haben unser Zeichen erhalten und kennen nun die Richtung.“  

Mit Aufbruchsstimmung im Gesicht und Schwung im Körper stießen die beiden Männer wieder zu Adellinde, die die Pferde bei sich behielt und zusammen mit Pagol über den am Boden sitzenden und gefesselten Fledderer wachte. „Wir wissen wo es langgeht“, prahlte Sieghelm stolz, als hätte er selbst diese Erkenntnis gehabt, als er im Nebel vor Adellinde auftauchte. „Ähm, hervorragend. Es gibt noch etwas über das wir entscheiden müssen“, antwortete sie. Als Sieghelm die Zügel seines Pferdes in Empfang nahm, war er in eiliger Aufbruchsstimmung. „Achja? Das können wir auch unterwegs …“ Adellinde räusperte sich ungewöhnlich lange und lautstark, so dass auch Sieghelm es nicht überhören konnte. Er hatte über die Götterläufe hinweg gelernt, dass, wenn das jemand in seinem Umfeld tat, er besser seine aktuelle Handlung zügig einstellen und für einen kurzen Moment zuhören sollte. Sein Blick traf sich mit dem von Adellinde, die eine nickende Geste zu dem am Boden sitzenden Leichenfledderer machte. „Oh! Ja“, entfleuchte es ihm. Die Priesterin und der Reichsritter zogen sich dann zurück, um sich auszutauschen. Währenddessen blieb Kalkarib mit Pagol bei ihrem ‚Gefangenen‘. Der junge Wüstensohn konnte ein anfangs ruhiges und dann immer hitziger werdendes Gespräch beobachten. Aus der Entfernung sah es irgendwie bizarr und gleichzeitig komisch aus, da Sieghelm nicht nur zwei Köpfe größer war als die kleine Geweihte, sondern aufgrund seiner Statur und Rüstung auch noch zwei Mal so breit wie sie. Er musste an ein Märchen denken, dass Delia mal ihrem Sohn vorgelesen hatte, dass sie aus der Bibliothek des Magiers hatte. Eine horasische Geschichte mit dem Namen ‚Die Schöne und das Thier‘. Obwohl ihr körperlich in allen Belangen überlegen, zeigte Adellinde wie ‚die Schöne‘ in der Geschichte keine Spur davon, von ‚dem Thier‘ eingeschüchtert zu sein. Adellinde wich keinen Fingerbreit von ihrer Position, und das obwohl Sieghelm mit seinen großen und kräftigen Händen, die so groß waren wie Teller, sie mühelos hätte zerquetschen können. Sieghelm gestikulierte und fuchtelte herum, doch keine seiner Bewegungen kam ihr näher als eine Handbreit. Trotz seiner Wuchtigkeit schien es so, als hätte Adellinde eine unsichtbare und schützende Aura um sich, die ‚das Thier‘ nicht zu durchdringen vermochte. Adellinde jedoch konnte ohne Mühe in seine Aura eindringen, denn erneut legte sie während einer Tirade aus wilden Fuchteleien ihre zierlichen Zeigefinger auf seine Lippen und drückte sie mühelos zusammen. Er erstarrte in diesem Moment, sie sagte abschließend noch etwas zu ihm und verließ ihn dann, woraufhin ‚das Thier‘ mit hängenden Schultern hinterhertrottete. Als sie beide wieder bei Kalkarib ankamen, hatte Sieghelm wieder seine erhabene Haltung angenommen. Zusammen stellten sie sich dann vor den am Boden sitzenden Fledderer, den Adellinde im scharfen Ton aufforderte aufzustehen.

„Wir haben entschieden, wie du deine schändlichen Taten wiedergutmachen kannst“, verkündete die Geweihte einleitend und blickte dann zu Sieghelm, der einen Moment brauchte, um sich geistig zu sammeln. „Du hast den Zwölfen gefrevelt mit deiner Tat. Du hast von den Toten genommen, um dich selbst daran zu bereichern, doch du kannst deine Tat wiedergutmachen.“ Der bärtige Mann starrte abwechselnd die beiden ungläubig an, er hatte wohl eher mit einer Hinrichtung gerechnet. Dann fuhr Sieghelm fort: „Im Namen der Herrin Peraine, haben wir entschieden, dass du auf unserem Weg vom Schlachtfeld herunter, weiter die Symbole, Ketten, Ringe und Zeichen nimmst – jedoch unter Aufsicht der Geweihten – damit du es mit Anstand und Respekt tust. Du sollst die Last der Wertgegenstände spüren und dafür arbeiten sie zu tragen – so will es die Herrin Peraine. Wenn wir das Schlachtfeld verlassen, wirst du uns alle Gegenstände übergeben und wir werden sie an die Pferde binden um sie dann im nächsten Tempel abzugeben. Und du wirst, so du im Schweiße deines Angesichts ausreichend gearbeitet hast, von uns aus deiner Schuld entlassen und wirst zum nächsten Tempel gehen, um dort um Vergebung für deine Taten zu bitten.“ Mit den letzten Worten schaute Sieghelm wieder zur Priesterin. In seinem Augen lag ein fragenden Blick, der so viel sagte wie: ‚Habe ich etwas vergessen?‘ Doch Adellinde nickte zufrieden. „Das ist zu gütig, Herr!“, stotterte der bärtige Mann. Für einen kurzen Moment flammte in Sieghelm ein ‚JA ist es!‘ auf, doch die Hand von Adellinde, die ihn sanft am Oberarm berührte, hielt ihn zurück.  „Ich danke euch, ich danke euch!“, wimmerte er glücklich, fiel auf die Knie und grabschte nach Sieghelms Stiefel, um diese zu küssen. „Dankt Peraine und bittet sie um Vergebung für eure Taten.“, intervenierte Adellinde und half ihm wieder auf die Beine. Mit Tränen in den Augen versprach er es ihr, während Sieghelm angewidert daran denken musste, wie sie mit ihren reinen und unschuldigen Händen nur diesen räudigen Taugenichts anfassen konnte.

Kurze Zeit später waren sie auf dem von Magister Nehazet gezeigten Weg. Adellinde überwachte, wie der Fledderer, der sich als Hagen aus Waldsend vorstellte, einen immer schwerer werdenden Sack voller Wertgegenstände füllte. Doch tat er dies augenscheinlich mit Freude und Glückseeligkeit. Sieghelm hinterfragte sich selbst, denn wäre es nach ihm gegangen, würde ‚Hagen‘ nun eine Hand fehlen. Er fragte sich, ob Adellinde vielleicht doch recht damit hatte, ihn zu verschonen.  Er ertappte sich dabei, wie er sich ein ganz kleines bisschen wünschte, dass sie Unrecht behielt und er nach der ‚Entlassung‘ keinen Tempel aufsuchen und um Vergebung bitten würde. Denn Sieghelm meinte, dass er dann einfach zurück auf das Mythraelsfeld kehren wird, um seiner schändlichen Tat weiter nachzugehen. Doch würden sie es wohl nie erfahren, den ihre Queste führte sie in eine andere Richtung. Der Nebel begann sich etwas zu lichten und die Leichen wurden weniger. Gegen späten Nachmittag erreichten sie einen Waldesrand. Kahle, teils umgeknickte oder zerfetzte Kiefern, Föhren und Birken standen – oder eben nicht mehr – hier herum. Der Boden war nicht mehr ganz so aufgewühlt und der Leichengeruch ließ langsam nach. Inzwischen hatte Hagen einen Sack so groß, dass er gebückt gehen musste und sie alle etwas langsamer vorwärts kamen. Er keuchte und hustete, doch schien er angetrieben vom bloßen Überlebenswillen sehr motiviert zu sein. „Lasst uns hier noch einmal umsehen“, befahl Sieghelm in der Hoffnung, hier einen weiteren Hinweis finden zu können. Inzwischen waren sie so weit gen Firun gelaufen, dass sie hinter den zerfransten Baumwipfeln die Türme der Festung Auraleth sehen konnten, dem Stammsitz des Ordens vom Bannstrahl Praios‘. „Wir müssen uns etwa zwei Meilen im Firun von Wehrheim befinden“, merkte Sieghelm mit Blick auf die steinernen Türme an. Er fragte sich, ob die Bannstrahler sie noch halten und ob sein Vater dort Obhut gesucht hatte. Immerhin wäre es ein logischer Entschluss, sich hinter die sicheren Mauerringe der Festung zurückzuziehen. Während Adellinde bei Hagen blieb, suchten Kalkarib und Sieghelm getrennt voneinander vorsichtig die gelichteten Baumreihen nach Hinweisen ab.

Kalkarib, der noch immer etwas humpelte, da die Verletzung von vor zwei Nächten ihm etwas zu schaffen machte, folgte einer aufgewühlten Spur bis hinunter zu einem Flusslauf. Vorsichtig ließ er sich an den Bäumen den steilen Abhang hinab, um sich am Fluss etwas zu erfrischen. Zu seiner Überraschung war das Wasser des etwa acht Schritt breiten und flachen Flusses klar, so dass er sich sein Gesicht damit benetzte, um den Dreck des Schlachtfelds abzuspülen. Dann entdeckte er flussaufwärts etwas, das seine Aufmerksamkeit erhaschte. Er fand, verheddert in den tiefhängenden Ästen einer Kiefer, eine zerfetzte Standarte. Er erschrak kurz, als er sie sich näher betrachtete, denn sie war mit Blut benetzt und vermeintlich menschliche Eingeweide klebten daran. Doch er erkannte die Farben der Standarte, es waren die des Dettenhofener Siegels, wie sie Sieghelm ihm beschrieben hatte. Für Kalkarib hieß das, dass die die Truppen von Sieghelms Vater hier entlang gekommen sein müssen. Erfrischt vom Fluss und von dem Wissen über die verheißungsvolle Standarte, kletterte er wieder den steilen Abhang der Flussuferböschung hinauf. Er hielt sich an Wurzeln und Ästen fest, um sich hochzuziehen. Als er hinter einem Baum hervorkroch und sich hochzog, traf ihn plötzlich die Spitze eines Stiefels an der Schläfe. Er sackte besinnungslos zurück und fiel zwei Schritt tief auf den harten, wurzeldurchzogenen Boden der Flussuferböschung.

Teil IV – Nebel des Krieges (2)

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Nacht vom 17. Auf dem 18. Peraine haben Kalkarib, Adellinde und Sieghelm zusammen in einer einsamen Scheune nahe der Reichsstraße verbracht. Schon am Abend hatte sich Regen angekündigt und ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich einen Unterschlupf zu suchen. Zudem wollten sie nicht in der Nacht ankommen, denn zu viele Gefahren lauerten auf einem frischen Schlachtfeld. Briganten, Leichenfledderer und wilde Tiere waren da noch die geringeren Übel. So kam es, dass die Drei ihren zugigen Unterstand erst am Morgen des 18. Peraine verlassen konnten, als es nur noch ein bisschen nieselte. Nach dem Regen folgte der Nebel, der rund um die Scheune und auch auf das Schlachtfeld waberte und wie schweres Tuch sich über die stille und tote Ebene legte. Die letzten Schritte zum Mythraelsfeld legten die Drei zu Fuß zurück, ihre Pferde führten sie hinter sich her, denn aufgrund des nassen und aufgewühlten Bodens und der geringen Sichtweite war es nicht möglich zu Reiten.  

„Ich bin als Akoluthin mal auf dem Mythraelsfeld gewesen. Ich habe zwischen Dergel und Gernat nach Einbeeren und Wirselkraut gesucht. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass der Boden so aufgewühlt war“, erzählte Adellinde, während sie immer wieder über aufgebrochene Stücken Erde hüpfen musste. Auch Sieghelm musste über eine breite Furche hinweg steigen. „Diese Zerrüttung ist auch keineswegs natürlich, Adellinde. Das ist das Werk des Weltenbrandes, den Galotta mit seiner Himmelsfeste über Wehrheim entfesselte.“ Im schweren und kühlen Nebel war die Sichtweite der Drei beschränkt. Während sich über ihnen die Praioscheibe damit mühte durch die dichte Wolkendecke zu brechen, verhüllte der dichte Nebel das Gräuel, welches in den letzten Tagen über das Mythraelsfeld gekommen war. In weiter Ferne war es ihnen kaum möglich die zersplitterten Zacken der Wehrtürme von Festung Karmaleth zu erblicken, die wie gespenstige Zähne aus dem dichten Nebel in den ebenfalls grauen Himmel ragten. Nicht nur die nasskalte Atmosphäre drückte die Stimmung der Drei, die bei jedem Schritt etwas langsamer wurden, denn die nasse Erde, die nicht nur vom Regen, sondern auch vom Blut der zahlreichen Mittelreicher durchtränkt war, blieb schwer an ihren Stiefeln haften. Auch der unangenehm süßliche und beißende Leichengeruch hing wie der Nebel schwer auf dem Schlachtfeld. Sie stiegen über dutzende, teilweise übereinander liegende Leichen hinweg. Adellinde musste sich ein Tuch vor die Nase halten, so aufdringlich war der Verwesungsgeruch. Einige der Leichen waren verstümmelt, in grotesker Haltung liegen geblieben, gänzlich verkohlt oder so zerfetzt, dass man nicht genau wusste, welches Körperteil genau zu sehen war. Keinem der drei gelang es mehr die Stimme zu erheben, während sie mit immer schwerer werdenden Schritten tiefer in das Zentrum des Schlachtfelds vordrangen. Jeder fragte es sich, doch niemand traute es sich auszusprechen: Sie wussten nicht genau wonach sie überhaupt suchen sollten und was ihr Ziel war, denn durch den dichten Nebel, der sich über die Ebene gelegt hatte, vermochten sie sich auch nicht vernünftig zu orientieren. Zwischen all den menschlichen Leichen lagen auch immer wieder Teile Galottas schändlicher Dämonenarmee. So erblickte sie einen kleinen Haufen geschälter Schädel, an die sich Sieghelm noch gut und mit Schrecken erinnern konnte. Es waren rollende Anhäufungen von Schädeln, die mittels Magie dazu gebracht wurden über ihre Gegner hinweg zu rollen und sie dabei bis auf die Knochen abzunagen. Doch die rollenden Schädel waren nicht die einzigen grotesken und todbringenden Abscheulichkeiten, die ihnen der Dämonenkaiser entgegengeworfen hatte. „Sieghelm!“, rief Kalkarib plötzlich, der mit seinem Pferd stehen geblieben war und auf den Boden starrte. „Ist das nicht einer von deinen Männern?“, fragte er in seinem für ihn typischen novadischen Akzent und zeigte auf einen in den nassen und blutdurchtränkten Boden gedrückten Körper. Sofort kam Sieghelm herüber. Bei jedem Schritt spritzte Wasser bis auf seinem schwarzer Umhang, der inzwischen braun und steif geworden war. Trotz der dichten Schicht aus Dreck, die darauf lag, erkannte er das Wappen des Schutzordens der Schöpfung auf dem Wappenrock wieder. Der Mann lag auf dem Rücken und es fehlte der Unterkörper, irgendetwas hatte ihn – anscheinend mühelos – die Hüfte abwärts durchtrennt und seine Eingeweide lagen nun in einer dunklen Pfütze aus Regenwasser und Blut. Während sich Regenwasser in seinem im Moment des Todes aufgerissenen Mund sammelte, blickten seine blauen, inzwischen etwas trüb gewordenen Augen starr gen Himmel, als würden sie gen Alveran blicken und um Erlösung bitten. Die letzten Momente des Mannes musste er niederhöllische Schmerzen gehabt haben. Sieghelm starrte das aschfahle Gesicht der Leiche an, als würde er darin verzweifelt etwas suchen. Inzwischen war auch Adellinde zu Ihnen gestoßen. Als sie den toten Körper erblickte, muss sie sich erneut ein Tuch vor den Mund halten und kurzen Stoßgebet gen Himmel schicken. „Kennt ihr den Mann?“, frug sie durch das Tuch mit unterdrückter Stimme. „Nein“, antwortete er traurig. Doch in seiner Stimme lag mehr, als er verraten wollte. Sieghelm machte sich Vorwürfe. Vorwürfe, dass er den Namen des jungen Mannes, der sein Leben für ihn und das Mittelreich gegeben hatte, nicht kannte. Er kannte nicht mal sein Gesicht, würde er nicht den silbernen Halbmond und den silbernen Blutstropfen auf schwarzen Grund tragen, würde er ihn nicht mal als einen seiner Mannen erkennen, dessen Leben zu schützen er geschworen hatte.

Adellinde machte einen Schritt an Sieghelm heran und berührte ihn sanft am Oberarm. Sie atmete tief ein, entfernte dann das Tuch vom Mund und sagte: „Euch trifft keine Schuld, Ser. Ihr seid nicht für den Tod dieses Mannes verantwortlich.“ Sie wollte für ihn da sein, ihm beistehen in seinem Moment der Unsicherheit. „Ich stimme der Priesterin zu“, gab Kalkarib als Kommentar zum Besten, der ebenfalls sah, wie der junge Ordensmeister litt. Sieghelm blickte auf, sah erst verständnislos zu Kalkarib und dann zu Adellinde. In ihm war eine unbeschreibliche Leere. „Ihr versteht nicht, worum es mir geht“, begann er im leisen Ton, hockte sich hin und fuhr mit der Hand sanft über das Gesicht des Mannes, um seine Augen zu schließen. „In einer Schlacht sterben Menschen, auf jeder Seite – und dies ist nicht meine erste Schlacht. Ich war schon Mal hier. Etwas weiter im Rahja, an der Trollpforte, kämpfte ich schon mal gegen die Schwarzen Lande. Ich war noch ein junger Knappe als …“ Er unterbrach sich in seiner Erzählung, als er merkte, dass dies zu weit führen würde. Vorsichtig löste Sieghelm die Schnalle an einer ledernen Tasche der Leiche, die aus irgendeinen Grund noch an ihr dran geblieben war. „Es geht mir darum, dass ich diesen jungen Mann nicht erkenne.“ Adellinde und Kalkarib blickten sich kurz einander fragend an. Ihre Blicken fragten: Meint er das ernst? Zweifelte Sieghelm etwa an der Echtheit des Wappens? Kalkarib ergriff die Initiative: „Sieghelm, er trägt dein Wappen!“, rief er etwas lauter als gewollt aus, als würde Lautstärke allein genügen, um ihn zur Besinnung zu bringen. „Ja natürlich, darum geht es mir auch nicht.“ Er fingerte aus der ledernen Gürteltasche der Leiche einen matschigen Zettel und eine kleine Holzfigur hervor. Mit dem Fingernagel befreite er letztere vom Schlamm, der inzwischen in die Tasche gesickerte war. Heraus kam eine kleine Holzfigur in der Größe des kleinen Fingers, die einen Schmied am Amboss zeigte. „Es geht mir darum, dass es nicht richtig ist. Mit Sicherheit wusste er, wer ICH war, aber kenne ich IHN nicht und doch war er bereit sein Leben für mich zu geben. Und das nur, weil ich ihm dazu aufrief.“ Der Gewinner der Frühlingsturney nahm die kleine Holzfigur in seine große Hand, drückte sie fest an sich und mit Blick zu den dichten Wolken sagte er dann mit lauter und fester Stimme: „Ich schwöre beim Schutzorden der Schöpfung und der donnernden Göttin, das ist das erste und letzte Mal, dass es so sein wird. Ich Zukunft will ich jede Frau und jeden Mann der für mich kämpft beim Namen und seiner Herkunft kennen – das schwöre ich.“ Erneut blickten sich Adellinde und Kalkarib kurz fragend an. Langsam begannen die beiden nachzuvollziehen, um was es dem Reichsritter ging. „Das ist ein wahrlich hehres Ziel, Ser Sieghelm“, bekräftigte Adellinde ihn im bewundernden Tonfall und strich ihm erneut über den Oberarm. Kalkarib hingegen prustete, denn er hatte eine Ahnung davon, was das in Zukunft bedeuten würde. Er sah Sieghelm schon, wie er sich jedes Mal vor der Schlacht zwanghaft unter seine Truppen mischte und versuchte sich mit Ihnen am Lagerfeuer und bei einer Schüssel Bohnen zu verbrüdern. Er verdrängte den aufblitzenden Gedanken jedoch, da es jetzt wichtigeres zu tun gab. „Was machen wir mit ihm? Wir können ihn hier unmöglich beisetzen“, erkundigte sich der Wüstensohn. „Ich habe das hier, das genügt. Die Zwölfe werden uns verzeihen.“ Sieghelm zeigte die kleine Holzfigur und den schlammigen Zettel, den Sieghelm inzwischen als Brief identifiziert hatte. „Lasst uns weiter“, sagte Sieghelm und ging wieder zurück zu seinem Pferd, auf dem Leutnant Pagol in Wachhaltung saß und sich stetig umsah. „Wonach suchen wir hier eigentlich?“, warf Kalkarib ein, der den Moment des Innehaltens nutzen wollte.Mit einem teils fragenden und teils entsetzten Blick, drehte sich Sieghelm zu Kalkarib um: „Nach meinem Vater, natürlich!“ „Ja, natürlich. Aber …“ Kalkarib machte eine drehende Geste um sich herum. „ … wir können nicht gerade sehr weit sehen in dem Nebel. Das ist wie die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste.“ „Du meinst, wie die Suche nach einer Nadel in einem Heuhaufen?!“ Beide Männer starrten sich blinzelnd und ahnungslos an. „Warum sollte man eine Nadel im Heuhaufen suchen wollen?“, platzte es im gereizten Tonfall aus Kalkarib heraus, der genau zu wissen glaubte, worauf Sieghelm anspielte. Es ging ihm erneut darum, seine Kultur zu verunglimpfen und seine Mittelländer-Kultur überseine Novadi-Kultur zu stellen. „Ach und die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste …“ „MÄNNER!“, platzte es aus Adellinde lauthals heraus. Zu gerne hätte sienun alle ihr zur Verfügung stehenden Finger auf die Lippen beiden Männer gelegt, doch leider standen sie zu weit auseinander, weshalb sie auf ein anderes erzieherisches Mittel zurückgreifen musste. Sie setzte mit nachdrücklichen Unterton, der keinen Einwand duldete, an: „Mit Sicherheit hat Ser Sieghelm einen gut durchdachten Plan, wie wir – trotz des dichten Nebels und des starken Verwesungsgeruchs – seine Hochwohlgeboren Parzalon zügig finden können, ohne ziellos über Berge aus Leichen zu stapfen. Denn niemand von uns möchte sich an diesem gottverlassenen Ort länger als nötig aufhalten. Nicht wahr, eure Exzellenz?“ „Ganz recht! Und natürlich habe ich einen Plan!“ Mit diesen Worten nahm er wieder die Zügel seines Pferdes und spürte den vernichtenden Blick der Geweihten im Nacken, weshalb er sich dazu entschied sich noch einmal zu seinen Gefährten umzudrehen um sie in seinen ‚Plan‘ einzuweihen: „Die Dettenhofener Truppen meines Vaters befanden sich auf der Linken Flanke, also im Firun des Mythraelsfeldes. Dort wurden sie auch zuletzt gesehen. Es heißt, dass sie vom Zentrum abgedrängt wurden. Unsere Suche wird also auf der Firunsseite des Schlachtfelds beginnen.“ Und als ob diese Erklärung genügte, ging Sieghelm nach einem kurzen Blick zu den zerfallenen Türmen von Burg Karmaleth, um sich zu orientieren, wieder voran. Als Kalkarib an Adellinde mit seinem Pferd vorbeiging, raunte er ihr noch trotzig zu: „Wer ist so dumm und versteckt eine Nadel im Heuhaufen?“ Was Adellinde zu dem Entschluss brachte, den nächsten Verbandwechsel bei ihm etwas straffer zu gestalten.

Die drei suchten sich einen möglichst halbwegs geraden Weg durch das ehemalige Schlachtfeld gen Firun. Die Leichenberge und Verwesungsgerüche machten den Weg zu einer Tortur. Der Magnum Opus des Weltenbrandes hatte verschiedenste unheilige Kräfte herbeigeschworenen, die das Land nicht nur verwüstet, sondern es auch topografisch gänzlich verändert hatten. Die Erde war an mehreren Stellen Ellenbreit aufgerissen worden, tiefe Kratertrichter von Explosionen und Einschlägen von herabfallenden Steinen durchzogen das Feld. Humusdämonen hatten die Wurzeln der Erde dazu gebracht empor zu steigen und sich als Ranken um Menschen zu schlingen. Diese zerstörten Konstrukte lagen noch immer wie versteinerte krause Haare von Riesen in der Landschaft herum und erschwerten das Durchqueren zusätzlich. Eine unbestimmte Zeit später liefen Sieghelm, Kalkarib und Adellinde auf eine am Boden hockende Gestalt auf. „Seid gegrüßt“, rief Sieghelm ihr euphorisch zu. Durch den Nebel waren sie der Person bis auf zehn Schritt nahe gekommen, da sie sie nicht eher erblicken konnten. Als Sieghelm die kauernde Gestalt anrief, schien sie sich zu erschrecken, fuhr hoch und wirbelte, da sie den dreien zuvor den Rücken zugekehrt hatte, herum. „Gut zu sehen, dass jemand überlebt hat …“, begann er, wurde jedoch von der Gestalt unterbrochen: „Was wollt ihr? Wer seid ihr?“ Ängstlich blickte sich der Mann mittleren Alters mit krausem Bart mit einem Bündel vor der Brust haltend zu den Dreien um. „Ich bin Ser Sieghelm, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Reichsritter des Neuen Raulschens Reich – und wer bist du?“ „Ich? Ich ähm … niemand“, stotterte er. Als der Mann sah wie Kalkarib seine Hand auf den Knauf seines Khunchomers legte, erschreckte er sich so stark, dass er das Bündel vor seiner Brust etwas lockerte. Zahllose edelmetallene Ketten, Ringe und Amulette, wertvolle Insignien und Wappenschilder purzelten heraus und platschten in den von Blut und Regen aufgeweichten Boden. Alle vier starrten für einen kurzen Moment auf den Haufen wertvoller Gegenstände, die der Mann soeben fallen gelassen hatte und allen war klar, was er hier tat. Ehe Sieghelm ‚bleib stehen‘ rufen konnte, war er auch schon auf dem Absatz herumgewirbelt und suchte im schützenden Nebel das Weite. Sieghelm wusste, dass er in seiner Gestechrüstung und in diesem Schlamm nicht die geringste Chance hatte, dem Mann zu folgen. Kalkarib hingegen war flink und leichtfüßig und trug keine erschwerende Rüstung. Ein Blick zu ihm genügte und der durchnässte Wüstensohn flitzte über die Ebene dem Leichenfledderer hinterher. Auch der Leutnant hüpfte vom Pferd und schoss wie eine Wurst, die über nasse Steine rutschte, über die feuchte Erde hinweg – nur das diese dabei protestierend kläffte.

Wenig später brachte Kalkarib den zeternden und jammernden Leichenfledderer am Schlafittchen gepackt zurück zu Sieghelms und Adellindes Position, die sich inzwischen die Wertgegenstände, die er verloren hatte, etwas näher angesehen hatten. Den ganzen Weg hatte sich Pagol in den Stiefel des Mannes verbissen und knurrte die ganze Zeit über, als würde er sagen wollen: ‚Ich schaffe es alleine ihn zu ziehen, lass ihn los!‘ Kalkarib warf ihn Sieghelm vor die Füße, wobei sich sein dichter ungepflegter Bart in einer blutigen Pfütze tunkte. „Auf die Knie mit dir“,  befahl er dem Mann im rauen Ton, während Adellinde wie eine ihn legitimierende Geweihte neben ihm stand und den Mann verurteilend ansah. „Du wirst uns jetzt dahin bringen, wo du das gefunden hast“, sagte er und hielt dem Mann ein etwas Faustgroßes versilbertes Wappenschild von einer Rüstung vor die Nase, das er im Haufen der Gegenstände, den der Leichenfledderer verloren hatte, gefunden hatte.

Teil IV – Nebel des Krieges (1)

Teil III – Hasardeure (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 17. Peraine, 34 nach Hal – Am frühen Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Die Gebende mit euch, Ser.“ Adellinde schälte auf einem Baumstumpf sitzend Zwiebeln, als sie den müde aussehenden Ordensmeister aus seinem provisorischen Unterstand aufstehen sah. Sie war mit der Praiosscheibe aufgestanden und hatte damit begonnen das Frühstück für sich und ihre Gefährten vorzubereiten. „Morgen“, raunte dieser nur zurück und streckte sich gähnend. Da es in der Nacht kälter geworden war, hatte er seinen dunklen Wams angelassen. Adellinde fand, dass Männer in diesen gefütterten Kleidungsstücken irgendwie drollig aussahen. Es hingen zahlreiche Nestelfäden herab und die Körperform wurde irgendwie unnatürlich in die Breite gezogen.  Was auch dieses Mal zutraf, weshalb sie etwas grinsen musste. „Was habt ihr?“, frug Sieghelm forschend, der ihr Grinsen nicht übersehen konnte. „Ach, ich … gar nichts.“ Ihre Wangen liefen rot an, als sie verlegen zur Seite schaute und selbst für einen sozial tapsigen Mann wie Sieghelm erkennbar verlegen wurde. Sieghelm beschloss sie nicht zu drängen, stattdessen kramte er in den Satteltaschen nach seinem Essgeschirr und ging damit zu ihr. „Ist Kalkarib …?“, begann er im Frageton. „Ja …“, antwortete sie und schälte weiter Zwiebeln. „Wir waren zur gleichen Zeit wach geworden. Er sagte er müsse zu Keft beten und sich deswegen zurückziehen.“ Ein langer Moment der Stille folgte, in denen nur das Knistern der Zwiebelschalen zu hören war, die Adellinde zusammentrug. „Wer ist eigentlich dieser Keft?“, platzte es dann aus ihr, lauter und neugieriger als gewollt, heraus. Als sie sich das sagen hörte, wurde sie sofort wieder etwas rot im Gesicht. Dieses Mal musste Sieghelm, ob der Unwissenheit der Geweihten, etwas grinsen. Er setzte zu einer kurzen Erklärung an: „Keft ist keine Person oder Gott, sondern ein Ort in der Wüste Khôm. Bestimmt habt ihr ihn nur falsch verstanden – sein Akzent ist gewöhnungsbedürftig.“ Als Sieghelm das sagte, deutete er sich selbst mit einer wedelnden Bewegung auf den Mund, was ein Nuscheln nachstellen sollte. Er wollte damit veranschaulichen, dass auch für ihn die Sprache der Novadis seltsam klang. „Ah, achso.“ Sie nickte nur, obwohl sie nicht den Anschein machte, vollständig zu verstehen, was der Reichsritter sagte. Sie holte ein Brettchen heraus und begann die Zwiebeln klein zu schneiden. Zwischendurch warf sie einen prüfenden Blick zum Lagerfeuer, das sie kurz zuvor angezündet hatte. Wieder folgte ein längerer Moment der Stille. Sieghelm betrachtete die junge und zierliche Frau. Er musste noch immer verarbeiten, was gestern Abend geschehen war und dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! „Ich habe mich noch gar nicht wegen gestern Abend bei euch bedankt“, begann er leise. Adellinde zwinkerte verlegen und da zeigte sich wieder ihr bezauberndes Lächeln, dass Sieghelm innerhalb der kurzen Zeit so zu schätzen gelernt hatte. „Ich habe getan, was jeder getan hätte.“ „Das sehe ich anders. Ihr habt mein Leben gerettet, und das im Angesicht eines überlegenden Gegners – ihr habt mehr Mut bewiesen, als ich es bei den meisten meiner Untergebenen je gesehen habe.“ Erneut wurden ihre Wangen scharlachrot, was ihre blauen Augen noch mehr erstrahlen ließ. „Eure Worte schmeicheln mir, Ser.“ „Ich meine das ernst!“, bestand Sieghelm in einem ungewollt harten Tonfall auf sein Gesagtes. Er erschreckte sich selbst vor der ungewollten Schärfe. Adellinde rief in ihm aus einem ihm unbekannten Grund seine sanfte Seite hervor. Es kam ihm so vor, als müsse er sie ganz behutsam behandeln, da sie beim kleinsten falschen Ton zu zerbrechen drohte. Was jedoch albern war, da er gestern Abend gesehen hatte, dass sie keineswegs ein zierliches Ding war, das man beschützen musste. In Sieghelm Welt war sie für ihn aufgrund dieses Widerspruchs ein Mysterium. „Was … was ich sagen will ist …“, setzte er erneut stotternd ein. Doch er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden. Wie konnte er ihr sagen was er dachte oder fühlte, wenn er das nicht einmal selbst wusste? Er kam sich so töricht vor und als ihm gewahr wurde, dass sie ihn nun schon mehrere Momente lang fragend in die Augen blickte, da er seinen Satz mittendrin unterbrochen hatte und einfach nicht weiter sprach, wurde auch er verlegen. „Danke. Ich möchte danke sagen.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kamen sie ihm auch schon lächerlich vor. „Gern geschehen, Ser“, antwortete sie knapp und konzentrierte sich dann wieder auf das Zwiebelschneiden. Da fiel Sieghelm noch eine Frage ein, die er ihn unbedingt stellen wollte. Am gestrigen Abend war er viel zu aufgewühlt dafür gewesen und als er sich seine aufgeschlagenen Fingerknöchel betrachtete, wurde ihm wieder klar, wie sehr er bereute, was gestern über ihn gekommen war. „Euer Gnaden, ich möchte euch noch etwas fragen.“ „Nennt mich doch bitte Adellinde“, schoss sie ihn unterbrechend dazwischen, was Sieghelm wieder etwas aus der Fassung brachte. „Na schön, wie ihr wollt – Adellinde. Ich habe mich gefragt, was passiert ist und wie es dazu kam, dass ihr plötzlich zwischen mir und dem Paktierer standet? Ich muss zugeben, dass Boron da wohl den Segen des Vergessens über mich hat kommen lassen. Ich möchte gerne wissen wie es dazu kam. Das letzte woran ich mich erinnere, ist das ich wegen des Giftatems zusammenbrach und den Tod schon vor Augen hatte.“

Sie atmete tief ein, als würde sie zu einer langen Erklärung ansetzen wollen. Da tapste plötzlich Pagol heran und schwänzelte um Sieghelms Beine herum. Er ließ sich auf den Bauch fallen und mit einem kleinen Kläffen gab er bekannt, dass er gekrault werden möchte – was Sieghelm dann auch tat. Mit Blick auf den Hund, wurden ihre Augen etwas glasig, als sie sich an die Szene des gestrigen Abends zurückversetzte. „Wir waren zu dritt hinter dem Baumtrichter, kurz vor ihrem Lager“ begann sie ruhig zu erzählen. „… es war sehr dunkel und als wir die Kampfschreie der Zwerge hörten, stürmtet ihr beide los und hattet mich damit alleine gelassen.“

„Oh Herrin, geschieht das gerade wirklich?“ hauchte Adellinde gedankenverloren, die von Sieghelm und Kalkarib alleine im Dunkeln gelassen wurde. Sie kauerte sich tief hinter den Baumtrichter, um keinesfalls gesehen zu werden. Sie hatte noch nie ein Scharmützel oder gar einen Kampf gesehen. Sie musste an die Kneipenschlägerei denken, die sie in Perz einmal mitansehen musste. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was hier geschah. Sie hörte wie ihr Atem stotterte und spürte ihre Hände zittern. Dann begann das Metallgeklapper. Klingen trafen aufeinander, gefolgt von Todesschreien. Sie wusste nicht von wem es kam, sie hoffte, dass es die der Söldner waren. Da hörte sie eine kleine innere Stimme in ihr, die ihr sagte, dass sie etwas tun musste. Sie konnte nicht einfach nur hier herumsitzen und warten bis die Verletzten zu ihr kamen. Sie musste die Initiative ergreifen. Sie fasste sich ein Herz und blickte durch ein paar Wurzeln hindurch zum Lager der Söldner. Doch das Buschwerk war zu dicht und die wenigen Fackeln erhellten den Kampfplatz nicht gut genug, um etwas erkennen zu können. „Nur ein paar Schritte näher, Adellinde, damit du etwas siehst“, sprach sie zu sich selbst und hielt nach einer geeigneten Deckung Ausschau, die etwas näher am Lager lag. Vorsichtig schlich sie vor und duckte sich fünf Schritt weiter vorne hinter eine dichte Hecke. Doch auch von hier konnte sie nicht viel erkennen. Wieder hörte sie jämmerliche Schreie, gefolgt von ein paar lauten Kommandos einer ihr fremden Stimme. Sie fragte sich, ob das ihr Anführer sei. Sie wechselte noch zwei Mal die Position, bis sie so nah war, dass sie auf die Anhöhe schauen konnte, wo sie Sieghelm im Zweikampf mit einem dunklen Ritter erblickte. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, um aus der Entfernung die Zeichen auf seiner Rüstung besser erkennen zu können. „Ist das … hmm … oh Göttin! Das kann nicht wahr sein.“ Als sie die Symbole auf der geschwärzten Rüstung sah, rutschte ihr das Herz bis in die Hose. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich taub und so klein wie eine Kirchenmaus im Praiostempel zu Gareth. „Ein Diener Mishkharas. Herrin ist das wirklich dein ernst?“, fauchte sie ungläubig gen Himmel. Für sie war klar, dass dies eine Fügung ihrer Göttin war. Sie hatte sie hierher gebracht, damit sie sich ihren Ängsten, dem Schlächter ihres Dorfes und dem Schänder ihrer Kirche stellte. Er musste es einfach sein, das spürte sie. Sie schloss sie Augen und ganz langsam begann sie drei Mal durchzuatmen, um sich so selbst zu beruhigen. Jedes Ein- und Ausatmen machte sie ganz bewusst, mit dem Gedanken daran, dass sie sich zum Werkzeug Peraines machen würde und es egal war, ob sie dabei ihr Leben lassen würde. Sie sog die Luft ein und fühlte, wie sich ihr Innerstes mit Leben füllte, mit jedem Ausatmen wuchs der Mut in ihr an, für das, wofür sie zu tun bestimmt war. Nach dem letzten Ausatmen, das über ihre rötlichen Lippen strich, öffnete sie wieder Augen, und es lag eine Entschlossenheit in ihr, die sie bis zur Sonnenwende nicht mehr ablegen würde.

Mit einem behänden Griff in ihre Stofftasche holte sie ein paar Kornähren hervor, die sie immer als Paraphernalien bei sich führte. Sie richtete sich auf, drehte sich zu der Anhöhe und trat entschlossen darauf zu. Sie sah, wie Ser Sieghelm gerade zurücktaumelte und eine giftige grüne Wolke über die Anhöhe waberte, dann begann sie erst leise und immer lauter werdend zu beten: „Herrin Peraine, ich erbitte Deinen Segen, ich habe gearbeitet wie Deine fromme Dienerin, habe geopfert wie Deine fromme Dienerin und habe gebetet wie Deine fromme Dienerin. Segne mich, auf das ich dein Werk auch morgen noch verrichten kann.“ Der Ritter brach inzwischen zusammen und der Paktierer ging mit einem süffisanten Lächeln auf ihn zu. Adellinde ließ ihn nicht mehr aus den Augen, noch war sie außerhalb des Fackelscheins, doch das würde sich jeden Moment ändern. Sie wusste, dass sie sich ihm alleine stellen musste, denn der Reichsritter war zu Boden gegangen und sie hatte als Waffe gegen ihn nur ihren Glauben. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben. „Sie her, Diener der Seuchenbringerin – SIEH HER!“ Ihre Stimme überschlug sich, als sie losbrüllte und sich somit des Paktierers Aufmerksamkeit sicher war. Er hatte gerade zu einem vernichtenden Schlag ausgeholt, doch hielt er nun inne. Adellinde trat entschlossen in den Fackelschein, in der linken Hand die Kornähren, die Rechte geballt zur Faust und ihr Blick so entschlossen, dass ihre blauen Augen hell leuchteten. „Du hast Verderben über mein Dorf gebracht, und nun stehe ich hier, lebendig und kraftvoll trotze ich deinem fauligen Atem, denn wo ich gedeihe wirst du vergehen.“ Mit diesen Worten reckte sie die Kornähren ihm entgegen. Der grünliche Nebel wich so schnell von dem Hügel, als würde er flüchten und auch der Paktierer machte einen Satz zurück als hätte ihn ein mächtiger Stein am Kopf getroffen. „WEICHE, faulige Ausgeburt! WEICHE, wo das Leben blüht und gedeiht! DU bist hier nicht willkommen.“ Ohne langsamer zu werden, stellte sich Adellinde vor Sieghelm breitbeinig auf, noch immer die Ähren noch vorne gereckt. Der Paktierer fing sich ein paar Schritt entfernt auf. Er schüttelte sich und verzog das faulige Gesicht. „Wer bist du?!“, rief Baron Markwart und hielt sich einen Arm schützend vor das Gesicht, als würde Adellinde ihn blenden. „Ich bin eine Dienerin der Gebenden aus Perz und ich bin gekommen um dir zu verheißen, dass das Ende deines Vergehens gekommen ist. Knie nieder und bitte die Gütige um Vergebung für deine Gräueltaten in Perz, oder du wirst jetzt dein Ende finden.“ Die Worte sprudelten nur so aus Adellinde heraus,sie kamen zum Teil von ihr selbst und zum anderen Teil durchdrangen Sie sie einfach. Sie spürte wie ihre Göttin durch sie zu dem Paktierer sprechen wollte und sie ließ es zu, doch vorher kam Markwart zu Wort: „Dreckiges kleines Miststück! Du bist viel hübscher als die anderen – ich hätte lieber dich auf dem Altar schänden sollen.“ Die beleidigenden Worte des Barons verfehlten ihr Ziel, denn Adellinde befand sich inzwischen in einem geistig entrückten Zustand. Die blauen Augen der Priesterin wurden für einen kurzen Moment reinweiß und ihr gesamtes grünes Antlitz strahlte so hell, dass es Markwart erneut blendete. Mit einem tieferen Ton drangen aus ihr die Worte: „Ich bin die Bewahrerin, die Hüterin des Heiligen Hains. Sieh oh Halm, die Ähren auf dem Felde, ein leiser Hauch, wenn eine sich beugt, so bebet, die andere auch. Die Sichel kommt und Schnitt, die Faulen und die fremden Halme – Erzitter mit.“ „GENUG!“, erwiderte Markwart, dem es nun überkam, der seine Kraft zusammennahm und nach vorne preschte. Mit erhobenem Warunker Hammer warf er sich voran, doch Adellinde wich keinen Fingerbreit. Da fuhr plötzlich Rondras Nagel empor, geführt vom wiedererstarkten Reichsritter, der seinen mächtigen Hieb abfing. Sieghelm setzte nach und drängte ihn zurück – da kehrten auch Adellindes blaue Augen zurück und das Prickeln fuhr aus ihrem Körper. Sie sah mit an, wie es Sieghelm gelang den Frevler zu überwältigen, während Sie nur wenige Schritt entfernt versuchte, die Worte, die soeben über Ihre Lippen gekommen waren, zu verstehen.

„Ich bewundere euch“, flüsterte Sieghelm, der Adellindes Geschichte gebannt gelauscht hatte. Ihr rannen ein paar Tränen über die Wangen. „Warum weint ihr?“ „Die Zwiebeln, sie … es sind die Zwiebeln“, gab die Priesterin als ausweichende Antwort. Doch in Wahrheit war es die Erinnerung an der Moment, als ihre Göttin durch sie sprach, der sie erneut mitnahm. Sie war traurig, dass es ihr nicht gelang, sich komplett daran zu erinnern, was sie gesagt hatte und es gab auch keine Hoffnung, es je zu erfahren, denn der Einzige, der es mitbekommen hatte, war inzwischen tot. „Wo wir schon dabei sind von gestern zu sprechen, Ser – was war es eigentlich, was euch der Paktierer noch zugeflüstert hatte, dass es euch so in Rage versetzt hatte?“ Sieghelm schluckte schwer und Adellinde sah, dass es ihm unangenehm war. „Es ist heilend für Körper und Seele, über so etwas mit einer Priesterin eures Vertrauens zu sprechen. Euer Wohlgeboren.“ „Ich möchte eigentlich nicht darüber sprechen“, wich Sieghelm aus und machte Anstalten aufzustehen.Doch da kläffte Pagol, der noch nicht genug davon hatte, gekrault zu werden, weshalb ihm nichts anderes übrig bleib, als sitzen zu bleiben. „Wenn euer Verstand nicht darüber sprechen möchte, ist es umso wichtiger für eure Seele, dass ihr es tut“, hakte Adellinde nach und griff zu den Rüben, um nun diese zu bearbeiten. Sieghelm seufzte, die Priesterin war hartnäckig und sein eigener Leutnant hatte sich gegen ihn verschworen. „Nungut, wie ihr wollt. Aber ihr müsst mir versprechen, nicht darüber zu urteilen. Ich … bin sonst nicht so.“ „Heiliges Apfelehrenwort!“ Adellinde hob die linke Hand, reckte den Rücken und machte eine bedeutsame Pose.Sieghelms Brauen senkten sich und er schaute sie verwirrt an. „So etwas gibt es doch gar nicht.“ Adellinde grinste beschwichtigend. „Natürlich nicht. Aber ich bin eine Priesterin Peraines, eure Worte sind bei mir so sicher wie das Amen in der Praioskirche.“ Nun lächelte auch Sieghelm, der Adellindes neckische Art begann zu mögen. „Nun, es war so …“

Sieghelm drehte Custoris in der Luft um die eigene Achse und versetzte Markwart damit einen Treffer gegen die linke Schulter. Der Anderthalbhänder ächzte gegen die schwarze Plattenrüstung, doch die Wucht brachte den alten Baron ins Taumeln. Er versuchte das Ungleichgewicht mit seinem Warunker Hammer auszugleichen, doch schaffte er es nicht rechtzeitig und so setzte Sieghelm nach. Mit einem mächtigen Schwung traf er den Paktierer erneut am linken Arm, so dass er hörte, wie darunter Knochen brachen. Das von Pusteln übersäte Gesicht des Barons wurde schmerzverzerrt, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war. Er konnte dem Reichsritter einfach nichts mehr entgegensetzen und hatte schon zu viel Blut verloren. „Es ist ganz gleich, was hier geschieht“, stöhnte er und wehrte einen Hieb des Ritters mit letzter Kraft ab. „Der Greifenthron wird fallen, und mit ihm das Kaiserreich.“ Sieghelm machte eine Finte, die der Baron nicht kommen sah und dieser bekam so einen Treffer gegen das rechte Bein. Unter heftigen Schmerzen gab es nach und der Baron sank auf die Knie. „Und ihr könnt es nicht verhindern, die Kaiserin gehört uns.“ Der mächtige Anderthalbhänder sauste herab und noch während das Donnern über den Hügel zu hören war, durchtrennte seine Klinge den hölzernen Schaft des Warunker Hammers. Das Holz zerbrach und die Klinge suchte seinen Weg weiter nach unten und grub sich tief in die Schulter des Barons. „Während ihr hier euren Sieg feiern werdet …“ Markwart musste Blut spucken, als er das Schwert in seine Schulter bekam, doch ließ er sich nicht davon abhalten weiter zu reden. „ … wird die Hure des Mittelreichs in der Warunkei kaiserlich vom jedem im Nekromantenrat durchgepflügt, der noch etwas Fleisch am Pimmel hat.“ Während in Sieghelms Gesicht die Wut hochkochte, ergötzte sich der Frevler daran, denn auch wenn er den Kampf hier verloren hatte, so wusste er, dass er mit einem Lächeln abtreten konnte. Er hatte seinem Widersacher ein widerwärtiges Bild in den Kopf gesetzt, dasser nicht mehr loswerden würde. Sieghelm schlug mit dem Knauf seines Schwerts gegen Markwarts Gesicht. Seine Nase brach und Blut platzte Sieghelm entgegen. Dann stürzte sich der Reichsritter auf ihn und ließ den Knauf so lange auf dessen Gesicht nieder, bis das Grinsen in seinem Gesicht nur noch eine blutige Masse war.

Teil III – Hasardeure (3)

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Sieghelm, Adellinde und Kalkarib kauerten zusammen hinter einer Anhöhe und lugten über die Kuppe. Die zwei Pferde hatten sie etwas weiter hinten an einer alten Koppel befestigt, damit man diese von der Reichsstraße aus nicht sehen konnte. Sie blickten zwischen dem hohen Gras des Hügels hinweg in Richtung der Straße, um so von der großen herannahenden Gruppe nicht gesehen zu werden. In Sieghelms Gesicht und seiner gesamten Körpersprache war zu sehen, dass er mit der Herangehensweise seiner kleinen Reisegruppe nicht allzu zufrieden war, er wurde jedoch überstimmt und wollte vor Adellinde nicht den störrischen Reiseleiter raushängen lassen. „Kannst ihr etwas erkennen?“, frug er gleichwohl interessiert und ein kleines bisschen trotzig. Nur Adellinde und Kalkarib blickten durch das hohe Gras in Richtung Straße. Sieghelm hielt es für nicht notwendig und lag auf dem Rücken um, wie er es nannte ‚Die Rückseite im Auge zu behalten‘. „Noch nicht, nur das es viele sind“, antwortete Kalkarib im markanten Novadi-Akzent. Der Ritter wollte schon zu einem gehässigen Kommentar ansetzen, biss sich dann aber auf die Zunge und hielt sich zurück.

Es verstrich noch etwas Zeit. Die herannahende Gruppe, die offen auf der Reichsstraße von Firun nach Praios ging, war zu Fuß unterwegs und nahte sich nur langsam ihrer Position. „Das ist merkwürdig. Ich glaube, ich sehe da einen Tulamiden.“ Kalkaribs Worte ließen Sieghelm neugierig werden. „Einen Tulamiden? Beim heiligen Geron …“ Sieghelm konnte es kaum glauben. Hatte Galotta etwa sogar Tulamiden aus Aranien unter seinen Sold gestellt? Wenn dem so war, war es schlimmer als befürchtet. Diese gottlosen Südländer würden noch viel bösartiger marodieren als mittelländische Söldner. Nun wandte er sich doch um, drückte etwas das hohe Gras zur Seite und blickte ebenfalls über die Kuppe zur Reichsstraße. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sie hatten sich extra auf die Rahjaseite des Weges gelegt, um so die aufgehende Praiosscheibe um Rücken zu haben und somit einen taktischen Vorteil zu besitzen. Es schien so, als hätte der Wüstensohn tatsächlich Recht, auch Sieghelm erblickte dort einen Tulamiden – oder zumindest jemanden der wie einer gekleidet war. Er trug einen großen Turban und einen roten Kaftan. Sogar eines dieser, wie Sieghelm sie nannte, ‚kaputten‘ krummen Schwerter. „Du hast Recht, das ist wirklich ein Tulamide. Hmmm, wenn sich teile Araniens dem Heptarchenreich angeschlossen haben, dann steht der Feind nun auch im Süden vor den Toren des Kaiserreichs“, spekulierte er. „Zuzutrauen wäre es diesen Landesverrätern“, fügte er mit ernster Stimme hinzu. Da erhob Adellinde das Wort: „Herr Ritter, schaut euch die Leute hinter ihm mal genauer an.“ Ihre seidige Stimme entzückte ihn so sehr, dass er ihrem Wunsch sofort entsprach. Er drückte wieder etwas Gras zur Seite und blickte noch einmal über die Kuppe. „Ich sehe … sehe … heruntergekommene Marodeure, bei meiner Treu! Es sind sogar Kinder darunter! Diese gottlosen Tulamiden schrecken vor nichts zurück! Ich habe es immer gesagt, diese Landes …“ „Ser!“, unterbrach Adellinde den Ritter in seinem Fluch mit scharfer Stimme. „Das sind Überlebende aus Wehrheim!“  Ihre blauen Augen blickten den Ritter mit ernster Miene an. Sieghelm wurde von ihnen in den Bann gezogen und schaute zum dritten Mal durch das hohe Gras. „Hmmm … auch möglich“, gestand er ein. „Das kommt davon, wenn man ohne ordentliches Wappen über eine Reichsstraße in einem Kriegsgebiet reist. Wie soll man da als Heerführer Freund von Feind unterscheiden?“ Adellinde stieß nur ein wütendes Schnaufen aus, und ehe Kalkarib und Sieghelm reagieren konnten, war sie auch schon aufgesprungen und über die Kuppe gesprungen. Die beiden Männer versuchten noch nach ihr zu greifen, um sie daran zu hindern, doch die kleine Priesterin war einfach viel zu wendig und so griffen beide ins Leere. „Gut gemacht, Kalkarib“, spottete Sieghelm in ironischem Flüsterton, während er sich wieder fallen ließ. Dieser blickte mit großen Augen und absoluter Unverständnis zu Sieghelm. „Was kann ich denn jetzt dafür?“, protestierte er. „Sich hinter der Anhöhe zu verstecken war deine Idee, ich hatte gleich gesagt, dass wir auf der Reichstraße offen auf sie zugehen sollten.“ Der Novadi setzte zu einer Erklärung an, doch irgendwie war Sieghelms einfacher Logik nichts entgegen zu setzen, dass ihn hätte umstimmen können, und so ließ er es bleiben, schnaufte nur angestrengt und blickte wieder durch das Gras, um zu sehen, was die Priesterin vor hatte. „Wir müssen etwas unternehmen.“ sagte er dann noch, als er sah wie die große Reisegruppe anhielt, als Adellinde sie konfrontierte. 

„Peraine segne euch!“, rief die kleine Priesterin mit ihrer hellen Stimme der großen Gruppe entgegen und breitete einladend die Arme aus. Sie trug eine dunkelgrüne Kutte mit einer gelben Ährenstickerei auf der Brust und war ganz offensichtlich als Dienerin der gebenden Göttin zu erkennen. Der Mann, der wie ein Tulamide aussah und ganz vorne lief, war der erste der ihr entgegen schritt. „Salam’aleikum, die Gebende ist mit euch!“, antwortete er und machte eine mehr als nötige tiefe Verbeugung. „Ich bin Ysta Mandrakhor, bescheidener Diener der Heiligen Mutter“, stellte sich der Mann weiter vor. Er trug einen dunklen, grau melierten Spitzbart am Kinn der ihm bis zur Brust reichte, war von hagerer Gestalt und gekleidet in einem etwas abgewetzten roten Kaftan, der von einem mit silberbeschlägen verzierten Gürtel gehalten wurde. An dessen Seite in einer Halterung ein Säbel hing, der in einer ebenfalls mit Silber verzierten Scheide steckte. Adellinde erkannte, dass der Tulamide offenbar von höherem Stand sein mochte. Zudem hatte er einen leichten, kaum hörbaren Akzent, der so überzeugend war, dass er wohl wirklich aus Aranien stammen mochte. Von seinem offensichtlichen Aussehen ganz zu schweigen. „Ich bin der Karawanenführer einer Gruppe aus Waisen und Versehrten aus Wehrheim. Wir sind auf der Reise nach Gareth, um dort Schutz zu suchen. Und mit wem habe ich die Ehre?“ Der Mann, der sich als Ysta vorstellte, lächelte breit. Adellinde blickte kurz unwillkürlich herüber zur Anhöhe, sie hatte vergeblich gehofft, dass ihr die beiden Männer hinterher eilen würden. Ihr Gegenüber bemerkte ihren Seitenblick zur Anhöhe und ließ ebenfalls für einen kurzen Moment seine Augen darauf ruhen, ohne auch nur eine einzige Miene zu verziehen. Für die junge Adellinde wäre es schwer gewesen zu schätzen, wie alt der Tulamide war, sie hatte mit Südländern keine Erfahrung. Seine bronzefarbene Haut schien makellos sein, doch sein langer Bart und sein Stand ließ sie vermuten, dass er zwischen 40 und 50 Götterläufe alt war. „Ich heiße Adellinde, ich reise …“ sie stockte wieder kurz. Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie die Situation jetzt erklären sollte. Einerseits wollte sie die beiden nicht in die Pfanne hauen, andererseits, war sie als Priesterin der Wahrheit verpflichtet. „ … nicht alleine. Meine Gefährten befinden sich in der Nähe und werden auch gleich hier sein.“ Den letzten Satz sprach sie absichtlich lauter und langsamer aus als eigentlich nötig, damit Sieghelm und Kalkarib sie auch sicher hören konnten. Sie war sich nicht mehr ganz so sicher, dass sie außer Gefahr war, die angeblichen Waisenkinder und Versehrten sahen zwar wirklich wie Waisen und Versehrte aus, aber sie hatte auch allerhand über die mächtige Illusionsmagie der Tulamiden gehört – die ihr eben erst wieder einfiel. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass ihr Mut mal wieder größer war, als ihre Vernunft. „Es freut mich sehr, euch kennen zu lernen, euer Gnaden. Ich reise jedoch nicht alleine, wäre es doch viel zu gefährlich zu dieser Zeit und in diesen Landen.“ Als der Tulamide erwähnte, dass er nicht alleine reiste, suchten Adellinde blaue Augen zwischen den Reihen der  vermeidlichen Flüchtlingen nach möglichen Bewaffneten ab. Einige der Kinder drängten sich jedoch nach vorne, als wollten sie näher kommen. Sie konnte sogar hier und dort die Stile von Waffen und das Aufblitzen von Klingen sehen. Ganz vorsichtig, ließ sie ihre Hand zu ihrem Messer gleiten, dass an ihrem Seilgürtel befestigt war.

Da war plötzlich das Gestampfe von Pferden zu hören. Ysta unterbrach sich und blickte zu der Anhöhe. Auch Adellinde fuhr herum und sah den Ritter, zusammen mit dem Novadi anmutig und gleichwohl bedrohlich über die Kuppe heranreiten. Ihre Waffen steckten noch in ihren Scheiden, aber das Toben der Pferde beeindruckte sie alle. Sie machten erst halt, als die beide links und rechts neben der Geweihten waren. Adellinde zuckte kurz zusammen, da sie befürchtete, zwischen den Muskelbergen zerquetscht zu werden, doch anscheinend wussten die beiden Reiter genau, was sie taten. Da donnerte auch schon Sieghelms mächtige Stimme über die Reichsstraße: „Ich bin Reichsritter Sieghelm Gilborn von Sprichbrecher, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Wächter von Custoris, dem Bihänder der himmlischen Leuin.“ Adellinde wusste nicht genau weshalb, aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich jetzt wo die beiden Männer da waren, wesentlich sicherer als zuvor. Der Tulamide legte erneut seine rechte Hand auf die Brust und deutete wieder eine Verbeugung an. Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als er von hinten, ja fast schon zur Seite geschubst wurde. Eines der Kinder, nein, ein Zwerg drängelte ihn zur Seite. „Ka baskan draxin! Garoschem Sieghelm!“, tönte die tiefe raue und alte Stimme des Zwergs, die Sieghelm nur sehr bekannt vorkam. „Eure bergkönigliche Hoheit!“, platze es aus Sieghelm heraus, der sofort vom Pferd sprang und dem Zwerg entgegen ging. Der Hochkönig der Zwerge trug kaum Rüstung, und die, die er trug, war dreckig und zerfetzt, selbst das Kettenhemd, das er trug, war kaum zu erkennen. Seinen weißen Bart, der ein Großteil seines Gesichts verdeckte, hatte er sich unter das Kettenhemd gestopft. Erst jetzt sahen die drei, dass noch mehr Zwerge unter den Waisen und Versehrten waren. Sie alle waren kaum zu erkennen und verbargen ihre Bärte und Waffen. Der Ordensmeister begrüßte lachend den Zwerg, als wären sie alte Bekannte, was Adellinde irritiert und bewundernd beobachtete. Sie tauschten ein paar Höflichkeiten aus und kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, währenddessen trat Ysta etwas in den Hintergrund. „Wenn ich es nicht besser wüsste, eure Bergkönigliche Hoheit, dann könnte man denken, ihr würdet euch vor dem Feind verstecken.“ Sieghelm deutet auf den versteckten Bart. „Ach das, wir wollten dem Rogelo dabei helfen, die Waisen nach Gareth zu bringen.“ Er deutete dabei zu dem Tulamiden. Sieghelm verstand ihn, denn er konnte Rogolan, die Sprache der Angroschim, und musste daher etwas grinsen. „Da hab ich mir gedacht, wir könnten doch die Waisengruppe nutzen, ein paar Dorkkaschos anzulocken, um ihnen unsere Hämmer und Äxte vorzustellen. Kein Söldner wäre nämlich drachisch genug, eine Gruppe voll gerüsteter Angroschim anzugreifen. Also haben wir uns unter sie gemischt, damit es so aussieht, als wäre diese Reisegruppe Broxa-Beute. Ha!“ Die buschigen silbernen Brauen des Zwergenkönigs hüpften bei der Schilderung seines Plans freudig auf und ab. Währenddessen versuchte Kalkarib zwischen den Flüchtlingen von seiner erhöhten Position aus die Zwerge unter ihnen zu zählen, er kam auf acht, und das waren nur die, die er erkannte. Ansonsten waren da noch acht weitere Handvoll Flüchtlinge. „Das klingt nach einem guten Plan, eure Hoheit.“ „Ach nenn mich doch Albrax, Junge!“, konterte der Zwerg sofort und klopfte Sieghelm gegen den Unterarm, denn höher kam er nicht. „Doch noch hatte es noch kein Söldner gewagt uns anzugreifen“, fügte er noch mit enttäuschter Stimme an und stieß dabei lustlos einen Kieselstein über die Reichstraße. „Wenn ich mich einmischen darf, eure Hoheit.“ Es war Kalkarib, der plötzlich das Wort ergriff, da er einen Geistesblitz hatte. „Ich habe da einen Vorschlag, von dem wir alle profitieren könnten.“ Albrax und Sieghelm sahen zu Kalkarib hoch. Albrax Gesicht erhellte sich sofort bei dem vielversprechenden Vorschlag, so dass man das erste Mal seine blauen Augen richtig sehen konnte und auch Sieghelm wurde sofort klar, welchen Plan Kalkarib im Sinn hatte.

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Am späten Abend
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Im rötlich-goldenen Schein der untergehenden Praiosscheibe stach Sieghelm den Spaten erschöpft in die Erde neben der Ruine des ehemaligen Peraine-Tempels. Er war zusammen mit Kalkarib, nachdem die Perainepriesterin von Sieghelms Niederschlag erwacht war, nach Perz zurückgekehrt, um die ganzen Leichen aus der Tempelruine ordentlich beizusetzen. Die junge Priesterin, die sich als Meisterin der Ernte Adellinde vorstellte, beteuerte, ihn und Kalkarib für die brandschatzenden Söldner gehalten zu halten, die erst vor kurzem ihren Tempel geschändet hatten. Sie erklärte, dass es vor allem an Kalkaribs Dialekt lag. Sieghelm konnte sich eine Spitze an seinen Gefährten an dieser Stelle natürlich nicht verkneifen. Sie war, als der Weltenbrand über Wehrheim kam und der endlose Heerwurm nach Wehrheim zog, gerade in den Wäldern nach dringenden Heilkräutern für eine Schwangere Dorfbewohnerin suchen, als es passierte. In der Eile, als sie aus der Entfernung die fliegende Festung sah, war sie im Wald gegen einen Ast gerannt und besinnungslos zu Boden gegangen. Erst als die Söldner Perz schon niedergebrannt und den Tempel geschändet hatten, war sie erwacht und zurückgekehrt. Sie hatte in den Häusern nach Überlebenden gesucht, und dabei war ihr aufgefallen, dass noch immer unheimliche Gesellen, Söldner Galottas und Marodeure umherliefen. Sie wollte mit der grünen Kutte nicht so auffallen und hatte sich schnell eine Graue, die sie in den Ruinen fand, übergeworfen. Sie war zum Tempel zurückgekehrt, doch hat sie schon von weitem dort die Ghule gesehen und sich davon fern gehalten. In der Böschung des Baches suchte sie dann Donf und Einbeeren, um damit eventuellen Überlebenden helfen zu können. Sieghelm und Kalkarib glaubten ihr und erst nachdem sie ihr mehrmals versicherten, dass die Ghule an der Tempelruine tot waren, kehrte sie bereitwillig mit ihnen dorthin zurück. Sie war es auch, die darauf bestand, die Toten beizusetzen. Kalkarib machte sich gar nicht mehr die Mühe nach Sieghelms eigentlicher Quest zu fragen, ihm war klar, dass dieser erst hier helfen und abschließen musste, bevor er weiter gehen konnte. 

Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

„Puuh, das waren alle.“ Sieghelm schnaufte und stützte sich auf den Spatenstiel. Er hatte Teile seiner Rüstung abgelegt, um besser graben zu können. Seine Kettenteile hatte er aufgrund der unsicheren Gebiete jedoch an gelassen. Man wusste nie, wer noch so vorbei kam. Kalkarib verfluchte bei jedem dritten Spatenstich den harten und torfigen Boden der Mittellande. Er war aus seiner Heimat Mhanadistan viel lockeren und weicheren Boden gewohnt. „Warum beim Alleinen kommt ausgerechnet ihr, wo eurer Boden so hart wie Stein ist, auf die Idee, eure Toten einbuddeln zu wollen?“, fragte er die zierliche Priesterin, die ordentlich mit anpackte, ernsthaft, worauf diese nicht so recht wusste, was sie antworten sollte. Die drei bestatteten nicht nur die Überreste der Leichname aus dem Tempel, sondern auch die zwei Gehängten von der Taverne, die Sieghelm bei seiner Ankunft in Perz abgenommen hatte. Am Ende, während des Praiosuntergangs, segnete Adellinde den Boden in dem alle beigesetzt wurden. 

„Was habt ihr nun vor?“, erkundigte sich Sieghelm, nach der Weihung, bei der jungen und kleinen Priesterin. Ihm war erst beim Gräber ausheben, als sie einmal nebeneinander standen,aufgefallen, wie klein sie eigentlich war, denn ihr Scheitel reichte ihm gerade mal bis zur Schulter. Inzwischen hatte sie die graue Kutte abgelegt und ihr praiosblondes, nach hinten zu einem Zopf gebundenes Haar kam zum Vorschein. Es glänzte im Lichte Praios und ließ ihre makellose Haut wie Porzellan wirken. Ihre dunkelblauen Augen waren im Verhältnis zu ihrem ansonsten kleinen Gesicht riesig, trotzdem ergab wie eine wunderschöne Gesamterscheinung. In Sieghelm weckten sie mehr als üblich den Beschützerinstinkt. „Ich weiß es nicht, mein Tempel ist zerstört, alle die ich kannte und für die ich da war, sind tot. Mich hält hier nichts mehr“, erklärte sie in einem fast schon beängstigend nüchternen Ton. „Unter normalen Umständen wäre es meine ritterliche Pflicht, euch bis zu einem sicheren Ort gen Praios zu begleiten, euer Gnaden“, begann Sieghelm mit pflichtbewusster aber dennoch entschuldigender Stimme. „Doch eine höchst persönliche Quest führt mich genau in eine andere Richtung. Ich muss in den Nabel der Zerstörung, gen Wehrheim, oder was davon übrig ist.“ Die Priesterin sah mit ihren dunkelbauen Augen direkt zu ihm. Als dieser seine persönliche Quest erwähnte, machten sich Neugier und Hoffnung in ihrem liebreizenden Gesicht breit. „Was ist das für eine persönliche Quest, die euch nach Firun führt, Herr Ritter?“ Für einen kurzen Moment wollte Sieghelm protestieren, welche Dreistigkeit sie besaß, danach zu fragen. Doch sie war eine Dienerin der Zwölfe und noch dazu eine überaus hübsche. Er konnte ihre Frage also nicht unbeantwortet lassen. „Mein Vater, Baron Parzalon führte ein Regiment in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld an. Es heißt, er sei seit dem Magnum Opus nicht mehr gesehen und es ist meine praios- und traviagefällige Pflicht als sein Sohn nach ihm zu suchen und ihn zu finden, Euer Gnaden.“ Die junge Priesterin legte einen Zeigefinger an ihr Kinn, als würde sie das brauchen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie schaute zum Tempel, ließ den Blick über das frische Gräberfeld schweifen und blickte Sieghelm dann mit entschlossenem Blick an. „Dann werde ich euch auf eurer Quest begleiten und beistehen, Herr Ritter.“ Sieghelm fiel die Kinnlade herunter, als die zierliche Priesterin diesen Satz mit befehlsgewohnter Stimmlage aussprach. „Euer Gnaden, aber …“, setzte Sieghelm an und baute sich etwas vor ihr auf. Ihr Gesicht war dabei auf der Höhe von Sieghelms Brust. Sie hob nur erneut den Zeigefinger, doch dieses Mal ließ sie ihn knapp vor Sieghelms Gesicht ruhen. „Kein Aber, Ser Sieghelm. Ich kann reiten und ihr werdet außerdem jemanden benötigen, der eure Wunden pflegt, wenn ihr in den, wie ihr es nanntet ‚Nabel der Zerstörung‘, reitet. Und zudem könnt ihr so auch gleich eurer Ritterpflicht nachkommen und auf mich aufpassen.“ Der Reichsritter blinzelte und sah dann hilfesuchend zu Kalkarib, der sich wieder seinen Schal über die Nase gezogen hatte. Sieghelm glaubte unter dem Schal ein breites Grinsen erkennen zu können. „Doch für heute haben wir genug gearbeitet, die Gebende wird uns eine ruhige und erholsame Nacht schenken.“ Mit diesen Worten machte Adellinde auf den Hacken kehrt und ging zu ihrem Bündel herüber, wo sich eine Schlafrolle befand, die sie aus dem Tempel geholt hatte. Sieghelm konnte nicht anders, als der zierlichen Frau hinterher zu schauen. Inzwischen trat der Novadi an seine Seite und stellte sich Schulter an Schulter mit ihm auf. Sie sahen der kleinen Frau dabei zu, wie sie emsig das Nachtlager für sie herrichtete.

„Bei Rastullah, ich habe bisher nur ein einziges Mal ein solches Feuer in einer Frau gesehen. Sie ist nicht nur mit der Schönheit der Nacht vom Alleinen, sondern auch mit Mut und Entschlossenheit gesegnet. Ich mag sie.“ Sieghelm brauchte einen Moment, um aus seiner Starre zu erwachen. Hatte die junge Priesterin ihm etwa gerade einen Befehl erteilt? IHM? Dem Ordensmeister und Reichsritter! Doch aus einem für Sieghelm unbekannten Grund konnte er ihr nicht widersprechen! Sie hatte alles verloren, und zeigte im Angesicht dieses Verlusts so viel Mut, dass er sie bewunderte. „Du hältst die erste Wache“, befahl Sieghelm knurrend zu Kalkarib, der unter seinem Schal noch immer bis über beide Ohren grinste.

„Euer Gnaden, da ihr uns morgen begleiten werdet, solltet ihr aber vorher noch einiges wissen“, hörte der Wüstensohn Sieghelm sagen, bevor er sich zu ihr gesellte und beim Lageraufbau half. Den Abend verbrachten Kalkarib und Pagol zusammen, die etwas abseits des Lagers Wache hielten. Der Novadi wollte den beiden ihre Privatsphäre lassen. Er hörte sie lange miteinander reden. Anscheinend hielt es Sieghelm für notwendig, die Priesterin umfassend über den Orden und die Ereignisse der letzten Tage aufzuklären. Währenddessen holte Kalkarib seinen Teppich, um sein Abendgebet zu Rastullah zu halten. Zum Glück war da ja noch der Leutnant, der für den kurzen Moment die Wache übernehmen konnte.

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Teil I – Vorboten (3)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Nachmittags
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Der Bogenschütze am Eingang des Peraine-Tempels ließ den Bogen sinken und erst jetzt erkannte Sieghelm ihn. In dem kehligen und auf den Konsonanten betonenden Akzent eines Novadis antwortete Kalkarib al’Hashinnah dem Krieger: „Bitte, gern geschehen.“ „Spar dir das, auch wenn es für dich anders aussehen mochte, so hatte ich alles unter Kontrolle“, wiederholte Sieghelm in seinem Stolz verletzt und zog Custoris aus den Brustkorb des Ghuls, indem er seinen Stiefel auf ihm absetzte und kräftig zog. Sofort ging er zu Pagol herüber, der sich inzwischen aufrappelte, sich kräftig schüttelte und ein paar Schritte benommen auf Sieghelm zutaumelte. Im Flüsterton fragte Sieghelm ihn, ob es ihm gut gehe. Pagol nieste nur, schmiegte sich dann an seines Herrchens Bein. „Ich wusste gar nicht, dass du mit einem Bogen umgehen kannst“, begann der Reichsritter im Plauderton, während er seinen Helm abnahm und die Kratzer darin begutachtete.

Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Kalkarib, der erst jetzt die ganze Szenerie wirklich überblickte, rümpfte angewidert die Nase, da die ganzen Leichen und das viele Blut auch ihn schockierten. Er zog sein Halstuch über sein Gesicht, denn der faulige Gestank ließ ihn bleich werden. „Bei Rastullah, was für ein Gestank – das ist ja schlimmer als in euren Niederhöllen. Was ist hier geschehen?“ Sieghelm belegte den Novadi mit dem Blick eines Veteranen, der einen Rekruten ansah, der keine Ahnung von den Schrecken des Krieges hatte. „Das, mein geschätzter Wüstensohn, ist der faulige Geruch des Todes, der über das ganze Land gekommen wäre, wenn das Kaiserreich nicht zusammen gegen den endlosen Heerwurm gestanden hätte.“ Sieghelm spöttische Spitze überhörte Kalkarib, der anscheinend noch zu geschockt von dem Anblick war. Der Reichsritter untersuchte den Leichenhaufen auf dem Altar. Er wollte wissen, ob auch ein Perainepriester dabei war. Ganz vorsichtig stellte der Novadi einen Fuß vor den anderen, als er den ehemaligen Tempel betrat. Auch er hatte zwar schon viel mitgemacht, doch die Menge an Gräueltaten, die hier begangen wurden, ließen ihm die Haare zu Berge stehen und noch fester daran glauben, dass nur der allmächtige Rastullah ihnen allen helfen konnte. „Kein Priester.“ stellte er fest. „Das sind die Dorfbewohner von Perz … die Söldner müssen sie hier aufgestapelt und den Tempel geschändet und angesteckt haben“, erläuterte er weiter, während er seine Untersuchung einstellte und sich dann wie beiläufig das Blut von der Rüstung wischte. „Doch wo ist der Priester hin … er oder sie hätte das Gebäude mit seinem Leben verteidigt.“ Kalkarib hörte Sieghelms Worte, doch konnte er seine Gedanken nicht nachvollziehen. Für ihn war kein Gebäude oder Zelt wertvoll genug, dass es sich lohnte dafür zu sterben. Auch nach Jahren unter den Ungläubigen, verstand er ihre tiefe Verbundenheit zu Objekten oder Orten noch immer nicht vollständig. „Willst du nach dem Priester suchen?“ Seine Worte wurden von dem Schal vor seinem Mund abgedämpft. „Er könnte überall sein. Vielleicht geflohen – verschleppt oder in einem der Häuser dort hinten verbrannt. Was ist mit der Suche nach deinem Vater?“ Während Kalkarib Sieghelms Idee anzweifelte, durchwühlte dieser die Schränke und Truhen. Kalkarib wusste nicht, was er davon halten sollte. Für ihn wäre es normal gewesen, hier nach etwas Brauchbaren zu suchen, doch von den Ungläubigen verstand er inzwischen so viel, dass es als Frevel galt, Tempeleigentum zu stehlen. „Was tust du da, ist das nicht Tempeldiebstahl in euren Augen? … Hörst du mir überhaupt zu?“ Sieghelm kramte in einer leicht verkohlten Truhe und zog plötzlich eine grünliche Scherpe heraus und kommentierte diese mit einem triumphierenden „Aha!“ Er vollführte damit eine bedeutungsschwangere Geste in der Luft, die so viel aussagte wie: Damit schaffen wir es. „Du und ich werden nicht nach dem Priester suchen, keiner von uns hat die Fähigkeiten dazu – aber der Leutnant hier hat ein sehr feines Näschen, das ihn uns finden lässt, wo immer er sich aufhält.“ Er hielt die grüne Scherpe unter Pagols schwarze Nase, der sich inzwischen gefangen hatte und wieder an Sieghelms Seite saß. Pagol schnüffelte daran und Sieghelm sagte: „Such, Leutnant – Such den Priester.“ Zuerst geschah nichts, als müsste der Dachshund erst einen inneren Mechanismus aktivieren, bevor es losgehen konnte. Er schüttelte sich einmal, schnüffelte, sah sich um und sauste dann blitzartig über die Scherpe springend und durch die Beine des Wüstensohns flitzend los. Der Akademiekrieger eilte hinterher und auch Kalkarib nahm die Beine in die Hand. Er war außerdem froh, diesen stinken Ort hinter sich zu lassen.

Pagol wetzte über die Felder in Richtung eines bewachsenen Bachs. Sieghelm und Kalkarib hatten Mühe hinterher zu kommen. Unterwegs fiel Sieghelm etwas ein, wonach er sich sofort erkundigen musste. „Was machst du eigentlich hier, hatten wir nicht vereinbart, dass du weiter im Rahja über die Feldwege gehst und nach versprengten Truppen suchst und wir uns erst vor Wehrheim wiedertreffen?“ Der schnelle Gang schien Sieghelm auch trotz der schweren Rüstung nichts auszumachen. „Ganau das tat ich“, antwortete Kalkarib mit starkem Novadi-Akzent. „Ich stieß jedoch auf eine Gruppe Söldner, die zu viele waren, um sie zu umgehen. Ich musste zur Straße zurückkehren, da sie mich sonst entdeckt hätten.“ „Söldner sagst du?“, platzte es aus dem Ritter heraus. Der Tonfall den die Frage hatte, gefiel Kalkarib nicht. „Ich habe sie beobachtet, es sind über drei Hand voll, das sind zu viele für uns.“ Der Novadi wollte Sieghelm keinesfalls auf die Idee bringen sie anzugreifen. Er wusste, dass es für den Krieger eine Verbindung zwischen der geschändeten Kirche und den Söldnern gab.

Der Leutnant führte die zwei an einen Bach mit breit bewucherter Uferböschung. Er gab Laut und die beiden Männer gingen sofort zu der Stelle zwischen den Büschen. Sie beide befürchteten das schlimmste. Der Priester hatte sich wohl bis hierher gerettet und wurde dann entweder von den Söldner gestellt, oder er war verletzt und konnte sich bis hierher schleppen und war dann hier verendet. Kalkarib und Sieghelm wühlten beide vorsichtig in den Büschen und durchsuchten die Uferböschung mit ihren Schwertern. „Siehst du was?“ rief Sieghelm, der sich von Kalkarib etwas entfernt hatte, um einen größeren Bereich absuchen zu können. „Nein,“ antwortete dieser nur knapp. „Vielleicht ist er den Bachlauf gefolgt, dann verliert sich hier die Spur für Pagol“, dachte Sieghelm laut und gab die Suche vorerst auf. Er sah zu Kalkarib herüber, der mit seinem Khunchomer die Büsche zur Seite drückte. Plötzlich erblickte Sieghelm eine Gestalt aus den Hecken hinter Kalkarib hervorgucken und sich sprungbereit machen, er glaubte auch das Aufblitzen einer Klinge zu sehen und rief sofort: „Kalkarib, HINTER DIR!“ Doch Sieghelms laute Warnung kam zu spät und eine dunkle Gestalt sprang Kalkarib von hinten an und riss ihn in die Büsche nieder, so dass Sieghelm beide nicht mehr sehen konnte. „Bei Rondra!“, fluchte er und rannte sofort zu Kalkarib herüber. Er hörte wie Äste knackten und das Buschwerk raschelte. Die beiden kämpften miteinander und Pagol, der aufgrund des dichten Buschwerks nicht näher herankam, bellte laut auf.

Als Sieghelm bei den beiden ankam, saß eine dünne Gestalt in einer alten grauen und zerfetzten Robe auf Kalkarib, der versuchte nach seinem Khunchomer zu fingern, den er beim Angriff verloren hatte. In der Hand des Angreifers war tatsächlich ein kurzes Messer. Doch Kalkarib hielt die Messerbewehrte Hand am Gelenk fest und hielt die todbringenen Klinge somit von sich fern. Sieghelm schlug beherzt mit dem Knauf von Custoris auf den Hinterkopf des Angreifers. Sofort fiel er schlapp neben den Novadi, der daraufhin sofort seinen Khunchomer packte und sich außer Atem und mit Kratzern im Gesicht aufrappelte. Er fluchte in seiner für Sieghelm unverständlichen eigenen Sprache. „Geht es dir gut?“, erkundigte sich Sieghelm ehrlich besorgt um den Mann von Delia. Er hätte nicht gewusst, wie er seinen Tod an dieser Stelle seiner Frau hätte erklären können. Kalkarib fluchte noch immer vor sich hin, doch mittendrin wechselte er dann ins Garethi um Sieghelm zu antworten: „Ich hatte alles unter Kontrolle.“ Sieghelm flog ein Grinsen über die Lippen. Er musste an die Szene in der Tempelruine denken und bemerkte erst jetzt, wie absurd seine Aussage von vorhin war. Und da auch Kalkarib es gerade ernst zu meinen schien, überkam dem Reichritter ein Bedürfnis. „Kalkarib?“ „Was?“, fauchte dieser nur und trat prüfend mit der Fußspitze gegen seinen am Boden liegenden Angreifer. „Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Du hast mir in der Not geholfen und dafür danke ich dir.“ Der Novadi, der wirklich mit vielen, aber beim besten Willen nicht damit und schon gar nicht in dieser Situation gerechnet hatte, blinzelte Sieghelm nun verwirrt an. „Ich hatte wirklich alles …“, begann er mit Stolz verletzten Tonfall, sah dann aber Sieghelm ernstes Lächeln auf den Lippen und brach mittendrin ab und schloss mit einem gehauchten: „ … Danke.“  Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden stolzen Männer, und beide mussten ob ihrer Situation grinsen.

„Dann lass uns mal nachsehen mit wem wir es hier zu tun haben.“ Sieghelm kniete sich nieder und zog die graue Kapuze vom Gesicht des Angreifers. Zum Vorschein kam, zur Überraschung der beiden Krieger, das schlanke und zierliches Gesicht einer jungen Frau. „Bei meiner Treu!“, platze es aus Sieghelm hervor und er zog schreckartig die Hand zurück. Auch Kalkarib sagte etwas, doch er verstand es nicht. „Es ist ein Weib“, bemerkte der Novadi dann in Garethi, der davon mehr überrascht schien als der Mittelländer. Für einen kurzen Moment warf Sieghelm seinem Begleiter einen missbilligenden Blick zu. Es fiel dem Novadi noch immer schwer zu akzeptieren, dass im Kaiserreich die Frau dem Mann gleichgestellt war. „Sieh nur …“, sagte er dann, als er die Frau weiter untersuchte. Er fingerte unter der grauen Kutte etwas grünen Stoff hervor und am Hals fand er ein silbernes Amulett das eine Ähre zeigte. Kalkarib steckte den Khunchomer weg und sprach dann flapsig: „Gut gemacht Sieghelm, du hast eine Priesterin deiner Götter niedergeschlagen.“

Teil I – Vorboten (3)

Teil I – Vorboten (2)

Perz – 15. Peraine, 35 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

„Ihr Bestien!“, knurrte der Reichsritter, als er einen beherzten Schritt nach vorne tat. Seine panzerfaustbewehrten Hände umschlossen bei jedem Schritt, den er tat, sein Schwert Custoris noch fester. Die Bestien – wie Sieghelm sie nannte – waren abscheuliche graugrünhäutige und krallenbewehrte Wesen des Namenlosen, auch bekannt unter der Bezeichnung Ghule. Überall dort, wo der Krieg vorübergezogen war und Elend und Tod hinterlassen hatte, und kein Boronpriester schnell genug die Leichen unter die Erde bringen und segnen konnte, war es wahrscheinlich, dass vom Geruch des Todes angelockt, Ghule Einkehr fanden, um sich am verrottenden Fleisch der jüngst Verstorbenen zu laben. Davor waren leider auch einstmalige göttliche Orte nicht gefeit. Der Tempel schien ohnehin entweiht, doch Sieghelm verlor keinen Gedanken daran, was wohl geschehen sein mag, dass dieser Boden nunmehr nicht mehr heilig war. Fünf Ghule drehten sich fauchend und gallespritzend zum Krieger um, der sie gerade bei einem Festmahl gestörte hatte. Auf dem ehemaligen Altar der Göttin Peraine lag ein Berg aus blutigen und zerfetzten Leichen, an denen sich die namenlosen Wesenheiten bereits mehr als gütig getan hatten. Mit blutbeleckten Mäulern und scharfen Krallen stürzten die Ghule allesamt auf Sieghelm zu.

Den ersten und schnellsten von Ihnen empfing Custoris‘ Schwäche, die letzten zehn Doppelfinger der gewellten Klinge schnitten quer über die Brust der hageren Gestalt und schleuderten sie gegen einen hölzernen Tisch an der Seite des Tempelschiffs. Die darauf stehenden Tonkrüge zerplatzten, als der Körper des Ghuls auf ihm aufschlug und zahlreiche Flüssigkeiten in alle Richtungen stoben. Sieghelms Hände nutzen den Schwung des Schwertes aus und ließen es in den Oberhau übergehen. Er brauchte nicht mehr vorwärts zu gehen, denn die Ghule kamen von ganz alleine auf ihn zu. Zwei von ihnen sprangen ihn mit gelblich glühenden Augen an. Der Reichsritter zog sein rechtes Bein über den Boden hinter sein linkes und brachte sich so aus der Sprungrichtung beider Ghule. Ruckartig zog Sieghelm dann Custoris herab und ließ die Klinge mit Wucht von der Stirn bis zum Unterkiefer des heranspringenden Ghuls fahren. Mit einem Knacken des Schädels erloschen die gelblichen Augen der Unwesenheit sofort, der zweite sprang dank Sieghelms Ausweichbewegung ins Leere. Der vierte Ghul, er hatte inzwischen einen dicken Bauch, da er sich an den Leichen auf dem Altar mehr als satt gefressen hatte, erreichte Sieghelms linke Seite. Seine Krallenhände Kratzten über seine Schulterplatte sowie den Unterarmplattierungen und verursachten dabei widerlich schrille Geräusche, als sie versuchten, sich an Sieghelm festzuhalten. „Rondra, führe meine Klinge!“, rief er im betenden Tonfall, als der fette Ghul versuchte seine blutbeleckten Zähne in eine empfindliche Stelle zwischen den Plattenteilen zu treiben. Sieghelm ließ mit seiner linken Hand den Griff des Schwerts los, so dass nur noch Daumen und Zeigefinger es umklammerten. Mit der Rechten packte er umso stärker zu. Auf diese Weise klappte die lange gewellte Klinge des Schwerts bis zu Sieghelms linken Oberarm herab. Nun drückte er Custoris, den Oberarm als Führung nutzend, über seinen Arm hinweg in Richtung des graugrünen Halses des Ghuls. „Sei’s in Licht wie in … DUNKELHEIT“, setzte er die Litanei fort. Das letzte Wort spie er förmlich aus, als er mit aller Kraft die gesamte Klinge, von der Schwäche bis zur Stärke durch den fleischlichen Hals des Ghuls zog und ihn dabei den Kopf vom Körper trennte, wie ein scharfes Messer, dass einen Kanten von einem Laib Brot schnitt. Der Kopf des namenlosen Wesens flog flutschend und Blut verspritzend quer durch den ehemaligen Altarraum und der Rest des Körpers fiel von Sieghelm herab. Doch es blieb ihm keine Zeit, der Ghul, der an ihm vorbei gesprungen war, hatte sich inzwischen neu positioniert und kam in geduckter Haltung auf ihn zu. Und dann war da noch ein weiterer, sich mehr als satt gefressener Ghul, der sich von der anderen Seite ebenfalls sprungbereit machte. Sieghelm war also von beiden Seiten flankiert und stand mit dem Rücken zu Wand. Die Reichweite seines Schwerts brachte ihm nun keinen Vorteil mehr, er war gezwungen mit den Ghulen in den Nahkampf zu gehen. „Rondra, führe meine Klinge.“ Begann er erneut den Refrain des Gebets, als er Custoris mit der linken Panzerfaust in die Fehlschärfe griff, um es als Halbschwert zu führen. Da hörte er plötzlich ein helles Bellen. Der tapfere Leutnant biss beherzt in den linken Fuß des fetten Ghuls und lenkte ihn damit entscheidend ab. Tapferer Pagol! Ich muss den Überraschungsmoment nutzen, dachte sich Sieghelm und wandte sich dem anderen Ghul zu. Dieser schlug, da er inzwischen recht nah war, erbarmungslos mit beiden Krallenhänden zu. Wieder kratzten die klingenartigen Fingernägel über verschiedene Plattenteile an Sieghelms Unter- und Oberarmen. Wäre er nicht so gut gerüstet, wären seine Arme nun hoffnungslos aufgeschlitzt gewesen. Mit der Schwäche von Custoris schlug er erst nach dem Ghul und setzte dann zu einem Stich an. Dem Schlag wich die unheilige Bestie gekonnt aus, doch den Stich hatte es den Göttern sei Dank nicht kommen sehen. Die Klinge fuhr tief durch die graugrüne Brust und trennte Muskeln und Knochen. Der Ghul war noch nicht besiegt. Erneut schlugen seine Krallenhände zu, doch die Schläge waren ungezielt und wirkungslos, da sie nur über Sieghelms Brust- und Schulterpanzer kratzten. Der Krieger nutze die Verletzung des Ghuls zu seinem Vorteil, erneut rezitierte er den Refrain „Sei’s in Licht wie in Dunkelheit“. Er griff das Schwert um und schlug kräftig mit dem schmalen Parier in das Gesicht des Ghuls. Die Parierstange bohrte sich dabei in das gelblich glühende Auge und versank flutschend darin. Der Ghul war sofort tot und Sieghelm musste den Leichnam der Kreatur von seinem Schwert schüttelt wie jemand, der Dreck von seinem Schwert schüttelt musste.

Erneut hörte er ein verbissenes Knurren, gefolgt von einem kurzem aufheulen. Der fette Ghule schlug nach Pagol! Die Krallen rutschten über dessen lederne Rüstung und schleuderten ihn gegen den Altar. Es schlug dumpf, als Pagol direkt vor dem Altar der Herrin liegen blieb. „PAGOL!“, rief Sieghelm mit der Sorge eines Vaters, der mit ansehen musste, wie sein Sohn von Fremden geschlagen wurde. Der Ghul war nun zwischen ihm und dem Leutnant, und erschien nicht minder furchterregend. „Das wirst du büßen, unheilige Kreatur!“ Sieghelm griff Custoris nun wieder mit beiden Händen und brachte die Spitze der Klinge zwischen sich und den Ghul.

Gepackt von Wut und Entschlossenheit, ließ Sieghelm eine Abfolge von kontrollierten Schlägen aus verschiedenen Richtungen auf den Ghul niederregnen. Er machte dabei zwei Schritte nach vorne, doch der Ghul wich jedem Hieb geschmeidig wie eine Natter aus. Nur einmal kratzte die Klinge etwas über seine Unterarm. „Leuengleiche, Ehrengleiche, …“, setzte Sieghelm dann das Gebet fort. Mit einem weiteren Schritt nach vorne, ließ er wieder mehrere Schläge auf den Ghul los, doch erneut wich er jedem aus. „ … donnernd Schutz und feste Wehr.“ Sieghelm setzte zu einer Finte an, anscheinend war diesem Ghul wohl nicht anders beizukommen. Er täuschte einen Schlag auf die linke Schulter an, drehte dann aber das Schwert so, dass der Hieb von rechts auf den Körper ging. Die Finte hatte der Ghul nicht kommen sehen und so verursachte Sieghelm einen langen Schnitt über den Bauch des Ghuls, der daraufhin sofort aufplatzte und nach Verwesung riechende, blutige Fleischklumpen quollen heraus. Sieghelm hatte den fetten Wamst getroffen, ihm wurde sofort klar, was dort aus der Kreatur heraus fiel, waren halb verdaute Körperteile der Dorfbewohner. Ihm stockte der Atem, und sofort wurde ihm speiübel. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten auf den Kopf und den Rücken, als würde etwas auf ihn fallen. Sofort sah er Krallenhände, die versuchten, sich durch die Schlitze in seinem Helm einen Weg ins Innere zu bahnen. Einer der Ghule musste überlebt haben oder hatte sich versteckt, er hatte Sieghelm von hinten angesprungen und befand sich nun in einer für den Reichsritter sehr gefährlichen Position. Von Panik ergriffen schlug Sieghelm nach sich selbst, oder vielmehr, nach dem Wesen, das auf seinem Rücken kauerte. Er hörte das Fauchen des Ghuls und spürte den nassfauligen Atem in seinem Nacken, als es versuchte, zuzubeißen. Da er mit seinen Hieben der Kreatur nicht beikam und eine Krallen die Schlitze in seinem Held immer weiter öffneten, sprang er beherzt mit dem Rücken voran gegen die Steinwand des Tempels, in der Hoffnung, so den Ghul stark genug zu verletzten, um ihn von sich abzuschütteln.

Es schepperte lautstark, als Sieghelm samt des gesamtem Gewichts seiner Ketten- und Plattenrüstung gegen die Feldsteine sprang. Unter dem Quietschen und Scheppern der Metallteile waren auch knackende Knochen zu hören. Der Ghul fiel schlaff von Sieghelm herab. Der Reichsritter drehte sich sofort um die eigene Achse und trieb die Spitze seiner Klinge voran durch den Brustkorb des nunmehr toten Ghuls bis tief in die hölzernen Planken. Da hörte er das Surren eines Pfeils, welches nur knapp an seinem Kopf vorbeiging. Gefolgt von einem absterbenden Kreischen eines Ghuls. Dem Schrei folgend, blickte Sieghelm in Richtung Altar, wo ein Pfeil in dessen Kopf steckte, dem er zuvor den Wamst aufgeschlitzt hatte. Mit einem lauten ‚Platsch‘, ging damit auch der letzte Ghul tot zu Boden. Sofort fuhr Sieghelm wieder herum und sah zum Eingang des Tempels, wo eine Person stand, ein Bogenschütze. „Ich hatte alles unter Kontrolle“, rief Sieghelm, der anstatt dankenden Worte, eher einen Fluch darüber, dass er eines rondrianischen Kampfes beraubt wurde, auf den Lippen hatte, trotzig.

Teil I – Vorboten (2)

Teil I – Vorboten (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Pferd, auf dem er ritt, schnaufte, denn Sieghelm hielt es schon seit Stunden dazu an, im zügigen Trab, ja fast schon Galopp, über die Reichsstraße zu eilen. Es schepperte bei jedem Schritt, den das Pferd tat, denn die eisernen Hufen wetzten gnadenlos über die seit Jahrzehnten abgeschmirgelten Steine. Immer wieder ritt er dabei an verzweifelt aussehenden Bauern, Händlern oder getürmten Soldaten vorbei, die ihm entgegen kamen. Frauen, Kinder, Familien, die den Magnum Opus des Weltenbrandes überlebt hatten oder die einfach nur nach dem Schrecken, der Wehrheim erfasst hatte, flohen. Immer wieder versuchte Sieghelm für einen kurzen Moment in ihre Gesichter zu blicken und herauszufinden, ob er eines dieser Gesichte erkannte. Doch weder kamen ihm die Wappen, noch die Gesichter der Leute bekannt vor. Also trieb er sein Pferd weiter an, wie er es schon gestern getan hatte. Inzwischen schmerzten ihm die Oberschenkel und sein Hintern und die Innenschenkel juckten, weil sie sich durch den harten Ritt wund gerieben hatten. Nicht nur für das Pferd war der zügige und lange Ritt über Pflastersteine eine Tortur, auch der Reiter wurde dabei einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Doch Sieghelm war entschlossen keine Zeit zu verlieren. Die Nachricht, dass das Regiment seines Vaters Parzalon im Schlachtengetümmel auf dem Mythraelsfeld abgedrängt und aufgerieben sein soll, konnte er nicht glauben. Es hieß, dass man gesehen habe, wie er vom Pferd gestürzt sein soll und dass er nach dem Magnum Opus nicht mehr gesehen wurde. Sieghelm Vater war ein erfahrener Heermeister. Er würde sich niemals in eine solch aussichtslose Situation bringen lassen, davon war Sieghelm überzeugt. Doch was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Der Weltenbrand, der von der Festung Galottas ausging, war so gewaltig, verheerend und gleichwohl willkürlich, dass keine Erfahrung der Welt einem dabei geholfen hätte, sie zu überleben. Wenn Sieghelms Vater also von etwas überrascht werden konnte, dann von dem Weltenbrand, alles andere waren nur infame Behauptungen oder Falschmeldungen, da war er sich sicher. Auch wenn Sieghelm seit seiner Kindheit mit seinem Vater häufiger im Zwist als im Frieden war, so war er trotzdem sein Vater, und es war Sieghelms praios- und traviagefällige Pflicht, nach seinem Vater zu sehen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Und wenn er Hilfe benötigte, würde er durch alle Sphären gehen, um ihm zu helfen.

„Brrrr!“, stieß Sieghelm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das Pferd wurde immer langsamer, bis es ganz anhielt. Sieghelm war jetzt nur noch zehn Meilen von Wehrheim entfernt. Das wusste er genau, denn der Ort, der vor ihm lag, hieß Perz und Sieghelm kannte die Strecke und Entfernung von Perz bis nach Wehrheim auswendig. Doch waren es keine Bauernhäuser, die Perz ankündigten, sondern bis auf die Grundmauern heruntergebrannte Reste einer einstmals schönen Siedlung auf der Reichstraße zwischen Wehrheim und Gareth. Aufgrund des hohen Aufkommens an Durchreisenden hatte die kleine Siedlung mehrere Gasthäuser und Tavernen gehabt. Erst vor kurzem hatte Sieghelm in einer dieser Schenken Halt gemacht. Er musste an die Schankmaid denken, die ihn den Abend bewirtet hatte. Wie war doch gleich ihr Name? Dara? Daria? Oder so ähnlich? Sieghelm hielt sein Pferd dazu an, vorsichtig weiter zu traben. Der Geruch von verbranntem Holz lag in der Luft, denn der Wind wehte die dichten schwarzen Rußwolken direkt zu ihm herüber. Perz lag zu weit außerhalb von Wehrheim, als das es vom Weltenbrannt zerstört werden konnte. Dies konnte nur das Werk von Söldnern oder versprengten untoten Truppen des endlosen Heerwurms sein. „Bei Rondra, Pagol. Perz hatte auch einen Peraine-Tempel!“, stieß Sieghelm schockiert aus, als seine Erinnerung an diesen Ort zurückkehrte. Seine Anrufung richtete sich an seinen Leutnant. Der Dachshund stand etwas schwankend auf seinem kleinen Pfoten auf dem Rücken des Pferdes in einer speziellen Tragevorrichtung, die Sieghelm improvisiert hatte, da er rasch aus Gareth aufbrechen musste. Der Ritter erinnerte sich daran, dass Perz einen Tempel der gebenden Göttin hatte. „Wir müssen nachsehen, ob jemand überlebt hat und unsere Hilfe braucht, Pagol“, entschied er mit entschlossener Stimme. Der braunrote Dachshund verstand sofort und ließ sich vorsichtig am Sattel des Pferdes herab. Kaum war er am Boden angekommen, flitzte er auch schon los. Sein kleines Halsband schepperte dabei über die Pflastersteine der Reichsstraße. Sieghelm hatte keine andere Wahl, er gab seinem Pferd wieder die Sporen, um mit dem vorschnellenden Leutnant mithalten zu können.

Als er und Pagol zwischen den verbrannten Bauernhäusern ankamen, wurde Ihnen schnell klar, dass dies das Werk von unzufriedenen Söldnern Galottas war, die sich wohl noch rechtzeitig davongestohlen hatten, um nicht selbst vom Weltenbrand erfasst zu werden. An dem Querbalken der Pforte des Gasthauses hatten diese ruchlosen Söldner den Wirt und seinen Knecht aufgeknüpft. Für sie kam jede Rettung zu spät. Wahrscheinlich hatten die Söldner alles gründlich geplündert und die Weiber des einstmals idyllischen Wegortes geschändet, bevor sie es in Brand gesteckt hatten. Auf Sieghelms Miene zeichnete sich eine tiefe Unzufriedenheit ab. Er wünschte sich hier gewesen zu sein, um diese Gräueltat verhindern zu können.

Mit bitterem Schwermut holte Sieghelm die Leichname der beiden Männer vom Querbalken herunter und legte sie ordentlich an den Zaun. Er beschloss sie später wie ein guter Gläubiger der Zwölfe beizusetzen, doch zuerst wollte er nach dem Perainetempel sehen. Nachdem er die Männer an den Zaun gelegt hatte, trafen sich seine und die Blicke Pagols. Er musste sofort daran denken, dass er eigentlich auf der Mission war, seinen Vater zu suchen. Doch konnte er auf der Reise dorthin nicht sich selbst und seine ritterlichen Schwüre vergessen. „Ich kann nicht anders, Pagol. Ich muss das tun“, sagte er im entschuldigenden Tonfall zu seinem Hund, dessen trauriger Blick und die herabhängenden Ohren ihn in seiner trübsinnigen Stimmung in keinster Weise aufmunterten. „Ich werde mich später um die Zwei kümmern. Komm, lass uns nach dem Tempel sehen.“ Mit schweren Schritten ging er zusammen mit Pagol an verbrannten, einstmals mit Leben gefüllten Häusern vorbei. Sein Gesicht war rußig, denn der schwarze Rauch fing sich in dem Schweiß auf seinem Gesicht und legte sich über seine Haut wie eine zweite, schmierige Schicht, die ihn nicht vergessen ließ, was hier fürchterliches geschehen war. Der Tempel der Göttin der Saat befand sich zwischen zwei Feldern und war größtenteils aus Stein gebaut. Nur der Turm, von dem man über die Felder blicken konnte, war aus Holz errichtet worden. Als Sieghelm quer über das Feld lief, entschuldigte er sich bei Peraine dafür, doch es gab keine Bauern mehr, die dieses Feld bewirtschafteten. Schon von weitem sah er, dass der hölzerne Turm des Tempels nicht mehr stand. Er war bis zum Boden niedergebrannt und schwarzer Rauch quoll aus den Überresten hervor. Der aus Stein gebaute Teil schien jedoch noch erhalten zu sein, was dem Reichsritter ein wenig Hoffnung gab. Als die beiden die eingeschlagene Eingangstür erreichten, tat Pagol das, was ein guter Wachhund tat, wenn er eine Bedrohung witterte: Er knurrte. Sieghelm verlor keinen weiteren Gedanken und reagierte sofort auf das Warnsignal seines treuen Weggefährten. Mit einem langen *Ziiing*, surrte sein göttlicher Anderthalbhänder aus der Rückenscheide. Mit einem kräftigen Tritt ließ Sieghelm die ohnehin eingeschlagene Tür des Tempels aus den Angeln fliegen. Fast zeitgleich schnellten Pagol und Sieghelm kampfbereit durch den nun türlosen Rahmen und was sie sahen, ließ beiden einen kalten Schauder den Rücken hinunterfahren.

Teil I – Vorboten (1)