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Teil V – Getrennt (2)

Teil V – Getrennt (2)
Burg Auraleth – 18. Peraine, 34 nach Hal – Am Nachmittag
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

Ihre Brust brannte, als sie immer wieder nach oben schaute und die Zinnen von Burg Auraleth näherkommen sah. An oder hinter den Mauern der Praiotenfeste würde sie mit Sicherheit Schutz finden. Oder vielleicht sogar Verstärkung. Ihre Tränen über den plötzlichen Verlust von Hagen hatte sie inzwischen weggewischt, doch noch immer schmerzte sie seine Opferung. Er hatte ihr damit Zeit verschafft, um sich außerhalb der Sichtweite der Untoten zu bringen, aber dennoch gab er sein Leben für ihres – was sie schmerzte. Während sie immer weiter rannte und sich von Baum zu Baum versteckte, um sich immer wieder Mal kontrollierend umzusehen, musste Sie an das Gespräch mit Hagen denken. Sie hatte ihn dazu gebracht sein Handeln zu hinterfragen und für einen kurzen Moment hatte sie eine Verbindung gespürt. Auch wenn der Mann aus Waldsend schmutzig, schäbig und stinkend war, so war unter der Kruste nur eine verirrte Seele, die nach Halt suchte. Und Adellinde gab ihm wieder Halt – nur das eben dieser Halt ihn geradewegs in die Arme Borons getrieben hatte.

Beschirmer
Hagen von Föhrenstieg
Orden vom Bannstrahl Praios

Adellinde erreichte mit dreckigem Saum an der grünen Geweihtenklufft die erste Außenmauer von Burg Auraleth, der schon vor langer Zeit geschliffene erste Festungsring hatte zahlreiche Breschen. Sie waren so groß, dass darin Büsche und Bäume wachsen konnten. Sie kletterte über die mit Moos und Erde überwucherten Steine und lief weiter zum zweiten Festungsring. „Hilfe!“, rief sie außer Atem, doch niemand schien zu antworten. Sie erreichte den zweiten Festungsring, doch auch dieser hatte alte Breschen. Als sie erneut über Steine kletterte, sah sie im Innenhof des zweiten Festungsrings mehrere Leichen liegen. Sie erkannte die weißgoldenen Farben von Geweihten des Götterfürsten und einige Akoluthen – aber auch mehrere zerfetzte Gestalten, die wohl du Galottas Truppen gehört haben müssen. Anscheinend hatte hier vor kurzem ein Kampf stattgefunden und niemand hatte es geschafft die Leichen ordentlich beiseite zu schaffen, geschweige denn sie zu bestatten. Sie blickte hoch zu einem der rauchenden Türme und sendete ein kurzes Stoßgebet zu Praios, dass jemand auf der Festung überlebt haben möge. „So helft mir doch, bitte!“, rief sie wieder, und ihre Stimme überschlug sich, da sie noch immer außer Atem war.

Auf einer Anhöhe gelegen, erblickte sie einen weiteren Festungsring, der jedoch Intakt zu sein schien, nach links und rechts sah sie nur hohe Mauern. Auf den ersten Blick schien Festung Auraleth standgehalten zu haben. Sie erspähte einen Aufweg, zu dem sich immer wieder stolpernd und teilweise kletternd hoch bewegte. Mit schmutziger und zerschlissener Robe erreichte sie den breiten Weg und entdeckte endlich einen der Eingänge zur Festung. Die Tore waren geschlossen und hinter den Mauern stieg dichter Rauch auf. Sie stellte sich erschöpft vor das Tor, wischte sich an ihrer Robe das Gesicht trocken und holte nochmal Luft: „Im Namen des Herrn Praios, hört mich jemand!“, brüllte sie so laut sie konnte. Sie hoffte inständig, dass hinter den Mauen sich noch jemand befand, der ihr wohlgesonnen war. Wenn Festung Auraleth besetzt war und Galottas Schergen herausstürmen würden, hätte Sie nicht mehr die Kraft erneut zu fliehen. Ihre Beine zitterten und ihre Hände waren ganz kalt. Sollten die Götter entscheiden, wie es nun weiter geht, dachte sie sich schicksalsergeben. Tatsächlich öffnete sich eine kleine Pforte in dem mächtigen Tor und ein älterer Mann mit grauem Bart, Kettenhemd und weißem Wappenrock lugte heraus. „Bei den Zwölfen, welch eine Freude euch zu sehen – ich bin Hüterin der Saat Adellinde, ich komme in höchster Not, bitte lasst mich rasch ein!“, stellte sie sich zügig vor und trat näher. Doch als der Mann seinen Schwertknauf nach vorne schob und mit einer Hand daran rumfingerte, blieb sie in respektvollen Abstand stehen. „Dem Himmelrichter zum Gruße, ich bin Hermann der Pförtner – beweist mir zuerst eure Worte, bevor ich euch einlasse!“ Die Antwort des Pförtners verwunderte Adellinde, sie hatte nicht erwartet sich ‚beweisen‘ zu müssen, schon gar nicht vor einem Praioten. Zumal sie auf Anhieb nicht wusste, wie sie das hätte anstellen sollen. „Ähm … wie stellt ihr euch vor, soll ich das tun? Ich bin eine bescheidene Dienerin der Hüterin des Lebens, ich führe nichts von Wert bei mir – ich habe nur meine Robe, mein Glauben und mein Wort.“ Der Pförtner musterte sie. Als sie seine prüfende Blicke auf ihrer dreckigen und zerschlissenen Robe spürte, wurde ihr ein wenig unbehaglich. Sie wünschte sich eine saubere und neue Robe her, am liebsten sogar ein heißes Bad, doch die Umstände machten es ihr unmöglich. Als Hermann der Pförtner zu einer Antwort ansetzte, kam sie ihm zuvor und machte dabei einen mutigen Schritt nach vorne: „Hört zu, Hermann der Pförtner – ich habe nur mein Wort, und ihr seid ein Diener des Herrn des Lichts, der die Wahrheit erkennt, wenn er sie sieht – ich könnte euch jetzt auf Anhieb mehrere Gebete an die Herrin Peraine rezitieren und sogar das ein oder andere Stoßgebet an unseren Götterfürsten, aber ich habe keine Zeit dafür! Ich reise mit dem edlen Reichsritter und Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher zu Hochstieg, dem ehrenwerten Sieger der Frühlingsturney – ihr habt bestimmt Kunde davon bekommen. Seine Exzellenz ist in der Nähe und in größter Not, er benötigt sofort eure Hilfe – denn er stellt sich da draußen tapfer gegen die untoten Horden Galottas, die ihr versäumt habt von eurem Land zu tilgen! Und nun lasst mich ein!“ Mit jedem Satz, den sie rausfeuerte, wurde sie nicht nur schneller, sondern auch lauter und bestimmter. Am Ende stand sie kurz vor des Pförtners Nase und blickte ihn vernichtend an. „Hermann, lass die Geweihte ein“, dröhnte eine kräftige Männerstimme von Innen, woraufhin der alte Pförtner sofort demütig Platz machte. Adellinde schlüpfte mit einer kurzen Danksagung hindurch und stand plötzlich vor einer Gruppe aufgesattelter Reiter, angeführt von einem Mann mit rot vernarbten und teils verbundenen Gesicht, so dann man nur eins seiner Augen sehen konnte. Er trug auf seinen Kopf eine weiße Kappe auf der eine goldene Sonne gestickt war und dazu eine in der Praiossonne außergewöhnlich hell glänzende Rüstung mit gelbroten Praiossymbolen darauf. Seine erhabene und autoritäre Erscheinung wurde durch sein markant breites Gesicht und den frisch vernarbten Gesichtszügen noch unterstrichen. Instinktiv machte Adellinde eine leicht verneigende Geste vor dem Mann, der eine Gruppe aus vier weiteren Reitern anführte. „Ich bin Hagen von Föhrenstieg“, begann der Mann vom Pferd herunter mit lauter und anklagender Stimme zu donnern. „Beschirmer der Ordnung der Mittellande und Herr von Burg Auraleth, seit Hochmeister Rapherian von unserem Herrn höchstselbst abberufen wurde.“ Er machte eine kurze Pause um Luft zu holen und fuhr dann langsam mit noch anklagendem Ton fort: „Ihr besitzt eine laute und dreiste Stimme und führt noch dazu eine dreiste Anklage ins Feld … und das für eine Geweihte der gütigen Göttin.“ Adellinde, die sich das erste Mal seit Tagen wieder unter Geweihten befand, vergaß, dass sie es hier mit Praioten zutun hatte. Selbst unter anderen Geweihten, galten sie als herrschsüchtig und gelegentlich überheblich. Sie kramte kurz in ihrer inneren Bibliothek zu Titeln und Rängen und erinnere sich daran, dass ein Beschirmer dem Rang eines Ordensmeisters beim Orden des Bannstrahls Praios‘ gleichkam. Mit einer tiefen entschuldigenden Verneigung setzte sie noch einmal etwas leiser an: „Bitte verzeiht mir meinen unangemessenen Ton, eure Exzellenz. Es liegt mir fern Anklagen zu erheben. Erlaubt mir mich zu erklären. Ich bin aus Perz, mein Tempel dort wurde von Galottas Horden geschändet und geplündert, seine Wohlgeboren Sieghelm von Spichbrecher, hat mich dort gefunden und mitgenommen – seither reise ich mit ihm und helfe ihm bei seiner Queste seinen Vater, Baron Parzalon zu Dettenhofen wiederzufinden.“ Für einen Moment blickte Adellinde auf, doch aufgrund der blendenden Rüstung konnte sie ihn nicht allzu lange ansehen, weshalb sie wieder zum Boden schaute, der genauso aufgewühlt war wie sie. „Im Wald im Rahja, wurden wir von zahllosen Untoten überrascht und wurden getrennt. Er stellte sich ihnen tapfer entgegen, damit ich zu fliehen vermochte.“ Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie von dem anderen ‚Hagen‘ erzählen solle, entschied sich aus taktischen Gründen jedoch dagegen. „Der ehrenwerte Reichsritter und Ordensmeister benötigt eure Hilfe, er steckt in größter Not und ihr seid seine und meine letzte Hoffnung, eure Exzellenz.“ Als Adellindes Schilderung endete, kehrte Stille ein. Sie schaute weiterhin zu Boden, denn sie traute sich nicht dem Mann in die Augen – bzw. in das Auge zu sehen. Sie hoffte die richtigen Worte mit dem richtigen Ton angeschlagen zu haben. Sie wusste, sie würden ihr schon nichts tun, aber sie musste sie irgendwie überzeugen. Da brach der Beschirmer mit lauter Stimme das Schweigen: „Ich kenne den Reichsritter. Er war vor kurzem hier auf Burg Auraleth.“ Jetzt konnte Adellinde nicht anders als verwundert zu ihm aufzuschauen. Zu dem Pförtner gewandt, redete er im Befehlston weiter: „Hermann, öffnet die Tore – wir reiten aus.“ Der alte Pförtner tat wie ihm geheißen, indem er in seiner Wachnische an einem Seil zog, das zum Mechanismus zum Öffnen der Festungstore führte. Ein ganz leises Klingeln war zu hören. Adellinde trat zur Seite, da sie den fünf Reitern Platz machen wollte. Sie war nicht sicher, ob der Beschirmer jetzt ausreiten wollte um Sieghelm zur Hilfe zu eilen, oder ob er ohnehin gerade in eine andere Richtung losreiten wollte. Über Adellinde und der Gruppe Bannstrahler ratterte der Mechanismus los, es knallte laut, als die Ketten auf Metall prasselten und das massive Fallgitter hochgehoben wurde, während der Pförtner zusammen mit vier anderen das Holztor aufstemmte. Als das laute Rasseln der Ketten verklungen war, ritt die Gruppe etwas vor und der Beschirmer hielt sein Ross direkt neben Adellinde an. Ohne sie anzusehen, fragte er sie: „In welche Richtung sagtet ihr, war der Reichsritter?“ Sie schaute auf und konnte von Nahen sehen, dass das Gesicht des Mannes vor kurzem verbrannt wurde. Seine Verbände waren frisch gewechselt, aber unter ihnen lag eine dicke Schicht Brandsalbe, um seine Verletzung zu lindern und die Heilung zu fördern. Adellinde wusste, dass er ungeheuerliche Schmerzen haben musste. Eine Verbrennung dieser Art und in der Größe, würde jeden normalen Menschen mit Fiber an die Bettstatt fesseln, doch Hagen von Föhrenstieg machte nicht den Hauch eines Eindrucks beeinträchtigt zu sein. „In Richtung Rahja, nahe eines Nebenarms der Gernat.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gab der Burgherr seinem Pferd die Sporen und alle fünf Reiter preschten unter lautem Hufengeklapper los. Sie zogen bei ihrem Ritt eine dicke Staubwolke hinter sich her, während Adellinde wieder das metallische Geschepper der Torkette hörte, als das Fallgitter herab gelassen wurde. Am liebsten wäre sie mitgekommen, doch das lag nun außerhalb ihrer Macht. Sie war in Sicherheit – vorerst. Und sie musste darauf vertrauen, dass es den Bannstrahlern gelang, Sieghelm und oder Kalkarib zu finden. Erst jetzt fiel ihr ein, dass Sie den Praioten nichts von dem jungen Novadi erzählt hatte, aber das war wohl auch besser so. Sie würden ganz bestimmt nicht wegen eines einzelnen unbedeutenden Novadis auch nur einen Finger krümmen, so viel wusste sie über die Anhänger des Ordens des Herrn Praios‘.

Adellinde beschloss näher zum Burgried aufzusteigen. Auch wenn sie nun schon die dritte Festungsmauer durchquert hatte, war sie noch immer nicht im Inneren Burgfried angekommen, es gab noch einen weiteren Verteidigungsring, den sie durchqueren musste. Sie nah nun endlich die Quelle der schwarzen Rauchwolke, die Praioten hatten die Leichen der Untoten und die der Toten Söldner und der anderen Geschöpfe aus Galottas Armee zu einem Haufen zusammengetragen und waren dabei, sie dem Feuer zu übergeben. Eine Gruppe Praioten zerrten die leblosen Körper von alten Handkarren und warfen diese auf den großen brennenden Haufen, der höher war, als sie selbst. Adellinde bedeckte ihre Nase aufgrund des dabei entstehenden Gestanks. Doch dann hörte sie ein paar Schreie aus einem Pallas. Instinktiv ging sie hin und entdeckte in der breiten, an der Wehrmauer gelegenen Stallung ein hastig angelegtes Krankenlager. Dutzende, auf den ersten Blick nicht zählbare Mengen an Verletzten, Versehrten und Kranken lagen auf Strohlagern quer und teils schon übereinander verteilt in der Scheune. Sie ging hinein und jeder Dritte griff nach ihr, rief nach ihr, schrie oder wimmerte leise. Es waren nicht nur Praioten, nein, es waren die unterschiedlichsten Leute, größtenteils Soldaten vom Feld, die es lebend vom Mythraelsfeld geschafft hatten, dachte sich Adellinde zuerst. Es waren jedoch auch Stadtbewohner und Bürger dabei. Dann fiel ihr wieder ein, das Wehrheim vom Magnum Opus zerstört wurde und es wohl auch Überlebende von dort waren. Jede ihr bekannte oder nicht bekannte Verletzungsart war vertreten und die Luft des Ortes war gefüllt von Schmerzensschreien und Hilferufen. Adellinde wankte ziellos durch die Scheune, flüsterte hier und dort Stoßgebete für die Verletzten, tupfte fiebernden Leuten die Stirn ab und taumelte dann ziellos weiter. Auch der ganze Pallas war gefüllt mit Verletzten und es gab viel zu wenig Fachkundige, die sich um sie kümmern konnten. Sie wusste nicht genau wie lange, aber sie verbrachte mehrere Stunden dort, kümmerte sich um die Verletzten, half Verbände anzulegen oder zu wechseln, improvisierte selber welche aus ihrem Unterkleid, wusch Wunden aus und stand dem einen oder anderen bei, als dieser zu Boron ging. Bis in den Praiosuntergang hinein blieb sie dort und arbeitete bis zur Erschöpfung. Als sie auf dem Hof des Pallas am Brunnen neues Wasser holte, lehnte sie sich kurz daran, um durchzuatmen, doch ihr Körper zollte Tribut für die harten letzten Tage und sie schlief binnen eines Lidschlags ein.

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