Button

Reise nach Rommilys – Teil VI „Hardmund I“

„Und so kam es, dass der Beschluss gefasst wurde, diesen Orden zu gründen.“ „Wenn ich nicht wüsste, dass viele Kirchenoberhäupter eure Geschichte glauben, ich würde dich eigenhändig zu den Noioniten schicken.“ „Ich weiß Mutter. Ich habe alles mit eigenen Augen gesehen. Ich selber habe für die Götter Wunder vollbracht, die mir bisher nicht einmal Bishdariel zeigte. Deswegen ist und bleibt der Orden geheimnisumwittert. Ich mag garnicht zählen, wie viele Verbrechen und Vertragsbrüche ich damit begangen habe, dass ich dir alles erzählte. Du musst schweigen, auch und vor allem gegenüber Vater und Torion!“ „Keine Angst mein Sohn, wobei jeder in Ochsenwasser den Zug der Zwerge bemerkt hat. Die Geschichte von den Fischen und Echsen würde eh niemand glauben.“ Traviahold lacht. „Das ist tatsächlich der Vorteil dieser Geschichte. Man muss nicht lügen und trotzdem nimmt es kaum jemand ernst.“ Eine Zeit lang reiten sie schweigend Seit an Seit. „Was führt dich eigentlich nach Hardmund, Mutter?“ „Seit meine Schwester für euren Orden arbeitet, helfe ich Gorbrand bei der Verwaltung seiner Ländereien.“ „Ah“, Traviahold hält kurz inne und betrachtet die Silhouette von Hardmund in der Ferne. Er hüstelt kurz, Gwynna schaut ihn skeptisch an. „Da du mich darauf noch nicht angesprochen hast, gibt es wohl noch etwas, was ich dir erzählen muss.“ Beide haben inzwischen ihre Pferde angehalten und stehen eng nebeneinander. Gwynnas Blick ist äußerst eindringlich und lässt Traviahold mehrfach schlucken. Er erinnert sich an die zahlreichen Momente seiner Kindheit, in denen ihn dieser Blick dazu brachte ihr Geheimnisse zu verraten. „Du wirst wieder Großmutter.“ Gwynna bleibt kurz regungslos, dann beugt sie sich zu Traviahold hinüber und nimmt ihn in eine feste Umarmung. „Ich freu mich ja so für dich! Los komm, heute wird es ein Fest geben! Das müssen wir feiern!“ Und schon prescht sie vor, Traviahold muss sich beeilen ihr nach zu kommen.

 

Es dauert nicht lange und sie reiten durch das Tor des Anwesens derer zu Hardmund. In der Tür des Hauses steht schon Sir Gorbrand, die beiden erwartend. „Ah, liebe Schwägerin, wie ich sehe hast du gefunden, wonach du gesucht hast. Sei willkommen Schwiegersohn, lass dich doch umarmen.“ Traviahold und Gwynna steigen von ihren Pferden ab, geben die Zügel einem Knecht und begrüßen den beleibten Ritter. „Kommt doch hinein, das Mittagsmahl wird gleich serviert. Es gibt Reh! Wie vorzüglich!“, strahlt er über beide Pausbacken grinsend. Offensichtlich tut seinem Gemüt die Abwesenheit von Lady Wulfgrid äußerst gut. „Sehr gerne Gorbrand. Aber viel wichtiger ist, dass wir heute Abend ein Fest zu Ehren Traviaholds geben müssen“, mahnt Gwynna eindringlich beim Betreten des Hausen. „Hohoho, also ich mag dich sehr Traviahold, aber ein Fest?“, kichert der Ritter. „Nun, Schwiegervater, ich weiß nicht, ob Lady Wulfgrid es dir noch nicht gesagt hat, aber deine Tochter hat den Segen der gütigen Mutter empfangen“, erklärt Traviahold. „Welche?“, fragt Gorbrand völlig verwirrt. „Natürlich Darpatia!“, erwidert Gwynna schockiert. „Oh, was? Natürlich! Glückwunsch mein Junge. Dann werde ich ja Großvater. Ich werde Großvater! Ludwig!“, der Hauskämmerer erscheint hinter einer Ecke. „Ja mein Herr?“ „Bereitet ein Fest für heute Abend vor. Zügig! Ich werde Großvater!“ „Sehr wohl mein Herr. Und Glückwunsch mein Herr.“ Gorbrand winkt nur ab und läuft dann beschwingt und grinsend in Richtung des Essenssaals, Gwynna und Traviahold folgen ihm belustigt. „Mensch, Mensch, Mensch mein Junge. Als ich dich die ersten Male sah, hätte ich nicht gedacht, dass du das kannst.“ Traviaholds Augen werden skeptisch größer, als Gorbrand so am Essenstisch spricht. „Aber ich wette, Darpatia lässt dich immernoch nur unten liegen. Ganz ihre Mutter!“, lacht der Ritter schallend. Während Gwynna die Augen verdreht, wird Traviahold knallrot, weiß nicht, wo er hinblicken soll und verschluckt sich leicht, so dass er husten muss. „Hab dich nicht so, dafür muss man sich als Mann nicht schämen, sieh mich an, ich kenn das nur zu gut. Hehehe!“ „Ich glaube das reicht Gorbrand“, geht Gwynna scharf dazwischen.  „Ist ja gut, ist ja gut. Ich freu mich doch nur so sehr!“ Sie genießen das Mittagsmahl, danach stürzt sich Gorbrand in die Vorbereitungen für das Fest, während Traviahold mit seiner Mutter die Entspannung am herrschaftlichen Gartenteich genießt.

Reise nach Rommilys – Teil V „Dettenhofen“

Am nächsten Morgen wurde Traviahold bei den ersten Praiosstrahlen durch eine Magd geweckt. Er gönnte sich eine ausgiebige Waschung und setzte sich danach mit gepackten Sachen in den Schankraum, um ein kräftigendes Morgenmahl zu sich zu nehmen. Als der Wirt einen zweiten Krug frischer Milch brachte, sprach Traviahold ihn an: „Werter Herr Ochsenstolz, was darf ich euch für die äußerst traviagefällige Rast und Verpflegung geben?“ Der Wirt des Gasthauses „Zum stolzen Ochsen“ grinste schief: „Euer wohlgeboren Ehrwürden, im Namen der gütigen Herrin Travia, eure Anwesenheit ist mir Lohn genug für die Bewirtung.“ „Nein, nein, nein, ich bestehe darauf euch zu bezahlen!“, erwiderte Traviahold harsch. „Wenn der Baron davon erfährt…“ „…wird er lernen, dass nicht alle seine Söhne sind wie er!“, wurde Traviahold nun ungehalten. „Tut mir leid, ich werde euch keinen Preis nennen“, meinte der Wirt abschließend, bevor er Traviahold zurück ließ. Dieser ließ sich seufzend gegen die Wand zurückfallen. Es war nicht zu glauben! Nur seines Blutes wegen hat er es soviel einfacher im Leben. Mit jedem Atemzug empfand er es als noch unfairer. Er würde sich dafür einsetzen, dass diese Regeln in seinem Kloster und im Orden nicht gelten würden!

Als er fertig gegessen hatte, nahm er seine Sachen in der Hand und verließ mit einem „Möge Travia euch behüten!“ das Gasthaus. Die Magd, die seinen Tisch abräumte, fand dort fünf Silber liegen… Die Tür fiel gerade hinter ihm zu, als er fast mit einer Gestalt zusammenstieß. „Entschuldigt, ich war nicht aufmerksam“, sprach der die, von der Gestalt her, Frau an, ohne ihr Gesicht sehen zu können, welches von der tief gezogenen Kapuze verdeckt wurde. „Ihr müsst euch nicht entschuldigen Junge, ich habe genau euch treffen wollen“, erwiderte die Frau. Traviahold kam die Stimme merkwürdig bekannt vor. „Wie komme ich zu dieser Ehre?“ „Ich hörte, du wärst in der Stadt und wollte dich nach so langer Zeit wiedersehen mein Junge.“ Traviahold war überrascht ob des Tonfalls, doch als die Frau leicht den Kopf hob und er endlich ihr Gesicht sehen konnte, schlich sich ein überraschtes aber freudiges Lächeln auf seine Lippen. Er schaute sich vorsichtig um, und als er sich sicher war, dass niemand ihnen Achtung schenkte, nahm er die Frau in eine herzliche Umarmung. „Mutter! Bei Travia! Aber warum läufst du so verhüllt herum?“, stieß er deutlich flüsternder hervor, als es ihm lieb war. „Ich wollte die Garde nicht aufscheuchen und dachte mir, dass dir das vielleicht auch ganz lieb ist. Dein Vater ist nicht sehr gut auf dich zu sprechen dieser Tage.“ „Das dachte ich mir schon, deswegen wollte ich auch alsbald wieder fort aus Dettenhofen.“ „Wo willst du denn hin? Ich erhielt nur Nachricht, dass du hier eingetroffen wärst.“ „Ich muss nach Rommilys, in einer dringlichen Angelegenheit des Ordens.“ „Dieser Orden. Er hat Zwist in unsere Familie gebracht. Ich habe dich und Siggi immer sehr geliebt, aber ich verstehe nicht, wie es dazu kommen konnte. Auch meine Schwester wollte mir nichts erzählen. Apropos…“, ein kurzes Zucken ihrer rechten Hand, ein Klatschen in Traviaholds Gesicht, ein überrascht entsetzter Ausdruck in den Augen, „…wie konntest du es wagen ohne meine Einwilligung und ohne mein Beisein den Traviabund einzugehen! Wie konntest du das deiner armen Mutter antun!?“ „Mutter! Nicht so laut! Ich möchte dir so gerne alles erklären! Aber dafür ist jetzt keine Zeit!“ „Oh doch! Für seine Mutter hat man immer Zeit! Auch als Ehemann, Ordensprior oder Klosterabt! Aber die Götter sind dir hold. Ich muss eh nach Hardmund, wir können gemeinsam reiten und du wirst Hardmund nicht verlassen, bis ich mich ausreichend informiert fühle! Und jetzt los, hol dein Pferd, wir sollten los, bevor mich doch noch jemand erkennt!“ „Jawohl Mutter!“

Und so ritten in gemütlichen Tempo beide aus Dettenhofen fort, in Richtung Praios, nach Hardmund. Auf dem Weg entlang des Ufers des Ochsenwassers erzählte Traviahold die Geschichte von Anfang an, unterbrochen nur von wenigen verwunderten Nachfragen seiner Mutter.

Den Göttern gefällig

8. Peraine 1027 n. BF

Gemächlich schreitet Mhanach voran. Ein Glied in der Kette der Gefährten, die sich durch das karg bewaldete Gebiet östlich der schwarzen Sichel bewegt. Auf ihm sitzt die Botin Firuns tief in Gedanken versunken.

Das war sie also. Meine erste Begegnung mit einem Firungeweihten. Er konnte mir nicht helfen. Er hatte offenbar noch kaum Erfahrung. Stattdessen schickt er mich in eine sogenannte Schwitzhütte zur Meditation. Hitze statt Kälte, um Firun nahe zu sein …

Dennoch schweiften meine Gedanken rasch weit weg. Zu einer schneebedeckten kargen Ebene. Es war jedoch nicht kalt. Nicht einmal als ich meine Stiefel auszog. Es zeichnete sich keine Erhebung ab. Eine sehr geordnete Leere. Nur in der Ferne war ein kleiner Wald zu sehen. Doch außer der kleinen Jagdhütte fand sich kein Leben in diesem Wald, keine Spur zeichnete sich ab, nicht ein einziger Hinweis. Im Innern der Hütte hielt sich ein Wesen in Gestalt eines alten Mannes auf, welches sich selbst als Zwischenwesen bezeichnete. Als ein Weisen zwischen Alveranier und Jenseitigem. Als ein Wesen des Ausgleichs.

Er wusste von meinem Wunsch die Weihe Firuns zu erfahren. Er wusste überhaupt alles von uns. Er offenbarte mir, dass ich ja bereits von Firun erwählt sei und ihm daher nicht näher zu kommen ‚brauche‘. Firungeweihte im Allgemeinen schauen zu mir auf, wie die Geschichte im Holz des Tempels bezeuge. Eine Weihe sei für meine Aufgabe daher nicht vorgesehen.

Nein! Bei des Ebers Hauer, das ist nicht wahr!

Ich wollte mit einem Abgesandten Firuns sprechen und nicht mit diesem Wesen, welches mich arglistig zu täuschen versucht. Niemals hätte mich Firun oder einer seiner Abgesandten einfach so empfangen, ohne mich schon auf dem Weg dorthin mit Kälte und Verzicht zu prüfen. Und wie kann es einen Wald ohne Leben geben? Das wäre das Ende allen Seins. Das wäre das Reich Nagrachs! Elender! Steht der Firungeweihte in Gallys bereits unter dämonischem Einfluss? Erstreckt sich die Macht der Schwarzen Lande bereits bis hier? Ich habe das nicht überprüft! Welch eine Schande! Ich war zu sehr mit mir selbst und meinen Gedanken beschäftigt.

Wie oft habe ich versucht Kontakt mit Firun aufzunehmen? Ihn gebeten mir zu weisen was ich tun soll? Bin ich seiner Gegenwart unwürdig oder fordert er von mir Selbstbestimmtheit? Scheinbar von den Göttern verlassen, streiten wir für sie. Oder ist es ihnen vielleicht nicht möglich mit uns direkten Kontakt aufzunehmen? Das passt ja alles gut zusammen. Und jetzt soll ich einfach zulassen, dass ein „Wesen des Ausgleichs“ Zweifel in mir säht? Nicht mit mir!

Man kann seinem Gott nicht nah genug sein! Alle Menschen streben danach. Ich wiederstehe der Versuchung. Ich werde nicht von meinem Ziel ablassen. Nein! Jenseitiger Alveraner! Nein! Fahr in die Niederhöllen oder noch weiter weg! Das war nur ein weiterer Versuch einen Anker zu fällen. Doch ich bleibe standhaft!

Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wird Firun mich weihen! Ich finde einen anderen Geweihten, der mir hilft. Oder auch nicht. Dann eben ohne Priester! Nehazet hat mir versprochen, dass wir nach Norden in die Eiswüste ziehen. Tun wir das! Dort werde ich Firun persönlich seinen Speer zu Füßen legen. Kälte und Hunger können mich nicht aufhalten. Und Hitze ist ja wohl ein schlechter Scherz.

—————————————————————————————————————

Kurz darauf kämpft die Gruppe gegen einen dämonisch beeinflussten Greifen. Azina sprang auf seinen Rücken und versuchte ihn am Weiterkämpfen zu hindern, als Sieghelm ihm mit einem gewaltigen Streich den Bauch aufschlitzt. Sie wurde zwei Mal schwer von reiner göttlicher Energie getroffen und kann sich nun kaum noch auf den Beinen halten.

Das … war … heftig. Ich fühle mich ganz schwach. Dieser Greif ist ja beim Sterben explodiert. Ich trage keine sichtbaren Wunden davon. Es ist, als ob mich sämtliche Energie verlassen hat. Aber ich nehme keinen Heiltrank. Das fühlt sich falsch an. Ich bin getroffen von göttlicher Energie, das muss mein Körper von allein schaffen.

Nehazet meinte, ich solle die abgeschlagene Kralle sowie einige Federn behalten. Sie seien unempfindlich gegen Magie und können diese beeinträchtigen.

Wir töteten ein göttliches Wesen. Ja, er hat uns angegriffen und ja, wir mussten uns verteidigen. Aber ich bin mir sicher, dass Nehazet eine Möglichkeit gefunden hätte, ihn von seiner dämonischen Beeinflussung zu befreien. Immerhin hat diese Beeinflussung auch Einzug in seinen Kopf gefunden. Und Nehazet findet immer eine Lösung. Wir hätten ihn vereint niederringen können. Dann hätte Nehazet genügend Zeit für die Heilung gehabt. Aber kaum erholte sich Sieghelm von seiner Blendung, hat er nichts Besseres zu tun, als ihn zu töten. Da nützt auch sein Gebet an Praios wenig. Das war voreilig.

Ich trauere um diese göttliche Existenz. Ich erinnere mich wie strahlend schön der Herold in Gareth aussah. Auf diesem armen verwirrten Greifen konnte ich nur einen kurzen Blick werfen, ehe er völlig ausrastete. Zumindest wissen wir nun wahrhaftig, womit wir es zu tun haben. Die Greifen der schwarzen Sichel werden pervertiert. Sein Opfer darf nicht umsonst gewesen sein. Nehazet muss einen Weg finden sie zu heilen. Denn wir können doch unmöglich alle befallenden Greifen schlachten. Vielleicht helfen uns hier wirklich seine wenigen Überreste weiter.

Bitte verzeihe uns diese Sünde. Wir tun es für die anderen Greifen, auf dass ihnen das zugedachte Schicksal erspart bleibe.

___________________________

Azinas Gedanken

Teil VIII – Interludium (2)

Vidkun

„Ich erachte die Quelle als unzuverlässig“, raunte Vidkun, während er in stolzer Haltung seine dünnen Arme in die Hüften stemmte. Er war an die zwanzig Götterläufe jung, trug einen Wappenrock in den Farben seiner Herrin, einen dunkelblauen Gambeson und einfache Lederteile zum Schutz gegen einfache Hieb- und Stichwaffen. Seine dünnen blonden Haare fielen ihm zur Hälfte ins Gesicht. Auch wenn er noch sehr jung aussah, so konnte ein aufmerksamer Beobachter in seinen dunkelbraunen Augen einen Charakter ausmachen, der viel älter und erfahrener war, als der Körper, in dem er steckte. Ihm gegenüber stand eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. „Du zweifelst an mir?“, zischte eine weder weiblich noch männlich klingende Stimme unter der Kapuze. „Nicht an dir, sondern an der Glaubwürdigkeit deiner Quelle – aus welchem Grund sollte uns …“, versuchte Vidkun es im beschwichtigenden Tonfall, doch er wurde mit einer abschneidenden Geste der verhüllten Gestalt unterbrochen „ … weil wir den gleichen Feind haben, Vidkun – gerade du solltest das am besten wissen.“ Der Junge wandte sich ab und besah sich den Innenraum des Heuschobers in dem die beiden nun schon einige Momente zusammen standen. Von draußen drang heiteres, unbedarftes Lachen durch die Spalten der Bretter. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Er drehte sich wieder zu der verhüllten Gestalt. „Nun gut, nehmen wir einmal an, dass die Quelle uns nicht hereinlegen will – so wie sie es schon immer getan hat – dann hieße das, dass ich allein etwas gegen ihren gefallenen Anker ausrichten kann. Denn ihre Streiterin befindet sich zur Zeit am Hofe in Gareth und ich trage Iribaars Spiegel.“ „Ganz genau“, bestätigte die Kutte zischend. „Sag es mir noch einmal: Warum in Amazeroths Namen soll ich diesen Haufen unbedeutender Wesen retten?“ Vidkun glaubte so etwas ähnliches wie ein schweres Atmen aus dem Innern der dunklen Kutte hören zu können. „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele weitere Jahre im Dunkeln umherirren.“ Vidkun prustete verächtlich. „Sie sind uns wirklich noch so weit hinterher…“, sprach er und schweifte damit etwas vom Thema ab, als er daran dachte, wie wenig der Orden wusste und wie engstirnig sich dieser Schutzorden bisher in seinen Augen verhalten hatte. Für ihn hatten die Bewohner der 3. Sphäre in der langen Zeit, in der ihr gemeinsamer Feind bekannt war, schlichtweg zu wenig erreicht. Der Orden war seines Erachtens der erste Versuch mit Aussicht, etwas Konstruktives zu werden. Wenn sie doch nur jemanden mit mehr Verstand als Muskelmasse an die Spitze gewählt hätten. Vidkun dachte für einen kurzen Moment darüber nach, ob es vielleicht auch nur ein windiger Zug war, den lenkbaren Ritter zum Oberhaupt zu machen, während die klugen Köpfe aus dem Hintergrund agierten und sich damit selbst nicht zur Zielscheibe machten. Besaßen die Bewohner dieser Sphäre etwa doch mehr Verstand als er ihnen zutraute? Die Kutte nickte nach Vidkuns Aussage. Der junge Knecht setze seinen Gedankengang fort: „Jetzt müssen wir also schon – wie sagt man hier – Amme für sie spielen und ihnen dabei helfen, zu Erkenntnissen zu gelangen, zu denen sie schon vor Jahren selbst hätten kommen sollen?“ Von draußen erklang ein Ruf, so als würde jemand gesucht werden. Die verhüllte Gestalt und Vidkun blickten kurz zur Seitentür des Schobers. „Mach dir keine Sorgen, ich habe dafür gesorgt, dass er tief und fest schläft.“ Vidkun deutete auf eine der Pferdeboxen in denen im Schatten ein junger Mann lag, der genauso aussah wie er. Ein Pferdeknecht der Greifenfurter Ritterin. Vidkun stutzte plötzlich. „Sagtest du in zwei Tagen? Ich hörte wie die Ritterin sagte, dass sie erst in drei Tagen an Burg Friedstein ankommen würden.“ Die Kutte nickte wieder. „Dann bleibt mir wohl keine Zeit. Ändern wir unseren Plan ab. Ich werde mich mit Iribaars Spiegel der Limbusverschlingerin stellen und den Studiosus retten.“ Die Kutte nickte wieder und sprach dann zischend: „Du wirst wohl deine Tarnung vor Ort aufgeben müssen. Die Schutzritter werden es nicht verstehen.“ Vidkar musste grinsen, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. „Ha, meinst du sie würden mir glauben, wenn ich Ihnen sagen würde, dass unsere Quelle ihre Göttin Hesinde ist, welche uns diese Informationen zukommen ließ und uns dazu brachte ihnen zu helfen? So engstirnig wie sie sind, würden sie es nicht verstehen.“ Wieder erklang der Ruf, doch dieses Mal fordernder. „Ich werde mir etwas überlegen, wie ich vor Ihnen in schon zwei Tagen an Burg Friedstein sein kann, ohne dass es auffällt. Wir sehen uns, wenn das alles hier vorbei ist.“ „Der Prächtige wird dich mit Wissen segnen“, zischte die androgyne Gestalt unter der Kutte und löste sich dann in einen verwehenden schwarzen Nebel auf. Vidkun, der in Gestalt des Knappen war, blieb alleine zurück. Er änderte seine Haltung, ging nun etwas gebückter mit zusammengekrümmten Schultern. Viel weniger stolz und selbstsicher, sondern so wie es sich für einen jungen Pferdeknecht gehörte: unterwürfig. „Hey ja, ich komme, Lady Brangane!“, rief er laut, im unsicheren Tonfall, durch die Bretter des Schobers. Vidkun hatte bereits einen Plan.

Teil VIII – Interludium (1)

Brangane

Es war an einem schönen Feuertag im Peraine, als die Bewohner vom Eilingshof das ruhige Donnern von zahlreichen herantrabenden Pferdehufen vernahmen. Zwei Lanzen Berittener, in den Dörflern unbekannten Farben, näherten sich. Auf dem trockenen Karrenweg lösten sich von den zahlreichen Hufen der Pferde große Staubwolken, die über die frisch gewachsenen Hirsefelder wehten. Auf dem Hofplatz, der gleichzeitig Treffpunkt und Warenumschlagplatz war, eilte eine ältere Magd geschwind in eines der flachen mit Reet bedeckten Fachwerkhäuser. Zwei Winhaller bellten aufgeregt und flitzten auf dem Hof hin und her. Hastig wurde ein Karren mit leeren Fässern zur Seite geschoben. Die herannahenden Reiter, die aufgereiht wie auf einer Perlenschnur hintereinander ritten, denn der schmale Weg bot nicht mehr Platz, erreichten donnernd den Hof. Sofort scherten die Pferde zu beiden Seiten aus und bildeten die Formation eines Halbkreises. Die Muskeln der Pferde zitterten noch, als der Staub des trockenen Wegs bis in den Hof hineingetragen wurde und Jahan Eiling, der Besitzer des Hofs, nach draußen zu den Berittenen kam. Der Dunst fing sich in seinem schwarzgrau meliertem dichten Bart. Er hielt sich ein geblümtes Tuch vor den Mund, was die ältere Magd hinter ihm nicht tat, weshalb sie im Gegensatz ihm husten musste.

„Beruhige die Hunde“, wies er die die Magd mit ruhiger Stimme an und ging dann auf das Zentrum der Reiterlanzen zu.  Noch während die Winhaller Wolfsjäger energisch bellten, trat Jahan Eiling zu dem schwarzen Greifenfurter Kaltblut mit dem dünnen Aalstrich auf der langen Stirn. Selten hatte Jahan Eiling ein so prächtiges Pferd gesehen, zumal sie nur in der Baronie Hexenhain nahe Greifenfurt – also weit weg von hier – gezüchtet wurden. Mit ruhiger Hand tätschelte er den Kopf des Pferdes, berührte achtsam den weißen Aalstrich und sah dann zum Reiter auf. „Es ist ein langer Ritt von Greifenfurt nach Hammerschlag. Eure Pferde sehen müde aus, gerne könnt ihr hier Rast machen. Doch erlaubt mir die Frage zu stellen, was euch hierher führt?“ Jahan Eilings Stimme war ruhig und sein Tonfall ehrlich interessiert. Seine buschigen Augenbrauen tanzten angestrengt über seinen Augen auf und ab, da sich der aufgewirbelte Staub sich noch immer nicht gelegt hatte und er mühsam zum Reiter aufschauen musste. Wortlos griff der Reiter in seine Satteltasche und fingerte eine Depeschenhülse hervor, um sie dem alten Mann zu reichen. „Ein Schreiben von seiner Exzellenz Nehazet“, beschrieb Jahan Eiling als er die Hülse öffnete. Er las den Inhalt des Schreibens und sagte: „Festung Friedstein befindet sich hinter dem Wäldchen – ihr könnt die Wehrtürme von hier aus schon sehen. Dort könnt ihr auch Sir Gneisor antreffen.“ Jahan Eiling deutete mit einer Hand in Richtung der untergehenden, rot glühenden Praiosscheibe.  „Dies hier ist nur ein einfacher Hof, Lady Brangane.“ Den Namen der Reiterin entnahm er dem Schreiben, welches von seiner Exzellenz Nehazet ibn Tulachim persönlich geschrieben und gesiegelt war. Die Reiterin öffnete das Schutzvisier ihres Helms und vom Vorschein kam das markante Gesicht der jung gebliebenen Kriegerin aus Greifenfurt. „Ich danke dir …“ sie machte eine fragende Pause. „Nennt mich Eiling, Jahan Eiling.“ Der alte Mann lächelte mit einem Mundwinkel. „… Eiling. Das Angebot die Pferde tränken zu lassen, nehme ich dankend an. Wir machen nur kurz Rast und werden dann weiter.“ Zu den zwei Lanzen gewandt sagte sie dann im lauten Befehlston: „Absatteln! Tränkt die Pferde – ihr habt zehn Momente – dann reiten wir weiter.“

Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn stieg ebenfalls von ihrem Pferd ab und übergab Jahan Eiling die Zügel ihres Pferdes. „Gib gut auf sie acht“, intonierte sie. Ihre leichte Reiterrüstung hatte viel Staub und Dreck vom Reiten gefangen und bevor sie Friedstein erreichte, wollte sie wieder ordentlicher aussehen. Mit einem Wink ließ sie einen Waffenknecht herankommen, der ihre Rüstung abputzen sollte. „So sauber wie letztes Mal“, ordnete sie mit befehlsgewohnter Stimme an. Ihr Knecht stutzte, nickte dann und wollte gerade loseilen, um das Rüstungspflegeutensilien zu holen, da bemerkte Lady Brangane seinen Blick und hakte nach: „Was schaust du so, Junge?“ Der junge Knecht, der nur einen simplen Wappenrock in ihren Farben trug, zögerte mit der Antwort. Augenscheinlich war er verunsichert. „Raus mit der Sprache!“, tönte Brangane im scharfen Ton hinterher. „Es … es … es steht mir nicht zu euch zu korrigieren, euer Wohlgeboren, aber ich habe eure Rüstung noch nie gereinigt“, widersprach der Knecht im ehrfürchtigen Ton. Lady Brangane kramte kurz in ihren Gedanken. Sie war sich sicher, dass ihre Rüstung schon einmal, kurz vor Ferdok, von ihrem Knecht gereinigt wurde. „Du hast nahe Ferdok meine Rüstung gereinigt. Daran erinnere ich mich genau. Ich musste die Rüstung nicht einmal ausziehen dafür.“ Der Knecht blickte verwirrt hin und her.  Hatte er es etwa wirklich vergessen? Doch etwas selbstsicherer antwortete er dann: „Nein, Herrin – das war ich nicht.“

Teil VII – Märtyrer (3)

Auf den Wällen – Brangane

Mit flinken Füßen eilte die Kriegerin die steinernen Stufen des Wehrturms hinab. Von oben, durch die Dachluke, tönten noch kurz Schmerzens- und Hilfeschreie, doch die Ritterin eilte unbeirrt weiter.  Sie erreicht eine Zwischenebene, welche als Aufenthaltsstube genutzt wurde. Ein paar Regale, Kisten, Kleidertruhen und Schlafstätten standen hier geordnet auf der Zwischenebene. Der Treppenabgang, der weiter nach unten in den Burghof führte, befand sind auf der anderen Seite des Turmrunds. Also rannte Brangane weiter, vorbei an Kisten und Truhen. Plötzlich brach eine der Türen auf, Holz splitterte ins Innere und flog nur knapp an der Ritterin vorbei. Eine der niederen Abscheulichkeiten quetschte sich flink durch den gedrungenen Eingang herein und begann sofort mit seinem außerderisch schrillen Geschrei. Brangane hatte keine Wahl, die Bestie befand sich zwischen ihr und dem Treppenabgang, also machte sie sich bereit und stellte sich sofort kampfbereit auf. Die Bestie verlor keine Zeit und stürmte instinktiv – wenn man davon ausgeht, dass diese Wesen so etwas wie einen Instinkt besaßen – auf Brangane zu. Diese machte im rechten Zeitpunkt einen Schritt nach vorne und presste mit ihrem Schild gegen die tödlichen Fangarme, wobei es unnatürlich laut schepperte. Dann hieb sie mit ihrem Rabenschnabel zu. Der erste Schlag verfehlte sein Ziel nur knapp und kratzte sinnlos über den Chitinpanzer. Die Bestie schrillte auf, doch Brangane schien es nichts auszumachen. Einer der Fangarme versuchte sich am Schild vorbei zu buxieren, doch Branganes Kampfposition war zu geschickt, um sie zu erreichen. Wieder schlug sie zu, dieses Mal zwischen zwei der wehrhaften Panzerplatten. Es knackte laut, als der lange Dorn des Rabenschnabels ins Innere des Wesens eindrang. Die Abscheulichkeit stieß hölzernes Geklapper aus, ehe es von Branganes Rabenschnabel zur Seite gezerrt und gegen einen Schrank geschleudert wurde. Die Bestie prallte so heftig gegen den Schrank, dass dieser unter seiner Last zusammenbrach und einstürzte. Dutzende Gegenstände, Tonkrüge und kleinere Kisten purzelten heraus, zerbrachen und verursachten ein heilloses Durcheinander, ehe sie den nunmehr leblosen Körper des Wesens bedeckten. Branganes Weg war nun frei, sie hielt sich nicht länger auf und setzte ihren Weg fort.

Eine Ebene tiefer hörte sie wieder das schrille Geschrei und Geklapper einer der skorpionähnlichen Abscheulichkeiten. „Bitte, helft mir!“, schrie eine weibliche Stimme. Der Ruf galt Brangane und kam von einer älteren Stallhelferin die zitternd einen Schürhaken, den sie sich wohl schnell zur Verteidigung gegriffen hatte, vor sich hielt. Die Abscheulichkeit direkt vor ihr schien die ältere Frau zu verhöhnen oder auf den rechten Moment zu warten, denn bis auf den Schürhaken gab es eigentlich keinen Grund zu warten. Branganes Blick ging zur Tür zum Hof, der Weg war frei, denn die Stallhelferin und die Abscheulichkeit waren auf der anderen Seite des Turmrunds. „Herrin, bitte! Hilfe!“ Die Stimme der Frau vibrierte vor Furcht und Verzweiflung im Angesicht ihres drohendes Endes. Brangane verlor keine Zeit und rannte – ohne die Frau eines Blickes zu würdigen – schnurstracks auf die Tür zur. Das Zerreißen von Fleisch und Gelenken, gepaart mit Todesschreien, die in ein blutiges Gegurgel endeten, drangen noch zu den Ohren der Ritterin herüber, ehe sie den Ausgang des Wehrturms erreichte.

Der Geruch von Blut und Schweiß wehte kühl über den Wehrhof, als Brangane ihn erreichte. Hier und dort kämpften auf den Wällen und im Innenhof Infanteristen und Bogenschützen gegen die Abscheulichkeiten. Rötliche Blitze zuckten über das Zentrum des Hofes in etwa zehn Schritt Höhe, als die Gestalt von Sara’kiin dort aus einer Art Riss erschien. Als sie komplett hindurchgeschwebt war, schloss sich der Riss mit einem dumpfen Ton. Sara’kiin, der gefallene Anker Saria Fuxfells, schwebte dort in der Höhe. Schwarzweiße Gewänder hüllten sie ein. An den Füßen, Händen und auf dem Kopf trug sie jedoch dunkelschwarzes zackiges Metall, so dass man weder Gesicht noch andere Stellen ihres Körpers sehen konnte. In der linken Hand hielt sie einen gewundenen weißen Stab mit blauen Einschlüssen. Niemand, außer wohl Sara’kiin selbst, wusste, warum sie dort in der Mitte der Festung schwebte. Wie eine Feldherrin, die über das Schlachtfeld blickte, schien auch sie dort, in sicherem Abstand zu allen, der sicheren Eroberung der Festung Friedstein zuzusehen.

Brangane machte eine paar Schritte ins Zentrum des Hofs, sie musste dabei an zwei Leichen von Abscheulichkeiten vorbei laufen. Ihr Blick ging nach oben, Sara’kiin hatte sie wohl noch nicht entdeckt. „Suchst du mich?! Ich bin hier unten!“, brüllte Brangane so laut sie konnte über den mit Kampflärm gefüllten Hof. Sara’kiins eisenbewehrter Kopf blickte herab und als sie Lady Brangane erblickte, drehte sich ihr Körper in der Luft ihr zu. Das heißt, ihr Schwebezustand verlagerte sich von einer stehenden in eine fast liegende Position. Dann streckte sie ihren weißen Stab aus und eine blau wabernde Kugel der Macht schoss direkt auf Brangane zu. Rasch hob die Ritterin ihr Schild über sich und ging leicht in die Hocke. Als die blaue Kugel auf das Schild prasselte, donnerte eine mächtige Explosion über den Hof. Blaues Licht, feine Blitze und wabernde Energie ergossen sich rund um das Schild, doch Brangane blieb wie durch ein Wunder unbeschadet stehen. Noch ehe sie das Schild senken konnte, flog ein weiterer blauer Energieball heran. Erneut donnerte er auf das Schild der Ritterin und drückte sie tiefer in den Boden des Hofs hinein. Auch dieses Mal waberte blaues Licht kugelartig um sie herum und kleine Blitze zuckten zu den Seiten. Brangane zog ihre Füße aus den Furchen, die der Druck auf ihren Körper verursacht hatte. Sie senkte das Schild, streckte sich und blickte zu Sara’kiin stoisch empor. Mit Hohn in der Stimme rief sie: „Mehr hast du nicht drauf? Ich bin enttäuscht!“

Da ihr Blick auf Sara’kiin gerichtet war, sah Brangane die niedere Abscheulichkeit, die sich ihr rasch näherte, nicht kommen. Mit einem Satz flog sie auf die Ritterin zu und riss sie mit der Wucht eines heraneilenden Stiers um. Das stachelbesetzte Maul biss sich tief in Branganes linke Seite, noch im Flug packten die beiden Fangarme der Bestie die Unterarme der Ritterin und verbissen sich darin. Die Abscheulichkeit kam auf Branganes Körper mehrere Schritt von der Position zuvor entfernt zum Liegen. Während das stachelige Gebiss sich tief in den Torso der Ritterin fraß und sie damit fixierte, zogen die mehrgelenkigen Fangarme ruckartig an ihren Unterarmen. Kein Laut drang aus Branganes Mund, während die Bestie auf ihr begann sie auseinander zu reißen. Doch so sehr die Abscheulichkeit auch zog, die Arme blieben am Körper der Ritterin dran, auch der Rabenschnabel und das Schild blieben stoisch in ihren Händen. Plötzlich krochen schwarze Tentakel, erst kleine und dann größere, um den Körper der Abscheulichkeit und begannen sich über ihr zu treffen, binnen eines einzelnen Lidschlags erwuchs auf dem Chitinpanzer der Bestie eine schwarze Masse, diese wuchs immer weiter und bildete rasch Extremitäten aus. Der Körper Branganes verschwand unter der Bestie, auch ihr Schild und der Hammer waren fort und ein durchweg schwarzer Körper, der einer Frau mit Rabenschnabel und Schild glich, hiebte mit einer gewaltigen Kraft auf den Schädel der Abscheulichkeit ein. Der Panzer zerbrach und die Abscheulichkeit streckte leblos alle Extremitäten von sich. Die schwarze Masse erhob sich und nahm plötzlich Farben an – es war der Körper von Brangane, der dort wieder – ohne jedwede Art der Verletzung – stand. „Ist das alles was du kannst? Komm her und stell dich mir!“, brüllte Brangane, die mit finsteren Blick wieder nach oben schaute, als wäre nichts von Belang passiert.

Sara’kiin schwebte herab und landete einige Schritt entfernt von Brangane auf dem Boden. Ihre Bewegungen waren, trotz ihrer bösartigen Gestalt, fließend und grazil. Anscheinend hatte die ehemalige Magierin des Konzils der Elemente einige ihrer Eigenschaften beibehalten.

„Iribaar und ich haben lange auf diesen Moment gewartet – erfüllen wir unser Schicksal und bringen es zu Ende“, sprach Brangane mit bedeutungsvoller Stimme, ehe sie sich bereit machte gegen den gefallenen Anker der Hesinde zu streiten. Der Kampf, den die beiden ausfechteten, konnte von nur wenigen – und dann auch nur zu Teilen – beobachten werden, da die meisten eher damit beschäftigt waren sich selbst gegen niedere Abscheulichkeiten zu wehren. Sara’kiin, die ihre außerderische Magie einsetzte, wechselte häufig die Position, sie verschwand quasi im Nichts, nur um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie warf zahlreiche blaue Energiebälle, die allesamt an Branganes Schild abprallten. Immer wieder zwang Brangane sie in den Zweikampf, doch diese pendelte ihre Schläge immer wieder mit elfengleicher Grazilität aus. Im Laufe des Gefechts kamen zwei Abscheulichkeiten Sara’kiin zur Hilfe, doch Brangane gelang es, beide mit gezielten Hieben auszuschalten. Irgendwann schaffte die Jenseitige ein Täuschungsmanöver, welches Brangane nicht kommen sah. Sie erschien nach einem Verschwinden nicht wie üblich irgendwo hinter ihr, sondern direkt über ihr. Der weiße, blau durchsetzte Stab traf Brangane am Kopf und brachte sie ins Straucheln. Den winzigen Moment der vorteilhaften Position nutzte Sara’kiin, um einen Bindungszauber auf sie zu werfen und sie damit zu umschließen, ehe sie sich fangen konnte. Dann hob sie Brangane an und schwebte mit ihr in die Höhe, denn Sara’kiin hatte etwas mit ihrer Gefangenen vor.

Teil VII – Märtyrer (2)

Im Innern

Sir Gneisor besah sich den Körper des jungen Studiosus genau. Sein Erscheinungsbild hatte sich drastisch verändert. Seine rosafarbene Haut, die ihn stets jugendlich hat wirken lassen, war einem blassen Teint gewichen, der von dunklen Adern durchzogen war, welche sich sowohl in den Unterarmen als auch am Hals vom Rest der Haut absetzten, wie Steineichenbalken in einem gekalktem andergastischen Fachwerkhaus. Die hellblauen und neugierigen Augen des Abkömmlings des Hauses Tarnel waren ebenfalls dunkel geworden, wie Obsidian, umgeben von einem elfenbeinfarbenden Bett, starrten sie stoisch am Ritter vorbei. Die Gesichtszüge des Jungen schienen im Moment der Gleichgültigkeit erstarrt. Keine Neugier, keine Furcht, kein Schalk und kein jugendhaftes Feuer war mehr im blassen Gesicht zu sehen. Auf dem linken Unterarm des Jungen lag ein aufgeklappter dicker Foliant. Sir Gneisor konnte aufgrund der Lage des Foliants nicht erkennen, um welches Buch es sich handelte.

„Halrik?!“ testete Sir Gneisor mit Vorsicht, aber dennoch fester Stimme an. In der Erwartung eine unwillkommene Reaktion herauf zu beschwören, umklammerte er das Heft seines Anderthalbhänders noch fester. Augenblicklich drehten sich die obsidianfarbenden großen Augen des Jungen zum Ritter. „Sir Gneisor.“ Es lag kein Ausdruck in der unverändert klingenden Stimme. Der Ritter wusste nicht, sollte es seine Frage, eine Feststellung oder gar ein Hilferuf sein. Hinter Gneisor positionierte sich Ingmar, der Knappe des Ritters. Auch er machte sich für einen Kampf bereit. „Halrik, bist du es?“ versuchte es Gneisor erneut, legte jedoch dieses Mal mehr Sanftmut in seine Stimme, so als würde er zu seinem Sohn sprechen. „Ja. Ich bin es“, entgegnete dieser knapp, ohne auch nur einen Hauch von Mimik zu zeigen. „Wir werden noch immer angegriffen und müssen hier raus. Hast du einen Weg gefunden?“ Der Ritter entschied sich, die unwichtigen Teile zu überspringen und gleich zur Sache zu kommen. Womöglich gelang es ihm auf diese Weise zu Halrik durchzudringen. Die Lider des Jungen klapperten mehrmals, als würde er aus einem Tagtraum erwachen. Erschrockene, fast schon ängstliche Mimik flog über sein Gesicht. „Ja, ja … es gibt einen Weg. Friedstein wurde in den Vortex gerissen. So beginnt alles.“ „Wie können wir es rückgängig machen?“ Gneisor lockerte sich etwas, anscheinend war noch genug von Halriks Geist in dem von Dunkelheit durchsetzten Körper. Er fragte sich kurz, ob Halrik wusste, wie er aussah und was mit ihm geschehen war. Doch dann erinnerte er sich an seine eigene Kriegerausbildung. Meist wurden Verletzungen im Rausch des Kampfes einem erst dann bewusst, wenn man darauf hingewiesen wurde. Das Gleiche könnte auch mit Halrik geschehen. Und dieses Risiko konnte und wollte er jetzt nicht eingehen. „Hier im Vortex, sind die Götter abwesend – sie alle. Sie haben keine Macht über diesen Ort, denn sie sind es, die unsere Welt beschneiden und uns die Macht nehmen. Hier … ist die Magie noch frei, denn ALLES ist Magie. Materie, Zeit, Leben … einfach alles … und man kann sie lenken. JEDER kann sie lenken.“ Begeisterung flammte in Halriks dunklen obsidianfarbenden Augen auf, wie ein Kind, dass voller Stolz von seinem ersten Ritt auf einem Steckenpferd berichtet.  „Doch wie hilft uns das, Halrik?“  unterbricht Sir Gneisor die Euphorie des Jungen. Die Gesichtszüge des blassen Halriks erhärten wieder. „Mit … Wortzauberei … wenn man die Worte richtig ausspricht, SIND sie Magie. Ich vermag Burg Friedstein wieder aus dem Vortex nach Dere zurückholen.“ Gneisor glaubte Enttäuschung im letzten Satz des Studiosus zu hören. Der Marschall erkannte: Halriks Geist begann zu korrumpieren. Er musste jetzt an seinen gesunden Menschenverstand und seiner tief innewohnenden Güte appellieren. „Dann rette uns alle, alle die die dir wichtig und teuer sind, und hilf uns, Burg Friedstein und seine Bewohner zu retten!“ „Ja“, hauchte Halrik knapp, und dieses Mal war seine Enttäuschung stark zu spüren, sogar so stark, dass Ingmar es bemerkte. Gneisor hörte, wie sich sein Knappe noch immer nicht gelockert hatte und noch weiter bereit war anzugreifen. „Also gut, was musst … was müssen WIR tun, Halrik?“ Halrik sah nach oben, als könnte er durch die dicken Mauern der Festung hindurchblicken. Vielleicht konnte er es sogar? „Sara’kiin selbst ist der Anker der die Festung hier im Vortex hält – wir müssen sie ausschalten. Dann kann ich uns zurück nach Dere bringen.“ „Dann gehen wir es an, auch wenn uns die Götter hier nicht beistehen können, so können wir trotzdem für sie streiten.“ Die pathetischen Worte des Ritters ließen Halrik kurz zusammenzucken. Dann machten sich die drei auf, den Burgfried zu verlassen. Von draußen drang noch immer leichter Kampflärm, es war also noch nicht vorbei und noch hatte keine Seite gewonnen. Solange es also Menschen gab, die bereit waren ihr Leben geben und ein Schwert zu führen, gab es noch Hoffnung, dachte Gneisor.

Der Marschall, sein Knappe und der Studiosus eilten durch die dunklen Flure des Frieds. Die Tür zum Burghof war offen, im Eingang lag ein Infanterist, sein rechter Arm war ausgerissen und eine dicke Blutlache hatte sich über die Steine ergossen. Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen, im Moment seines Todes hatte er wohl mit ansehen müssen, wie ihm sein Arm ausgerissen wurde. Die drei drückten sich am schmalen Eingang an der Leiche des Mannes vorbei nach draußen. Sie hielten alle sofort an, der Lärm des Kampfes war hier viel deutlicher zu hören, als im Innern. Instinktiv stellten sich der Ritter und sein Knappe Kampfbereit um den Studiosus auf. „Dort!“ rief Halrik und deutete in die Luft. In der Mitte des Burghofs schwebte in zehn Schritt Höhe eine abscheuliche Gestalt, gehüllt in schwarzweiße Stoffe und einem metallenen Helm mit sich nach oben hin verjüngenden Spitzen. Ein blau waberndes Leuchten ging von ihrer Hand aus und hielt die nur wenige Meter von ihr entfernte Ritterin Brangane in einem festen magischen Griff. Die Luft zwischen ihnen vibrierte, so dass alles miteinander verschwamm. „Das ist Sara’kiin“, sagte Halrik fast schon ehrfürchtig, und im gleichen Moment traf sie ein Pfeil von der Seite. Das blaue Band erlosch ruckartig und der Körper von Brangane fiel wie ein nasser Sack zu Boden. „Nein!“ brüllte Gneisor, der sofort seine Kampfposition aufgab und auf sie zueilte noch ehe sie den Boden berührte. Ingmar blickte kurz zwischen Halrik und seinem davoneilenden Ritter hin und her, um dann treu hinter seinem Herrn her zu rennen und Halrik alleine stehen zu lassen. Ein tödliches Scheppern klapperte über den Burghof, als der Körper von Brangane samt ihrer Rüstung auf dem Boden aufkam.

Halrik beleckte mit seiner schwarze Zunge seinen Zeigefinger und blätterte in aller Ruhe eine Seite in dem Folianten um. Sein Blick huschte über die Zeilen und dann sprach er: „Snámhphointe.“

erste Legenden

Schlaflos wälzt sich die Botin Firuns in ihrem Bett hin und her. Gro’jesh grunzt neben ihr vor sich hin und lässt sich nicht stören. Wie klein sie neben ihm ist.

So beginnt es also. Das sind meine ersten Legenden. Geschichten, erzählt von einem Firungeweihten aus Gallys während eines Gottesdienstes. Ich selbst habe sie ihm erst tags zuvor erzählt. Unglaublich, dass bereits vor fünf Götterläufen feststand, dass ich – oder zumindest eine Frau – die Erwählte des Firun wird. War es vorherbestimmt, dass ich scheitere? Dass ich niemals die Gunst einer Familie erlangen würde? Ich hatte mein Ziel aus den Augen verloren. Fern der Heimat schlug ich mich als Glücksritter durch, der mehr Glück als Verstand hatte. Das ist mir heute klar. Eigentlich unglaublich, was einem so widerfährt. Die verderbte Druiden damals hätte mich rasch erledigen können.

Wen hätte es an meiner statt treffen können, wäre ich gestorben? Musste es eine Frau sein? Oder stand von Anfang an fest, dass ich es sein musste? Und wann war der Anfang? Wie lange schon bereitet sich die achte Sphäre auf den Kampf vor. Wie lange wissen die Götter darum? Es ist unwirklich.

Aber ich vertraue auf Firun, dass es richtig ist. Ich bin sein Werkzeug, um den Vortex zu vernichten! Oder um zumindest meinen Teil dazu beizutragen. Mein Leben zu geben. Firun … oder vielleicht eher Ifirn hat ermöglicht, dass … dass ich noch ein anderes Leben führen kann. Ein Anderes.

Rasch hat sie einen Entschluss gefasst. Vorsichtig und leise schleicht sie sich aus der Taverne. Elfenbein begleitet sie auf samtenen Pfoten. Alles liegt ruhig da im Licht des Madamals. Keine menschlichen Schattenwesen treiben hier in der Nacht ihr Unwesen. Zu karg und zu gesichert ist diese Grenzstadt. Doch Azina hat ein Ziel. Schon bald erhebt sich der hölzerne Firunstempel vor ihr. Sie kniet vor seiner Schwelle nieder und wartet. Den Blick zu Boden und in sich gekehrt.

Früh am Morgen, wo Jane nur Gro’jesh im Nachbarbett vorfinden wird, tritt der Firungeweihte vor die Schwelle des Tempels. Interessiert schaut er auf die Tulamidin herab.

„Was ist dein Begehr?“ fragt er sie.

Sie hebt den Blick und starrt ihm herausfordernd in die Augen. Und sie antwortet mit fester Stimme: „Ich möchte eine Geweihte Firuns werden. Was muss ich dafür tun?“

___________________________

Azinas Gedanken

Teil VII – Märtyrer (1)

Auf den Wällen – Gustav

Der Kampflärm, die verzweifelten Schreie und das aus einer anderen Welt stammende Gekrächze der Jenseitigen war weniger geworden. Aus irgendeinem Grund, den Gustav nicht verstand, rückten keine Wesen mehr heran. Er und seine verbliebenen, überall auf der Festung verstreuten, Männer und Frauen hatten nur noch mit wenigen Gegner zu tun. Die grauen Steine der Festungsanlage waren inzwischen blutgetränkt. Teils lagen einzelne Körperteile herum, welche von den Abscheulichkeiten kurz zuvor abgerissen und wie kaputtes Tongeschirr weggeworfen wurden. Die kleine Festung Friedstein war Schauplatz eines Massakers geworden.

Gustav, ein junger Infanterist mit dem Namen Tarnelius und eine Bogenschützin mit dem klangvollen Namen Elfa standen im Innern eines Wehrturms zusammen. Tarnelius, den alle nur ‚Tarn‘ nannten und Elfa hatten Gustav aus der unmittelbaren Gefahrensituation gerettet. Sein Fuß, der noch immer stark blutete und nur noch ein matschiger Stumpf war, hinderte ihn daran aktiv in das Kampfgeschehen einzugreifen. So saß Gustav mit den Rücken an die Mauer gelehnt und mit seinem vor schwarzem Saft triefenden Schwert in der Hand zwischen den beiden. Um sie herum lagen die Leichen von fünf jenseitigen Bestien, welche die drei – oder vielmehr die zwei – gemeinsam erledigt hatten. Die Idee, sich in die Enge des Wehrturms zurückzuziehen, kam von Gustav, denn so vermochten sie es aufgrund der dicken Mauern und der beengten Verhältnisse sich taktisch gut aufzustellen, dass sie es immer nur mit einem der Wesen gleichzeitig aufnehmen mussten. „Ich habe nur noch zwei Pfeile im Köcher“, brach Elfa das Schweigen mit einem Blick in ihren Köcher, der an ihrer Hüfte befestigt war. Der Wohklang in ihrer melodischen Stimme wirkte unreal in Anbetracht ihrer momentanen Gefahrensituation. „Ich habe vor der Tür dort einen vollen Köcher gesehen“, antwortete Tarn mit gegensätzlich rauer Stimme. Er vermied es darauf hinzuweisen, dass der volle Köcher zu einem zerfetzten Körper eines Freundes gehört, der dort vor wenigen Augenblicken zu Boron gegangen war. Gustav besah sich seinen blutigen Fuß, es war unmöglich damit zu laufen, doch hier zu bleiben war auch keine Option. Auch wenn sie sie hier vorerst sicher waren – doch draußen waren noch die anderen und es war ihre Aufgabe sie zu beschützen. „Dann gehen wir jetzt da raus. Elfa, reich mir den Besen dort.“ Die Bogenschützin griff nach dem Besen und gab ihn, ohne die Tür aus den Augen zu lassen, an Gustav weiter. Er winkelte das heile Bein an und brach ihn über das Knie – so dass er kürzer wurde. „Tarn, hilf mir hoch.“ Der Infanterist griff Gustav unter den Arm und hievte ihn hoch, Gustav klemmte sich die Borsten des Besens unter die linke Schulter und stützte sich auf den gekürzten Besenstiel auf. Über sein Gesicht fuhr dabei mehrmals ein sichtbarer Schmerz. Es kostete ihm nicht nur viel Mühe und schmerzte, sondern schränkte ihn auch sehr in seiner Bewegungsfähigkeit ein. „Wird es …“, begann Tarn zu fragen. „Es muss gehen“, brachte Gustav zwischen zusammengebissenen Zähnen schmerzverzerrt hervor. „Und jetzt los, erst zum Köcher – und dann nach den anderen sehen.“

Tarn führte den kleinen Trupp an, seinen Schild schützend voran. Gleich darauf folgt Elfa, die geschmeidig im Seitschritt hinter dem kräftigen Infanteristen hinterher glitt und dabei die ganze Zeit einen Pfeil auf der Sehne behielt. Gustav bildete die Nachhut. Sie kamen nach draußen, gleich wurde der Kampflärm wieder lauter. Sie stiegen dabei über die blutigen Überreste eines Bogenschützen. Elfa zog in einer flüssigen Bewegung mehrere Pfeile aus den Köcher und schob sie in den ihrigen. Da hörten alle drei ein zischendes Kreischen in ihrer direkten Nähe. Gustav blickte instinktiv hoch, auf den Zinnen des Wehrturms, direkt über Ihnen, lauerte eine sprungbereite Abscheulichkeit. „Verfluchte Scheiße!“, fluchte er lautstark, denn das letzte war er sah war, dass das Wesen auf ihn herabstürzte und es dunkel wurde. Gustav bekam einen heftigen Schlag gegen den Kopf und sank benommen zu Boden. Er hörte noch dumpf, wie Tarn Kommandos rief. Auch die angenehme Stimme von Elfa vernahm er, doch ihm selbst war schwindelig vor Schmerzen. Als er wenige Augenblicke später wieder zu sich kam, sah er, wie Tarn und Elfa auf der Festungsbrüstung gegen die Abscheulichkeit kämpften. Die Bogenschützin hockte zwischen zwei Zinnen auf der Mauer und ließ gerade einen Pfeil von der Sehne, während Tarn mit Schwert und Schild sich gegen das Biest erwehrte. Ein Pfeil steckte schon im Rumpf – lange konnte Gustav nicht weggetreten gewesen sein. Er war fest entschlossen zu helfen, mit der Hand tastete er nach dem Besenstiel. Phex sei Dank fand er ihn auch. Mit aller verbliebenden Kraft hievte er sich an der Außenmauer und mit Hilfe des Steckens empor. Wieder durchfuhr ihn ein zuckender Schmerz als er instinktiv versuchte seinen zerstörten Fuß zu belasten. Elfas Finger fuhren von der Sehne, der Pfeil surrte durch die Luft und traf das Biest zwischen zwei Panzerplatten und verschwand fast gänzlich darin. Die Abscheulichkeit kreischte, Tarn trennte mit einem schwungvollen Hieb einen der Fangarme ab, schwarzer Saft drang aus der Wunde und tränkte seinen Wappenrock und das Vieh kam zum Erliegen, ehe Gustav herankam.

„Gut gemacht. Wir müssen …“, begann Gustav, doch dann sah er, wie sowohl Tarn als auch Elfa erschrocken ins Zentrum der Festungsanlage blickten. Dort, in der Mitte von Burg Friedstein, schwebte in zehn Schritt Höhe, einer schlanke Gestalt, gehüllt in schwarzweiße Kleider. Der Stoff, so es denn Stoff war, wallte ebenfalls schwebend in der Luft an ihr herab. Der Kopf steckte in einem schwarzen, helmartigen Gebilde mit sich nach oben hin verjüngenden Zacken.  In der rechten Hand hielt das Wesen einen gewundenen Stab, während die linke Hand wie eine Klaue geformt war. Ein hellblau flimmerndes Zauberband ging von der Krallen aus und waberte zu einer anderen Person herüber, welche ebenfalls schwebte. Dort, in der Luft fixiert, war Brangane. Ihre Arme und Beine lagen an ihrem Körper und wirkten wie dort festgebunden, dennoch hielt sie ihren Anderhalbhänder noch immer fest. Das bläulich glühende Band bildete um Brangane herum so etwas wie eine feste Fessel, die sie umschlungen hatte. „Was bei allen Göttern …“, entfuhr es Tarn. „Elfa, denkst du, du kannst das Wesen dort von hier aus treffen?“  „Ja, mit Sicherheit“, entgegnete sie Gustav selbstsicher. „Dann nimm sie unter Beschuss. Tarn – sei ihr Schild und achte darauf, dass sich ihr keines dieser Mistviecher auflauert. Wir müssen Brangane helfen.“ Tarnelius positionierte sich neu, Elfa legte einen Pfeil auf die Sehne und begann zu zielen. Gustav war dazu verdammt Zaungast zu sein und zuzusehen. Er versuchte Branganes Situation besser einzuschätzen und kniff die Augen etwas zusammen. Zu seinem Erschrecken sah er, dass sich die Ritterin nicht nur im Zaubergriff des Wesens befand, sondern auch kleine schwarze Pusteln und Tentakel auf ihr befanden, die Zauberweberin begann wohl ihren Körper zu deformieren.

Der Pfeil surrte von Elfas Bogensehne und traf wie von Firun höchst selbst gelenkt im unteren Rücken von Sara’kiin ein. Fast schon unerwartet, erlosch das bläulich glühende Zauberband, woraufhin Brangane wie von einem Seil losgeschnitten zu Boden fiel. Daran hatte Gustav nicht gedacht, zehn Schritt sauste die gerüstete Ritterin in die Tiefe. Eine gefühlte Ewigkeit verstrich, als die drei sahen wie die an die 100 Stein wiegende Frau inklusive Rüstungsteilen tödlich fiel. Es schepperte Laut als sie auf dem Boden aufschlug. Kettenteile barsten, Nieten sprangen und Plattenpanzer verkeilten sich. Gustav stockte der Atem. Es musste schon an ein Wunder grenzen, dass Lady Brangane diesen Sturz überlebte. Doch es blieb keine Zeit daran zu denken, denn Sara’kiin wandte sich, als würde sie sich zu einer lästigen Fliege herumdrehen, den dreien zu. Elfa, die entweder feist oder toll war, hatte jedoch schon den nächsten Pfeil von der Sehne gelassen. Doch dieses Mal prallte er lautlos von einer unsichtbaren Zauberkugel ab, die Sara’kiin umbarg.  „Wir haben seine volle Aufmerksamkeit“, tönte Elfa mit glockenheller Stimme, der jetzt auch noch der Schalk im Nacken stand. Sara’kiin streckte den dreien ihren Stab zu, ein blaues Pulsieren ging von dem Stab aus und dann gebar dieser eine dunkelblaue Kugel der Macht, welche auf die drei zuflog. Das Folgende geschah alles binnen eines einzigen Lidschlags. Gustav drückte sich gegen die Mauer des Wehrturms, Tarn sprang in die andere Richtung zur Seite und Elfa machte einen Satz nach hinten und ließ sich hinter die Zinnen fallen. Die blaue Kugel der Macht traf die Burgzinnen und löste eine verheerende Sprengung aus. Mehrere Steine zerplatzten und schossen als kleine Geschosse in alle Richtungen. Gustav wurde von mehreren kleinen Stücken getroffen, eine Flut aus kleinen Steinen spickte und traktierte ihn an allen Stellen seines Körpers. Der Schmerz, den die unzähligen Treffer verursachten, als sie seine Rüstung und sein Fleisch durchschnitten, war unbeschreiblich hell und präsent. Warmes Blut sickerte über seine Augen, er blinzelte. Er sah noch, wie ein großes Stück der Festungsmauer herausgesprengt war. Elfa, die sich hinter die Zinnen hat fallen lassen, musste herabgestürzt und unten ihr Ende gefunden haben – Tarnelius lag auf dem Rücken und regte sich nicht. Der allumfassende Schmerz raubte ihm die verbliebene Kraft. Er sackte auf die Knie und fiel ungebremst vornüber auf die Splitter der Festungsmauer. Den dabei verursachten Schmerz spürte er schon gar nicht mehr, denn er hatte die Augen geschlossen und sich der nahenden Umarmung Borons hingegeben. Sein letzter Gedanke galt Thalionmel, das löwengesichtige Zedernholzamulett um seinen Hals lag direkt unter seiner blutigen Wange. Es war das letzte, was Gustav Biberbart spürte.

Reise nach Rommilys – Teil IV „Die Hard“

Die Nacht in Hardfurten verlief ruhig, Traviahold ist dort immerhin ein bekanntes Gesicht, aber nicht von der Bedeutung wie in Kohlhütten oder Hochstieg. Am nächsten Morgen reiste er in großer Aufregung ab. Seit seiner Reise zu den Sennen der Rondrakirche war dies das erste Mal, dass er die Komturei Hochstieg verließ und sich in die unsicheren Gefilde der Baronie Dettenhofen begab. Einerseits konnte er sich beim Namenlosen nicht vorstellen, dass sein Vater oder sein ältester Bruder etwas gegen ihn unternehmen würden, er war immerhin ein inzwischen hochangesehendes Mitglied der örtlichen Traviakirche, nichtsdestotrotz wollte er die Baronie schnellstmöglich durchqueren, da ihm nicht nach einer Begegnung mit Vater und Bruder zu Mute war. Und doch legte sich ein Schmerz um sein Herz, da es ihm danach verlangte, seine geliebte Mutter Gwynna wiederzusehen. Die intriganten Erzählungen von seiner Schwiegermutter Lady Wulfgrid, der Schwester seiner Mutter – also seiner Tante, ließen nichts Gutes bezüglich des Gemütsbefindens seiner Mutter erahnen. Aber Lady Wulfgrid konnte seinen Vater noch nie leiden, wie ihm seine Erinnerung meinen ließ.

Den Vormittag folgte Traviahold der Hard flussabwärts bis nach Hardfelden, einem kleinen Dorfe, in dem sich die Wege aus Hochstieg und dem Wolfskopfkloster vereinen. Er saß gemütlich an einem Tisch vor der kleinen Taverne und genoss die Sonne, als ein „Traviahold?“ ihn aus seinen Gedanken riss. Er öffnete die Augen und schaute sich um. Lange musste er nicht suchen, denn eine Geweihte der Herrin Travia kam mit großen Augen und Schritten auf ihn zu. Traviahold musste kurz überlegen, bis er seine Gegenüber erkannte. „Sieglinde!“, rief er aus, „Wie schön dich wiederzusehen!“ Er stand auf und beide Geweihte umarmten sich, bevor sie sich wieder setzten. „Was machst du denn hier? Man hört ja so allerlei Gerüchte über dich in der Mark!“ Die Überraschung stand Traviahold ins Gesicht geschrieben. „Gerüchte? Über mich? Was denn für Gerüchte?“ „Vermutlich stimmen die meisten wie üblich nicht, aber es heißt, du hättest einen Dämon erschlagen, bist in den Traviabund eingetreten, hast einen außerkirchlichen Orden gegründet und stehst einem Tempel vor.“ „Kloster.“ „Wiebitte?“ „Ich bin Prior eines Klosters“, lacht Traviahold. „Und es ist erschreckend, dass die Gerüchte allesamt wahr sind, also zumindest war ich bei all dem dabei.“ Sieglinde schaut ihn mit aufgerissenen Augen und offenem Mund an. „Jetzt schau nicht so, ich selber liege so manche Nacht wach und warte darauf, dass ich aus dem Traum erwache und wieder als einfacher Geweihter in unserer Klosterkammer erwache. Aber bisher geht dieser Traum Tag für Tag weiter.“ „Dann hast du die Gnade der zweiten Weihe erfahren?“ „An dem Tag meines Traviabundes vom Praetoren-Paar Trondbald und Helfwiege.“ „Ich kenne die beiden, habe sie aber seit einiger Zeit nicht mehr in Rommilys gesehen.“ „Nun, wenn du sie wiedersehen willst, musst du in mein Kloster bei Hochstieg kommen, sie sind ihm beigetreten.“ „Bei den Göttern! Du musst sie ja mächtig beeindruckt haben!“ „Ich weiß ehrlich nicht, ob wirklich ich der Grund war. Ach, es war eine ereignisreiche Zeit, es fällt schwer, das alles zu erklären. Aber ich bin glücklich derzeit.“ „Bei der großen Mutter, dass ist doch das wichtigste! Aber schade, dass du plötzlich schon im Traviabund stehst“, meint Sieglinde mit leicht verzerrtem Grinsen. Traviahold schaut skeptisch. „Darpatia, meine Frau, ist eine gute Frau. Mir persönlich etwas zu sehr Rondra zugeneigt, aber was soll ich von einer Feuerlilie erwarten!? Allerdings steckt hinter dem Bund auch sehr viel Politik, so ehrlich kann ich sein. Aber sie schenkt mir bald ein Kind, wie viel besser kann die Große Mutter zeigen, dass sie einverstanden ist?“ „Du wirst Vater? Glückwunsch! Aber dann wird es wohl endgültig nichts mit uns als Hohes Ehepaar?“ Traviahold lacht laut auf, doch bricht er plötzlich ab. „Du meinst das ernst?“ Sieglinde zuckt mit den Schultern. „Es gab da mal eine junge Novizin, die in stillen Momenten über eine solche Zukunft sinnierte, statt ihren Studien nachzugehen“, antwortet Sieglinde leise mit sich rötenden Wangen. „Ich ahnte ja nichts! Warum… Also, du hättest doch mal was sagen können!“ „Haha! Ich? Was mehr, als Freundschaft, konnte ich, die kleine Sieglinde aus Fischerdorf, erwarten mit Traviahold, dem Sohn des Barons von Dettenhofen, dem designierten Klostervorsteher, dem der nie dem Abort säubern musste!?“ „Was? War das wirklich so? Ich habe das nie so wahrgenommen!“ „Hast du dich nie gefragt, warum du immer als erster für die wichtigen und spannenden Aufgaben ausgewählt wurdest?“ „Nein, muss ich zugeben. Ich dachte, ich dachte, die Geweihten sehen in mit ein Potential, dass sie bei euch, warum auch immer, nicht gesehen haben.“ „Tut mir leid Herr Prior, ich wollte euch nicht verärgern. Wenn ihr mich entschuldigt, ich muss weiter, will ich heute noch das Kloster erreichen. Es war nett euch mal wieder gesehen zu haben“, sprach Sieglinde und stand auf. „Was? Wie? Warte doch!“ Doch Sieglinde war raschen Schrittes bei ihrem Pferd und ritt, ohne sich ein letztes Mal umzusehen, von dannen. Traviahold schaute ihr bestürzt hinterher. Nach einigen Momenten riss er sich aus der Starre, packe seine zwölf Sachen zusammen und machte sich ebenfalls wieder auf den Weg, jedoch in die andere Richtung.

Es war schon kurz von Torschließung, als er nach Stunden des nachdenklichen Ritts in Dettenhofen ankam. Ursprünglich wollte er noch weiter nach Hardmund, doch hatte ihn das mittägliche Gespräch zu sehr aus dem Konzept gebracht. Er kehrte in einem kleinen Gasthof Nahe des Praiostores ein, in der Hoffnung möglichst nicht erkannt zu werden. So nahm er sein Abendmahl auch nicht im Gastraum ein, sondern ließ es sich auf sein Zimmer bringen. Er schlief diese Nacht sehr schlecht, er hinterfragte seine gesamte Ausbildung und schämte sich dafür, wegen seiner Herkunft bevorzugt geworden zu sein, denn je mehr er nachdachte, desto mehr wurde ihm klar, dass Sieglinde mit allem Recht gehabt hat.

Neueste Kommentare

Archiv