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Teil II – Neue und alte Freunde (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Der Reichsritter und der Novadi berichteten dem Hochkönig der Zwerge von der Gräueltat aus Perz und als Kalkarib erwähnte, dass er wusste wo sich die vermeidlich Schuldigen zur Zeit aufhielten, erhellten sich die alten und müden Augen des Angroschim zunehmend. Die Aussicht auf einen Kampf ließ ihn freudig von einem Bein aufs andere wippen, denn er hatte seinen Felsspalter schon viel zu lange nicht mehr geschwungen. Albrax ließ sechs Zwerge aus seiner Delegation bei Ysta und den Flüchtlingen zurück, die sich solange in einem anderen Wäldchen verstecken sollten. Er nahm vier weitere seiner besten Kämpfer mit, um dem Söldnerhaufen die Stirn zu bieten. „Wir sind Ihnen dann immernoch zwei zu eins unterlegen“, kommentierte Kalkarik die Situation, als er die eigene Gruppenstärke durchzählte und mit denen der Söldnergruppe verglich. „Nur Zwei für jeden?“, antwortete Albrax selbstsicher. „Dann wird es nicht lange dauern.“ Die Antwort des Hochkönigs überraschte Kalkarib, der noch keine Erfahrung mit Zwergen und ihrer Art zu Kämpfen hatte. Als sich die drei Menschen, denn Adellinde bestand darauf auch mitzukommen, und die fünf Zwerge, angeführt von Kalkarib, da nur er wusste, wo sich die Söldner aufhielten, am frühen Abend aufmachten, berichtete der Wüstensohn so detailliert er konnte von dem Lager der Söldner. Er hatte etwa drei Handvoll von ihnen gezählt und berichtete von ihrer Bewaffnung, wie ihr Lager aufgebaut war und welche möglichen Schwachpunkte es hatte. Albrax und Sieghelm hörten sich seine Ausführungen gut an, immerhin würde eine gute Vorbereitung über Sieg oder Niederlage entscheiden, führte der Reichsritter als Argument ins Feld. Am Ende schmiedeten sie einen Plan, wie sie im Schutze der Dunkelheit das Lager angreifen würden. Kalkarib schlug vor, dass sie warten sollten, bis es dunkel war, um sich dann so nah wie möglich an das Lager heranzuschleichen und sie zu überraschen, wenn sich die ersten schon hingelegt hatten. Sieghelm gefiel der Vorschlag nicht, er empfand ihn als nicht ‚rondrianischen genug‘, meinte aber, dass Albrax entscheiden sollte wie sie vorgehen sollen, da ihm als Hochkönig die Ehre zuteilwurde, die angemessene Taktik vorzugeben. Albrax fühlte sich geehrt, doch wäre er kein Zwerg, wenn er genau das tat, was alle von ihm erwarteten, weshalb er wollte, dass Kalkaribs Plan umgesetzt wird, da er die Gruppe entdeckt hatte und es seiner Meinung nach in seiner Verantwortung läge „den Angriffsplan“ vorzugeben. Mit einem kleinlauten Murren stimmte Sieghelm dem Hochkönig zu. Letztlich hatten sie sich für einen klassischen Zangenangriff entschieden. Auf der einen Seite die Zwerge, angeführt von Hochkönig Albrax, und auf der anderen Seite Sieghelm und Kalkarib. Da Adellinde nicht kämpfen konnte, sollte sie etwas zurück bleiben und für etwaige Verletzte bereit stehen. Sie wollten die Nacht abwarten, sich anschleichen und dann auf ein Zeichen Kalkaribs hin von zwei Seiten das Lager in die Mangel nehmen. Da ein Teil der Söldner zu der Zeit schon schlafen würde und sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatten, würde es so das Risiko auf eigene Verletzte minimieren. Der Plan schien perfekt, doch was Kalkarib nicht wusste war, dass er eine kleine Gruppe stark unterkämpfter Zwerge enthielt.

Die Dunkelheit brach über das Wäldchen ganz plötzlich herein, die Dämmerung hatte lange angehalten, aber von einem Moment auf den anderen wurde es stockfinster. Die Zwerge und Menschen teilten sich wie verabredet auf. Sieghelm hatte seine schweren Rüstungsteile beim Pferd zurückgelassen und war nur mit leichter Rüstung unterwegs, um nicht so viel Krach zu machen und den Zwergen war ihre Rüstung quasi angewachsen, weshalb auch diese kaum bis gar keine Geräusche verursachten. „Wir sehen uns in der Mitte ihres Lagers, auf einen guten Kampf“, flüsterte Sieghelm dem Hochkönig zur Verabschiedung zu und dann trennten sich ihre Wege. Adellinde, Kalkarib und Sieghelm mussten sich etwa fünfhundert Schritt durch teils dichten Wald schleichen, um zum Lager vorzudringen. Sie sollten von Rahja her angreifen, während die Zwerge die Efferdseite einnehmen sollten.  Die halbe Meile kam den drei wie eine Ewigkeit vor, vor allem Sieghelm hatte damit zu kämpfen, denn es war so gar nicht seine Art sich fortzubewegen. Wohingegen sich Kalkarib und Adellinde weniger schwer taten. Immer wieder trat Sieghelm auf einen knackenden Ast, verhakte sich in einem Gebüsch oder kratzte mit seiner Rüstung an der Borke eines Baumes entlang. „Beim Alleinen, kannst du nicht leiser sein?!“, brach es irgendwann im gepressten Flüsterton aus Kalkarib heraus, dessen Blick bei jedem ungewollten Geräusch, das Sieghelm verursachte, immer finsterer wurde. „Ich kann einfach nichts sehen. Es ist nicht jeder so ein windiges Wiesel wie du“, frotzelte Sieghelm. „Ein Wiesel? Was soll …“ „PSCHT!“, zischte Adellinde lauter als gewollt dazwischen, als sie einer lautstarke Diskussion entgegen sah und sich dazu verpflichtet fühlte diese vorzubeugen. Die beiden Männer sahen sich erst verblüfft einander an und holten dann beide hörbar tief Luft. „Ah-Ah“, gluckste sie. Erneut ließ Adellinde ihre Zeigefinger flink durch die Luft fliegen, doch dieses Mal kamen sie auf den Lippen beider Männer zur Ruhe. „Wir haben dafür keine Zeit“, begann sie im eindringlich ernsten Ton. „Jeder hier gibt sein Bestes und jeder hier will das Selbe – also bei der gütigen Göttin, reißt euch zusammen.“ Für ein paar Lidschläge konnte man sehen, wie es in beiden jungen Männern arbeitete. Zeitgleich erhoben beide ebenfalls ihre Finger und deuteten auf den jeweils anderen. Adellinde konnte das schnippige ‚Aber er hat angefangen‘ schon in ihrem Kopf hören, doch ehe es einer von den beiden Zankhähnen aussprechen konnte schnipste sie mit beiden Händen kurz vor ihren Gesichtern und vollführte anschließend eine komplexe Abfolge von Gesten, die so viel hieß wie: ‚Schnauze halten, konzentriert bleiben und weiter gehen!‘ Was die beiden Männer dann auch kommentarlos befolgten. Sie fragte sich, was diese beiden ‚Jungs‘ bloß miteinander verband. Sie kannte sie erst flüchtig, aber wenn sie in der kurzen Zeit eins über sie gelernt hatte, dann, dass sie keine Gelegenheit ausließen miteinander zu zanken, ohne das es dabei zu einem Ergebnis kam. Trotzdem fand sie beiden putzig. Vielleicht genau wegen ihrer kindische Art keinen Zank auszulassen, gingen sie trotzdem achtsam miteinander um und harmonierten auf eine sehr seltsame Weise miteinander.

Den Rest der Strecke bis zum Söldnerlager legten die drei schweigend hin, und tatsächlich gelang es Sieghelm auch etwas leiser zu sein als zuvor. Kalkarib ging dem Ritter sogar unterwegs zur Hand, was der allgemeinen Stimmung und der Heimlichkeit der ganzen Gruppe zuträglich war. Als sie die Lichtkegel des Lagers sahen, wurden sie besonders vorsichtig, denn auch wenn es nur Söldner waren, konnten sie trotzdem irgendwo Wachen aufgestellt haben. Sie versteckten sich hinter dem Wurzeltrichter einer umgefallenen Buche, von dem aus sie einen guten Blick auf das Lager hatten. Zwei Feuerstellen konnten sie ausmachen, um denen ständig fünf Söldner saßen und sich miteinander unterhielten. Sie beobachteten das Lager noch eine Weile, denn sie mussten sicher gehen, dass auch die Zwerge auf der anderen Seite ihre Position eingenommen hatten. Da sie die Zwerge weder sehen noch sich mit ihnen verständigen konnten, blieb Ihnen keine andere Wahl, als zur Sicherheit noch etwas abzuwarten. Immerhin waren die Angroschim zu fünft und vielleicht kamen sie nicht so zügig voran wie sie oder sie wurden unterwegs durch irgendetwas aufgehalten und nichts wäre fataler für den Ausgang des Überraschungsangriffs gewesen, als zum Sturm zu rufen und die andere Gruppe war noch nicht da. Kalkarib und Sieghelm zählten insgesamt 16 Söldner, und das waren nur die, die sie sehen konnten. In den kleinen Zelten konnten noch mehr sein. Auf jeden Fall mussten es diejenigen sein, die Perz angegriffen hatten. Sieghelm erkannte einige kleine Fässer auf einem Handkarren als Bierfässer wieder, wie sie in den Tavernen in Perz benutzt wurden. Die Söldnergruppe trug die unterschiedlichsten Waffen, die meisten von Ihnen hatten Hiebwaffen wie Streitkolben, Äxte oder Morgensterne, aber es waren auch Hellebarden, Piken und klassische Schwert und Schildträger unter ihnen. Es waren auch Bogenschützen dabei, doch mit Ihnen würden sie leichtes Spiel haben, da sie im Überraschungsangriff nicht genug Zeit haben würden ihre Bögen zu bespannen und es in der Dunkelheit eh wenig Sinn ergab, mit einem Bogen zu schießen. Während die beiden Männer die taktische Lage sondierten, ging Adellinde ein letztes Mal ihre Verbände und Heilmittel durch. „Wenn ihr verletzt seid, ruft mich und ich komme zu euch“, flüsterte sie den beiden ganz leise zu.

Gemeinsam warteten sie noch etwas. Die Söldner verhielten sich allgemeinhin recht ruhig, sie tranken zwar das Bier aus Perz, aber sie ließen sich nicht richtig volllaufen. Für Sieghelm machte es fast den Eindruck, als wäre es ein geordneter Haufen. Er hatte sich betrinkende, grölende und feiernde Soldlinge erwartet, mit denen sie leichtes Spiel haben würden und nicht eine Gruppe nüchternen Söldner, die wachsam sein würden. Doch es machte letztlich keinen Unterschied, sie alle würden diese Nacht nicht überleben – dafür würden er und Custoris schon sorgen. „Die Zwerge sollten inzwischen in Position sein“, hauchte Sieghelm, der langsam ungeduldig wurde. „Ja, aber es haben sich noch nicht genug schlafen gelegt, über zwei Handvoll sind noch wach“ antwortete Kalkarib ebenfalls leise, ohne das Lager aus den Augen zu lassen. Es war ruhig rund um das Lager, nur ab und an trug der Wind ein paar vereinzelte Wortfetzen der ehemaligen Galottaner herüber. Kalkarib zählte akribisch jeden der sich in eins der zahlreichen Zelte zurückzog, denn schon bald würde er den Befehl zum Angriff geben. Die Zeit verstrich quälend langsam, denn die drei gaben sich die größte Mühe leise zu sein und sich so wenig wie möglich zu bewegen. Auch vom Söldnerlager war kaum ein Laut zu hören. Doch dann eskalierte die Lage völlig: „HAAAAARRRRGH!“ Lautes Gebrüll war das Erste, was sie aus Richtung des Lagers vernahmen, es war derart grotesk laut und unartikuliert, dass keiner der drei es sofort einzuordnen wusste. Waren es die Schmerzensschreie eines unglücklichen Mannes der ins Lagerfeuer gefallen war? Hatten die Söldner einen Gefangenen, den man mit einer glühenden Schmiedezange den großen Zeh abgeknipst hatte? Oder gar der absurd schrille Schrei eines Nachtwinds im Angesicht einer Gruppe Magier? Kalkarib und Sieghelm sprangen instinktiv hinter ihrer Deckung hervor, um einen besseren Blick auf das Lager zu haben und da sahen sie auch schon, was der Grund für das absurde Geschrei war. Sie wurden Zeugen wie eine dichte Traube axt- und hammerschwingender wild brüllender Zwerge in dichter Formation durch das Lager marodierte. Die Söldner wussten nicht wie ihnen geschah und die ersten von Ihnen wurden von ihren Hämmern und Äxten erst zu Fall gebracht und dann in einer perfekt ablaufenden Todesmaschinerie mit mehreren Hieben im Vorbeigehen zu Boron geschickt. „Wir müssen Ihnen helfen, los!“, befahl Sieghelm eilig, der seinen Anderthalbhander aus der Scheide springen ließ und sofort loseilte. Kalkarib folgte ihm auf dem Fuße, während Adellinde hinter dem Wurzeltrichter blieb. Sie hörten noch immer das groteske zwergische Kampfgebrüll, das immer wieder mal vom absterbenden Schreien eines Söldners übertönt wurde. Als die beiden Kämpfer am Lager ankamen, war das erste Überraschungsmoment vorbei, die restlichen Söldner hatten sich inzwischen ihre Waffen geschnappt und sich kampfbereit gemacht, die Zwerge hatten fünf von Ihnen wortwörtlich niedergemäht und sind in Formation in der Mitte des Lagers zum Stehen gekommen. Schulter an Schulter standen die sechs gedrungenen Zwerge wie eine Einheit zusammen und reckten ihre vor Söldnerblut tropfenden Klingen ihren umzingelnden Gegnern entgegen. „Rondra ist mit uns!“, brüllte Sieghelm, preschte aus der Dunkelheit hervor und zog so die Aufmerksamkeit von vier Söldnern auf sich. Die Söldner wandten sich ihm zwar zu, doch mit einem einzigen und dennoch mächtigen Hieb von Custoris spaltete er den Brustkorb eines Söldners, begleitet von einem göttlichen Donnerknall, in zwei Hälften – was unmittelbar zu dessem Tod führte. Erschrocken sprangen die anderen zur Seite und wagten es nicht, dem Reichsritter die Stirn zu bieten. Währenddessen schnellte Kalkarib an einer anderen Stelle aus einem Busch hervor und ließ seinen Khunchomer in Windeseile zwei Mal durch den Oberkörper einer Söldnerin schnellen, so dass sie sofort zu Boden ging. „Zwerge! Was macht ihr hier?“, rief Kalkarib, der empört darüber war, dass der Angriff nicht auf sein Kommando hin initiiert wurde, der Zwergengruppe perplex zu. „Ich improvisiere!“, rief die Zwergengruppe zurück. Es war zwar Albrax‘ Stimme, doch war nicht genau auszumachen, wer von den fünf miteinander verhakten Zwergen der Hochkönig war. Für mehr Dialog blieb keine Zeit, die Söldner hatten den zweiten Überraschungsangriff inzwischen auch verdaut und positionierten sich taktisch neu. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch, bei dem keiner der Seiten einen entscheidenden Schlag zu setzen vermochte. Mit jedem Schwung den Sieghelm dabei tat, donnerte Custoris so laut durch das Wäldchen, dass man glauben konnte, dass ein Gewitter heraufzog. Das ganze wurde vom wilden Kampfgebrüll der Zwergengruppe untermalt, die die dichte Formation nicht aufgaben, sich wie ein axtbewehrter Kreisel hin- und herdrehten und dabei alle Beine vom Boden schnitten wie eine frisch geschärfte Sense trockenes Heu. Der Khunchomer des Novadis surrte so schnell durch die Luft, dass jeder Söldner schon die erste Wunde am Körper hatte, eh er auch nur seine schwerfällige Waffe in Reichweite zu ihm bringen konnte. Trotz des improvisierten Überraschungsangriffs der Zwerge, waren noch genügend Söldner übrig, um vorerst für einen Patt zwischen den beiden Gruppierungen zu sorgen. Zwischen dem Donnern des Schwerts und dem Gebrüll der Zwerge, vermochte Sieghelm eine einzelne befehlsgewohnte männliche Stimme auszumachen, die dem unglücklichen Haufen Befehle zubellte. Das muss der Anführer sein, dachte sich der Ordensmeister und orientierten sich im Schein der Lagerfeuer neu. Er entdeckte einen stämmigen Mann Mitte vierzig Götterläufe alt in einer geschwärzten Plattenrüstung mit roten Symbolen. Während die Zwerge von über zehn Männern und Frauen mit Piken und Hellebarden bewaffnet umzingelt wurden und Kalkarib immer wieder die Position wechseln musste, um nicht selbst in Bedrängnis zu geraten, kämpfte sich Sieghelm entschlossen zu den kommandobrüllenden Mann vor. Tödliche Hiebe konnte der Reichsritter unterwegs nicht setzen, denn er wollte keine Zeit verlieren. Die halbherzigen Hiebe der Söldner, die es wagten, sich in seinen Weg zu stellen, schlug der Ritter wie beiläufig beiseite. Inzwischen war er dem Mann in der Plattenrüstung näher gekommen, seine Aura war klar die eines Adeligen. Dies würde ein würdiger Kampf werden, dachte sich Sieghelm und rief mit entschlossener und lauter Stimme, so dass es der Ritter zu hören vermochte: „Dieser Kampf ist mein Gebet an dich, himmlische Leuin.“ Sofort schenkte der adelige Söldneranführer Sieghelm seine Aufmerksamkeit, indem er sich zu ihm drehte und eine Kampfhaltung einnahm. Er führte eine zweihändig geführte Warunker Gardeaxt, und wenn er damit umzugehen vermochte, hatte das Aufeinandertreffen der beiden das Potenzial, ein gleichwertiger Zweikampf zu werden, weshalb Sieghelm hoffte, des er nicht zu schnell vorbei war und eines Kampfgebets an Rondra würdig. „Macht Platz“, befahl der unbekannte Adelige zu den ihm umgebenen Mannen und tatsächlich, die Söldner räumten ihrem Befehlshaber und Sieghelm einen ordentlichen Kampfplatz von über fünf Schritt Durchmesser ein. Inzwischen hatten sich die Positionen der anderen ebenfalls zurechtgerückt und es entstand eine kurze Kampfpause. Während sich Sieghelm einem rondrianischen Zweikampf stellte, den er selbst gesucht hatte, mussten der Novadi und die fünf Zwerge es mit dem Rest der Bande aufnehmen. „Für jeden Zwei“, sagte Albrax aus der Zwergenformation und gluckste vor Lachen. „Für jeden Zwei“, bestätigte Kalkarib ernst, denn ihnen standen tatsächlich ein dutzend Söldner gegenüber und schon begann das Schwertgeklirre erneut.

Teil II – Neue und alte Freunde (3)

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Sieghelm, Adellinde und Kalkarib kauerten zusammen hinter einer Anhöhe und lugten über die Kuppe. Die zwei Pferde hatten sie etwas weiter hinten an einer alten Koppel befestigt, damit man diese von der Reichsstraße aus nicht sehen konnte. Sie blickten zwischen dem hohen Gras des Hügels hinweg in Richtung der Straße, um so von der großen herannahenden Gruppe nicht gesehen zu werden. In Sieghelms Gesicht und seiner gesamten Körpersprache war zu sehen, dass er mit der Herangehensweise seiner kleinen Reisegruppe nicht allzu zufrieden war, er wurde jedoch überstimmt und wollte vor Adellinde nicht den störrischen Reiseleiter raushängen lassen. „Kannst ihr etwas erkennen?“, frug er gleichwohl interessiert und ein kleines bisschen trotzig. Nur Adellinde und Kalkarib blickten durch das hohe Gras in Richtung Straße. Sieghelm hielt es für nicht notwendig und lag auf dem Rücken um, wie er es nannte ‚Die Rückseite im Auge zu behalten‘. „Noch nicht, nur das es viele sind“, antwortete Kalkarib im markanten Novadi-Akzent. Der Ritter wollte schon zu einem gehässigen Kommentar ansetzen, biss sich dann aber auf die Zunge und hielt sich zurück.

Es verstrich noch etwas Zeit. Die herannahende Gruppe, die offen auf der Reichsstraße von Firun nach Praios ging, war zu Fuß unterwegs und nahte sich nur langsam ihrer Position. „Das ist merkwürdig. Ich glaube, ich sehe da einen Tulamiden.“ Kalkaribs Worte ließen Sieghelm neugierig werden. „Einen Tulamiden? Beim heiligen Geron …“ Sieghelm konnte es kaum glauben. Hatte Galotta etwa sogar Tulamiden aus Aranien unter seinen Sold gestellt? Wenn dem so war, war es schlimmer als befürchtet. Diese gottlosen Südländer würden noch viel bösartiger marodieren als mittelländische Söldner. Nun wandte er sich doch um, drückte etwas das hohe Gras zur Seite und blickte ebenfalls über die Kuppe zur Reichsstraße. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sie hatten sich extra auf die Rahjaseite des Weges gelegt, um so die aufgehende Praiosscheibe um Rücken zu haben und somit einen taktischen Vorteil zu besitzen. Es schien so, als hätte der Wüstensohn tatsächlich Recht, auch Sieghelm erblickte dort einen Tulamiden – oder zumindest jemanden der wie einer gekleidet war. Er trug einen großen Turban und einen roten Kaftan. Sogar eines dieser, wie Sieghelm sie nannte, ‚kaputten‘ krummen Schwerter. „Du hast Recht, das ist wirklich ein Tulamide. Hmmm, wenn sich teile Araniens dem Heptarchenreich angeschlossen haben, dann steht der Feind nun auch im Süden vor den Toren des Kaiserreichs“, spekulierte er. „Zuzutrauen wäre es diesen Landesverrätern“, fügte er mit ernster Stimme hinzu. Da erhob Adellinde das Wort: „Herr Ritter, schaut euch die Leute hinter ihm mal genauer an.“ Ihre seidige Stimme entzückte ihn so sehr, dass er ihrem Wunsch sofort entsprach. Er drückte wieder etwas Gras zur Seite und blickte noch einmal über die Kuppe. „Ich sehe … sehe … heruntergekommene Marodeure, bei meiner Treu! Es sind sogar Kinder darunter! Diese gottlosen Tulamiden schrecken vor nichts zurück! Ich habe es immer gesagt, diese Landes …“ „Ser!“, unterbrach Adellinde den Ritter in seinem Fluch mit scharfer Stimme. „Das sind Überlebende aus Wehrheim!“  Ihre blauen Augen blickten den Ritter mit ernster Miene an. Sieghelm wurde von ihnen in den Bann gezogen und schaute zum dritten Mal durch das hohe Gras. „Hmmm … auch möglich“, gestand er ein. „Das kommt davon, wenn man ohne ordentliches Wappen über eine Reichsstraße in einem Kriegsgebiet reist. Wie soll man da als Heerführer Freund von Feind unterscheiden?“ Adellinde stieß nur ein wütendes Schnaufen aus, und ehe Kalkarib und Sieghelm reagieren konnten, war sie auch schon aufgesprungen und über die Kuppe gesprungen. Die beiden Männer versuchten noch nach ihr zu greifen, um sie daran zu hindern, doch die kleine Priesterin war einfach viel zu wendig und so griffen beide ins Leere. „Gut gemacht, Kalkarib“, spottete Sieghelm in ironischem Flüsterton, während er sich wieder fallen ließ. Dieser blickte mit großen Augen und absoluter Unverständnis zu Sieghelm. „Was kann ich denn jetzt dafür?“, protestierte er. „Sich hinter der Anhöhe zu verstecken war deine Idee, ich hatte gleich gesagt, dass wir auf der Reichstraße offen auf sie zugehen sollten.“ Der Novadi setzte zu einer Erklärung an, doch irgendwie war Sieghelms einfacher Logik nichts entgegen zu setzen, dass ihn hätte umstimmen können, und so ließ er es bleiben, schnaufte nur angestrengt und blickte wieder durch das Gras, um zu sehen, was die Priesterin vor hatte. „Wir müssen etwas unternehmen.“ sagte er dann noch, als er sah wie die große Reisegruppe anhielt, als Adellinde sie konfrontierte. 

„Peraine segne euch!“, rief die kleine Priesterin mit ihrer hellen Stimme der großen Gruppe entgegen und breitete einladend die Arme aus. Sie trug eine dunkelgrüne Kutte mit einer gelben Ährenstickerei auf der Brust und war ganz offensichtlich als Dienerin der gebenden Göttin zu erkennen. Der Mann, der wie ein Tulamide aussah und ganz vorne lief, war der erste der ihr entgegen schritt. „Salam’aleikum, die Gebende ist mit euch!“, antwortete er und machte eine mehr als nötige tiefe Verbeugung. „Ich bin Ysta Mandrakhor, bescheidener Diener der Heiligen Mutter“, stellte sich der Mann weiter vor. Er trug einen dunklen, grau melierten Spitzbart am Kinn der ihm bis zur Brust reichte, war von hagerer Gestalt und gekleidet in einem etwas abgewetzten roten Kaftan, der von einem mit silberbeschlägen verzierten Gürtel gehalten wurde. An dessen Seite in einer Halterung ein Säbel hing, der in einer ebenfalls mit Silber verzierten Scheide steckte. Adellinde erkannte, dass der Tulamide offenbar von höherem Stand sein mochte. Zudem hatte er einen leichten, kaum hörbaren Akzent, der so überzeugend war, dass er wohl wirklich aus Aranien stammen mochte. Von seinem offensichtlichen Aussehen ganz zu schweigen. „Ich bin der Karawanenführer einer Gruppe aus Waisen und Versehrten aus Wehrheim. Wir sind auf der Reise nach Gareth, um dort Schutz zu suchen. Und mit wem habe ich die Ehre?“ Der Mann, der sich als Ysta vorstellte, lächelte breit. Adellinde blickte kurz unwillkürlich herüber zur Anhöhe, sie hatte vergeblich gehofft, dass ihr die beiden Männer hinterher eilen würden. Ihr Gegenüber bemerkte ihren Seitenblick zur Anhöhe und ließ ebenfalls für einen kurzen Moment seine Augen darauf ruhen, ohne auch nur eine einzige Miene zu verziehen. Für die junge Adellinde wäre es schwer gewesen zu schätzen, wie alt der Tulamide war, sie hatte mit Südländern keine Erfahrung. Seine bronzefarbene Haut schien makellos sein, doch sein langer Bart und sein Stand ließ sie vermuten, dass er zwischen 40 und 50 Götterläufe alt war. „Ich heiße Adellinde, ich reise …“ sie stockte wieder kurz. Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie die Situation jetzt erklären sollte. Einerseits wollte sie die beiden nicht in die Pfanne hauen, andererseits, war sie als Priesterin der Wahrheit verpflichtet. „ … nicht alleine. Meine Gefährten befinden sich in der Nähe und werden auch gleich hier sein.“ Den letzten Satz sprach sie absichtlich lauter und langsamer aus als eigentlich nötig, damit Sieghelm und Kalkarib sie auch sicher hören konnten. Sie war sich nicht mehr ganz so sicher, dass sie außer Gefahr war, die angeblichen Waisenkinder und Versehrten sahen zwar wirklich wie Waisen und Versehrte aus, aber sie hatte auch allerhand über die mächtige Illusionsmagie der Tulamiden gehört – die ihr eben erst wieder einfiel. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass ihr Mut mal wieder größer war, als ihre Vernunft. „Es freut mich sehr, euch kennen zu lernen, euer Gnaden. Ich reise jedoch nicht alleine, wäre es doch viel zu gefährlich zu dieser Zeit und in diesen Landen.“ Als der Tulamide erwähnte, dass er nicht alleine reiste, suchten Adellinde blaue Augen zwischen den Reihen der  vermeidlichen Flüchtlingen nach möglichen Bewaffneten ab. Einige der Kinder drängten sich jedoch nach vorne, als wollten sie näher kommen. Sie konnte sogar hier und dort die Stile von Waffen und das Aufblitzen von Klingen sehen. Ganz vorsichtig, ließ sie ihre Hand zu ihrem Messer gleiten, dass an ihrem Seilgürtel befestigt war.

Da war plötzlich das Gestampfe von Pferden zu hören. Ysta unterbrach sich und blickte zu der Anhöhe. Auch Adellinde fuhr herum und sah den Ritter, zusammen mit dem Novadi anmutig und gleichwohl bedrohlich über die Kuppe heranreiten. Ihre Waffen steckten noch in ihren Scheiden, aber das Toben der Pferde beeindruckte sie alle. Sie machten erst halt, als die beide links und rechts neben der Geweihten waren. Adellinde zuckte kurz zusammen, da sie befürchtete, zwischen den Muskelbergen zerquetscht zu werden, doch anscheinend wussten die beiden Reiter genau, was sie taten. Da donnerte auch schon Sieghelms mächtige Stimme über die Reichsstraße: „Ich bin Reichsritter Sieghelm Gilborn von Sprichbrecher, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Wächter von Custoris, dem Bihänder der himmlischen Leuin.“ Adellinde wusste nicht genau weshalb, aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich jetzt wo die beiden Männer da waren, wesentlich sicherer als zuvor. Der Tulamide legte erneut seine rechte Hand auf die Brust und deutete wieder eine Verbeugung an. Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als er von hinten, ja fast schon zur Seite geschubst wurde. Eines der Kinder, nein, ein Zwerg drängelte ihn zur Seite. „Ka baskan draxin! Garoschem Sieghelm!“, tönte die tiefe raue und alte Stimme des Zwergs, die Sieghelm nur sehr bekannt vorkam. „Eure bergkönigliche Hoheit!“, platze es aus Sieghelm heraus, der sofort vom Pferd sprang und dem Zwerg entgegen ging. Der Hochkönig der Zwerge trug kaum Rüstung, und die, die er trug, war dreckig und zerfetzt, selbst das Kettenhemd, das er trug, war kaum zu erkennen. Seinen weißen Bart, der ein Großteil seines Gesichts verdeckte, hatte er sich unter das Kettenhemd gestopft. Erst jetzt sahen die drei, dass noch mehr Zwerge unter den Waisen und Versehrten waren. Sie alle waren kaum zu erkennen und verbargen ihre Bärte und Waffen. Der Ordensmeister begrüßte lachend den Zwerg, als wären sie alte Bekannte, was Adellinde irritiert und bewundernd beobachtete. Sie tauschten ein paar Höflichkeiten aus und kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, währenddessen trat Ysta etwas in den Hintergrund. „Wenn ich es nicht besser wüsste, eure Bergkönigliche Hoheit, dann könnte man denken, ihr würdet euch vor dem Feind verstecken.“ Sieghelm deutet auf den versteckten Bart. „Ach das, wir wollten dem Rogelo dabei helfen, die Waisen nach Gareth zu bringen.“ Er deutete dabei zu dem Tulamiden. Sieghelm verstand ihn, denn er konnte Rogolan, die Sprache der Angroschim, und musste daher etwas grinsen. „Da hab ich mir gedacht, wir könnten doch die Waisengruppe nutzen, ein paar Dorkkaschos anzulocken, um ihnen unsere Hämmer und Äxte vorzustellen. Kein Söldner wäre nämlich drachisch genug, eine Gruppe voll gerüsteter Angroschim anzugreifen. Also haben wir uns unter sie gemischt, damit es so aussieht, als wäre diese Reisegruppe Broxa-Beute. Ha!“ Die buschigen silbernen Brauen des Zwergenkönigs hüpften bei der Schilderung seines Plans freudig auf und ab. Währenddessen versuchte Kalkarib zwischen den Flüchtlingen von seiner erhöhten Position aus die Zwerge unter ihnen zu zählen, er kam auf acht, und das waren nur die, die er erkannte. Ansonsten waren da noch acht weitere Handvoll Flüchtlinge. „Das klingt nach einem guten Plan, eure Hoheit.“ „Ach nenn mich doch Albrax, Junge!“, konterte der Zwerg sofort und klopfte Sieghelm gegen den Unterarm, denn höher kam er nicht. „Doch noch hatte es noch kein Söldner gewagt uns anzugreifen“, fügte er noch mit enttäuschter Stimme an und stieß dabei lustlos einen Kieselstein über die Reichstraße. „Wenn ich mich einmischen darf, eure Hoheit.“ Es war Kalkarib, der plötzlich das Wort ergriff, da er einen Geistesblitz hatte. „Ich habe da einen Vorschlag, von dem wir alle profitieren könnten.“ Albrax und Sieghelm sahen zu Kalkarib hoch. Albrax Gesicht erhellte sich sofort bei dem vielversprechenden Vorschlag, so dass man das erste Mal seine blauen Augen richtig sehen konnte und auch Sieghelm wurde sofort klar, welchen Plan Kalkarib im Sinn hatte.

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Am späten Abend
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Im rötlich-goldenen Schein der untergehenden Praiosscheibe stach Sieghelm den Spaten erschöpft in die Erde neben der Ruine des ehemaligen Peraine-Tempels. Er war zusammen mit Kalkarib, nachdem die Perainepriesterin von Sieghelms Niederschlag erwacht war, nach Perz zurückgekehrt, um die ganzen Leichen aus der Tempelruine ordentlich beizusetzen. Die junge Priesterin, die sich als Meisterin der Ernte Adellinde vorstellte, beteuerte, ihn und Kalkarib für die brandschatzenden Söldner gehalten zu halten, die erst vor kurzem ihren Tempel geschändet hatten. Sie erklärte, dass es vor allem an Kalkaribs Dialekt lag. Sieghelm konnte sich eine Spitze an seinen Gefährten an dieser Stelle natürlich nicht verkneifen. Sie war, als der Weltenbrand über Wehrheim kam und der endlose Heerwurm nach Wehrheim zog, gerade in den Wäldern nach dringenden Heilkräutern für eine Schwangere Dorfbewohnerin suchen, als es passierte. In der Eile, als sie aus der Entfernung die fliegende Festung sah, war sie im Wald gegen einen Ast gerannt und besinnungslos zu Boden gegangen. Erst als die Söldner Perz schon niedergebrannt und den Tempel geschändet hatten, war sie erwacht und zurückgekehrt. Sie hatte in den Häusern nach Überlebenden gesucht, und dabei war ihr aufgefallen, dass noch immer unheimliche Gesellen, Söldner Galottas und Marodeure umherliefen. Sie wollte mit der grünen Kutte nicht so auffallen und hatte sich schnell eine Graue, die sie in den Ruinen fand, übergeworfen. Sie war zum Tempel zurückgekehrt, doch hat sie schon von weitem dort die Ghule gesehen und sich davon fern gehalten. In der Böschung des Baches suchte sie dann Donf und Einbeeren, um damit eventuellen Überlebenden helfen zu können. Sieghelm und Kalkarib glaubten ihr und erst nachdem sie ihr mehrmals versicherten, dass die Ghule an der Tempelruine tot waren, kehrte sie bereitwillig mit ihnen dorthin zurück. Sie war es auch, die darauf bestand, die Toten beizusetzen. Kalkarib machte sich gar nicht mehr die Mühe nach Sieghelms eigentlicher Quest zu fragen, ihm war klar, dass dieser erst hier helfen und abschließen musste, bevor er weiter gehen konnte. 

Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

„Puuh, das waren alle.“ Sieghelm schnaufte und stützte sich auf den Spatenstiel. Er hatte Teile seiner Rüstung abgelegt, um besser graben zu können. Seine Kettenteile hatte er aufgrund der unsicheren Gebiete jedoch an gelassen. Man wusste nie, wer noch so vorbei kam. Kalkarib verfluchte bei jedem dritten Spatenstich den harten und torfigen Boden der Mittellande. Er war aus seiner Heimat Mhanadistan viel lockeren und weicheren Boden gewohnt. „Warum beim Alleinen kommt ausgerechnet ihr, wo eurer Boden so hart wie Stein ist, auf die Idee, eure Toten einbuddeln zu wollen?“, fragte er die zierliche Priesterin, die ordentlich mit anpackte, ernsthaft, worauf diese nicht so recht wusste, was sie antworten sollte. Die drei bestatteten nicht nur die Überreste der Leichname aus dem Tempel, sondern auch die zwei Gehängten von der Taverne, die Sieghelm bei seiner Ankunft in Perz abgenommen hatte. Am Ende, während des Praiosuntergangs, segnete Adellinde den Boden in dem alle beigesetzt wurden. 

„Was habt ihr nun vor?“, erkundigte sich Sieghelm, nach der Weihung, bei der jungen und kleinen Priesterin. Ihm war erst beim Gräber ausheben, als sie einmal nebeneinander standen,aufgefallen, wie klein sie eigentlich war, denn ihr Scheitel reichte ihm gerade mal bis zur Schulter. Inzwischen hatte sie die graue Kutte abgelegt und ihr praiosblondes, nach hinten zu einem Zopf gebundenes Haar kam zum Vorschein. Es glänzte im Lichte Praios und ließ ihre makellose Haut wie Porzellan wirken. Ihre dunkelblauen Augen waren im Verhältnis zu ihrem ansonsten kleinen Gesicht riesig, trotzdem ergab wie eine wunderschöne Gesamterscheinung. In Sieghelm weckten sie mehr als üblich den Beschützerinstinkt. „Ich weiß es nicht, mein Tempel ist zerstört, alle die ich kannte und für die ich da war, sind tot. Mich hält hier nichts mehr“, erklärte sie in einem fast schon beängstigend nüchternen Ton. „Unter normalen Umständen wäre es meine ritterliche Pflicht, euch bis zu einem sicheren Ort gen Praios zu begleiten, euer Gnaden“, begann Sieghelm mit pflichtbewusster aber dennoch entschuldigender Stimme. „Doch eine höchst persönliche Quest führt mich genau in eine andere Richtung. Ich muss in den Nabel der Zerstörung, gen Wehrheim, oder was davon übrig ist.“ Die Priesterin sah mit ihren dunkelbauen Augen direkt zu ihm. Als dieser seine persönliche Quest erwähnte, machten sich Neugier und Hoffnung in ihrem liebreizenden Gesicht breit. „Was ist das für eine persönliche Quest, die euch nach Firun führt, Herr Ritter?“ Für einen kurzen Moment wollte Sieghelm protestieren, welche Dreistigkeit sie besaß, danach zu fragen. Doch sie war eine Dienerin der Zwölfe und noch dazu eine überaus hübsche. Er konnte ihre Frage also nicht unbeantwortet lassen. „Mein Vater, Baron Parzalon führte ein Regiment in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld an. Es heißt, er sei seit dem Magnum Opus nicht mehr gesehen und es ist meine praios- und traviagefällige Pflicht als sein Sohn nach ihm zu suchen und ihn zu finden, Euer Gnaden.“ Die junge Priesterin legte einen Zeigefinger an ihr Kinn, als würde sie das brauchen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie schaute zum Tempel, ließ den Blick über das frische Gräberfeld schweifen und blickte Sieghelm dann mit entschlossenem Blick an. „Dann werde ich euch auf eurer Quest begleiten und beistehen, Herr Ritter.“ Sieghelm fiel die Kinnlade herunter, als die zierliche Priesterin diesen Satz mit befehlsgewohnter Stimmlage aussprach. „Euer Gnaden, aber …“, setzte Sieghelm an und baute sich etwas vor ihr auf. Ihr Gesicht war dabei auf der Höhe von Sieghelms Brust. Sie hob nur erneut den Zeigefinger, doch dieses Mal ließ sie ihn knapp vor Sieghelms Gesicht ruhen. „Kein Aber, Ser Sieghelm. Ich kann reiten und ihr werdet außerdem jemanden benötigen, der eure Wunden pflegt, wenn ihr in den, wie ihr es nanntet ‚Nabel der Zerstörung‘, reitet. Und zudem könnt ihr so auch gleich eurer Ritterpflicht nachkommen und auf mich aufpassen.“ Der Reichsritter blinzelte und sah dann hilfesuchend zu Kalkarib, der sich wieder seinen Schal über die Nase gezogen hatte. Sieghelm glaubte unter dem Schal ein breites Grinsen erkennen zu können. „Doch für heute haben wir genug gearbeitet, die Gebende wird uns eine ruhige und erholsame Nacht schenken.“ Mit diesen Worten machte Adellinde auf den Hacken kehrt und ging zu ihrem Bündel herüber, wo sich eine Schlafrolle befand, die sie aus dem Tempel geholt hatte. Sieghelm konnte nicht anders, als der zierlichen Frau hinterher zu schauen. Inzwischen trat der Novadi an seine Seite und stellte sich Schulter an Schulter mit ihm auf. Sie sahen der kleinen Frau dabei zu, wie sie emsig das Nachtlager für sie herrichtete.

„Bei Rastullah, ich habe bisher nur ein einziges Mal ein solches Feuer in einer Frau gesehen. Sie ist nicht nur mit der Schönheit der Nacht vom Alleinen, sondern auch mit Mut und Entschlossenheit gesegnet. Ich mag sie.“ Sieghelm brauchte einen Moment, um aus seiner Starre zu erwachen. Hatte die junge Priesterin ihm etwa gerade einen Befehl erteilt? IHM? Dem Ordensmeister und Reichsritter! Doch aus einem für Sieghelm unbekannten Grund konnte er ihr nicht widersprechen! Sie hatte alles verloren, und zeigte im Angesicht dieses Verlusts so viel Mut, dass er sie bewunderte. „Du hältst die erste Wache“, befahl Sieghelm knurrend zu Kalkarib, der unter seinem Schal noch immer bis über beide Ohren grinste.

„Euer Gnaden, da ihr uns morgen begleiten werdet, solltet ihr aber vorher noch einiges wissen“, hörte der Wüstensohn Sieghelm sagen, bevor er sich zu ihr gesellte und beim Lageraufbau half. Den Abend verbrachten Kalkarib und Pagol zusammen, die etwas abseits des Lagers Wache hielten. Der Novadi wollte den beiden ihre Privatsphäre lassen. Er hörte sie lange miteinander reden. Anscheinend hielt es Sieghelm für notwendig, die Priesterin umfassend über den Orden und die Ereignisse der letzten Tage aufzuklären. Währenddessen holte Kalkarib seinen Teppich, um sein Abendgebet zu Rastullah zu halten. Zum Glück war da ja noch der Leutnant, der für den kurzen Moment die Wache übernehmen konnte.

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Teil I – Vorboten (3)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Nachmittags
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Der Bogenschütze am Eingang des Peraine-Tempels ließ den Bogen sinken und erst jetzt erkannte Sieghelm ihn. In dem kehligen und auf den Konsonanten betonenden Akzent eines Novadis antwortete Kalkarib al’Hashinnah dem Krieger: „Bitte, gern geschehen.“ „Spar dir das, auch wenn es für dich anders aussehen mochte, so hatte ich alles unter Kontrolle“, wiederholte Sieghelm in seinem Stolz verletzt und zog Custoris aus den Brustkorb des Ghuls, indem er seinen Stiefel auf ihm absetzte und kräftig zog. Sofort ging er zu Pagol herüber, der sich inzwischen aufrappelte, sich kräftig schüttelte und ein paar Schritte benommen auf Sieghelm zutaumelte. Im Flüsterton fragte Sieghelm ihn, ob es ihm gut gehe. Pagol nieste nur, schmiegte sich dann an seines Herrchens Bein. „Ich wusste gar nicht, dass du mit einem Bogen umgehen kannst“, begann der Reichsritter im Plauderton, während er seinen Helm abnahm und die Kratzer darin begutachtete.

Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Kalkarib, der erst jetzt die ganze Szenerie wirklich überblickte, rümpfte angewidert die Nase, da die ganzen Leichen und das viele Blut auch ihn schockierten. Er zog sein Halstuch über sein Gesicht, denn der faulige Gestank ließ ihn bleich werden. „Bei Rastullah, was für ein Gestank – das ist ja schlimmer als in euren Niederhöllen. Was ist hier geschehen?“ Sieghelm belegte den Novadi mit dem Blick eines Veteranen, der einen Rekruten ansah, der keine Ahnung von den Schrecken des Krieges hatte. „Das, mein geschätzter Wüstensohn, ist der faulige Geruch des Todes, der über das ganze Land gekommen wäre, wenn das Kaiserreich nicht zusammen gegen den endlosen Heerwurm gestanden hätte.“ Sieghelm spöttische Spitze überhörte Kalkarib, der anscheinend noch zu geschockt von dem Anblick war. Der Reichsritter untersuchte den Leichenhaufen auf dem Altar. Er wollte wissen, ob auch ein Perainepriester dabei war. Ganz vorsichtig stellte der Novadi einen Fuß vor den anderen, als er den ehemaligen Tempel betrat. Auch er hatte zwar schon viel mitgemacht, doch die Menge an Gräueltaten, die hier begangen wurden, ließen ihm die Haare zu Berge stehen und noch fester daran glauben, dass nur der allmächtige Rastullah ihnen allen helfen konnte. „Kein Priester.“ stellte er fest. „Das sind die Dorfbewohner von Perz … die Söldner müssen sie hier aufgestapelt und den Tempel geschändet und angesteckt haben“, erläuterte er weiter, während er seine Untersuchung einstellte und sich dann wie beiläufig das Blut von der Rüstung wischte. „Doch wo ist der Priester hin … er oder sie hätte das Gebäude mit seinem Leben verteidigt.“ Kalkarib hörte Sieghelms Worte, doch konnte er seine Gedanken nicht nachvollziehen. Für ihn war kein Gebäude oder Zelt wertvoll genug, dass es sich lohnte dafür zu sterben. Auch nach Jahren unter den Ungläubigen, verstand er ihre tiefe Verbundenheit zu Objekten oder Orten noch immer nicht vollständig. „Willst du nach dem Priester suchen?“ Seine Worte wurden von dem Schal vor seinem Mund abgedämpft. „Er könnte überall sein. Vielleicht geflohen – verschleppt oder in einem der Häuser dort hinten verbrannt. Was ist mit der Suche nach deinem Vater?“ Während Kalkarib Sieghelms Idee anzweifelte, durchwühlte dieser die Schränke und Truhen. Kalkarib wusste nicht, was er davon halten sollte. Für ihn wäre es normal gewesen, hier nach etwas Brauchbaren zu suchen, doch von den Ungläubigen verstand er inzwischen so viel, dass es als Frevel galt, Tempeleigentum zu stehlen. „Was tust du da, ist das nicht Tempeldiebstahl in euren Augen? … Hörst du mir überhaupt zu?“ Sieghelm kramte in einer leicht verkohlten Truhe und zog plötzlich eine grünliche Scherpe heraus und kommentierte diese mit einem triumphierenden „Aha!“ Er vollführte damit eine bedeutungsschwangere Geste in der Luft, die so viel aussagte wie: Damit schaffen wir es. „Du und ich werden nicht nach dem Priester suchen, keiner von uns hat die Fähigkeiten dazu – aber der Leutnant hier hat ein sehr feines Näschen, das ihn uns finden lässt, wo immer er sich aufhält.“ Er hielt die grüne Scherpe unter Pagols schwarze Nase, der sich inzwischen gefangen hatte und wieder an Sieghelms Seite saß. Pagol schnüffelte daran und Sieghelm sagte: „Such, Leutnant – Such den Priester.“ Zuerst geschah nichts, als müsste der Dachshund erst einen inneren Mechanismus aktivieren, bevor es losgehen konnte. Er schüttelte sich einmal, schnüffelte, sah sich um und sauste dann blitzartig über die Scherpe springend und durch die Beine des Wüstensohns flitzend los. Der Akademiekrieger eilte hinterher und auch Kalkarib nahm die Beine in die Hand. Er war außerdem froh, diesen stinken Ort hinter sich zu lassen.

Pagol wetzte über die Felder in Richtung eines bewachsenen Bachs. Sieghelm und Kalkarib hatten Mühe hinterher zu kommen. Unterwegs fiel Sieghelm etwas ein, wonach er sich sofort erkundigen musste. „Was machst du eigentlich hier, hatten wir nicht vereinbart, dass du weiter im Rahja über die Feldwege gehst und nach versprengten Truppen suchst und wir uns erst vor Wehrheim wiedertreffen?“ Der schnelle Gang schien Sieghelm auch trotz der schweren Rüstung nichts auszumachen. „Ganau das tat ich“, antwortete Kalkarib mit starkem Novadi-Akzent. „Ich stieß jedoch auf eine Gruppe Söldner, die zu viele waren, um sie zu umgehen. Ich musste zur Straße zurückkehren, da sie mich sonst entdeckt hätten.“ „Söldner sagst du?“, platzte es aus dem Ritter heraus. Der Tonfall den die Frage hatte, gefiel Kalkarib nicht. „Ich habe sie beobachtet, es sind über drei Hand voll, das sind zu viele für uns.“ Der Novadi wollte Sieghelm keinesfalls auf die Idee bringen sie anzugreifen. Er wusste, dass es für den Krieger eine Verbindung zwischen der geschändeten Kirche und den Söldnern gab.

Der Leutnant führte die zwei an einen Bach mit breit bewucherter Uferböschung. Er gab Laut und die beiden Männer gingen sofort zu der Stelle zwischen den Büschen. Sie beide befürchteten das schlimmste. Der Priester hatte sich wohl bis hierher gerettet und wurde dann entweder von den Söldner gestellt, oder er war verletzt und konnte sich bis hierher schleppen und war dann hier verendet. Kalkarib und Sieghelm wühlten beide vorsichtig in den Büschen und durchsuchten die Uferböschung mit ihren Schwertern. „Siehst du was?“ rief Sieghelm, der sich von Kalkarib etwas entfernt hatte, um einen größeren Bereich absuchen zu können. „Nein,“ antwortete dieser nur knapp. „Vielleicht ist er den Bachlauf gefolgt, dann verliert sich hier die Spur für Pagol“, dachte Sieghelm laut und gab die Suche vorerst auf. Er sah zu Kalkarib herüber, der mit seinem Khunchomer die Büsche zur Seite drückte. Plötzlich erblickte Sieghelm eine Gestalt aus den Hecken hinter Kalkarib hervorgucken und sich sprungbereit machen, er glaubte auch das Aufblitzen einer Klinge zu sehen und rief sofort: „Kalkarib, HINTER DIR!“ Doch Sieghelms laute Warnung kam zu spät und eine dunkle Gestalt sprang Kalkarib von hinten an und riss ihn in die Büsche nieder, so dass Sieghelm beide nicht mehr sehen konnte. „Bei Rondra!“, fluchte er und rannte sofort zu Kalkarib herüber. Er hörte wie Äste knackten und das Buschwerk raschelte. Die beiden kämpften miteinander und Pagol, der aufgrund des dichten Buschwerks nicht näher herankam, bellte laut auf.

Als Sieghelm bei den beiden ankam, saß eine dünne Gestalt in einer alten grauen und zerfetzten Robe auf Kalkarib, der versuchte nach seinem Khunchomer zu fingern, den er beim Angriff verloren hatte. In der Hand des Angreifers war tatsächlich ein kurzes Messer. Doch Kalkarib hielt die Messerbewehrte Hand am Gelenk fest und hielt die todbringenen Klinge somit von sich fern. Sieghelm schlug beherzt mit dem Knauf von Custoris auf den Hinterkopf des Angreifers. Sofort fiel er schlapp neben den Novadi, der daraufhin sofort seinen Khunchomer packte und sich außer Atem und mit Kratzern im Gesicht aufrappelte. Er fluchte in seiner für Sieghelm unverständlichen eigenen Sprache. „Geht es dir gut?“, erkundigte sich Sieghelm ehrlich besorgt um den Mann von Delia. Er hätte nicht gewusst, wie er seinen Tod an dieser Stelle seiner Frau hätte erklären können. Kalkarib fluchte noch immer vor sich hin, doch mittendrin wechselte er dann ins Garethi um Sieghelm zu antworten: „Ich hatte alles unter Kontrolle.“ Sieghelm flog ein Grinsen über die Lippen. Er musste an die Szene in der Tempelruine denken und bemerkte erst jetzt, wie absurd seine Aussage von vorhin war. Und da auch Kalkarib es gerade ernst zu meinen schien, überkam dem Reichritter ein Bedürfnis. „Kalkarib?“ „Was?“, fauchte dieser nur und trat prüfend mit der Fußspitze gegen seinen am Boden liegenden Angreifer. „Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Du hast mir in der Not geholfen und dafür danke ich dir.“ Der Novadi, der wirklich mit vielen, aber beim besten Willen nicht damit und schon gar nicht in dieser Situation gerechnet hatte, blinzelte Sieghelm nun verwirrt an. „Ich hatte wirklich alles …“, begann er mit Stolz verletzten Tonfall, sah dann aber Sieghelm ernstes Lächeln auf den Lippen und brach mittendrin ab und schloss mit einem gehauchten: „ … Danke.“  Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden stolzen Männer, und beide mussten ob ihrer Situation grinsen.

„Dann lass uns mal nachsehen mit wem wir es hier zu tun haben.“ Sieghelm kniete sich nieder und zog die graue Kapuze vom Gesicht des Angreifers. Zum Vorschein kam, zur Überraschung der beiden Krieger, das schlanke und zierliches Gesicht einer jungen Frau. „Bei meiner Treu!“, platze es aus Sieghelm hervor und er zog schreckartig die Hand zurück. Auch Kalkarib sagte etwas, doch er verstand es nicht. „Es ist ein Weib“, bemerkte der Novadi dann in Garethi, der davon mehr überrascht schien als der Mittelländer. Für einen kurzen Moment warf Sieghelm seinem Begleiter einen missbilligenden Blick zu. Es fiel dem Novadi noch immer schwer zu akzeptieren, dass im Kaiserreich die Frau dem Mann gleichgestellt war. „Sieh nur …“, sagte er dann, als er die Frau weiter untersuchte. Er fingerte unter der grauen Kutte etwas grünen Stoff hervor und am Hals fand er ein silbernes Amulett das eine Ähre zeigte. Kalkarib steckte den Khunchomer weg und sprach dann flapsig: „Gut gemacht Sieghelm, du hast eine Priesterin deiner Götter niedergeschlagen.“

Teil I – Vorboten (3)

Teil I – Vorboten (2)

Perz – 15. Peraine, 35 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

„Ihr Bestien!“, knurrte der Reichsritter, als er einen beherzten Schritt nach vorne tat. Seine panzerfaustbewehrten Hände umschlossen bei jedem Schritt, den er tat, sein Schwert Custoris noch fester. Die Bestien – wie Sieghelm sie nannte – waren abscheuliche graugrünhäutige und krallenbewehrte Wesen des Namenlosen, auch bekannt unter der Bezeichnung Ghule. Überall dort, wo der Krieg vorübergezogen war und Elend und Tod hinterlassen hatte, und kein Boronpriester schnell genug die Leichen unter die Erde bringen und segnen konnte, war es wahrscheinlich, dass vom Geruch des Todes angelockt, Ghule Einkehr fanden, um sich am verrottenden Fleisch der jüngst Verstorbenen zu laben. Davor waren leider auch einstmalige göttliche Orte nicht gefeit. Der Tempel schien ohnehin entweiht, doch Sieghelm verlor keinen Gedanken daran, was wohl geschehen sein mag, dass dieser Boden nunmehr nicht mehr heilig war. Fünf Ghule drehten sich fauchend und gallespritzend zum Krieger um, der sie gerade bei einem Festmahl gestörte hatte. Auf dem ehemaligen Altar der Göttin Peraine lag ein Berg aus blutigen und zerfetzten Leichen, an denen sich die namenlosen Wesenheiten bereits mehr als gütig getan hatten. Mit blutbeleckten Mäulern und scharfen Krallen stürzten die Ghule allesamt auf Sieghelm zu.

Den ersten und schnellsten von Ihnen empfing Custoris‘ Schwäche, die letzten zehn Doppelfinger der gewellten Klinge schnitten quer über die Brust der hageren Gestalt und schleuderten sie gegen einen hölzernen Tisch an der Seite des Tempelschiffs. Die darauf stehenden Tonkrüge zerplatzten, als der Körper des Ghuls auf ihm aufschlug und zahlreiche Flüssigkeiten in alle Richtungen stoben. Sieghelms Hände nutzen den Schwung des Schwertes aus und ließen es in den Oberhau übergehen. Er brauchte nicht mehr vorwärts zu gehen, denn die Ghule kamen von ganz alleine auf ihn zu. Zwei von ihnen sprangen ihn mit gelblich glühenden Augen an. Der Reichsritter zog sein rechtes Bein über den Boden hinter sein linkes und brachte sich so aus der Sprungrichtung beider Ghule. Ruckartig zog Sieghelm dann Custoris herab und ließ die Klinge mit Wucht von der Stirn bis zum Unterkiefer des heranspringenden Ghuls fahren. Mit einem Knacken des Schädels erloschen die gelblichen Augen der Unwesenheit sofort, der zweite sprang dank Sieghelms Ausweichbewegung ins Leere. Der vierte Ghul, er hatte inzwischen einen dicken Bauch, da er sich an den Leichen auf dem Altar mehr als satt gefressen hatte, erreichte Sieghelms linke Seite. Seine Krallenhände Kratzten über seine Schulterplatte sowie den Unterarmplattierungen und verursachten dabei widerlich schrille Geräusche, als sie versuchten, sich an Sieghelm festzuhalten. „Rondra, führe meine Klinge!“, rief er im betenden Tonfall, als der fette Ghul versuchte seine blutbeleckten Zähne in eine empfindliche Stelle zwischen den Plattenteilen zu treiben. Sieghelm ließ mit seiner linken Hand den Griff des Schwerts los, so dass nur noch Daumen und Zeigefinger es umklammerten. Mit der Rechten packte er umso stärker zu. Auf diese Weise klappte die lange gewellte Klinge des Schwerts bis zu Sieghelms linken Oberarm herab. Nun drückte er Custoris, den Oberarm als Führung nutzend, über seinen Arm hinweg in Richtung des graugrünen Halses des Ghuls. „Sei’s in Licht wie in … DUNKELHEIT“, setzte er die Litanei fort. Das letzte Wort spie er förmlich aus, als er mit aller Kraft die gesamte Klinge, von der Schwäche bis zur Stärke durch den fleischlichen Hals des Ghuls zog und ihn dabei den Kopf vom Körper trennte, wie ein scharfes Messer, dass einen Kanten von einem Laib Brot schnitt. Der Kopf des namenlosen Wesens flog flutschend und Blut verspritzend quer durch den ehemaligen Altarraum und der Rest des Körpers fiel von Sieghelm herab. Doch es blieb ihm keine Zeit, der Ghul, der an ihm vorbei gesprungen war, hatte sich inzwischen neu positioniert und kam in geduckter Haltung auf ihn zu. Und dann war da noch ein weiterer, sich mehr als satt gefressener Ghul, der sich von der anderen Seite ebenfalls sprungbereit machte. Sieghelm war also von beiden Seiten flankiert und stand mit dem Rücken zu Wand. Die Reichweite seines Schwerts brachte ihm nun keinen Vorteil mehr, er war gezwungen mit den Ghulen in den Nahkampf zu gehen. „Rondra, führe meine Klinge.“ Begann er erneut den Refrain des Gebets, als er Custoris mit der linken Panzerfaust in die Fehlschärfe griff, um es als Halbschwert zu führen. Da hörte er plötzlich ein helles Bellen. Der tapfere Leutnant biss beherzt in den linken Fuß des fetten Ghuls und lenkte ihn damit entscheidend ab. Tapferer Pagol! Ich muss den Überraschungsmoment nutzen, dachte sich Sieghelm und wandte sich dem anderen Ghul zu. Dieser schlug, da er inzwischen recht nah war, erbarmungslos mit beiden Krallenhänden zu. Wieder kratzten die klingenartigen Fingernägel über verschiedene Plattenteile an Sieghelms Unter- und Oberarmen. Wäre er nicht so gut gerüstet, wären seine Arme nun hoffnungslos aufgeschlitzt gewesen. Mit der Schwäche von Custoris schlug er erst nach dem Ghul und setzte dann zu einem Stich an. Dem Schlag wich die unheilige Bestie gekonnt aus, doch den Stich hatte es den Göttern sei Dank nicht kommen sehen. Die Klinge fuhr tief durch die graugrüne Brust und trennte Muskeln und Knochen. Der Ghul war noch nicht besiegt. Erneut schlugen seine Krallenhände zu, doch die Schläge waren ungezielt und wirkungslos, da sie nur über Sieghelms Brust- und Schulterpanzer kratzten. Der Krieger nutze die Verletzung des Ghuls zu seinem Vorteil, erneut rezitierte er den Refrain „Sei’s in Licht wie in Dunkelheit“. Er griff das Schwert um und schlug kräftig mit dem schmalen Parier in das Gesicht des Ghuls. Die Parierstange bohrte sich dabei in das gelblich glühende Auge und versank flutschend darin. Der Ghul war sofort tot und Sieghelm musste den Leichnam der Kreatur von seinem Schwert schüttelt wie jemand, der Dreck von seinem Schwert schüttelt musste.

Erneut hörte er ein verbissenes Knurren, gefolgt von einem kurzem aufheulen. Der fette Ghule schlug nach Pagol! Die Krallen rutschten über dessen lederne Rüstung und schleuderten ihn gegen den Altar. Es schlug dumpf, als Pagol direkt vor dem Altar der Herrin liegen blieb. „PAGOL!“, rief Sieghelm mit der Sorge eines Vaters, der mit ansehen musste, wie sein Sohn von Fremden geschlagen wurde. Der Ghul war nun zwischen ihm und dem Leutnant, und erschien nicht minder furchterregend. „Das wirst du büßen, unheilige Kreatur!“ Sieghelm griff Custoris nun wieder mit beiden Händen und brachte die Spitze der Klinge zwischen sich und den Ghul.

Gepackt von Wut und Entschlossenheit, ließ Sieghelm eine Abfolge von kontrollierten Schlägen aus verschiedenen Richtungen auf den Ghul niederregnen. Er machte dabei zwei Schritte nach vorne, doch der Ghul wich jedem Hieb geschmeidig wie eine Natter aus. Nur einmal kratzte die Klinge etwas über seine Unterarm. „Leuengleiche, Ehrengleiche, …“, setzte Sieghelm dann das Gebet fort. Mit einem weiteren Schritt nach vorne, ließ er wieder mehrere Schläge auf den Ghul los, doch erneut wich er jedem aus. „ … donnernd Schutz und feste Wehr.“ Sieghelm setzte zu einer Finte an, anscheinend war diesem Ghul wohl nicht anders beizukommen. Er täuschte einen Schlag auf die linke Schulter an, drehte dann aber das Schwert so, dass der Hieb von rechts auf den Körper ging. Die Finte hatte der Ghul nicht kommen sehen und so verursachte Sieghelm einen langen Schnitt über den Bauch des Ghuls, der daraufhin sofort aufplatzte und nach Verwesung riechende, blutige Fleischklumpen quollen heraus. Sieghelm hatte den fetten Wamst getroffen, ihm wurde sofort klar, was dort aus der Kreatur heraus fiel, waren halb verdaute Körperteile der Dorfbewohner. Ihm stockte der Atem, und sofort wurde ihm speiübel. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten auf den Kopf und den Rücken, als würde etwas auf ihn fallen. Sofort sah er Krallenhände, die versuchten, sich durch die Schlitze in seinem Helm einen Weg ins Innere zu bahnen. Einer der Ghule musste überlebt haben oder hatte sich versteckt, er hatte Sieghelm von hinten angesprungen und befand sich nun in einer für den Reichsritter sehr gefährlichen Position. Von Panik ergriffen schlug Sieghelm nach sich selbst, oder vielmehr, nach dem Wesen, das auf seinem Rücken kauerte. Er hörte das Fauchen des Ghuls und spürte den nassfauligen Atem in seinem Nacken, als es versuchte, zuzubeißen. Da er mit seinen Hieben der Kreatur nicht beikam und eine Krallen die Schlitze in seinem Held immer weiter öffneten, sprang er beherzt mit dem Rücken voran gegen die Steinwand des Tempels, in der Hoffnung, so den Ghul stark genug zu verletzten, um ihn von sich abzuschütteln.

Es schepperte lautstark, als Sieghelm samt des gesamtem Gewichts seiner Ketten- und Plattenrüstung gegen die Feldsteine sprang. Unter dem Quietschen und Scheppern der Metallteile waren auch knackende Knochen zu hören. Der Ghul fiel schlaff von Sieghelm herab. Der Reichsritter drehte sich sofort um die eigene Achse und trieb die Spitze seiner Klinge voran durch den Brustkorb des nunmehr toten Ghuls bis tief in die hölzernen Planken. Da hörte er das Surren eines Pfeils, welches nur knapp an seinem Kopf vorbeiging. Gefolgt von einem absterbenden Kreischen eines Ghuls. Dem Schrei folgend, blickte Sieghelm in Richtung Altar, wo ein Pfeil in dessen Kopf steckte, dem er zuvor den Wamst aufgeschlitzt hatte. Mit einem lauten ‚Platsch‘, ging damit auch der letzte Ghul tot zu Boden. Sofort fuhr Sieghelm wieder herum und sah zum Eingang des Tempels, wo eine Person stand, ein Bogenschütze. „Ich hatte alles unter Kontrolle“, rief Sieghelm, der anstatt dankenden Worte, eher einen Fluch darüber, dass er eines rondrianischen Kampfes beraubt wurde, auf den Lippen hatte, trotzig.

Teil I – Vorboten (2)

Teil I – Vorboten (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Pferd, auf dem er ritt, schnaufte, denn Sieghelm hielt es schon seit Stunden dazu an, im zügigen Trab, ja fast schon Galopp, über die Reichsstraße zu eilen. Es schepperte bei jedem Schritt, den das Pferd tat, denn die eisernen Hufen wetzten gnadenlos über die seit Jahrzehnten abgeschmirgelten Steine. Immer wieder ritt er dabei an verzweifelt aussehenden Bauern, Händlern oder getürmten Soldaten vorbei, die ihm entgegen kamen. Frauen, Kinder, Familien, die den Magnum Opus des Weltenbrandes überlebt hatten oder die einfach nur nach dem Schrecken, der Wehrheim erfasst hatte, flohen. Immer wieder versuchte Sieghelm für einen kurzen Moment in ihre Gesichter zu blicken und herauszufinden, ob er eines dieser Gesichte erkannte. Doch weder kamen ihm die Wappen, noch die Gesichter der Leute bekannt vor. Also trieb er sein Pferd weiter an, wie er es schon gestern getan hatte. Inzwischen schmerzten ihm die Oberschenkel und sein Hintern und die Innenschenkel juckten, weil sie sich durch den harten Ritt wund gerieben hatten. Nicht nur für das Pferd war der zügige und lange Ritt über Pflastersteine eine Tortur, auch der Reiter wurde dabei einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Doch Sieghelm war entschlossen keine Zeit zu verlieren. Die Nachricht, dass das Regiment seines Vaters Parzalon im Schlachtengetümmel auf dem Mythraelsfeld abgedrängt und aufgerieben sein soll, konnte er nicht glauben. Es hieß, dass man gesehen habe, wie er vom Pferd gestürzt sein soll und dass er nach dem Magnum Opus nicht mehr gesehen wurde. Sieghelm Vater war ein erfahrener Heermeister. Er würde sich niemals in eine solch aussichtslose Situation bringen lassen, davon war Sieghelm überzeugt. Doch was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Der Weltenbrand, der von der Festung Galottas ausging, war so gewaltig, verheerend und gleichwohl willkürlich, dass keine Erfahrung der Welt einem dabei geholfen hätte, sie zu überleben. Wenn Sieghelms Vater also von etwas überrascht werden konnte, dann von dem Weltenbrand, alles andere waren nur infame Behauptungen oder Falschmeldungen, da war er sich sicher. Auch wenn Sieghelm seit seiner Kindheit mit seinem Vater häufiger im Zwist als im Frieden war, so war er trotzdem sein Vater, und es war Sieghelms praios- und traviagefällige Pflicht, nach seinem Vater zu sehen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Und wenn er Hilfe benötigte, würde er durch alle Sphären gehen, um ihm zu helfen.

„Brrrr!“, stieß Sieghelm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das Pferd wurde immer langsamer, bis es ganz anhielt. Sieghelm war jetzt nur noch zehn Meilen von Wehrheim entfernt. Das wusste er genau, denn der Ort, der vor ihm lag, hieß Perz und Sieghelm kannte die Strecke und Entfernung von Perz bis nach Wehrheim auswendig. Doch waren es keine Bauernhäuser, die Perz ankündigten, sondern bis auf die Grundmauern heruntergebrannte Reste einer einstmals schönen Siedlung auf der Reichstraße zwischen Wehrheim und Gareth. Aufgrund des hohen Aufkommens an Durchreisenden hatte die kleine Siedlung mehrere Gasthäuser und Tavernen gehabt. Erst vor kurzem hatte Sieghelm in einer dieser Schenken Halt gemacht. Er musste an die Schankmaid denken, die ihn den Abend bewirtet hatte. Wie war doch gleich ihr Name? Dara? Daria? Oder so ähnlich? Sieghelm hielt sein Pferd dazu an, vorsichtig weiter zu traben. Der Geruch von verbranntem Holz lag in der Luft, denn der Wind wehte die dichten schwarzen Rußwolken direkt zu ihm herüber. Perz lag zu weit außerhalb von Wehrheim, als das es vom Weltenbrannt zerstört werden konnte. Dies konnte nur das Werk von Söldnern oder versprengten untoten Truppen des endlosen Heerwurms sein. „Bei Rondra, Pagol. Perz hatte auch einen Peraine-Tempel!“, stieß Sieghelm schockiert aus, als seine Erinnerung an diesen Ort zurückkehrte. Seine Anrufung richtete sich an seinen Leutnant. Der Dachshund stand etwas schwankend auf seinem kleinen Pfoten auf dem Rücken des Pferdes in einer speziellen Tragevorrichtung, die Sieghelm improvisiert hatte, da er rasch aus Gareth aufbrechen musste. Der Ritter erinnerte sich daran, dass Perz einen Tempel der gebenden Göttin hatte. „Wir müssen nachsehen, ob jemand überlebt hat und unsere Hilfe braucht, Pagol“, entschied er mit entschlossener Stimme. Der braunrote Dachshund verstand sofort und ließ sich vorsichtig am Sattel des Pferdes herab. Kaum war er am Boden angekommen, flitzte er auch schon los. Sein kleines Halsband schepperte dabei über die Pflastersteine der Reichsstraße. Sieghelm hatte keine andere Wahl, er gab seinem Pferd wieder die Sporen, um mit dem vorschnellenden Leutnant mithalten zu können.

Als er und Pagol zwischen den verbrannten Bauernhäusern ankamen, wurde Ihnen schnell klar, dass dies das Werk von unzufriedenen Söldnern Galottas war, die sich wohl noch rechtzeitig davongestohlen hatten, um nicht selbst vom Weltenbrand erfasst zu werden. An dem Querbalken der Pforte des Gasthauses hatten diese ruchlosen Söldner den Wirt und seinen Knecht aufgeknüpft. Für sie kam jede Rettung zu spät. Wahrscheinlich hatten die Söldner alles gründlich geplündert und die Weiber des einstmals idyllischen Wegortes geschändet, bevor sie es in Brand gesteckt hatten. Auf Sieghelms Miene zeichnete sich eine tiefe Unzufriedenheit ab. Er wünschte sich hier gewesen zu sein, um diese Gräueltat verhindern zu können.

Mit bitterem Schwermut holte Sieghelm die Leichname der beiden Männer vom Querbalken herunter und legte sie ordentlich an den Zaun. Er beschloss sie später wie ein guter Gläubiger der Zwölfe beizusetzen, doch zuerst wollte er nach dem Perainetempel sehen. Nachdem er die Männer an den Zaun gelegt hatte, trafen sich seine und die Blicke Pagols. Er musste sofort daran denken, dass er eigentlich auf der Mission war, seinen Vater zu suchen. Doch konnte er auf der Reise dorthin nicht sich selbst und seine ritterlichen Schwüre vergessen. „Ich kann nicht anders, Pagol. Ich muss das tun“, sagte er im entschuldigenden Tonfall zu seinem Hund, dessen trauriger Blick und die herabhängenden Ohren ihn in seiner trübsinnigen Stimmung in keinster Weise aufmunterten. „Ich werde mich später um die Zwei kümmern. Komm, lass uns nach dem Tempel sehen.“ Mit schweren Schritten ging er zusammen mit Pagol an verbrannten, einstmals mit Leben gefüllten Häusern vorbei. Sein Gesicht war rußig, denn der schwarze Rauch fing sich in dem Schweiß auf seinem Gesicht und legte sich über seine Haut wie eine zweite, schmierige Schicht, die ihn nicht vergessen ließ, was hier fürchterliches geschehen war. Der Tempel der Göttin der Saat befand sich zwischen zwei Feldern und war größtenteils aus Stein gebaut. Nur der Turm, von dem man über die Felder blicken konnte, war aus Holz errichtet worden. Als Sieghelm quer über das Feld lief, entschuldigte er sich bei Peraine dafür, doch es gab keine Bauern mehr, die dieses Feld bewirtschafteten. Schon von weitem sah er, dass der hölzerne Turm des Tempels nicht mehr stand. Er war bis zum Boden niedergebrannt und schwarzer Rauch quoll aus den Überresten hervor. Der aus Stein gebaute Teil schien jedoch noch erhalten zu sein, was dem Reichsritter ein wenig Hoffnung gab. Als die beiden die eingeschlagene Eingangstür erreichten, tat Pagol das, was ein guter Wachhund tat, wenn er eine Bedrohung witterte: Er knurrte. Sieghelm verlor keinen weiteren Gedanken und reagierte sofort auf das Warnsignal seines treuen Weggefährten. Mit einem langen *Ziiing*, surrte sein göttlicher Anderthalbhänder aus der Rückenscheide. Mit einem kräftigen Tritt ließ Sieghelm die ohnehin eingeschlagene Tür des Tempels aus den Angeln fliegen. Fast zeitgleich schnellten Pagol und Sieghelm kampfbereit durch den nun türlosen Rahmen und was sie sahen, ließ beiden einen kalten Schauder den Rücken hinunterfahren.

Teil I – Vorboten (1)

Gassi in Wehrheim – Teil II

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Ordensgroßmeister

Sie kamen an einer Kreuzung an, ihnen entgegen rumpelte schweres Gerät. Drei große Rotzen wurden mit Hilfe von Bullen über die breite Reichsstraße gezogen, während die Wehrheimer Bürger souverän auswichen. Hinter den Rotzen folgten zwei Banner Lanzerinnen, welche Sieghelm sofort erkannte. Es waren die Farben der Ferdoker Garde, angeführt von der Marschallin Angunde von Falkenhag. Die Koscherin war bekannt dafür hauptsächlich Frauen in ihrer Garde aufzunehmen. Sie war eine rondrianische Kriegerin durch und durch. Auch wenn Sieghelm ihr nie persönlich begegnet war, so hatte er schon viel über ihr Kampfgeschick gehört. Während Sieghelm wie ein Schaulustiger den heranrumpelden Rotzen und den Lanzerinnen zusah sah, schlüpfte Pagol in eine Seitengasse, er wollte wohl nicht unter die Stiefel – oder die Räder kommen. Als er Laut gab und wartend zu Sieghelm blickte, folgte dieser überrascht dem Leutnant. „Hast du gesehen Pagol, das war Angunde von Falkenhag, sie …“ begann er euphorisch zu beschreiben, doch als er den missbilligenden Blick seines Hundes sah, unterbrach er sich. Sie waren in eine schmalere und nicht ganz so stark belebte Straße eingebogen. Ein rascher Blick offenbarte, dass sie wohl hinter die Brauerei geraten waren, tiefe und breite Häuserbögen zogen sich hier längst entlang. Der Brauerei verkaufte hier direkt aus dem Haus ihr gutes Helles, doch in den Morgenstunden war hier kaum etwas los.

„Lass mich doch einfach glücklich sein.“ schoss es aus Sieghelm heraus, der endlich Ansprach worauf Pagol schon seit der Garnison hinauswollte. „Alle sagen immer ich sei so angespannt und wirke unglücklich und missmutig … ja ich kriege das Geflüster durchaus mit.“ schickte er noch schnell hinterher. „Da werd ich doch wohl auch Mal … glücklich sein dürfen.“ verteidigte er sich erneut, von Pagol kam kein Widerspruch. Etwas widerwillig stieß Sieghelm einen Kiesel auf dem Pflaster mit seinem Stiefel an. „Es …“ seine Stimme wurde leiser und tragender. “ … ist gestern etwas eingetreten, worauf ich seit über zehn Götterläufen schmerzlich warten musste.“ Das erste Mal sah Pagol seinen Herrn fragend an, kurz nachdem er an einem leeren Bierfass geschnüffelt hatte. „Ich werde dafür wohl etwas ausholen müssen.“ Erneut zog er tief Luft durch seine Nüstern. Sein Blick ging gen Himmel, wo die weißen Wolken den blauen Himmel verdeckten. „Es war ebenfalls an einem frischen Peraine-Tag, ich sollte zum Schildknappen meines Ritters ernannt werden. Anlässlich dieser Feier war Trautmann nach Dettenhofen zu unserem Stammsitz zurückgekehrt um den Tag mit meiner Familie zu feiern. Alle waren da – zumindest kam es mir damals so vor. Meine Eltern, Mutter Gwynna und Vater Parzalon, Bruder Traviahold, Bruder Torald, Tante Sieglinde mit ihrem Mann Baltram, Oheim Melcher – ja sogar Tante Leonore war extra aus Rommilys angereist und hatte sich von den Mephaliten für eine paar Tage frei genommen. Ach … und … ja, Großvater Torion der Gütige. Wir alle wussten noch nicht, dass Boron ihn bald zu sich holen würde.“ Sieghelm schluckte kurz und wurde wehmütig als er seinen Großvater erwähnte. Erneut stieß er den Kiesel mit der Spitze seines Stiefels über die Pflastersteine. „Sie waren alle da, es sollte eine schöne Feier werden. Trautmann hatte sie alle kommen lassen und kümmerte sich ohne mein Wissen um die Feierlichkeiten. Wir waren in unserem Anwesen in Dettenhofen, alles war geschmückt mit Frühlingsblüten, Tante Sieglinde hatte extra mehrere Rondrawimpel gestickt und aufhängen lassen. Sie hatte meinen Namen eingestickt. Ich kann mich noch genau daran erinnern.“ Sieghelm spurte mit den Händen dem Schriftzug nach. „Sieghelm der Schildknappe“ – das lustige war, sie stickte anstatt des ‚d‘ in Schildknappe ein ‚t‘ – und das gleich sechs Mal.“ Sieghelm musste kurz lachen „Sie hatte schon immer Schwierigkeiten beim schreiben, wohl auch der Grund warum sie mir immer Bilder schickte anstatt Briefe zu schreiben.“ Pagol gab laut, als er hinter ein paar abgestellten Fässern mit frischen Pfeilen hervorkam weil er dort eine Maus gesehen hatte. Erneut zog Sieghelm laut Luft ein und setzte dann seine Erzählung fort: „Es hätte ein perfekter Tag werden können. Doch Torion, mein älterer Bruder, hatte an dem Tag keine Lust daran teilzunehmen. Er hatte irgendeinen ‚wichtigen‘ und ‚unaufschiebbaren‘ Termin im Magistrat, es ging wohl um irgendeine Prüfung. Ich hörte wie Vater und Mutter miteinander diskutierten. Mutter bezog meinen Standpunkt, dass dies doch mein Tag sei und dass sich mein Bruder auch mal unterordnen könne. Doch mein Vater ergriff für meinen Bruder Partei. Er sagte so etwas wie ‚er solle wie ein Erstgeborener erzogen werden‘ und ‚das er sich seinem kleinen Bruder nicht unterzuordnen habe‘. Es sei ‚Praios Wille‘. Kurzum … mein Vater war zusammen mit Torion nicht bei der Feierlichkeit dabei. Die Stimmung war wegen ihrer Abwesenheit nicht so gut. Keiner Sprach darüber, dass mein eigener Vater bei meiner wichtigen Ernennung zum Schildknappen nicht dabei war und es lieber vorzog seinem Erstgeborenen zu Unterstützen. Der einzige der sich traute etwas zu sagen war Großvater. Ich kann mich noch daran erinnern, dass er es als ‚beschämend für die ganze Familie‘ bezeichnete. Des Anstands wegen stimmte ihm jedoch niemand zu – nicht einmal Mutter.“ Beim dritten Tritt gegen den Kiesel klonkte lautstark er gegen eine Häuserwand und verschwand dann in einem Abflusskanal. Pagol wetzte in dem Versuch ihn zu retten hinterher, doch er war nicht schnell genug. Traurig blickt er zu seinem Herrchen

„An dem Tag, diesem für mich so wichtigen Tag … war ich anfangs so stolz auf mich, dass Trautmann mich zum Schildknappen nahm. Doch Vater ruinierte ihn mir, indem er mir zeigte, dass er nicht stolz auf mich war. Sein Erstgeborener war ihm wichtiger. Da wurde mir klar, dass die Knappschaft nur eine Geste war um mich abzuschieben, er wollte mich fort haben, weg von seinem perfekten Erstgeborenen. Ich war wütend, mitten in der ‚Feier‘ die eh keine war, warf ich eine Schüssel mit Suppe wütend auf den Boden, so stark, dass selbst Jahre später die Spritzer davon im zweiten Stock an den Wänden zu sehen waren.“ Sieghelm schloss zu Pagol auf, erneut kamen sie an eine Kreuzung. Vor ihnen marschierten gerade wieder einige Banner durch die Stadt in Richtung Rahja. Vor ihnen klapperten im zackig militärischen Schritt schwer gerüstete Infanteristen über die Straße. Es waren Rondrageweihte und Laienbrüder, angeführt von Rondriana Siebenstreich, der Meisterin des Bundes der Senne der Mittellande. Pagol setzte sich und machte instinktiv ‚Männchen‘. Ein paar Momente beobachteten die beiden stumm wie die Rondrakieger mit ihren Rondrakämmen an ihnen vorbeizogen. Auch Sieghelm nahm Haltung an, bis zu dem Moment an dem sie sie passiert hatten. Dann setzte er mit hängenden Schultern fort: „An dem Abend hatte ich mich etwas geschworen, wie mir nun bewusst geworden ist, ich habe mir geschworen an mir zu arbeiten und zwar härter als zuvor und noch härter als mein Bruder. Ich wollte meinen Vater einen Grund geben stolz auf mich zu sein, mit etwas, dass ich mit meiner eigenen Arbeit geleistet hatte, und nicht, was mir in die Wiege gelegt wurde. Das muss wohl auch der Grund sein, warum ich später die Versuche meines Vaters mich in den Gänseritter-Orden zu geben ablehnte. Es wäre wieder etwas gewesen, was nicht ich selbst vollbracht hätte. Versteht du mich?“ Schloss Sieghelm seine Erzählung mit einer überraschenden Frage. Der Leutnand blieb adhoc stehen, fast wäre er über seine kurzen Beine gestolpert. Er blickte hin- und her, so als würde er grübeln. Dann gab er zustimmend laut. „Ja du hast recht, ich bin diesem Versprechen was ich mir unbewusst gegeben hatte, mein ganzes Leben hinterher gerannt. Und dieser Druck … dieser …“ Sieghelm formte mit einer Hand eine Klaue und legte sie sich symbolisch um den Hals. “ … enorme Druck schnürte mich ein und nahm mir die Luft. Ich musste immer besser sein, immer noch etwas mehr erreichen. Für … ja ihn … für meinen Vater. Damit er endlich stolz auf mich sein kann.“ Mit Druck prustete der Ordensgroßmeister all seine Luft aus. Sofort entspannten sich seine Muskeln und sein Rücken wurde gerader.„Gestern im Heerlagerzelt unter dem Banner Dettenhofens und meiner Familie, wurde ich noch einmal in meine Kindheit versetzt. Ich kam mir so winzig vor … da … passierte das Unerwartete.“ Sieghelm hielt an, ein frischer Peraine-Wind erfasste ihn und Pagol und pfiff durch die Straße. Sieghelm sah Pagol mit feuchten an und sagte: „Vater sagte, er sei stolz auf mich.“

Gassi in Wehrheim – Teil I

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Ordensgroßmeister

Es war der frühe Morgen des 13. Peraine 1027 nach Bosparans Fall, als Sieghelm zusammen mit seinem Leutnant seine Stube auf Burg Karmaleth verließ. Es wehte ein seicht frischer Wind durch die Gassen der Stadt. Es war einer dieser Peraine-Tage, die eine Aussicht darauf gaben, dass der Frühling angekommen war und es bald wärmer werden würde. Sieghelm, dem die morgendliche frische nicht ausmachte, ja die er sogar begrüßte, war nur in seiner schwarzen gefütterten Unterkleidung für die Tür gegangen, welche er stets unter seiner Rüstung trug. Zahllose an seiner Unterkleidung befestigte Nestelbänder flatterten im morgendlichen Wind, sobald er durch eine Wehe schritt. Er hatte Burg Karmaleth verlassen und war in die Straßen Wehrheims gegangen um der Stadt dabei zuzusehen wie sie erwachte. Auch wenn eine große Armee aus dem Dämonenkaiserreich Transylien vor der Tür stand, so gingen die Wehrheimer darpatisch stoisch ihrem täglichen Geschäft nach.

Sieghelm musste kurz anhalten als er und Leutnant Pagol an einem Zuckerbäcker vorbeikamen, der dabei war seine tägliche Auslage vorzubereiten. Warme und knackfrische Zimtschnecken, Zuckerkränze und Wehrheimer Batzen verbreiteten einen angenehm süßen Duft in der schmalen Gasse. Pagol war hellauf begeistert und bekam mit dem Kommentar ‚Ach der ist aber niedlich‘ vom Zuckerbäcker ein kleines Stück von einem dieser köstlichen Wehrheimer Batzen, was Sieghelm gar nicht gefiel. Aber Pagol hatte auch all seine ihm gegebenen Fähigkeiten ausgeschöpft als er quiekend jämmerlich jaulte als hätte er seit Monden nichts mehr richtiges zu Essen bekommen, nur um sich direkt danach wie eine Rommilyser Landjägerwurst im Staub hin- und her zu wälzen und sich vom Zuckerbäcker am Wamst kraulen zu lassen. „Einen prächtigen Morgen, edler Herr!“ wünschte ihm der Bäcker fröhlich mit seinem mehligen Händen und seinen deutlich von der eigenen Auslage rund gewordenen Bauch, als er den Leutnant fütterte. „Auch dir einen guten Morgen, Bäcker.“ entgegnete Sieghelm nur und schnalzte dann mit der Zunge, was das Zeichen für Pagol war wieder bei Fuß zu kommen.

Als Pagol wieder zu Sieghelm aufgeschlossen hatte, fragte er: „Sieh dir nur diese Straßenzüge an, Pagol – sind sie nicht prächtig?“ Die beiden liefen aus einer Seitengasse auf eine der rechtwinklig angeordneten großen Hauptstraßen zu. Große, teils drei oder vierstöckige Prachtbauten drängten sich dicht an dich aneinander. Kaufmannshäuser, Läden, Handwerker und wehrhafte Kasernen gingen ohne Platz zu verschwenden ineinander über. Hier kreuzten sich die Reichsstraßen 1 und 2, die am meisten genutzten und am besten ausgebautesten Straßen des gesamten bekannten Reichs. Wehrheim war, neben Gareth, der Nabel der Welt – zumindest aus Sicht eines jeden Wehrheimer Bürgers. Pagol reckte sein Köpfchen nach oben und betrachtete wohlwollend die bunt bemalten Gebäudefassaden. Auch wenn es noch sehr früh war, so waren die beiden Reichsstraßen immer belebt. Handwerker, Kaufmänner und Bürger liefen zielstrebig hin- und her. Einige Fuhrwerke standen am Rande der Straßen und kräftige Männer und Frauen hieften Säcke, Fässer und Kisten entweder herauf – oder herunter. Sieghelm und Pagol kamen an einer Gruppe Kaufmännern vorbei, die aufgeregt miteinander diskutierten. Einer von Ihnen hielt eine feine silberne Reisewaage und balancierte darauf etwas. „Drei Silber je Unze, und keinen Deut mehr!“ rief er. „Das ist nicht annehmbar. Bei den Oberburgheimers bekomme ich vier Silber, ihr wollt mich übervorteilen!“ Doch Sieghelm interessierte sich nicht dafür. Freute sich jedoch, wie selbstverständlich die Wehrheimer weiter ihren Geschäften nachgingen. Für einen Wehrheimer Bürger zählte es zur Normalität, dass Heere und Dämonen vor der Tür standen. Man saß soetwas einfach aus – und warum sollte man sich die Zeit die man saß nicht mit etwas Sinn stiftenden verbringen?

Pagol sah Sieghelm forschend an, so hatte er seinen Herrn noch nie gesehen. Er schritt leichtfüßig über die Pflaster der Reichsstraße. Blickte hie- und dort nach links und rechts, schmunzelte ab und an und – wenn man ganz genau hinhörte (und das konnte Pagol nunmal besser als alle anderen) – konnte man sogar ein melodisches Summen vernehmen. Pagol gab besorgt laut und sofort sah Sieghelm ihn an. „Was denn? Ist es nicht ein schöner morgen, Pagol?“ Sieghelm eher rhetorisch gemeinte Frage, ließ Pagol kalt. Er fixierte ihn mit einem durchdringend fragenden Blick. „Ich werde doch auch mal glücklich sein dürfen.“ argumentierte er aus der defensive heraus, doch Pagol ließ nicht locker. Sie umrundeten ein Fuhrwerk. dass mit großen ovalen Fässern, die leer aus dem großen Gasthaus ‚Bei Mutter Travine‘ gerollt werden, beladen wird. Sieghelm holte tief Luft, ein Zeichen dafür, dass er wohl zu einer längeren Erklärung ansetzte. „Wir stehen kurz vor einer bedeutenden und großen Schlacht. Nicht so groß wie die vor fünf Götterläufen, aber trotzdem, groß. Fast fünftausend Söhne und Töchter Darpatiens lagern auf dem Mythraelsfeld vor den Toren der Stadt und fast genauso viele Heerschaaren des Dämonenkaiserreichs laufen rastlos auf uns zu. Sie werden wohl in kürze den Dergel überqueren und in bälde kommt es zur Schlacht. Wir werden einen nicht unerheblichen Anteil daran haben. Ich werde unser Halbregiment – unser eigenes – ins Feld führen und bis ins Zentrum des gegnerischen Heerwurms vorstoßen lassen um ein Ei … kein normales Ei … dorthin zu bringen um eine Art Entzauberung stattfinden zu lassen. Die letzten beiden Jahre waren … sehr ereignisreich und hätte man mir dies vor zwei Götterläufen gesagt, hätte ich gelacht.“ Inzwischen standen sie vor einer der Stadtkasernen, zwei müde Nachtwachen kurz vor Wachwechsel hingen dort vor dem Kasernentor. Da sie den Ordensgroßmeister nicht erkannten, machten sie auch keinerlei Anstalten Haltung anzunehmen. Vom Innern des Kasernenhofs her schallten gebrüllte Kommandos auf die Reichsstraße. Pagol, der den längeren Monolog seines Herrchens nutzte um sich an der steinernen Kasernenmauer zu erleichtern, schüttelte seine kurzen Beine und starrte Sieghelm dann wieder an. Einer der Wachen, erwachte aus seiner lethargischen Haltung als er mitbekam, dass sich der Dachshund an der Kasernenmauer erleichterte. Sofort versetzte er sich selbst in eine belehrendere Haltung und stiefelte wie ein Lehrer der seine Schüler beim Spicken erwischt hatte zu Sieghelm und Pagol herüber. Er musterte Sieghelm kurz von unten nach oben, doch außer einen großen kräftigen Mann in schwarzer Unterkleidung mit lächerlich vielen Nästelbändern konnte er nicht erblicken. „Entschuldigen Sie, ist das ihr Dachshund?“ frug der Gardist mit anklagender Stimme. Sieghelm blinzelte als er in seinem Gedanken unterbrochen wurde und sah zu dem Gardisten mit den dicken Tränensäcken. „Ja, gibt es ein Problem?“ Sieghelm stemmte die Fäuste in die Hüfte und reckte seine Brust. Er war etwas größer und viel kräftiger als die Torwache. Als der andere Gardist bemerkte, dass sein Wachkamerad entgegen jeglicher Vernunft kurz vor Wachwechsel plötzlich einen Anfall von praiotischem Ordnungswahn zu entwickeln schien, erschrak er und war für den nächsten Moment in seinem inneren moralischen Kampf gefangen der da hieß: Wachstube und Auffälligkeitsbericht schreiben oder … Bett. „Ja, denn ihr Hund hat gegen die Kasernenmauer gepisst – und streng genommen ist das …“ begann die Torwache anklagend. „Streng genommen hast du auch nicht nur den Hauch einer Ahnung mit wem du es hier zutun hast, Torwache.“ Das letzte Wort dehnte Sieghelm so in die länge dass es schmerzte, zudem klang es so, als würde er es ausspucken wollen. Während der eine Gardist noch immer in seinem inneren moralischen Konflikt gefangen war, und der andere gerade die höchst selbstzerstörerische ‚Wer seid ihr denn?‘-Frage stellen wollte, holte Sieghelm erneut tief Luft um der der Torwache vorweg zu kommen. „Ich bin Sieghelm Gilborn von Spichbrecher, Ordensgroß …“ den Rest kennt Ihr bereits und ich erspare ihn Euch. Springen wir zum letzten Teil: “ … und das ist Leutnant Pagol, und selbst dieser Dachshund steht im Rang über dir, wenn der Leutnant also gegen eure Kasernenmauer zu … urinieren … gedenkt, dann tut er dies nicht in der Absicht sie herabzuwürdigen, sondern um sie zu veredeln.“ Die andere Torwache hatte sich inzwischen für das ‚Bett‘ entschieden und war wie von Sumus Leib verschluckt. Das einzige was man noch hören konnte war das laute Schlucken des Gardisten. Mit fiepsend dünner Stimme brachte er dann abbrechend hervor: „Einen angenehmen Tag noch, euer edler Herr Reichsritter.“ „Euch auch, Torwache.“ entgegnete Sieghelm mit überspitzt freundlichem Ton, drehte sich um, schnalzte mit der Zunge und ging.

„Also Pagol, wo waren wir?“ Die beiden gingen weiter auf der belebten Reichsstraße und wurden von einer frischen Windböe erfasst. Pagol tapste neben seinem Herrn und blickte ihn wieder durchdringend an, denn noch immer war Sieghelm ihm eine Erklärung schuldig geblieben.

Aus der Geschichte lernen

Unterdessen in der Akademie Schwert & Stab zu Gareth-Schlossviertel

Drei Mal ertönte ein dumpfes Pochen an der Tür der Scholarenstube. Der Raum war klein und schlicht eingerichtet. Zwei einfache Steckbetten sowie zwei dazugehörige Nachtschränke, zwei sich gegenüber liegende kleine Sekretäre aus Eichenholz und ein großer Kleiderschrank aus einfacher Fichte in der Mitte, den sich Candidatus Voltan mit seinem Stubenkameraden Corelian, der ebenfalls kurz vor seiner Examinatio stand, teilen musste, waren Bestandteil der Inneneinrichtung. „Jaaa, was ist denn da schon wieder?“, zischte der junge Candidatus, der spontan Kopfschmerzen bekam, da es heute schon das dritte Mal war, dass er während seiner Studien gestört wurde. Er schob geschwind ein Lesezeichen an eine Stelle des Codex Albyricus und drehte sich auf dem einfachen Sekretärsstuhl zur Tür herum. Herein flog ein weiterer junger Mann in Voltans Alter. Die Türe war noch nicht ganz auf, da sprudelten schon die ersten Wörter aus dem jungen Magier heraus, er schien sehr aufgeregt zu sein: „Voltan! Ich habe Neuigkeiten! Das wird dich umhauen!“ Voltan schnaufte verächtlich und rollte mit den Augen. Er, der gerade konzentriert, ruhig und angestrengt studierte und nun latent genervt war, hatte im Moment eine gegensätzliche Stimmung zu seinem Stubenkameraden, der allem Anschein nach aufgeregt, laut und überschwenglich war.
Voltans Stubenkamerad schloss die Tür wieder hinter sich und blickte dann verstohlen zu ihm. Er setzte sich dann zackig auf eine nahe Bettkante. „Was gibt es denn so dringendes, Cori?“ Voltan gelang es nicht, seinen Unmut in seiner Stimme zu verbergen, er gab sich allerdings auch keine große Mühe. Passend dazu war besagter ‚Cori‘, der mit vollständigen Namen Corelian Arelis von Gareth hieß, von der Unstimmung seines Gegenübers vollkommen unbeeindruckt und fuhr fort: „Ich war vorhin kurz zu einem Kehlentänzchen im Lichthof …“, begann Corelian im verschwörerischen Tonfall mit gedämpfter Stimme im Plauderton zu erzählen. Mit ‚Kehlentänzchen‘ meinte er ein gekühltes Vollbier zu trinken. Es war üblich, dass sich mit jeder Generation junger Scholaren neue Bezeichnungen entwickelten, die das Trinken von Bier oder Wein auf eine verspielte und neckische Weise umschrieben. Und mit ‚Lichthof‘ meinte er die der weißmagischen Akademie Schwert & Stab nahe gelegene Gastwirtschaft in der Flachshauergasse. Viele Scholaren der Magierakademie verkehrten dort, aber nicht nur die, sondern auch junge Mitglieder der Stadt des Lichts. Da beide Einrichtungen dem Göttervater Praios gefällig waren, hatte sie eine größere Schnittmenge an Interessen und Gesprächsinhalten. Die Wirtschaft, die den passenden Namen ‚Lichthof‘ hatte, warb mit günstigen Spirituosen aller Art und zünftiger Hausmannskost zu jeder Tag- und Nachtzeit. Den Studiosi der Akademie, die nicht viel Handgeld bekamen, aber auch den jungen Praiosdienern, kam dies zupass, denn beide hatten nur wenig Geld zur Verfügung und in ihrer spärlichen Freizeit taten sie das, was alle jungen Männer und Frauen gerne taten. Sie selbst nannten es: ‚Einen Ritt mit der Himmelsstute auf dem Pfad des lieblichen Rauschs absolvieren‘. Eine blumige Umschreibung dafür, sich bis kurz vor der Besinnungslosigkeit mit billigem Bier abzufüllen, dabei allerlei Würfel- und Kartenspiele zu spielen und hin- und wieder ein körperliches und geistiges Kräftemessen zu vollziehen. Für All dies stand der ‚Lichthof‘ in der Flachshauergasse.
„Im Lichthof? Cori – es ist gerade mal kurz nach der Mittagsstunde!“ Voltans Versuch empört zu klingen scheiterte. Was von Corelian nur mit einem verschmitzt wissenden Grinsen quittiert wurde, dem sich auch Voltan nicht erwehren konnte. „Willst du jetzt wissen was ich gehört habe, oder nicht?“, fragte Corelian gespielt empört. „Nun, genau genommen …“, spottete Voltan desinteressiert. Jetzt, da er ohnehin schon gestört und aus seinen Studien herausgerissen wurde, konnte er eine kleine Abwechslung ganz gut gebrauchen und war an der Neuigkeit aus dem Lichthof interessiert. Corelian knuffte Voltan gegen die Schulter woraufhin Voltan bis über beide Ohren grinsen musste. „Nun hör zu, das interessiert dich wirklich … ich meine … wirklich wirklich.“ Corelians wechselte vom Plauderton in einen, trotz simpler Wortwahl, bedeutungsschwangeren Tonfall. Sofort war Voltan klar, dass es sich um keine alberne Komabesäufnisgeschichte oder ein peinliches Rahjaspiel eines Kommilitonen handelte. Sein Stubenkamerad hatte wirklich etwas Ernstes auf dem Herzen. Voltan vollführte eine Geste, um seinen Gesprächspartner dazu zu veranlassen fortzufahren. „Am Nachbartisch unterhielten sich ein ein paar Lichtis miteinander.“ An dieser Stelle soll erwähnt sein, dass ‚Lichtis‘ die sehr gut behütete akademieinterne Bezeichnung für alle Arten von Praiosdienern war. „Ich hörte wie sie sich darüber unterhielten, dass sie zwei Kisten bekommen haben, in denen die Überreste von Greifen drin sind. Beide wurden, mittels eines Dschinns, geschickt von diesem tulamidischen Graumagier aus Punin.“ Nachfolgendes Wort sprachen sie seufzend gemeinsam aus: „Nehazet.“ Voltan und Corelian hatte beide schon von dem Magus gehört, ein Graumagier der im traditionell traviagefälligen Rommilys zum ‚Propheten‘ ausgerufen wurde, konnte schwerlich unbekannt bleiben. Die Entwicklung war für mehrere Tage an der Akademie Schwert & Stab ein heiß diskutiertes Thema. „Doch das ist nicht alles. Es ist nicht der erste Greif der … bei Praios … können die das überhaupt … ‚gestorben‘ ist. Die Kisten sollen aus den Sicheln geschickt worden sein. Dort geht etwas vor, sag ich dir.“ Voltan prustete. Für einen Moment versank er in seinen Gedanken, denn er musste in seiner Erinnerung kramen, um diese neue und geheime Information mit seiner Vergangenheit zu verknüpfen.

„Cori, hast du eigentlich nur eine geringste Ahnung was das bedeuteten kann?“, fragte Voltan, doch Corelian schüttelte nur den Kopf. „Keine Ahnung. Ich wollte dir das nur erzählen, da du dich doch so für Greifen interessierst … ich meine … auf deinem Nachttisch liegt das Verzeichnis der bekannten Greifen und ihrer sagenumwobenen Geschichten. Und jedes Mal wenn wir beim Kehlentänzchen über die Lichtis sprechen langweil … ähh ich meine erzählst du uns eine andere Geschichte von diesen edlen Geschöpfen des Göttervaters.“ Corelian versuchte seinen fast begangenen Fauxpax mit besonders bedeutsam gesprochenen letzten Worten wieder gut zu machen. „Nein, ersthaft Cori … warte …“ Der junge Spichbrecher drehte sich knarzend auf dem Sekretärsstuhl herum, zog ein Buch aus dem Stapel auf seinem Tisch und blätterte hastig darin um. „Dies ist die Chronik aus dem Jahre 1022. Genau genommen aus …“ „Du meinst 29!“, fuhr Corelian harsch dazwischen. Die Kommilitonen führten einen seit acht Götterläufen ausgefochtenen Kleinkrieg zum Thema Zeitrechnung. Voltan hatte von klein auf die Zeitrechung ‚Nach Bosparans Fall‘ beigebracht bekommen und führte diese deshalb auch fort, zumal sie in akademischen Kreisen auch anerkannter war. Corelian hingegen war, wohl auch wegen seiner Blutlinie, ein Verfechter für die neu eingeführte Zeitrechnung ‚Nach Hal‘. Beide jungen Männer blitzten sich kurz an, doch beide wussten, dass jetzt nicht der Moment war um darüber zu diskutieren. Voltan setzte erneut an: „Genau genommen aus dem Traviamond. Es ist eine Auflistung aller bekannter Greifensichtungen. Das besondere daran ist, dass zu der Zeit die Heptarchen versucht haben, Irrhalken über die Schwarzen Sicheln und die Trollzacken zu schicken.“ Voltan deutete mit den Finger auf mehrere Stellen in denen von Greifen und Irrhalken die Rede ist. „Praios sei dank, waren damals die Greifen da, um sie abzufangen – es kam zu vielen erbitterten Kämpfen in der Luft.“ Er schlug die nächste Seite auf, welche eine Schnellskizze von einem Greifen und einen Irrhalken war, die sich in der Luft spektakulär bekämpften. Corelian vergrub sein Kinn in seiner hohlen Hand und blickte angestrengt in die Chronik, unterdessen fuhr Voltan fort: „Vor vier Götterläufen hatte Galotta schon einmal probiert, die Lufthoheit zu erlangen – und war gescheitert.“ Die Jungs nickten beide. Auch wenn sie zu der Zeit erst 14 Götterläufe alt waren, so hatten sie von dem vorangegangenen Krieg, welcher als 3. Dämonenschlacht in die Geschichte eingesehen sollte, und den Gebietsgewinnen der Schwarztobrier alles mitbekommen.
Voltan blätterte erneut um. Neben dem Text, welcher den Kampf zwischen den Wesen des Lichts und denen der Dunkelheit beschrieb, war eine Schwarz-Weiß Zeichnung zu sehen. Es zeigte eine Darstellung mehrerer Greifen, die abstrakt aussehende Flugmaschinen über den Trollzacken angriffen und zum Absturz brachten. „Diese dämonischen Flugmaschinen flogen im Phex- und Perainemond von Schwarztobrien über die Zacken und die Sicheln, nichts – absolut nichts – hätte sie aufhalten können, außen den Greifen. Nur dank ihres selbstlosen Einsatzes wurden sie zerstört, noch ehe sie die Städte erreichten.“ Im Gesicht von Voltans Mitbewohner konnte man sehen, wie er begann zu verstehen, worauf er hinaus wollte. „Moment, willst du damit sagen, dass …“, begann er. „Ganz genau“, beantwortete Voltan dessen Frage, noch bevor er sie zu Ende ausgesprochen hatte. Ein langer Moment der Ruhe folgte. Corelian verstand, worauf sein Kommilitone hinaus wollte und es ließ ihn schlagartig erschaudern. Nervös kratzte er sich am Kinn, während Voltan mit einem lauten Knall die Chronik zuklappte, um dann den jungen Spross des Hauses Gareth mit einem durchdringenden Blick zu belegen.

„Wir müssen das berichten“, brach Corelian mit zaghafter Stimme das Schweigen. Es klang fast wie eine Frage. „Nein, man kann nicht wissen wo die Spione der Heptarchen sich überall verstecken.“ Er legte die Chronik wieder zu den anderen Büchern und klappt auch den Codex Albyricus vorsichtig zu, in dem er vorhin noch gelesen hatte. Dann stand er auf, griff nach seinem Magierstab und sagte: „Ich habe eine bessere Idee.“

Protektorat

Es klebte noch Blut an seinen Händen, als sich Sieghelm von den Zinnen abwandte. Den abgeschlagenen Arm von Ser Geromar hielt er noch immer am Handgelenk fest, so dass das Körperteil des Paktierers schlaff herunter hing. Die Trennung vom Torso war noch nicht lange her, weshalb noch immer tiefrotes Blut aus der von Bothor grob abgetrennten Stelle am Oberarm auf die Steine sickerte. Er blickte auf seine rechte Hand. Sie war so voller Blut, dass das fahle Licht des Madamals sie zum Glitzern brachte. Er spürte auch Haare zwischen seinen Fingern, es waren die Haare des Burgritters, denn nachdem er seinen Kopf mit einem einzigen und mächtigen Hieb abgetrennt hatte, hatte er ihn am Schopf gepackt und bis hier hoch getragen. Als dann der Greif, reitend auf einem aus Alveran geschickten Lichtstrahl, heranflog, warf Sieghelm ihm den Kopf mit all seiner Kraft, aus einem Instinkt heraus, entgegen. Beim Sturz machte der Greif keinen einzigen Laut. Er war so grazil und vollkommen lautlos bei seinem Flug, dass das einzige Geräusch, das der Großmeister vernahm, das Knacken und Zerbrechen des Schädels war, als der Greif seine Krallen tief in ihn hinein trieb. Sieghelms junges Herz pochte ihm bis zum Hals, er hatte aus dem Stegreif eine pathetische und erklärende Rede an die Burgbewohner gehalten – es geschah eben nicht oft, dass ein fremder Reichsritter vorbeikam und den Burgherrn köpfte.

„Ser! Ser!“, erklang die Stimme von Perainius, als dieser die Wendeltreppe mühevoll hinter sich gebracht hatte und nun seinem Ritter laut atmend entgegen stolperte. „Perainius“, entgegnete Sieghelm knapp, sein Blick wandte sich von seiner blutverschmierten Hand ab, während er die darin verklebten Haare des ehemaligen Burgherrn zwischen den Fingern hin und her rieb. „Ser – die Bewohner der Burg – sie …“, Perainius‘ Stimme brach immer wieder ab, da er Mühe beim Atmen hatte, denn er war die Wendeltreppe so schnell er konnte heraufgeeilt. „… sie sind alle – auf die Knie gefallen – was ist passiert. Oh bei der Gebenden Göttin – geht es euch gut, Herr?“ Erst jetzt bemerkte Perainius die Unmengen an Blut auf der Gewandung seines Herrn. Im schwachen Schein, des sich hinter einer Wolkendecke versteckenden Madamals, glitzerten mehrere Stellen des Brokats nur. Er vermochte nicht zu erkennen, woher es stammte. Während Sieghelm seine Rede hielt und der Greif erschien, waren die anderen Ordensmeister inklusive Perainius im Rittersaal geblieben. Sie hatten folglich nicht mitbekommen was geschehen war. Sieghelm nickte nur und ignorierte die Frage des Jungen: „Der Himmel hat sich aufgetan und Ser Geromar wurde vom Herrn des Lichts selbst abberufen. Ich habe soeben ausgerufen, dass Burg Gryffenstein nun zum Protektorat des Ordens gehört.“ Perainius Mund öffnete sich, doch nur ein unartikulierter Laut drang heraus. Seine Augen öffneten sich und er blieb überrascht stehen. Perainius zwang sich dazu etwas zu sagen, doch seine Worte krochen nur zaghaft über seine Lippen: „Der Himmel hat sich aufgetan?“ Erneut nickte Sieghelm und fuhr dann fort, doch dieses Mal blickte er seinen Knappen direkt an. Er hob dabei den abgeschlagenen Arm des Paktierers an und deutete mit dessen leblosen Hand auf ihn. „Wir müssen zügig weiter und wir brauchen eine Vertrauensperson die hier bis zur Ankunft der Inquisition über die Burg wacht – die Menschen hier haben Führung verdient und wir dürfen diese wichtige Grenzfeste nicht ins Chaos stürzen lassen.“ Perainius hob die Hand, legte zwei Finger auf Sieghelms Handgelenk und schob die mahnende und zu jedem Wort zappelte tote Hand vorsichtig von seinem Gesicht weg, während er etwas angewidert zu seinem Herrn blickte. „Ja natürlich, Herr – ihr habt recht. Doch wir kennen hier …“, setzte Perainius an, wurde jedoch von Sieghelm jäh unterbrochen: „Du wirst uns hier vertreten … bis die Praioskirche hier ist, um aufzuräumen.“ Dem Knappen rutsche sein Herz, das bis eben noch bis an den Hals schlug, weil er so eilig gerannt war, nun herab bis in den Schoß. Würde das Madamal nicht ohnehin schon alles in ein fahles Aschgrau hüllen, hätte man sehen können, wie der junge Adelige schlagartig erblich.

Die beiden Darpatier stiegen dann die Wendeltreppe hinab zum Rittersaal, wo sich Nehazet, Jane und Bothor weiterhin mit dem Leichnam des Paktierers beschäftigt hatten. Unterwegs strich Sieghelm das Blut und die Haare von seiner Hand an den Mauern ab, was jedoch nicht viel brachte, da das Blut inzwischen zu großen Teilen getrocknet war. Den abgeschlagenen Arm übergab er an Perainius, denn er diente als Beweis – da das Paktzeichen darauf deutlich zu erkennen war. Die beiden Männer schwiegen während des Abstiegs. Sieghelm, weil er in Gedanken schon hinter den Sicheln war, um Galottas Schergen zu trotzen und Perainius, da seine Gedanken diesseits der Sicheln war und er mühevoll in seinem Gedächtnis nach den Lektionen seines Vaters kramte. Herrschaft, Verwaltung, Führung – und das alles von einer strategisch wichtigen Grenzfestung an den schwarzen Landen. Er wusste, dass er diese Nacht kein Auge zutun würde.