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Teil VI – Blut und Tot (3)

Bibliothek

Jedes Mal, wenn Halrik eine Seite des Folianten umblätterte, hoffte er, dass es ihm nicht erneut schmerzte. Die Seiten flogen so schnell, dass er ab und an das schreckliche Geräusch vernahm, welches jeder, der Bücher liebte, bis ins Mark erschüttern ließ. Durch unachtsames oder zu zügiges Umblättern entstand immer wieder das reißende Geräusch. Doch in Anbetracht ihrer Situation war es notwendig. Es ist nur eine Abschrift, es ist nur eine Abschrift – dachte sich Halrik jedes Mal wie ein Mantra, das man sich aufsagte, um sich selbst zu beruhigen und zwar jedes Mal, wenn er das Geräusch von reißendem Papier vernahm. Der Foliant trug den Namen „Jenseits der Sphären“ und hatte keinen bekannten Autor. Es war kein aus einer Feder stammendes Buch oder eine Sammlung verschiedener Abhandlungen – es war vielmehr eine unsortierte und wie zufällig zusammengeschobene Ansammlung von Tagebucheinträgen, Beobachtungen und kurzen Essays. Es gab weder ein hilfreiches Inhaltsverzeichnis, noch ein Glossar oder Stichwortverzeichnis – es waren nur sehr viele Seiten kruder Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick nicht immer etwas miteinander zu tun hatten. Auch auf dem zweiten Blick ergab nicht jeder Teil einen Sinn. Ein Grundverständnis vom Vortex musste schon vorhanden sein, um auch nur einen Ansatz verstehen zu können, worum es in dem Folianten ging. Es war auch nicht konkret vom Vortex die Rede – ganz im Gegenteil, das Wort Vortex tauchte kein einziges Mal in dem Buch auf. Häufiger war von einem „Strudel“, „dem Weltenbaum“ oder den „Verstoßenen“ die Rede. Dass Sara’kiin die Limbusverschlingerin sich hier in Aventurien befand, war auch eher eine Theorie, die Halrik hatte – einen genauen Beweis dafür hatte er nicht. In drei nicht zusammenhängenden Erzählungen des Buches waren Beschwörungsrunen und Symboliken zur Herbeirufung von sogenannten ‚Strudelbewohnern‘ beschrieben worden. In einem gab es sogar konkrete Bilder. Er hatte die Beschreibungen und die Bilder mit den Symbolen verglichen, die Ser Gneisor zusammen mit Geron von Varnyth bei der Eroberung der Festung gemacht hatten. Es gab eine Menge Übereinstimmungen und Hinweise darauf, dass das Ritual vollzogen wurde. Daraus schloss er, dass sich Saria Fuxfell, die nun unter dem Jenseitigen Namen Sara’kiin bekannt war, herbeigeholt wurde.

Die Seiten flogen genauso wie Halriks Finger über einzelne Textpassagen. Er suchte nach Stichwörtern, welche vielversprechend klangen: „Zur Entschwörung der Jenseitigen ist mir nichts bekannt.“ Der Finger flog weiter: „ … der Schleier zwischen den Welten ist löchrig, niemand vermochte …“ Seiten wurden hastig geblättert, Papier riss: „ … wir zeichneten ein neuneckiges Zauberzeichen und in jede Ecke …“ Der Finger rutschte bis ans Ende des Absatzes: „ … in die neunte Ecke das Symbol der Kraft. Was uns fehlte, war …“ Erneut suchten Halriks Finger die Ecke um die Seite umzublättern. Ein brennender Schmerz fuhr in seinen Finger. Er besah ihn sich, Blut quoll aus dem Zeigefinger hervor, denn er hatte sich am Papier geschnitten. Normalerweise hätte er jetzt – die Seiten schützend – nach einem Verband gesucht, doch dafür hatte er keine Zeit. „Hesinde verzeih mir“, murmelte er und blätterte die Seiten um, dabei beschmierte er alles was er anfasste mit seinem Blut.

Plötzlich hörte er durch die Bibliothekstür Kampfgeräuschte. Er zuckte kurz auf und blicke herüber, sie waren so laut, dass er dachte, dass die Jenseitigen schon hinter ihm standen. Doch die Tür war unversehrt – noch. Es war Ser Gneisors Stimme, die er hinter der Tür vernehmen konnte. Sie opferten dort draußen ihr Leben, um mich zu schützen. Halriks Flut an Gedanken hörte nicht auf. Er musste jetzt etwas finden und zwar sofort. Rote Linien zogen sich wild über die Seiten, als Halrik weiter nach Anhaltspunkten suchte und dabei sein Blut quer über die Abschrift verschmierte. Der Schmerz zu wissen, dass er dabei das Buch verschandelte, wich dem Schmerz, der in ihm aufkam, als ihm immer mehr bewusst wurde, dass ihm die Zeit davonrannte und alle sterben würden. Halrik blätterte erneut um und überflog die Zeilen. „ … dort ist Magie allgegenwärtig …“ eine Blutrote Linie zog sich quer über die Seite. „ … denn alles dort IST Magie – Grenzenlos“ Halrik konnte nicht anders, er wusste nicht wie das helfen sollte, trotzdem las er weiter, als wäre da eine Stimme in ihm die ihm sagte: Das ist es! Er las die Seite zu Ende, Wort für Wort, jede Zeile verschlang er und nahm sie in sich auf. Auch die nächste Seite las er durch – er verdrängte dabei die immer lauter werdenden Kampfgeräusche. Er gab sich ganz dem Inhalt des Buches hin und verlor sich darin. Zeit und Geschehen um ihn herum wurden Bedeutungslos. Plötzlich ergab alles einen Sinn, sollte es wirklich so einfach sein? Er schlang beide Arme unter den Folianten, hob ihn an und bewegte sich zur Bibliothekstür. Von draußen vernahm er immer lauter werdendes metallisches Scheppern. Er öffnete die Bibliothekstür und schritt mit dem Folianten hinaus auf den Gang.

Zu Halriks Füßen lag Ser Gneisor, seine Rüstung war verbeult und zerkratzt. Blut quoll aus mehreren Stellen an seiner Rüstung hervor. Fünf Schritt entfernt erblickte er die schwarze Abscheulichkeit, die beiden Kämpfer hatten ihr schwer zugesetzt. Zwei Arme fehlten und der schädelähnliche Teil war zersplittert, aber dennoch hatte es kein bisschen von seiner furchteinflößenden Aura und tödlichen Kampfkraft verloren. Das vertikale Maul des Wesens flatterte schwarze Klumpen verspritzend auf, als es einen gellenden Schrei ausstieß. Halrik atmete. Zwischen zusammengedrückten Lippen, zog er kühle, nach Eisen schmeckende Luft ein. Er füllte seine Lungen, bis sie ganz voll waren. Sein Blick fixierte das Vortexwesen. Es kam näher und holte mit seinem Oger ähnlichen Arm zum Schlag aus. Halrik legte den Foliant auf den linken Arm, während er die rechte, blutverschmierte, Hand hob. Die Handfläche dem Wesen entgegen streckend, wartete er noch einen Moment. Das Vortexwesen war nun nah genug, um ihn zu erreichen. Der Ogerarm holte aus und sauste ihm mit aller Kraft entgegen. Halrik sprach mit ruhiger Stimme: „Ta‘rian!“ Der Arm des Abscheulichkeit schlug mit voller Wucht ein, es schepperte und knisterte, doch Halrik blieb unversehrt. Der Arm des Wesens schlug mit der Kraft von drei Ochsen gegen Halriks Hand und prallte dort ab, als hätte es gegen eine Wand geschlagen. Die Abscheulichkeit taumelte einen Schritt von der Gegenwucht zurück, es war jedoch entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Erneut holte es aus. Halrik änderte die Haltung seiner Hand und formte einen Trichter. Er sprach: „Croen tân!“ Noch ehe die Abscheulichkeit erneut zuschlagen konnte, leckten plötzlich dunkelrote Flammen aus der schwarzen Außenhaut des Wesens heraus. Es sah aus wie Feuer und doch war es keins. Die gesamte Oberfläche des Vortexwesens war von einem Moment auf den anderen davon überzogen – er unterbrach seinen Angriff und schrie schrill auf.  Es taumelte hilflos zurück. Halrik machte einen entschlossenen Schritt auf das Wesen zu. Die Form seiner Hand änderte sich erneut. Er sprach: „Dyrnu!“ Ein dumpfes und lautes Pochen durchdrang den Flur, als die Abscheulichkeit, wie von einem rollenden Baumstamm getroffen, nach hinten geschleudert wurde und prasselnd zu Boden ging. Die dunkelroten Flammen hinterließen auf ihrem Flugweg kleine glühende Kügelchen in der Luft die binnen eines Lidschlags verglommen. Halrik ging weiter voran. Erneut sprach er: „Dyrnu!“ – doch dieses Mal etwas lauter. Das Vortexwesen hatte keine Zeit sich zu erholen, erneut wurde es wie eine Puppe, die an einem Faden gezogen wurde, durch die Luft geschleudert und bis hindurch zum Fenster gestoßen. Das Mauerwerk dort zerbrach von der Wucht, die das Wesen mit sich brachte. Fels- und Mauersteine zerstoben in alle Richtungen – doch anstatt gemäß ihrer eigentlichen physikalischen Eigenschaften herunter zu fallen, blieben sie alle in der Luft hängen und verharrten an Ort und Stelle und die brennende Abscheulichkeit mit ihnen.

Halrik ging langsam weiter und stand nun neben Ingmar. Das Gesicht des Knappen war aufgeschnitten und nicht mehr zu erkennen. Reglos lehnte er direkt neben ihm an der Mauer. Der Studiosus wandte sich ihm zu, kniete sich hin und besah sich das Gesicht des Jungen. Dann strich er mit seiner Hand über die blutverschmierten Haare des Knappen und sprach dabei „Ia‘chau“. Binnen einen Lidschlags schlossen sich die tiefen Verletzungen in seinem Gesicht, das Blut verschwand, als würde es wie von einem Schwamm aufgezogen werden und die gesunde Gesichtsfarbe kehrte zurück. Halrik erhob sich und drehte sich wieder zu der Abscheulichkeit, die noch immer außerhalb der Festung, von schwebenden Felsenteilen umgebend, schwebend verharrte und brannte.

Ingmar erwachte, er zog erstmal viel Luft in seine Lungen und öffnete die Augen. Er musste sich erst orientieren und sah sich um. Er musste einen Moment weggetreten sein, dachte er sich und suchte nach Orientierung. Da sah er seinen Herrn nur einige Schritt weiter am Boden liegen. „Ser!“ rief er besorgt und rappelte sich hastig auf. Als er ihn erreichte, erwachte auch Ser Gneisor gerade aus seiner Besinnungslosigkeit. „Ser! Was ist geschehen? Wo ist das Vortexwesen?“ sprach Ingmar hektisch und zog an Gneisors Arm um ihn aufzuhelfen. „Was bei Golgari … Ingmar?!“ Gneisor starrte seinen Knappen an, als hätte er gerade eben einen Toten gesehen und zog unwillkürlich seinen Arm zurück. Gneisor musste daran denken, dass wenn man stirbt, einem nahestehende und ebenfalls tote Personen, einem beim Übergang helfen wollen. „Nein Boron, noch nicht!“ rief Gneisor trotzig und versuchte sich selbst aufzurappeln, doch sein rechter Arm, der abstrakt vom Unterarmgelenk abstand, hinderte ihn daran. Ein pochend heißer Schmerz fuhr bis hoch in seine Schulter und sagte ihm ganz deutlich: Du bist noch nicht tot. „Ingmar … du … dir geht es gut, bei den Zwölfen!“ Gneisors überraschter Blick irritierte Ingmar. „Ihr müsst aufstehen, Ser … ich helfe euch.“ Ingmar überging die Aussage und zog erneut am heilen Arm des Marschalls. Dieses Mal ließ er sich helfen und beide Männer erhoben sich. Gneisor versuchte seine Gedanken zu ordnen, er war sich sicher, dass er Ingmar hatte sterben sehen – oder hatte er sich etwa geirrt? Sein Blick suchte sein Schwert. Er unterdrückte seinen Schmerz im rechten Arm und machte ein paar Schritt den Gang entlang, wo er seinen Anderthalbhänder liegen sah. Er bückte sich danach und griff mit der linken Hand nach dem Heft des Schwerts.

Da stand er plötzlich vor Ihnen, als wäre er aus dem nichts aufgetaucht. Studiosus Halrik, in der linken einen dicken Foliant haltend und die rechte darauf gelegt. „Halrik! Du lebst … wo ist … “  platze es aus Ser Gneisor heraus, der erst mitten im Satz realisierte, dass sich der schmale Studiosus verändert hatte. Beide Männer hielten Inne und Ser Gneisor packte den Heft des Schwerts fester.

Verwandtschaft

„Sollten wir nicht Herrn Nehazet hinzuziehen?“ In Perainius Stimme schwang mehr Kritik mit, als es ihm lieb war. Er verlagerte nervös sein Gewicht ständig von einem auf das andere Bein. Der Ordensgroßmeister belegte seinen Knappen nur mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ich kann das auch alleine machen‘. „Er wäre bestimmt daran interessiert, dass ihr …“ „Ruhe jetzt!“ herrschte Sieghelm den Jungen an. Er wollte jetzt nicht darüber diskutieren. Eine schlanke Studiosa in einfacher weißer Robe schlurfte gelangweilt von einem Nebenzimmer an das Schreibpult heran, welches die beiden Krieger von ihr trennte. Mit aller Inbrunst, die eine junge Magiegelehrte zeigen konnte, die als Empfangsdame tätig sein musste, begrüßte Sie die beiden offensichtlich magisch unkundigen Männer: „Tach.“ „Seid gegrüßt, gelehrte Dame“, begrüßte Sieghelm die Magiekundige und hielt sich dabei seine Panzerfaust vor die Brust, um eine leichte Verneigung anzudeuten. Die Studiosa schnaufte verächtlich. „Zu viel der Ehre, eure Majestät“, ätzte sie. Sieghelm stockte. Perainius nutzte die Stille der diplomatischen Spitzen und ergriff das Wort: „Was mein Herr sagen möchte ist, dass ihr sehr wohl eine gelehrte Dame seid, weshalb ihr euch diese Anrede mit Sicherheit auch verdient habt, auch wenn ihr den Titel einer Adepta noch nicht tragt.“ Mit einem wachen Blitzen in den Augen, schenkte die schlanke Studiosa dem jungen Knappen einen anerkennenden Blick. Anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet, dass während ihrer jeglicher geistiger Herausforderung entbehrenden Zeit als Empfangsdame, es zu einem lichten Moment kommen würde. „Ihr ehrt mich, eure Exzellenz. Was kann ich für euch tun?“, schob sie dann an den Ordensgroßmeister gewandt hinterher, während sie in Richtung des Knappen anerkennend nickte. Sieghelm, der nicht so ganz hinterher kam und noch dabei war sich innerlich zu überlegen, ob er die Frau für ihre fälschliche Anrede schelten oder freundlich rügen sollte, beschloss das eben Geschehene zu übergehen und auf die neue Anfrage zu reagieren. „Ich möchte zu Candidatus Voltan.“ „Candidatus Voltan ist äußerst beschäftigt“, schoss sie zackig abweisend heraus. “ … er steckt mitten in seiner Vorbereitung für die Abschlussprüfung.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sich ihr Ton von gelangweilt abweisend zu überspielt ehrlich gelangweilt änderte. „Doch mit Sicherheit ist er bereit für eine wichtige Persönlichkeit eures Standes eine Ausnahme zu machen und euch zu empfangen.“ „Das … freut mich“, sprudelte es aus Sieghelm heraus, der sich erneut unsicher war, wie er auf die widersprüchlichen und zugleich schmeichelnden Aussagen der Frau reagieren sollte. Er entschied sich dafür, die Frau nicht zu mögen und sie im Auge zu behalten. Die Studiosa wandte sich nun mit schnellen Worten an den Knappen. „Den Gang entlang bis zum Ende, die Wendeltreppe hoch bis ins dritte Obergeschoss. Dort rechts und gleich wieder links – bei der Greifenstatue rechte Hand, zweite Tür. Bitte klopfen.“ Perainius nickte deutlich. „Mein Herr dankt euch. Ser, wenn ihr mögt, können wir los.“ Sieghelm belegte die Studiosa, die sich sofort nach der Beschreibung dem beschäftigten Sortieren von Pergamenten widmete, mit einem skeptischen Blick. „Dann voran, Perainius“, wieß er an und folgte seinem Knappen.

Die beiden Krieger erreichten zügig die beschriebene Tür. Perainius klopfte für seinen Herrn und stellte sich dann hinter ihm. „Momentum!“ rief eine junge männliche Stimme durch die Tür. Danach folgte für ein paar Augenblicke nur absolute Stille. Dann waren Schritte zu hören, die sich der Tür näherten. Sie wurde geöffnet, und im Türrahmen stand ein hochgewachsener junger und drahtiger Mann mit kurzen blonden Haaren in einer weißen Robe mit dunkelblauen Applikationen an den Säumen. Ein einfacher Seilgürtel schnürte die Hüfte des jungen Mannes ein, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Sieghelm hatte, nur das dieser noch deutlich in der Pubertät steckte. Die beiden Männer schauten sich für einen Moment lange an, als ob sie nach etwas suchen würden. „Sieghelm?!“ platzte es dann aus dem Magierlehrling heraus. „Voltan?“ entgegnete Sieghelm seinerseits, er war sich nicht ganz sicher. Dann begannen beide breit zu lachen, sich in die Arme zu fallen und abzuklopfen. „Sieghelm! Ha! Du hier? Was machst du hier?“ Die Stimme des Burschen war kantig und laut, mittelländisch geprägt und eine Spur arrogant. „Nun ich, rette die Welt – was soll ich sonst wohl machen?!“ Perainius, der nur knapp jünger war, als der junge Mann, den sein Herr gerade umarmte, machte einen Schritt zurück, um den beiden genug Raum zu geben. Er belegte seinen Herrn mit einem verwunderten Blick, als dieser davon sprach ‚die Welt retten zu wollen‘.

„Ich bin gerade in der Stadt und dachte mir, ich schau mal bei dir vorbei. Ich wollte mal sehen, wie es dir so geht. Du stehst also kurz vor deiner Abschlussprüfung?“ Sieghelm musterte den Candidatus von oben nach unten.  „Ja, ich bereite mich gerade auf die Prüfungen vor. Da tritt mich doch ein Ochse, wie lange haben wir uns nicht gesehen?“ „Bestimmt sechs Umläufe – du warst da gerade noch Eleve.“ Die beiden Männer tauschten noch weitere Begrüßungsrituale aus. Voltan bat die beiden dann in seine kleine Stube, die er sich mit einem anderen Candidatus teilen musste. Zu dritt, oder besser gesagt zu zweit, redeten die beiden Sprösslinge der Familie Spichbrecher noch eine Weile miteinander. Perainius lernte in dieser kurzen Zeit viel über seinen Herrn, denn sie hatten sich beide viel zu erzählen. Vor allem aber, dass sie beide typische Darpaten waren. Laut und geradlinig, ehrlich, ein wenig verbohrt, aber dennoch ehrenvoll. Voltan erzählte von einer Lehrzeit an der Akademie Schwert & Stab zu Gareth, von seiner bevorstehenden Abschlussprüfung, aber auch von der Stimmung an der Akademie bezüglich der drohenden Gefahr aus der Warunkei. Der gerade einmal achtzehn Sommer zählende Bursche hatte durch seine intensiven Studien nichts von Sieghelms jüngster Entwicklung mitbekommen und war nicht nur überrascht, sondern auch hochinteressiert.

Reise nach Rommilys – Teil III „Roter Riese“

Am nächsten Morgen brach Traviahold sogleich nach der Morgenandacht auf. Einst hat es zwei mögliche Wege gegeben, um gen Hardfurten zu reisen, doch der Firunspass war nicht mehr bereisbar, da die alte Hängebrücke abgerissen wurde und die neue steinernde Rondriansbrücke sich noch lange in Bau befand. Und so blieb nur der Rote Pass, der jedoch in diesen Tagen gut gepflegt wurde. Traviahold begleitete einen Tross Fuhrwagen, die jedoch nur einen Teil des Passes befahren wollten – bis zur Zwergensiedlung. Seit dem Rahja des letzten Götterlaufes räumen die Zwerge nun schon den Weg in die Zwergenfeste Martoschzrom frei und legen die überfluteten Bereiche trocken. Dank des ehemaligen Haushofmeisters Gandax konnte ein Abkommen geschlossen werde, wonach Hochstieg die Zwerge mit Nahrung und allem weiteren Wichtigen versorgt und dafür das Kloster den Bruchstein für seine Erbauung bekommt. War das Verhältnis am Anfang von gegenseitigem Misstrauen geprägt, so ist es inzwischen vielleicht nicht freundschaftlich, aber wohlwollend konstruktiv. So haben ein paar der Zwerge bei einem ihrer seltenen Besuche dem Braumeister Ulfred bei der Gestaltung des „Roten Pilger“ unterstützt und war der gelieferte Bruchstein am Anfang nur schwer zu verwenden, so ist er inzwischen sauber herausgeschlagen und perfekt verarbeitet.

Es dauerte fast zwei Stunden, bis der Tross in Martoschzrom ankam. Ihre Ankunft wurde wie üblich mit grummeliger Freundlichkeit zur Kenntnis genommen. Während einige Arbeiter vom Kloster zusammen mit Zwergen begannen die Wagen ab- und aufzuladen, suchte Travihold den Diplomaten des Ordens bei den Zwergen auf. „Meister Gandax! Schön euch wiederzusehen“, rief er ihn beim Zugehen an. „Hrm! Gr’schm! ‚lls gt?“ Kam nur zurück. „Nun, Darpatia grummelt schon fast wie ein Zwerg, aber ansonsten geht es uns gut. Ich soll euch freundlich von Sieghelm grüßen.“ „Hchhch, ‚r Fr‘ sch n’tt! Grscht hn ‚ch!“ „Das dachte ich mir, dass das euch gefällt. Das werde ich machen. Gibt es Probleme hier, oder läuft alles wie glänzende Steine?“ „‚lls gt!“ „Sehr schön, dann werde ich auch gleich weiter, dann schaff ich es noch bis Hardfurten. Nun dann, Angrosch zum Gruße!“ „Gr’schm, nd gtn R’tt!“ Sogleich schwingt sich Traviahold wieder aufs Pferd und reitet zügiger davon.

Ohne die Fuhrwagen kommt er deutlich zügiger voran und so ist er nach weiteren zwei Stunden schon auf den Brücken nach Kohlhütten. Es herrscht wieder etwas Leben in der einstigen Ruine. Das Haus, das einst der Prophet Nehazet mittels seiner Magie wohnbar gemacht hat, ist nun eine traviagefällige Pilgertaverne, die versorgt wird von drei Familien, die sich wieder nach Kohlhütten getraut haben. Davon kamen zwei aus Hardfurten und eine aus Hochstieg, das von Traviahold getraute Paar Dankhild Kohlhütten und Thorn Prutz. Die Taverne selber wird von niemand geringerem geleitet als Travhild Brauer, der einst so garnicht traviagefälligen Tochter der Wirtin Jadwina. Jedoch schmerzte sie der Travibund von Traviahold und die täglichen Begegnungen mit Darpatia so sehr, dass sie die Chance Hochstieg zu verlassen sofort ergriff. Traviahold wurde von allen, auch Travhild, herzlich gegrüßt, schlug jedoch das Angebot, hier etwas zu verweilen, aus, da er es sonst nicht sicher bis zum Abend nach Hardfurten geschafft hätte. Und so konnte er in etwas gemütlichererem Tempo den Ifirnssteig und dessen Panoramaausblick genießen, bis er am Abend in Hardfurten ankam, dem Ort, an dem der Pfad des Schicksals seinen Anfang nahm…

Teil VI – Blut und Tot (2)

Im Innern

Scheppernd schlug die Klinge des Anderthalbhänders auf die Panzerplatte der Abscheulichkeit ein. Ser Gneisor hatte eigentlich versucht den schon lädierten Schädel zu treffen, doch der Kreatur gelang es die Schulter rechtzeitig hoch zu ziehen und als Block zu benutzen.  „Zurück!“, bellte Gneisor, der Ingmar davon abhalten wollte, den geplanten Zangenangriff auszuführen. Die beiden Streiter kämpften nun schon gewiss zehn Momente mit dem Vortexwesen, dabei hatte sie sich immer weiter vorwärts in Richtung Bibliothek bewegt – und jetzt waren sie nur noch zehn Schritt von der massiven Eichentür entfernt. Sowohl Ser Gneisor, als auch der Knappe, waren an der Grenze ihrer Ausdauer angelangt – beide prusteten und der Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Zusätzlich setzte Sir Gneisor die schwere Wunde im Oberschenkel, die er sich gleich zu Beginn zugezogen hatte, inzwischen sehr zu und behinderte ihn in seiner Bewegung. Der brennende und heiße Schmerz, wurde inzwischen zu einem betäubend kalten. Das heraussickernde Blut ergoss sich über den gesamten Flur und hinterließ eine lange Spur. Auch der Knappe war nicht unbeschadet geblieben, zu der dicken Beule in der Brustplatte, kam eine Schnittwunde am linken Unterarm sowie eine Platzwunde am Kopf. Der Kreatur gelang es ein weiteres Mal Ingmar mit der – wenn man es so nennen mag – ‚Rückhand‘ gegen die Wand zu schleudern. Sein Kopf prallte dabei gegen die Steinwand und zu der dabei entstehenden Platzwunde gesellte sich inzwischen ein betäubender Kopfschmerz.

Ser Gneisor stand wie ein Fels zwischen der Kreatur und der Bibliothek, während Ingmar sich derweil hinter sie begeben hatte um ihr gelegentlich ‚Nadelstiche‘ setzen zu können. Doch bisher blieb die erhoffte Wirkung ihrer Treffer aus. Sie zertrümmerten den Schädel, stachen ihre Klingen tief in den Körper und zerschlugen die großen Stachel auf seinem Panzer, doch es machte keinerlei Anzeichen der Ermüdung oder gar der Verletzung. Es kämpfte unermüdlich und unerbittlich weiter – was nicht gerade zur Moral der beiden Krieger beitrug.

„Wir müssen es von der Bibliothek fernhalten, koste es was es wolle!“ befahl Ser Gneisor mehr zu sich selbst, als zu seinem Knappen. Er brachte seinen Bihänder zwischen sich und dem wuchtigen, ogerähnlichen Arm. Das Metall kratzte über den Panzer und der Angriff der Abscheulichkeit flog unwirksam am Ritter vorbei. „Aber wie? Es ist unverletzbar!“ raunte Ingmar von hinter der Kreatur und stach noch einmal zu, doch wieder blieb eine Reaktion aus. An der letzten Abzweigung hatten beide Krieger versucht die Abscheulichkeit in eine andere Richtung zu lenken, doch vergebens. Es schien, als hätte es sich die Bibliothek zum Ziel gesetzt. Die zwei kleinen, fast schon verkümmert wirkenden Ärmchen griffen nach hinten. Ingmar wich ruckartig zurück und entkam damit ihren rasiermesserscharfen Krallen. Der obere Körper der Kreatur drehte sich nach hinten, die wuchtige Schulterplatte kam dabei nach vorne und Ser Gneisor bekam einen Blick auf die linke Flanke. Da kam ihm ein Geistesblitz. „Ich habe eine Idee – gib mir dein Schwert!“ „WAS?!“, bellte Ingmar entsetzt zurück, der glaubte die Aufforderung seines Ritters missverstanden zu haben. „Gib mir dein Schwert, Ingmar!“ wiederholte er, während er einen weiteren Schritt nach hinten machen musste um einen erneuten Hieb des starken Arms auszuweichen. Ingmar tat wie ihm geheißen, lugte hinter dem massiven Körper der Abscheulichkeit hervor und in einem günstigen Moment, warf er das  Kurzschwert mit dem Heft voran durch den Gang. Ser Gneisor gab sein Anderthalbhänder in die rechte Hand und fischte mit der linken das Kurzschwert behände aus der Luft. Sofort ließ ihn seine Kriegerausbildung eine an seine Bewaffnung angepasste Kampfhaltung einnehmen. Das Hauer besetzte Maul des Wesens flatterte auf, als es erneut ein unwirkliches Kreischen von sich gab. Dicke Brocken schwarzen Speichelns flogen dem Ritter dabei entgegen. Ser Gneisor nutze den Moment, um im Gedanken sein nun folgendes Kampfmanöver noch einmal durchzugehen. „Rondra steh mir bei …“, hauchte er und umklammerte die Hefte der beiden Schwerter noch etwas fester. Er machte einen Schritt nach vorne, der kühle und betäubende Schmerz in seinem Oberschenkel wurde sofort wieder glühend heiß. Mit dem Bihänder schlug er von oben auf die Kreatur ein. Die Abscheulichkeit tat das, womit Ser Gneisor gerechnet hatte, es hob den Ogerarm zur Verteidigung. Während die Klinge auf den Panzer schepperte, brachte er das Kurzschwert zum Einsatz. Er tauchte unter dem Arm hinweg, nutze die lange Klinge als Abwehr und dabei kam er an der Flanke des Wesens vorbei. Sein Ziel konnte er deutlich vor sich sehen. Die Kreatur bemerkte jedoch Gneisors Manöver und drehte sich seinerseits mit dem Ritter mit, doch es hatte anscheinend nicht mit dem Knappen gerechnet. Dieser sprang der Kreatur mit der Spitze seines Dolches voran in dessen Rücken. Die Klinge schlug Ingmar in die Stelle, wo Menschen das Schlüsselbein hatten – nur eben von hinten. Mit beiden Händen krallte sich der Knappe an den Griff des Dolches und mit seinen Füßen umklammerte er einen eisernen Fackelhalter, um so die Abscheulichkeit für einen kurzen Moment an Ort und Stelle zu binden. So war es Ser Gneisor möglich, sich weiter um die Kreatur herum zu bewegen. Das Kurzschwert stach er mit der Spitze voran in die Flanke und schob es dann mit aller Kraft so lange weiter, bis es an der Position war, wo er es haben wollte. Die Klinge rutschte Mühelos durch den Körper der Kreatur, denn Ser Gneisor hatte in der Flanke der Abscheulichkeit eine Art Schlitz ausgemacht, welcher sich zwischen zwei Panzerplatten ergab. Da sich die Panzerplatten so weit überlappten und aneinander rieben, würde das Schwert auf keinen anderen Weg herausrutschen können. Ser Gneisor schob das Kurzschwert tiefer, so weit, bis es an die kleine Parierstange stieß – auf diesem Ende des Schwerts, war es nun also fixiert.  Die Abscheulichkeit schrie wieder schrill auf, die beiden Ärmchen griffen ungelenk nach Ingmar, während der riesige Arm versuchte Ser Gneisor zu treffen, doch der massive Schulterpanzer schränkte dessen Bewegung so ein, dass er nicht an Gneisor herankam. Der Fackelhalter an dem sich Ingmar mit seinen Füßen klammerte, gab unter der enormen Last nach, das Metall zersprang und Ingmar rutsche den Halt verlierend und den Dolch loslassend an dem Vortexwesen herab – dabei fuhr einer der beiden  Ärmchen über Ingmars Gesicht, die Krallen schnitten mühelos tief durch das weiche Fleisch. Ser Gneisor bekam all dies nicht mit, denn er verfolgte weiter sein Manöver. Mit Aller Kraft drückte er die Kreatur in Richtung einer Tür. Seine Schulter stemmte er dafür in dessen Seite, während er den Griff des Kurzschwerts weiter mit einer Hand festhielt. Der wiederaufflammende Schmerz in seinem Oberschenkel und die zitternden Knie, veranlassten ihn dazu zu schreien, er brülle den Schmerz und die letzte Kraft aus sich heraus, das Manöver musste einfach gelingen! Die Spitze des Kurzschwerts voran, trieb er das Metall in das harte Holz der Tür. Ein hohles scheppern tönte durch den Wehrfried als die Klinge in die Tür eindrang. Sofort löste sich Gneisor von der Kreatur und machte einen weiten Schritt zurück. Die Abscheulichkeit war mit dem Kurzschwert seitlich an die Tür fixiert. Die beiden kleinen Arme wurden dabei gegen das Holz gequetscht und durch den Schulterpanzer, war auch der Wirkungsbereich des Ogerarms eingeschränkt. Sofort packt er den griff seines Bihänders wieder mit beiden Händen, jetzt würde er der Abscheulichkeit ein Ende setzen können.

„Sehr gut Ingmar! Wir haben es geschafft.“, lobte er seinen mutigen Knappen mit einem befriedigenden Lächeln auf den Lippen. Mehrere verwundbare Stellen offenbarten sich dem erfahrenen Krieger. Er machte einen kurzen Blick zu Seite, um sich zu versichern, dass sein Knappe bei ihm war, doch Ingmar war es nicht. Ser Gneisors Kopf drehte sich weiter, er folgte der Blutspur auf dem Boden. Ingmar lehnte mit dem Rücken an die Mauer gelehnt und überall war Blut. Das Gesicht des Knappen glich einer aufgeschnittenen Melone. Sein Gesicht war so voller Blut, dass es in dünnen Fäden auf die hohlen Hände des Knappen herablief. Zwei Blutfützen bildeten sich bereits in der doch so kurzen Zeit darin. Ser Gneisor bekam ein Schock. Er hörte nicht, wie die Abscheulichkeit versuchte sich von der Tür zu lösen. „Ingmar …“ hauchte Gneisor schwach, sein Unterkiefer bebte. Was habe ich getan? – dachte er sich und wandte sich zu ihm um. Drei lange und tiefe Schnitte zogen sich quer durch das Gesicht des Jungen, der eine hatte Ober- und Unterlippe aufgetrennt und das Nasenbein zerschmettert, ein anderer hatte die Wange aufgeschnitten und das rechte Auge des Knappen perforiert. Dort, wo das Auge war, war jetzt nur noch ein blutiger und klebriger Klumpen. Ingmar war, trotz der schweren Verletzung, jedoch noch am Leben und bei Bewusstsein. Er brachte keinen Ton hervor. „Es, wird alles wieder gut.“, sprach der Ritter im Tonfall eines Vaters, der gerade zusehen musste, wie sein Sohn sterben würde. „Für Rondra.“, brachte Ingmar nuschelnd und blubbernd hervor und dann erschlafften seine Glieder.

Es krachte, als sich die Abscheulichkeit von der Tür löste, denn das dünne Metall des Kurzschwerts, konnte der jenseitigen Kraft Wesens nicht ewig standhalten. Das schrille Kreischen, holte Ser Gneisor wieder zurück ins hier und jetzt. Erneut brüllte er, er brüllte sich alle Wut aus dem Leib und letzte übermenschlich viel Wucht in seinen Hieb. Das Schwert schlug in die Schulter mit den kleinen Ärmchen ein, traf zwischen zwei Panzerplatten und trennte beide Arme vom Rest des Körpers ab. Das Schwert, seinen Weg unbeirrt fortfahrend, hatte so viel Schwung, dass Ser Gneisor die Kraft nicht abfangen konnte, es schlug funkenschlagend auf dem Steinboden ein. Normalerweise hätte sich der Ritter niemals in eine derart unterlegende Position gebracht, denn er war nun in einer Verneigenden Haltung vor dem Vortexwesen, welches gerade zum Schlag mit seinem kräftigen Arm ansetzte. Der Marschall konnte nichts dagegen tun, als ihn der Ogerarm der Abscheulichkeit durch das Gesicht fuhr und ihn drei Schritt durch den Flur katapultierte. Die Klinge des Ritters prasselte zu Boden, Knochen knackten und der Körper des Mannes schlug so lautstark auf dem Boden auf, als hätte man ein dutzend Eimer den Flur heruntergeworfen.

Unbeirrt davon, dass ihm zwei der drei Arme fehlten, ging die Abscheulichkeit weiter voran.  Schwarze, dicke Flüssigkeit quoll aus der klaffenden Wunde hervor, wo die beiden krallenbesetzten Ärmchen waren. In fünf Schritt Entfernung zur Bibliothek war die Tür zur Bibliothek, sie stand offen – denn im Gang davor stand Halrik von Tarnel mit fester und entschlossener Miene, auf seinen Händen ruhte ein aufgeschlagener Foliant.

Teil VI – Blut und Tot (1)

Auf den Wällen – Gustav

Gustav zog mit Wucht sein Schwert aus der Abscheulichkeit heraus. Es schabte dabei zwischen den chitinartigen Panzern entlang und machte ein Geräusch, als wenn man mit einem Wetzstein über die Klinge fahren würde. Von der Schwertspitze tropfte eine schwarze und zähe Flüssigkeit, während sich der ehemalige Heermeister nach dem nächsten Gegner umsah – denn davon gab es genug. Die Wälle wurden Schauplatz eines Gemetzels, zahlreiche Abscheulichkeiten fluteten die Festung und richteten eine horrende Zerstörung an. Auch Gustav blieb davon nicht verschont, Blut rann ihm den linken Oberarm bis zum Handgelenk entlang und spritze bei jeder Bewegung herum. Seinen Helm hatte er gleich der ersten Abscheulichkeit opfern müssen, da eines der krallenbesetzten Mäuler sich darin verbissen hatte und er – Rondra sei Dank – schnell genug den Riemen lösen konnte, um sich somit der drohenden Umklammerung entziehen konnte. Vorsichtig humpelte Gustav den Wehrgang entlang. Mehrere Schnittwunden färbten seinen linken Unterschenkel blutrot – eine der Kreaturen hatte ihn dort mit seinen Krallen erwischt, als er gerade dabei war eines der Wesen den Wall hinunter zu werfen.

Überall um ihn herum hörte und sah man das ungeordnete Kampfgetümmel, zahlreiche Abscheulichkeiten lagen auf den Wällen, im Innenhof oder vor den Wällen zusammengerollt, ihr eigenes Ende anzeigend, herum. Leider sah man auch mehrere tote und entstellte Körper von Kämpfern und Bogenschützen. Die Biester verschwendeten keine Zeit sich nach dem Mord an den toten Körpern ihrer Opfer aufzuhalten, wie es vielleicht Tiere getan hätten, um sich einen ersten Bissen einzuverleiben, sondern sprangen sofort unbeirrt und ohne jeden Anschein von Erschöpfung weiter zum nächsten. Es waren Kreaturen, die nur für diesen Zweck erschaffen wurden – und diesem Zweck gingen sie bis zu ihrem eigenen Ende stoisch nach. Keine Furcht, kein Anzeichen von taxieren, einfach nur blindes Drauflosstürmen und dabei so viel Schaden wie nur eben möglich anrichten. Da sie in der Überzahl waren, bedurfte es daher auch keiner nennenswerten Taktik.

„Gustav!“ rief Rigo, ein Infanterist. Sie Stimme kam von hinter ihm, er machte sofort auf dem Absatz kehrt und brachte sein Schwert in die niedrige Kampfposition. Zwischen Gustav und Rigo krabbelte gerade eine weitere Abscheulichkeit über die Zinnen. Ihr Vorderteil drehte es zu dem rufenden Kämpfer, während es das massige, aber nicht minder gefährliche, Hinterteil Gustav zuwandte. Da hörte Gustav es wieder, das abscheuliche Geräusch, welches diese Biester von sich gaben, wenn sie in die Kampfhaltung übergingen. Es war eine Mischung aus hölzernen Geklapper und metallischem Kratzen, wenn sich die Chitinpanzerplatten untereinander verschoben, um keine Schwachstelle zu offenbaren und die zahlreichen Füße auf den Steinen der Festung ihren Halt suchten. Rigo schlug mit der Wacht eines Ambosszwergischen Felsspalters auf die hauerbesetzten Fangarme ein, die wie Kobraköpfe nach ihm packten. Gustav suchte nach einer Schwachstelle im Panzerrücken, während sich die zwei riesigen Zangen, wie die eines Hirschkäfers, ihm entgegenstreckten. Drei mal stach er auf den Panzer ein, doch seine Klinge kratzte nur klagend über den Panzer. Rigo durchtrennte mit einem wuchtigen Hieb seiner Orknase einen der Fangarme, zähflüssiges schwarzes Blut quoll hervor und spritzte ihm entgegen. Gustav entschied sich für ein gewagtes Manöver, mit einem kräftigen Stampfen stieg er auf eine der Zangen, um das Hinterteil der Kreatur damit am Boden zu fixieren. Er spürte wie die Kraft des Wesens gegen sein Gewicht arbeitete, doch er hielt es an Ort und Stelle. Jetzt konnte die Abscheulichkeit die Panzerplatten nicht mehr verschieben wie es wollte, er beugte sich vor und suchte nach einer Schwachstelle, während er weiterhin auf sein Glück setzte und hier und dort auf die schmalen Ritzen einstach – doch ohne Wirkung. Auf Rigos Seite griff der verbliebende Fangarm nach seinem Standbein. Rigo versuchte den Angriff auszuweichen, doch er war zu langsam. Der Fangarm umklammerte mit einem schmerzvollem Biss sein Unterschenkel und zog mit einer so unsäglichen Kraft daran, dass Rigo ins Straucheln kam. Er rutschte gegen die Zinnen. Während sein Kettenhemd über den Stein wetzte, versuchte er mit der freien Hand seinen Sturz aufzuhalten, Phex sei Dank fanden seine Finger den Fackelhalter und klammerten sich daran fest. Mit Panik drosch Rigo mit der anderen Hand, die noch immer seine letzte Wehr hielt, auf den Kopf der Abscheulichkeit ein. Doch die wuchtige und inzwischen schartige Klinge der Axt kratzte nur scheppernd über den massiven Panzer. Gustav musste jetzt handeln, oder Rigo war verloren. „Verfluchtes Biest!“, stieß er aus und machte mit seinem freien Bein einen Ausfallschritt nach vorne, so dass er fast auf der Kreatur drauf lag. Und da! Da offenbarte sich ihm eine Schwachstelle, zwischen dem Vorder- und dem Hinterteil des Wesens, gab es eine kleine Stelle zwischen dem massiven Kopfpanzer und den lamellenartigen Hinterteil, wo die dünne hautähnliche Struktur hervorblitzte. Gustav zielte mit der Spitze seines Schwerts darauf, doch da spürte er eine Schmerzexplosion in seinem linken Fuß, der Druck den er gebrauchte hatte, um die Zange am Boden zu fixieren, genügte aufgrund seines Ausfallschrittes nicht mehr. Sie hatte sich gelöst und die Zangen, von denen jede die Länge einer Elle hatte, umklammerten Gustavs Fuß und drückten so fest zu, dass das Blut sogar aus dem festen Lederstiefel herausspitzte. Die Schwertspitze fand ihr Ziel. Mühelos durchschlug es die dünne Hautschicht des Wesens und ein schrilles Fiepen zuckte durch den Leib der Abscheulichkeit – es musste so etwas wie Schmerz verspüren, da war er sich ganz sicher. Finger für Finger trieb er mit beiden Händen die Klinge tiefer hinein, eine der Hände hinten auf den Knauf gedrückt, um es besser voran schieben zu können. Es knackte und gluckerte im Innern, doch der, das Bewusstsein raubende, Schmerz in Gustavs Fuß zuckte hoch bis ins Bein – er durfte jetzt nicht das Bewusstsein verlieren! Da knackte es erneut, der Druck am Fuß ließ ruckartig nach und die Kreatur unter Gustav erschlaffte. „Aaaaahhhhh!“, schrie er, jetzt wo die Zangen losgelassen hatten, ließ er zu, dass ihn der Schmerz übermannte. Rigo, der ebenfalls befreit war und dessen Bein eine tiefe klaffende Bisswunde hatte, stieg über den toten Körper der Kreatur hinweg, um Gustav aufzuhelfen. „Du hast mir das Leben gerettet!“, sprach dieser und hob Gustav an den Achseln hoch. Doch sein Fuß hing nur noch unkontrolliert an seinem Bein herab, der Stiefel war vollgelaufen mit Blut und das Leder zerfetzt – er spürte dort nichts mehr, außer einen die Sinne raubenden Schmerz. „Scheiß drauf, Rigo – kämpf weiter!“ der barsche Ton des ehemaligen und jungen Heermeisters überrascht den älteren Kämpfer. Gustav lehnte an die Zinnen und stand nur noch auf einem Bein. Er wurde Kreidebleich. Da bemerkte er, dass sein Schwert noch immer tief im Leib der Abscheulichkeit steckte – er musste es losgelassen haben. „Gib … gib mir mein Schwert.“, stotterte er schmerzerfüllt und streckte seine Hand zitternd in Richtung des Schwertes aus. Rigo tat wie ihm geheißen und zog mit einem Ruck am Heft des Schwerts.

Da wurden beide Kämpfer für einen Moment dunkel, der schwarze Körper einer Abscheulichkeit flog über Gustavs Kopf hinweg. Rigo konnte sich noch rechtzeitig umdrehen, doch das Hauer besetzte Maul der Kreatur stürzte genau in dessen überraschtes Gesicht. Das Knacken und Bersten von Knochen war das letzte, was Gustav von Rigo hörte, als sein Körper samt der Kreatur über die Brüstung flog und in den Innenhof abstürzte. „NEIN!“, brüllte Gustav und der Schmerz in seinem Fuß zuckte wieder in ihm hoch. Doch nicht nur die zwei waren fort, auch Gustavs Schwert – Rigo hatte es wohl im Angesicht des Todes festgehalten und mit in die Tiefe gerissen.

Auf den Wällen – Brangane

Die Ritterin stand zwischen zwei Bogenschützen auf einem der Türme, als die Flut an Abscheulichkeiten über die Festung hereinbrach. Die Bogenschützen ließen auf Kommando der Frau einen Pfeil nach dem anderen von der Sehne. Einer von Ihnen war es auch, der den ersten Treffer landete. Als die Bestien dann begannen die Festungsmauern zu erklimmen, als wären es einfache Sprossenleitern, wusste Brangane, dass kein einfacher Kampf folgen würde, in dem sie von zwei Bogenschützen umgeben war, die aus kurzer Distanz nichts auszurichten vermochten.  Sie waren zwar beide mit Kurzschwertern ausgestattet, doch würden sie damit nicht umgehen können – so viel stand für die Ritterin fest.

„Stellt euch dort hinten an die innere Brüstung – ich halte sie auf. Schießt, wann immer sich ein Ziel ergibt“, befahl sie den beiden Männern und deutete auf die zum Innenhof gewandten Mauersteine. Die beiden Männer, einer von ihnen erst an die zwanzig Götterläufe und der andere Anfang fünfzig mit dichtem grau meliertem Bart, nickten nur und begaben sich dann in Position. Hastig legten sie wieder Pfeile auf die Sehnen, da kam auch schon die erste Abscheulichkeit über die Zinnen gekrochen. Die hungrigen Mäuler voran, schlängelte es sich über die dicken Steine, während des hölzerne Geklapper der zahllosen Beine am Hinterleib zu hören war. Bragane hielt in der rechten Hand einen mit der Spitznase voran gedrehten Rabenschnabel und in der linken ein stabiles Wappenschild. Die Kreatur kreischte schrill, die Bogenschützen zuckten zusammen, doch Brangane schien nicht beeindruckt und schwang einen kurzen aber heftigen Hieb gegen den Schädel der Kreatur. Wie ein Schmiedehammer, der das glühende Metall unter seinem Hammerkopf formte, verformte sich der massive Kopfpanzer der Abscheulichkeit unter dem Druck der Spitze des Rabenschnabels. Anscheinend mühelos durchschlug er den Kopfschutz der Kreatur. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man sagen, dass die Kreatur überrascht zu sein schien, denn für einen kurzen Moment streckte es alle Glieder von sich und macht keinerlei Anstalten sich zu Wehr zu setzen. Noch ehe es aus seiner Starre wieder erwachte, drehte sich Brangane auf der Stelle und zog den Rabenschnabel hinter sich her. Die Kreatur hob vom Boden ab als wäre es um ein vielfaches leichter als es aussah, während der Kopf der Kreatur dabei am Ende des Rabenschnabels hing. Brangane schleuderte das Vieh mit schier übermenschlicher Kraft über die Zinnen zurück über die Außenmauer. Als sich der Haken aus dem Kopf der Kreatur knackend löste und es sich in der Luft wie ein herabfallendes Lindenblatt drehte, schoss schwarzes Blut absurde Kreise ziehend aus ihm heraus.

Die Bogenschützen hatte keine Zeit über das eben Geschehene nachzudenken, sicher war nur, dass sie die Autorität und Kampfkraft der Lady nicht anzweifeln würden. Da krabbelten auch schon zwei weitere über die Zinnen. Brangane schoss sofort auf einem der beiden zu. Die Bogenschützen entschlossen sich instinktiv den anderen zu bearbeiten. Die Pfeile flogen aus naher Distanz auf die Kreatur zu. Ein Pfeil schepperte unwirksam gegen den Panzer, der andere fand sein Ziel zwischen den Lamellenpanzern am Hinterleib. Das Biest zuckte zusammen, doch es war noch nicht besiegt. Währenddessen schlugen die maulbesetzten Fangarme des zweiten Monstrums gegen den Schild der Lady. Ihr erster Hieb hatte das Ziel verfehlt, die Kreatur war ausgewichen und ging ihrerseits zum Angriff über. Brangane wich zurück und pendelte die Schnappmäuler der Fangarme geschickt aus. Da schlug sie zu, der Hammerkopf des Rabenschnabels traf direkt in eines der Fangmäuler und zerfetzte es in hundert kleine fleischige Stücke. Die zwei Abscheulichkeiten flankierten Brangane und drängten sie in eine Ecke. Wieder flogen zwei Pfeile von den Sehnen, doch dieses Mal verfehlten beide ihr Ziel. Lady Brangane schlug erneut mit dem Rabenschnabel wuchtig zu, der Hieb durchschlug den Kopfpanzer der Kreatur – es schepperte und sofort krümmte sich die Kreatur leblos wie eine Assel zusammen. Mit dem Schild musste sich Brangane gleichzeitig der anderen erwehren, sie hatte Mühe sich die Kreatur vom Hals zu halten. Da bäumte sich das Vieh auf, so dass es so groß wurde die Brangane selbst. Die zwei Mäuler schnappten nach ihrem Gesicht, verfehlten jedoch ihr Ziel. Was folgte, war ein gewagtes, aber effizientes Manöver. Brangane schlug mit dem Schild nach dem Wesen. Es pochte, als es gegen die dünneren Panzerplatten am Unterleib der Kreatur schlug – doch Brangane schlug nicht nur, sie schob. Sie schob die Abscheulichkeit gegen die steinernen Zinnen, so dass es dort zwischen diesen und ihrem Schild eingeklemmt war. „Jetzt, schießt!“, befahl sie im ruhigen und bestimmenden Tonfall. Die zwei Bogenschützen brauchten nicht viel zu zielen, am nun offenliegenden Unterleib hatte es kaum Panzer. Die Bogenschützen ließen ihre Pfeile von den Sehnen, beide durchschlugen die dünne Haut und setzen der Abscheulichkeit ein jähes Ende. Als Brangane der Druck von ihrem Schild entfernte, klatschte die Kreatur leblos zu Boden.

Brangane warf einen Blick über die Brüstung in den Innenhof und zum Wehrfried. Die Abscheulichkeiten hatten sich binnen kurzer Zeit bis in den Innenhof vorgearbeitet. Überall kämpften die Verteidiger tapfer gegen die Aggressoren. Branganes Blick ging nach oben, in den Himmel, als würde sie dort etwas erwarten. Ihre steinerne Miene verriet nicht, über was sie sinnierte. „Lady, es kommen weitere!“ rief der junge Bogenschütze und deutete auf die Brüstung. Tatsächlich krabbelten erneut zwei Abscheulichkeiten empor. Doch Branganes Blick ging weiterhin unbeirrt, ja fast schon hypnotisch, zum Himmel. Mit einem Mal fuhr sie herum und schneller als die Bogenschützen ihre Pfeile auf die Sehnen bringen konnten, warf sie die Dachluke des Turms auf und verschwand darin im Treppenabstieg. „Was zum …“ fluchte der ältere Bogenschütze, der es nicht fassen konnte, dass sie Ritterin sie beide alleine ließ. Die Abscheulichkeiten schnellten auf die beiden Männer zu, ein Pfeil flog noch von der Sehne, während der jüngere Bogenschütze sofort nach seinem Kurzschwert griff. Es dauerte nur wenige Lidschläge, da hatten die hungrigen Mäuler und klauenbesetzten Fangzähne der Abscheulichkeiten die Körper beider Bogenschützen bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Sie hatten nicht einmal Zeit für Schreie.

Hinter ihnen am Himmel, direkt über der Festung, öffnete sich ein Riss – rote Blitze zuckten heraus und krochen wie auf einer Oberfläche in unsere Welt hinein. Der Riss öffnete sich weiter und wurde kreisrund. Mit den Füßen voran, senkte sich in diese Welt eine schlanke Gestalt – sie war menschenähnlich – und doch erkennbar anders. In der Hand hielt sie einen gewundenen Stab. Dies war keine Abscheulichkeit, kein niederes Wesen, welches geopfert werden konnte. Dies war Sara’kiin die Limbusverschlingerin.

 

Teil V – Sturm

Auf den Wällen

Der unsichtbare Wall hatte keine große Ausdehnung, man stieß schon nach etwa einhundert Schritten hinter den Außenmauern gegen sie. Überall dort, wo die Späher den Rand ausgemacht hatten, nahm das Unheil ihren Lauf. Die Besatzung der Festung Friedstein musste mitansehen, wie sich am Ereignishorizont der Kuppel schmale Risse in der Erde bildeten, die sich dann zu großen klaffenden Wunden vergrößerten, aus denen, wie aus den Niederhöllen stammenden, rotglühendes und unheiliges Licht begann zu pulsieren. Was die meisten nicht wussten: Es waren nicht die Niederhöllen, es war etwas viel schlimmeres. Rufe des Entsetzens und der Verzweiflung schallten über die kalten Steine der Festung. Und als wären die zerklüfteten Risse in der Erde noch nicht genug, da kletterten aus ihnen auf allen Seiten Wesen hervor, die man nur als ‚Abscheulichkeiten‘ beschreiben konnte. Kleine, gerade einmal ein bis zwei Schritt lange, wurmartige Wesen mit dünnen, raupenartigen Füßen. Der Vorderleib ähnelte einer Mischung aus Skorpion und Spinne, mit hellem, knöchernem Exoskelett und tentakelartigen Auswüchsen, die sowohl Füße, Fühler, aber auch Giftstachel sein konnten. Zwei wuchtige, mehrgelenkige Arme standen nach oben hin in einer Angriffshaltung bereit – doch an Enden waren keine Stachel, sondern Hauer besetzte hungrige Mäuler. Der Hinterleib war eine abstrakte Mischung eines Tausendfüßlers und eines Ohrenkneifers – zahlreiche winzige Beine bewegten die Abscheulichkeit in absurder Geschwindigkeit fort, während das Schwanzende aus zwei langen und scharfkantigen Klauen bestand. Das aus dem Vortex stammende Wesen war eine Ausgeburt, die dazu bestimmt war zu töten, es diente keinem anderen Zweck, daran ließ ihr Aussehen kein Zweifel.

Als dutzende dieser Wesen aus den klaffenden Wunden in der Erde gekrochen kamen und in aberwitziger Geschwindigkeit in Richtung des Walls der Burg krochen, hörte man nur Wimmern und sowohl hastig, als auch ängstlich rezitierte Gebete von den Wällen – alle befürchteten, dass hier und jetzt ihr Ende gekommen war. „Booogenschützen, leeeeegt an!“ brüllte Branganes Stimme über den Wall, als wären es normale Menschen, die dort auf ihre Mauern zustürmten. Erschrocken von dem Befehl taten die zehn Bogenschützen genau das, sie zogen jeweils einen Pfeil aus ihrem Köcher und legten zwischen den Zinnen auf die Abscheulichkeiten an. Ein langer, sehniger Moment verging, in dem alle die Kreaturen herankrabbeln sahen. Ihre Fortbewegung sah keineswegs plump oder tierisch aus, vielmehr grazil und effizient – so als wären sie genau für diesen Zweck erschaffen worden: Den schnellen und zügigen Angriff. Durch ihre Wellenartige Fortbewegung wurde es den Schützen schwer gemacht auf sie anzusetzen und die Bewegung vorauszuahnen. Niemand wusste, ob die eisernen Spitzen der Pfeile überhaupt in der Lage waren die knöchrige Außenstruktur der Wesen zu durchdringen – wenn es überhaupt Knochen waren. Als die Wesen nah genug heran waren, bellte Lady Brangane den Schussbefehl. Die Pfeile verließen im Einklang die Sehnen – sie schwirrten die Mauern hinab in Richtung der Abscheulichkeiten. Alle Männer und Frauen starrten wie gebannt auf die nun folgende Szene – sie hofften und beteten alle, dass der Druck der Bogensehnen, das Eisen der Spitzen und die zusätzliche Kraft der erhöhten Position ausreichten, um die Hülle der Wesen zu durchdringen. Es würde ihnen allen Hoffnung geben, die Hoffnung, dass sie verletzbar und damit besiegbar wären. Innerhalb eines Bruchteils eines Moments wurde darüber entschieden, ob es Hoffnung oder Verzweiflung gab – ob der Sieg greifbar war, oder die unvermeidbare Niederlage bevorstand. Die Pfeile trafen auf die Abscheulichkeiten, ein paar verfehlten ihr Ziel und blieben im Erdreich stecken, einige weitere schepperten wirkungslos auf ihr Außenskelett und prallten im hohe Bogen zur Seite weg, während die krabbelnden Schrecken ihren Weg unbeirrt fortsetzten. Die Besatzung suchte verzweifelt nach wenigstens einem erfolgreichen Pfeil. Wenigstens einer musste doch seinen Weg durch die Panzerplatten hindurch gefunden und eines der Wesen verletzt haben. „Getroffen!“ schrie eine junge Stimme von einem der höheren Türme. Ein junger Bogenschütze von gerade einmal achtzehn Sommern deutete mit dem Ende seines Bogens auf die eine, liegen gebliebene, Abscheulichkeit, die sich wie eine Spinne, die ihr Ende gefunden hatte, sich zusammengedreht und an Ort und Stelle liegen geblieben war. Das federnde Ende eines Pfeils war das einzige, was noch vom Blattschuss zu sehen war. Die Verteidigungsstreitmacht jubilierte, der unausweichliche Kampf war kein hoffnungsloser – man würde ihn gewinnen können. „Leeeegt an!“ kommandierte Lady Brangane von ihrer Position erneut. Zwei oder drei Schüsse würden sie noch haben, bevor die Abscheulichkeiten die Wälle erreichten.

Im Innern

„Weg da!“ schrie Ser Gneisor und seine Stimme vibrierte förmlich, als er seinem mehrere Schritt entfernten Knappen zubrüllte, während er selbst nach dem Griff seines Anderthalbhänders fingerte. Doch der Knappe tat nicht wie ihm geheißen, tapfer und töricht zugleich stellte er sich der deckenhohen Kreatur, die nicht so aussah wie die, die gerade auf den Wall zukrabbelten, entgegen. Es lief auf zwei Beinen, war so groß wie der Gang hoch war und der ganze Leib war Stachelbesetzt, manche so groß wie die Hauer eines Ebers. Der eine Arm, wenn man es so nennen konnte, war gewaltig, die Schulter so massig wie die eines Ogers und der Unterarm, dessen Finger lange, schwarztriefende Krallen waren, Baumstammgroß. Auf der anderen Seite der Abscheulichkeit waren zwei weitere, fast schon verkümmert wirkende Ärmchen, die sich eine gemeinsame, ebenfalls stachelige Schulter teilten. Der Kopf, ähnlich dem eines Menschenschädels, erwuchs ohne sichtbaren Hals aus dem Oberkörper – vom Oberkiefer bis hin zur Brustmitte, zog sich ein einziges, vor verfluchter Flüssigkeit triefendes und stachelzahnbesetzen Maul. Bis auf den Schädel war der ganze Körper des Kreatur von einer dunklen, fast schwarzen und sehnigen Außenhaut überzogen – keine Haare, Kleidung oder Geschlechtsteile – es war nur dazu erschaffen zu töten.

Ingmar machte einen Satz nach vorne, anscheinend wollte er die Abscheulichkeit überraschen, er holte zum Schlag aus und wahrscheinlich hätte er einem normalen Menschen mit diesem Manöver auch überrascht, doch das jenseitige Wesen war kein Mensch und kam Ingmar zuvor. Es zuckte mit dem ogerartigen Arm und traf Ingmar, noch bevor dieser seinen Hieb vollenden konnte. Der Körper des Jungen wurde mit schmerzender Leichtigkeit durch den Gang geschleudert, sauste an Gneisor und Halrik vorbei und kam an einem Schrank scheppernd zum Erliegen. Sein Kurzschwert glitt klirrend über den Boden, nur knapp an den Beinen des Studiosus vorbei. Dieser war kreidebleich und klammerte sich schützend an seine Bücher. „In die Bibliothek, Los!“ bellte der Marschall mit seiner befehlsgewohnten Stimme und holte den Studiosus damit aus seiner Starre. Dieser verlor keinen Moment, machte auf dem Absatz kehrt und sauste sofort davon. Gneisor hoffte, dass Halrik ihn verstanden hatte und auch wirklich in die Bibliothek eilte. Ein schrilles, aus einer anderen Welt stammendes, hell schepperndes Schreien durchfuhr den Gang der Festung. Er drang bis tief in Fleisch und Bein des Ritters. Ätzende Tropfen gallertartiger Flüssigkeit tropfte vom Maul der Abscheulichkeit herab und flog zusätzlich beim Schrei durch den Gang dem Ritter entgegen. Ser Gneisor knurrte und drehte beide Hände mit einem ledernden Knirschen um den Griff seines Anderthalbhänders, als er ihn in Kampfposition brachte. Er würde nicht den gleichen Fehler begehen wie sein Knappe, er würde abwarten und wie eine Löwin darauf lauern, den einen tödlichen Hieb ansetzen zu können.

Die Abscheulichkeit kam Ser Gneisor entgegen, mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit brachte es den Ogerarm nach vorne und hieb nach ihm. Ser Gneisor, zwar erwartend, aber überrascht ob der Geschwindigkeit, pendelte den gefährlichen Hieb nur knapp aus. Ihm offenbarte sich die mächtige und stachelbesetzte Schulter des Wesens, das viel größer war als er. Mit tödlicher Präzision und der Wucht eines geübten Kriegers, schlug er auf die Schulter ein. Noch würde er nicht seine ganze Kraft in den Schlag hineinlegen, denn das würde ihn nur aus dem Gleichgewicht bringen. Erst musste er wissen, ob er dem Wesen damit überhaupt Schaden zufügen konnte. Die scharfe Klinge fuhr in die Schulter, zerschlug zwei hauerähnliche Stachel und wetzte dann kaum Schaden zufügend über die äußere Schicht. Dank Ser Gneisors dosiertem Einsatz von Kraft und Schwung gelang es ihm die Wucht abzufangen, so dass er dabei nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Das Wesen wollte den günstigen Moment nutzen. Die beiden, minderwertig wirkenden Ärmchen, versuchten nach ihm zu packen, doch der Marschall sah sie kommen und machte einen Ausfallschritt nach hinten. Er brachte sich damit erneut in Position und in Distanz zu ihnen. Nur knapp kratzten sie über seinen Brustpanzer und zerfetzten dabei den schwarzen Wappenrock. Ser Gneisor war nun weit genug entfernt um nicht mehr überrascht zu werden. Seine kampfgeschulten Augen suchten vergeblich nach Anhaltspunken für die nächste Bewegung des Wesens – auch wenn die äußere Hülle einer Haut mit Muskeln und Sehnen glich, so bewegten sich diese, wenn man es so nennen konnte, nicht wie bei dem eines Wesens aus Fleisch und Blut. Er musste sich also ganz auf seine Reaktionsfähigkeit und seinem Instinkt verlassen. Als die Abscheulichkeit erneut einen Angriff mit dem Ogerarm versuchte, machte Ser Gneisor einen Schritt zurück, verlagerte die Haltung des Schwerts nach oben in den Oberhau und nutze den Moment, um das Ende seiner langen Klinge auf den Schädel des Wesens mit voller Wucht niederfahren zu lassen. Doch er unterschätzte die Reichweite der langen Krallen des starken Arms, sie kratzten über seinen Oberschenkel, durchschlugen das dortige Plattenteil und kratzten bis zu seinem Fleisch hindurch. Ein brennender Schmerz zuckte durch seinen Körper, als er spürte, wie die Krallen seine Muskeln mühelos auftrennten. Im gleichen Moment durchschlugen die letzten fünf Finger der Schwertklinge die Schädelbasis des Wesens. Ein Ton, wie von zerberstenden Knochen erklang, als die Spitze des Schwertes bis in die schwarze Augenhöhle hindurchschmetterte. Ser Gneisor zuckte, trotz der Schmerzen im Bein, zurück. Sein Schlag würde bei jedem Wesen den Tot bedeuten – und genau dies erwartete er auch nun bei der Abscheulichkeit. Der Schädel war zertrümmert, das Wesen taumelte zurück und stieß wieder ein schepperndes Schreien aus. Fall um! – wünschte sich Ser Gneisor und beobachtete das Wesen genau, während er das Brennen in seinem Bein versuchte zu ignorieren. Aller Erwartung zum Trotz blieb die Abscheulichkeit jedoch stehen und wirkte jetzt noch aufbrausender. Erneut kam es auf ihn zu. „An mir kommst du nicht vorbei“, brachte Ser Gneisor stoisch hervor und machte sich wieder kampfbereit, das Schwert im Oberhau, so dass die Spitze der Klinge fast die Decke berührte. „Ich bin bei euch, Ser.“ An Gneisors Seite tauchte der kampfbereite Ingmar auf, dessen Brustplatte eine dicke Delle hatte, anscheinend hatte das Wesen ihn nur mit der stumpfen Prankenseite erwischt und seinen Panzer mächtig verbeult. „Die Leuin steh uns bei“, murmelte der Ritter glücklich darüber, dass sein Knappe noch lebte und nun an seiner Seite stand. Zusammen versperrten sie den Gang, denn unweit hinter Ihnen war der Zugang zur Bibliothek.

In der Bibliothek

Halriks Füße trugen ihn so schnell sie konnten in die Bibliothek. Die schwere Eichentür schlug er hinter sich zu und als er im Innern angekommen war, schob er beide massiven Riegel hektisch in das Schloss. Was er eben gesehen hatte überstieg seine Vorstellungskraft. Er hatte wahrlich schon viel über Dämonen und dämonoide Wesen gelesen und auch Zeichnungen gesehen, doch der Anblick der jenseitigen Abscheulichkeit übertrumpfte alles. „Ganz ruhig, Halrik – atme!“ Der junge Studiosus versuchte sich selbst dazu anzuhalten ruhiger zu werden. Sein Blick wanderte über die Bücherregale zu den Fenstern. Es beruhigte ihn ein wenig, dass sie seit der Übernahme der Festung mit massiven Gittern versehen wurden. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Er musste jetzt Ruhe finden, sonst würde er nicht die Folianten und Bücher studieren können. Ser Gneisor sagte, er solle in den Büchern eine Möglichkeit finden, wie sie aus dieser misslichen Lage entkommen konnten. Hastig eilte er zu der Abschrift der alten Senne, aus der er auch die Symbole der Kultisten entziffert hatte. Sie lag aufgeklappt auf einem Bücherständer, so wie er es vorhin zurückgelassen hatte, um dem Marschall zu berichten, dass Sara’kiin auf dieser Sphäre ist. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Was … das kann kein Zufall sein“, dachte er laut, was er immer machte, wenn er alleine in der Bibliothek war. „Genau in dem Moment, in dem ich herausfinde, dass Sara’kiin hier ist, taucht dieser unsichtbare Wall auf – und womöglich auch sie. Das kann kein Zufall sein“, wiederholte er ungläubig. Von einem Moment auf den anderen fühlte er sich beobachtet. War sie etwa hier? Hörte und sah sie, was sie alle taten? Hatte sie nur auf diesen Moment gewartet? Aber warum? Sie hätte auch viel eher angreifen können – welchen Sinn hat es, darauf zu warten, dass die Menschen herausfinden, dass sie hier ist? Zahlreiche Fragen und Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Da ermahnte er sich wieder dazu, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.

Da hörte er plötzlich Schreie, menschliche Schreie, welche von den Wällen stammen mussten. Er hörte das Geschepper von Klingen und gelegentlich einen kurzen abgerissenen Ruf. Halrik hatte keine Ahnung von Schlachten, er hatte verständlicherweise auch noch nie an einem Kampf teilgenommen, weshalb ihm die typischen Geräusche einer Schlacht unbekannt waren und ihm Furcht einflößten. „Nur kein Druck …“, hauchte er schwach und klammerte sich so fest mit beiden Händen an den Bücherständer, dass seine Knöchel weiß wurden. „So, nun zu dir, du verrätst mir wie wir hier rauskommen, und ich verspreche dir im Anschluss einen schönen Ort mit Ausblick in der Bibliothek“, beschwor er den Folianten. Während draußen die Männer und Frauen um ihr Leben kämpften, hatte er hier in der Bibliothek auch einen Kampf auszutragen. Sie alle gaben draußen ihr Leben, damit er genug Zeit hatte dem Folianten die Geheimnisse zu entlocken, die sie brauchten, um aus dem Schlamassel zu entkommen. Halrik schloss die Augen, konzentrierte sich und hatte nur einen Gedanken: Möge mir Hesinde Erkenntnis geben.

11. Friskenmond – Avahütt

Erneut saß Magister Grønte am Mittelfeuer des kleinen Weilers. Auf seinen überschlagenen Beinen ruhte sein Diarium. Hastig kritzelte der Griffel, geführt von zittrigen Händen, über die Seiten. So schnell er konnte, schrieb er alles auf, woran er sich erinnerte. Noch nie zuvor hatte er in die Gedanken eines Orks geblickt und die Bilder und Gedanken, die er gesehen hatte, versetzten ihm einen Schrecken. Es war kaum überraschend, dass der Großteil der Bilder verstörend war, dennoch erschütterte ihn die rohe Gewalt, die Blutrünstigkeit und der Hass, der ihnen innewohnte. Es entsprach nunmal nicht Jaspers Natur und er musste gelegentlich aufkeimende Übelkeit mit einem Schluck Meskinnes herunterspülen. Er hatte extra einen Kessel Grüntee aufgesetzt, zu seiner Beruhigung und der der anderen. Doch der heimische Schnaps half ihm gerade mehr dabei die Fassung zu wahren, als sein geliebter grüner Tee.

Der Griffel kam adhoc zur Ruhe. Er hatte gerade das letzte Bild und die damit verbundenen Eindrücke aufgeschrieben. Er atmete erleichtert aus. Es hatte das Gefühl, sich selbst von etwas frei zu machen. Solange die Bilder in seinen eigenen Gedanken rumgeisterten kamen sie ihm vor, als wären sie seine eigenen. Ihren Inhalt aufzuschreiben befreite Jasper von ihnen. Die Last fiel von ihm ab und nun konnte er sich ihnen mit der nötigen Professionalität und Abstand widmen. Das geschrieben Wort war geduldig, es konnte ihm nichts anhaben und zur Not konnte er sein Diarium einfach zuklappen.

Magister Grönte blickte in das prasselnde Feuer, während er über den Sinn seiner Aufzeichnungen sinnierte. Der inzwischen tote Schamane Bykarak war nur ein Leutnant, der einen kleinen Spähtrupp anführte. Tukraz hieß die wahre Bedrohung. Ein Orkschamane, der die Festung Felsteyn im Jarltum Höjre Bodrdal erobern möchte. Diese Information musste auf schnellsten Wege zur Hetfrau. Auch wenn die absurde Anzahl an Orks in der Bilderflut, die er dem Schwarzpelz entnahm, wohl übertrieben war, so würde ein fähiger und mächtiger Schamane durchaus in der Lage sein, mehrere Orkstämme unter sich zu vereinen, um die Festung einnehmen zu können.

Jasper wusste, sie mussten so schnell wie möglich weiter nach Bodon. Dort würden sie dann auf die Hetfrau treffen, um ihr von dieser Information zu berichten. Doch bis nach Bodon waren es noch vier bis sechs Tagesreisen querfeldein durch die gefährliche Wildnis und er hatte heute einen Großteil seiner magischen Kraft verbraucht. Der Angriff auf den Orkschamanen lief nicht gut. Peraine und Hesinde zum Dank war niemand schwer verletzt worden, aber die Gruppe, mit der er reiste, machte ihm nicht den Eindruck, dass sie fähig genug war, einen weiteren geordneten Angriff oder gar eine Verteidigung zu koordinieren. Jasper spürte, dass Spannung in der Luft hing – vor allem zwischen Alrik und Swafleif. Es würde wohl noch eine Aussprache nötig sein, bevor sie weiterreisen. Der junge Hakon hatte gerade schwer mit sich selbst zu kämpfen. Der Weißmagier sah, dass es ihn beschäftigte, das erste Mal ein Leben genommen zu haben. Das Gemüt des jungen Geweihten war zart, womöglich sogar zu zart für diese Aufgabe. Jasper musste an sich selbst denken, noch nie war er gezwungen worden jemanden oder etwas zu töten. Dank seiner Magie war es ihm bisher erspart geblieben – und das trotz der mehreren Kriege und Gefechte, in denen er schon war. Er musste daran denken, wie er wohl reagieren würde, wenn er das erste Mal jemanden würde töten müssen. Kalt und pragmatisch? Oder eher mitfühlend und schuldig? Er hoffte, dass er sich diese Frage nie würde stellen müssen.

Jasper musste erneut an den Häuptlingsschamanen Tukraz denken. Er musste sich in den nächsten Tagen etwas einfallen lassen, wie er die Hetfrau davon überzeugen konnte, ihn nicht zu töten sondern gefangen zu nehmen. Er musste ehrliche, aber nicht zu offensichtliche Argumente finden. Sein Eid als Magier der Gilde des weißen Pentagramms und der Codex Alberycus verpflichteten ihn dazu.

Teil IV – Momentum

Die Praiosscheibe hing weit hinter den Wolkenfetzen und ließ diese so rot aufglühen, dass man den Eindruck bekam, dass der Himmel bluten würde. Überall auf den Zinnen der Festungsmauern hatten die Bogenschützen und frisch ausgebildeten Infanteristen ihren Platz gefunden. Gustav schritt die Reihen der jungen und alten Soldaten und Rekruten ab. Er spürte, dass viele von Ihnen Angst hatten – sie wussten zu wenig und gleichzeitig zu viel, um keine Angst zu haben. Auch Gustav war nicht in alle Geheimnisse eingeweiht worden, doch eins war ihm klar – denn er hatte sich oft mit dem schmalen Studiosus unterhalten, der sehr redselig über die Jenseitigen war – wenn wirklich der Vortex für diesen Wall verantwortlich war, dann war mit dem, was folgte, nicht zu spaßen. Gustav ertappte sich dabei, wie er an seinem Glücksbringer herumfingerte, den er als Amulett um seinen Hals zu hängen hatte. Es war eine kleine Schnitzerei aus Zedernholz, die eine löwengesichtige Frau zeigte – die Heilige Thalionmel. Gustav hatte das Figürchen mal auf dem Markt in Hammerschlag erstanden. Ein Krämer aus dem Ausland hatte sie ihm verkauft. Hilf mir Thalionmel und lass mich heute nicht sterben, doch wenn es sein muss, dann ehrenhaft bei der Verteidigung gegen einen übermächtigen Gegner – so wie du einst. Gustavs stilles Gebet ging rasch. In einem der kleinen Wehrtürme umschloss er die kleine Figur mit der ganzen Hand und hielt für einen Moment inne. Dann ging er weiter, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Er wollte nicht, dass die Soldaten sehen, wie er betete, denn er glaubte, dass würde ihnen ihr Vertrauen ihn ihn rauben.

Gustav erreichte die Position, an der Lady Brangane Posten bezogen hatte. Er sah noch, wie der in grau gehüllte Studiosus sich verneigte und rücklinks ehrfürchtig den Platz räumte. Offenbar war der ‚kurze Exkurs‘ gerade beendet worden. „Ich kann nachempfinden wie euch nun zumute ist, MyLady“, brummte Gustav im Versuch, sich mit ihr zu verbrüdern und versuchte unter seinem dichten Bart ein Lächeln zu zeigen, doch vergebens. Gustav spielte auf den Moment an, als auch er den ‚kleinen Exkurs‘ über den Vortex von Halrik bekommen hatte. Ihm war danach schwindelig geworden – und zu allem Überfluss wurde auch noch sein Weltbild durcheinander gebracht. So recht wollte er all das jedoch nicht glauben, denn immerhin gab es keine handfesten Beweise dafür. Selbst jetzt zweifelte er am Wahrheitsgehalt dieser ganzen Vortexgeschichte. Ja, er gestand sich ein, dass es Dinge gab, die seinen Geist überstiegen, aber dass es irgendwo eine Kraft gab, die so mächtig war, dass sich die Götter davor fürchteten, das bezweifelte er. Auch jetzt war er sich noch nicht sicher – vielleicht hatte dieser seltsame Wall nur wieder etwas mit einem misslungenen Zauber zu tun. Die Festung Friedstein war schon einmal von einem misslungenen Zauber gebeutelt worden, warum nicht auch dieses Mal? „Beim heiligen Pferdeschwanz Yppolitas, du weißt nicht, wie mir zumute ist“, entgegnete Lady Brangane trocken im neutralen Tonfall, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Gustav wusste nicht, wie er diese Antwort bewerten sollte und entschied sich daher für ein ergebenen und einfaches: „Wie ihr wünscht, MyLady.“

Gustav blickte über die gedrungenen Zinnen hinüber zum Firmament, der Anblick der roten Wolken und der glühenden, fast untergegangenen Praiosscheibe war berauschend. Doch dann traf es ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Die Wolkenfetzen, sie sahen vorhin genauso aus. Hastig suchte er die ferne nach Hinweisen ab, ob sich etwas verändert hatte. Doch sowohl die Praiosscheibe, als auch die Wolken, sahen noch genauso aus, wie zu dem Zeitpunkt, als er in der Ratskammer stand. Durch das Fenster der Ratskammer hatte er vom Kartentisch aus einen guten Blick nach draußen – und das gesamte Firmament hatte sich nicht ein bisschen verändert. „Beschissene Magie“, entfleuchte es ihm. Brangane sah ihn nur mit einem fragenden Blick an. „Die Praiosscheibe“,  begann er zu erklären, „… sie hat sich seit vorhin nicht bewegt. Der ganze scheiß Himmel hat sich nicht bewegt. Die Wolken sehen noch genauso aus, wie vorhin, als wir in die Ratskammer gegangen sind.“ Gustavs bürgerlich fäkaler Ausdruck schien Lady Brangane nicht zu stören, sie blickte nur ihrerseits zum Firmament „Ich kenne mich damit nicht so aus, aber du hast recht.“ Antwortete sie. Gustav nickte ihr – oder vielmehr sich selbst – zustimmen zu. Noch ehe er darüber nachdenken konnte, was genau Brangane mit ‚damit kenne ich mich nicht aus‘ meinen konnte, wurde die Ruhe durch einen gellenden Schrei unterbrochen: „Sichtung!“

Etwa zur selben Zeit eilten Ser Gneisor und der junge Knappe Ingmar scheppernd durch die Treppengänge der Wehrfrieds. Die Erkenntnis, dass sich die Außenwelt seit dem unsichtbaren Wall nicht weiter bewegt hatte, hatte Ser Gneisor die Hoffnung genommen, dass Hilfe von außen kommen würde und ihn hektisch werden lassen. ‚Abwarten‘ war nun nicht mehr die Strategie, sondern Handeln – irgendetwas – und wenn es das falsche war. Aber sie mussten etwas tun. Wenn die Außenwelt sich nicht veränderte, das Innere aber schon, waren sie in einer anderen Zeit gefangen. In voller Plattenrüstung waren die beiden Männer nicht ganz so schnell unterwegs, doch dafür umso lauter. Bei ihrem Weg nach unten rannten sie fast einen Diener über den Haufen. „Entschuldigung!“, rief Ingmar noch kurz, als das silberne Tablett des Dieners nicht minder scheppernd zu Boden fiel. Sein Anstand befahl es ihm, auch wenn es in Anbetracht der Situation und seines Standes nicht nötig war. Gneisor eilte voraus, er erreichte gerade den letzten Treppenabsatz, als er mit der ganzen Wucht seines Gewichts, plus das seiner Rüstung, gegen etwas gegen schepperte. Doch Gneisor hatte mehr Bewegungsmoment als das getroffene Objekt. Der Ritter kam nur kurz ins Straucheln, fing sich dann aber an einem massiven Fackelhalter ab. Bücher und Pergamentrollen stoben unkontrolliert durch den Gang – die in eine graue Robe gehüllt Gestalt flog mit der Wucht eines Baumstamms der von einem Stapel rollte gegen – den Göttern sei Dank – weiches Kanapee im Gang. Es rumpelte und schepperte, einzelne Blätter aus den Büchern zerrissen in der Luft und gingen wie Federn langsam nieder. „Aaaauuu!“, quiekte Halrik, der mit Schmerzen in allen Gliedern zu Boden sank. Ingmar sauste an seinem Herrn vorbei, er eilte zu Halrik und half ihm auf. „Bei der Leuin, geht es euch gut?“, erkundigte er sich besorgt. „Auu! Die Leuin hat rein gar nichts damit zu tun!“, keifte Halrik in einem ungewohnt aggressiven Ton zurück, doch ein leichtes Wimmern hing noch in seinem Unerton. „Entschuldigt euch lieber bei der Herrin des Wissens, dass ihr so ein heilloses Durcheinander verursacht habt. Seht euch das an!“ Seine eigene Prellung ignorierend, stürzte sich Halrik auf die zerfledderten Pergamentrollen und zerknautschen Ledereinbände. Auch Ser Gneisor hatte sich wieder gefangen und hob eins der Bücher auf. Seine Finger tasteten über einen zerdrückten Buchrücken. „Halrik, du musst die Abschrift aus der alten Senne weiter durchsehen – wir haben ein Problem“, begann der Marschall. „Die Abschrift ist, Hesinde sei Dank, gut verschlossen und sicher vor marodierenden Rittern in der Bibliothek.“ Ser Gneisor blickte verdattert zu dem Studiosus. Hatte der Junge ihn etwa gerade angefahren? Er lernte heute ganz neue Seiten des jungen Gelehrten kennen. Ser Gneisor entschloss sich, den Seitenhieb zu übergehen, es gab jetzt weitaus wichtigeres. „Ich komme gleich zur Sache, der Raum und die Zeit um uns herum wurden angehalten. Die Praiosscheibe bewegt sich nicht mehr. Wir können ergo auf keine Hilfe von außen hoffen. Du musst in den alten Schriften nachsehen, ob darin etwas dergleichen schon einmal erwähnt wurde und wie wir es beenden können.“ Während Ingmar weiter beim Einsammeln der Schriftrollen half, streckte sich Halrik langsam hoch, den Schmerz in seiner Hüfte weiter ignorierend. Sein Blick traf den des Ritters. „Im Namen der Zwölfe … das ist …“ „Lösbar!“, warf Gneisor ein, noch bevor Halrik antworten konnte. „Und du bist unser einziger Mann hier, der diese Schrift lesen und die Bücher entziffern kann – DU – Halrik – wirst uns hier rausholen.“ Ser Gneisor trat auf den Gelehrten zu und legte seine in Plattenhandschuhe gehüllten Hände auf dessen schmale Schultern, die darunter verschwanden. Der Blick des Ritters durchdrang die äußere dünne Hülle Halriks und traf ihn direkt ins Mark.

Ich?! Ausgerechnet ich soll für die Rettung aller verantwortlich sein? – Durchschoss ein Gedanke den Studiosus. Gneisors Worte packten Halriks Ehrgeiz am Kragen und schüttelten ihn wach. „Ich muss in die Bibliothek.“ sagte er ernst. Ser Gneisor war froh, den Knaben wieder auf Spur gebracht zu haben und nickte ihm anerkennend zu. „Geh, wir werden draußen bei der …“ begann Ser Gneisor, doch er wurde vom Ruf des Knappen unterbrochen. „SER!“ die Stimme des Knappen vibrierte förmlich. Halrik und Gneisor blickten erschrocken zu ihm, er stand ein paar Schritt neben Ihnen in Richtung eines Fensters. Der Knappe ließ die Pergamente und Schriftrollen fallen und griff gerade nach seinem Kurzschwert. Das rotorange Licht im Gang verfinsterte sich, als sich ein mächtiges, abscheuliches Wesen durch die Fensteröffnung drückte.

Brief nach Hause

Ahlan aram,

ich hoffe bei Travia, euch geht es gut. Es vergeht kein Tag an dem ich nicht an euch denke. Meine Sehnsucht verzehrt mich zu jeder Stunde.

Ich schreibe euch diese Zeilen aus Gareth nach dem großen Turnier. Wir als Schutzorden der Schöpfung nahmen gemeinsam daran teil.

Es war außergewöhnlich! Ich gewann im Finale der leichten Waffen gegen Jane, die sich in den Vorrunden sehr gut geschlagen hatte. Sogar einen höfischen Firunsanhänger konnte ich bezwingen. Am Abend tauschten wir uns noch über unsere Vorstellungen im Dienste Firuns aus. Zu meiner Enttäuschung legte er Firuns Gebote sehr sanft aus. Stets durch die Wildnis zu pilgern war ihm fremd. Doch ein Traum von einer letzten großen Reise schwelt noch unerfüllt in ihm. Es tat gut mal mit jemanden mit gleicher Gesinnung zu sprechen. Vielleicht führt uns unser Weg noch gen Firun. Das hoffe ich. Vielleicht sehen wir in den Gebirgen des Nordens sogar Zeitenflug wieder. Seine Feder trage ich stets bei mir.

Bei den Wurfwaffen fehlte mir nur ein einziger Treffer zum Sieg. Ich konnte überraschend gut mithalten, obgleich ich bereitgestellte Wurfspeere nutzen musste, so rasch war die Wurffolge.

Beim Wagenrennen unterstützte ich Jane zusammen mit Sieghelms Knappen Perainius und konnte ihr mit einem entscheidenden Speerwurf in die Speichen des Gegners zum Sieg verhelfen. Ihr hättet seine Verblüffung sehen sollen, als mein Speer sein Rad komplett zerlegte und er mit hängender Achse ins Ziel trieb.

Im Buhurt trat der Schutzorden der Schöpfung gemeinsam gegen alle anderen an. Der Hochkönig der Zwerge Albrax hat das so herbeigeführt. Offenbar schlugen sich alle Teilnehmer aus dem Orden so hervorragend, dass unser Sieg wohl als zu sicher galt. Groß hervor getan habe ich mich dabei nicht. Wir bildeten eine standfeste Gruppe Seit an Seit stehender Kämpfer, an der sich unsere Gegner mit ihren kurzen Waffen die Zähne ausbissen. Bothor und Sieghelm warfen an den Flanken die Gegner reihenweise aus dem Kampf, indem sie ihnen die Wimpel auf den Helmen wegschlugen.

Gesamtsieger wurde natürlich der Auserwählte der Leuin nachdem er sowohl den Gang der schweren Waffen als auch die Tjost gewann. Meine Gefährten haben reichlich für den Orden gegeworben und wir konnten Land und Leute für unsere Sache gewinnen. Nehazet hat, obwohl er nicht an den Kämpfen teilnahm, am meisten gewonnen. Phex war ihm so hold, wie uns Rondra.

Ich erhielt einen großen Gewinn vom Kaiserhaus. Mit diesem Brief erreicht euch ein Großteil dessen:

  • 200 Dukaten
  • das Langschwert Larelein

Bitte bewahrt Larelein gut für mich auf. Es möge Zeugnis meines Sieges sein. Vielleicht wird es eines Tages von unseren Kindern getragen, wenn ihnen der Khunchomer nicht zusagt. Rondra möge sie davor behüten!

Mein gewonnenes leichtes Streitross aus dem kaiserlichen Gestüt werde ich Mhanach nennen und Aventurien künftig zu Pferde beschützen. Er ist ein schöner Warunker mit schwarz weißen Fell. Seine Haarfärbung gleicht der meinen und so habe ich ihn gleich erprobt und war sofort angetan von seiner Kraft und seiner Wendigkeit. Er wird ein teurer Gefährte werden. Ich habe Jane gebeten eine Zeichnung seiner stolzen Majestät anzufertigen. Ich lege sie diesem Brief bei.

Auf dem Weg nach Gareth konnten wir den Auserwählten des Schweigsamen als Großmeister gewinnen. Ich sehne den Tag herbei, da ich ihn euch vorstellen kann. Er ist ein guter Mann und er steht treu zu uns.

Doch der Morgen bringt hier dunkle Wolken. Bitte gebt auf euch Acht.

Dare azîz

Eure reisende Azina

5. Peraine 1027 n. BF

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Azinas Briefe

Blut und Tod

Die Ereignisse der letzten Tage hatten Alkrikmir sehr aufgewühlt. Er war so angespannt, seine Nerven waren wie zum zerreißen gespannte Seidenfäden. Er gab sich Mühe, einfach nur zu funktionieren und ein halbwegs normales Bild aufrecht zu erhalten. Er wühlte sich in seinem Strohbett hin und her, konnte nicht schlafen. Zu viel ging ihm in den Gedanken umher. Warum verspüre ich solch eine Freude dabei, Orks abzuschlachten? Sicher, sie sind unsere Gegner, doch warum fühle ich solche Genugtuung wenn mir ihr Blut ins Gesicht spritzt? Warum trage ich den eingetrockneten Lebenssaft wie eine zweite Haut? Warum spüre ich Erfüllung, wenn ich sehe wie langsam das Leben aus ihnen weicht? Bin ich ein Monster wie sie es eigentlich für uns sind? Eigentlich müsste ich mich doch schlecht fühlen, schließlich habe ich ihr Leben unwiederbringlich beendet, zum ersten Mal überhaupt ein Leben beendet. Fühlt es sich bei jedem so an? Gehe ich zu brutal vor? Was denken meine Gefährten von mir? Sehen sie mich als skrupellose Tötungsmaschine?

Irgendwann – es kam ihm wie eine Ewigkeit vor – fand er doch über das Knacken und Flimmern des schwelenden Feuers in der Hütte in den Schlaf.

Plötzlich wachte er auf. Die Hütte war bis auf ihn leer, die Tür stand offen. Er hörte weit entfernt ein sich wiederholendes Geräusch, als wenn jemand durch Matsch laufen würde. Er sprang aus dem Bett, schnappte sich sein Schwert. Vorsichtig schob er die Tür zur Seite und folgte  dem Geräusch. Dabei sah er sich immer wieder um. Nirgends war einer der Gefährten zu sehen. Kein Geräusch des Waldes war zu hören, nur das eine sich immer wiederholende. Es war unglaublich düster, der Mond verschwand hinter einer dicken Wolkendecke. Als er sich vorsichtig weiter vortastete, inzwischen in völliger Dunkelheit, kam das Geräusch immer näher. Als er sich kurz umblickte, war nicht einmal mehr der Weiler zu erkennen. Er schaute nach vorne, bald müsste er den Ursprung dieser nächtlichen Störung erreicht haben. Vorsichtig voranschreitend, darauf achtend nicht auf Zweige zu tretend bewegte er sich vorwärts. Plötzlich riss die Wolkendecke auf und der Mondschein zeigte in einem dünnen Strahl eine Lichtung, auf der eine kleine kräftige Gestalt mit dunklem Fell, sich über eine zweite Gestalt beugte und immer wieder mit einer Keule auf sie einschlug, wo deren Kopf sein müsste. Patsch patsch patsch machte es. immer und immer wieder. Er stürmte sofort auf den Ork zu und versenkte sein Schwert in ihm und schrie „Du MONSTER!“, doch anstatt tot umzufallen drehte sich der Kopf des Orks in unnatürlicher Weise einmal um seine Achse. „Neeeein, DU bist das Monster! Uns alle hast du getötet!“ Und erst jetzt merkte er, dass das Gesicht des Orks seinem zum verwechseln ähnlich sah, nur mit Fell und Hauern. Er ließ sein Schwert los und taumelte zurück. Der Alrik-Ork gackerte verrückt. Auf einmal hörte er etwas von der Leiche am Boden. Es gluckerte durch das Blut „Duuuu hast uns getöööötet“, dabei fragte er sich, wie die Leiche ohne Gesicht überhaupt reden konnte. Und sie hatte die gleiche Rüstung, die Bryda, seine Ausbilderin immer trug… Was geht hier vor, dachte er sich. Ich muss die anderen finden! Die Wolkendecke riss auf. Er war umzingelt. Eine Horde Gestalten, die in unterschiedlichsten Stadien der Verwesung waren, liefen langsam auf ihn zu. Sie sagten langsam, wie ein immer sich wiederholender Singsang „Duuuu hast uns getööötet!“, dabei erkannte er vertraute Gesichter, trotz der Verwesung. Inga, die Wirtin aus Stolzbach. Otto, der Sohn der Näherin. Und sind das nicht seine Geschwister, seine Eltern dort drüben? Der Orkschamane musste dunkle Magie genutzt haben und ihre Leichen wiederbelebt haben! Waren sie wirklich alle tot? Panik machte sich in ihm breit, als sich der Kreis der Untoten immer näher um ihn schloss. Nein, dachte er sich, ich werde hier nicht sterben, die anderen brauchen mich“ Auch wenn sie vielleicht auch schon getötet wurden. Er setzte seinen Fuß auf den komischerweise immer noch spottenden Ork, faste sein Schwert mit festem Griff und zog es raus, dabei fiel der Ork mit einem dumpfen Geräusch auf den moosigen Waldboden. Er stürmte auf die Untoten zu und hackte sich durch sie durch, immer einen Schrei loslassend, als der Stahl durch splitternde Knochen und verwesendes Fleisch schnitt. Er hieb und schnitt und schwang sein Schwert, bis der letzte der lebenden Toten nur noch ein großer Haufen Knochen, Haut und graues Fleisch waren.

Endlich. Endlich trat Stille in den Wald ein. Erschöpft lehnte er sich gegen einen Baum, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und seine nassen, hängenden Haare aus dem Gesicht. Er blickte sich um. Auf einmal waren die untoten Leichen verschwunden. An ihrer Stelle lagen Jasper, Hakon, Katrina und Swafleif blutend und mit einigen fehlenden Gliedmaßen stöhnend auf dem Boden. Swafleif stöhnte, mit Fassungslosigkeit im Gesicht. „Warum hast du uns das angetan?“ Ihm dämmerte langsam was er getan hatte. Der junge Nostrier ließ das Schwert fallen und rief aus voller Verzweiflung: „Neeeeeeein!“

Plötzlich wachte er in er Hütte auf, die anderen schreckten auf und schauten ihn an. Offenbar hatte er nur schlecht geträumt. Sein Herz klopfte schnell, er war immer noch aufgeregt. Er entschuldigte sich kurz, drehte sich auf die Seite und lag mit offenen Augen auf der Seite. Schlafen konnte er jetzt nicht mehr. Das Feuer in der Hütte war nun schon fast runtergebrannt. Es knackte noch ab und an, sonst legte sich wieder Stille über die kleine Hütte im Weiler.

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