

Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Kalkarib
al’Hashinnah

Adellinde
Peraine-Geweihte
Die Nacht vom 17. Auf dem 18. Peraine haben Kalkarib, Adellinde und Sieghelm zusammen in einer einsamen Scheune nahe der Reichsstraße verbracht. Schon am Abend hatte sich Regen angekündigt und ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich einen Unterschlupf zu suchen. Zudem wollten sie nicht in der Nacht ankommen, denn zu viele Gefahren lauerten auf einem frischen Schlachtfeld. Briganten, Leichenfledderer und wilde Tiere waren da noch die geringeren Übel. So kam es, dass die Drei ihren zugigen Unterstand erst am Morgen des 18. Peraine verlassen konnten, als es nur noch ein bisschen nieselte. Nach dem Regen folgte der Nebel, der rund um die Scheune und auch auf das Schlachtfeld waberte und wie schweres Tuch sich über die stille und tote Ebene legte. Die letzten Schritte zum Mythraelsfeld legten die Drei zu Fuß zurück, ihre Pferde führten sie hinter sich her, denn aufgrund des nassen und aufgewühlten Bodens und der geringen Sichtweite war es nicht möglich zu Reiten.
„Ich bin als Akoluthin mal auf dem Mythraelsfeld gewesen. Ich habe zwischen Dergel und Gernat nach Einbeeren und Wirselkraut gesucht. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass der Boden so aufgewühlt war“, erzählte Adellinde, während sie immer wieder über aufgebrochene Stücken Erde hüpfen musste. Auch Sieghelm musste über eine breite Furche hinweg steigen. „Diese Zerrüttung ist auch keineswegs natürlich, Adellinde. Das ist das Werk des Weltenbrandes, den Galotta mit seiner Himmelsfeste über Wehrheim entfesselte.“ Im schweren und kühlen Nebel war die Sichtweite der Drei beschränkt. Während sich über ihnen die Praioscheibe damit mühte durch die dichte Wolkendecke zu brechen, verhüllte der dichte Nebel das Gräuel, welches in den letzten Tagen über das Mythraelsfeld gekommen war. In weiter Ferne war es ihnen kaum möglich die zersplitterten Zacken der Wehrtürme von Festung Karmaleth zu erblicken, die wie gespenstige Zähne aus dem dichten Nebel in den ebenfalls grauen Himmel ragten. Nicht nur die nasskalte Atmosphäre drückte die Stimmung der Drei, die bei jedem Schritt etwas langsamer wurden, denn die nasse Erde, die nicht nur vom Regen, sondern auch vom Blut der zahlreichen Mittelreicher durchtränkt war, blieb schwer an ihren Stiefeln haften. Auch der unangenehm süßliche und beißende Leichengeruch hing wie der Nebel schwer auf dem Schlachtfeld. Sie stiegen über dutzende, teilweise übereinander liegende Leichen hinweg. Adellinde musste sich ein Tuch vor die Nase halten, so aufdringlich war der Verwesungsgeruch. Einige der Leichen waren verstümmelt, in grotesker Haltung liegen geblieben, gänzlich verkohlt oder so zerfetzt, dass man nicht genau wusste, welches Körperteil genau zu sehen war. Keinem der drei gelang es mehr die Stimme zu erheben, während sie mit immer schwerer werdenden Schritten tiefer in das Zentrum des Schlachtfelds vordrangen. Jeder fragte es sich, doch niemand traute es sich auszusprechen: Sie wussten nicht genau wonach sie überhaupt suchen sollten und was ihr Ziel war, denn durch den dichten Nebel, der sich über die Ebene gelegt hatte, vermochten sie sich auch nicht vernünftig zu orientieren. Zwischen all den menschlichen Leichen lagen auch immer wieder Teile Galottas schändlicher Dämonenarmee. So erblickte sie einen kleinen Haufen geschälter Schädel, an die sich Sieghelm noch gut und mit Schrecken erinnern konnte. Es waren rollende Anhäufungen von Schädeln, die mittels Magie dazu gebracht wurden über ihre Gegner hinweg zu rollen und sie dabei bis auf die Knochen abzunagen. Doch die rollenden Schädel waren nicht die einzigen grotesken und todbringenden Abscheulichkeiten, die ihnen der Dämonenkaiser entgegengeworfen hatte. „Sieghelm!“, rief Kalkarib plötzlich, der mit seinem Pferd stehen geblieben war und auf den Boden starrte. „Ist das nicht einer von deinen Männern?“, fragte er in seinem für ihn typischen novadischen Akzent und zeigte auf einen in den nassen und blutdurchtränkten Boden gedrückten Körper. Sofort kam Sieghelm herüber. Bei jedem Schritt spritzte Wasser bis auf seinem schwarzer Umhang, der inzwischen braun und steif geworden war. Trotz der dichten Schicht aus Dreck, die darauf lag, erkannte er das Wappen des Schutzordens der Schöpfung auf dem Wappenrock wieder. Der Mann lag auf dem Rücken und es fehlte der Unterkörper, irgendetwas hatte ihn – anscheinend mühelos – die Hüfte abwärts durchtrennt und seine Eingeweide lagen nun in einer dunklen Pfütze aus Regenwasser und Blut. Während sich Regenwasser in seinem im Moment des Todes aufgerissenen Mund sammelte, blickten seine blauen, inzwischen etwas trüb gewordenen Augen starr gen Himmel, als würden sie gen Alveran blicken und um Erlösung bitten. Die letzten Momente des Mannes musste er niederhöllische Schmerzen gehabt haben. Sieghelm starrte das aschfahle Gesicht der Leiche an, als würde er darin verzweifelt etwas suchen. Inzwischen war auch Adellinde zu Ihnen gestoßen. Als sie den toten Körper erblickte, muss sie sich erneut ein Tuch vor den Mund halten und kurzen Stoßgebet gen Himmel schicken. „Kennt ihr den Mann?“, frug sie durch das Tuch mit unterdrückter Stimme. „Nein“, antwortete er traurig. Doch in seiner Stimme lag mehr, als er verraten wollte. Sieghelm machte sich Vorwürfe. Vorwürfe, dass er den Namen des jungen Mannes, der sein Leben für ihn und das Mittelreich gegeben hatte, nicht kannte. Er kannte nicht mal sein Gesicht, würde er nicht den silbernen Halbmond und den silbernen Blutstropfen auf schwarzen Grund tragen, würde er ihn nicht mal als einen seiner Mannen erkennen, dessen Leben zu schützen er geschworen hatte.
Adellinde machte einen Schritt an Sieghelm heran und berührte ihn sanft am Oberarm. Sie atmete tief ein, entfernte dann das Tuch vom Mund und sagte: „Euch trifft keine Schuld, Ser. Ihr seid nicht für den Tod dieses Mannes verantwortlich.“ Sie wollte für ihn da sein, ihm beistehen in seinem Moment der Unsicherheit. „Ich stimme der Priesterin zu“, gab Kalkarib als Kommentar zum Besten, der ebenfalls sah, wie der junge Ordensmeister litt. Sieghelm blickte auf, sah erst verständnislos zu Kalkarib und dann zu Adellinde. In ihm war eine unbeschreibliche Leere. „Ihr versteht nicht, worum es mir geht“, begann er im leisen Ton, hockte sich hin und fuhr mit der Hand sanft über das Gesicht des Mannes, um seine Augen zu schließen. „In einer Schlacht sterben Menschen, auf jeder Seite – und dies ist nicht meine erste Schlacht. Ich war schon Mal hier. Etwas weiter im Rahja, an der Trollpforte, kämpfte ich schon mal gegen die Schwarzen Lande. Ich war noch ein junger Knappe als …“ Er unterbrach sich in seiner Erzählung, als er merkte, dass dies zu weit führen würde. Vorsichtig löste Sieghelm die Schnalle an einer ledernen Tasche der Leiche, die aus irgendeinen Grund noch an ihr dran geblieben war. „Es geht mir darum, dass ich diesen jungen Mann nicht erkenne.“ Adellinde und Kalkarib blickten sich kurz einander fragend an. Ihre Blicken fragten: Meint er das ernst? Zweifelte Sieghelm etwa an der Echtheit des Wappens? Kalkarib ergriff die Initiative: „Sieghelm, er trägt dein Wappen!“, rief er etwas lauter als gewollt aus, als würde Lautstärke allein genügen, um ihn zur Besinnung zu bringen. „Ja natürlich, darum geht es mir auch nicht.“ Er fingerte aus der ledernen Gürteltasche der Leiche einen matschigen Zettel und eine kleine Holzfigur hervor. Mit dem Fingernagel befreite er letztere vom Schlamm, der inzwischen in die Tasche gesickerte war. Heraus kam eine kleine Holzfigur in der Größe des kleinen Fingers, die einen Schmied am Amboss zeigte. „Es geht mir darum, dass es nicht richtig ist. Mit Sicherheit wusste er, wer ICH war, aber kenne ich IHN nicht und doch war er bereit sein Leben für mich zu geben. Und das nur, weil ich ihm dazu aufrief.“ Der Gewinner der Frühlingsturney nahm die kleine Holzfigur in seine große Hand, drückte sie fest an sich und mit Blick zu den dichten Wolken sagte er dann mit lauter und fester Stimme: „Ich schwöre beim Schutzorden der Schöpfung und der donnernden Göttin, das ist das erste und letzte Mal, dass es so sein wird. Ich Zukunft will ich jede Frau und jeden Mann der für mich kämpft beim Namen und seiner Herkunft kennen – das schwöre ich.“ Erneut blickten sich Adellinde und Kalkarib kurz fragend an. Langsam begannen die beiden nachzuvollziehen, um was es dem Reichsritter ging. „Das ist ein wahrlich hehres Ziel, Ser Sieghelm“, bekräftigte Adellinde ihn im bewundernden Tonfall und strich ihm erneut über den Oberarm. Kalkarib hingegen prustete, denn er hatte eine Ahnung davon, was das in Zukunft bedeuten würde. Er sah Sieghelm schon, wie er sich jedes Mal vor der Schlacht zwanghaft unter seine Truppen mischte und versuchte sich mit Ihnen am Lagerfeuer und bei einer Schüssel Bohnen zu verbrüdern. Er verdrängte den aufblitzenden Gedanken jedoch, da es jetzt wichtigeres zu tun gab. „Was machen wir mit ihm? Wir können ihn hier unmöglich beisetzen“, erkundigte sich der Wüstensohn. „Ich habe das hier, das genügt. Die Zwölfe werden uns verzeihen.“ Sieghelm zeigte die kleine Holzfigur und den schlammigen Zettel, den Sieghelm inzwischen als Brief identifiziert hatte. „Lasst uns weiter“, sagte Sieghelm und ging wieder zurück zu seinem Pferd, auf dem Leutnant Pagol in Wachhaltung saß und sich stetig umsah. „Wonach suchen wir hier eigentlich?“, warf Kalkarib ein, der den Moment des Innehaltens nutzen wollte.Mit einem teils fragenden und teils entsetzten Blick, drehte sich Sieghelm zu Kalkarib um: „Nach meinem Vater, natürlich!“ „Ja, natürlich. Aber …“ Kalkarib machte eine drehende Geste um sich herum. „ … wir können nicht gerade sehr weit sehen in dem Nebel. Das ist wie die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste.“ „Du meinst, wie die Suche nach einer Nadel in einem Heuhaufen?!“ Beide Männer starrten sich blinzelnd und ahnungslos an. „Warum sollte man eine Nadel im Heuhaufen suchen wollen?“, platzte es im gereizten Tonfall aus Kalkarib heraus, der genau zu wissen glaubte, worauf Sieghelm anspielte. Es ging ihm erneut darum, seine Kultur zu verunglimpfen und seine Mittelländer-Kultur überseine Novadi-Kultur zu stellen. „Ach und die Suche nach einem einzelnen Sandkorn in der Wüste …“ „MÄNNER!“, platzte es aus Adellinde lauthals heraus. Zu gerne hätte sienun alle ihr zur Verfügung stehenden Finger auf die Lippen beiden Männer gelegt, doch leider standen sie zu weit auseinander, weshalb sie auf ein anderes erzieherisches Mittel zurückgreifen musste. Sie setzte mit nachdrücklichen Unterton, der keinen Einwand duldete, an: „Mit Sicherheit hat Ser Sieghelm einen gut durchdachten Plan, wie wir – trotz des dichten Nebels und des starken Verwesungsgeruchs – seine Hochwohlgeboren Parzalon zügig finden können, ohne ziellos über Berge aus Leichen zu stapfen. Denn niemand von uns möchte sich an diesem gottverlassenen Ort länger als nötig aufhalten. Nicht wahr, eure Exzellenz?“ „Ganz recht! Und natürlich habe ich einen Plan!“ Mit diesen Worten nahm er wieder die Zügel seines Pferdes und spürte den vernichtenden Blick der Geweihten im Nacken, weshalb er sich dazu entschied sich noch einmal zu seinen Gefährten umzudrehen um sie in seinen ‚Plan‘ einzuweihen: „Die Dettenhofener Truppen meines Vaters befanden sich auf der Linken Flanke, also im Firun des Mythraelsfeldes. Dort wurden sie auch zuletzt gesehen. Es heißt, dass sie vom Zentrum abgedrängt wurden. Unsere Suche wird also auf der Firunsseite des Schlachtfelds beginnen.“ Und als ob diese Erklärung genügte, ging Sieghelm nach einem kurzen Blick zu den zerfallenen Türmen von Burg Karmaleth, um sich zu orientieren, wieder voran. Als Kalkarib an Adellinde mit seinem Pferd vorbeiging, raunte er ihr noch trotzig zu: „Wer ist so dumm und versteckt eine Nadel im Heuhaufen?“ Was Adellinde zu dem Entschluss brachte, den nächsten Verbandwechsel bei ihm etwas straffer zu gestalten.
Die drei suchten sich einen möglichst halbwegs geraden Weg durch das ehemalige Schlachtfeld gen Firun. Die Leichenberge und Verwesungsgerüche machten den Weg zu einer Tortur. Der Magnum Opus des Weltenbrandes hatte verschiedenste unheilige Kräfte herbeigeschworenen, die das Land nicht nur verwüstet, sondern es auch topografisch gänzlich verändert hatten. Die Erde war an mehreren Stellen Ellenbreit aufgerissen worden, tiefe Kratertrichter von Explosionen und Einschlägen von herabfallenden Steinen durchzogen das Feld. Humusdämonen hatten die Wurzeln der Erde dazu gebracht empor zu steigen und sich als Ranken um Menschen zu schlingen. Diese zerstörten Konstrukte lagen noch immer wie versteinerte krause Haare von Riesen in der Landschaft herum und erschwerten das Durchqueren zusätzlich. Eine unbestimmte Zeit später liefen Sieghelm, Kalkarib und Adellinde auf eine am Boden hockende Gestalt auf. „Seid gegrüßt“, rief Sieghelm ihr euphorisch zu. Durch den Nebel waren sie der Person bis auf zehn Schritt nahe gekommen, da sie sie nicht eher erblicken konnten. Als Sieghelm die kauernde Gestalt anrief, schien sie sich zu erschrecken, fuhr hoch und wirbelte, da sie den dreien zuvor den Rücken zugekehrt hatte, herum. „Gut zu sehen, dass jemand überlebt hat …“, begann er, wurde jedoch von der Gestalt unterbrochen: „Was wollt ihr? Wer seid ihr?“ Ängstlich blickte sich der Mann mittleren Alters mit krausem Bart mit einem Bündel vor der Brust haltend zu den Dreien um. „Ich bin Ser Sieghelm, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Reichsritter des Neuen Raulschens Reich – und wer bist du?“ „Ich? Ich ähm … niemand“, stotterte er. Als der Mann sah wie Kalkarib seine Hand auf den Knauf seines Khunchomers legte, erschreckte er sich so stark, dass er das Bündel vor seiner Brust etwas lockerte. Zahllose edelmetallene Ketten, Ringe und Amulette, wertvolle Insignien und Wappenschilder purzelten heraus und platschten in den von Blut und Regen aufgeweichten Boden. Alle vier starrten für einen kurzen Moment auf den Haufen wertvoller Gegenstände, die der Mann soeben fallen gelassen hatte und allen war klar, was er hier tat. Ehe Sieghelm ‚bleib stehen‘ rufen konnte, war er auch schon auf dem Absatz herumgewirbelt und suchte im schützenden Nebel das Weite. Sieghelm wusste, dass er in seiner Gestechrüstung und in diesem Schlamm nicht die geringste Chance hatte, dem Mann zu folgen. Kalkarib hingegen war flink und leichtfüßig und trug keine erschwerende Rüstung. Ein Blick zu ihm genügte und der durchnässte Wüstensohn flitzte über die Ebene dem Leichenfledderer hinterher. Auch der Leutnant hüpfte vom Pferd und schoss wie eine Wurst, die über nasse Steine rutschte, über die feuchte Erde hinweg – nur das diese dabei protestierend kläffte.
Wenig später brachte Kalkarib den zeternden und jammernden Leichenfledderer am Schlafittchen gepackt zurück zu Sieghelms und Adellindes Position, die sich inzwischen die Wertgegenstände, die er verloren hatte, etwas näher angesehen hatten. Den ganzen Weg hatte sich Pagol in den Stiefel des Mannes verbissen und knurrte die ganze Zeit über, als würde er sagen wollen: ‚Ich schaffe es alleine ihn zu ziehen, lass ihn los!‘ Kalkarib warf ihn Sieghelm vor die Füße, wobei sich sein dichter ungepflegter Bart in einer blutigen Pfütze tunkte. „Auf die Knie mit dir“, befahl er dem Mann im rauen Ton, während Adellinde wie eine ihn legitimierende Geweihte neben ihm stand und den Mann verurteilend ansah. „Du wirst uns jetzt dahin bringen, wo du das gefunden hast“, sagte er und hielt dem Mann ein etwas Faustgroßes versilbertes Wappenschild von einer Rüstung vor die Nase, das er im Haufen der Gegenstände, den der Leichenfledderer verloren hatte, gefunden hatte.
