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Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Am späten Abend
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Im rötlich-goldenen Schein der untergehenden Praiosscheibe stach Sieghelm den Spaten erschöpft in die Erde neben der Ruine des ehemaligen Peraine-Tempels. Er war zusammen mit Kalkarib, nachdem die Perainepriesterin von Sieghelms Niederschlag erwacht war, nach Perz zurückgekehrt, um die ganzen Leichen aus der Tempelruine ordentlich beizusetzen. Die junge Priesterin, die sich als Meisterin der Ernte Adellinde vorstellte, beteuerte, ihn und Kalkarib für die brandschatzenden Söldner gehalten zu halten, die erst vor kurzem ihren Tempel geschändet hatten. Sie erklärte, dass es vor allem an Kalkaribs Dialekt lag. Sieghelm konnte sich eine Spitze an seinen Gefährten an dieser Stelle natürlich nicht verkneifen. Sie war, als der Weltenbrand über Wehrheim kam und der endlose Heerwurm nach Wehrheim zog, gerade in den Wäldern nach dringenden Heilkräutern für eine Schwangere Dorfbewohnerin suchen, als es passierte. In der Eile, als sie aus der Entfernung die fliegende Festung sah, war sie im Wald gegen einen Ast gerannt und besinnungslos zu Boden gegangen. Erst als die Söldner Perz schon niedergebrannt und den Tempel geschändet hatten, war sie erwacht und zurückgekehrt. Sie hatte in den Häusern nach Überlebenden gesucht, und dabei war ihr aufgefallen, dass noch immer unheimliche Gesellen, Söldner Galottas und Marodeure umherliefen. Sie wollte mit der grünen Kutte nicht so auffallen und hatte sich schnell eine Graue, die sie in den Ruinen fand, übergeworfen. Sie war zum Tempel zurückgekehrt, doch hat sie schon von weitem dort die Ghule gesehen und sich davon fern gehalten. In der Böschung des Baches suchte sie dann Donf und Einbeeren, um damit eventuellen Überlebenden helfen zu können. Sieghelm und Kalkarib glaubten ihr und erst nachdem sie ihr mehrmals versicherten, dass die Ghule an der Tempelruine tot waren, kehrte sie bereitwillig mit ihnen dorthin zurück. Sie war es auch, die darauf bestand, die Toten beizusetzen. Kalkarib machte sich gar nicht mehr die Mühe nach Sieghelms eigentlicher Quest zu fragen, ihm war klar, dass dieser erst hier helfen und abschließen musste, bevor er weiter gehen konnte. 

Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

„Puuh, das waren alle.“ Sieghelm schnaufte und stützte sich auf den Spatenstiel. Er hatte Teile seiner Rüstung abgelegt, um besser graben zu können. Seine Kettenteile hatte er aufgrund der unsicheren Gebiete jedoch an gelassen. Man wusste nie, wer noch so vorbei kam. Kalkarib verfluchte bei jedem dritten Spatenstich den harten und torfigen Boden der Mittellande. Er war aus seiner Heimat Mhanadistan viel lockeren und weicheren Boden gewohnt. „Warum beim Alleinen kommt ausgerechnet ihr, wo eurer Boden so hart wie Stein ist, auf die Idee, eure Toten einbuddeln zu wollen?“, fragte er die zierliche Priesterin, die ordentlich mit anpackte, ernsthaft, worauf diese nicht so recht wusste, was sie antworten sollte. Die drei bestatteten nicht nur die Überreste der Leichname aus dem Tempel, sondern auch die zwei Gehängten von der Taverne, die Sieghelm bei seiner Ankunft in Perz abgenommen hatte. Am Ende, während des Praiosuntergangs, segnete Adellinde den Boden in dem alle beigesetzt wurden. 

„Was habt ihr nun vor?“, erkundigte sich Sieghelm, nach der Weihung, bei der jungen und kleinen Priesterin. Ihm war erst beim Gräber ausheben, als sie einmal nebeneinander standen,aufgefallen, wie klein sie eigentlich war, denn ihr Scheitel reichte ihm gerade mal bis zur Schulter. Inzwischen hatte sie die graue Kutte abgelegt und ihr praiosblondes, nach hinten zu einem Zopf gebundenes Haar kam zum Vorschein. Es glänzte im Lichte Praios und ließ ihre makellose Haut wie Porzellan wirken. Ihre dunkelblauen Augen waren im Verhältnis zu ihrem ansonsten kleinen Gesicht riesig, trotzdem ergab wie eine wunderschöne Gesamterscheinung. In Sieghelm weckten sie mehr als üblich den Beschützerinstinkt. „Ich weiß es nicht, mein Tempel ist zerstört, alle die ich kannte und für die ich da war, sind tot. Mich hält hier nichts mehr“, erklärte sie in einem fast schon beängstigend nüchternen Ton. „Unter normalen Umständen wäre es meine ritterliche Pflicht, euch bis zu einem sicheren Ort gen Praios zu begleiten, euer Gnaden“, begann Sieghelm mit pflichtbewusster aber dennoch entschuldigender Stimme. „Doch eine höchst persönliche Quest führt mich genau in eine andere Richtung. Ich muss in den Nabel der Zerstörung, gen Wehrheim, oder was davon übrig ist.“ Die Priesterin sah mit ihren dunkelbauen Augen direkt zu ihm. Als dieser seine persönliche Quest erwähnte, machten sich Neugier und Hoffnung in ihrem liebreizenden Gesicht breit. „Was ist das für eine persönliche Quest, die euch nach Firun führt, Herr Ritter?“ Für einen kurzen Moment wollte Sieghelm protestieren, welche Dreistigkeit sie besaß, danach zu fragen. Doch sie war eine Dienerin der Zwölfe und noch dazu eine überaus hübsche. Er konnte ihre Frage also nicht unbeantwortet lassen. „Mein Vater, Baron Parzalon führte ein Regiment in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld an. Es heißt, er sei seit dem Magnum Opus nicht mehr gesehen und es ist meine praios- und traviagefällige Pflicht als sein Sohn nach ihm zu suchen und ihn zu finden, Euer Gnaden.“ Die junge Priesterin legte einen Zeigefinger an ihr Kinn, als würde sie das brauchen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie schaute zum Tempel, ließ den Blick über das frische Gräberfeld schweifen und blickte Sieghelm dann mit entschlossenem Blick an. „Dann werde ich euch auf eurer Quest begleiten und beistehen, Herr Ritter.“ Sieghelm fiel die Kinnlade herunter, als die zierliche Priesterin diesen Satz mit befehlsgewohnter Stimmlage aussprach. „Euer Gnaden, aber …“, setzte Sieghelm an und baute sich etwas vor ihr auf. Ihr Gesicht war dabei auf der Höhe von Sieghelms Brust. Sie hob nur erneut den Zeigefinger, doch dieses Mal ließ sie ihn knapp vor Sieghelms Gesicht ruhen. „Kein Aber, Ser Sieghelm. Ich kann reiten und ihr werdet außerdem jemanden benötigen, der eure Wunden pflegt, wenn ihr in den, wie ihr es nanntet ‚Nabel der Zerstörung‘, reitet. Und zudem könnt ihr so auch gleich eurer Ritterpflicht nachkommen und auf mich aufpassen.“ Der Reichsritter blinzelte und sah dann hilfesuchend zu Kalkarib, der sich wieder seinen Schal über die Nase gezogen hatte. Sieghelm glaubte unter dem Schal ein breites Grinsen erkennen zu können. „Doch für heute haben wir genug gearbeitet, die Gebende wird uns eine ruhige und erholsame Nacht schenken.“ Mit diesen Worten machte Adellinde auf den Hacken kehrt und ging zu ihrem Bündel herüber, wo sich eine Schlafrolle befand, die sie aus dem Tempel geholt hatte. Sieghelm konnte nicht anders, als der zierlichen Frau hinterher zu schauen. Inzwischen trat der Novadi an seine Seite und stellte sich Schulter an Schulter mit ihm auf. Sie sahen der kleinen Frau dabei zu, wie sie emsig das Nachtlager für sie herrichtete.

„Bei Rastullah, ich habe bisher nur ein einziges Mal ein solches Feuer in einer Frau gesehen. Sie ist nicht nur mit der Schönheit der Nacht vom Alleinen, sondern auch mit Mut und Entschlossenheit gesegnet. Ich mag sie.“ Sieghelm brauchte einen Moment, um aus seiner Starre zu erwachen. Hatte die junge Priesterin ihm etwa gerade einen Befehl erteilt? IHM? Dem Ordensmeister und Reichsritter! Doch aus einem für Sieghelm unbekannten Grund konnte er ihr nicht widersprechen! Sie hatte alles verloren, und zeigte im Angesicht dieses Verlusts so viel Mut, dass er sie bewunderte. „Du hältst die erste Wache“, befahl Sieghelm knurrend zu Kalkarib, der unter seinem Schal noch immer bis über beide Ohren grinste.

„Euer Gnaden, da ihr uns morgen begleiten werdet, solltet ihr aber vorher noch einiges wissen“, hörte der Wüstensohn Sieghelm sagen, bevor er sich zu ihr gesellte und beim Lageraufbau half. Den Abend verbrachten Kalkarib und Pagol zusammen, die etwas abseits des Lagers Wache hielten. Der Novadi wollte den beiden ihre Privatsphäre lassen. Er hörte sie lange miteinander reden. Anscheinend hielt es Sieghelm für notwendig, die Priesterin umfassend über den Orden und die Ereignisse der letzten Tage aufzuklären. Währenddessen holte Kalkarib seinen Teppich, um sein Abendgebet zu Rastullah zu halten. Zum Glück war da ja noch der Leutnant, der für den kurzen Moment die Wache übernehmen konnte.

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Teil I – Vorboten (3)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Nachmittags
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Der Bogenschütze am Eingang des Peraine-Tempels ließ den Bogen sinken und erst jetzt erkannte Sieghelm ihn. In dem kehligen und auf den Konsonanten betonenden Akzent eines Novadis antwortete Kalkarib al’Hashinnah dem Krieger: „Bitte, gern geschehen.“ „Spar dir das, auch wenn es für dich anders aussehen mochte, so hatte ich alles unter Kontrolle“, wiederholte Sieghelm in seinem Stolz verletzt und zog Custoris aus den Brustkorb des Ghuls, indem er seinen Stiefel auf ihm absetzte und kräftig zog. Sofort ging er zu Pagol herüber, der sich inzwischen aufrappelte, sich kräftig schüttelte und ein paar Schritte benommen auf Sieghelm zutaumelte. Im Flüsterton fragte Sieghelm ihn, ob es ihm gut gehe. Pagol nieste nur, schmiegte sich dann an seines Herrchens Bein. „Ich wusste gar nicht, dass du mit einem Bogen umgehen kannst“, begann der Reichsritter im Plauderton, während er seinen Helm abnahm und die Kratzer darin begutachtete.

Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Kalkarib, der erst jetzt die ganze Szenerie wirklich überblickte, rümpfte angewidert die Nase, da die ganzen Leichen und das viele Blut auch ihn schockierten. Er zog sein Halstuch über sein Gesicht, denn der faulige Gestank ließ ihn bleich werden. „Bei Rastullah, was für ein Gestank – das ist ja schlimmer als in euren Niederhöllen. Was ist hier geschehen?“ Sieghelm belegte den Novadi mit dem Blick eines Veteranen, der einen Rekruten ansah, der keine Ahnung von den Schrecken des Krieges hatte. „Das, mein geschätzter Wüstensohn, ist der faulige Geruch des Todes, der über das ganze Land gekommen wäre, wenn das Kaiserreich nicht zusammen gegen den endlosen Heerwurm gestanden hätte.“ Sieghelm spöttische Spitze überhörte Kalkarib, der anscheinend noch zu geschockt von dem Anblick war. Der Reichsritter untersuchte den Leichenhaufen auf dem Altar. Er wollte wissen, ob auch ein Perainepriester dabei war. Ganz vorsichtig stellte der Novadi einen Fuß vor den anderen, als er den ehemaligen Tempel betrat. Auch er hatte zwar schon viel mitgemacht, doch die Menge an Gräueltaten, die hier begangen wurden, ließen ihm die Haare zu Berge stehen und noch fester daran glauben, dass nur der allmächtige Rastullah ihnen allen helfen konnte. „Kein Priester.“ stellte er fest. „Das sind die Dorfbewohner von Perz … die Söldner müssen sie hier aufgestapelt und den Tempel geschändet und angesteckt haben“, erläuterte er weiter, während er seine Untersuchung einstellte und sich dann wie beiläufig das Blut von der Rüstung wischte. „Doch wo ist der Priester hin … er oder sie hätte das Gebäude mit seinem Leben verteidigt.“ Kalkarib hörte Sieghelms Worte, doch konnte er seine Gedanken nicht nachvollziehen. Für ihn war kein Gebäude oder Zelt wertvoll genug, dass es sich lohnte dafür zu sterben. Auch nach Jahren unter den Ungläubigen, verstand er ihre tiefe Verbundenheit zu Objekten oder Orten noch immer nicht vollständig. „Willst du nach dem Priester suchen?“ Seine Worte wurden von dem Schal vor seinem Mund abgedämpft. „Er könnte überall sein. Vielleicht geflohen – verschleppt oder in einem der Häuser dort hinten verbrannt. Was ist mit der Suche nach deinem Vater?“ Während Kalkarib Sieghelms Idee anzweifelte, durchwühlte dieser die Schränke und Truhen. Kalkarib wusste nicht, was er davon halten sollte. Für ihn wäre es normal gewesen, hier nach etwas Brauchbaren zu suchen, doch von den Ungläubigen verstand er inzwischen so viel, dass es als Frevel galt, Tempeleigentum zu stehlen. „Was tust du da, ist das nicht Tempeldiebstahl in euren Augen? … Hörst du mir überhaupt zu?“ Sieghelm kramte in einer leicht verkohlten Truhe und zog plötzlich eine grünliche Scherpe heraus und kommentierte diese mit einem triumphierenden „Aha!“ Er vollführte damit eine bedeutungsschwangere Geste in der Luft, die so viel aussagte wie: Damit schaffen wir es. „Du und ich werden nicht nach dem Priester suchen, keiner von uns hat die Fähigkeiten dazu – aber der Leutnant hier hat ein sehr feines Näschen, das ihn uns finden lässt, wo immer er sich aufhält.“ Er hielt die grüne Scherpe unter Pagols schwarze Nase, der sich inzwischen gefangen hatte und wieder an Sieghelms Seite saß. Pagol schnüffelte daran und Sieghelm sagte: „Such, Leutnant – Such den Priester.“ Zuerst geschah nichts, als müsste der Dachshund erst einen inneren Mechanismus aktivieren, bevor es losgehen konnte. Er schüttelte sich einmal, schnüffelte, sah sich um und sauste dann blitzartig über die Scherpe springend und durch die Beine des Wüstensohns flitzend los. Der Akademiekrieger eilte hinterher und auch Kalkarib nahm die Beine in die Hand. Er war außerdem froh, diesen stinken Ort hinter sich zu lassen.

Pagol wetzte über die Felder in Richtung eines bewachsenen Bachs. Sieghelm und Kalkarib hatten Mühe hinterher zu kommen. Unterwegs fiel Sieghelm etwas ein, wonach er sich sofort erkundigen musste. „Was machst du eigentlich hier, hatten wir nicht vereinbart, dass du weiter im Rahja über die Feldwege gehst und nach versprengten Truppen suchst und wir uns erst vor Wehrheim wiedertreffen?“ Der schnelle Gang schien Sieghelm auch trotz der schweren Rüstung nichts auszumachen. „Ganau das tat ich“, antwortete Kalkarib mit starkem Novadi-Akzent. „Ich stieß jedoch auf eine Gruppe Söldner, die zu viele waren, um sie zu umgehen. Ich musste zur Straße zurückkehren, da sie mich sonst entdeckt hätten.“ „Söldner sagst du?“, platzte es aus dem Ritter heraus. Der Tonfall den die Frage hatte, gefiel Kalkarib nicht. „Ich habe sie beobachtet, es sind über drei Hand voll, das sind zu viele für uns.“ Der Novadi wollte Sieghelm keinesfalls auf die Idee bringen sie anzugreifen. Er wusste, dass es für den Krieger eine Verbindung zwischen der geschändeten Kirche und den Söldnern gab.

Der Leutnant führte die zwei an einen Bach mit breit bewucherter Uferböschung. Er gab Laut und die beiden Männer gingen sofort zu der Stelle zwischen den Büschen. Sie beide befürchteten das schlimmste. Der Priester hatte sich wohl bis hierher gerettet und wurde dann entweder von den Söldner gestellt, oder er war verletzt und konnte sich bis hierher schleppen und war dann hier verendet. Kalkarib und Sieghelm wühlten beide vorsichtig in den Büschen und durchsuchten die Uferböschung mit ihren Schwertern. „Siehst du was?“ rief Sieghelm, der sich von Kalkarib etwas entfernt hatte, um einen größeren Bereich absuchen zu können. „Nein,“ antwortete dieser nur knapp. „Vielleicht ist er den Bachlauf gefolgt, dann verliert sich hier die Spur für Pagol“, dachte Sieghelm laut und gab die Suche vorerst auf. Er sah zu Kalkarib herüber, der mit seinem Khunchomer die Büsche zur Seite drückte. Plötzlich erblickte Sieghelm eine Gestalt aus den Hecken hinter Kalkarib hervorgucken und sich sprungbereit machen, er glaubte auch das Aufblitzen einer Klinge zu sehen und rief sofort: „Kalkarib, HINTER DIR!“ Doch Sieghelms laute Warnung kam zu spät und eine dunkle Gestalt sprang Kalkarib von hinten an und riss ihn in die Büsche nieder, so dass Sieghelm beide nicht mehr sehen konnte. „Bei Rondra!“, fluchte er und rannte sofort zu Kalkarib herüber. Er hörte wie Äste knackten und das Buschwerk raschelte. Die beiden kämpften miteinander und Pagol, der aufgrund des dichten Buschwerks nicht näher herankam, bellte laut auf.

Als Sieghelm bei den beiden ankam, saß eine dünne Gestalt in einer alten grauen und zerfetzten Robe auf Kalkarib, der versuchte nach seinem Khunchomer zu fingern, den er beim Angriff verloren hatte. In der Hand des Angreifers war tatsächlich ein kurzes Messer. Doch Kalkarib hielt die Messerbewehrte Hand am Gelenk fest und hielt die todbringenen Klinge somit von sich fern. Sieghelm schlug beherzt mit dem Knauf von Custoris auf den Hinterkopf des Angreifers. Sofort fiel er schlapp neben den Novadi, der daraufhin sofort seinen Khunchomer packte und sich außer Atem und mit Kratzern im Gesicht aufrappelte. Er fluchte in seiner für Sieghelm unverständlichen eigenen Sprache. „Geht es dir gut?“, erkundigte sich Sieghelm ehrlich besorgt um den Mann von Delia. Er hätte nicht gewusst, wie er seinen Tod an dieser Stelle seiner Frau hätte erklären können. Kalkarib fluchte noch immer vor sich hin, doch mittendrin wechselte er dann ins Garethi um Sieghelm zu antworten: „Ich hatte alles unter Kontrolle.“ Sieghelm flog ein Grinsen über die Lippen. Er musste an die Szene in der Tempelruine denken und bemerkte erst jetzt, wie absurd seine Aussage von vorhin war. Und da auch Kalkarib es gerade ernst zu meinen schien, überkam dem Reichritter ein Bedürfnis. „Kalkarib?“ „Was?“, fauchte dieser nur und trat prüfend mit der Fußspitze gegen seinen am Boden liegenden Angreifer. „Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Du hast mir in der Not geholfen und dafür danke ich dir.“ Der Novadi, der wirklich mit vielen, aber beim besten Willen nicht damit und schon gar nicht in dieser Situation gerechnet hatte, blinzelte Sieghelm nun verwirrt an. „Ich hatte wirklich alles …“, begann er mit Stolz verletzten Tonfall, sah dann aber Sieghelm ernstes Lächeln auf den Lippen und brach mittendrin ab und schloss mit einem gehauchten: „ … Danke.“  Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden stolzen Männer, und beide mussten ob ihrer Situation grinsen.

„Dann lass uns mal nachsehen mit wem wir es hier zu tun haben.“ Sieghelm kniete sich nieder und zog die graue Kapuze vom Gesicht des Angreifers. Zum Vorschein kam, zur Überraschung der beiden Krieger, das schlanke und zierliches Gesicht einer jungen Frau. „Bei meiner Treu!“, platze es aus Sieghelm hervor und er zog schreckartig die Hand zurück. Auch Kalkarib sagte etwas, doch er verstand es nicht. „Es ist ein Weib“, bemerkte der Novadi dann in Garethi, der davon mehr überrascht schien als der Mittelländer. Für einen kurzen Moment warf Sieghelm seinem Begleiter einen missbilligenden Blick zu. Es fiel dem Novadi noch immer schwer zu akzeptieren, dass im Kaiserreich die Frau dem Mann gleichgestellt war. „Sieh nur …“, sagte er dann, als er die Frau weiter untersuchte. Er fingerte unter der grauen Kutte etwas grünen Stoff hervor und am Hals fand er ein silbernes Amulett das eine Ähre zeigte. Kalkarib steckte den Khunchomer weg und sprach dann flapsig: „Gut gemacht Sieghelm, du hast eine Priesterin deiner Götter niedergeschlagen.“

Teil I – Vorboten (3)

Teil I – Vorboten (2)

Perz – 15. Peraine, 35 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

„Ihr Bestien!“, knurrte der Reichsritter, als er einen beherzten Schritt nach vorne tat. Seine panzerfaustbewehrten Hände umschlossen bei jedem Schritt, den er tat, sein Schwert Custoris noch fester. Die Bestien – wie Sieghelm sie nannte – waren abscheuliche graugrünhäutige und krallenbewehrte Wesen des Namenlosen, auch bekannt unter der Bezeichnung Ghule. Überall dort, wo der Krieg vorübergezogen war und Elend und Tod hinterlassen hatte, und kein Boronpriester schnell genug die Leichen unter die Erde bringen und segnen konnte, war es wahrscheinlich, dass vom Geruch des Todes angelockt, Ghule Einkehr fanden, um sich am verrottenden Fleisch der jüngst Verstorbenen zu laben. Davor waren leider auch einstmalige göttliche Orte nicht gefeit. Der Tempel schien ohnehin entweiht, doch Sieghelm verlor keinen Gedanken daran, was wohl geschehen sein mag, dass dieser Boden nunmehr nicht mehr heilig war. Fünf Ghule drehten sich fauchend und gallespritzend zum Krieger um, der sie gerade bei einem Festmahl gestörte hatte. Auf dem ehemaligen Altar der Göttin Peraine lag ein Berg aus blutigen und zerfetzten Leichen, an denen sich die namenlosen Wesenheiten bereits mehr als gütig getan hatten. Mit blutbeleckten Mäulern und scharfen Krallen stürzten die Ghule allesamt auf Sieghelm zu.

Den ersten und schnellsten von Ihnen empfing Custoris‘ Schwäche, die letzten zehn Doppelfinger der gewellten Klinge schnitten quer über die Brust der hageren Gestalt und schleuderten sie gegen einen hölzernen Tisch an der Seite des Tempelschiffs. Die darauf stehenden Tonkrüge zerplatzten, als der Körper des Ghuls auf ihm aufschlug und zahlreiche Flüssigkeiten in alle Richtungen stoben. Sieghelms Hände nutzen den Schwung des Schwertes aus und ließen es in den Oberhau übergehen. Er brauchte nicht mehr vorwärts zu gehen, denn die Ghule kamen von ganz alleine auf ihn zu. Zwei von ihnen sprangen ihn mit gelblich glühenden Augen an. Der Reichsritter zog sein rechtes Bein über den Boden hinter sein linkes und brachte sich so aus der Sprungrichtung beider Ghule. Ruckartig zog Sieghelm dann Custoris herab und ließ die Klinge mit Wucht von der Stirn bis zum Unterkiefer des heranspringenden Ghuls fahren. Mit einem Knacken des Schädels erloschen die gelblichen Augen der Unwesenheit sofort, der zweite sprang dank Sieghelms Ausweichbewegung ins Leere. Der vierte Ghul, er hatte inzwischen einen dicken Bauch, da er sich an den Leichen auf dem Altar mehr als satt gefressen hatte, erreichte Sieghelms linke Seite. Seine Krallenhände Kratzten über seine Schulterplatte sowie den Unterarmplattierungen und verursachten dabei widerlich schrille Geräusche, als sie versuchten, sich an Sieghelm festzuhalten. „Rondra, führe meine Klinge!“, rief er im betenden Tonfall, als der fette Ghul versuchte seine blutbeleckten Zähne in eine empfindliche Stelle zwischen den Plattenteilen zu treiben. Sieghelm ließ mit seiner linken Hand den Griff des Schwerts los, so dass nur noch Daumen und Zeigefinger es umklammerten. Mit der Rechten packte er umso stärker zu. Auf diese Weise klappte die lange gewellte Klinge des Schwerts bis zu Sieghelms linken Oberarm herab. Nun drückte er Custoris, den Oberarm als Führung nutzend, über seinen Arm hinweg in Richtung des graugrünen Halses des Ghuls. „Sei’s in Licht wie in … DUNKELHEIT“, setzte er die Litanei fort. Das letzte Wort spie er förmlich aus, als er mit aller Kraft die gesamte Klinge, von der Schwäche bis zur Stärke durch den fleischlichen Hals des Ghuls zog und ihn dabei den Kopf vom Körper trennte, wie ein scharfes Messer, dass einen Kanten von einem Laib Brot schnitt. Der Kopf des namenlosen Wesens flog flutschend und Blut verspritzend quer durch den ehemaligen Altarraum und der Rest des Körpers fiel von Sieghelm herab. Doch es blieb ihm keine Zeit, der Ghul, der an ihm vorbei gesprungen war, hatte sich inzwischen neu positioniert und kam in geduckter Haltung auf ihn zu. Und dann war da noch ein weiterer, sich mehr als satt gefressener Ghul, der sich von der anderen Seite ebenfalls sprungbereit machte. Sieghelm war also von beiden Seiten flankiert und stand mit dem Rücken zu Wand. Die Reichweite seines Schwerts brachte ihm nun keinen Vorteil mehr, er war gezwungen mit den Ghulen in den Nahkampf zu gehen. „Rondra, führe meine Klinge.“ Begann er erneut den Refrain des Gebets, als er Custoris mit der linken Panzerfaust in die Fehlschärfe griff, um es als Halbschwert zu führen. Da hörte er plötzlich ein helles Bellen. Der tapfere Leutnant biss beherzt in den linken Fuß des fetten Ghuls und lenkte ihn damit entscheidend ab. Tapferer Pagol! Ich muss den Überraschungsmoment nutzen, dachte sich Sieghelm und wandte sich dem anderen Ghul zu. Dieser schlug, da er inzwischen recht nah war, erbarmungslos mit beiden Krallenhänden zu. Wieder kratzten die klingenartigen Fingernägel über verschiedene Plattenteile an Sieghelms Unter- und Oberarmen. Wäre er nicht so gut gerüstet, wären seine Arme nun hoffnungslos aufgeschlitzt gewesen. Mit der Schwäche von Custoris schlug er erst nach dem Ghul und setzte dann zu einem Stich an. Dem Schlag wich die unheilige Bestie gekonnt aus, doch den Stich hatte es den Göttern sei Dank nicht kommen sehen. Die Klinge fuhr tief durch die graugrüne Brust und trennte Muskeln und Knochen. Der Ghul war noch nicht besiegt. Erneut schlugen seine Krallenhände zu, doch die Schläge waren ungezielt und wirkungslos, da sie nur über Sieghelms Brust- und Schulterpanzer kratzten. Der Krieger nutze die Verletzung des Ghuls zu seinem Vorteil, erneut rezitierte er den Refrain „Sei’s in Licht wie in Dunkelheit“. Er griff das Schwert um und schlug kräftig mit dem schmalen Parier in das Gesicht des Ghuls. Die Parierstange bohrte sich dabei in das gelblich glühende Auge und versank flutschend darin. Der Ghul war sofort tot und Sieghelm musste den Leichnam der Kreatur von seinem Schwert schüttelt wie jemand, der Dreck von seinem Schwert schüttelt musste.

Erneut hörte er ein verbissenes Knurren, gefolgt von einem kurzem aufheulen. Der fette Ghule schlug nach Pagol! Die Krallen rutschten über dessen lederne Rüstung und schleuderten ihn gegen den Altar. Es schlug dumpf, als Pagol direkt vor dem Altar der Herrin liegen blieb. „PAGOL!“, rief Sieghelm mit der Sorge eines Vaters, der mit ansehen musste, wie sein Sohn von Fremden geschlagen wurde. Der Ghul war nun zwischen ihm und dem Leutnant, und erschien nicht minder furchterregend. „Das wirst du büßen, unheilige Kreatur!“ Sieghelm griff Custoris nun wieder mit beiden Händen und brachte die Spitze der Klinge zwischen sich und den Ghul.

Gepackt von Wut und Entschlossenheit, ließ Sieghelm eine Abfolge von kontrollierten Schlägen aus verschiedenen Richtungen auf den Ghul niederregnen. Er machte dabei zwei Schritte nach vorne, doch der Ghul wich jedem Hieb geschmeidig wie eine Natter aus. Nur einmal kratzte die Klinge etwas über seine Unterarm. „Leuengleiche, Ehrengleiche, …“, setzte Sieghelm dann das Gebet fort. Mit einem weiteren Schritt nach vorne, ließ er wieder mehrere Schläge auf den Ghul los, doch erneut wich er jedem aus. „ … donnernd Schutz und feste Wehr.“ Sieghelm setzte zu einer Finte an, anscheinend war diesem Ghul wohl nicht anders beizukommen. Er täuschte einen Schlag auf die linke Schulter an, drehte dann aber das Schwert so, dass der Hieb von rechts auf den Körper ging. Die Finte hatte der Ghul nicht kommen sehen und so verursachte Sieghelm einen langen Schnitt über den Bauch des Ghuls, der daraufhin sofort aufplatzte und nach Verwesung riechende, blutige Fleischklumpen quollen heraus. Sieghelm hatte den fetten Wamst getroffen, ihm wurde sofort klar, was dort aus der Kreatur heraus fiel, waren halb verdaute Körperteile der Dorfbewohner. Ihm stockte der Atem, und sofort wurde ihm speiübel. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten auf den Kopf und den Rücken, als würde etwas auf ihn fallen. Sofort sah er Krallenhände, die versuchten, sich durch die Schlitze in seinem Helm einen Weg ins Innere zu bahnen. Einer der Ghule musste überlebt haben oder hatte sich versteckt, er hatte Sieghelm von hinten angesprungen und befand sich nun in einer für den Reichsritter sehr gefährlichen Position. Von Panik ergriffen schlug Sieghelm nach sich selbst, oder vielmehr, nach dem Wesen, das auf seinem Rücken kauerte. Er hörte das Fauchen des Ghuls und spürte den nassfauligen Atem in seinem Nacken, als es versuchte, zuzubeißen. Da er mit seinen Hieben der Kreatur nicht beikam und eine Krallen die Schlitze in seinem Held immer weiter öffneten, sprang er beherzt mit dem Rücken voran gegen die Steinwand des Tempels, in der Hoffnung, so den Ghul stark genug zu verletzten, um ihn von sich abzuschütteln.

Es schepperte lautstark, als Sieghelm samt des gesamtem Gewichts seiner Ketten- und Plattenrüstung gegen die Feldsteine sprang. Unter dem Quietschen und Scheppern der Metallteile waren auch knackende Knochen zu hören. Der Ghul fiel schlaff von Sieghelm herab. Der Reichsritter drehte sich sofort um die eigene Achse und trieb die Spitze seiner Klinge voran durch den Brustkorb des nunmehr toten Ghuls bis tief in die hölzernen Planken. Da hörte er das Surren eines Pfeils, welches nur knapp an seinem Kopf vorbeiging. Gefolgt von einem absterbenden Kreischen eines Ghuls. Dem Schrei folgend, blickte Sieghelm in Richtung Altar, wo ein Pfeil in dessen Kopf steckte, dem er zuvor den Wamst aufgeschlitzt hatte. Mit einem lauten ‚Platsch‘, ging damit auch der letzte Ghul tot zu Boden. Sofort fuhr Sieghelm wieder herum und sah zum Eingang des Tempels, wo eine Person stand, ein Bogenschütze. „Ich hatte alles unter Kontrolle“, rief Sieghelm, der anstatt dankenden Worte, eher einen Fluch darüber, dass er eines rondrianischen Kampfes beraubt wurde, auf den Lippen hatte, trotzig.

Teil I – Vorboten (2)

Teil I – Vorboten (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Pferd, auf dem er ritt, schnaufte, denn Sieghelm hielt es schon seit Stunden dazu an, im zügigen Trab, ja fast schon Galopp, über die Reichsstraße zu eilen. Es schepperte bei jedem Schritt, den das Pferd tat, denn die eisernen Hufen wetzten gnadenlos über die seit Jahrzehnten abgeschmirgelten Steine. Immer wieder ritt er dabei an verzweifelt aussehenden Bauern, Händlern oder getürmten Soldaten vorbei, die ihm entgegen kamen. Frauen, Kinder, Familien, die den Magnum Opus des Weltenbrandes überlebt hatten oder die einfach nur nach dem Schrecken, der Wehrheim erfasst hatte, flohen. Immer wieder versuchte Sieghelm für einen kurzen Moment in ihre Gesichter zu blicken und herauszufinden, ob er eines dieser Gesichte erkannte. Doch weder kamen ihm die Wappen, noch die Gesichter der Leute bekannt vor. Also trieb er sein Pferd weiter an, wie er es schon gestern getan hatte. Inzwischen schmerzten ihm die Oberschenkel und sein Hintern und die Innenschenkel juckten, weil sie sich durch den harten Ritt wund gerieben hatten. Nicht nur für das Pferd war der zügige und lange Ritt über Pflastersteine eine Tortur, auch der Reiter wurde dabei einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Doch Sieghelm war entschlossen keine Zeit zu verlieren. Die Nachricht, dass das Regiment seines Vaters Parzalon im Schlachtengetümmel auf dem Mythraelsfeld abgedrängt und aufgerieben sein soll, konnte er nicht glauben. Es hieß, dass man gesehen habe, wie er vom Pferd gestürzt sein soll und dass er nach dem Magnum Opus nicht mehr gesehen wurde. Sieghelm Vater war ein erfahrener Heermeister. Er würde sich niemals in eine solch aussichtslose Situation bringen lassen, davon war Sieghelm überzeugt. Doch was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Der Weltenbrand, der von der Festung Galottas ausging, war so gewaltig, verheerend und gleichwohl willkürlich, dass keine Erfahrung der Welt einem dabei geholfen hätte, sie zu überleben. Wenn Sieghelms Vater also von etwas überrascht werden konnte, dann von dem Weltenbrand, alles andere waren nur infame Behauptungen oder Falschmeldungen, da war er sich sicher. Auch wenn Sieghelm seit seiner Kindheit mit seinem Vater häufiger im Zwist als im Frieden war, so war er trotzdem sein Vater, und es war Sieghelms praios- und traviagefällige Pflicht, nach seinem Vater zu sehen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Und wenn er Hilfe benötigte, würde er durch alle Sphären gehen, um ihm zu helfen.

„Brrrr!“, stieß Sieghelm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das Pferd wurde immer langsamer, bis es ganz anhielt. Sieghelm war jetzt nur noch zehn Meilen von Wehrheim entfernt. Das wusste er genau, denn der Ort, der vor ihm lag, hieß Perz und Sieghelm kannte die Strecke und Entfernung von Perz bis nach Wehrheim auswendig. Doch waren es keine Bauernhäuser, die Perz ankündigten, sondern bis auf die Grundmauern heruntergebrannte Reste einer einstmals schönen Siedlung auf der Reichstraße zwischen Wehrheim und Gareth. Aufgrund des hohen Aufkommens an Durchreisenden hatte die kleine Siedlung mehrere Gasthäuser und Tavernen gehabt. Erst vor kurzem hatte Sieghelm in einer dieser Schenken Halt gemacht. Er musste an die Schankmaid denken, die ihn den Abend bewirtet hatte. Wie war doch gleich ihr Name? Dara? Daria? Oder so ähnlich? Sieghelm hielt sein Pferd dazu an, vorsichtig weiter zu traben. Der Geruch von verbranntem Holz lag in der Luft, denn der Wind wehte die dichten schwarzen Rußwolken direkt zu ihm herüber. Perz lag zu weit außerhalb von Wehrheim, als das es vom Weltenbrannt zerstört werden konnte. Dies konnte nur das Werk von Söldnern oder versprengten untoten Truppen des endlosen Heerwurms sein. „Bei Rondra, Pagol. Perz hatte auch einen Peraine-Tempel!“, stieß Sieghelm schockiert aus, als seine Erinnerung an diesen Ort zurückkehrte. Seine Anrufung richtete sich an seinen Leutnant. Der Dachshund stand etwas schwankend auf seinem kleinen Pfoten auf dem Rücken des Pferdes in einer speziellen Tragevorrichtung, die Sieghelm improvisiert hatte, da er rasch aus Gareth aufbrechen musste. Der Ritter erinnerte sich daran, dass Perz einen Tempel der gebenden Göttin hatte. „Wir müssen nachsehen, ob jemand überlebt hat und unsere Hilfe braucht, Pagol“, entschied er mit entschlossener Stimme. Der braunrote Dachshund verstand sofort und ließ sich vorsichtig am Sattel des Pferdes herab. Kaum war er am Boden angekommen, flitzte er auch schon los. Sein kleines Halsband schepperte dabei über die Pflastersteine der Reichsstraße. Sieghelm hatte keine andere Wahl, er gab seinem Pferd wieder die Sporen, um mit dem vorschnellenden Leutnant mithalten zu können.

Als er und Pagol zwischen den verbrannten Bauernhäusern ankamen, wurde Ihnen schnell klar, dass dies das Werk von unzufriedenen Söldnern Galottas war, die sich wohl noch rechtzeitig davongestohlen hatten, um nicht selbst vom Weltenbrand erfasst zu werden. An dem Querbalken der Pforte des Gasthauses hatten diese ruchlosen Söldner den Wirt und seinen Knecht aufgeknüpft. Für sie kam jede Rettung zu spät. Wahrscheinlich hatten die Söldner alles gründlich geplündert und die Weiber des einstmals idyllischen Wegortes geschändet, bevor sie es in Brand gesteckt hatten. Auf Sieghelms Miene zeichnete sich eine tiefe Unzufriedenheit ab. Er wünschte sich hier gewesen zu sein, um diese Gräueltat verhindern zu können.

Mit bitterem Schwermut holte Sieghelm die Leichname der beiden Männer vom Querbalken herunter und legte sie ordentlich an den Zaun. Er beschloss sie später wie ein guter Gläubiger der Zwölfe beizusetzen, doch zuerst wollte er nach dem Perainetempel sehen. Nachdem er die Männer an den Zaun gelegt hatte, trafen sich seine und die Blicke Pagols. Er musste sofort daran denken, dass er eigentlich auf der Mission war, seinen Vater zu suchen. Doch konnte er auf der Reise dorthin nicht sich selbst und seine ritterlichen Schwüre vergessen. „Ich kann nicht anders, Pagol. Ich muss das tun“, sagte er im entschuldigenden Tonfall zu seinem Hund, dessen trauriger Blick und die herabhängenden Ohren ihn in seiner trübsinnigen Stimmung in keinster Weise aufmunterten. „Ich werde mich später um die Zwei kümmern. Komm, lass uns nach dem Tempel sehen.“ Mit schweren Schritten ging er zusammen mit Pagol an verbrannten, einstmals mit Leben gefüllten Häusern vorbei. Sein Gesicht war rußig, denn der schwarze Rauch fing sich in dem Schweiß auf seinem Gesicht und legte sich über seine Haut wie eine zweite, schmierige Schicht, die ihn nicht vergessen ließ, was hier fürchterliches geschehen war. Der Tempel der Göttin der Saat befand sich zwischen zwei Feldern und war größtenteils aus Stein gebaut. Nur der Turm, von dem man über die Felder blicken konnte, war aus Holz errichtet worden. Als Sieghelm quer über das Feld lief, entschuldigte er sich bei Peraine dafür, doch es gab keine Bauern mehr, die dieses Feld bewirtschafteten. Schon von weitem sah er, dass der hölzerne Turm des Tempels nicht mehr stand. Er war bis zum Boden niedergebrannt und schwarzer Rauch quoll aus den Überresten hervor. Der aus Stein gebaute Teil schien jedoch noch erhalten zu sein, was dem Reichsritter ein wenig Hoffnung gab. Als die beiden die eingeschlagene Eingangstür erreichten, tat Pagol das, was ein guter Wachhund tat, wenn er eine Bedrohung witterte: Er knurrte. Sieghelm verlor keinen weiteren Gedanken und reagierte sofort auf das Warnsignal seines treuen Weggefährten. Mit einem langen *Ziiing*, surrte sein göttlicher Anderthalbhänder aus der Rückenscheide. Mit einem kräftigen Tritt ließ Sieghelm die ohnehin eingeschlagene Tür des Tempels aus den Angeln fliegen. Fast zeitgleich schnellten Pagol und Sieghelm kampfbereit durch den nun türlosen Rahmen und was sie sahen, ließ beiden einen kalten Schauder den Rücken hinunterfahren.

Teil I – Vorboten (1)