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Teil X – Schicksal (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Am höchsten Punkt der Festung

„Du verschandelst dir dein schickes Kleidchen“, spottete Vidkun mit Branganes Stimme. Seine Lippen formten ein hämischen Grinsen, als er mit der Spitze des Anderthalbhänders auf die linke Seite von Sara’kiin zeigte. Noch immer trat eine dicke schwarze Flüssigkeit aus, Vidkun hatte sie schwer verletzt, doch sein tödlicher Stich wurde von irgendetwas in ihrem Innern vom Herz abgelenkt. Die Limbusverschlingerin zeigte keine Regung auf Vidkuns Versuch, sie zu provozieren. Sie hob die linke Hand, welche begann in Gänze blau zu leuchten. Vidkun, der noch immer die Gestalt von Brangane hatte, wusste, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, zum Angriff über zu gehen. Er stieß sich auf den Hacken ab und mit dem Schwert voran eilte er auf sie zu. Sara’kiin machte mit der linken Hand eine Bewegung, die man nur als ‚Ausschütteln‘ bezeichnen konnte. Mit voneinander abgespreizten Fingern schüttelte sie ihre blau lumineszierende Hand aus, von der sich fünf fingergroße spitze und eisige Zapfen lösten und in Richtung Vidkun schossen. Dieser hob jedoch das Schwert, so dass drei der Zapfen gegen die Klinge und die Parierstange prasselten, doch zwei gingen durch, einer flog nur knapp an seiner Schulter vorbei, doch der fünfte traf ihn in die linke Schulter. Vidkun nahm Schwung und hieb zu. Die Klinge knallte auf den Stab und schabte an ihm entlang. Sara’kiin drehte sich um die eigene Achse, nutze den aufgenommenen Schwung und ließ den Stab rotieren. Vom abgelenkten Schlag aus dem Gleichgewicht gebracht, richtete sich Vidkun neu aus. Sara’kiins Stab surrte horizontal durch die Luft und schepperte auf seinen linken Rippenbogen, so stark, dass der Brustharnisch zerbeulte. Im gleichen Moment schlug Vidkun erneut zu, das Schwert ging auf ihr nieder und als sie sich erneut wegdrehte, spritzten schwarze Tropfen ihren Bluts umher. Sara’kiin erwartete einen weiteren Schwerthieb, doch im letzten Moment verlagerte Vidkun das Gewicht des Schwertes und schlug aus kurzer Distanz mit der Parierstange nach ihr. Die Stange traf sie am Kopf, ee klonkte metallisch, wie bei einer kleinen Glocke und sie taumelte nach hinten. Vidkun setzte nach, verwandelte in Windeleile sein Anderthalbhänder wieder in einen kurzen schmalen Dolch und suchte die verwundbare Stelle. Er überbrückte die Distanz mit einem beherzten Sprung und stach zu. Er traf, doch nicht das was er wollte. Im letzten Moment hatte Sara’kiin sich wieder gefangen und mit ihrem Stab lenkte sie die Klinge ab. Die Spitze zerschnitt ihr die rechte Brust und wieder einen Teil ihrer Kleidung. Dicke Tropfen schwarzen Blutes schossen Vidkun ins Gesicht. Er blinzelte und für einen kurzen Moment wurde er blind, er wusste, dass er sie verfehlte hatte und musste wieder Distanz gewinnen. Sara’kiin schlug mit ihrer Faust gegen den blauen Zapfen, der in seiner Schulter steckte und trieb diesen damit noch tiefer in ihn hinein. Ein lauter Schmerzensschrei erklang aus Branganes Mund, der keineswegs weiblich, sondern viel dunkler und rauer klang. Denn es war Vidkun, der dort von einer Schmerzenswelle erfasst wurde. Sara’kiin verschwendete keinen Moment, sie nutze Vidkuns schwachen Moment aus und richtete ihre Hand wieder Trichterförmig auf ihn aus, welche dann begann blau zu glimmen. Vidkuns Körper löste sich erneut vom Boden. Wissend darum, was geschehen würde, verwandelte er seinen kurzen Dolch in eine lange Klinge und schlug damit seitwärts ungezielt vor sich umher. Die Spitze des Anderthalbhänders verfehlte Sara’kiin dabei nur knapp. Gepackt von Sara’kiins Schwerelosigkeitszauber, würde er nichts ausrichten können. „Du verdammtes Biest!“, keuchte seine düstere und hohl klingende Stimme, da er seine Kraft nun nicht mehr dafür aufwandte die perfekte Illusion von Brangane aufrecht zu halten. Tief in seiner linken Schulter steckte der blau leuchtende Zapfen, von ihm ausgehend zogen sich schwarze Adern wie dunkle Wurzeln über seinen Körper, dabei machten sie zwischen Kleidung, Haut und Rüstung keinen Unterschied, denn auf magischer Ebene betrachtet, war es eh alles Vidkuns Körper.

Vidkun vernahm wieder ein metallisches Scheppern, er spürte wie der Schwerelosigkeitszauber von ihm abfiel und er erneut zu Boden stürzte, doch dieses Mal nicht so hoch wie bei letzten Mal. Trotzdem schlug er mit einer großen Wucht auf den hölzernen Planken auf, so dass es laut krachte. Als er die Augen öffnete, landete neben ihm ein verbeulter Pfeil. Ein kurzes Lächeln flog über seine Lippen. Diese Bogenschützin war wahrlich ein Segen für ihn, weshalb er beschloss, sie später zu verschonen. Als er die Augen hob, war Sara’kiin mit dem Rücken zu ihm gewandt. Der Pfeil musste sie mehr ins Strauchelt gebracht haben, als er zuerst annahm. Doch das Geschenk nahm er gerne an. Der Anderthalbhänder verwandelte sich wieder in den kurzen Dolch, als sich Vidkun aufrichtete, um sie von hinten zu überraschen. Da tauchte eine lange Klinge über Sara’kiins Kopf auf und schlug mit großer Gewalt in ihrer Schulter ein. Ein männlicher Kampfschrei dröhnte über den Burgfried und hinter Sara’kiin kamen Gneisor und Ingmar zum Vorschein. Vidkun verlor keine Zeit darüber nachzudenken, wie bei Amazeroths Willen es der angeschlagene Krieger doch hier hoch geschafft hatte. Mit einem Satz schoss Vidkun nach vorne und presste sich dicht hinten an Sara’kiins Körper. Mit der Klinge in der linken Hand stach er erneut unter ihrem Rippenbogen zu, er suchte einen Weg zu ihrem Herzen. Vidkun lenkte und drückte das Heft der Klinge gleichzeitig, während sich die schmale Klinge durch ihr Inneres bohrte. Die Spitze traf die Stelle von der sie das letzte Mal abgelenkt wurde, doch dieses Mal war er vorbereitet und er drehte das Heft so, dass er daran vorbeikam. Da donnerte Gneisor Anderthalbhänder auf Sara’kiins Brust, ihr Körper wurde von der Wucht heruntergedrückt und zu Boden geschleudert. „NEIN!“ entfuhr es Vidkun wütend, als seine Klinge – kurz vor dem Ziel – aus ihr heraus rutschte. Sara’kiin fiel, doch sie fiel nicht zu Boden, sie verschwand darin, denn im Boden öffnete sich ein Spalt und verschluckte sie. Ehe die anderen reagieren konnten, war sie verschwunden. „Du Idiot!“, bellte Vidkun mit dunkler dämonischer Stimme dem Marschall zu, dem der Schweiß auf den Stirn stand. „Ich hatte sie fast, misch dich nicht ein du nutzloser Fleischhaufen!“, polterte er weiter, griff sich an den blauen Zapfen in seiner Schulter und riss ihn mit einem metallisch hohlen Schmerzenschrei aus sich heraus. Kaum hatte er ihn weggeschleudert, verging er sofort. „Gern geschehen“, antwortete Gneisor mit schwacher pfeifender Stimme und hustete sofort etwas Blut. Er hatte Mühe aufrecht zu stehen, die Klinge hielt er halbhoch mit einer Hand, denn sein anderer Arm war gebrochen und hing in einer improvisierten Schlaufe. Ingmar kam hinter seinem Herrn zum Vorschein, auch er war Kampfbereit, doch auch ihm stand der Schweiß auf der Stirn und er sah sich suchend um.

„Wo ist sie hin?“, fragte Ingmar. „Im Limbus, oder dem, was dem Limbus gleich kommt hier im Vortex. Keine Sorge, sie taucht gleicht wieder auf. Sie kann da nicht allzu lange bleiben.“ In Vidkuns metallischer Stimme lag Spott, als auch er sich zu den anderen begab. Instinktiv bildeten die drei einen Kampfkreis, bei dem sie die Rücken einander zu wandten. „Wie habt ihr den Fleischsack hier herauf geschafft? Da ist eine beschissene Leiter.“ „Ich habe mit den Kisten eine Treppe gebaut.“ Ingmars Antwort erstaunte Vidkun so sehr, dass er sich dieses Mal ein spottendes Kommentar verkniff. „Schluss jetzt!“, brüllte Gneisor pfeifend, der ob der lauten Stimme gleich wieder Blut hustete. „Wenn du das hier überlebst, könntest du in Vinsalt als Bühnenkünstler auftreten: Der Fleischsack mit der verschluckten Pfeife. Das wird ein riesen Erfolg!“ Stille folgte, trotz den bissigen Kommentars. Die Ruhe zerriss, als sie eine Explosion hörten. Sofort eilten alle zum Rand, um an den Zinnen herunter zu blicken. Sara’kiin schwebte in luftige Höhe und warf mehrere Zauber auf den Wehrturm direkt neben ihnen. Mit jedem Treffer explodierte erneut ein Teil von ihm. Steine flogen am Stück und zersplittert über dem ganzen Wehrhof. Der Turm, auf dem Tarnelius und Elfa waren, wurde von Sara’kiin in Kürze niedergerissen – von den beiden fehlte jede Spur.

Teil X – Schicksal (1)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Am höchsten Punkt der Festung

Hinter dem Studiosus öffnete sich ein schlanker Spalt. Der Spalt, dessen Öffnung wie ein länglicher aufrechter Mund mit schmalen Lippen aussah, knisterte vor entropischer Energie als sich die Lippen voneinander trennten. Der Spalt weitere sich und Sara’kiin die Limbusverschlingerin wurde aus den schmalen Vortexschlund ausgespuckt. Ihr schwarzweißes Gewand wallte dabei, als wäre es im ständigen Fluss, an Grazilität und Anmut hatte die ehemalige Eismagierin Saria Fuxfell bei ihrer finsteren Verwandlung kein bisschen eingebüßt. Direkt hinter ihr schloss sich der Schlund wieder, und binnen einen Lidschlags endete auch das entropische Knistern – der Spalt war verschwunden. Sara’kiin dreht anmutig ihren langen Stab wie eine Windmühle durch die Luft und mit einer flüssigen Bewegung traf ihr finaler Schwung Halrik von hinten gegen die rechte Schulter. Mit einer Wucht, als hätte ihn ein darpatischer Ochse im vollen Lauf von der Stelle gepflügt, flog er zur Seite und donnerte gegen die inneren Burgzinnen, wo er mit knackenden Knochen und zerplatzten Muskeln in einer abstrakten Haltung liegen blieb.
Sara’kiin und Matral standen sich nun direkt gegenüber. Sara’kiin ließ ihren Stab noch zwei mal rotieren und endete dann ruckartig in einer eleganten Haltung hinter ihrem Handgelenk. Matrals Kopf war in Richtung des Studiosus gedreht. Von seiner schlanken und kurzen Klinge tropfte noch immer dessen Blut auf das Holz. Aus irgendeinem Grund wandte er seinen Blick nicht von ihm ab. Im Innern des dunklen metallischen Helms, den Matral trug, waren keine Augen oder geschweige denn irgendeine Mimik zu sehen, die Aufschlüsse hätten geben können, über das, was im Kopf des gefallenen Ankers vorging. Sein Blick ruhte auf dem Jungen, der jedoch keineswegs mehr wie der junge Studiosus Halrik aussah. Seine gesamte Gestalt hatte sich seit seinem ersten Vortexzauber verwandelt. Seine Haut war aschfahl, überzogen von fingerdicken schwarzen Adern, sein Haar so dünn, dass es silbrig glänzte und seine Augen so groß und dunkel wie Obsidiansteine. Doch warum ruhte Matrals Blick auf seinem gebrochenen Körper? Empfand er eine abartige Version von Genugtuung? War es der prüfende Blick des Mörders auf sein Opfer, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich tot war? Matrals Körper bewegte sich nicht von der Stelle, und doch drehte er sich im Innern der tiefschwarzen Kleidung. Sein Körper schien sich in Richtung Halrik zu wenden und loszueilen. Doch dann verharrte er in dem Bewegungsmoment. Es schien als hätte er instiktiv auf ihn zu eilen wollen, doch noch ehe er den ersten Schritt machen konnte, hielt er sich selbst an Ort und Stelle fest.

Plötzlich schepperte ein metallischer Ton über die oberste Stelle der Festung, gefolgt von einem unkontrolliert driftenden Pfeil, der über die Zinnen trudelte. Matrals Momentum unterbrach und sein Kopf wandte sich zum Ursprung des Geräusches. Vor ihm neigte sich Sara’kiin leicht zur Seite, eine kleine, kaum erkennbare glänzende Scharte war auf ihrem metallischen Zackenhelm zu sehen, der noch weiter abgeknickt war als der Rest ihres Körpers. Da surrte ein zweiter Pfeil heran und verfehlte sie nur knapp. Er schoss an ihr vorbei und flog ungehindert auf der anderen Seite wieder herab. Die Limbusverschlingerin fing sich und streckte sich wieder. In einer anmutigen Bewegung ließ sie ihren Stab um ihre eigene Körperachse rotieren und schwebte nur eine Handbreit über den Boden in die Richtung des Urspungs der Pfeile zum Rand der Zinnen gegenüber von Halrik.

„Wir haben wieder seine Aufmerksamkeit“, intonierte die glockenhelle Stimme der Bogenschützin Elfa, als sie ihren nächsten Pfeil auf die Sehne legte. Da sie nicht wusste, dass Sara’kiin ursprünglich eine ‚Sie‘ war, und mal davon abgesehen, dass man nicht weiß, ob es im Vortex so etwas wie Geschlechter gab, sah sie Sara’kiin weiterhin als ‚Er‘ an. Neben ihr stand der deutlich gezeichnete Infanterist Tarnelius mit einer breite Platzwunde über dem linken Auge. Auch er hielt einen Bogen in der Hand, doch seine kräftigen Finger hatten es schwerer, mit den filigranen Pfeilen zu hantieren, als die schmalen und flinken seiner Kameradin. „Scheiß Pfeile“, meckerte Tarn mit tiefer Stimme, da er Schwierigkeiten hatte, den Pfeil einzunocken. Elfas zweiter Pfeil surrte los. Die zwei hatten die Explosion überlebt, wenn auch beide sichtlich angeschlagen waren. Sie standen auf einem Wehrturm, der etwa fünf Schritt niedriger war, als der höchste Punkt der Festung, auf der sich die Jenseitigen befanden. Elfas zweiter Pfeil hätte, so er denn seine Flugbahn hätte fortsetzen können, erneut Sara’kiins Kopf getroffen, doch nur wenige Fingerbreit davor schlug er gegen ein blau aufglitzerndes Schild und trudelte dann zerbrochen hinab. Während die Bogenschützin ihren dritten Pfeil aus dem Köcher fischte, gelang es dem Infanteristen endlich seinen zweiten einzunocken. „Er ist wieder geschützt“, seufzte Elfa, setzte aber ihr Handeln unbeeindruckt fort. Sara’kiin streckte ihnen ihren Stab entgegen, an dessen Ende erneut eine blaue Kugel entstand. „Achtung!“, brüllte Tarn, als er begann auf sie zu zielen und sah, was sie vor hatte. Aufgrund des Winkels konnten Elfa und Tarnelius nur den Oberkörper der Magierin sehen, da der Rest hinter den Zinnen verborgen war. Hinter dem schwarzweißen Gewand tauchte eine weitere, sehr dunkle Gestalt auf, die ebenfalls wie ein Jenseitiger aussah: Matral.
Die blaue Kugel am Ende des Stabes löste sich von ihm und flog zügig auf Elfa und Tarnelius zu. „Jetzt!“, rief die Schützin. Tarn und sie machten einen kleinen Sprung und tauchten ins Innere des Turms hinab. Sie hatten die Luke offen gelassen und sich direkt hinter ihr gestellt, um rasch in Deckung gehen zu können. Über ihnen wurde für einen kurzen Moment alles in ein helles Blau gehüllt. Sie hörten, wie die Kugel über sie hinweg sauste, während beide eine Ebene tiefer im Wehrturm landeten und nach oben blickten. Die erwartete verheerende Detonation blieb aus. Fragend blickten sich beide einander an, doch dann ertönte sie, jedoch klang sie so, als wäre sie viel weiter weg und ihr Turm blieb, zu ihrer Überraschung, unbeschadet. Die Magierin musste sie schlichtweg verfehlt haben. „Daneben?!“, war Tarns kurzer Kommentar, in seiner Stimme lag sowohl Verwunderung, als auch Erleichterung. Elfa vergeudete keinen Moment, sprang an die Leiter und kletterte erneut nach oben. „Los, wieder hoch!“

Es machte ein metallisches Schaben, so als würde man mit einer scharfen Klinge über einen Wetzstein fahren, als Matral seine kurze und schlanke Klinge aus Sara’kiin heraus zog. Beim schwungvollen Ruck spritzte eine schwarze Flüssigkeit heraus und befleckte damit den weißen Teil ihres Gewands. Er nutzte das Überraschungsmoment und stach erneut zu, beim ersten Mal hatte er ihr den schmalen Dolch von hinten dort hinein getrieben, wo Menschen ihren unteren rechten Rippenbogen hatten. Doch sein Stich wurde in ihrem Innern von irgendetwas abgelenkt, eigentlich wollte er die Stelle treffen, wo Menschen ihr Herz hatten, doch stieß die Spitze des Dolchs gegen irgendetwas gegen und wurde somit abgelenkt. Dieses Mal veränderte er den Eintrittswinkel etwas, doch Sara’kiin bewegte sich so schnell und gleichwohl anmutig, dass seine Klinge sie gänzlich verfehlte und nur ihr Gewand zerschnitt. Sein metallischer Faustpanzer pochte nutzlos gegen ihre Flanke. Er sah die Bewegung des bereits in Rotation gebrachten Stabes zu spät kommen, er wollte sich noch ducken, doch traf er ihn von vorne gegen den Helm. Es schepperte laut, Matrals Kopf wurde nach hinten weggerissen und sein Körper folgte ihm. Er wurde mehrere Schritt durch die Luft geschleudert und ruderte mit seinen Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Tatsächlich fing er sich und blieb mit kratzenden Stiefeln auf den Planken stehen. Sara’kiin, aus deren Flanke eine schwarze und ölige Flüssigkeit quoll, drehte sich zu ihm um. Erneut ließ sie den Stab in einer aberwitzigen Geschwindigkeit um ihren eigenen Körper rotieren, um dann schlagartig in einer Kampfbereiten Haltung zum Stillstand zu kommen.

Nachdem sich Matral gefangen hatte, änderte auch er seine Haltung. Er schob die linke Schulter und das linke Bein vor, drehte seinen Oberkörper ein und bot somit weniger Angriffsfläche. Seine Hände umschlossen beide das Heft des Dolchs und er hielt ihn so vor sich, als wäre es ein großes Schwert – was in Anbetracht der Tatsache, dass er einen kurzen Dolch in seinen Panzerhänden hielt, jedoch lächerlich aussah. Plötzlich schlug die dunkle und enge Kleidung von Matral so etwas ähnliches wie Blasen, zuerst waren es nur ganz wenige, doch innerhalb eines Lidschlags wurden es dutzende, und zwar auf seinem ganzen Körper, die gesamte Oberfläche und auch der kurze Dolch des gefallenen Ankers des Boron veränderte sich. Der kurze Dolch wuchs brodelnd an, wurde länger und massiger. Kontur, Farbe und Material verschwommen miteinander und verwandelten sich. Farben erschienen, das Metall wich einer menschlichen Hautoberfläche und unter dieser brodelnden Masse kam das sehnige Erscheinungsbild von Brangane aus Greifenfurt zum Vorschein. Als der Verwandlungprozess abgeschlossen war, stand sie in einer, für einen Kämpfer mit Anderhalbhänder, typischen Haltung dar. Ein verschmitztes Grinsen flog ihr über die Lippen. Sie trug wieder die für sie typische glänzende Plattenrüstung, den blauroten Wappenrock ihres Hauses und langes, zu einem strengen Zopf gebundenes, dunkelbraunes Haar. Mit Schalk in der Stimme sprach sie: „Überraschung.“

Branganes, oder vielmehr Vidkuns Artefakt verstärkte dem eines Quitslinga eigene Fähigkeit des Gestaltwandelns um ein vielfaches. Ein Quitslinga konnte zwar eine ihm beliebigen äußere Form annehmen, doch blieb sein Körper im Innern weiterhin eine zähflüssige Masse, die nur durch eine Veränderte Außenhaut in Form gehalten wurde. Trennte man Körperteile ab oder würde man ihn einer magischen Visitation unterziehen, würde man sein wahres Ich erkennen. Iribaars Spiegel gab ihm jedoch die Macht, jedem genau das zu zeigen, was er oder sie glauben und sehen wollte, bis in die absolute Perfektion. Es würde jeder Untersuchung standhalten, sowohl profan, magisch als auch klerikal, denn es veränderte nicht nur ihn, sondern die Wahrnehmung des Beobachters – in diesem Fall – sogar die der Jenseitigen. Iribaars Spiegel ließ ihn als den perfekten gefallenen Anker des Boron erscheinen, und das nicht nur äußerlich. Erst als Vidkun Sara’kiin den Dolch in die Seite stach, zerbrach die perfekte Illusion von Matral, wurde inkonsistent, denn kein Jenseitiger würde einen anderen Jenseitigen angreifen.

So standen sie sich nun Gegenüber: Sara’kiin, die Limbusverschlingerin, der gefallene Anker Hesindes und auf der anderen Seite Vidkun, der Auserwählte Amazeroths. Ein ungleiches Paar, die eine bewandert in der Magie und dazu fähig den Limbus ganz nach ihrem Belieben für ihre Zwecke zu nutzen, und der andere ein Wesen der Verhüllung, ein Meister der Täuschung und Tarnung, der die Wahrnehmung eines jeden Wesens nach seinen Wünschen beeinflussen konnte.

Teil IX – Bestimmung (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Gneisor

Ser Gneisor, sein Knappe Ingmar und der wie Brangane aussehende Dämon standen gemeinsam im Zentrum des Burghofs. Über ihnen prasselte ein rubinfarbener Strahl aus Magie gegen eine blau schimmernde Wand, die die Limbusverzehrerin schützte. Langsam aber sicher stemmte sie sich über ihnen dem Strahl entgegen und die drei unter ihr konnten die Szenerie gut beobachten. „Halrik scheint sie gut hinzuhalten. Wenn du wirklich das kannst, was du behauptest, dann sag uns, wie wir dir dabei helfen können!“, intonierte Ser Gneisor. Er verließ die Kampfhaltung und deutete auf das Spektakel über ihnen. „Was euer Gelehrter da vollbringt ist gewaltig, doch ist er im Umgang mit der Vortexmagie noch zu unerfahren, um Sara’kiin besiegen zu können“, antwortete Brangane im Plauderton. Alle drei blickten nach oben, direkt über Ihnen sahen sie, wie Sara’kiin mit der einen Hand – in der sich auch ihr Stab befand – von sich gestreckt die magische Wand aufrecht hielt und mit der anderen Hand einige zackige Gesten formte. „Was tut sie da?“, entfuhr es Ingmar. Die Antwort auf seine Frage folgte auf dem Fuße. Direkt hinter ihr öffnete sich ein vertikaler Spalt in der Luft, gerade groß genug für sie selbst. Geschwind schlüpfte sie hindurch und verschwand, als ihr Stab als letztes den Spalt passierte, schloss er sich hinter ihr wieder. Wohin sie verschwand und ob sie dank Halriks Zauber Schaden genommen hatte, war nicht ersichtlich. Die magische blaue Wand zerbarst in tausend kleine sich auflösende Splitter, unter dem anhaltenden Druck des roten Strahls. Die dabei entstehende Druckwelle drückte Ingmar, Brangane und Gneisor wie Zinnsoldaten unter der Last eines Stiefels zu Boden. Der Marschall, der mit angebrochenen Rippen und einem gebrochenen Arm schon schwer genug angeschlagen war und noch dazu Probleme beim Atmen hatte, wurde so heftig zu Boden gedrückt, dass er erneut die Besinnung verlor.

Wie aus sehr weiter Entfernung hörte er eine Stimme. Sie war so weit fort, dass er sie weder einer Person zuordnen konnte, noch dass er ihren Inhalt verstand. Schmerz glimmte, wie ein an einem heißen Praiostag frisch abgebrannter trockener Weizenacker, in seiner Brust. Ihm war schwindelig, nur mit Mühe gelang es ihm ganz langsam die Lider zu öffnen. Er bewegte sich, was er an den klappernden Schritten festmachte, die immer lauter wurden. Und daran, dass der Schmerz in seiner Brust in immer wiederkehrenden regelmäßigen Intervallen kam. „Er hält uns nur auf“, hörte er eine Stimme sagen, die klar weiblich klang. „Ohne ihn wären wir schon alle tot – auch du schuldest es ihm“, sagte im unerschütterlichen Tonfall eine jüngere Stimme, die Gneisor seinem Knappen zuordnen konnte. „Ich schulde ihm gar nichts! Ich mache das nur, damit ich einen weiteren Fleischsack zwischen mir und Sara’kiin habe, der geopfert werden kann“, polterte der Dämon in Gestalt der Ritterin zurück. Inzwischen wurde Gneisor klar, dass sie Stimme zu Brangane gehörte. Und jetzt bemerkte er auch, in welcher Haltung er sich befand. Er wurde von ihr, oder besser gesagt, ‚es‘, über der Schulter getragen! Der Dämon musste über gewaltige Kraft verfügen, denn Gneisor trug noch seine komplette Rüstung. Zusammen genommen, wogen er und seine Rüsung über 100 Stein. „Der ‚Fleischsack‘ kann wieder alleine gehen“, hauchte er mit hohler Stimme aus. Sofort machte Brangane halt und setzte den Ritter ruckartig ab. Ingmar übergab seinem Ritter sofort wieder seinen Anderhalbhänder. Gneisor sah sich um, sie befanden sich im Burgfried auf einer mittleren Etage eines Treppenabsatzes. „Wie geht es euch, Ser?“, erkundigte sich Ingmar im besorgten Ton. Gneisor nickte nur in Richtung des Jungen, für mehr war jetzt keine Zeit – und sein Zustand war in Anbetracht ihrer Situation auch mehr als irrelevant. Hastig, wohl etwas zu hastig, zog er Luft ein, woraufhin das Feuer in seiner Brust wieder stärker wurde. Als er ausatmete, hörte er ein leises Pfeifen. Ihm selbst war bewusst, was bedeutete, eine oder mehrere seiner Rippen hatten seine Lunge durchbohrt und diese füllte sich nun nach und nach mit seinem eigenen Blut. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, bis er nicht mehr atmen und einfach tot umfallen würde. „Wir müssen weiter. Vorran!“ Brangane und Ingmar verloren keine Zeit und eilten sofort los, sie hatten allem Anschein nach ein Ziel und der Marschall folgte ihnen, so gut er konnte. Er konnte und wollte nicht einfach an seinem eigenen Blut ersticken, sondern wenn. dann in einem rondrianischen Kampf fallen.

Die Treppe innerhalb des Burgfrieds stellte sich für den Ritter als schwerste und vielleicht auch letzte Hürde in seinem Leben heraus. Mit jeder Stufe brannte das Feuer in ihm so heiß, dass er glaubte innerlich zu verbrennen. Er spuckte unterwegs mehrmals Blut, stolperte und kratzte mit den Rüstungsteilen gegen die Wände und Treppenabsätze. Ingmar, der aufgrund seiner Treue zu seinem Herrn nicht anders konnte, ließ sich zurückfallen und half ihm, indem er ihn stützte. Brangane machte keine Anstalten noch einmal zurück zu sehen und nach den beiden zu schauen und die beiden Männer hatten zu viel Stolz, um einen Dämon um Hilfe zu bitten. Sie beide wusste,n wie das hier für den Marschall enden würde, doch beide waren auch rondrianisch genug, um nicht aufzugeben. Denn noch gab es hier Feinde und noch hatten sie im Namen der himmlischen Leuin einen Auftrag zu erfüllen. Und nichts würde Ingmar mehr das Herz brechen, als seinen Herrn auf einer Treppe sterben zu sehen. Wenn er schon unbedingt zu Boron gehen musste, dann doch wenigstens in einem Zweikampf, und dabei wollte er ihm helfen. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, schallte Branganes Stimme auffordernd von weiter oben durch den Treppenaufgang. „Ich lasse euch hier nicht zurück, Ser!“, brachte Ingmar unmissverständlich zwischen zusammengebissenen Zähnen zu seinem Herrn hervor, während sein Kopf zur Stütze unter Gneisors linken Arm hing. Der Knappe erahnte nämlich schon, welchen pathetischer ‚Lass mich zurück und geht ohne mich weiter‘-Unsinn in den Augen seines Herrn aufblitzte. Gneisors Gesicht war ein einziger Wasserfall, sein sonst so ordentlicher Bart, eine feuchte Wand aus zerrissenen Lianen, an dessen unteren Enden überall Tropfen hingen. Unter seinem nassen Bart kam ein kurzes Grinsen hervor. „Ingmar … das würde … ich dir doch … nie antun. Hier … zu sterben“, flapste er. „Ihr solltet besser nicht reden, Herr.“ Stille folgte, in denen sie wieder fünf Stufen schafften. „Ich sah dich sterben … Ingmar.“ Der Knappe antwortete nicht, da er nicht wusste worauf sein Ritter hinaus wollte. „Vorhin, vor der … Bibliothek … das Ding … hat dein Gesicht … aufgeschlitzt wie eine Arange … du bist leblos … zu Boden … gefallen.“ Gneisor hustete feucht und spuckte wieder einen Flatschen Blut aus. Ingmars Augen wurden tellergroß, er wusste nicht, wovon er da redete, er konnte sich nicht daran erinnern. „Halrik … er … muss dich … geheilt haben.“ Sie erreichten die letzte Etage. Es war ein kleiner Raum, voll mit Fässern voller Pfeile, Bogenständern und ein paar flachen und hohen Kisten mit Wimpeln und allerlei anderem Tand. Ingmar verstand nicht, warum sein Herr ihm das erzählte oder ob er begann zu halluzinieren.
Von Brangane war keine Spur zu sehen. Sie musste wohl schon die Leiter nach ober zur offenen Dachluke genommen haben. Die beiden blickten zur Leiter, zeitgleich war ihnen bewusst, dass Ser Gneisor es in seinem Zustand da nicht herauf schaffen würde.

Teil IX – Bestimmung (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Halrik

Die Kraft der puren und ungezügelten Magie, die aus Halriks beschworener rötlicher Lichtkugel in seine Hand schoss, wurde nicht schwächer. Sie hielt an, fünf Sekunden, zehn Sekunden, fünfzehn Sekunden … ein permanenter gleißender Strahl, so funkelnd rot, dass man ihn für einen einzigen riesigen Rubin hätte halten können. Nur an der Stelle, an der er auf das bläuliche Schimmern des magischen Schildes traf, zerfaserte er wie ein im Sturmwind flatternder Wimpel zu allen Seiten aus – und das Schild kam näher. Die Limbusverschlingerin, die aufgrund der spektakulären Vereinigung von aufeinanderprasselnder Magie kaum mehr zu sehen war, drückte den roten Strahl langsam, Schritt für Schritt, immer weiter zurück. Dann, wie ein Lichtstrahl der plötzlich eine seit Stunden anhaltende dicke Wolkendecke durchbrach, zerbarst das blaue Magieschild in abertausende kleine bis zum verschwinden glimmende kleine Splitter. Der rote Lichtstrahl konnte nun seinen Weg ungehindert fortsetzen, prallte mit voller Wucht gegen einen dahinter liegenden Wehrturm und binnen eines Lidschlags explodierte er in einer gewaltigen und lauten Explosion. Zerborstene Feldsteine, Mörtel, Holzsplitter und zerfetzte Balken wurden mit einer unbeschreiblichen Wucht aus der Festungsanlage herauskatapultiert. Nichts davon flog, trotz der gewaltigen Kraft des Lichtsstrahls in den Innenraum der Festung. Als dieser dann hindurch war und seinen Weg nun bis an den Ereignishorizont der Kuppel fortsetzten konnte, war der komplette obere Teil der Wehrturms abgerissen und regnete als als zerfetzte Stein- und Holzmasse im Außenbereich der Festung ab. Dann endete der Zauber abrupt. Der rubinfarbene Strahl endete und auch sein magisches Surren verschwand. Halrik senkte seine nunmehr leere Hand, von Sara’kiin war nichts mehr zu sehen, sie war in der gewaltigen Kraft des Zaubers aufgelöst worden. Der junge Studiosus war kaum mehr zu erkennen. Seine Haut war aschfahl und durchzogen von tiefschwarzen fingerdicken Adern, in seinen Augen war kein Weiß mehr zu sehen und sein Haar so schütt, dass es nur noch als ein silbriges Glitzern auf einem ansonsten kahlen Haupt zu erahnen war.

Es kehrte Ruhe ein auf Festung Friedstein. Kein Todes- oder Kampfgeschrei mehr, kein Klackern oder schrilles Zirpen von Abscheulichkeiten. Halrik überblickte von seiner erhöhten Position den Burghof, in dem mehrere Leichen und tote jenseitige Geschöpfe lagen. Er hatte es geschafft, Sara’kiin die Limbusverschlingerin war besiegt, oder gebannt – ganz egal – sie war fort und das allein zählte. Doch noch waren sie nicht sicher, denn sie waren noch immer in der Zeit gefangen, solange sie sich im Innern der Kuppel befanden. Doch eins nach dem anderen. Halrik dreht sich in der Luft und schwebte auf den höchsten Punkt der Festung. Es war die selbe Position, bei der die Katastrophe heute ihren Lauf genommen hatte, als er – zusammen mit seinen Büchern – auf Ser Gneisor stieß und ihm von seiner Erkenntnis berichtete, dass Sara’kiin sich hier auf der Sphäre befindet. Genau dort, wo alles ihren schrecklichen Verlauf nahm, sollte es auch enden – dachte er sich und ließ sich auf dem obersten Turm der Niederrungenfestung nieder.
Er füllte seine Lungen noch einmal mit Luft, die geschwängert war von den Gerüchen nach menschlichem Blut, der zähflüssigen Masse, die in den Körpern der Abscheulichkeiten steckte, die nach Schwefel roch und dem Geruch nach Ozon. Letzterer war durch die ungezügelte Magie entstanden, die er erzeugt hatte. Dann hob er seine Arme in die Höhe und formte damit einen Kelch. Sein Zauber würde sich gegen den unsichtbaren Wall richten, um diesen Ort wieder dem Vortex zu entreißen: „Ausghairm banna áit.“ sprach er aus. Seine Worte kamen dabei ganz natürlich über seine inzwischen pechschwarzen Lippen. Weit über ihm, am Ereignishorizont, zuckten plötzlich Blitzartige Gebilde über den Kuppelrand. Sein Zauber zeigte Wirkung. Halrik wurde lauter: „Ausghairm banna áit!“ Wieder zuckten Blitze, die Risse in dem Membran hinterließen, über den Kuppelrand. Sein Zauber half, er würde ihn nur noch ein paar mal wiederholen müssen und dann wäre die Kuppel zerstört. Erneut setzte er an: „Ausghairm ban …“ Halriks Stimme versagte plötzlich mitten im Wort in einem hellen Krächzen. Da er nicht wusste warum, versuchte er es erneut, doch kein Ton drang aus seinem Mund, dafür schossen ihm aber tiefrote Spritzer über die Lippen, die er vor sich in die Luft versprühte. Verwundert blickte er den Tropfen hinterher. Was war geschehen? – fragte er sich. Hatte er etwa zu viel Magie verwendet? Aber das war unmöglich – schoss es ihm wieder durch den Kopf. Ein Ruck fuhr ihm durch den Körper, verwundert blickte er an sich herab und senkte die Arme. Ein spitzes, vor Blut triefendes Stück Unmetall ragte aus seiner Brust heraus. Er spürte keinen Schmerz, nur einen sanften, kaum spürbaren Druck. Begleitet von einem metallischen Kratzen, das über Knochen fuhr, zuckte das Stück Unmetall wieder aus seinem Körper heraus. Halrik dreht sich um und vor ihm stand ein jenseitiges Geschöpf. Der Körper gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. Nur die Hände, die Füße und der Kopf waren eingehüllt in dunkles Metall. Zacken und dunkle Sigillen waren daran eingearbeitet, im rechten Panzerhandschuh lag eine kurze, dolchartige und filigran dünne Klinge, von der Blut – sein Blut – tropfte. Halrik wollte etwas sagen, er nahm all seine Kraft zusammen, um gegen den Pfropfen an Blut in seinem Hals anzukämpfen. Er hüstelte und gurgelte und dann spuckte er einen Klumpen zähflüssigen Blutes aus. Mit absterbenden Stimme brachte er mit letzter Kraft hervor: „Matral?!“

Aus der Geschichte lernen

Unterdessen in der Akademie Schwert & Stab zu Gareth-Schlossviertel

Drei Mal ertönte ein dumpfes Pochen an der Tür der Scholarenstube. Der Raum war klein und schlicht eingerichtet. Zwei einfache Steckbetten sowie zwei dazugehörige Nachtschränke, zwei sich gegenüber liegende kleine Sekretäre aus Eichenholz und ein großer Kleiderschrank aus einfacher Fichte in der Mitte, den sich Candidatus Voltan mit seinem Stubenkameraden Corelian, der ebenfalls kurz vor seiner Examinatio stand, teilen musste, waren Bestandteil der Inneneinrichtung. „Jaaa, was ist denn da schon wieder?“, zischte der junge Candidatus, der spontan Kopfschmerzen bekam, da es heute schon das dritte Mal war, dass er während seiner Studien gestört wurde. Er schob geschwind ein Lesezeichen an eine Stelle des Codex Albyricus und drehte sich auf dem einfachen Sekretärsstuhl zur Tür herum. Herein flog ein weiterer junger Mann in Voltans Alter. Die Türe war noch nicht ganz auf, da sprudelten schon die ersten Wörter aus dem jungen Magier heraus, er schien sehr aufgeregt zu sein: „Voltan! Ich habe Neuigkeiten! Das wird dich umhauen!“ Voltan schnaufte verächtlich und rollte mit den Augen. Er, der gerade konzentriert, ruhig und angestrengt studierte und nun latent genervt war, hatte im Moment eine gegensätzliche Stimmung zu seinem Stubenkameraden, der allem Anschein nach aufgeregt, laut und überschwenglich war.
Voltans Stubenkamerad schloss die Tür wieder hinter sich und blickte dann verstohlen zu ihm. Er setzte sich dann zackig auf eine nahe Bettkante. „Was gibt es denn so dringendes, Cori?“ Voltan gelang es nicht, seinen Unmut in seiner Stimme zu verbergen, er gab sich allerdings auch keine große Mühe. Passend dazu war besagter ‚Cori‘, der mit vollständigen Namen Corelian Arelis von Gareth hieß, von der Unstimmung seines Gegenübers vollkommen unbeeindruckt und fuhr fort: „Ich war vorhin kurz zu einem Kehlentänzchen im Lichthof …“, begann Corelian im verschwörerischen Tonfall mit gedämpfter Stimme im Plauderton zu erzählen. Mit ‚Kehlentänzchen‘ meinte er ein gekühltes Vollbier zu trinken. Es war üblich, dass sich mit jeder Generation junger Scholaren neue Bezeichnungen entwickelten, die das Trinken von Bier oder Wein auf eine verspielte und neckische Weise umschrieben. Und mit ‚Lichthof‘ meinte er die der weißmagischen Akademie Schwert & Stab nahe gelegene Gastwirtschaft in der Flachshauergasse. Viele Scholaren der Magierakademie verkehrten dort, aber nicht nur die, sondern auch junge Mitglieder der Stadt des Lichts. Da beide Einrichtungen dem Göttervater Praios gefällig waren, hatte sie eine größere Schnittmenge an Interessen und Gesprächsinhalten. Die Wirtschaft, die den passenden Namen ‚Lichthof‘ hatte, warb mit günstigen Spirituosen aller Art und zünftiger Hausmannskost zu jeder Tag- und Nachtzeit. Den Studiosi der Akademie, die nicht viel Handgeld bekamen, aber auch den jungen Praiosdienern, kam dies zupass, denn beide hatten nur wenig Geld zur Verfügung und in ihrer spärlichen Freizeit taten sie das, was alle jungen Männer und Frauen gerne taten. Sie selbst nannten es: ‚Einen Ritt mit der Himmelsstute auf dem Pfad des lieblichen Rauschs absolvieren‘. Eine blumige Umschreibung dafür, sich bis kurz vor der Besinnungslosigkeit mit billigem Bier abzufüllen, dabei allerlei Würfel- und Kartenspiele zu spielen und hin- und wieder ein körperliches und geistiges Kräftemessen zu vollziehen. Für All dies stand der ‚Lichthof‘ in der Flachshauergasse.
„Im Lichthof? Cori – es ist gerade mal kurz nach der Mittagsstunde!“ Voltans Versuch empört zu klingen scheiterte. Was von Corelian nur mit einem verschmitzt wissenden Grinsen quittiert wurde, dem sich auch Voltan nicht erwehren konnte. „Willst du jetzt wissen was ich gehört habe, oder nicht?“, fragte Corelian gespielt empört. „Nun, genau genommen …“, spottete Voltan desinteressiert. Jetzt, da er ohnehin schon gestört und aus seinen Studien herausgerissen wurde, konnte er eine kleine Abwechslung ganz gut gebrauchen und war an der Neuigkeit aus dem Lichthof interessiert. Corelian knuffte Voltan gegen die Schulter woraufhin Voltan bis über beide Ohren grinsen musste. „Nun hör zu, das interessiert dich wirklich … ich meine … wirklich wirklich.“ Corelians wechselte vom Plauderton in einen, trotz simpler Wortwahl, bedeutungsschwangeren Tonfall. Sofort war Voltan klar, dass es sich um keine alberne Komabesäufnisgeschichte oder ein peinliches Rahjaspiel eines Kommilitonen handelte. Sein Stubenkamerad hatte wirklich etwas Ernstes auf dem Herzen. Voltan vollführte eine Geste, um seinen Gesprächspartner dazu zu veranlassen fortzufahren. „Am Nachbartisch unterhielten sich ein ein paar Lichtis miteinander.“ An dieser Stelle soll erwähnt sein, dass ‚Lichtis‘ die sehr gut behütete akademieinterne Bezeichnung für alle Arten von Praiosdienern war. „Ich hörte wie sie sich darüber unterhielten, dass sie zwei Kisten bekommen haben, in denen die Überreste von Greifen drin sind. Beide wurden, mittels eines Dschinns, geschickt von diesem tulamidischen Graumagier aus Punin.“ Nachfolgendes Wort sprachen sie seufzend gemeinsam aus: „Nehazet.“ Voltan und Corelian hatte beide schon von dem Magus gehört, ein Graumagier der im traditionell traviagefälligen Rommilys zum ‚Propheten‘ ausgerufen wurde, konnte schwerlich unbekannt bleiben. Die Entwicklung war für mehrere Tage an der Akademie Schwert & Stab ein heiß diskutiertes Thema. „Doch das ist nicht alles. Es ist nicht der erste Greif der … bei Praios … können die das überhaupt … ‚gestorben‘ ist. Die Kisten sollen aus den Sicheln geschickt worden sein. Dort geht etwas vor, sag ich dir.“ Voltan prustete. Für einen Moment versank er in seinen Gedanken, denn er musste in seiner Erinnerung kramen, um diese neue und geheime Information mit seiner Vergangenheit zu verknüpfen.

„Cori, hast du eigentlich nur eine geringste Ahnung was das bedeuteten kann?“, fragte Voltan, doch Corelian schüttelte nur den Kopf. „Keine Ahnung. Ich wollte dir das nur erzählen, da du dich doch so für Greifen interessierst … ich meine … auf deinem Nachttisch liegt das Verzeichnis der bekannten Greifen und ihrer sagenumwobenen Geschichten. Und jedes Mal wenn wir beim Kehlentänzchen über die Lichtis sprechen langweil … ähh ich meine erzählst du uns eine andere Geschichte von diesen edlen Geschöpfen des Göttervaters.“ Corelian versuchte seinen fast begangenen Fauxpax mit besonders bedeutsam gesprochenen letzten Worten wieder gut zu machen. „Nein, ersthaft Cori … warte …“ Der junge Spichbrecher drehte sich knarzend auf dem Sekretärsstuhl herum, zog ein Buch aus dem Stapel auf seinem Tisch und blätterte hastig darin um. „Dies ist die Chronik aus dem Jahre 1022. Genau genommen aus …“ „Du meinst 29!“, fuhr Corelian harsch dazwischen. Die Kommilitonen führten einen seit acht Götterläufen ausgefochtenen Kleinkrieg zum Thema Zeitrechnung. Voltan hatte von klein auf die Zeitrechung ‚Nach Bosparans Fall‘ beigebracht bekommen und führte diese deshalb auch fort, zumal sie in akademischen Kreisen auch anerkannter war. Corelian hingegen war, wohl auch wegen seiner Blutlinie, ein Verfechter für die neu eingeführte Zeitrechnung ‚Nach Hal‘. Beide jungen Männer blitzten sich kurz an, doch beide wussten, dass jetzt nicht der Moment war um darüber zu diskutieren. Voltan setzte erneut an: „Genau genommen aus dem Traviamond. Es ist eine Auflistung aller bekannter Greifensichtungen. Das besondere daran ist, dass zu der Zeit die Heptarchen versucht haben, Irrhalken über die Schwarzen Sicheln und die Trollzacken zu schicken.“ Voltan deutete mit den Finger auf mehrere Stellen in denen von Greifen und Irrhalken die Rede ist. „Praios sei dank, waren damals die Greifen da, um sie abzufangen – es kam zu vielen erbitterten Kämpfen in der Luft.“ Er schlug die nächste Seite auf, welche eine Schnellskizze von einem Greifen und einen Irrhalken war, die sich in der Luft spektakulär bekämpften. Corelian vergrub sein Kinn in seiner hohlen Hand und blickte angestrengt in die Chronik, unterdessen fuhr Voltan fort: „Vor vier Götterläufen hatte Galotta schon einmal probiert, die Lufthoheit zu erlangen – und war gescheitert.“ Die Jungs nickten beide. Auch wenn sie zu der Zeit erst 14 Götterläufe alt waren, so hatten sie von dem vorangegangenen Krieg, welcher als 3. Dämonenschlacht in die Geschichte eingesehen sollte, und den Gebietsgewinnen der Schwarztobrier alles mitbekommen.
Voltan blätterte erneut um. Neben dem Text, welcher den Kampf zwischen den Wesen des Lichts und denen der Dunkelheit beschrieb, war eine Schwarz-Weiß Zeichnung zu sehen. Es zeigte eine Darstellung mehrerer Greifen, die abstrakt aussehende Flugmaschinen über den Trollzacken angriffen und zum Absturz brachten. „Diese dämonischen Flugmaschinen flogen im Phex- und Perainemond von Schwarztobrien über die Zacken und die Sicheln, nichts – absolut nichts – hätte sie aufhalten können, außen den Greifen. Nur dank ihres selbstlosen Einsatzes wurden sie zerstört, noch ehe sie die Städte erreichten.“ Im Gesicht von Voltans Mitbewohner konnte man sehen, wie er begann zu verstehen, worauf er hinaus wollte. „Moment, willst du damit sagen, dass …“, begann er. „Ganz genau“, beantwortete Voltan dessen Frage, noch bevor er sie zu Ende ausgesprochen hatte. Ein langer Moment der Ruhe folgte. Corelian verstand, worauf sein Kommilitone hinaus wollte und es ließ ihn schlagartig erschaudern. Nervös kratzte er sich am Kinn, während Voltan mit einem lauten Knall die Chronik zuklappte, um dann den jungen Spross des Hauses Gareth mit einem durchdringenden Blick zu belegen.

„Wir müssen das berichten“, brach Corelian mit zaghafter Stimme das Schweigen. Es klang fast wie eine Frage. „Nein, man kann nicht wissen wo die Spione der Heptarchen sich überall verstecken.“ Er legte die Chronik wieder zu den anderen Büchern und klappt auch den Codex Albyricus vorsichtig zu, in dem er vorhin noch gelesen hatte. Dann stand er auf, griff nach seinem Magierstab und sagte: „Ich habe eine bessere Idee.“

Protektorat

Es klebte noch Blut an seinen Händen, als sich Sieghelm von den Zinnen abwandte. Den abgeschlagenen Arm von Ser Geromar hielt er noch immer am Handgelenk fest, so dass das Körperteil des Paktierers schlaff herunter hing. Die Trennung vom Torso war noch nicht lange her, weshalb noch immer tiefrotes Blut aus der von Bothor grob abgetrennten Stelle am Oberarm auf die Steine sickerte. Er blickte auf seine rechte Hand. Sie war so voller Blut, dass das fahle Licht des Madamals sie zum Glitzern brachte. Er spürte auch Haare zwischen seinen Fingern, es waren die Haare des Burgritters, denn nachdem er seinen Kopf mit einem einzigen und mächtigen Hieb abgetrennt hatte, hatte er ihn am Schopf gepackt und bis hier hoch getragen. Als dann der Greif, reitend auf einem aus Alveran geschickten Lichtstrahl, heranflog, warf Sieghelm ihm den Kopf mit all seiner Kraft, aus einem Instinkt heraus, entgegen. Beim Sturz machte der Greif keinen einzigen Laut. Er war so grazil und vollkommen lautlos bei seinem Flug, dass das einzige Geräusch, das der Großmeister vernahm, das Knacken und Zerbrechen des Schädels war, als der Greif seine Krallen tief in ihn hinein trieb. Sieghelms junges Herz pochte ihm bis zum Hals, er hatte aus dem Stegreif eine pathetische und erklärende Rede an die Burgbewohner gehalten – es geschah eben nicht oft, dass ein fremder Reichsritter vorbeikam und den Burgherrn köpfte.

„Ser! Ser!“, erklang die Stimme von Perainius, als dieser die Wendeltreppe mühevoll hinter sich gebracht hatte und nun seinem Ritter laut atmend entgegen stolperte. „Perainius“, entgegnete Sieghelm knapp, sein Blick wandte sich von seiner blutverschmierten Hand ab, während er die darin verklebten Haare des ehemaligen Burgherrn zwischen den Fingern hin und her rieb. „Ser – die Bewohner der Burg – sie …“, Perainius‘ Stimme brach immer wieder ab, da er Mühe beim Atmen hatte, denn er war die Wendeltreppe so schnell er konnte heraufgeeilt. „… sie sind alle – auf die Knie gefallen – was ist passiert. Oh bei der Gebenden Göttin – geht es euch gut, Herr?“ Erst jetzt bemerkte Perainius die Unmengen an Blut auf der Gewandung seines Herrn. Im schwachen Schein, des sich hinter einer Wolkendecke versteckenden Madamals, glitzerten mehrere Stellen des Brokats nur. Er vermochte nicht zu erkennen, woher es stammte. Während Sieghelm seine Rede hielt und der Greif erschien, waren die anderen Ordensmeister inklusive Perainius im Rittersaal geblieben. Sie hatten folglich nicht mitbekommen was geschehen war. Sieghelm nickte nur und ignorierte die Frage des Jungen: „Der Himmel hat sich aufgetan und Ser Geromar wurde vom Herrn des Lichts selbst abberufen. Ich habe soeben ausgerufen, dass Burg Gryffenstein nun zum Protektorat des Ordens gehört.“ Perainius Mund öffnete sich, doch nur ein unartikulierter Laut drang heraus. Seine Augen öffneten sich und er blieb überrascht stehen. Perainius zwang sich dazu etwas zu sagen, doch seine Worte krochen nur zaghaft über seine Lippen: „Der Himmel hat sich aufgetan?“ Erneut nickte Sieghelm und fuhr dann fort, doch dieses Mal blickte er seinen Knappen direkt an. Er hob dabei den abgeschlagenen Arm des Paktierers an und deutete mit dessen leblosen Hand auf ihn. „Wir müssen zügig weiter und wir brauchen eine Vertrauensperson die hier bis zur Ankunft der Inquisition über die Burg wacht – die Menschen hier haben Führung verdient und wir dürfen diese wichtige Grenzfeste nicht ins Chaos stürzen lassen.“ Perainius hob die Hand, legte zwei Finger auf Sieghelms Handgelenk und schob die mahnende und zu jedem Wort zappelte tote Hand vorsichtig von seinem Gesicht weg, während er etwas angewidert zu seinem Herrn blickte. „Ja natürlich, Herr – ihr habt recht. Doch wir kennen hier …“, setzte Perainius an, wurde jedoch von Sieghelm jäh unterbrochen: „Du wirst uns hier vertreten … bis die Praioskirche hier ist, um aufzuräumen.“ Dem Knappen rutsche sein Herz, das bis eben noch bis an den Hals schlug, weil er so eilig gerannt war, nun herab bis in den Schoß. Würde das Madamal nicht ohnehin schon alles in ein fahles Aschgrau hüllen, hätte man sehen können, wie der junge Adelige schlagartig erblich.

Die beiden Darpatier stiegen dann die Wendeltreppe hinab zum Rittersaal, wo sich Nehazet, Jane und Bothor weiterhin mit dem Leichnam des Paktierers beschäftigt hatten. Unterwegs strich Sieghelm das Blut und die Haare von seiner Hand an den Mauern ab, was jedoch nicht viel brachte, da das Blut inzwischen zu großen Teilen getrocknet war. Den abgeschlagenen Arm übergab er an Perainius, denn er diente als Beweis – da das Paktzeichen darauf deutlich zu erkennen war. Die beiden Männer schwiegen während des Abstiegs. Sieghelm, weil er in Gedanken schon hinter den Sicheln war, um Galottas Schergen zu trotzen und Perainius, da seine Gedanken diesseits der Sicheln war und er mühevoll in seinem Gedächtnis nach den Lektionen seines Vaters kramte. Herrschaft, Verwaltung, Führung – und das alles von einer strategisch wichtigen Grenzfestung an den schwarzen Landen. Er wusste, dass er diese Nacht kein Auge zutun würde.

Eine neue Richtung

Da haben mir dieser Hund und dieser Wolf doch tatsächlich einen Streich gespielt! Ich habe ob der jüngsten Vorkommnisse scheinbar geschlafen wie ein Fels. Was als Jägerin eigentlich tödlich ist. Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde. Immer und zu jeder Zeit. Umso erschreckender ist, dass ich nicht bemerkt habe, dass mir Elfenbein die abgeschlagene Kralle des Greifen wieder zurück brachte. Im ersten Moment dachte ich an göttliches Wirken. An einen Hinweis, dass der mir vorschwebende Weg der Richtige ist. Mit welcher Arroganz ich manchmal gesegnet bin. Ich habe tatsächlich göttliches Wirken in den Transport einer Jagdtrophäe gesehen. Azina schüttelt den Kopf. Wie lächerlich. Wie kämen Firun oder gar Praios dazu? Am Ende war es lediglich Elfenbein … aber ist er nicht auch göttlich? Ist es vielleicht doch ein Zeichen? … Verstohlen linst sie aus den Augenwinkeln zu „ihrem“ schneeweißen Wolf hinüber.

Wobei … eine Jagdtrophäe ist die Kralle ja nicht. Ich behielt die Kralle und einige Federn nur, weil Nehazet meinte, sie können noch nützlich sein bei der Errettung der anderen Greifen. Dank des Tempels in Katay wissen wir vermutlich, dass es hier in der Gegend acht Greifen gab. Das Licht von fünf der Statuetten ist bereits erloschen. Einem wurde letzte Nacht vor unseren Augen die Seele von einer Sphinx entzogen, weil ich ein Rätsel nicht beantworten konnte. Es war ein gar schrecklicher Anblick wie auch er in sich zusammenfiel und schließlich explodierte. Das Rätsel aber war so schwer nicht. Jane wusste es auf Anhieb. Nur ich nicht. (und Sieghelm auch nicht).

Sieghelm hat noch zu verhindern versucht, dass ich antworte. Vielleicht in der Hoffnung, dass die Sphinx von ihrem Opfer abließe, wenn die Antwort aufgeschoben wird. Aber irgendetwas in der Stimme der Schimäre sagte mir, dass eine gegebene Antwort zumindest eine Chance auf Rettung darstellte, während keine Antwort den Tod als Gewissheit hätte. Ich hätte mir meine Feigheit nicht verziehen. Und noch hatte ich keine gewirkte Magie in meine Richtung gesehen. Lieber hätten wir die Sphinx bei einer falschen Antwort bekämpft und wären bei dem Versuch gestorben, als mit der Schande der Untätigkeit zu leben. Das wäre einer Erwählten nicht würdig.

Erwählten … was mag das wirklich bedeuten? Könnte dieses Zwischenwesen … Azina spuckt gedanklich auf den Boden aus … am Ende doch Recht haben? Ist uns die Weihe nicht gegeben? Einige von uns haben ja schon besondere Kräfte und Fähigkeiten, die über normale Menschen hinausgehen. Sie sind auch anders als die Gaben der Geweihten. Und sie werden offenbar von Gottes Gnaden stärker. Nur wo entspringt der Macht Quelle? Von den Göttern? Aus uns selbst? Oder aus den Gegenständen? Und welche Rolle spielen die Amulette? Sie waren von Beginn an da. Uns zeichnend. Ohne Erklärung. Ohne Bedeutung? Wir können sie nicht wirklich fortgeben. Sie sind an uns gebunden. Und sie strahlen in göttlichem Weiß.

Gestern Abend hat mich Nahazet auf interessante Gedanken gebracht. Wir haben meine Fähigkeiten der zweiten Sicht trainiert. Experimentell versuchten wir herauszufinden, ob ich vielleicht Schatten oder Spuren vergangener Präsenzen entdecken kann. Leider war dies nicht der Fall. Dennoch könnte es aber ein Weg zum Ziel sein: Training der gegebenen Fähigkeiten.

Wie viel stärker wir wohl noch werden (müssen), um dem Gegner trotzen zu können?

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Azinas Gedanken

Teil IX – Bestimmung (1)

Burghof

Mit dem Burgfried im Rücken, schwebte der Studiosus zwölf Schritt über dem Boden über dem zentralen Platz. In seiner Linken hielt er noch immer mit Leichtigkeit den dicken aufgeklappten Folianten. Seine rechte Hand streckte er nach der Jenseitigen. Seine Finger formten dabei eine auf sie gerichtete Kralle, als würde er nach ihr greifen wollen. Allem Anschein nach hatte Sara’kiin ihn noch nicht bemerkt, denn sie machte keinerlei Anstalten sich ihm zuzuwenden. In aller Ruhe flüsterte Halrik zwei magische Worte, so langsam und ruhig, als würde er jede Silbe genießen. Seine blauschwarzen Lippen bewegten sich nur wenig, als sie ein kaum hörbares „Liathróid chumhacht“ formten. Zwischen seinen Fingerspitzen begann sich ein rasch vergrößerndes rötliches Schimmern zu formen. Binnen weniger Lidschläge war das Schimmern zu einer rötlichen Lichtkugel herangewachsen, dass an seine Fingerspitzen reichte und das Licht, welches die Kugel ausstrahlte, war stark genug, dass sie nicht nur Halriks graue Robe, sondern auch den Burgfried im Rücken des schlanken Studiosus in ein rötliches Schimmern tauchte. Dann ertönte ein dumpfer Knall und aus der Lichtkugel schoss ein gleißend hellroter und armdicker Strahl in Richtung der Limbusverschlingerin. Als der Strahl den Körper der ehemaligen Eismagierin erreichte, stoben unzählige kleine Lichtfunken in alle Richtungen. Der Strahl traf sie mit der Wucht eines Baustammes und schob sie ruckartig durch die Luft. Der Lichtstrahl hörte nicht auf, Sara’kiin wurde bis an den Rand der Festungsmauern gedrückt, doch dann endete ihre unfreiwillige Reise durch die Luft plötzlich. Eine Wand als blauem Licht drückte sich zwischen den roten Strahl und sie selbst. Die Energie des roten Strahls prasselte in einem langanhaltend dumpfen Ton gegen die unsichtbare Mauer der Zauberin. Das helle Licht und die sich in alle Richtungen verteilenden Lichtfunken überlagerten den Ort des Geschehens so sehr, dass Sara’kiin dahinter verschwand.

Währenddessen am Boden des Burgfrieds, erreichten Sir Gneisor und sein Knappe den am Boden liegenden Metallhaufen von Brangane. „Brangane!?“, brüllte Ser Gneisor ihr, in der Hoffnung, dass sie den Sturz überlebt hatte, zu. Noch ehe der Marschall und sein Knappe die Ritterin erreichten, verwandelte sich unter ihren erschreckten Augen das Metall der Rüstung in eine zähflüssige dunkle Masse. „Was bei Rondra?!“, stieß er aus und hielt seinen Knappen schützend zurück, da dieser gegen ihn gegen gelaufen war. Unter ihren Blicken verwandelte sich der Körper der Frau samt der Rüstung in eine lichtverschluckende schwarze Masse. Dann nahm sie wieder Form an, Arme und Beine bildeten sich, auch die Rüstung und das Schwert nahmen wieder Gestalt an und zuletzt erhielt alles wieder Farbe. Vor den beiden stand wieder Lady Brangane, die keinerlei Kampfspuren davongetragen hatte. „Keine Zeit für lange Erklärungen …“, begann Lady Brangane hastig, deren Stimme leicht schnarrte. „Ich bin nicht die, für die ihr mich gehalten habt.“ Auch wenn Ser Gneisor rechter Arm schwer verletzt war, so ging er trotzdem in eine verteidigende Kampfhaltung über – sein Knappe stellte sich tapfer neben ihm. „Was im Namen der Götter bist du dann und wo ist Lady Brangane?“ brachte der Marschall zwischen zusammengebissenen Zähnen fordernd hervor, da es ihm sichtbar viel Kraft kostete trotz des gebrochenen Arms und der geborstenen Rippen in die Kampfhaltung zu gehen. „Ich bin hier, um die Limbusverschlingerin aufzuhalten, mehr ist jetzt nicht wichtig“, sagte Brangane noch immer mit einem Schnarren in der Stimme, als würden ihre Worte als Erklärung genügen. Gneisor und Brangane musterten sich gegenseitig, so als würden beide ihre Chancen gegenüber dem anderen abschätzen. „Das ist ein Diener des vielgestaltigen Blenders, Ser – wir können dem Ding nicht vertrauen“, rief Ingmar dazwischen. Gneisor überlegte. Es war das erste Mal, dass er einem Dämon und noch dazu einen viergehörten Auge in Auge gegenüberstand. Bei der Schlacht an der Trollpforte, vor sechs Götterläufen, hatte er aus der Entfernung ein paar beschworene Dämonen gesehen, allesamt waren sie von schrecklicher Gestalt. Sie mähten ihre Männer und Frauen zu hunderten nieder. Doch das waren alles Dämonen aus den kriegerischen Domänen. Dieser hier, so sich Gneisor erinnern konnte, war kein Kämpfer, sondern ein Dämon aus Amazeroths Gefolge, ein Genius und Blender und kein Streiter. Doch das machte ihn nicht minder gefährlich. Doch das alles erklärte nicht, wieso er hier war. Gneisor versuchte sich an die Lehrstunden in Hochstieg zu erinnern. Seine Exzellenz Nehazet hatte, noch bevor sie nach Friedstein kamen, ihm und den anderen wichtigen Persönlichkeiten des Ordens über den Sphärenkrieg aufgeklärt. Auch wenn er es damals kaum glauben wollte, so erzählte der Südländer davon, dass auch die Dämonen die Jenseitigen zum Feind hatten und es unter Ihnen ebenfalls Auserwählte geben soll. Amazeroth der Weltenbrenner war einer von ihnen. Sollte etwa dieser Dämon aus Amazaroths Gefolge auch einer sein?

Ehe weitere Worte gewechselt wurden, griff Brangane mit einer Hand zu ihrer Brust. Sie griff in sich hinein, wie eine Hand die in einen Teich hineinlangte. Sie zog aus sich selbst ein ovales Amulett und hielt es den beiden Kämpfern entgegen. Auf dem Amulett war das Zeichen Amazeroths in Zhayad-Ligatur zu sehen. „Ich bin die Auserwählte Iribaars. Und solltet ihr entgegen meiner Erwartung jetzt nicht spontan eure Auserwählte Hesindes aus euren Burgkeller herausholen, so bin ich die einzige hier, die Sara’kiin Einhalt gebieten kann. Also entweder tretet ihr jetzt beiseite und lasst mich meine Arbeit machen oder ihr schluckt eure Vorbehalte herunter und helft mir dabei, eure sterblichen Hintern zu retten.“

Reise nach Rommilys – Teil VI „Hardmund I“

„Und so kam es, dass der Beschluss gefasst wurde, diesen Orden zu gründen.“ „Wenn ich nicht wüsste, dass viele Kirchenoberhäupter eure Geschichte glauben, ich würde dich eigenhändig zu den Noioniten schicken.“ „Ich weiß Mutter. Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Ich selber habe für die Götter Wunder vollbracht, die mir bisher nicht einmal Bishdariel zeigte. Deswegen ist und bleibt der Orden geheimnisumwittert. Ich mag garnicht zählen, wie viele Verbrechen und Vertragsbrüche ich damit begangen habe, dass ich dir alles erzählte. Du musst schweigen, auch und vor allem gegenüber Vater und Torion!“ „Keine Angst mein Sohn, wobei jeder in Ochsenwasser den Zug der Zwerge bemerkt hat. Die Geschichte von den Fischen und Echsen würde eh niemand glauben.“ Traviahold lacht. „Das ist tatsächlich der Vorteil dieser Geschichte. Man muss nicht lügen und trotzdem nimmt es kaum jemand ernst.“ Eine Zeit lang reiten sie schweigend Seit an Seit. „Was führt dich eigentlich nach Hardmund, Mutter?“ „Seit meine Schwester für euren Orden arbeitet, helfe ich Gorbrand bei der Verwaltung seiner Ländereien.“ „Ah“, Traviahold hält kurz inne und betrachtet die Silhouette von Hardmund in der Ferne. Er hüstelt kurz, Gwynna schaut ihn skeptisch an. „Da du mich darauf noch nicht angesprochen hast, gibt es wohl noch etwas, was ich dir erzählen muss.“ Beide haben inzwischen ihre Pferde angehalten und stehen eng nebeneinander. Gwynnas Blick ist äußerst eindringlich und lässt Traviahold mehrfach schlucken. Er erinnert sich an die zahlreichen Momente seiner Kindheit, in denen ihn dieser Blick dazu brachte ihr Geheimnisse zu verraten. „Du wirst wieder Großmutter.“ Gwynna bleibt kurz regungslos, dann beugt sie sich zu Traviahold hinüber und nimmt ihn in eine feste Umarmung. „Ich freu mich ja so für dich! Los komm, heute wird es ein Fest geben! Das müssen wir feiern!“ Und schon prescht sie vor, Traviahold muss sich beeilen ihr nach zu kommen.

 

Es dauert nicht lange und sie reiten durch das Tor des Anwesens derer zu Hardmund. In der Tür des Hauses steht schon Sir Gorbrand, die beiden erwartend. „Ah, liebe Schwägerin, wie ich sehe hast du gefunden, wonach du gesucht hast. Sei willkommen Schwiegersohn, lass dich doch umarmen.“ Traviahold und Gwynna steigen von ihren Pferden ab, geben die Zügel einem Knecht und begrüßen den beleibten Ritter. „Kommt doch hinein, das Mittagsmahl wird gleich serviert. Es gibt Reh! Wie vorzüglich!“, strahlt er über beide Pausbacken grinsend. Offensichtlich tut seinem Gemüt die Abwesenheit von Lady Wulfgrid äußerst gut. „Sehr gerne Gorbrand. Aber viel wichtiger ist, dass wir heute Abend ein Fest zu Ehren Traviaholds geben müssen“, mahnt Gwynna eindringlich beim Betreten des Hausen. „Hohoho, also ich mag dich sehr Traviahold, aber ein Fest?“, kichert der Ritter. „Nun, Schwiegervater, ich weiß nicht, ob Lady Wulfgrid es dir noch nicht gesagt hat, aber deine Tochter hat den Segen der gütigen Mutter empfangen“, erklärt Traviahold. „Welche?“, fragt Gorbrand völlig verwirrt. „Natürlich Darpatia!“, erwidert Gwynna schockiert. „Oh, was? Natürlich! Glückwunsch mein Junge. Dann werde ich ja Großvater. Ich werde Großvater! Ludwig!“, der Hauskämmerer erscheint hinter einer Ecke. „Ja mein Herr?“ „Bereitet ein Fest für heute Abend vor. Zügig! Ich werde Großvater!“ „Sehr wohl mein Herr. Und Glückwunsch mein Herr.“ Gorbrand winkt nur ab und läuft dann beschwingt und grinsend in Richtung des Essenssaals, Gwynna und Traviahold folgen ihm belustigt. „Mensch, Mensch, Mensch mein Junge. Als ich dich die ersten Male sah, hätte ich nicht gedacht, dass du das kannst.“ Traviaholds Augen werden skeptisch größer, als Gorbrand so am Essenstisch spricht. „Aber ich wette, Darpatia lässt dich immernoch nur unten liegen. Ganz ihre Mutter!“, lacht der Ritter schallend. Während Gwynna die Augen verdreht, wird Traviahold knallrot, weiß nicht, wo er hinblicken soll und verschluckt sich leicht, so dass er husten muss. „Hab dich nicht so, dafür muss man sich als Mann nicht schämen, sieh mich an, ich kenn das nur zu gut. Hehehe!“ „Ich glaube das reicht Gorbrand“, geht Gwynna scharf dazwischen.  „Ist ja gut, ist ja gut. Ich freu mich doch nur so sehr!“ Sie genießen das Mittagsmahl, danach stürzt sich Gorbrand in die Vorbereitungen für das Fest, während Traviahold mit seiner Mutter die Entspannung am herrschaftlichen Gartenteich genießt.

Reise nach Rommilys – Teil V „Dettenhofen“

Am nächsten Morgen wurde Traviahold bei den ersten Praiosstrahlen durch eine Magd geweckt. Er gönnte sich eine ausgiebige Waschung und setzte sich danach mit gepackten Sachen in den Schankraum, um ein kräftigendes Morgenmahl zu sich zu nehmen. Als der Wirt einen zweiten Krug frischer Milch brachte, sprach Traviahold ihn an: „Werter Herr Ochsenstolz, was darf ich euch für die äußerst traviagefällige Rast und Verpflegung geben?“ Der Wirt des Gasthauses „Zum stolzen Ochsen“ grinste schief: „Euer wohlgeboren Ehrwürden, im Namen der gütigen Herrin Travia, eure Anwesenheit ist mir Lohn genug für die Bewirtung.“ „Nein, nein, nein, ich bestehe darauf euch zu bezahlen!“, erwiderte Traviahold harsch. „Wenn der Baron davon erfährt…“ „…wird er lernen, dass nicht alle seine Söhne sind wie er!“, wurde Traviahold nun ungehalten. „Tut mir leid, ich werde euch keinen Preis nennen“, meinte der Wirt abschließend, bevor er Traviahold zurück ließ. Dieser ließ sich seufzend gegen die Wand zurückfallen. Es war nicht zu glauben! Nur seines Blutes wegen hat er es soviel einfacher im Leben. Mit jedem Atemzug empfand er es als noch unfairer. Er würde sich dafür einsetzen, dass diese Regeln in seinem Kloster und im Orden nicht gelten würden!

Als er fertig gegessen hatte, nahm er seine Sachen in der Hand und verließ mit einem „Möge Travia euch behüten!“ das Gasthaus. Die Magd, die seinen Tisch abräumte, fand dort fünf Silber liegen… Die Tür fiel gerade hinter ihm zu, als er fast mit einer Gestalt zusammenstieß. „Entschuldigt, ich war nicht aufmerksam“, sprach der die, von der Gestalt her, Frau an, ohne ihr Gesicht sehen zu können, welches von der tief gezogenen Kapuze verdeckt wurde. „Ihr müsst euch nicht entschuldigen Junge, ich habe genau euch treffen wollen“, erwiderte die Frau. Traviahold kam die Stimme merkwürdig bekannt vor. „Wie komme ich zu dieser Ehre?“ „Ich hörte, du wärst in der Stadt und wollte dich nach so langer Zeit wiedersehen mein Junge.“ Traviahold war überrascht ob des Tonfalls, doch als die Frau leicht den Kopf hob und er endlich ihr Gesicht sehen konnte, schlich sich ein überraschtes aber freudiges Lächeln auf seine Lippen. Er schaute sich vorsichtig um, und als er sich sicher war, dass niemand ihnen Achtung schenkte, nahm er die Frau in eine herzliche Umarmung. „Mutter! Bei Travia! Aber warum läufst du so verhüllt herum?“, stieß er deutlich flüsternder hervor, als es ihm lieb war. „Ich wollte die Garde nicht aufscheuchen und dachte mir, dass dir das vielleicht auch ganz lieb ist. Dein Vater ist nicht sehr gut auf dich zu sprechen dieser Tage.“ „Das dachte ich mir schon, deswegen wollte ich auch alsbald wieder fort aus Dettenhofen.“ „Wo willst du denn hin? Ich erhielt nur Nachricht, dass du hier eingetroffen wärst.“ „Ich muss nach Rommilys, in einer dringlichen Angelegenheit des Ordens.“ „Dieser Orden. Er hat Zwist in unsere Familie gebracht. Ich habe dich und Siggi immer sehr geliebt, aber ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Auch meine Schwester wollte mir nichts erzählen. Apropos…“, ein kurzes Zucken ihrer rechten Hand, ein Klatschen in Traviaholds Gesicht, ein überrascht entsetzter Ausdruck in den Augen, „…wie konntest du es wagen ohne meine Einwilligung und ohne mein Beisein den Traviabund einzugehen! Wie konntest du das deiner armen Mutter antun!?“ „Mutter! Nicht so laut! Ich möchte dir so gerne alles erklären! Aber dafür ist jetzt keine Zeit!“ „Oh doch! Für seine Mutter hat man immer Zeit! Auch als Ehemann, Ordensprior oder Klosterabt! Aber die Götter sind dir hold. Ich muss eh nach Hardmund, wir können gemeinsam reiten und du wirst Hardmund nicht verlassen, bis ich mich ausreichend informiert fühle! Und jetzt los, hol dein Pferd, wir sollten los, bevor mich doch noch jemand erkennt!“ „Jawohl Mutter!“

Und so ritten in gemütlichen Tempo beide aus Dettenhofen fort, in Richtung Praios, nach Hardmund. Auf dem Weg entlang des Ufers des Ochsenwassers erzählte Traviahold die Geschichte von Anfang an, unterbrochen nur von wenigen verwunderten Nachfragen seiner Mutter.

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