Button

Protektorat

Es klebte noch Blut an seinen Händen, als sich Sieghelm von den Zinnen abwandte. Den abgeschlagenen Arm von Ser Geromar hielt er noch immer am Handgelenk fest, so dass das Körperteil des Paktierers schlaff herunter hing. Die Trennung vom Torso war noch nicht lange her, weshalb noch immer tiefrotes Blut aus der von Bothor grob abgetrennten Stelle am Oberarm auf die Steine sickerte. Er blickte auf seine rechte Hand. Sie war so voller Blut, dass das fahle Licht des Madamals sie zum Glitzern brachte. Er spürte auch Haare zwischen seinen Fingern, es waren die Haare des Burgritters, denn nachdem er seinen Kopf mit einem einzigen und mächtigen Hieb abgetrennt hatte, hatte er ihn am Schopf gepackt und bis hier hoch getragen. Als dann der Greif, reitend auf einem aus Alveran geschickten Lichtstrahl, heranflog, warf Sieghelm ihm den Kopf mit all seiner Kraft, aus einem Instinkt heraus, entgegen. Beim Sturz machte der Greif keinen einzigen Laut. Er war so grazil und vollkommen lautlos bei seinem Flug, dass das einzige Geräusch, das der Großmeister vernahm, das Knacken und Zerbrechen des Schädels war, als der Greif seine Krallen tief in ihn hinein trieb. Sieghelms junges Herz pochte ihm bis zum Hals, er hatte aus dem Stegreif eine pathetische und erklärende Rede an die Burgbewohner gehalten – es geschah eben nicht oft, dass ein fremder Reichsritter vorbeikam und den Burgherrn köpfte.

„Ser! Ser!“, erklang die Stimme von Perainius, als dieser die Wendeltreppe mühevoll hinter sich gebracht hatte und nun seinem Ritter laut atmend entgegen stolperte. „Perainius“, entgegnete Sieghelm knapp, sein Blick wandte sich von seiner blutverschmierten Hand ab, während er die darin verklebten Haare des ehemaligen Burgherrn zwischen den Fingern hin und her rieb. „Ser – die Bewohner der Burg – sie …“, Perainius‘ Stimme brach immer wieder ab, da er Mühe beim Atmen hatte, denn er war die Wendeltreppe so schnell er konnte heraufgeeilt. „… sie sind alle – auf die Knie gefallen – was ist passiert. Oh bei der Gebenden Göttin – geht es euch gut, Herr?“ Erst jetzt bemerkte Perainius die Unmengen an Blut auf der Gewandung seines Herrn. Im schwachen Schein, des sich hinter einer Wolkendecke versteckenden Madamals, glitzerten mehrere Stellen des Brokats nur. Er vermochte nicht zu erkennen, woher es stammte. Während Sieghelm seine Rede hielt und der Greif erschien, waren die anderen Ordensmeister inklusive Perainius im Rittersaal geblieben. Sie hatten folglich nicht mitbekommen was geschehen war. Sieghelm nickte nur und ignorierte die Frage des Jungen: „Der Himmel hat sich aufgetan und Ser Geromar wurde vom Herrn des Lichts selbst abberufen. Ich habe soeben ausgerufen, dass Burg Gryffenstein nun zum Protektorat des Ordens gehört.“ Perainius Mund öffnete sich, doch nur ein unartikulierter Laut drang heraus. Seine Augen öffneten sich und er blieb überrascht stehen. Perainius zwang sich dazu etwas zu sagen, doch seine Worte krochen nur zaghaft über seine Lippen: „Der Himmel hat sich aufgetan?“ Erneut nickte Sieghelm und fuhr dann fort, doch dieses Mal blickte er seinen Knappen direkt an. Er hob dabei den abgeschlagenen Arm des Paktierers an und deutete mit dessen leblosen Hand auf ihn. „Wir müssen zügig weiter und wir brauchen eine Vertrauensperson die hier bis zur Ankunft der Inquisition über die Burg wacht – die Menschen hier haben Führung verdient und wir dürfen diese wichtige Grenzfeste nicht ins Chaos stürzen lassen.“ Perainius hob die Hand, legte zwei Finger auf Sieghelms Handgelenk und schob die mahnende und zu jedem Wort zappelte tote Hand vorsichtig von seinem Gesicht weg, während er etwas angewidert zu seinem Herrn blickte. „Ja natürlich, Herr – ihr habt recht. Doch wir kennen hier …“, setzte Perainius an, wurde jedoch von Sieghelm jäh unterbrochen: „Du wirst uns hier vertreten … bis die Praioskirche hier ist, um aufzuräumen.“ Dem Knappen rutsche sein Herz, das bis eben noch bis an den Hals schlug, weil er so eilig gerannt war, nun herab bis in den Schoß. Würde das Madamal nicht ohnehin schon alles in ein fahles Aschgrau hüllen, hätte man sehen können, wie der junge Adelige schlagartig erblich.

Die beiden Darpatier stiegen dann die Wendeltreppe hinab zum Rittersaal, wo sich Nehazet, Jane und Bothor weiterhin mit dem Leichnam des Paktierers beschäftigt hatten. Unterwegs strich Sieghelm das Blut und die Haare von seiner Hand an den Mauern ab, was jedoch nicht viel brachte, da das Blut inzwischen zu großen Teilen getrocknet war. Den abgeschlagenen Arm übergab er an Perainius, denn er diente als Beweis – da das Paktzeichen darauf deutlich zu erkennen war. Die beiden Männer schwiegen während des Abstiegs. Sieghelm, weil er in Gedanken schon hinter den Sicheln war, um Galottas Schergen zu trotzen und Perainius, da seine Gedanken diesseits der Sicheln war und er mühevoll in seinem Gedächtnis nach den Lektionen seines Vaters kramte. Herrschaft, Verwaltung, Führung – und das alles von einer strategisch wichtigen Grenzfestung an den schwarzen Landen. Er wusste, dass er diese Nacht kein Auge zutun würde.

Schreibe einen Kommentar