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Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Sieghelm, Adellinde und Kalkarib kauerten zusammen hinter einer Anhöhe und lugten über die Kuppe. Die zwei Pferde hatten sie etwas weiter hinten an einer alten Koppel befestigt, damit man diese von der Reichsstraße aus nicht sehen konnte. Sie blickten zwischen dem hohen Gras des Hügels hinweg in Richtung der Straße, um so von der großen herannahenden Gruppe nicht gesehen zu werden. In Sieghelms Gesicht und seiner gesamten Körpersprache war zu sehen, dass er mit der Herangehensweise seiner kleinen Reisegruppe nicht allzu zufrieden war, er wurde jedoch überstimmt und wollte vor Adellinde nicht den störrischen Reiseleiter raushängen lassen. „Kannst ihr etwas erkennen?“, frug er gleichwohl interessiert und ein kleines bisschen trotzig. Nur Adellinde und Kalkarib blickten durch das hohe Gras in Richtung Straße. Sieghelm hielt es für nicht notwendig und lag auf dem Rücken um, wie er es nannte ‚Die Rückseite im Auge zu behalten‘. „Noch nicht, nur das es viele sind“, antwortete Kalkarib im markanten Novadi-Akzent. Der Ritter wollte schon zu einem gehässigen Kommentar ansetzen, biss sich dann aber auf die Zunge und hielt sich zurück.

Es verstrich noch etwas Zeit. Die herannahende Gruppe, die offen auf der Reichsstraße von Firun nach Praios ging, war zu Fuß unterwegs und nahte sich nur langsam ihrer Position. „Das ist merkwürdig. Ich glaube, ich sehe da einen Tulamiden.“ Kalkaribs Worte ließen Sieghelm neugierig werden. „Einen Tulamiden? Beim heiligen Geron …“ Sieghelm konnte es kaum glauben. Hatte Galotta etwa sogar Tulamiden aus Aranien unter seinen Sold gestellt? Wenn dem so war, war es schlimmer als befürchtet. Diese gottlosen Südländer würden noch viel bösartiger marodieren als mittelländische Söldner. Nun wandte er sich doch um, drückte etwas das hohe Gras zur Seite und blickte ebenfalls über die Kuppe zur Reichsstraße. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sie hatten sich extra auf die Rahjaseite des Weges gelegt, um so die aufgehende Praiosscheibe um Rücken zu haben und somit einen taktischen Vorteil zu besitzen. Es schien so, als hätte der Wüstensohn tatsächlich Recht, auch Sieghelm erblickte dort einen Tulamiden – oder zumindest jemanden der wie einer gekleidet war. Er trug einen großen Turban und einen roten Kaftan. Sogar eines dieser, wie Sieghelm sie nannte, ‚kaputten‘ krummen Schwerter. „Du hast Recht, das ist wirklich ein Tulamide. Hmmm, wenn sich teile Araniens dem Heptarchenreich angeschlossen haben, dann steht der Feind nun auch im Süden vor den Toren des Kaiserreichs“, spekulierte er. „Zuzutrauen wäre es diesen Landesverrätern“, fügte er mit ernster Stimme hinzu. Da erhob Adellinde das Wort: „Herr Ritter, schaut euch die Leute hinter ihm mal genauer an.“ Ihre seidige Stimme entzückte ihn so sehr, dass er ihrem Wunsch sofort entsprach. Er drückte wieder etwas Gras zur Seite und blickte noch einmal über die Kuppe. „Ich sehe … sehe … heruntergekommene Marodeure, bei meiner Treu! Es sind sogar Kinder darunter! Diese gottlosen Tulamiden schrecken vor nichts zurück! Ich habe es immer gesagt, diese Landes …“ „Ser!“, unterbrach Adellinde den Ritter in seinem Fluch mit scharfer Stimme. „Das sind Überlebende aus Wehrheim!“  Ihre blauen Augen blickten den Ritter mit ernster Miene an. Sieghelm wurde von ihnen in den Bann gezogen und schaute zum dritten Mal durch das hohe Gras. „Hmmm … auch möglich“, gestand er ein. „Das kommt davon, wenn man ohne ordentliches Wappen über eine Reichsstraße in einem Kriegsgebiet reist. Wie soll man da als Heerführer Freund von Feind unterscheiden?“ Adellinde stieß nur ein wütendes Schnaufen aus, und ehe Kalkarib und Sieghelm reagieren konnten, war sie auch schon aufgesprungen und über die Kuppe gesprungen. Die beiden Männer versuchten noch nach ihr zu greifen, um sie daran zu hindern, doch die kleine Priesterin war einfach viel zu wendig und so griffen beide ins Leere. „Gut gemacht, Kalkarib“, spottete Sieghelm in ironischem Flüsterton, während er sich wieder fallen ließ. Dieser blickte mit großen Augen und absoluter Unverständnis zu Sieghelm. „Was kann ich denn jetzt dafür?“, protestierte er. „Sich hinter der Anhöhe zu verstecken war deine Idee, ich hatte gleich gesagt, dass wir auf der Reichstraße offen auf sie zugehen sollten.“ Der Novadi setzte zu einer Erklärung an, doch irgendwie war Sieghelms einfacher Logik nichts entgegen zu setzen, dass ihn hätte umstimmen können, und so ließ er es bleiben, schnaufte nur angestrengt und blickte wieder durch das Gras, um zu sehen, was die Priesterin vor hatte. „Wir müssen etwas unternehmen.“ sagte er dann noch, als er sah wie die große Reisegruppe anhielt, als Adellinde sie konfrontierte. 

„Peraine segne euch!“, rief die kleine Priesterin mit ihrer hellen Stimme der großen Gruppe entgegen und breitete einladend die Arme aus. Sie trug eine dunkelgrüne Kutte mit einer gelben Ährenstickerei auf der Brust und war ganz offensichtlich als Dienerin der gebenden Göttin zu erkennen. Der Mann, der wie ein Tulamide aussah und ganz vorne lief, war der erste der ihr entgegen schritt. „Salam’aleikum, die Gebende ist mit euch!“, antwortete er und machte eine mehr als nötige tiefe Verbeugung. „Ich bin Ysta Mandrakhor, bescheidener Diener der Heiligen Mutter“, stellte sich der Mann weiter vor. Er trug einen dunklen, grau melierten Spitzbart am Kinn der ihm bis zur Brust reichte, war von hagerer Gestalt und gekleidet in einem etwas abgewetzten roten Kaftan, der von einem mit silberbeschlägen verzierten Gürtel gehalten wurde. An dessen Seite in einer Halterung ein Säbel hing, der in einer ebenfalls mit Silber verzierten Scheide steckte. Adellinde erkannte, dass der Tulamide offenbar von höherem Stand sein mochte. Zudem hatte er einen leichten, kaum hörbaren Akzent, der so überzeugend war, dass er wohl wirklich aus Aranien stammen mochte. Von seinem offensichtlichen Aussehen ganz zu schweigen. „Ich bin der Karawanenführer einer Gruppe aus Waisen und Versehrten aus Wehrheim. Wir sind auf der Reise nach Gareth, um dort Schutz zu suchen. Und mit wem habe ich die Ehre?“ Der Mann, der sich als Ysta vorstellte, lächelte breit. Adellinde blickte kurz unwillkürlich herüber zur Anhöhe, sie hatte vergeblich gehofft, dass ihr die beiden Männer hinterher eilen würden. Ihr Gegenüber bemerkte ihren Seitenblick zur Anhöhe und ließ ebenfalls für einen kurzen Moment seine Augen darauf ruhen, ohne auch nur eine einzige Miene zu verziehen. Für die junge Adellinde wäre es schwer gewesen zu schätzen, wie alt der Tulamide war, sie hatte mit Südländern keine Erfahrung. Seine bronzefarbene Haut schien makellos sein, doch sein langer Bart und sein Stand ließ sie vermuten, dass er zwischen 40 und 50 Götterläufe alt war. „Ich heiße Adellinde, ich reise …“ sie stockte wieder kurz. Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie die Situation jetzt erklären sollte. Einerseits wollte sie die beiden nicht in die Pfanne hauen, andererseits, war sie als Priesterin der Wahrheit verpflichtet. „ … nicht alleine. Meine Gefährten befinden sich in der Nähe und werden auch gleich hier sein.“ Den letzten Satz sprach sie absichtlich lauter und langsamer aus als eigentlich nötig, damit Sieghelm und Kalkarib sie auch sicher hören konnten. Sie war sich nicht mehr ganz so sicher, dass sie außer Gefahr war, die angeblichen Waisenkinder und Versehrten sahen zwar wirklich wie Waisen und Versehrte aus, aber sie hatte auch allerhand über die mächtige Illusionsmagie der Tulamiden gehört – die ihr eben erst wieder einfiel. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass ihr Mut mal wieder größer war, als ihre Vernunft. „Es freut mich sehr, euch kennen zu lernen, euer Gnaden. Ich reise jedoch nicht alleine, wäre es doch viel zu gefährlich zu dieser Zeit und in diesen Landen.“ Als der Tulamide erwähnte, dass er nicht alleine reiste, suchten Adellinde blaue Augen zwischen den Reihen der  vermeidlichen Flüchtlingen nach möglichen Bewaffneten ab. Einige der Kinder drängten sich jedoch nach vorne, als wollten sie näher kommen. Sie konnte sogar hier und dort die Stile von Waffen und das Aufblitzen von Klingen sehen. Ganz vorsichtig, ließ sie ihre Hand zu ihrem Messer gleiten, dass an ihrem Seilgürtel befestigt war.

Da war plötzlich das Gestampfe von Pferden zu hören. Ysta unterbrach sich und blickte zu der Anhöhe. Auch Adellinde fuhr herum und sah den Ritter, zusammen mit dem Novadi anmutig und gleichwohl bedrohlich über die Kuppe heranreiten. Ihre Waffen steckten noch in ihren Scheiden, aber das Toben der Pferde beeindruckte sie alle. Sie machten erst halt, als die beide links und rechts neben der Geweihten waren. Adellinde zuckte kurz zusammen, da sie befürchtete, zwischen den Muskelbergen zerquetscht zu werden, doch anscheinend wussten die beiden Reiter genau, was sie taten. Da donnerte auch schon Sieghelms mächtige Stimme über die Reichsstraße: „Ich bin Reichsritter Sieghelm Gilborn von Sprichbrecher, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Wächter von Custoris, dem Bihänder der himmlischen Leuin.“ Adellinde wusste nicht genau weshalb, aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich jetzt wo die beiden Männer da waren, wesentlich sicherer als zuvor. Der Tulamide legte erneut seine rechte Hand auf die Brust und deutete wieder eine Verbeugung an. Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als er von hinten, ja fast schon zur Seite geschubst wurde. Eines der Kinder, nein, ein Zwerg drängelte ihn zur Seite. „Ka baskan draxin! Garoschem Sieghelm!“, tönte die tiefe raue und alte Stimme des Zwergs, die Sieghelm nur sehr bekannt vorkam. „Eure bergkönigliche Hoheit!“, platze es aus Sieghelm heraus, der sofort vom Pferd sprang und dem Zwerg entgegen ging. Der Hochkönig der Zwerge trug kaum Rüstung, und die, die er trug, war dreckig und zerfetzt, selbst das Kettenhemd, das er trug, war kaum zu erkennen. Seinen weißen Bart, der ein Großteil seines Gesichts verdeckte, hatte er sich unter das Kettenhemd gestopft. Erst jetzt sahen die drei, dass noch mehr Zwerge unter den Waisen und Versehrten waren. Sie alle waren kaum zu erkennen und verbargen ihre Bärte und Waffen. Der Ordensmeister begrüßte lachend den Zwerg, als wären sie alte Bekannte, was Adellinde irritiert und bewundernd beobachtete. Sie tauschten ein paar Höflichkeiten aus und kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, währenddessen trat Ysta etwas in den Hintergrund. „Wenn ich es nicht besser wüsste, eure Bergkönigliche Hoheit, dann könnte man denken, ihr würdet euch vor dem Feind verstecken.“ Sieghelm deutet auf den versteckten Bart. „Ach das, wir wollten dem Rogelo dabei helfen, die Waisen nach Gareth zu bringen.“ Er deutete dabei zu dem Tulamiden. Sieghelm verstand ihn, denn er konnte Rogolan, die Sprache der Angroschim, und musste daher etwas grinsen. „Da hab ich mir gedacht, wir könnten doch die Waisengruppe nutzen, ein paar Dorkkaschos anzulocken, um ihnen unsere Hämmer und Äxte vorzustellen. Kein Söldner wäre nämlich drachisch genug, eine Gruppe voll gerüsteter Angroschim anzugreifen. Also haben wir uns unter sie gemischt, damit es so aussieht, als wäre diese Reisegruppe Broxa-Beute. Ha!“ Die buschigen silbernen Brauen des Zwergenkönigs hüpften bei der Schilderung seines Plans freudig auf und ab. Währenddessen versuchte Kalkarib zwischen den Flüchtlingen von seiner erhöhten Position aus die Zwerge unter ihnen zu zählen, er kam auf acht, und das waren nur die, die er erkannte. Ansonsten waren da noch acht weitere Handvoll Flüchtlinge. „Das klingt nach einem guten Plan, eure Hoheit.“ „Ach nenn mich doch Albrax, Junge!“, konterte der Zwerg sofort und klopfte Sieghelm gegen den Unterarm, denn höher kam er nicht. „Doch noch hatte es noch kein Söldner gewagt uns anzugreifen“, fügte er noch mit enttäuschter Stimme an und stieß dabei lustlos einen Kieselstein über die Reichstraße. „Wenn ich mich einmischen darf, eure Hoheit.“ Es war Kalkarib, der plötzlich das Wort ergriff, da er einen Geistesblitz hatte. „Ich habe da einen Vorschlag, von dem wir alle profitieren könnten.“ Albrax und Sieghelm sahen zu Kalkarib hoch. Albrax Gesicht erhellte sich sofort bei dem vielversprechenden Vorschlag, so dass man das erste Mal seine blauen Augen richtig sehen konnte und auch Sieghelm wurde sofort klar, welchen Plan Kalkarib im Sinn hatte.

Teil II – Neue und alte Freunde (2)