
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz
Am höchsten Punkt der Festung
„Du verschandelst dir dein schickes Kleidchen“, spottete Vidkun mit Branganes Stimme. Seine Lippen formten ein hämischen Grinsen, als er mit der Spitze des Anderthalbhänders auf die linke Seite von Sara’kiin zeigte. Noch immer trat eine dicke schwarze Flüssigkeit aus, Vidkun hatte sie schwer verletzt, doch sein tödlicher Stich wurde von irgendetwas in ihrem Innern vom Herz abgelenkt. Die Limbusverschlingerin zeigte keine Regung auf Vidkuns Versuch, sie zu provozieren. Sie hob die linke Hand, welche begann in Gänze blau zu leuchten. Vidkun, der noch immer die Gestalt von Brangane hatte, wusste, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, zum Angriff über zu gehen. Er stieß sich auf den Hacken ab und mit dem Schwert voran eilte er auf sie zu. Sara’kiin machte mit der linken Hand eine Bewegung, die man nur als ‚Ausschütteln‘ bezeichnen konnte. Mit voneinander abgespreizten Fingern schüttelte sie ihre blau lumineszierende Hand aus, von der sich fünf fingergroße spitze und eisige Zapfen lösten und in Richtung Vidkun schossen. Dieser hob jedoch das Schwert, so dass drei der Zapfen gegen die Klinge und die Parierstange prasselten, doch zwei gingen durch, einer flog nur knapp an seiner Schulter vorbei, doch der fünfte traf ihn in die linke Schulter. Vidkun nahm Schwung und hieb zu. Die Klinge knallte auf den Stab und schabte an ihm entlang. Sara’kiin drehte sich um die eigene Achse, nutze den aufgenommenen Schwung und ließ den Stab rotieren. Vom abgelenkten Schlag aus dem Gleichgewicht gebracht, richtete sich Vidkun neu aus. Sara’kiins Stab surrte horizontal durch die Luft und schepperte auf seinen linken Rippenbogen, so stark, dass der Brustharnisch zerbeulte. Im gleichen Moment schlug Vidkun erneut zu, das Schwert ging auf ihr nieder und als sie sich erneut wegdrehte, spritzten schwarze Tropfen ihren Bluts umher. Sara’kiin erwartete einen weiteren Schwerthieb, doch im letzten Moment verlagerte Vidkun das Gewicht des Schwertes und schlug aus kurzer Distanz mit der Parierstange nach ihr. Die Stange traf sie am Kopf, ee klonkte metallisch, wie bei einer kleinen Glocke und sie taumelte nach hinten. Vidkun setzte nach, verwandelte in Windeleile sein Anderthalbhänder wieder in einen kurzen schmalen Dolch und suchte die verwundbare Stelle. Er überbrückte die Distanz mit einem beherzten Sprung und stach zu. Er traf, doch nicht das was er wollte. Im letzten Moment hatte Sara’kiin sich wieder gefangen und mit ihrem Stab lenkte sie die Klinge ab. Die Spitze zerschnitt ihr die rechte Brust und wieder einen Teil ihrer Kleidung. Dicke Tropfen schwarzen Blutes schossen Vidkun ins Gesicht. Er blinzelte und für einen kurzen Moment wurde er blind, er wusste, dass er sie verfehlte hatte und musste wieder Distanz gewinnen. Sara’kiin schlug mit ihrer Faust gegen den blauen Zapfen, der in seiner Schulter steckte und trieb diesen damit noch tiefer in ihn hinein. Ein lauter Schmerzensschrei erklang aus Branganes Mund, der keineswegs weiblich, sondern viel dunkler und rauer klang. Denn es war Vidkun, der dort von einer Schmerzenswelle erfasst wurde. Sara’kiin verschwendete keinen Moment, sie nutze Vidkuns schwachen Moment aus und richtete ihre Hand wieder Trichterförmig auf ihn aus, welche dann begann blau zu glimmen. Vidkuns Körper löste sich erneut vom Boden. Wissend darum, was geschehen würde, verwandelte er seinen kurzen Dolch in eine lange Klinge und schlug damit seitwärts ungezielt vor sich umher. Die Spitze des Anderthalbhänders verfehlte Sara’kiin dabei nur knapp. Gepackt von Sara’kiins Schwerelosigkeitszauber, würde er nichts ausrichten können. „Du verdammtes Biest!“, keuchte seine düstere und hohl klingende Stimme, da er seine Kraft nun nicht mehr dafür aufwandte die perfekte Illusion von Brangane aufrecht zu halten. Tief in seiner linken Schulter steckte der blau leuchtende Zapfen, von ihm ausgehend zogen sich schwarze Adern wie dunkle Wurzeln über seinen Körper, dabei machten sie zwischen Kleidung, Haut und Rüstung keinen Unterschied, denn auf magischer Ebene betrachtet, war es eh alles Vidkuns Körper.
Vidkun vernahm wieder ein metallisches Scheppern, er spürte wie der Schwerelosigkeitszauber von ihm abfiel und er erneut zu Boden stürzte, doch dieses Mal nicht so hoch wie bei letzten Mal. Trotzdem schlug er mit einer großen Wucht auf den hölzernen Planken auf, so dass es laut krachte. Als er die Augen öffnete, landete neben ihm ein verbeulter Pfeil. Ein kurzes Lächeln flog über seine Lippen. Diese Bogenschützin war wahrlich ein Segen für ihn, weshalb er beschloss, sie später zu verschonen. Als er die Augen hob, war Sara’kiin mit dem Rücken zu ihm gewandt. Der Pfeil musste sie mehr ins Strauchelt gebracht haben, als er zuerst annahm. Doch das Geschenk nahm er gerne an. Der Anderthalbhänder verwandelte sich wieder in den kurzen Dolch, als sich Vidkun aufrichtete, um sie von hinten zu überraschen. Da tauchte eine lange Klinge über Sara’kiins Kopf auf und schlug mit großer Gewalt in ihrer Schulter ein. Ein männlicher Kampfschrei dröhnte über den Burgfried und hinter Sara’kiin kamen Gneisor und Ingmar zum Vorschein. Vidkun verlor keine Zeit darüber nachzudenken, wie bei Amazeroths Willen es der angeschlagene Krieger doch hier hoch geschafft hatte. Mit einem Satz schoss Vidkun nach vorne und presste sich dicht hinten an Sara’kiins Körper. Mit der Klinge in der linken Hand stach er erneut unter ihrem Rippenbogen zu, er suchte einen Weg zu ihrem Herzen. Vidkun lenkte und drückte das Heft der Klinge gleichzeitig, während sich die schmale Klinge durch ihr Inneres bohrte. Die Spitze traf die Stelle von der sie das letzte Mal abgelenkt wurde, doch dieses Mal war er vorbereitet und er drehte das Heft so, dass er daran vorbeikam. Da donnerte Gneisor Anderthalbhänder auf Sara’kiins Brust, ihr Körper wurde von der Wucht heruntergedrückt und zu Boden geschleudert. „NEIN!“ entfuhr es Vidkun wütend, als seine Klinge – kurz vor dem Ziel – aus ihr heraus rutschte. Sara’kiin fiel, doch sie fiel nicht zu Boden, sie verschwand darin, denn im Boden öffnete sich ein Spalt und verschluckte sie. Ehe die anderen reagieren konnten, war sie verschwunden. „Du Idiot!“, bellte Vidkun mit dunkler dämonischer Stimme dem Marschall zu, dem der Schweiß auf den Stirn stand. „Ich hatte sie fast, misch dich nicht ein du nutzloser Fleischhaufen!“, polterte er weiter, griff sich an den blauen Zapfen in seiner Schulter und riss ihn mit einem metallisch hohlen Schmerzenschrei aus sich heraus. Kaum hatte er ihn weggeschleudert, verging er sofort. „Gern geschehen“, antwortete Gneisor mit schwacher pfeifender Stimme und hustete sofort etwas Blut. Er hatte Mühe aufrecht zu stehen, die Klinge hielt er halbhoch mit einer Hand, denn sein anderer Arm war gebrochen und hing in einer improvisierten Schlaufe. Ingmar kam hinter seinem Herrn zum Vorschein, auch er war Kampfbereit, doch auch ihm stand der Schweiß auf der Stirn und er sah sich suchend um.
„Wo ist sie hin?“, fragte Ingmar. „Im Limbus, oder dem, was dem Limbus gleich kommt hier im Vortex. Keine Sorge, sie taucht gleicht wieder auf. Sie kann da nicht allzu lange bleiben.“ In Vidkuns metallischer Stimme lag Spott, als auch er sich zu den anderen begab. Instinktiv bildeten die drei einen Kampfkreis, bei dem sie die Rücken einander zu wandten. „Wie habt ihr den Fleischsack hier herauf geschafft? Da ist eine beschissene Leiter.“ „Ich habe mit den Kisten eine Treppe gebaut.“ Ingmars Antwort erstaunte Vidkun so sehr, dass er sich dieses Mal ein spottendes Kommentar verkniff. „Schluss jetzt!“, brüllte Gneisor pfeifend, der ob der lauten Stimme gleich wieder Blut hustete. „Wenn du das hier überlebst, könntest du in Vinsalt als Bühnenkünstler auftreten: Der Fleischsack mit der verschluckten Pfeife. Das wird ein riesen Erfolg!“ Stille folgte, trotz den bissigen Kommentars. Die Ruhe zerriss, als sie eine Explosion hörten. Sofort eilten alle zum Rand, um an den Zinnen herunter zu blicken. Sara’kiin schwebte in luftige Höhe und warf mehrere Zauber auf den Wehrturm direkt neben ihnen. Mit jedem Treffer explodierte erneut ein Teil von ihm. Steine flogen am Stück und zersplittert über dem ganzen Wehrhof. Der Turm, auf dem Tarnelius und Elfa waren, wurde von Sara’kiin in Kürze niedergerissen – von den beiden fehlte jede Spur.


