

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
„Ihr Bestien!“, knurrte der Reichsritter, als er einen beherzten Schritt nach vorne tat. Seine panzerfaustbewehrten Hände umschlossen bei jedem Schritt, den er tat, sein Schwert Custoris noch fester. Die Bestien – wie Sieghelm sie nannte – waren abscheuliche graugrünhäutige und krallenbewehrte Wesen des Namenlosen, auch bekannt unter der Bezeichnung Ghule. Überall dort, wo der Krieg vorübergezogen war und Elend und Tod hinterlassen hatte, und kein Boronpriester schnell genug die Leichen unter die Erde bringen und segnen konnte, war es wahrscheinlich, dass vom Geruch des Todes angelockt, Ghule Einkehr fanden, um sich am verrottenden Fleisch der jüngst Verstorbenen zu laben. Davor waren leider auch einstmalige göttliche Orte nicht gefeit. Der Tempel schien ohnehin entweiht, doch Sieghelm verlor keinen Gedanken daran, was wohl geschehen sein mag, dass dieser Boden nunmehr nicht mehr heilig war. Fünf Ghule drehten sich fauchend und gallespritzend zum Krieger um, der sie gerade bei einem Festmahl gestörte hatte. Auf dem ehemaligen Altar der Göttin Peraine lag ein Berg aus blutigen und zerfetzten Leichen, an denen sich die namenlosen Wesenheiten bereits mehr als gütig getan hatten. Mit blutbeleckten Mäulern und scharfen Krallen stürzten die Ghule allesamt auf Sieghelm zu.
Den ersten und schnellsten von Ihnen empfing Custoris‘ Schwäche, die letzten zehn Doppelfinger der gewellten Klinge schnitten quer über die Brust der hageren Gestalt und schleuderten sie gegen einen hölzernen Tisch an der Seite des Tempelschiffs. Die darauf stehenden Tonkrüge zerplatzten, als der Körper des Ghuls auf ihm aufschlug und zahlreiche Flüssigkeiten in alle Richtungen stoben. Sieghelms Hände nutzen den Schwung des Schwertes aus und ließen es in den Oberhau übergehen. Er brauchte nicht mehr vorwärts zu gehen, denn die Ghule kamen von ganz alleine auf ihn zu. Zwei von ihnen sprangen ihn mit gelblich glühenden Augen an. Der Reichsritter zog sein rechtes Bein über den Boden hinter sein linkes und brachte sich so aus der Sprungrichtung beider Ghule. Ruckartig zog Sieghelm dann Custoris herab und ließ die Klinge mit Wucht von der Stirn bis zum Unterkiefer des heranspringenden Ghuls fahren. Mit einem Knacken des Schädels erloschen die gelblichen Augen der Unwesenheit sofort, der zweite sprang dank Sieghelms Ausweichbewegung ins Leere. Der vierte Ghul, er hatte inzwischen einen dicken Bauch, da er sich an den Leichen auf dem Altar mehr als satt gefressen hatte, erreichte Sieghelms linke Seite. Seine Krallenhände Kratzten über seine Schulterplatte sowie den Unterarmplattierungen und verursachten dabei widerlich schrille Geräusche, als sie versuchten, sich an Sieghelm festzuhalten. „Rondra, führe meine Klinge!“, rief er im betenden Tonfall, als der fette Ghul versuchte seine blutbeleckten Zähne in eine empfindliche Stelle zwischen den Plattenteilen zu treiben. Sieghelm ließ mit seiner linken Hand den Griff des Schwerts los, so dass nur noch Daumen und Zeigefinger es umklammerten. Mit der Rechten packte er umso stärker zu. Auf diese Weise klappte die lange gewellte Klinge des Schwerts bis zu Sieghelms linken Oberarm herab. Nun drückte er Custoris, den Oberarm als Führung nutzend, über seinen Arm hinweg in Richtung des graugrünen Halses des Ghuls. „Sei’s in Licht wie in … DUNKELHEIT“, setzte er die Litanei fort. Das letzte Wort spie er förmlich aus, als er mit aller Kraft die gesamte Klinge, von der Schwäche bis zur Stärke durch den fleischlichen Hals des Ghuls zog und ihn dabei den Kopf vom Körper trennte, wie ein scharfes Messer, dass einen Kanten von einem Laib Brot schnitt. Der Kopf des namenlosen Wesens flog flutschend und Blut verspritzend quer durch den ehemaligen Altarraum und der Rest des Körpers fiel von Sieghelm herab. Doch es blieb ihm keine Zeit, der Ghul, der an ihm vorbei gesprungen war, hatte sich inzwischen neu positioniert und kam in geduckter Haltung auf ihn zu. Und dann war da noch ein weiterer, sich mehr als satt gefressener Ghul, der sich von der anderen Seite ebenfalls sprungbereit machte. Sieghelm war also von beiden Seiten flankiert und stand mit dem Rücken zu Wand. Die Reichweite seines Schwerts brachte ihm nun keinen Vorteil mehr, er war gezwungen mit den Ghulen in den Nahkampf zu gehen. „Rondra, führe meine Klinge.“ Begann er erneut den Refrain des Gebets, als er Custoris mit der linken Panzerfaust in die Fehlschärfe griff, um es als Halbschwert zu führen. Da hörte er plötzlich ein helles Bellen. Der tapfere Leutnant biss beherzt in den linken Fuß des fetten Ghuls und lenkte ihn damit entscheidend ab. Tapferer Pagol! Ich muss den Überraschungsmoment nutzen, dachte sich Sieghelm und wandte sich dem anderen Ghul zu. Dieser schlug, da er inzwischen recht nah war, erbarmungslos mit beiden Krallenhänden zu. Wieder kratzten die klingenartigen Fingernägel über verschiedene Plattenteile an Sieghelms Unter- und Oberarmen. Wäre er nicht so gut gerüstet, wären seine Arme nun hoffnungslos aufgeschlitzt gewesen. Mit der Schwäche von Custoris schlug er erst nach dem Ghul und setzte dann zu einem Stich an. Dem Schlag wich die unheilige Bestie gekonnt aus, doch den Stich hatte es den Göttern sei Dank nicht kommen sehen. Die Klinge fuhr tief durch die graugrüne Brust und trennte Muskeln und Knochen. Der Ghul war noch nicht besiegt. Erneut schlugen seine Krallenhände zu, doch die Schläge waren ungezielt und wirkungslos, da sie nur über Sieghelms Brust- und Schulterpanzer kratzten. Der Krieger nutze die Verletzung des Ghuls zu seinem Vorteil, erneut rezitierte er den Refrain „Sei’s in Licht wie in Dunkelheit“. Er griff das Schwert um und schlug kräftig mit dem schmalen Parier in das Gesicht des Ghuls. Die Parierstange bohrte sich dabei in das gelblich glühende Auge und versank flutschend darin. Der Ghul war sofort tot und Sieghelm musste den Leichnam der Kreatur von seinem Schwert schüttelt wie jemand, der Dreck von seinem Schwert schüttelt musste.
Erneut hörte er ein verbissenes Knurren, gefolgt von einem kurzem aufheulen. Der fette Ghule schlug nach Pagol! Die Krallen rutschten über dessen lederne Rüstung und schleuderten ihn gegen den Altar. Es schlug dumpf, als Pagol direkt vor dem Altar der Herrin liegen blieb. „PAGOL!“, rief Sieghelm mit der Sorge eines Vaters, der mit ansehen musste, wie sein Sohn von Fremden geschlagen wurde. Der Ghul war nun zwischen ihm und dem Leutnant, und erschien nicht minder furchterregend. „Das wirst du büßen, unheilige Kreatur!“ Sieghelm griff Custoris nun wieder mit beiden Händen und brachte die Spitze der Klinge zwischen sich und den Ghul.
Gepackt von Wut und Entschlossenheit, ließ Sieghelm eine Abfolge von kontrollierten Schlägen aus verschiedenen Richtungen auf den Ghul niederregnen. Er machte dabei zwei Schritte nach vorne, doch der Ghul wich jedem Hieb geschmeidig wie eine Natter aus. Nur einmal kratzte die Klinge etwas über seine Unterarm. „Leuengleiche, Ehrengleiche, …“, setzte Sieghelm dann das Gebet fort. Mit einem weiteren Schritt nach vorne, ließ er wieder mehrere Schläge auf den Ghul los, doch erneut wich er jedem aus. „ … donnernd Schutz und feste Wehr.“ Sieghelm setzte zu einer Finte an, anscheinend war diesem Ghul wohl nicht anders beizukommen. Er täuschte einen Schlag auf die linke Schulter an, drehte dann aber das Schwert so, dass der Hieb von rechts auf den Körper ging. Die Finte hatte der Ghul nicht kommen sehen und so verursachte Sieghelm einen langen Schnitt über den Bauch des Ghuls, der daraufhin sofort aufplatzte und nach Verwesung riechende, blutige Fleischklumpen quollen heraus. Sieghelm hatte den fetten Wamst getroffen, ihm wurde sofort klar, was dort aus der Kreatur heraus fiel, waren halb verdaute Körperteile der Dorfbewohner. Ihm stockte der Atem, und sofort wurde ihm speiübel. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten auf den Kopf und den Rücken, als würde etwas auf ihn fallen. Sofort sah er Krallenhände, die versuchten, sich durch die Schlitze in seinem Helm einen Weg ins Innere zu bahnen. Einer der Ghule musste überlebt haben oder hatte sich versteckt, er hatte Sieghelm von hinten angesprungen und befand sich nun in einer für den Reichsritter sehr gefährlichen Position. Von Panik ergriffen schlug Sieghelm nach sich selbst, oder vielmehr, nach dem Wesen, das auf seinem Rücken kauerte. Er hörte das Fauchen des Ghuls und spürte den nassfauligen Atem in seinem Nacken, als es versuchte, zuzubeißen. Da er mit seinen Hieben der Kreatur nicht beikam und eine Krallen die Schlitze in seinem Held immer weiter öffneten, sprang er beherzt mit dem Rücken voran gegen die Steinwand des Tempels, in der Hoffnung, so den Ghul stark genug zu verletzten, um ihn von sich abzuschütteln.
Es schepperte lautstark, als Sieghelm samt des gesamtem Gewichts seiner Ketten- und Plattenrüstung gegen die Feldsteine sprang. Unter dem Quietschen und Scheppern der Metallteile waren auch knackende Knochen zu hören. Der Ghul fiel schlaff von Sieghelm herab. Der Reichsritter drehte sich sofort um die eigene Achse und trieb die Spitze seiner Klinge voran durch den Brustkorb des nunmehr toten Ghuls bis tief in die hölzernen Planken. Da hörte er das Surren eines Pfeils, welches nur knapp an seinem Kopf vorbeiging. Gefolgt von einem absterbenden Kreischen eines Ghuls. Dem Schrei folgend, blickte Sieghelm in Richtung Altar, wo ein Pfeil in dessen Kopf steckte, dem er zuvor den Wamst aufgeschlitzt hatte. Mit einem lauten ‚Platsch‘, ging damit auch der letzte Ghul tot zu Boden. Sofort fuhr Sieghelm wieder herum und sah zum Eingang des Tempels, wo eine Person stand, ein Bogenschütze. „Ich hatte alles unter Kontrolle“, rief Sieghelm, der anstatt dankenden Worte, eher einen Fluch darüber, dass er eines rondrianischen Kampfes beraubt wurde, auf den Lippen hatte, trotzig.
