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Teil III – Keine Zeit

Burg Friedsteins Ratskammer war eine kleine Stube, die man auf Geheiß des Ritters zu diesem Zwecke umgebaut hatte. In dem breiten Landhauskamin knisterten Buchenscheite leise vor sich hin. Die kühlen Wände der umgebauten Stube wurden inzwischen von vier langen Bannern des Ordens verziert. Im Licht des Kamins schimmerten die silbrigen Halbmonde und Bluttropfen, so dass man den Eindruck bekam, dass sie aus eigener Kraft leuchten würden. Ein fast ein drittel der Gesamtfläche des Raums einnehmender Buchenholztisch wurde in der Mitte platziert. Studiosus Halrik hatte eine große Ansichtskarte der Baronie darauf ausgebreitet. Die kleine Kommende Friedstein war darauf gut zu erkennen, die zwei Höfe und auch die Niederrungenfestung waren geschnitzte Holzfigürchen, die Halrik zur besseren Veranschaulichung der Lage auf der Karte platziert hatte.

„Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit, euch über die Ereignisse und Geheimnisse des Ordens einzuweihen, Lady Brangane“, entschuldigte sich Ser Gneisor bei der neuen Heermeisterin im ruhigen Tonfall. Die Greifenfurterin wusste diese Geste mit einem Nicken schätzen, immerhin war sie erst vor einer halben Stunde auf der Burg angekommen. „Ich danke euch, Marschall. Doch wichtig ist nur, was wir jetzt entscheiden werden.“ Die Ritterin kam schnell zur Sache, das gefiel dem gleichaltrigen Ritter. „Die Späher haben euren Weg, den ihr gekommen seid, mehrmals abgelaufen, Mylady.“ Sprach mit brummiger Stimme Gustav Bieberbart, der nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er der Dienstälteste nichtadelige Soldat hier war, ebenfalls an der Ratsrunde teilnahm, sondern auch, weil er bis zur Ankunft der Ritterin noch selbst der Heermeister war. Er strich sich durch den dichten Bart, lehnte sich vor und deutete dann auf eine Stelle auf der Karte. „Sie berichteten mir, dass – wie auch immer ihr hereingekommen seid – es auf dem gleichen Weg kein Herauskommen gibt. Auch dort gibt es diesen …“, er stutzte kurz, da sich alle noch nicht einig darüber waren, wie man es nennen sollte. Leider gab es keinen Magiekundigen auf der Burg, der dem Phänomen einen fundierten Namen hätte geben können, „ … unsichtbaren Wall“, schloss er und lehnte sich wieder zurück. „Also sind wir eingeschlossen“, fasste Gneisor zusammen. „Alle Späher berichten dasselbe, egal in welche Richtung wir sie schicken – weder Fleisch, Stein, noch Pfeil vermag hindurchzukommen“, ergänzte Gustav. „Haben die Späher den Raben ausfindig machen können?“ Gustav nickte in seinen buschigen Bart hinein. „Jawohl, Ser. Sowohl den Vogel, als auch die Botschaft. Er lag mit einem gebrochenen Genick direkt am unsichtbaren Wall.“ Ein Moment der Stille folgte und alle Anwesenden bekamen den Eindruck, dass das Knistern des Kamins lauter wurde. Ein anhaltend roter Lichtstrahl durchflutete das Zimmer – noch immer war die Praiosscheibe dabei unterzugehen. „Was ist mit den elementaren Dienern der NLP?“ fragte Gneisor in Richtung des Siegelmeisters. Der schmale Halrik zuckte kurz zusammen, als er vom Ritter angesprochen wurde. Entweder, weil er in seinen Gedanken versunken war, oder weil er die militärische Stimme des Ritters fürchtete – oder beides. „Ich … alle … Artefakte die seine Exzellenz für uns hergestellt hat, zeigen keine Wirkung. Als wären die magischen Diener … fort.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Es war für den Marschall ein seltener Anblick; normalerweise hätte Halrik nun darauf verwiesen, dass er noch nicht alle Erwägungen in Betracht gezogen oder noch nicht jedes Buch konsultiert hatte. Die Antwort erschien Gneisor ungewöhnlich endgültig. „Ser, wenn es das ist, was wir vermuten“, setzte Halrik erneut an, „… dann können wir nichts ausrichten. Nur die Auserwählten vermögen die Jenseitigen zu bekämpfen. Wir können … nichts tun.“ Die verzweifelten Worte des jungen Gelehrten stachen Gneisor in die Brust, er musste ihm zustimmen und dennoch konnte und wollte er es nicht wahr haben. „Ich sage euch, was wir NICHT machen werden“, entgegnete Gneisor mit harter Stimme. Er war von sich selbst überrascht, wie überzeugend er klang. „Wir werden bei den Zwölfen auf gar keinen Fall den Bogen ins Korn werfen und aufgeben. Wenn uns die Auserwählten eins gezeigt haben, dann dass es immer einen Weg gibt, auch wenn es anfänglich aussichtslos erscheint.“ Es folgte vom Knistern des Kamins untermalte, ächzend lange Stille. Die Stille und der durch die untergehende Praiosscheibe in roten Licht getauchte Innenraum der Ratskammer tauchte den kleinen Rat in eine bedrückende Untergangsstimmung.

Gneisor, Brangane, Halrik und Gustav starrten gemeinsam angestrengt auf die Karte. Gustav hatte mit Kohlestift die Ausdehnung der ‚Käseglocke‘, die sie umgab, ringförmig eingezeichnet. Die beiden Höfe Eilingshof und Nottelheim waren außerhalb dieses Rings. Es waren also nur sie, alle Bewohner der Burg, darin eingeschlossen. Gneisor musste an die Anzahl der Leute denken, die sich innerhalb des Zaubers befanden: die Tiere einmal ausgeschlossen, waren sie 35 Männer und Frauen – davon etwa zwei dutzend unter Waffen.

„Lady Brangane“, setzte Ser Gneisor im militärisch zackigen Ton erneut an, „ … versetzt die Truppen in Alarmbereitschaft – besprecht euch dafür am besten mit Gustav, eure Fähigkeiten in allen Ehren, aber er weiß, wie hier der Hase läuft und ihr seid erst ein paar Stunden hier.“ Die Ritterin und Gustav nickten sich gegenseitig zu und schon wandte sich der Marschall an Halrik, um das nächste Kommando zu geben: „Halrik, sobald die Truppen alarmiert sind, gebt Lady Brangane einen Abriss über den Vortex, die Jenseitigen und die Ereignisse in Hochstieg – sie muss wissen, womit wir es zutun bekommen.“ „Ja, Ja, Ser!“ Halrik versuchte vergeblich Haltung anzunehmen. Gneisor wusste die kleine Geste zu schätzen und rang sich ein schmales Grinsen ab. „Wir werden vorerst alarmiert bleiben, abwarten und darauf hoffen, dass von außen jemandem unser Dilemma auffällt. So ein unsichtbarer Wall wird nicht lange unbemerkt bleiben. Spätestens morgen früh habe ich den Schulzen von Nottelheim hier auf der Burg erwartet und die Schulzen wissen was zu tun ist, wenn irgendetwas mit uns nicht stimmt.“

So löste sich der Rat auf, Lady Brangane alarmierte zusammen mit Gustav die zwei Rotten. Die Wehrmauern wurden besetzt, das Tor geschlossen und die Späher zurückgeholt. Studiosus Halrik marschierte vor Brangane mit einer sprichwörtlichen Flotte an Büchern und Schriftrollen auf. Der ‚kurze Abriss‘ sollte wohl länger dauern. Ser Gneisor und Knappe Ingmar legten derweil mit gegenseitiger Hilfe ihre Rüstungen in der Marschallskammer an.

„Ser …“ begann Ingmar mit zaghafter Stimme, während Gneisor gerade einen Lederriemen an der Seite des Knappen fester zog „Was beschäftigt dich Ingmar? Solltest du Angst verspüren, dann lass dir gesagt sein, dass dies ganz normal ist.“ Gneisor zog erneut an dem Riemen der Brustplatte des Jungen und wollte gerade zu einer ermutigenden Rede ansetzen, doch Ingmar unterbrach ihn. Er starrte mit Entsetzen in den Augen auf die Wasserkaraffe.  „Die Karaffe, mit der ihr vorhin den Lappen befeuchtet habt, um meine Verletzung zu versorgen …“ „Was ist damit?“ Gneisor war zu sehr damit beschäftigt die Rüstung des Jungen anzulegen und hatte gerade keinen Blick dafür. „Der Schatten der Karaffe hat sich seit vorhin nicht weiter bewegt.“

Die Auswahl eines neuen Gefährten

„Ich habe dich nicht nur mitgenommen, weil du ein Grünbacher bist“, sprach Sieghelm und klopfte seinem Knappen auf die Schulter, während er das Gatter zum Langstall passierte. Worauf der Ordensgroßmeister anspielte war das Gestüt, welches die Familie des Knappen seit vierzig Götterläufen führten. Perainius bekam kurz große Augen, konnte sich ein Prusten jedoch verkneifen. Wenn er sich selbst hätte einschätzen müssen, würde er sagen, dass er von Pferden kaum bis gar keine Ahnung hatte. Er hatte sich nie sonderlich für das Gestüt seiner Familie interessiert. Die Pflanzen, die am Rand einer Stallung oder aus dem Dung eins Pferdes wachsen konnten, faszinierten ihn da schon mehr.

„Deine Familie führt doch seit langer Zeit das einzige gräfliche Gestüt östlich des Ochsenwassers. So ein schlauer Junge wie du wird da doch bestimmt das ein oder andere aufgeschnappt haben.“ Wieder klopfte Sieghelm seinen Knappen ermutigend auf die Schulter. Perainius nahm seinen Mut zusammen und setzte zu einer Erklärung an. Da hörten beide das helle Bellen des Leutnants. „Pagol! Lass das – das Pferd will jetzt nicht spielen.“ Ermahnte der Ordensgroßmeister seinen Jagdhund. Dieser schaute jedoch nur missmutig zu seinem Herrchen und ließ dann widerwillig von dem Lattenzaun ab, wo er eben gerade noch seine schmale Schnauze durch einen Schlitz gesteckt hatte, um den dahinter liegenden Warunker Fliegenschimmel anzubellen. „Wisst ihr, Ser Sieghelm … ich bin …“ setzt Prainius erneut vollen Mutes an. „Ach stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Junge! Du bist klug – und vielleicht wird aus dir noch ein passabler Krieger. Erinnere dich nur daran, wie es dir gelungen ist, zwei Hiebe des Oberst Alrik vom Blautann und vom Berg abzuwehren! Das kann wahrlich nicht jeder Knappe von sich behaupten.“ Perainius wusste nicht ganz welchem Gott er dafür dankten sollte, dass er die Schläge in der Buhurt abgewehrt hatte und wie ihn das – beim Namenlosen – dazu qualifizierte, die Qualität von Zuchtpferden einzuschätzen, aber ein bisschen stolz war er schon darauf. Allerdings packte ihn nun auch die Angst, seinem Herrn keinen guten Ratschlag geben zu können. „Ja, mein Herr.“ Hauchte der Junge resignierend. Er versuchte sich an ein paar der Fachbegriffe zu erinnern, die er gelernt hatte. Womöglich würde dies genügend Eindruck bei seinem Herrn schinden und es dadurch nicht auffallen, dass er eigentlich keine Ahnung von Pferden hatte.

Eine schlanke Zureiterin mit hohen Lederstiefeln, kurz geschorenem Haar und einem nicht zu übersehenden Damenbart trat den beiden Kämpfern entgegen. „Rahja und Rondra zum Gruße, euer Exzellenz – die Rittmeisterin hat mir bereits gesagt, dass ihr kommt.“ Die Stimme der Frau war krächzig, wie von zu viel Met und Rauchraut. „Ihr müßt Ricarda sein, Hauptfrau Walda von Warunk hat uns zu euch geschickt. Rahjas Segen mit euch.“ Als er die Begrüßungsfloskel aussprach bemerkte Sieghelm, dass sie einen Unterton besaß, den er nicht beabsichtigt hatte. Es klang eher wie eine ernst gemeinte Empfehlung nach einer Verschönerung. Doch glücklicherweise bemerkte die Zureiterin der Unterton nicht, oder sie ihn überspielte ihn gut.

Sieghelm ließ sich von Ricarda durch den Langstall führen. Der Großteil der Pferde waren Trallopper Riesen, aber ein paar einige Warunker und Norburger Riesen waren auch dabei. Ricards erzählte bei den Pferden welch edler Herkunft sie waren, welche Charaktereigenschaften sie besaßen und für was sie sich besonders gut eigneten. Leutnant Pagol strich dabei von Zelle zu Zelle und schnüffelte hier und dort an den Rückständen plattgetretener Pferdeäpfel. Perainius garnierte gelegentlich die Schilderungen der Zureiterin mit ein paar Fachwörtern die ihm einfielen, hielt sich mit direkter Empfehlungen jedoch zurück.

Nach fast zwei Dritteln des Stalls, und etwa vierzig Pferden, machten die drei kurz halt. Sieghelm hatte eine Frage: „Ihr habt zahlreiche prächtige Pferde. Die Geschichten, die ihr zu ihnen zu erzählen vermögt, sind wahrlich beeindruckend“, begann er lobend vorweg zu schieben. Ricarda baute sich auf, sie wusste, dass auf diese Worte nur ein ‚aber‘ folgen konnte. „Aber … wie kann ich wissen, ob das Pferd auch zu mir passt, wenn ich nicht einmal draufgesessen habe.“ Ricarda atmete tief ein. „Das ist so, euer Exzellenz, wenn ihr möchtet, kann ich euch ein paar der Pferde mit einem meiner Leute für einen Ausritt mitgeben. Ihr könnte sie dann nacheinander einreiten und sehen, ob sie zu euch passen. Wir haben im kaiserlichen Forst einen eigenen Reitparcour, den ihr entlangreiten könnt – er ist ausgestattet mit …“ Die Schilderungen der Zureiterin wurden von einem hellen Bellen unterbrochen. Sieghelm, Perainius und die Frau suchten den Boden nach Pagol ab, doch sie konnten ihn nirgends sehen. „Wo … ist euer Hund …“ fragte sie besorgt. „Ich möchte dieses Pferd dort“, sprach Sieghelm mit fester Stimme plötzlich, der mit einem Grinsen auf den Lippen auf eines der Pferde zeigte. Die Zureiterin blickte an Sieghelms Arm und Zeigefinger entlang zu einer der Zellen. Ein schwarzbrauner Rappe befand sich darin und auf seinem, einen Schritt und achtzig Finger hohen, Rücken saß mit heraushängender Zunge in stolzer Pose Leutnant Pagol. Der Hengst war ganz ruhig und gelassen, als wäre es ganz normal, dass ein gerade einmal Handbreit großer Jagdhund auf seinem mächtigen und breiten Rücken saß.

„Wie … ist er dort heraufgekommen?“ Entfuhr es der Damenbartträgerin perplex. „Der Leutnant ist ein guter Kletterer.  Ach und darüber hinaus ein noch viel besserer Tier- und Menschenkenner.“

Reise nach Rommilys – Teil II „Im Kloster“

Den Galopp hielt Traviahold nur solange bei, bis er an einer Weide ankam, von der er wusste, dass er ab hier nicht mehr von der Stadt aus zu sehen war. Er würde natürlich heute im Kloster übernachten, aber je später er dort ankam, desto weniger Anliegen werden an ihn herangetragen. Er musste den Kopf schütteln, als er daran dachte, wer er von einem Götterlauf war – der drittgeborene Sohn eines Barons, der typischer Weise in ein Kloster abgeschoben wurde und sich nun darauf freute seine älteren Bruder wiederzusehen. Noch immer fiel es ihm schwer, Menschen von der Erlebnissen, die darauf folgten, zu erzählen. Wer konnte schon nachvollziehen, wie es ist an einem Tag in einer verlassenen Zwergenstadt gegen Dämonen zu kämpfen und am nächsten Tag Fischmenschen, untoten Echsen und „Schlinger“ zu begegnen. Manchmal fühlte er sich dadurch sehr einsam. Nicht einmal Darpatia kannte alle Geschichten, in der Zwischenzeit hat sich auch aufgehört danach zu fragen.

Die späte Nachmittagssonne ließ den Roten Riesen leuchten wie einen Karfunkel, als Traviahold unweit des Klosters auf einem Hügel das Pferd anhielt und das sich ihm bietende Bild betrachtete. Vor ihm ragte das dreigeschossige Hauptgebäude des Klosters auf, umgeben von Baustelle und noch mehr Baustelle. Er meinte den beißenden Geruch frisch aufgesetzter Maische wahrzunehmen, ausgeströmt von der Brauerei, dem einzigen weiteren fertiggestellten Gebäude. Derzeit wurde, ausgehend vom großen Wachturm, die Umfassungsmauer gebaut, die zukünftigen Ausmaße des Klosters ließen sich jetzt schon an der Zeltstadt erahnen, in der die zahlreichen Arbeiter lebten. Als er vor einigen Tagen das letzte Mal hier war, hatte er veranlasst, dass unter Anleitung von Swelinja Prutz damit begonnen wird, die Felder zu bestellen. Entsprechend herrschte nicht nur auf der Baustelle reges Treiben, sondern auch auf den Flächen drum herum.

Während er gemächlichen Schrittes weiter ritt, musste er an die zahlreichen Hände denken, die dieses Kloster bauen. Der größte Teil der Arbeiter sind die ehemaligen „Sklaven“, die aus den Fängen der Dämonen befreit wurden. Dadurch wurde Hochstieg entlastet und die meisten sind froh, etwas tun zu können, dabei aber gut versorgt und verpflegt zu werden. Viele hegen noch immer den Wunsch in ihre Heimat, zu ihren Familien, zurückzukehren. Wer wäre Traviahold, wenn er diesen Wunsch nicht unterstützen würde, doch war allen Seiten klar, dass es gelinde gesagt schwer ist, in die Warunkei zu gelangen. Und das Wissen, das er seit heute hatte, machte dies nicht leichter. Sollte er mit Charon darüber sprechen oder nicht? Eigentlich sind die Informationen höchst geheim, aber sollten sie nicht wissen, dass ihrer alten und ihrer neuen Heimat Krieg bevorsteht und sie noch für lange Zeit nicht zu ihren Familien kommen werden? Sieghelm würde ihm sicherlich den Kopf dafür abreißen. Charon, er musste kichern. Er ist der Erste des Ältestenrates der Warunkanier, wie die Gruppieren sich selbst nennt und inzwischen auch von allen genannt wird. Damit ist er in allen Angelegenheiten der erste Ansprechpartner und die wichtigste Vermittlungsperson – jedoch heißt er eigentlich Charyptoron. Es wurde aber die allgemeine Vereinbarung getroffen, dass sie alle nur noch eine verkürzte Form ihres Namens tragen. Sie haben verstanden, dass niemand der Zwölfgöttergläubigen in und um Hochstieg die junge Razzazora bei ihrem Namen rufen kann. Traviahold fragt sich immer wieder, was es eigentlich für das Kloster heißt, dass es größtenteils von Personen erbaut wurde, die oft die Namen von Dämonen und dämonischem Gezücht tragen. Wird es Fluch oder Segen sein? Zumindest nehmen immer alle geschlossen an den Messen teil. Vielleicht ist es der erste Schritt zur Missionierung der Warunkei. Obwohl abzuwarten bleibt, ob es bald noch was zu missionieren gibt, oder ob es sie selber überhaupt noch gibt – so ein Knochendrache ist halt unberechenbar.

Als er am Kloster ankommt wird ihm von allen Seiten zugewunken und er grüßt alle zurück, als er zum Tempel reitet. Dort wird er auch sogleich von Helfwiege empfangen: „Euer Hochwürden! Was verschafft uns die Ehre eurer Anwesenheit?“ „Mutter Helfwiege. Ich bin nur auf der Durchreise. Ich muss in einer dringenden Ordensangelegenheit nach Rommilys. Aber macht euch keine Sorgen, es ist nichts schlimmes geschehen, im Gegenteil, mein Bruder wird demnächst zum Reichsritter geschlagen!“ „Ach wie schön für ihn“, antwortet Helfwiege mit einem Blick, der zeigt, dass sie sehrwohl seine Lüge erkannt hat, aber die Großzügigkeit besitzt, darüber hinweg zu sehen. „Aber kommt doch ersteinmal hinein, das Essen für die Speisung ist bald fertig.“ „Vielen Dank, aber ich wollte vorher noch Charon aufsuchen. Ich werde an der Speisung aber natürlich teilnehmen.“ Damit verabschiedet er sich wieder von der Erzpriesterin und macht sich auf den Weg durch die Zelte. Er kommt wie erwartet nur langsam voran, da er an gefühlt jedem zweiten Zelt stehenbeiben muss, um sich kurz zu unterhalten. Er hat in den letzten Monden mit Zufriedenheit wahrgenommen, dass das Verhältnis zwischen den Einheimischen und den Warunkaniern offener und besser geworden ist. Er wäre sogar nicht verwundert, wenn er bald einen ersten Traviasegen sprechen müsste. Nach einiger Zeit kam er am Zelt von Charon an und betrat es. Im Inneren fand er wie erwartet den älteren Herrn an einem kleinen Feuer vor. Er fragt sich manchmal, wie er die Qualen unter dem Berg überstehen konnte. „Euer Hochwürden Traviahold, euer Besuch kommt überrraschend“, wird Trahiahold begrüßt. „Ältester Charon, ich werde nur über Nacht bleiben und dann weiter reiten. Trotzdem wollte ich mit euch reden.“ „Nun, dann setzt euch.“ „Danke. Nun, wie soll ich anfangen? Ich suche, wie ihr wisst, nach Möglichkeiten, wie ihr in eure Heimat zurückkehren könnt.“ „Und dafür sind wir euch sehr dankbar.“ Traviahold nickt. „Doch ich fürchte, keine allzu guten Nachrichten zu haben.“ „Das stand zu befürchten.“ „Es gibt…Gerüchte…über…außergewöhnliche…Aktivitäten in eurer Heimat.“ Traviahold spricht sehr leise, langsam und lässt sich viel Zeit bei der Wahl seiner Worte. „Im Reich, also dem Mittelreich, herrscht daher eine gewisse Unsicherheit, Sorge, ja fast Angst.“ Nun nickt Charon verständnisvoll: „Daher ist niemand derzeit bereit eine Gruppe Menschen dorthin zu führen. Das verstehe ich. Ich werde dieses Wissen erst ein mal für mich behalten. Im Großen und Ganzen haben sich alle mit dem derzeitigen Zustand arrangiert. Solange die Versorgungslage nicht schlechter wird, und jeder etwas zu tun hat, wird es keine Unruhe geben. Und ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam eine gute Lösung finden werden, wenn es nötig wird.“ Traviahold wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als das Schlagen eines Holzlöffels auf einen Suppentopf laut durch das Lager schallte. „Die Speisung beginnt“, meint er stattdessen, „wollen wir gemeinsam gehen?“ „Das wäre mir eine Freude Hochwürden.“

Teil II – Dämmerung

Mit einem zügigen Schwung beendet Ser Gneisor den Brief an seine Exzellenz Nehazet ibn Tulachim, welcher zurzeit in Gareth weilt. Der Informationsgehalt der Nachricht ist brisant und – so hofft der Krieger – für ihre Aufgabe nützlich. „Bringt dies dem Siegelmeister, er weiß, was zu tun ist“, befiehlt er dem dabeistehenden Kammerdiener, der nur zu diesem Zweck an der Seite des Schreibtischs des Marschalls in Hab-acht-Stellung gewartet hatte. Der nimmt das Schreiben an sich und verlässt dann zügigen Schrittes die Kammer. Als die Tür zufällt, vergeht keine Sekunde, da klopft es erneut an der Tür.

Gneisors Leben als Ordensmarschall war, seitdem er den Treueschwur geleistet hatte, wesentlich aufregender und zugleich langweiliger geworden. Die meiste Zeit befand er sich genau hier – in der Marschallskammer – schrieb Briefe, beantwortete Anfragen oder sinnierte mit Halrik und Gustav darüber, wie man die umliegenden Ländereien besser bestellen konnte. Als Abwechslung von der Schreibtischtätigkeit,half er ab und an bei der Ausbildung der Rekruten aus – denn Gustav Bieberbart, der Einheimische und ehemalige Gardist der Hammerschläger Stadtwache, war mit dieser Aufgabe gelinde gesagt überfordert. Doch diese, für Gneisor willkommene Abwechslung, würde nun jemand anderes übernehmen. Eine Ritterin von niederem Stand aus Greifenfurt. Im Begleitschreiben, welchen sie mit sich führte, stand, dass sie fortan die Heermeisterin der Kommende sein würde. Sie wurde bei der großen Turney in Gareth von Ser Sieghelm höchstpersönlich für diese Aufgabe rekrutiert. Nun – dachte sich Gneisor – ihre Exzellenzen werden sich schon etwas dabei gedacht haben – und ganz unrecht hatten Sie mit der Entscheidung auch nicht. Eine erfahrene Ritterin vermochte die zwei Rotten besser auszubilden, als ein ehemaliger Stadtgardist von gerade einmal Mitte zwanzig Sommern. Auch wenn dies für Gneisor nun bedeutete, dass sein Leben noch ein wenig langweiliger werden würde.

„Eintreten!“ befahl er laut genug, dass die Person auf der anderen Seite der Tür den Ruf vernehmen konnte. Herein kam sein junger Knappe, der sechzehn Sommer zählende Junge aus dem Hause Korninger blieb seinem Herrn auch nach seinem Treueschwur für den Orden ergeben. Er ging sogar noch weiter und trat dem Orden ebenfalls bei. „Ingmar, was kann ich für dich tun?“ Der Umgangston des Ritters wurde sanfter, er pflegte mit seinem Knappen einen sehr freundschaftlichen Umgang auf Augenhöhe. „Entschuldigt bitte die Störung, Ser.“ „Schon gut, Junge – was gibt es?“ antwortete Gneisor knapp und machte eine weiterführende Geste. „Ich ritt, wie ihr es mir aufgetragen hattet, zum Eilingshof …“ begann der Junge stotternd zu berichten, da erblickte Gneisor eine blutende Wunde am Haaransatz des Knappen. Sofort fiel er in die umsorgende väterliche Rolle. Mit einem Satz stand er auf, schnappte sich vom Beistelltisch einen Lappen, tränkte diesen mit Wasser und ging auf seinen Jungen zu. „Bei der Leuin, was ist dir widerfahren, Junge – sprich!“ Während Gneisor den Haaransatz es Jungen untersuchte und mit einem Lappen die blutende Stelle abtupfte, erzählte Ingmar mit zittriger Stimme: „Ich konnte den Eilingshof nicht erreichen, ich ritt auf dem Weg gen Westen – ich kenne ihn sehr gut. An der Stelle wo die Baumreihe beginnt, schlug ich mit meinem Pferd wie gegen eine Mauer. Rosinante … sie …“ Ingmar entfuhr ein Schluchzen, Gneisor ahnte was er sagen würde. „Pscht, ganz ruhig – dich trifft keine Schuld.“ Beruhigte er ihn und drückte ihm väterlich die Schultern. „Berichte was danach geschah.“ Wieder entfuhr dem Knappen ein Schluchzen, dann atmete er tief durch und straffte die junge aber muskulöse Brust. „In der Luft … da … ist eine Mauer. Ich konnte hindurchsehen und auch auf der anderen Seite die Häuser des Eilingshofs in der Ferne sehen. Aber … egal wie weit ich nach links und rechts ging, es war kein Durchkommen. Ich schlug mit dem Knauf meines Schwerts dagegen, nichts passiert … ich versuchte einen Stein hinüber zu werfen, doch der Stein prallte in der Luft ab und fiel zu Boden. Ich …. Versteh das nicht.“ Gneisor durchfuhr ein ungutes und zugleich ahnendes Gefühl. Seine Gedärme verkrampfen und am liebsten wäre er in sich zusammen gesunken und doch musste er jetzt stark bleiben. Er drückte den feuchten Lappen auf die Stelle, an der Ingmar verletzt war und griff sogleich zur Wand wo mehrere Kordeln für verschiedene Dienerklingeln hingen. Er zog an der für den Kammerdiener. Aus der Entfernung war nur ein leises Klingeln zu hören. „Beruhige dich jetzt erstmal. Press den Lappen gegen deine Wunde und setz dich. Die Leuin hat dich beschützt, dass nicht auch dir das widerfuhr was deinem Pferd widerfahren ist“, hörte Gneisor sich selbst sagen, doch für ihn klangen die Worte hohl – er hoffte, dass die Worte für seinen Knappen beruhigender klangen, als für ihn.

Von draußen drang das Licht der untergehenden Praiosscheibe durch das Fenster und hüllte den Krieger und seinen Knappen in eine rotorange Aura. Den Anblick wäre wunderschön gewesen, doch im Moment hatte Gneisor keinen Sinn für Ästhetik. Er schritt nachdenklich auf und ab. Da betrat nach einem Klopfen der Kammerdiener das Dienstzimmer des Marschalls und schaute zuerst verwirrt und dann besorgt zu dem Knappen. Ser Gneisor stockte in seinem Gang und trat dann auf den Kammerdiener zu. „Hast du den Brief schon dem Siegelmeister übergeben?“ Der Diener stutzte verwirrt. „Äh, Ja, Ser – wie ihr befohlen habt.“ „Dann eile zu ihm und sag ihm, dass er den Brief noch nicht abschicken soll.“ Befahl er zackig und deutete auf die Tür. Er wollte sich gerade umdrehen, doch da antwortete der Diener überraschend: „Tut mir leid, Ser, Studiosus Halrik wusste, wie eilig die Sache ist und hat den Raben schon losgeschickt.“ In Gneisor zerbrach etwas. Niemand außer ihm konnte es hören, oder vielmehr spüren. Doch ein kleines bisschen von ihm zersprang in seine kleinsten Einzelteile. Gneisor wusste, dass der Moment irgendwann kommen würde, doch hatte er nicht damit gerechnet, dass es so früh sein würde.

„Ruf den Kleinen Rat zusammen, sofort!“ befahl er ruhig und bestimmend. „Schnell!“

Reise nach Rommilys – Teil I „Der Abschied“

Traviahold seufzte, als er sich von seinem Schreibtisch erhob. Das Kloster war inzwischen zwar schon geweiht worden, doch außer dem Haupttempel, der Brauerei und einem Teil der Umfassungsmauer gab es noch keine Gebäude, nur Baracken. Und so verbrachte Traviahold noch sehr viel Zeit in Hochstieg, auch um in der Nähe von Darpatia zu sein. Seiner schwangeren launenhaften Frau, der er gleich erklären müsste, dass er dringend nach Rommilys reisen muss. Er überlegte kurz, ob er einfach heimlich versuchen sollte davonzureiten, doch der Blick voraus, auf das dann stattfindende Wiedersehen ließ ihn verängstigen. Er packte eilig seine Tasche mit dem nötigsten und vergewisserte sich mehrmals, dass er sowohl den Brief von Sieghelm, als auch das Buchmanuskript dabei hatte. Dann ging er auf den Übungsplatz der Burg, wo er Darpatia antraf, wie sie die übenden Soldaten anschrie. Es hat mehrere Tage der Diskussion und des Schlafens in getrennten Betten benötigt, bis sie sich davon überzeugen ließ, dass sie selber nicht mehr an den Ertüchtigungen teilnimmt. Traviahold räusperte sich vernehmlich hinter ihr. „Was ist?“, schrie Darpatia unwirsch , während sie sich umdrehte. Als sie ihren Ehemann erblickte änderte sich ihr Tonfall schlagartig und sie sprach liebevoll weiter: „Oh, Liebling, ich habe dich nicht erwartet.“ Als sie die Tasche sah runzelte sie die Stirn. „Willst du schon wieder zum Kloster? Du bist erst gestern zurück gekommen!“ Unsicher, wie ein junger Bengel, der von seinen Eltern bei Unfug erwischt wurde, antwortete Traviahold, während er ihre Hand ergriff: „Ich reite nicht zum Kloster. Ich muss in einer dringenden Angelegenheit des Ordens nach Rommilys.“ Darpatia wollte sich schon zu ihren Soldaten umdrehen, als er hinzufügte: „Und ich benötige keine Eskorte, meine Liebste. Mit jedem Bandit, der kleiner ist, als der Dämon auf dem Berg, werde ich schon fertig.“ Und um zu verhindern, dass sie ihm – berechtigt – widersprechen konnte, gab er ihr einen liebevollen Kuss. Er wusste, dass sie es namenlos hasste, wenn er dies vor ihren Soldaten tat, doch das war seine einzige Chance, diese Diskussion schnell zu beenden. Und es schien zu funktionieren, denn Darpatia seufzte: „Nun gut, wie du es willst Herr Ordensprätor“, es folgte ein flüchtiger Kuss von ihr, „aber beeile dich bitte schnell wieder bei mir zu sein. Und jetzt verschwinde, sonst denken die Soldaten noch, ich hätte Gefühle.“ Lächelnd drehte sie sich um und wurde rot im Gesicht, als sie eben jene Soldaten anschrie: „Wer hat gesagt ihr sollt eine Pause machen? Wer nicht sofort weitermacht darf heute noch dreimal die Treppen des Roten Riesen hochrennen! In Plattenrüstung! Mit Gepäck!“ Kichernd entfernte sich Traviahold, ging zum Stall, nahm sich sein Pferd und ritt durch das Tor, durch die Stadt, die er wenige Momente später verließ und im Galopp davonpreschte.

So viel zu tun

Mit eiligen Schritten eilte Jane den markt entgegen. So viel zu tun in so kurzer Zeit. Beim besten Schneider der zu finden war kehrte sie ein. „Hesinde zum gruße guter man ich habe leider einen eiligen Auftrag. Ich benötige zwei tuniken angemessen für die Therme gehalten in den Farben dieses Wappenrocks bis in zwei stunden. Eine für mich selbst und eine weiter für eine Begleiterin von mir deren maße ich hier niedergeschrieben habe.  Oh … und auch noch drei männliche entsprechende .. bekleidungstücke .. die Maße der drei Herren stehen hier ebenfalls drauf. Diese sind aber nur geschätzt last sie also ruhig etwas weiter ausfallen mit einem sanften Stoffgürtel wird das schon passen.“ Ein kleiner recht schwerer Beutel landete auf dem Tisch  “ Das hier sollte ausreichen für die Mühen … schickt es bitte zu dem Zelt des Ordensgroßmeisters vom Orden zum Schutze der Schöpfung auf dem Turnierplatz so schnell ihr könnt. Des weiteren benötige ich ein Kleid für den Ball, hmm meine Begleitern vermutlich auch aber ich werde das noch persöhnlich mit ihr abklähren. Das Kleid muss aber erst zum Ball fertig sein halt also etwas Zeit“

Während der verdutze schneider sich anschickte die Maße zu nehmen dachte Jane über die nächsten schritte nach. „Ich muss heute abend noch den wagen überprüfen.  … Azina finden und erfragen ob sie morgen intresse hat Teil zu nehmen ich hätte sie schon längst fragen müssen aber soviel ablenkungen. … hmm vielleicht sollte ich auch eine Tunika für Thornia anfertigten .. ich wette sie sieht umwerfend darin aus. Ob sie wohl eifersüchtige auf Sieghelm wird wenn sie erfährt wie entblöst er mich gesehen hat?“ Ein leichtes schmunzeln lief über ihre lippen. „Die Pferde sind schon besorgt ich sollte sie trotzdem noch durschcheken ob sie krank sind.“ … sie Blinzelte und lauschte nocheinmal auf die Frage von dem Schneider . „Ja ich denke das dunkle grün würde passend sein für das Kleid aber das Ordenswappen muss mit eingearbeitet sein, vielleicht auf dem Oberarm?“ „Welches Kleid sollte ich wohl morgen tragen … Ich muss unbedingt noch einen Brief an Thornia schreiben. …  Ob sie mich vermist?“ ….

 

Teil I – Ankunft

Sein strenger Blick ging über die gedrungenen Zinnen der Niederrungenfestung. Seine braunen Augen suchten die Ferne ab, so als würden sie ihm zu einer Erkenntnis verhelfen. Am Firmament hingen breite Wolkenfetzen, die im Licht der untergehenden Praiosscheibe selbiges in ein beeindruckes Farbenspektakel aus Orange- und Rottönen tauchten. Der lange Weg hinauf zur Festung war gewunden und zog sich durch eine flache Rodung, auf der nur kleine Hecken wuchsen. Er hatte vor drei Monden veranlasst, dass der Baumbestand rund um die Festung auszudünnen war, damit man einen weiteren Blick ins Land hatte und potenzielle Angreifer schneller auszumachen waren. Dieser Rodung war es nun auch zu verdanken, dass seine Augen einen Reiter erblickten, der sich der Festung näherte. Er brauchte nichts zu tun, die Wachen waren inzwischen ausgebildet genug, um zu wissen, wie man reagierte. Der gestandene Krieger legte nur seine Hände ruhig auf die kalten Zinnen. Es ist kein Bote, dafür ist das Pferd zu stark und der Reiter zu gerüstet. –  schloss er gedanklich aus seiner Beobachtung. Vielleicht ist es ein Soldat aus der Stadt – überlegte er weiter. Doch schon lange war keiner mehr von dort hier hoch geritten. Der Krieger ließ seinen Blick wieder durch die Ferne streifen. Er kniff die Augen etwas zusammen, um zumindest das Gefühl zu haben, besser gucken zu können. Doch das, wonach er Ausschau hielt, konnte er nicht erblicken. Keine Rauchsäulen, keine Banner, keine Lager. Alles ist ruhig. – konstatierte er gedanklich. Vom höchsten Turm der Festung aus konnte man die ganze Baronie überblicken – weit hinunter bis zur Tarnele, nach Hammerschlag und sogar darüber hinaus bis zum Gestüt derer von Rahjaweiden. Alles war ruhig.

„Ein Reiter nähert sich!“ rief die Torwache und der Krieger konnte beobachten, wie im Burghof Bewegung aufkam. Der Ruf der Wache drang nur schwach bis zu seinem Turm hinauf. Die Hunde des Zwingers bellten auf und zwei Schützer des Ordens bemannte das offene Tor. Das schwarze Banner des Schutzordens der Schöpfung direkt unter ihm knatterte laut im Wind, als eine Böe aufkam.

Die hölzerne Luke hinter ihm öffnete sich scheppernd. Ein junger schmaler Mann in einer langen und dunkelgrauen Robe stieg empor. Unter seinem Arm hielt er ein dickes Buch fest umklammert und auch einige hastig zusammengesuchte Schriftrollen klemmten zwischen seinem dünnen Oberarm und seiner flachen Brust.

„Ser! Ich habe es gefunden!“ – intonierte der junge Mann außer Atem, offenbar war er den ganzen Weg von der Bibliothek bis hier hoch gerannt. „Tritt näher Halrik“, antworte der Krieger knapp ohne den Blick von dem sich nähernden Reiter zu lassen.

„Ich habe die Abschriften der Bücher aus der alten Senne durchgesehen …“ begann er zu erklären, trat näher an den Rand der Zinnen und prustete noch immer nach Luft. Seine schmalen Schultern bebten und seine Brust flatterte hastig auf und ab. Dem Krieger flog ein kurzes lächeln über die Lippen. Er mochte den jungen Studiosus, wenn man ihn mit einer Aufgabe betraute, konnte man sicher sein, dass er sich voller Inbrunst hineinstürzen würde, bis er zu seiner angemessen Lösung kam. Und wenn er noch kein Ergebnis hatte, dann versicherte er, dass er weiter suchen würde bis er eines haben würde. „ … und sie mit den geborgenen Aufzeichnungen der Kultisten verglichen. Es sieht so aus, als würden die Symbole die wir … oh ein Reiter!“ Der Krieger schnaufte. Was er an dem jungen nicht mochte: Er war sehr leicht abzulenken. „Ser Gneisor, sollten wir nicht der Wache Bescheid geben?“ frug er im Tonfall eines Kindes, dass sich bei seinem Vater erkundigte, ob es nicht besser wäre der Forderung der Wegelagere ‚alles Gold her oder Leben!‘ nachzukommen. Und was der Krieger noch nicht mochte: Dass er sich ständig in Dinge einmischte, von denen er nicht die geringste Ahnung hatte. „Die Symbole Halrik“, erinnerte ihn der Ordensmarschall der Festung Friedstein im väterlich geduldigen Ton. „Achja, ja – die Symbole.“ bei der Suche nach der richtigen Schriftrolle, plumpsten ihm zwei herunter. Eines rollte er dann hastig auf und zeigte er dem Ordensmarschall. „Wie ihr hier sehen könnt, Ser – stimmen diese Symbole hier überein. Bisher konnten wir noch nicht bestimmen welche Bedeutung sie haben, doch nun wissen wir es!“ Ser Gneisor blickte nur kurz auf die ihm vorgehaltene Schriftrolle, welche ein Wirrwarr aus Kritzeleien, zwiebelförmigen Kreisen, bauchigen Dreiecken und anderen Symbolen enthielt, wie sie jeden Tag in Tsaschulen entstanden. Sein Fokus lag auf dem Reiter der sich näherte – als er kurz vor der Mauer war – erkannte Ser Gneisor, dass es sich nicht um einen Mann, sondern um eine Frau handelte.  „Und dank eurer guten und teuren Ausbildung, für die der Orden jeden Mond aufkommt, seid ihr zu welchem Ergebnis gekommen, Studiosus?“ Ser Gneisor blickte nun in die freudigen Augen des Jungen aus dem Hause Tarnel, die so funkelten, als hätten sie gerade Omas geheime und letzte Keksdose oben auf dem Schrank gefunden. „Das Ergebnis, Ser ist …“ der freudige Blick wich adhoc aus dem zarten Gesicht, denn er wusste, dass die nächsten Worte seinen Herrn nicht erfreuen würden. „Sie haben Sara’kiin herbeigerufen, die Limbusverzehrerin. Das heißt, sie ist hier, Sie ist auf unserer Sphäre.“

Der Wind ließ das Banner der Ordens wieder erneut knattern. Ein langer Moment verging. Ser Gneisor wusste, dass er diese Kunde an die Auserwählten schicken musste. Die Eiselementaristin Saria Fuxfell, die ehemalige Trägerin des Amuletts der Hesinde, war gefallen und nicht gestorben. „Bist du dir wirklich sicher?“ Ser Gneisor musste einfach nochmal nachfragen, obwohl er wusste, dass, wenn Halrik etwas postulierte, es so sicher war wie das Schweigen im Borontempel. „Ja, Ser.“ Antwortete er leise. „Soll ich eine Nachricht an Herrn Nehazet schicken?“ „Nein, ich werde die Nachricht selbst aufsetzen.“ Was Ser Gneisor nicht sehen konnte war, dass Halrik nur bestätigend nickte und dann seinerseits ebenfalls einen Blick über die Zinnen riskierte. Die Reiterin war inzwischen im Burghof angekommen und blickte geraden den Turm empor. Die Blicke des Ordensmarschalls und der neuen Schutzritterin und Heermeisterin der Ordensfestung trafen sich aus der Ferne. Unten im Hof übergab die greifenfurter Ritterin die Zügel ihres Pferdes an den Stallknecht. An einen Schützer gewandt befahl sie dann: „Geht zum Ordensmarschall und berichtet ihm, dass Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn, Ritterin aus Greifenfurt hier ist, um ihren Dienst als Heermeisterin der Komturei anzutreten.“

10. Friskenmond – Avahütt

Es ist der Abend des 10. Friskenmonds 2655 nach Jurgas Landung. Magister Grönte sitzt am Mittelfeuer des Grasodenhauses des kleines Weilers. Selbst jetzt, eine Stunde nachdem sein Mündel begonnen hatte eine Orklende anbraten zu wollen, liegt der unangenehm beißende Geruch noch immer in der Luft. Jasper riecht kurz – ohne das es die anderen mitbekommen – an seinem weißen Reisegwand. Wie soll ich diesen Geruch nur wieder raus bekommen? Womöglich muss ich mich da wirklich des Sapefacta-Cantus behelfen – denkt er sich und verzieht für einen Moment angewidert das Gesicht. Nur ungerne würde er für einen so banalen Fall zu einem Zauber greifen wollen.

Behände greift der Magister in seine lederne Tragetasche und holt ein grün eingebundenes Diarium und einen kleinen Griffel heraus, den er in einer kleinen Birkenholzschachtel aufbewahrt hatte. Vorsichtig klappt er das inzwischen in die Jahre gekommene Diarium auf, schlägt die Beine übereinander, um das Buch darauf sorgsam ablegen zu können, und beginnt darin zu blättern. Ein schmales Lächeln macht sich unter seinem dichten braunen Bart breit, als Jasper seine alten Diariumseinträge überfliegt. Die Einnerung an die Zeit, als er zusammen mit Hetmann Tronde auf der Otta Isnendevind nach Albernia aufgebrochen war, versetzt den schmalen Magier in eine wohlige Woge der angenehmen Erinnerungen. Ihm entfährt sogar ein kurzer Ton des angenehmen Glücksgefühls, den zu seinem Glück niemand mitbekommen hat, da alle um ihn herum zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt waren.

Jasper schlägt eine leere Seite auf, lässt den Griffel zwischen seinen Fingern rotieren und schaut hinüber zu Hakon und Swafleif. Der junge Ifirndiener lauscht dem Barden gerade bei einer Anekdote über eine Heldengruppe im vierten Orkensturm. Neben Hakon sitzen da noch zwei der jugendlichen Sprösslinge des Dorfes die ebenfalls an Swafleifs Lippen hängen. Eigentlich wollte Jasper gerade anfangen seinen Tagebucheintrag zu verfassen, doch er gibt sich dem Drang hin, dem Mann mit der Harfe zu beobachten – nicht aus irgendeinem romantischen Interesse heraus – sondern eher aus einem forschenden Drang heraus. Ein interessantes Exemplar der thorwalschen Bardenkunst – dachte er sich. Es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, weshalb jemand wie er mit jemanden wie Alrik gemeinsam reist und sie miteinander umgehen, als wären sie Freunde. Die zwei sind ein ungleiches Paar, Swafleif ist Redegewand – gut, typisch für einen Thorwaler auch überaus prahlerisch – aber er ist rhetorisch versiert, was ihm seine Kunst auch nahelegt. Die Lyrik und der Gesang machen ihn wohl zu einem Schöngeist, der im Körper eines grobschlächtigen ‚Seeräubers‘ gefangen ist. Immerhin achtet er deutlich stärker als andere Exemplare seiner Art auf sein Erscheinungsbild. Er geziemt sich zu waschen, seinen Bart zu pflegen und auf die Sauberkeit seiner Kleidung zu achten. Jasper musste daran denken, als er Swafleif dabei beobachtet hatte, wie er akribisch kleinere Flecken in seinen Kleidern versuchte zu entfernen. Der Magier lächelte kurz. Als Magier hatte auch er ein gewisses Maß an Eitelkeit, doch bei einem Thorwaler hatte er diesen Charakterzug noch nie beobachten können. Er wäre eine hervorragende Charakterstudie, wenn ich mehr Zeit dafür hätte  – überlegt sich Jasper und lässt seinen Blick weiter schweifen.

Sein forschender Blick bleibt auf der schlanken, in enger Lederkleidung gehüllten Halbelfin hängen. Sie selbst nennt sich Katrina – Jasper vermutete – dass es nicht ihr richtiger Name ist. Gestalten wie sie pflegen selten ihren wahren Namen, geschweige denn überhaupt je die Wahrheit, zu sagen. Ihr elfisches Erbe vermachte ihr Fähigkeiten, mit denen sie nicht geizt. Sie ist flink, drahtig und behände im Umgang mit kurzen Klingen. Ob sie wohl auch magische Fähigkeiten besitzt? Vielleicht sogar welche, von denen sie noch keine Kenntnis hat? – Jaspers buschige Brauen senkten sich ein wenig. Erneut fingert er in seiner lederne Tragetasche hinein und holt einen kleinen Flachmann hervor. Kurz gönnt sich Magister Grönte eine Nase des köstlichen Meskinnes, bevor er sich einen kräftigen Schluck davon zu Gemüte führt. Der Geschmack der Heimat. Wohlige Erinnerungsfragmente an die kühlen Tage in Norburg durchschießen seine Gedanken. Er denkt an die Schwestern des Hexenzirkels mit denen er gelegentlich abends beisammen saß und bei einer Kräuterpfeife über die Götter und die Welt philosophierte. Manchmal gesellte sich zu der Runde ein Elf – auch wenn er stets die Pfeife ablehnte – so war er ein interessanter und gutaussehender Charakter. Jasper verlor sich damals manchmal in seinen großen Augen und stellte sich vor, mit ihm gemeinsam durch die Wälder zu pirschen. Noch ein Schluck Meskinnes rinnt Jaspers Kehle hinab. Ach hätte ich mich damals doch nur getraut – durchschoss ihn der Gedanke in Bezug auf den Elfen, den er mit dem kühlen Schnaps versuchte auszulöschen. Jasper erinnert sich an die Worte des Elfen, dass ihr Blut stets magisch ist und es dies selbst in unreinen Nachkommen bleibt. Nun – dachte der Weißmagier weiter – ich werde es wohl noch herausfinden.

 

Schwarz wie die Nacht

Auf dem Tunierplatz konnte er noch die Fassung wahren, doch je weiter er sich von ihm entfernte, desto erschrockener wichen die Leute ihm aus. Sein grimmiger, wutgefüllter Blick vermied es, das sich jemand gemüßigt fühlte ihn anzusprechen. Als er in seinem Zelt ankam, warf Bothor wütend sein Pailos fort und legte fluchend seine Rüstung ab. Wie konnte es sein, dass ihn seine Mutter Rondra so sehr im Stich ließ? Seit 27 Götterläufen dient er ihr nun schon und das war ihr Dank dafür!? Ihn zu blamieren!? Dies war kein ehrenhafter Zweikampf, den er gegen ihren Auserwählten verloren hat – Bothor war schon vor dem Kampf klar gewesen, dass es schwer werden würde gegen Sieghelm. Er ist ein würdiger Auserwählter der Leuin und ein sehr guter Kämpfer. Aber die Hauptfrau der Nordmärker Garde? Der Marschall Garethiens? Der Graf zu Yaquirtal? Die Königin des vermaledaiten Mittelreiches! Sie alle waren schlussendlich chancenlos gegen ihn gewesen. Aber gegen Sieghelm? Er fühlte sich schlechter, als nach seinem ersten Amphorenkampf während der Ausbildung, als er nach dem ersten Treffer das Gleichgewicht verlor und sich nicht länger auf den Amphoren halten konnte. In den 20 Jahren danach ist ihm nie wieder so etwas peinliches widerfahren – bis heute.

Inzwischen hat sich Bothor seiner Rüstung entledigt und kleidet sich in den wenigen schwarzen Stoff, den er besitzt, inklusive dem Wappenrock des Ordens. Die Kapuze tief in das Gesicht gezogen verlässt er Zelt und die alte Residenz. Als nächtlicher Schatten am Tage läuft er durch die Straßen Gareths, bis er den Tempel der Herrin Rondra erreicht. Regungslos steht er in der Pforte. Er möchte laut in den Tempel brüllen, doch nur in seinem Kopf klagt er sie an. Wenn du nicht mehr meine Herrin Mutter sein möchtest, bin ich nicht mehr dein Sohn! Er reißt sich eine Kette vom Hals, lässt sie aus der Hand gleiten und wendet sich vom Tempel ab. Wie von selbst führen ihn seine Schritte durch die Stadt, seine Gedanken sind dunkel und leer wie die Schwärze der Nacht. Als er das nächste Mal wieder klar seine Umgebung wahrnimmt steht er vor dem Altar des Tempels des Schwarzen Lichts. „Ihr da!“, blafft er etwas zu laut einen der Geweihten an. „Schickt den Hüter des Raben zu mir!“, befiehlt er deutlich flüsternder aber immernoch bestimmt. Dann wendet er sich dem Altar zu und spricht still zu ihm. Boron, Herr des Todes, Wächter über den Schlaf. Lass mich dein Diener sein, für den du mich erwählt hast, führe mich durch die Dunkelheit der Ewigkeit meines Seins, erweitere meinen Geist durch die Weisheit deiner Rabenschwingen. Ich, Bothor, bin dein Auserwählter, bis in deine Hallen!

Eine denkwürdige Begegnung

Der Bergkönig hatte gerade das Zelt verlassen und einen verstörten Gewinner des Turniers für Schwere Waffen zurückgelassen, als Schützer Rarik, der kauzige Krieger aus dem Hause Prutz, von seinem Posten vor dem Zelt hinein kam. Sieghelm hatte die Botschaft, dass das Bankett in die Thermen verlegt wurde, noch nicht ganz verdaut, da wurde er von seinem ergebenen Soldaten angesprochen: „Mein Herr, dort ist jemand vor dem Zelt, der euch sprechen möchte.“ Sieghelm stutzte und sah Rarik fragend an. „Hat er oder sie es nicht für nötig gehalten, sich vorzustellen?“ wollte er in einem fast schon belehrenden Tonfall wissen. „Nein mein Herr – er sagte nur, er möchte zu …“ Rarik unterbrach sich und schluckte, denn was er jetzt aussprechen musste, fiel ihm schwer über die Lippen zu bringen. „ … verzeiht mir Sir, aber dies sind nicht meine Worte, sondern die des Herrn draußen vor dem Zelt“, entschuldigte sich Rarik, der sichtlich beschämt war und herumdruckste es auszusprechen. Sieghelm senkte die Brauen, schüttelte die Verwirrung ab und streckte die Brust heraus. So hatte er seinen Schützer noch nie erlebt. „Sprich Rarik …“ sagte er dann im ruhigen aber befehlenden Tonfall. „Der Herr sagte …“ setzte der bärtige Schützer mit dünnerer Stimme erneut an, „ … er möchte zu Sieghelm Ochsenschwanz“. Sieghelm durchfuhr ein zuckender Schmerz im unteren Rücken. Ein Schmerz, den er schon lange nicht mehr gespürt und längst vergessen hatte. Unwillkürlich schob er beide Beine etwas breiter auseinander und verlagerte sein Gesicht gleichmäßig darauf. Sein Gesicht zeigte für einen kurzem Moment Entsetzen, gefolgt von einem noch kürzeren Moment der Freude, nur um dann in Ausdruck der freudigen Überraschung zu verharren. „Lass ihn ein, Rarik“, intonierte er. Rarik brauchte einen Moment um die Aussage seines Herrn zu verarbeiten. „Jawohl, Sir.“ Rarik deutete eine knappe Verneigung an und ging rückwärts aus dem Zelt heraus.

Nachdem der Schützer das Zelt verlassen hatte, blickte sich Sieghelm wie ein Kind, dass kurz bevor die Eltern ins Zimmer kamen noch zügig das letzte unaufgeräumte Spielzeug unter das Bett schieben musste, hektisch im eigenen Lagerzelt um. Er unterdrückte das Verlangen, den hastig hingeworfenen Wappenrock auf der Bank zusammenlegen zu wollen, und konzentrierte sich auf seine Haltung. Er war jetzt Ordensgroßmeister vom Orden zum Schutze der Schöpfung, es gab keinen Grund für ihn sich wie dereinst zu verhalten. Er musste sich wahrlich nicht verstecken. Er rief sich in Erinnerung, dass er gerade das Turnier der Schweren Waffen gewonnen hatte – nicht irgendein Turnier – sondern das alljährliche stattfindende Turnier in Gareth. Jeder, wirklich jeder Krieger, der was auf sich hält, träumte davon. Jeder Krieger war schon mindestens einmal dabei und hatte die ganzen Kämpfer bewundert, wie sie mit all den Waffen umgingen und sich gegenseitig im rondragefälligen Zweikampf miteinander duellierten. Und nicht nur das, Sieghelm hatte auch die Tjost, den Lanzenganz zu Pferd, gewonnen und er führte nun in der Gesamtwertung. Im Moment war er der größte und umjubelteste Krieger des ganzen Mittelreichs, zudem stand noch der Ritterschlag zum Reichsritter aus – eine der höchsten Ehren, die man als Absolvent einer mittelländischen Kriegerakademie bekommen konnte. Der Ritterschlag würde von der Regentin höchstpersönlich durchgeführt werden. Sieghelm hatte jeden Grund dazu stolz auf sich zu sein – und dann betrat ER das Zelt.

In das schwarze Zelt des Ordens kam ein gealterter, sehniger Krieger in einem schwarzroten Wappenrock. Ein grauer Haarkranz umspielte sein bares Haupt, welches von zahlreichen Narben übersäht war. Die ebenfalls grauen Brauen waren buschig und die Falten in seinem Gesicht waren in den letzten Götterläufen zu tiefen Furchen geworden. Auf seinem Wappenrock war die rotbrennende Lilie der Kriegerakademie der Feuerlilien zu Rommilys zu sehen. Ein Anderhalbhänder, dessen halbrunder Knauf und die schlichte Parierstange Sieghelm nur noch allzu schmerzlich in Erinnerung geblieben sind, hing fest auf seinem Rücken.

„In Feuer geboren, eure Exzellenz.“ sprach der Mann in einem tiefen Tonfall, welcher über die Jahre noch tiefer geworden war. In seiner Stimme war keine Spur von Bitterkeit oder Missgunst zu hören, was er sagte, meinte er ernst.

„In Feuer gehärtet.“ antwortete Sieghelm mit so fester Stimme wie es ihm möglich war, denn diese Begrüßungsfloskel war ihm noch gut in Erinnerung geblieben. „Es ist mir eine Ehre, euch nach so langer Zeit wiederzusehen, Meister Perainor.“ Der alte Mann war kein geringerer als Sieghelms alter Schwertmeister Perainor G. von Bregelsaum, Ausbilder für den Waffengang mit dem Anderthalbhänder an der Feuerlilienakademie. Perainors Blick wanderte innerhalb einer Sekunde durch den gesamten Zeltinnenraum. Sieghelm fühlte sich in seine alte Stube an der Akademie zurückversetzt. Damals wie heute gehörte es zum Teil der Ausbildung, dass die Schwertmeister auch für den ritterlich-traviagefälligen Umgang mit der eigenen Stube und der eigener Ausrüstung der angehenden Krieger zuständig waren. Sieghelm schossen sofort mehrere Makel durch den Kopf: Der Wappenrock liegt nicht ordentlich zusammen, der unsortierte Waffenständer, die Beinschienen sind nicht poliert, auf den Stiefeln ist Schmutz, die Schwertscheide hängt nicht … „Ich bin hier, um euch zu eurem Sieg zu gratulieren.“ Sieghelms Gedankenstrang wurde jäh unterbrochen. Der Schwertmeister trat einen Schritt auf Sieghelm zu und reichte ihm die rechte Hand und dessen Unterarm zum Rittergruß. In den ganzen vier Götterläufen, die er an der Akademie war, hatte er niemals den Rittergruß vom Schwertmeister angeboten bekommen.  Er blickte auf die ledernen Handschuhe des grau gewordenen Schwertmeisters – es waren immer noch dieselben wie damals – fein gegerbtes und zweimal gehärtetes Ziegenbauchleder. Wenn man damit einen Schlag mit dem Handrücken bekam, hatte man noch Tage danach die Nähte und Nieten als Abdruck im Gesicht. Sieghelm musste seinem Arm befehlen nach dem Unterarm des Schwertmeisters zu greifen, irgendetwas in ihm widersetze sich. Die Pranken der beiden Krieger umschlossen sich und ein lauter Knall durchdrang das Zelt als gegerbtes Leder aufeinander prallte. „Ich …“ hörte sich Sieghelm sagen „ … danke euch, Meister.“ Berauscht von dem Moment, war Sieghelm nicht Herr seiner Gedanken. Vor ihm stand sein alter Schwertmeister, härtester Ausbilder und größter Feind.

„Spart euch das ‚Meister‘ – die Ausbildung ist seit fünf Götterläufen beendet. Ich habe eure Kämpfe beobachtet – ihr schlackert auf euren Beinen noch immer wie ein Ochsenschwanz umher. Ich habe in den vier Jahren die ihr Schüler an der Akademie wart, vergeblich versucht euch das auszutreiben.“ Ein kurzes und süffisantes Lächeln umspielt die Lippen des Schwertmeisters. Erneut korrigiert Sieghelm seine Beinhaltung und versucht damit vergeblich der  ‚Ochsenschwanzhaltung‘ entgegenzuwirken. „ … doch offensichtlich …“ Setzt Perainor fort „ … begründet ihr damit euren ganz eigenen und offensichtlich erfolgreichen Kampfstil.“

Draußen vor dem Zelt musste sich Schützer Prutz ein lautes Lachen verkneifen, als er das Gespräche im Inneren des Zeltes verfolgte. Unter keinen, absolut gar keinen Umständen dürfe jemals jemand davon erfahren. Niemand dürfe es jemals hören, denn dann würde Sieghelms Kampfstil als die „Ochsenschwanzhaltung“ in die Geschichte eingehen. Dann kam plötzlich Knappe Perainius von einem Botengang zurück. „Hey Perainius!“ rief Rarik im Flüsterton und grinste dabei verschwörerisch. „Hör mal, ich muss dir etwas erzählen.“

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