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Teil I – Vorboten (3)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Nachmittags
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Der Bogenschütze am Eingang des Peraine-Tempels ließ den Bogen sinken und erst jetzt erkannte Sieghelm ihn. In dem kehligen und auf den Konsonanten betonenden Akzent eines Novadis antwortete Kalkarib al’Hashinnah dem Krieger: „Bitte, gern geschehen.“ „Spar dir das, auch wenn es für dich anders aussehen mochte, so hatte ich alles unter Kontrolle“, wiederholte Sieghelm in seinem Stolz verletzt und zog Custoris aus den Brustkorb des Ghuls, indem er seinen Stiefel auf ihm absetzte und kräftig zog. Sofort ging er zu Pagol herüber, der sich inzwischen aufrappelte, sich kräftig schüttelte und ein paar Schritte benommen auf Sieghelm zutaumelte. Im Flüsterton fragte Sieghelm ihn, ob es ihm gut gehe. Pagol nieste nur, schmiegte sich dann an seines Herrchens Bein. „Ich wusste gar nicht, dass du mit einem Bogen umgehen kannst“, begann der Reichsritter im Plauderton, während er seinen Helm abnahm und die Kratzer darin begutachtete.

Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Kalkarib, der erst jetzt die ganze Szenerie wirklich überblickte, rümpfte angewidert die Nase, da die ganzen Leichen und das viele Blut auch ihn schockierten. Er zog sein Halstuch über sein Gesicht, denn der faulige Gestank ließ ihn bleich werden. „Bei Rastullah, was für ein Gestank – das ist ja schlimmer als in euren Niederhöllen. Was ist hier geschehen?“ Sieghelm belegte den Novadi mit dem Blick eines Veteranen, der einen Rekruten ansah, der keine Ahnung von den Schrecken des Krieges hatte. „Das, mein geschätzter Wüstensohn, ist der faulige Geruch des Todes, der über das ganze Land gekommen wäre, wenn das Kaiserreich nicht zusammen gegen den endlosen Heerwurm gestanden hätte.“ Sieghelm spöttische Spitze überhörte Kalkarib, der anscheinend noch zu geschockt von dem Anblick war. Der Reichsritter untersuchte den Leichenhaufen auf dem Altar. Er wollte wissen, ob auch ein Perainepriester dabei war. Ganz vorsichtig stellte der Novadi einen Fuß vor den anderen, als er den ehemaligen Tempel betrat. Auch er hatte zwar schon viel mitgemacht, doch die Menge an Gräueltaten, die hier begangen wurden, ließen ihm die Haare zu Berge stehen und noch fester daran glauben, dass nur der allmächtige Rastullah ihnen allen helfen konnte. „Kein Priester.“ stellte er fest. „Das sind die Dorfbewohner von Perz … die Söldner müssen sie hier aufgestapelt und den Tempel geschändet und angesteckt haben“, erläuterte er weiter, während er seine Untersuchung einstellte und sich dann wie beiläufig das Blut von der Rüstung wischte. „Doch wo ist der Priester hin … er oder sie hätte das Gebäude mit seinem Leben verteidigt.“ Kalkarib hörte Sieghelms Worte, doch konnte er seine Gedanken nicht nachvollziehen. Für ihn war kein Gebäude oder Zelt wertvoll genug, dass es sich lohnte dafür zu sterben. Auch nach Jahren unter den Ungläubigen, verstand er ihre tiefe Verbundenheit zu Objekten oder Orten noch immer nicht vollständig. „Willst du nach dem Priester suchen?“ Seine Worte wurden von dem Schal vor seinem Mund abgedämpft. „Er könnte überall sein. Vielleicht geflohen – verschleppt oder in einem der Häuser dort hinten verbrannt. Was ist mit der Suche nach deinem Vater?“ Während Kalkarib Sieghelms Idee anzweifelte, durchwühlte dieser die Schränke und Truhen. Kalkarib wusste nicht, was er davon halten sollte. Für ihn wäre es normal gewesen, hier nach etwas Brauchbaren zu suchen, doch von den Ungläubigen verstand er inzwischen so viel, dass es als Frevel galt, Tempeleigentum zu stehlen. „Was tust du da, ist das nicht Tempeldiebstahl in euren Augen? … Hörst du mir überhaupt zu?“ Sieghelm kramte in einer leicht verkohlten Truhe und zog plötzlich eine grünliche Scherpe heraus und kommentierte diese mit einem triumphierenden „Aha!“ Er vollführte damit eine bedeutungsschwangere Geste in der Luft, die so viel aussagte wie: Damit schaffen wir es. „Du und ich werden nicht nach dem Priester suchen, keiner von uns hat die Fähigkeiten dazu – aber der Leutnant hier hat ein sehr feines Näschen, das ihn uns finden lässt, wo immer er sich aufhält.“ Er hielt die grüne Scherpe unter Pagols schwarze Nase, der sich inzwischen gefangen hatte und wieder an Sieghelms Seite saß. Pagol schnüffelte daran und Sieghelm sagte: „Such, Leutnant – Such den Priester.“ Zuerst geschah nichts, als müsste der Dachshund erst einen inneren Mechanismus aktivieren, bevor es losgehen konnte. Er schüttelte sich einmal, schnüffelte, sah sich um und sauste dann blitzartig über die Scherpe springend und durch die Beine des Wüstensohns flitzend los. Der Akademiekrieger eilte hinterher und auch Kalkarib nahm die Beine in die Hand. Er war außerdem froh, diesen stinken Ort hinter sich zu lassen.

Pagol wetzte über die Felder in Richtung eines bewachsenen Bachs. Sieghelm und Kalkarib hatten Mühe hinterher zu kommen. Unterwegs fiel Sieghelm etwas ein, wonach er sich sofort erkundigen musste. „Was machst du eigentlich hier, hatten wir nicht vereinbart, dass du weiter im Rahja über die Feldwege gehst und nach versprengten Truppen suchst und wir uns erst vor Wehrheim wiedertreffen?“ Der schnelle Gang schien Sieghelm auch trotz der schweren Rüstung nichts auszumachen. „Ganau das tat ich“, antwortete Kalkarib mit starkem Novadi-Akzent. „Ich stieß jedoch auf eine Gruppe Söldner, die zu viele waren, um sie zu umgehen. Ich musste zur Straße zurückkehren, da sie mich sonst entdeckt hätten.“ „Söldner sagst du?“, platzte es aus dem Ritter heraus. Der Tonfall den die Frage hatte, gefiel Kalkarib nicht. „Ich habe sie beobachtet, es sind über drei Hand voll, das sind zu viele für uns.“ Der Novadi wollte Sieghelm keinesfalls auf die Idee bringen sie anzugreifen. Er wusste, dass es für den Krieger eine Verbindung zwischen der geschändeten Kirche und den Söldnern gab.

Der Leutnant führte die zwei an einen Bach mit breit bewucherter Uferböschung. Er gab Laut und die beiden Männer gingen sofort zu der Stelle zwischen den Büschen. Sie beide befürchteten das schlimmste. Der Priester hatte sich wohl bis hierher gerettet und wurde dann entweder von den Söldner gestellt, oder er war verletzt und konnte sich bis hierher schleppen und war dann hier verendet. Kalkarib und Sieghelm wühlten beide vorsichtig in den Büschen und durchsuchten die Uferböschung mit ihren Schwertern. „Siehst du was?“ rief Sieghelm, der sich von Kalkarib etwas entfernt hatte, um einen größeren Bereich absuchen zu können. „Nein,“ antwortete dieser nur knapp. „Vielleicht ist er den Bachlauf gefolgt, dann verliert sich hier die Spur für Pagol“, dachte Sieghelm laut und gab die Suche vorerst auf. Er sah zu Kalkarib herüber, der mit seinem Khunchomer die Büsche zur Seite drückte. Plötzlich erblickte Sieghelm eine Gestalt aus den Hecken hinter Kalkarib hervorgucken und sich sprungbereit machen, er glaubte auch das Aufblitzen einer Klinge zu sehen und rief sofort: „Kalkarib, HINTER DIR!“ Doch Sieghelms laute Warnung kam zu spät und eine dunkle Gestalt sprang Kalkarib von hinten an und riss ihn in die Büsche nieder, so dass Sieghelm beide nicht mehr sehen konnte. „Bei Rondra!“, fluchte er und rannte sofort zu Kalkarib herüber. Er hörte wie Äste knackten und das Buschwerk raschelte. Die beiden kämpften miteinander und Pagol, der aufgrund des dichten Buschwerks nicht näher herankam, bellte laut auf.

Als Sieghelm bei den beiden ankam, saß eine dünne Gestalt in einer alten grauen und zerfetzten Robe auf Kalkarib, der versuchte nach seinem Khunchomer zu fingern, den er beim Angriff verloren hatte. In der Hand des Angreifers war tatsächlich ein kurzes Messer. Doch Kalkarib hielt die Messerbewehrte Hand am Gelenk fest und hielt die todbringenen Klinge somit von sich fern. Sieghelm schlug beherzt mit dem Knauf von Custoris auf den Hinterkopf des Angreifers. Sofort fiel er schlapp neben den Novadi, der daraufhin sofort seinen Khunchomer packte und sich außer Atem und mit Kratzern im Gesicht aufrappelte. Er fluchte in seiner für Sieghelm unverständlichen eigenen Sprache. „Geht es dir gut?“, erkundigte sich Sieghelm ehrlich besorgt um den Mann von Delia. Er hätte nicht gewusst, wie er seinen Tod an dieser Stelle seiner Frau hätte erklären können. Kalkarib fluchte noch immer vor sich hin, doch mittendrin wechselte er dann ins Garethi um Sieghelm zu antworten: „Ich hatte alles unter Kontrolle.“ Sieghelm flog ein Grinsen über die Lippen. Er musste an die Szene in der Tempelruine denken und bemerkte erst jetzt, wie absurd seine Aussage von vorhin war. Und da auch Kalkarib es gerade ernst zu meinen schien, überkam dem Reichritter ein Bedürfnis. „Kalkarib?“ „Was?“, fauchte dieser nur und trat prüfend mit der Fußspitze gegen seinen am Boden liegenden Angreifer. „Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Du hast mir in der Not geholfen und dafür danke ich dir.“ Der Novadi, der wirklich mit vielen, aber beim besten Willen nicht damit und schon gar nicht in dieser Situation gerechnet hatte, blinzelte Sieghelm nun verwirrt an. „Ich hatte wirklich alles …“, begann er mit Stolz verletzten Tonfall, sah dann aber Sieghelm ernstes Lächeln auf den Lippen und brach mittendrin ab und schloss mit einem gehauchten: „ … Danke.“  Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden stolzen Männer, und beide mussten ob ihrer Situation grinsen.

„Dann lass uns mal nachsehen mit wem wir es hier zu tun haben.“ Sieghelm kniete sich nieder und zog die graue Kapuze vom Gesicht des Angreifers. Zum Vorschein kam, zur Überraschung der beiden Krieger, das schlanke und zierliches Gesicht einer jungen Frau. „Bei meiner Treu!“, platze es aus Sieghelm hervor und er zog schreckartig die Hand zurück. Auch Kalkarib sagte etwas, doch er verstand es nicht. „Es ist ein Weib“, bemerkte der Novadi dann in Garethi, der davon mehr überrascht schien als der Mittelländer. Für einen kurzen Moment warf Sieghelm seinem Begleiter einen missbilligenden Blick zu. Es fiel dem Novadi noch immer schwer zu akzeptieren, dass im Kaiserreich die Frau dem Mann gleichgestellt war. „Sieh nur …“, sagte er dann, als er die Frau weiter untersuchte. Er fingerte unter der grauen Kutte etwas grünen Stoff hervor und am Hals fand er ein silbernes Amulett das eine Ähre zeigte. Kalkarib steckte den Khunchomer weg und sprach dann flapsig: „Gut gemacht Sieghelm, du hast eine Priesterin deiner Götter niedergeschlagen.“

Teil I – Vorboten (3)

Teil I – Vorboten (2)

Perz – 15. Peraine, 35 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

„Ihr Bestien!“, knurrte der Reichsritter, als er einen beherzten Schritt nach vorne tat. Seine panzerfaustbewehrten Hände umschlossen bei jedem Schritt, den er tat, sein Schwert Custoris noch fester. Die Bestien – wie Sieghelm sie nannte – waren abscheuliche graugrünhäutige und krallenbewehrte Wesen des Namenlosen, auch bekannt unter der Bezeichnung Ghule. Überall dort, wo der Krieg vorübergezogen war und Elend und Tod hinterlassen hatte, und kein Boronpriester schnell genug die Leichen unter die Erde bringen und segnen konnte, war es wahrscheinlich, dass vom Geruch des Todes angelockt, Ghule Einkehr fanden, um sich am verrottenden Fleisch der jüngst Verstorbenen zu laben. Davor waren leider auch einstmalige göttliche Orte nicht gefeit. Der Tempel schien ohnehin entweiht, doch Sieghelm verlor keinen Gedanken daran, was wohl geschehen sein mag, dass dieser Boden nunmehr nicht mehr heilig war. Fünf Ghule drehten sich fauchend und gallespritzend zum Krieger um, der sie gerade bei einem Festmahl gestörte hatte. Auf dem ehemaligen Altar der Göttin Peraine lag ein Berg aus blutigen und zerfetzten Leichen, an denen sich die namenlosen Wesenheiten bereits mehr als gütig getan hatten. Mit blutbeleckten Mäulern und scharfen Krallen stürzten die Ghule allesamt auf Sieghelm zu.

Den ersten und schnellsten von Ihnen empfing Custoris‘ Schwäche, die letzten zehn Doppelfinger der gewellten Klinge schnitten quer über die Brust der hageren Gestalt und schleuderten sie gegen einen hölzernen Tisch an der Seite des Tempelschiffs. Die darauf stehenden Tonkrüge zerplatzten, als der Körper des Ghuls auf ihm aufschlug und zahlreiche Flüssigkeiten in alle Richtungen stoben. Sieghelms Hände nutzen den Schwung des Schwertes aus und ließen es in den Oberhau übergehen. Er brauchte nicht mehr vorwärts zu gehen, denn die Ghule kamen von ganz alleine auf ihn zu. Zwei von ihnen sprangen ihn mit gelblich glühenden Augen an. Der Reichsritter zog sein rechtes Bein über den Boden hinter sein linkes und brachte sich so aus der Sprungrichtung beider Ghule. Ruckartig zog Sieghelm dann Custoris herab und ließ die Klinge mit Wucht von der Stirn bis zum Unterkiefer des heranspringenden Ghuls fahren. Mit einem Knacken des Schädels erloschen die gelblichen Augen der Unwesenheit sofort, der zweite sprang dank Sieghelms Ausweichbewegung ins Leere. Der vierte Ghul, er hatte inzwischen einen dicken Bauch, da er sich an den Leichen auf dem Altar mehr als satt gefressen hatte, erreichte Sieghelms linke Seite. Seine Krallenhände Kratzten über seine Schulterplatte sowie den Unterarmplattierungen und verursachten dabei widerlich schrille Geräusche, als sie versuchten, sich an Sieghelm festzuhalten. „Rondra, führe meine Klinge!“, rief er im betenden Tonfall, als der fette Ghul versuchte seine blutbeleckten Zähne in eine empfindliche Stelle zwischen den Plattenteilen zu treiben. Sieghelm ließ mit seiner linken Hand den Griff des Schwerts los, so dass nur noch Daumen und Zeigefinger es umklammerten. Mit der Rechten packte er umso stärker zu. Auf diese Weise klappte die lange gewellte Klinge des Schwerts bis zu Sieghelms linken Oberarm herab. Nun drückte er Custoris, den Oberarm als Führung nutzend, über seinen Arm hinweg in Richtung des graugrünen Halses des Ghuls. „Sei’s in Licht wie in … DUNKELHEIT“, setzte er die Litanei fort. Das letzte Wort spie er förmlich aus, als er mit aller Kraft die gesamte Klinge, von der Schwäche bis zur Stärke durch den fleischlichen Hals des Ghuls zog und ihn dabei den Kopf vom Körper trennte, wie ein scharfes Messer, dass einen Kanten von einem Laib Brot schnitt. Der Kopf des namenlosen Wesens flog flutschend und Blut verspritzend quer durch den ehemaligen Altarraum und der Rest des Körpers fiel von Sieghelm herab. Doch es blieb ihm keine Zeit, der Ghul, der an ihm vorbei gesprungen war, hatte sich inzwischen neu positioniert und kam in geduckter Haltung auf ihn zu. Und dann war da noch ein weiterer, sich mehr als satt gefressener Ghul, der sich von der anderen Seite ebenfalls sprungbereit machte. Sieghelm war also von beiden Seiten flankiert und stand mit dem Rücken zu Wand. Die Reichweite seines Schwerts brachte ihm nun keinen Vorteil mehr, er war gezwungen mit den Ghulen in den Nahkampf zu gehen. „Rondra, führe meine Klinge.“ Begann er erneut den Refrain des Gebets, als er Custoris mit der linken Panzerfaust in die Fehlschärfe griff, um es als Halbschwert zu führen. Da hörte er plötzlich ein helles Bellen. Der tapfere Leutnant biss beherzt in den linken Fuß des fetten Ghuls und lenkte ihn damit entscheidend ab. Tapferer Pagol! Ich muss den Überraschungsmoment nutzen, dachte sich Sieghelm und wandte sich dem anderen Ghul zu. Dieser schlug, da er inzwischen recht nah war, erbarmungslos mit beiden Krallenhänden zu. Wieder kratzten die klingenartigen Fingernägel über verschiedene Plattenteile an Sieghelms Unter- und Oberarmen. Wäre er nicht so gut gerüstet, wären seine Arme nun hoffnungslos aufgeschlitzt gewesen. Mit der Schwäche von Custoris schlug er erst nach dem Ghul und setzte dann zu einem Stich an. Dem Schlag wich die unheilige Bestie gekonnt aus, doch den Stich hatte es den Göttern sei Dank nicht kommen sehen. Die Klinge fuhr tief durch die graugrüne Brust und trennte Muskeln und Knochen. Der Ghul war noch nicht besiegt. Erneut schlugen seine Krallenhände zu, doch die Schläge waren ungezielt und wirkungslos, da sie nur über Sieghelms Brust- und Schulterpanzer kratzten. Der Krieger nutze die Verletzung des Ghuls zu seinem Vorteil, erneut rezitierte er den Refrain „Sei’s in Licht wie in Dunkelheit“. Er griff das Schwert um und schlug kräftig mit dem schmalen Parier in das Gesicht des Ghuls. Die Parierstange bohrte sich dabei in das gelblich glühende Auge und versank flutschend darin. Der Ghul war sofort tot und Sieghelm musste den Leichnam der Kreatur von seinem Schwert schüttelt wie jemand, der Dreck von seinem Schwert schüttelt musste.

Erneut hörte er ein verbissenes Knurren, gefolgt von einem kurzem aufheulen. Der fette Ghule schlug nach Pagol! Die Krallen rutschten über dessen lederne Rüstung und schleuderten ihn gegen den Altar. Es schlug dumpf, als Pagol direkt vor dem Altar der Herrin liegen blieb. „PAGOL!“, rief Sieghelm mit der Sorge eines Vaters, der mit ansehen musste, wie sein Sohn von Fremden geschlagen wurde. Der Ghul war nun zwischen ihm und dem Leutnant, und erschien nicht minder furchterregend. „Das wirst du büßen, unheilige Kreatur!“ Sieghelm griff Custoris nun wieder mit beiden Händen und brachte die Spitze der Klinge zwischen sich und den Ghul.

Gepackt von Wut und Entschlossenheit, ließ Sieghelm eine Abfolge von kontrollierten Schlägen aus verschiedenen Richtungen auf den Ghul niederregnen. Er machte dabei zwei Schritte nach vorne, doch der Ghul wich jedem Hieb geschmeidig wie eine Natter aus. Nur einmal kratzte die Klinge etwas über seine Unterarm. „Leuengleiche, Ehrengleiche, …“, setzte Sieghelm dann das Gebet fort. Mit einem weiteren Schritt nach vorne, ließ er wieder mehrere Schläge auf den Ghul los, doch erneut wich er jedem aus. „ … donnernd Schutz und feste Wehr.“ Sieghelm setzte zu einer Finte an, anscheinend war diesem Ghul wohl nicht anders beizukommen. Er täuschte einen Schlag auf die linke Schulter an, drehte dann aber das Schwert so, dass der Hieb von rechts auf den Körper ging. Die Finte hatte der Ghul nicht kommen sehen und so verursachte Sieghelm einen langen Schnitt über den Bauch des Ghuls, der daraufhin sofort aufplatzte und nach Verwesung riechende, blutige Fleischklumpen quollen heraus. Sieghelm hatte den fetten Wamst getroffen, ihm wurde sofort klar, was dort aus der Kreatur heraus fiel, waren halb verdaute Körperteile der Dorfbewohner. Ihm stockte der Atem, und sofort wurde ihm speiübel. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten auf den Kopf und den Rücken, als würde etwas auf ihn fallen. Sofort sah er Krallenhände, die versuchten, sich durch die Schlitze in seinem Helm einen Weg ins Innere zu bahnen. Einer der Ghule musste überlebt haben oder hatte sich versteckt, er hatte Sieghelm von hinten angesprungen und befand sich nun in einer für den Reichsritter sehr gefährlichen Position. Von Panik ergriffen schlug Sieghelm nach sich selbst, oder vielmehr, nach dem Wesen, das auf seinem Rücken kauerte. Er hörte das Fauchen des Ghuls und spürte den nassfauligen Atem in seinem Nacken, als es versuchte, zuzubeißen. Da er mit seinen Hieben der Kreatur nicht beikam und eine Krallen die Schlitze in seinem Held immer weiter öffneten, sprang er beherzt mit dem Rücken voran gegen die Steinwand des Tempels, in der Hoffnung, so den Ghul stark genug zu verletzten, um ihn von sich abzuschütteln.

Es schepperte lautstark, als Sieghelm samt des gesamtem Gewichts seiner Ketten- und Plattenrüstung gegen die Feldsteine sprang. Unter dem Quietschen und Scheppern der Metallteile waren auch knackende Knochen zu hören. Der Ghul fiel schlaff von Sieghelm herab. Der Reichsritter drehte sich sofort um die eigene Achse und trieb die Spitze seiner Klinge voran durch den Brustkorb des nunmehr toten Ghuls bis tief in die hölzernen Planken. Da hörte er das Surren eines Pfeils, welches nur knapp an seinem Kopf vorbeiging. Gefolgt von einem absterbenden Kreischen eines Ghuls. Dem Schrei folgend, blickte Sieghelm in Richtung Altar, wo ein Pfeil in dessen Kopf steckte, dem er zuvor den Wamst aufgeschlitzt hatte. Mit einem lauten ‚Platsch‘, ging damit auch der letzte Ghul tot zu Boden. Sofort fuhr Sieghelm wieder herum und sah zum Eingang des Tempels, wo eine Person stand, ein Bogenschütze. „Ich hatte alles unter Kontrolle“, rief Sieghelm, der anstatt dankenden Worte, eher einen Fluch darüber, dass er eines rondrianischen Kampfes beraubt wurde, auf den Lippen hatte, trotzig.

Teil I – Vorboten (2)

Teil I – Vorboten (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Pferd, auf dem er ritt, schnaufte, denn Sieghelm hielt es schon seit Stunden dazu an, im zügigen Trab, ja fast schon Galopp, über die Reichsstraße zu eilen. Es schepperte bei jedem Schritt, den das Pferd tat, denn die eisernen Hufen wetzten gnadenlos über die seit Jahrzehnten abgeschmirgelten Steine. Immer wieder ritt er dabei an verzweifelt aussehenden Bauern, Händlern oder getürmten Soldaten vorbei, die ihm entgegen kamen. Frauen, Kinder, Familien, die den Magnum Opus des Weltenbrandes überlebt hatten oder die einfach nur nach dem Schrecken, der Wehrheim erfasst hatte, flohen. Immer wieder versuchte Sieghelm für einen kurzen Moment in ihre Gesichter zu blicken und herauszufinden, ob er eines dieser Gesichte erkannte. Doch weder kamen ihm die Wappen, noch die Gesichter der Leute bekannt vor. Also trieb er sein Pferd weiter an, wie er es schon gestern getan hatte. Inzwischen schmerzten ihm die Oberschenkel und sein Hintern und die Innenschenkel juckten, weil sie sich durch den harten Ritt wund gerieben hatten. Nicht nur für das Pferd war der zügige und lange Ritt über Pflastersteine eine Tortur, auch der Reiter wurde dabei einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Doch Sieghelm war entschlossen keine Zeit zu verlieren. Die Nachricht, dass das Regiment seines Vaters Parzalon im Schlachtengetümmel auf dem Mythraelsfeld abgedrängt und aufgerieben sein soll, konnte er nicht glauben. Es hieß, dass man gesehen habe, wie er vom Pferd gestürzt sein soll und dass er nach dem Magnum Opus nicht mehr gesehen wurde. Sieghelm Vater war ein erfahrener Heermeister. Er würde sich niemals in eine solch aussichtslose Situation bringen lassen, davon war Sieghelm überzeugt. Doch was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Der Weltenbrand, der von der Festung Galottas ausging, war so gewaltig, verheerend und gleichwohl willkürlich, dass keine Erfahrung der Welt einem dabei geholfen hätte, sie zu überleben. Wenn Sieghelms Vater also von etwas überrascht werden konnte, dann von dem Weltenbrand, alles andere waren nur infame Behauptungen oder Falschmeldungen, da war er sich sicher. Auch wenn Sieghelm seit seiner Kindheit mit seinem Vater häufiger im Zwist als im Frieden war, so war er trotzdem sein Vater, und es war Sieghelms praios- und traviagefällige Pflicht, nach seinem Vater zu sehen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Und wenn er Hilfe benötigte, würde er durch alle Sphären gehen, um ihm zu helfen.

„Brrrr!“, stieß Sieghelm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das Pferd wurde immer langsamer, bis es ganz anhielt. Sieghelm war jetzt nur noch zehn Meilen von Wehrheim entfernt. Das wusste er genau, denn der Ort, der vor ihm lag, hieß Perz und Sieghelm kannte die Strecke und Entfernung von Perz bis nach Wehrheim auswendig. Doch waren es keine Bauernhäuser, die Perz ankündigten, sondern bis auf die Grundmauern heruntergebrannte Reste einer einstmals schönen Siedlung auf der Reichstraße zwischen Wehrheim und Gareth. Aufgrund des hohen Aufkommens an Durchreisenden hatte die kleine Siedlung mehrere Gasthäuser und Tavernen gehabt. Erst vor kurzem hatte Sieghelm in einer dieser Schenken Halt gemacht. Er musste an die Schankmaid denken, die ihn den Abend bewirtet hatte. Wie war doch gleich ihr Name? Dara? Daria? Oder so ähnlich? Sieghelm hielt sein Pferd dazu an, vorsichtig weiter zu traben. Der Geruch von verbranntem Holz lag in der Luft, denn der Wind wehte die dichten schwarzen Rußwolken direkt zu ihm herüber. Perz lag zu weit außerhalb von Wehrheim, als das es vom Weltenbrannt zerstört werden konnte. Dies konnte nur das Werk von Söldnern oder versprengten untoten Truppen des endlosen Heerwurms sein. „Bei Rondra, Pagol. Perz hatte auch einen Peraine-Tempel!“, stieß Sieghelm schockiert aus, als seine Erinnerung an diesen Ort zurückkehrte. Seine Anrufung richtete sich an seinen Leutnant. Der Dachshund stand etwas schwankend auf seinem kleinen Pfoten auf dem Rücken des Pferdes in einer speziellen Tragevorrichtung, die Sieghelm improvisiert hatte, da er rasch aus Gareth aufbrechen musste. Der Ritter erinnerte sich daran, dass Perz einen Tempel der gebenden Göttin hatte. „Wir müssen nachsehen, ob jemand überlebt hat und unsere Hilfe braucht, Pagol“, entschied er mit entschlossener Stimme. Der braunrote Dachshund verstand sofort und ließ sich vorsichtig am Sattel des Pferdes herab. Kaum war er am Boden angekommen, flitzte er auch schon los. Sein kleines Halsband schepperte dabei über die Pflastersteine der Reichsstraße. Sieghelm hatte keine andere Wahl, er gab seinem Pferd wieder die Sporen, um mit dem vorschnellenden Leutnant mithalten zu können.

Als er und Pagol zwischen den verbrannten Bauernhäusern ankamen, wurde Ihnen schnell klar, dass dies das Werk von unzufriedenen Söldnern Galottas war, die sich wohl noch rechtzeitig davongestohlen hatten, um nicht selbst vom Weltenbrand erfasst zu werden. An dem Querbalken der Pforte des Gasthauses hatten diese ruchlosen Söldner den Wirt und seinen Knecht aufgeknüpft. Für sie kam jede Rettung zu spät. Wahrscheinlich hatten die Söldner alles gründlich geplündert und die Weiber des einstmals idyllischen Wegortes geschändet, bevor sie es in Brand gesteckt hatten. Auf Sieghelms Miene zeichnete sich eine tiefe Unzufriedenheit ab. Er wünschte sich hier gewesen zu sein, um diese Gräueltat verhindern zu können.

Mit bitterem Schwermut holte Sieghelm die Leichname der beiden Männer vom Querbalken herunter und legte sie ordentlich an den Zaun. Er beschloss sie später wie ein guter Gläubiger der Zwölfe beizusetzen, doch zuerst wollte er nach dem Perainetempel sehen. Nachdem er die Männer an den Zaun gelegt hatte, trafen sich seine und die Blicke Pagols. Er musste sofort daran denken, dass er eigentlich auf der Mission war, seinen Vater zu suchen. Doch konnte er auf der Reise dorthin nicht sich selbst und seine ritterlichen Schwüre vergessen. „Ich kann nicht anders, Pagol. Ich muss das tun“, sagte er im entschuldigenden Tonfall zu seinem Hund, dessen trauriger Blick und die herabhängenden Ohren ihn in seiner trübsinnigen Stimmung in keinster Weise aufmunterten. „Ich werde mich später um die Zwei kümmern. Komm, lass uns nach dem Tempel sehen.“ Mit schweren Schritten ging er zusammen mit Pagol an verbrannten, einstmals mit Leben gefüllten Häusern vorbei. Sein Gesicht war rußig, denn der schwarze Rauch fing sich in dem Schweiß auf seinem Gesicht und legte sich über seine Haut wie eine zweite, schmierige Schicht, die ihn nicht vergessen ließ, was hier fürchterliches geschehen war. Der Tempel der Göttin der Saat befand sich zwischen zwei Feldern und war größtenteils aus Stein gebaut. Nur der Turm, von dem man über die Felder blicken konnte, war aus Holz errichtet worden. Als Sieghelm quer über das Feld lief, entschuldigte er sich bei Peraine dafür, doch es gab keine Bauern mehr, die dieses Feld bewirtschafteten. Schon von weitem sah er, dass der hölzerne Turm des Tempels nicht mehr stand. Er war bis zum Boden niedergebrannt und schwarzer Rauch quoll aus den Überresten hervor. Der aus Stein gebaute Teil schien jedoch noch erhalten zu sein, was dem Reichsritter ein wenig Hoffnung gab. Als die beiden die eingeschlagene Eingangstür erreichten, tat Pagol das, was ein guter Wachhund tat, wenn er eine Bedrohung witterte: Er knurrte. Sieghelm verlor keinen weiteren Gedanken und reagierte sofort auf das Warnsignal seines treuen Weggefährten. Mit einem langen *Ziiing*, surrte sein göttlicher Anderthalbhänder aus der Rückenscheide. Mit einem kräftigen Tritt ließ Sieghelm die ohnehin eingeschlagene Tür des Tempels aus den Angeln fliegen. Fast zeitgleich schnellten Pagol und Sieghelm kampfbereit durch den nun türlosen Rahmen und was sie sahen, ließ beiden einen kalten Schauder den Rücken hinunterfahren.

Teil I – Vorboten (1)

Teil XII – Epilog

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Zwischen Eilingshof und Burg Friedstein

Sie waren schon zu hören, noch bevor man sie sah. Der Boden bebte unter den Füßen zweier berittener Lanzen, die gerade in den Weg hinter dem Wäldchen einbogen und von der untergehenden Praiosscheibe weite Schatten auf die Hirsefelder neben sich warfen. Angeführt von einer Kriegerin in leichter Reiterrüstung, die auf einem schwarzen Greifenfurter Kaltblut ritt, näherten sie sich der Niederrungenfestung Friedstein. Als sie einen guten Blick auf das Gemäuer bekamen, hob die Kriegerin den Arm und die zwei Dutzend Reiter kamen binnen von wenigen Lidschlägen zum Stehen, nur die Staubwolke, die sie dabei aufwühlten, flog noch etwas weiter. An die Seite der Kriegerin ritt einer ihrer Männer, ihr engster Berater, und öffnete sein Visier. „Euer Wohlgeboren.“ Seine Stimme klang rau und alt, hatte aber seine militärische Stärke behalten. Im epischen grauen Oberlippenbart des Mannes fing sich der Staub des Weges, als er zu seiner Herrin herüber sah. Diese hatte ebenfalls ihren Helm geöffnet und blickte mit tief ernstem Blick zur Festung. „Niemand hatte erwähnt, dass sich die Festung in einem derart heruntergekommen Zustand befindet“, merkte sie in einem skeptischen Tonfall an und meinte damit den geschliffenen Turm und die zum Teil eingerissenen Wehrmauern. Der schnauzbärtige Berater musste zwinkern, als er sich die Festung ansah, seine Augen waren nicht mehr die besten, aber eine geschliffene Festung erkannte er noch gut genug. „Ich habt Recht, euer Wohlgeboren. Ein katastrophaler Zustand“, bestätigte er, strich sich durch den Bart und schniefte den Staub aus seiner Knollennase. „Für einen Erkundungstrupp ist es zu spät, wenn dort noch jemand ist, hat er uns schon längst kommen hören.“ Lady Brangane legte ihre mit Reiterhandschuhen gekleideten Hände lässig auf das Horn des Sattels und schaute zu ihrem alten Weggefährten herüber. „Und der Büttel Jahan Eiling hätte uns wohl davon berichtet, wenn die Festung angegriffen worden wäre.“ „Ich sage, man hat uns die Wahrheit über den Zustand der Festung vorenthalten, euer Wohlgeboren“, versuchte der alte Kämpfer in militärischem Tonfall zu erklären. Er war von Anfang an nicht von dem Ansinnen seinen Herrin, dem Orden beizutreten, begeistert gewesen und hatte den ganzen Weg hierher nur Schlechtes daran gefunden. „In Nandus Namen, genau darum brauche ich euch, Baltram. Ihr lasst mich hin und wieder meine Befehle und Entscheidungen überdenken.“ „Stets zu Diensten, Lady Brangane“, brummte Baltram zackig. Für einen Moment kehrte Ruhe ein und die beiden Kämpfer sahen sich von weitem Festung Friedstein genauer an, auch wenn für Branganes Berater das Gemäuer nur wie ein verschwommener grauer Fleck aussah. Im Hintergrund nutzen einige der Reiter inzwischen die kleine Pause um einen Schluck aus ihren Wasserschläuchen zu nehmen.

Baltram konnte die anhaltende Stille kaum aushalten, weshalb er mit der Zunge schnalzte und sein Pferd nach vorne traben ließ, zwei weitere Reiter schossen sofort aus der Lanze zu ihm nach vorne und flankierten ihn schützend. „Dann gehe ich euch mal ankündigen“, rief Baltram noch ungeduldig und war auch schon außer Hörreichweite. Lady Brangane blieb lässig in ihrem Sattel sitzen und blickte ihrem erfahrenen Berater mit einem leichten Lächeln auf den Lippen hinterher.

Wenig später, die Praiosscheibe war inzwischen nur noch ein roter Helm am Firmament, erreichten beide Lanzen die verwüstete Festung. Überall lagen zerfetzte Leichen herum und Unmengen an Abscheulichkeiten lagen teils zusammengekrümmt, teils zerstückelt im Staub des Hofs oder auf den Wehrmauern herum, als wäre der Kampf gerade erst vorbei. Nachdem Baltram seine Herrin an der Festung angekündigt hatte, brauchten sie einen Moment, um die Tore zu öffnen, denn die Torwächter waren ebenfalls tot. Tarnelius, der überlebende Infanterist, interessierte sich sehr für Heraldik, weshalb er das Wappen der Greifenfurterin sofort erkannte und allein aufgrund der Menge der Reiter für echt hielt und sie einließ.

Die zwei Lanzen Berittener durchschritten gerade die offenen Burgtore, als sich ein durch zahlreiches Krächzen ankündigender Schwarm Raben über die Festung flog und überall auf den Zinnen niederließ. Sie deuteten es als ein Wirken Borons und ließen sie gewähren, als sie still verweilten und die Ankunft der zwei Lanzen beobachteten. Der Tod war über diese Festung gekommen, und alle empfanden es nur als recht, dass nun die Boten des Stillen kamen, um die zahlreichen Seelen abzuholen.

Die dumpfe und beklemmende Stimmung, die über der Festung hing, wurde nur gelegentlich von Würgegeräuschen unterbrochen, da ein paar der Reiter die Beherrschung verloren und sich übergeben mussten. Nicht nur wegen des starken Geruchs nach frisch vergossenen Blut oder aufgeschlitzter Eingeweide, sondern auch wegen des rohen und fürchterlichen Grauens, dass hier eben gerade geschehen war. Sofort gab Lady Brangane den Befehl mit den Aufräumarbeiten zu beginnen. Elfa, Tarn und noch zwei weitere überlebende Festungssoldaten organisierten zusammen mit den Reitern, die sich dazu in der Lage empfanden, sofort die Aufräummaßnahmen.

Lady Brangane, Baltram und der Knappe Ingmar fanden sich daraufhin im Rittersaal der Festung ein, der, den Göttern sein Dank, gänzlich verschont geblieben war. Ingmar hatte inzwischen einen Großteil seiner zerschlissenen und störenden Rüstung abgelegt. Er setzte sich mit den beiden weitaus älteren Personen an den Kopf der Rittertafel, er selbst belegte dabei, bewusst oder unbewusst, den Sitz des Burgherrn. Ohne das die Zwei Nachfragen mussten, begann er sofort zu erzählen, was hier geschehen war, ungeschönt und ohne ein einziges Detail auszulassen, schilderte er die Ereignisse von der Ankunft der falschen Brangane, der Entdeckung Halriks, dem Auftauchen des gefallenen Ankers, bis hin zum finalen Kampf auf dem Burgfried. Baltram und Brangane hörten nur zu, sie hatten keine Zwischenfragen, sie warteten nur still ab und ließen sich die unglaubliche Geschichte bis ins Detail erzählen. Ihre Mienen wurden dabei immer missmutiger und ernster. Als Ingmar die falsche Brangane erwähnte, horchten sie beide kurz auf und Baltram nahm sein Notizheft und kritzelte schnell ein paar Worte darauf, um sie seiner Herrin zuzuschieben. Diese nickte nur wissend und lauschte dann weiter den Ausführungen des ehemaligen Knappen.

Fast eine halbe Stunde verging und die Praiosscheibe ging inzwischen unter. Zwischendurch entzündeten sie ein paar Kerzen im Rittersaal, um nicht in völliger Dunkelheit weiterreden zu müssen. „ … und dann kamt ihr an die Burgmauer.“ Ingmar nickte zu Baltram, als er seine Erzählung endete. „Es ist ein Segen, dass ihr gerade jetzt kommt, um uns in unserer Not zu helfen. Ich wünschte nur, ihr wärt hier gewesen, bevor der Dämon uns erreichte.“ Schwermütig schloss Ingmar damit seinen Bericht und suchte auf dem Tisch nach einem vollen Krug Wein, um sich die vom Erzählen trocken gewordene Kehle zu befeuchten, doch vergebens, er war leer. „Zuerst möchte ich euch mein Bedauern über den Verlust eures Ritters und Marschalls dieser Festung mitteilen“, begann Brangane, die ihre Hände auf dem Tisch zusammengefaltet hatte. Ihre Brauen waren tief in das Gesicht gezogen und bildeten eine gerade Linie. „Ich danke euch auch für euren umfassenden Bericht, junger Herr. Ihr konntet uns damit helfen, ein Rätzel aufzuklären. Dieser hautwechselnde Dämon muss unter uns gewesen sein und sich als einer meiner Waffenknechte ausgegeben haben. Denn nur so lässt sich erklären, weshalb mein Waffenknecht sich nicht daran erinnern konnte, meine Rüstung mehrmals geputzt zu haben – und das noch, während ich sie an hatte. Allein wenn ich daran denke, dass mich ein Dämon berührt hat, um meine Gestalt anzunehmen, lässt es mich erschaudern.“ Baltram nickte deutlich und nahm dann sein Notizheft zurück. Das war es, was er seiner Herrin aufgeschrieben hatte. „Ich wurde auf Geheiß von Ordensmeister Nehazet hierher überstellt, und ich werde mein Wort halten und mich und meine Mannen dieser Festung zuteilen und … das was davon übrig ist … schützen.“ Brangane rührte dabei mit dem Zeigefinger in der Luft und legte die Hände dann wieder zusammen. „Ich erkenne euch als kommissarischen Verwalter der Feste Friedstein an, da ich als Heermeisterin und nicht als Marschallin hierher bestellt wurde. Ich lege euch nahe, ein Schreiben an Ordensgroßmeister Sieghelm zu verfassen, was ihr mit Sicherheit ohnehin vorhattet. Die Ordensmeister müssen über das hier Geschehene in Kenntnis gesetzt werden – zumal ihr eine wichtige Gefangene im Kerker habt. Die Meister können dann darüber bescheiden, wie es hier in der Feste weitergeht. Bis dahin unterstelle ich meine Männer unter euren Befehl, junger Herr.“ Wenn ihr Berater Baltram etwas gegen die Entscheidung seiner Herrin hatte, ließ er es sich nicht anmerken. Sein epischer grauer Schnauzbart zuckte nur kurz und er strich ihn sich dann seine Knollennase rümpfend glatt. „Eure Weisheit wird nur noch von eurer Ehrenhaftigkeit übertroffen, Lady Brangane“, antwortete Ingmar, der sich an die Lehren über ritterliche Tugenden erinnerte. Baltram, der aufgrund seiner Erfahrung wohl ein besseres Auge für gefüllte Krüge hatte, schnappte sich einen eben solchen vom Tisch und füllte sofort zwei Zinnkelche mit Wein. Brangane bedeutete ihm dabei, dass er sich auch einen eingießen sollte, was er dann dankend tat. Alle drei, beginnend mit der Ritterin erhoben sich aus ihren Stühlen und erhoben ihre Becher. „Auf die Gefallenen, möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein“, toastete Brangane Ingmar zu. Dieser zögerte kurz, da er sofort an Ser Gneisor denken musste, als die Ritterin ‚die Gefallenen‘ erwähnte und für einen kurzen Moment in Melancholie versank. Er wünschte sich, dass er ebenfalls einen Toast aussprechen konnte, doch genau in diesem Moment musste er daran denken, dass ihn sein eigener Ritter in den Tod hatte stürzen lassen. „Auf die Gefallenen“,  brachte er mit bitteren Tonfall über die Lippen. Gemeinsam kippten die drei den schweren Koscher Wein herunter und besiegelten damit ihr weiteres Vorgehen.

Brangane begann sofort ihrem Berater ein paar direkte Anweisungen zu geben, dabei ging es um den geschliffenen Turm und auf der ganzen Festung verteilt liegenden Leichen und Abscheulichkeiten. Ingmar vernahm zwar ihre Worte, doch als er sich wieder in den Burgherrensessel fallen ließ, versank er tief in ihm. Nur am äußeren Rand seiner Wahrnehmung hörte er ein paar Wortbruchstücke, zu sehr war er mit seinen Gedanken und der Verarbeitung der Ereignisse beschäftigt. Ihm wurde klar, dass er gestorben war – zwei Mal. Einmal im Burgfried vor der Bibliothek und einmal zerschellte er auf den äußeren Randklippen des Frieds. Sein eigener Herr, sein vertrauter und langjähriger Ritter, hatte ihn in den Tod stürzen lassen. Er wurde von ihm zugunsten eines Dämons geopfert. Wahrscheinlich hatte Halrik erneut seine Magie eingesetzt, um ihn im Anschluss zu retten. Doch warum ihn und nicht Gneisor oder die zahlreichen anderen Menschen? Diese und noch andere Fragen nagten an ihm, während er in den leeren Zinnbecher starrte und mit der Neige darin herumspielte indem er ihn in der Hand rotieren ließ.

„Kommt, junger Herr – ihr wollt bestimmt ein paar erbauliche Worte an meine – verzeiht – eure Mannen dort draußen richten. Sie können es gut gebrauchen und damit wird es auch offiziell.“ Mit diesen Worten holte Lady Brangane Ingmar aus seinen Gedanken. Baltram und sie waren inzwischen aufgestanden. Wie lange hatte er wohl einfach nur so da gesessen? ‚Erbauliche Worte‘, sagte sie, die könnte er jetzt auch gut gebrauchen, dachte er sich und griff nochmal nach dem Krug Wein. „Geht schon vor, ich komme gleich nach.“ Er goss sich noch einen ordentlichen Schank ein und schaute dann wieder in den Becher, bevor er ihn in einem Zug hinunterstützte. Die beiden Neuankömmlinge blickten sich kurz einander wissend an und Baltram zog dann an dem Arm seiner Herrin, ehe sie etwas sagen konnte. Auf dem Weg nach draußen fühlte sich der alte Schnauzbärtige Kämpfer dem Jungen für einen kurzen Moment tief verbunden. „Gebt ihm den Moment, Herrin“, erklärte er beschwichtigend. Er musste an seine eigene Vergangenheit und die zahlreichen Verluste enger Vertrauter denken. Auch er hatte ihren Tod in zahllosen Schenken danach mit ebenso zahllosen Litern Bier und Wein ertränken müssen. Baltram wusste, dass jedoch nicht jeder wieder aus der Trauer herausfand, manche Narben saßen einfach zu tief. Er beschloss ein Auge auf den Jungen zu haben, anscheinend war dies sein erster herber Verlust.

Teil XI – Leben und Tod (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Aus Vidkuns rechter Hand wuchs ein langes blankes Schwert und er konzentrierte sich darauf, wieder eine einzelne äußere Form anzunehmen. Die brodelnde und schwefelnde Stelle an seiner linken Schulter würde er dennoch nicht verstecken können. Die Gestalt wurde jünger und schlanker, er war nun Anfang 20 Götterläufe jung, trug einen dunkelblauen Gambeson und eine einfache Lederrüstung. Er hatte blondes Haar, das ihm ins Gesicht fiel, und auf dem Wappenrock, den er trug, prunkte das Hauswappen von Lady Brangane. Vidkun war nun wieder der junge Knecht, als er die Informationen von der verhüllten Gestalt vor zwei Tagen entgegennahm, er hielt diese Form für diesen Moment am passendsten. Über den Rand der Zinnen erhob sich der vom Vortex verzerrte Halrik, noch immer war sein Gesicht mit dunklen, ja fast schon schwarzen Adern überzogen, der Rest seiner Haut war aschfahl und seine Augen glichen großen Obsidiansteinen. Er schwebte langsam über die Zinnen, während er in seinen Händen vor der Brust den leblosen und zerschundenen Körper des Knappen Ingmar hielt. Seine Rüstteile hingen zerfetzt von ihm herab, ebenso wie Teile seines Körpers, die beim Aufschlag auf die scharfkantigen Felsen von der schieren Wucht des eigenen Gewichts zerschmettert wurden.

„Es ging dir nie um das Wissen, dass du den Spährenbewohnern hier bringst…“, begann Vidkun mit der Stimme des jungen Knechts, die jedoch ein wenig metallisch klang. „…nicht wahr? Es ging dir allein darum, dass ich Sara’kiin vernichte.“ Vidkun hatte Halrik schon als die verhüllte Gestalt aus dem Heuschober erkannt, kurz nachdem er ihm den Dolch in den Rücken gestochen hatte. Vidkuns Kontaktperson und Halrik waren ein und dieselbe Person. Vor zwei Tagen im Heuschober, hatte Halrik Vidkun beauftragt den jungen Studiosus zu retten. Er hatte also seinen eigenen Rettungsplan initiiert, doch Vidkun wäre nicht ein Meister der Blendung, wenn er nicht sofort erkannt hätte, dass es Halrik gar nicht darum ging sich selbst zu retten. Halrik hatte ihn benutzt, ihn getäuscht. In Wahrheit wollte er nur, dass er sich nach Burg Friedstein begab, um Sara’kiin zu stellen und zu vernichten – weil es im Moment niemand anderen gab, der es hätte tun können. Halrik schwebte auf die Planken des Burgfrieds und legte Ingmars zerschlagenen Körper sanft ab. Da er nicht antwortete, sprach er weiter: „Du warst also hier als Sara’kiin diese Burg zerstörte und alle darauf tötete und bist entkommen.“ Er machte eine kurze Pause und sah wie Halrik sich neben den Leichnam kniete und zu ihm aufschaute. „Alle außer mir wurden getötet.“, begann der Studiosus mit sanfter Stimme. „Ich trat gegen sie an, so wie auch dieses Mal. Und sie gewann, ebenfalls wie dieses Mal. Mit meinem Wissen über den Vortex konnte ich beim ersten Mal jedoch entkommen. Ich brauchte dich, um das Geschehene zu verändern.“ Halrik ließe Hände über Ingmar gleiten, als würde er einen Segen vorbereiten. Die Gesichtszüge von Vidkun in Form des jungen blonden Knechts wurden wütend. Er wusste, dass er benutzt wurde, aber das Halrik es auch so ganz unverhohlen zugab, machte ihn noch wütender. „Sie sind auch dieses Mal alle verreckt, es scheint mir nicht so, als hättest du irgendetwas bewirkt oder verändert. Mich für deinen Plan zu benutzen war nutzlos!“ Vidkun spottete ihm und lief aufgeregt auf und ab. Er konnte es noch immer nicht fassen: Er, der Meister des Intrigenspiels, wurde selbst hereingelegt, und das auch noch von einem jungen Fleischling. „Das ist nicht richtig.“, entgegnete Halrik und strich mit den aschfahlen und von schwarzen Adern überzogenen Händen über den zerschundenen Körper des toten Knappen. Für einen kurzen Moment blickte er nach oben, die Vortexkuppel war kurz davor zusammenzubrechen, er musste sich also beeilen, solange die Wortzauberei noch funktionierte. Er bemächtigte sich wieder dieser und sprach den Zauber, den er schon im Innern der Festung gesprochen hatte, erneut: „Ia’chau“ Die zahlreichen Verletzungen im Körper des Jungen schlossen sich, das Blut verschwand, Knochen verbanden sich und auch das Fleisch wuchs wieder zusammen. Das Gesicht des Jungen, was kurz zuvor nur noch ein verunstaltetet Blutklumpen war, war wieder zu erkennen. Es schien fast so, als würde er ruhig schlafen. Die zerfetzte Rüstung des Knappen blieb jedoch so zerstört wie zuvor. Kettenteile blieben zersprungen und die Plattenteile verbeult, doch der Körper des Knappen wurde mittels Halriks Wortzauberei geheilt. Vidkuns Lippen wurden schmal und er schüttelte den Kopf. „Was findest du nur an diesem Jungen?“,platzte es aus ihm heraus, doch dann hat er eine Erkenntnis und er fuhr fort: „Es ging dir um ihn, richtig?“ Während sich Halrik erhob, sah er herüber zu der kopflosen Sara’kiin, dessen Körper sich immer mehr auflöste und ihre wahre Gestalt preisgab. Saria Fuxfell, die Eismagierin, war schon gut zu erkennen. „Er muss leben“, antwortete Halrik knapp und mit einem Tonfall, als würde seine Antwort einfach alles erklären.

Sie beide hörten plötzlich Geräusche aus dem Burgfried unter ihnen. Es waren Stimmen. Halrik und Vidkun sahen sich an. „Anscheinend haben doch noch welche überlebt“, spekulierte Vidkun, der nicht allzu begeistert klang. „Wir müssen nun fort von hier.“ Halriks Stimme erschien endgültig und duldete keinen Widerspruch. „Warte … wo wirst du hin? Du kannst nicht zurück in unsere Sphären. Sie würden sich aufspüren und finden, und du wärst eine Gefahr für alle die dich umgeben“, fragte Vidkun in fast schon besorgtem Tonfall, der sich schon darauf konzentrierte, sich erneut zu verwandeln. Halrik schloss seine obsidianfarbenden Augen und antwortete: „Ich werde im Vortex bleiben, ihn studieren und mich zur rechten Zeit wieder an euch wenden.“ Dann sprach er zwei Worte, die Vidkun nicht vernahm, da er sich gerade verwandelte. Halrik verschwand, er löste sich einfach auf und war hinfort. Vidkun hingegen nahm die Gestalt eines weißköpfigen Adlers an und erhob sich mit zwei mächtigen Flügelschlägen in die Lüfte, um binnen Lidschlägen durch die immer größer werdenden Spalten in der Vortexkuppel zu verschwinden.

Als er gerade hindurch war, flog die Dachluke des Burgfrieds auf und sowohl Tarn, als auch Elfa, sprangen kampfbereit heraus. „Sie ist fort. Und wer zum Geier ist das?“, stieß Tarnelius im rauen Tonfall aus. Seine Rüstung und sein Wappenrock waren zerschlissen und in seinem Gesicht waren zahlreiche Kratzer. Mit der Spitze seines Schwerts zeigte er auf die am Boden liegende Magierin Saria Fuxfell. Elfa, die ebenfalls einiges abbekommen hatte und einen dicken Verband am linken Arm und um die Hand trug, entspannte ihren Bogen, als sie zu Ser Gneisor ging, um seine Lebenszeichen zu prüfen. Sie legte zwei Finger auf eine Stelle an seinem Hals. „Oh, bei den Göttern. Der ist hinüber.“ Ihre glockenhelle Stimme war dabei keineswegs spöttisch, sie meinte es genau so, wie sie es sagte: Gneisors Seele war schon hinüber gegangen in das Totenreich. „Der hier lebt noch!“, rief Tarn, der gerade Ingmars Lebenszeichen prüfte. „Bei Ingerimm, sieh dir nur seine Rüstung an, komplett zerstört und kein einziger Kratzer – ein Wunder“, fügte er noch an, als er Ingmar an der Schulter ruckelte, um ihn aufzuwecken. Ingmar, der Knappe des Marschalls der Festung, stöhnte, als er rüde aufgeweckt wurde. Er blinzelte und blickte in das von Verletzungen gezeichnete Gesicht des erfahrenen Infanteristen. „Was … wo … ich sollte …“, brachte er schwach und verwirrt hervor. Tarn schloss daraus, dass er wohl mächtig eins auf den Kopf bekommen haben musste und noch etwas verwirrt war. „Ganz ruhig junger Herr, ihr müsst gestürzt sein.“ Tarn wusste nicht, wie viel Wahrheit in seiner Aussage lag. „Ich sollte Tod sein – schon wieder“, hauchte Ingmar und versuchte aufzustehen, doch die zerbeulte Rüstung hinderte ihn daran. Tarn rollte mit den Augen. „Man man man, ihr müsst wohl ganz heftig was abbekommen haben. Ihr phantasiert, junger Herr.“ Tarn reichte dem jungen den Arm, um ihm aufzuhelfen. Er zog ihn hoch, es klapperte, quietschte und kratzte metallisch, als er den Knappen aufrecht hinstellte und noch ein paar Momente stabilisierte. Tarns Blick fiel kurz auf den toten Ritter. Er wusste nicht, ob der Knappe es schon wusste und beschloss es ihm sofort zu sagen. Besser er erfuhr es jetzt, als später. „Ich muss euch etwas sagen, junger Herr … euer Ritter …“, begann er mit so viel Einfühlsamkeit, wie er besaß, da wurde er von Elfas schneidiger Stimme im Befehlston unterbrochen. „Tarn! Lass den Jungen und hilf mir hier.“ Tarnelius prüfte noch kurz, ob es der Knappe schaffte alleine zu stehen und ging dann mit einer entschuldigenden Geste zu Elfa herüber, die mit gespannten Bogen vor der erwachenden Magierin stand. Das Ende ihres Pfeils war dabei auf ihr Gesicht gerichtet. „Nimm ihr den Stab ab.“,befahl sie weiter.Tarn wollte schon protestieren, immerhin wussten sie nicht, wer sie ist, und sie richteten gerade einen Pfeil auf eine Magierin, doch da erkannte auch er sie: „Das ist … das ist …“,stotterte er. „Saria! Die ehemalige Herrin dieser Festung und gefallener Anker Hesindes“, brachte Elfa Tarns Satz mit einer anschließenden Erklärung zu Ende. Sie lag da und hatte sich etwas aufgerichtet, ihr weißer Magierstab lag in Griffreichweite zu ihr, doch Elfa hielt sie in Schach. Tarn näherte sich ihr vorsichtig und fingerte ihr dann den Stab weg. „Was hast du mit ihr vor?“, erkundigte sich Tarn bei Elfa, in seiner Stimme lag Besorgnis. Die Augen der Bogenschützin waren feine Schlitze, als sie auf die Gesichtsmitte der Magierin zielte. Sie antwortete nicht, man sah nur, wie die Wut über all das Verderben, das sie als Sara’kiin über sie gebracht hatte, in ihr hochkochte. Elfas Finger lockerten sich von der Sehne, da hallte plötzlich Ingmars Stimme über den Burgfried: „Sie soll leben!“, quietschend und klappernd schloss er zu den beiden auf. „Sie soll uns Rede und Antwort stehen. Sie weiß mehr über den Vortex, als wir alle, sogar mehr, als die Großmeister. Legt ihr den Praioskragen an, legt sie in metallene Fesseln und bringt sie in den Kerker … und lasst sie nicht aus den Augen.“ „Jawohl, Herr“,antworteten Elfa und Tarn im Gleichklang. Nach dem Tod von Ser Gneisor war er nun wohl der neue Herr von Festung Friedstein.

Teil XI – Leben und Tod (2)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Kurz zuvor im Innern des Burgfrieds

Lady Branganes Füße flogen die steinernen Stufen den Burgfrieds hoch. Die Schnelligkeit mit der die voll gerüstete Frau über die Treppenstufen hinter sich ließ, erschien unnatürlich. Einen Absatz tiefer hörte sie den schwer verletzten Ser Gneisor keuchen und japsen. Er war trotz der Hilfe seines Knappen viel zu langsam. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ brüllte sie und ihre Stimme hallte im Treppenaufgang mehrmals wieder. Einen kurzen Moment hielt sie an, lehnte sich über das Geländer und wartete auf eine Antwort, doch sie blieb aus. Sie musste weiter, sie hatte keine Zeit zu verlieren und der schwer verletzte Fleischsack wäre ohnehin keine Hilfe im Kampf gegen Sara’kiin. Sie hatte eine Mission: Sie musste Halrik retten. Er war – so hatte es die verhüllte Gestalt gesagt – wichtig für die Bewohner der 3. Spähre. Brangane, oder besser gesagt Vidkun, war ein Quitslinga, ein Dämon der Imitation aus der Domäne Amazeroths. Wenn er etwas sehr gut, ja fast schon perfekt konnte, dann war es Beobachten und Imitieren, weshalb er nicht nur eine geradezu perfekte Auffassungsgabe, sondern auch eine ausgesprochen gutes Gedächtnis hatte. Während Branganes Füße wieder über die Treppenstufen schnellten, erinnerte er sich jedes Wort seines Auftraggebers:  „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele Jahre im Dunkeln umherirren.“

Sie erreichte die oberste Etage des Burgfrieds, nun trennte sie nur noch eine Leiter von dem Dachebene, von dem aus sie Halrik am besten erreichen konnte. „Ich muss ihn retten“ – immer wieder schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf, doch wie sie das anstellen sollte, war ihr noch nicht klar. Während sie die Leiter erklomm, wurde es draußen still. Der magische Kampf zwischen Sara’kiin und dem Studiosus pausierte wohl, oder war er gar beendet? War sie etwa zu spät? Der Studiosus konnte nicht gewonnen haben, denn er war nicht derjenige, der Sara’kiin besiegen konnte. Er konnte sie schwächen, ja, aber nicht besiegen. Das vermochten nur sie und die Auserwählte Hesindes. Die Stille bedeutete also nichts Gutes. Entweder hatte Sara’kiin den jungen Mann in Stücke gerissen, oder Halrik war es gelungen sie für einen kurzen Moment zu Schwächen, doch dann, befand er sich in noch größerer Gefahr, denn dann wog er sich in trügerischer Sicherheit. Egal was geschehen war, sie musste zügig weiter.

Vorsichtig drückte sie die Dachluke auf und lugte zwischen dem schmalen Spalt hindurch. Sie erblickte den Studiosus, er stand in seiner grauen Kutte mit dem Rücken zu ihr auf dem Burgfried und reckte seine Arme einen Kelch formend gen Kuppel. Von Sara’kiin war keine Spur. Es war Halrik also für einen kurzen Moment gelungen sie zu schwächen und nun nahm er arrogant an, dass er sie besiegt habe – dieser mittelländische Hundsfott. Angereichert mit der Macht des Vortex aber trotzdem beschränkt durch den Geist eines naiven Kindes. Wieder hallten die Worte der verhüllten Gestalt in ihrem Kopf wieder: Du musst ihn retten! Doch wie sollte sie das anstellen? Sie musste ihn vor Sara’kiin schützen, und das konnte sie nur, indem sie die Limbusverschlingerin besiegte. Denn im Moment war ER für sie zwar keine Bedrohung, aber dennoch ein sehr lästiger Störenfried, dem sie sich mit Sicherheit als erstes zuwenden würde.

Vorsichtig und vollkommen lautlos schob Brangane die Dachluke etwas weiter auf. Währenddessen begann Halrik zu sprechen: „Ausghairm banna áit.“ Blitzartige Gebilde zuckten über den Kuppelrand, als er die Worte mit hoch erhobenen Armen aussprach. Vidkun wusste, jetzt war der Moment gekommen an dem er etwas tun musste. Sara’kiin würde sich die Zauberei des Jungen nicht lange mitansehen und in Kürze wieder erscheinen. Er konnte sich aber auch nicht Sara’kiin offen stellen – er war kein Kämpfer, sondern ein listenreicher Blender der aus dem Verborgenen agiert. Außerdem, selbst wenn er sich ihr in Gestalt von Brangane stellen würde, wäre er aus Sicht von Sara’kiin noch immer nicht der gefährlichste Gegner und ihre Angriffe würden sich weiter auf Halrik richten. Da hatte der Dämon plötzlich einen Gedankenblitz: Was, wenn er Halrik aus dem Spiel nehmen würde, wie eine Figur die man vom Brett nehmen würde, um nicht zur Zielscheibe des Gegners zu werden?

Als Brangane öffnete Vidkun die Dachluke, und als Matral, dem gefallenen Anker Borons, schloss er sie wieder. Vidkun war nun in gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. An Stelle des Bihänders der Kriegerin, war dort nun ein schlanker, nadelartiger Dolch in seiner rechten Hand. Auch wenn Vidkun selbst keinerlei Organe besaß, so kannte er sich mit ihnen sehr gut aus. Er wusste genau, welche Organe wichtig zum Überleben waren, wo die sich befanden, wie sie sich im Innern wandten und was passierte, wenn man sie gezielt punktierte. Auch wenn sich Halriks Körper aufgrund des Einflusses des Vortex inzwischen verändert hatte, so mussten seine Organe noch immer die gleichen Funktionen haben, wie zuvor. Um Halrik zu retten war Vidkun gezwungen ihn vorübergehend auszuschalten. Und damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe! Er würde Halrik nicht nur sprichwörtlich ‚vom Brett nehmen‘, er würde der Limbusverschlingerin sogar vortäuschen, auf ihrer Seite zu sein. Vielleicht würde sie den Köder schlucken und es würde ihm gelingen, nah genug an sie heran zu kommen, um bei ihr einen tödlichen Stich zu setzen. „Ausghairm banna áit“, sprach Halrik zum zweiten Mal und die Blitze am Rand der Kuppel wurden immer größer. Der Junge war wirklich talentiert – dachte sich Vidkun und schaute sich seinen Rücken sehr genau an. Mit den Augen sezierte er ihn und legte eine Route fest, die sein schlanker Dolch nehmen musste, um ihn so zu verletzten, dass es so aussah, als ob er tödlich verletzt worden wäre, er den Stich aber überleben würde. Es bedurfte also einem Höchstmaß an Konzentration und Präzision. Nur einen halben Fingerbreit zu tief, oder zu weit rechts, links, oben oder unten gestochen, und Halrik würde bei Bewusstsein bleiben, oder schlimmer noch: sterben.

Halrik setzte zum dritten mal an: „Ausghairm ban …“ Da stach Vidkun in der Form von Matral dem Jungen ruckartig von hinten in den Rücken. Die schlanke Klinge fuhr mühelos durch dessen Körper und trat vorne wieder aus. Der Dolch verursachte ein ganz leises matallischess Kratzen, als er durch die Brust de Jungen, vorbei an Rippen, fuhr und dabei dessen Lunge an einer fatalen Stelle punktierte. Matral zog an dem Dolch und er flutsche mühelos aus dem Körper des Studiosus heraus. Die Klinge hatte seiner Meinung nach den richtigen Weg genommen, Halrik musste also in Kürze zusammenbrechen – die Verletzung war schwer genug, um ihn sofort auszuschalten, doch würde er sie überleben, was Vidkun Zeit gab, sich zuerst um Sara’kiin zu kümmern.

Halrik ließ still die Arme sinken und drehte sich nach seinem Peiniger um. Vidkuns Darstellung von Matral war so, dass sein Gesicht vollkommen verhüllt war und er auf dem Kopf einen mit metallischen Zacken gekrönten Helm trug – so wie alle Jenseitigen Anker. Er hatte also keine für außenstehende erkennbaren Augen, und doch trafen sich für einen kurzen Moment der Blick von Halrik, dessen Augen obsidianfarbene Steine waren und Matral, der das Gesicht des Jungen nun das erste Mal erblickte und es sofort wiedererkannte. Das Gedächtnis eines Quitlinga-Dämons, vergaß nämlich nie ein Gesicht, auch wenn es so verunstaltet war, wie das von Halrik.

Hinter dem Studiosus öffnete sich ein schlanker Spalt. Der Spalt, dessen Öffnung wie ein länglicher aufrechter Mund mit schmalen Lippen aussah, knisterte vor entropischer Energie als sich die Lippen voneinander trennten. Der Spalt weitere sich und Sara’kiin die Limbusverschlingerin wurde aus den schmalen Vortexschlund ausgespuckt. Ihr schwarzweißes Gewand wallte dabei, als wäre es im ständigen Fluss, an Grazilität und Anmut hatte die ehemalige Eismagierin Saria Fuxfell bei ihrer finsteren Verwandlung kein bisschen eingebüßt. Direkt hinter ihr schloss sich der Schlund wieder, und binnen einen Lidschlags endete auch das entropische Knistern – der Spalt war verschwunden. Sara’kiin dreht anmutig ihren langen Stab wie eine Windmühle durch die Luft und mit einer flüssigen Bewegung traf ihr finaler Schwung Halrik von hinten gegen die rechte Schulter. Mit einer Wucht, als hätte ihn ein darpatischer Ochse im vollen Lauf von der Stelle gepflügt, flog er zur Seite und donnerte gegen die inneren Burgzinnen, wo er mit knackenden Knochen und zerplatzten Muskeln in einer abstrakten Haltung liegen blieb.

Sara’kiin und Matral standen sich nun direkt gegenüber. Vidkuns Plan war aufgegangen, die Limbusverschlingerin sah ihn als einer der ihren an und Halrik war vorrübergehend ausgeschaltet, und so Amazeroth will, würde er auch trotz ihres Hiebs lange genug überleben, dass er genug Zeit hatte, den gefallenen Anker Hesindes zu vernichten. Matrals Blick ruhte jedoch noch immer auf dem zerschundenden Körper des Jungen, auch wenn sein Plan funktionierte, musste er erstmal verstehen, wie es sein konnte, dass Halrik die Person war, für die er ihn hielt.

Teil XI – Leben und Tod (1)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochselstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Durch den von der blauen Explosion ausgehenden Druck flog der Knappe Ingmar hoch über die Zinnen des Burgfrieds. Er hatte sich schützend vor seinen Ritter geworfen, da er wusste, dass dieser die Druckwelle aufgrund seiner Verletzungen nicht aushalten würde. Noch im Flug muss Ingmar an die Worte seines Herrn denken – war er wirklich dort unten in den Gängen des Burgfrieds gestorben? Hatte Halrik ihn wiederbelebt? Es waren die Gedanken eines Jungen, der sein Leben in den letzten Momenten vor seinem Tode an sich vorbeiziehen sah. Ingmars Körper beschrieb eine hohe Flugkurve, weshalb er nicht sofort über die Zinnen stürzte, zuerst schlug er samt seiner Rüstung scheppernd auf der Kante einer Zinne auf, Knochen brachen und dumpfer Schmerz brachte Ingmar bis an den Rand der Ohnmacht. Ohne Kontrolle über seinen Körper rutsche er über den Rand hinweg und stürzte in die Tiefe. Dort waren nur spitze Felsen und scharfkantiges Geröll … niemand der hier herabfallen würde, würde den Sturz überleben. Ingmar sah die Felsen näher kommen, da wurde sein Fall ruckartig unterbrochen. Am äußeren Rand seiner Wahrnehmung, denn Ingmar war aufgrund der Schmerzen noch immer kurz vor der Ohnmacht, hörte er die Stimme seinen Herrn. Er konnte seine Worte nicht verstehen. War es etwa so? Stirbt man auf diese Weise? Sehr langsam und mit den Worten der Menschen in den Ohren, die einem wichtig waren? Doch die Stimme wurde lauter und Ingmars Besinnung kehrte zurück. „Nimm, meinen Arm!“, brüllte Gneisor blubbernd. Ingmar blickte durch verschwommene Augen nach oben. Der Marschall hatte Ingmar am linken Arm gepackt und lugte mit hochroten Kopf und bluttriefenden Mund zwischen den Zinnen hervor. Mit seinem nicht gebrochenen Arm war es Gneisor irgendwie gelungen, rechtzeitig zu den Zinnen zu kommen und Ingmars tödlichen Sturz in die Tiefen zu verhindern. Seine Brust klemmte er hinter die Kante und hielt den Jungen somit in der Luft. Doch Gneisor war zu schwer verletzt, um Ingmar alleine hoch zu ziehen. „Ich lass dich nicht erneut sterben, Junge!“ Gneisors Worte wurden begleitet von zahlreichen Blutspritzern, die auf den Knappen hernieder regneten.

Ingmar sah, wie die Umrisse seines Ritters plötzlich bläulich aufglommen. Er rief seinem Herrn zu: „Ser! Hinter euch!“ Auch Ingmar musste husten, der Aufprall auf den Zinnen hatte ihn mehrere Rippen gekostet und nun fiel auch ihm das Atmen schwer. Den Arm den Gneisor zu packen bekam war ebenfalls gebrochen – er spürte ihn schon gar nicht mehr. Gneisor lugte hinter sich, und was er sah, ließ ihn verzweifeln. Aus irgendeinem Grund hatte Sara’kiin Matrals letzten Stich überlebt, sie schwebte einen halben Schritt in der Luft, überall aus ihr heraus quoll – ja quasi floss – die schwarze Flüssigkeit. Mit einer Geste hielt sie Vidkun in der Form von Matral einige Schritt von sich entfernt in einer glitzernden blauen, jedoch stark flackernden Kugel in der Luft gefangen. Sie war stark angeschlagen, das sah man ihr an. Sara’kiins Körperhaltung war gekrümmt und ihr Zauber flackerte, doch noch hatte sie nicht genug und Vidkun würde sich nicht alleine aus dieser Position befreien können. Zu allem Überfluss begann die Limbusverschlingerin am Ende ihres Stabes eine blaue Kugel der Macht gedeihen zu lassen. Gneisor war sofort klar, dass war eine dieser Angriffe mit der sie den Wehrturm zerstört hatte. Solch vernichtende Magie wäre selbst für einen Dämon aus der Domäne Amazeroths tödlich.

Der Marschall der Feste musste über das Schicksal entscheiden. Wenn er seinen treuen Knappen dabei half, sich wieder hoch zu ziehen, würde er dafür im Gegenzug Vidkun nicht retten können. Sara’kiin würde, wenn auch geschwächt, mit einem einzelnen Angriff den Dämon in Stücke reißen. Doch wenn er dem Dämon helfen wollte, musste er Ingmar los- und in den sicheren Tod stürzen lassen.  Er müsste einen geliebten und gottesfürchtigen Menschen opfern, um einen mehrgehörnten Dämon zu retten. Gneisor sah zwischen der immer bedrohlicher werdenden Szene zwischen Vidkun und Sara’kiin und seinem Knappen hin und her, der gerade versuchte mit dem anderen Arm nach ihm zu greifen. Das Schicksal lag wortwörtlich in seinen Händen.

Zuvor, kurz nachdem die blaue Kugel aus Licht explodierte und eine Druckwelle über den Burgfried ging, hatte sich Vidkun in Form von Matral unter die Zinnen gekauert. Die Druckwelle erfasste ihn und drückte ihn weiter in die Ecke zwischen Planken und Stein. Doch die Welle ging zu großen Teilen über ihn hinweg und so blieb er unverletzt. Als er wieder aufschaute, war Sara’kiin fort. Gneisor rannte gerade zum Rand der Wehrmauer, wo mit einem ohrenbetäubenden Scheppern Ingmar nieder ging und dann über die Brüstung in den sicheren Tod rutschte. Aus einem ihm unbekannten Instinkt heraus, sprang Vidkun auf, um Gneisor und Ingmar zur Hilfe zu eilen. Blind sprang er Ihnen entgegen, doch kurz bevor er Gneisor erreichte, wurden seine Füße vom Boden abgehoben und ein eiskalter Griff umschlang seinen ganzen Körper. Das blaue Licht erfasste ihn, zog ihn zurück, fort von Gneisor und Ingmar und hob ihn in die Luft. Als sich sein Körper in der Luft langsam drehte, sah er sie: Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Wie konnte er nur so dumm und unaufmerksam sein, dachte er sich. Ganz so schnell, würde eine Vortexkriegerin nicht sterben, es würde schon noch etwas mehr brauchen. Er ärgerte sich über sich selbst. Wenn er nicht blindlings hätte helfen wollen, sondern fokussiert geblieben wäre, dann wäre ihm dieser Fehler nicht passiert und er hätte Sara’kiins Wiedererscheinen rechtzeitig bemerkt. Doch nun ist es zu spät, sie mag zwar schwer angeschlagen sein, doch noch hatte sie nicht genug und von seiner Position aus würde er nichts unternehmen können. Da sah er, wie die ehemalige Eismagierin begann, einen blauen Ball aus Licht am Ende ihres Stabes zu formen. Ihm wurde rasch klar, dass dies sein Ende sein würde. Noch nie in der Geschichte seiner Existenz hatte ein Wesen dieser Sphäre einem Dämon geholfen, geschweige denn ihm das Leben gerettet. Auf Gneisor konnte er also nicht zählen. Vidkun schloss die Augen, er wollte Sara’kiin nicht die Genugtuung geben in seine verzweifelten Augen zu blicken, während sie ihn mittels ihres Zaubers in tausend Stücke zerriss.

Das Knistern der Macht, das von der blauen Kugel ausging, wurde immer lauter, als Vidkun beschloss, die Augen zu schließen und sich seinem Schicksal zu ergeben. Er hörte, wie sich die zerstörerische Kraft von ihrem Stab löste und auf ihn zubrauste. Er spürte, wie zersetzende und zerstörende Kraft seine Schulter traf und auflöste. Der Ruck war so heftig, dass er nach hinten gerissen wurde und das Gefühl hatte, zu fallen. Das zersetzende Gefühl breitete sich aus, da schlug er plötzlich auf den Planken des Burgfrieds auf. Er war kurz benommen, wusste nicht wie er die Eindrücke einordnen sollte. Blinzelnd öffnete er nach einem Moment die Augen, seine Schulter blubberte und dampfe, es roch nach Schwefel und sie zersetzte sich nach und nach, aber ihm erschien in Anbetracht der Situation seine Verletzung als zu gering für das, was er eigentlich erwartete. Der Wind trug einen langen, dünner werdenden und markerschütternden Schrei über den Wehrfried, Vidkun erkannte ihn: Es war der vom in den Tod fallenden Knappen Ingmar. Vidkuns Augen schauten durch gelblichen, schwefelhaltigen Rauch hindurch als er sah, wie Gneisor, mit dem Willen einer Löwin, sein Anderthalbhänder durch die Luft schwang. Vor ihm kniete Sara’kiin, ihr linker Arm lag abgetrennt, ihren Stab noch immer in der Hand haltend, am Boden und des Ritters Hieb fuhr mit allerletzter Kraft auf ihren Hals herab. Die Klinge schnitt sauber durch ihren weißen Mantel und ihren Hals, wie eine heißes Messer durch ein Stück Gänseschmalz. Ihr Kopf flog trudelnd durch die Luft und landete pochend auf den Planken. Durch den Schwung der Klinge, die unerbittlich weiter ging, wurde Gneisor herum geschleudert und umgerissen. Er hatte so viel Schwung in diesen finalen Hieb gelegt, dass er ihn nicht kontrollieren konnte. Er fiel wie ein nasser Sack zu Boden und blieb in seiner eigenen Blutlache liegen. Vidkun, dessen Schulter sich immernoch zersetzte und gelblich dampfe, erhob sich langsam. Seine unterschiedlichen Formen verschwammen nun miteinander. Teile seines Körpers waren Matral, andere
wiederum Brangane und wieder andere zeigten Gneisor. Nur das Gesicht blieb größtenteils das von Brangane, als er zum Marschall herüberschlurfte. Vidkun konnte nicht fassen, was dieser Mensch getan hatte. Er hatte Ingmar, seinen treuen Knappen, geopfert, um ihn zu retten.

Der kopflose Körper von Sara’kiin war zur Seite gekippt und lag nun regungslos auf den Planken – sie war endlich besiegt. Vidkun wusste, dass er ihr Herz zwar perforiert und er damit den tödlichen Stich gesetzt hatte, doch war sie dadurch nicht sofort besiegt. Ihr Vortexherz ließ sie noch ein paar Schläge lang weiter agieren, was ihr allerdings – wie man sah – genug Zeit gab, noch zu einem letzten Angriff über zu gehen. Gneisors Rettungstat war, wenn auch sehr heroisch anmutend und wahrscheinlich einmalig in der Geschichte, dumm und sinnlos. Sie wäre ohnehin binnen weniger Lidschläge gestorben, auch wenn sie ihn selbst noch dabei mitgenommen hätte. Und wäre Vidkun hier gestorben, wäre es für immer – denn von dieser Vortexebene hätte er nicht auf die Dämonensphäre zurückkehren können.

Mit nach Schwefel dampfender sowie Blasen schlagender Schulter und sich ständig verändernder Gestalt stelle sich Vidkun über den am Boden liegenden Marschall. Dieser von den Göttern gesegnete Krieger war noch immer am Leben, doch sein Funke, war kurz davor zu erlischen. Er spuckte Blut und das Rasseln, das aus seinen Lungen drang, wurde immer nasser, er war kurz vor seinem Ende. Vidkun sah ihn an, das Gesicht von Brangane zeigte eine Mischung aus Wut und Mitleid. „Du dämlicher Fleischsack. Warum müsst ihr Rondrianer euch immer als die Helden aufspielen, sag es mir!?“ Gneisors Blick suchte Vidkun, es schien, als wäre Bishdariel gerade dabei ihn abzuholen. Seine Lippen bewegten sich, als wolle er etwas sagen, doch außer einem feuchten Husten brachte er nichts mehr hervor. Vidkun konnte nicht anders, er musste es einfach fragen. Er musste es wissen, bevor er starb. Er kniete sich zu ihm herunter und packte ihn am Kragen. „Warum hast du das Leben deines Knappen gegen meins gegeben?“ Der Blick des Marschalls traf den von Vidkun, und in seinem letzten klaren Moment, huschte ihm ein blutiges, aber dennoch süffisantes Grinsen über die Lippen. Fast sah es so aus, als würde Gneisor die Kraft aufbringen etwas zu sagen, doch kein Laut drang über seine Lippen. „WARUM?!“, brüllte Vidkun ihn mit metallisch schnarrender Stimme an. Ganz langsam verflog Gneisors Grinsen. Er schloss die Augen, sein Atem verflachte sich und sein Körper erschlaffte. Als Vidkun ihn losließ, war es totenstill.

Sein Blick ging zu Sara’kiin, ihre Vortexgestalt begann sich aufzulösen, was ein gutes Zeichen war, denn es bedeutete, dass sich auch die Zeitkuppel, in der sie sich befanden, auflösen würde. Er blickte zum Horizont – und tatsächlich – überall waren leuchtende Flecken zu sehen. Die Vortexglobule begann sich allmählich aufzulösen. Wenn Vidkun eine Lunge gehabt hätte, wäre ihm jedoch genau in diesem Moment der Atem gestockt, denn erst jetzt fiel ihm auf, dass Studiosus Halriks Körper fort war. Sofort wuchs aus Vidkuns rechter Hand ein langes blankes Schwert. Der Kampf war gewonnen, doch die Schlacht war anscheinend noch nicht vorbei.

Teil X – Schicksal (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Die Feldsteine und Brockensplitter des Wehrturms sprengten in alle Richtungen davon. Sara’kiins blauer Zerstörungszauber machte aus dem einst stolzen Turm in Windeseile eine Ruine. Doch die zersprengten Teile des Turms in dem sich Tarn und Elfa befanden, flogen nicht einfach nur zur Seite weg – sie blieben in der Luft hängen als hätte Satinav höchstpersönlich ihnen befohlen nicht weiter zu fliegen. Vidkun, der noch immer in der Form von Brangane war, Gneisor und Ingmar waren inzwischen am Zinnenrand des Burgfrieds angekommen und mussten hilflos mitansehen, wie die Limbusverschlingerin den Wehrturm in Schutt und Asche zerlegte.

„Macht euch bereit, sie wird gleich wieder zu uns kommen“, ermahnte Brangane die anderen mit einem leichten Schnarren in der Stimme. Nachdem der Turm zerstört war, verschwand Sara’kiin wieder, begleitet von einem leisen entropischen Knistern, in einem Vortexspalt. „Macht euch bereit!“, rief Gneisor und eilte mit den anderen zurück zur Mitte des Burgfrieddaches. Sie stellten sich alle drei Rücken an Rücken, die Klingen kampfbereit erhoben, um auf diese Weise so wenig wie möglich Angriffsfläche zu bieten. Die Zeit verstrich quälend langsam, nur das pfeifende Röcheln vom schwer angeschlagenen Gneisor und das angespannte Atmen des Knappen Ingmar waren zu hören. Von Brangane war kein Laut zu vernehmen, denn Vidkun konzentrierte sich nicht mehr darauf, die perfekte Illusion zu erzeugen, weshalb er es nicht mehr für nötig hielt, ein Atmen eines fleischlichen Wesens zu imitieren. Für einen kurzen Moment musste Gneisor genau darüber nachdenken. Es erschauderte ihn, dass er Seit an Seit mit einem Dämon gegen einen gemeinsamen Feind stritt. Doch im Moment hatte er keine andere Wahl.

Es knisterte wieder und aus einem lilafarbenen Vortexspalt schwebte sie nur einige Schritt von der anderen entfernt heraus, Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Noch immer tödlich Grazil und unheilvoll anmutig, schwebte sie vor den anderen in der Luft. Pechschwarze und zähe Flüssigkeit drang aus den Wunden ihres Oberkörpers und besudelte ihr einst reinweißes Gewand. Die drei Streiter veränderten ihre Kampfformation und stellten sich ihr gegenüber auf – nun hieß es drei gegen eins. „Dieser Kampf ist für dich, Rondra“, murmelte Gneisor und hob seinen Anderthalbhänder, den er nur noch mit einer Hand schwingen konnte, da der andere Arm gebrochenen in einer Schlaufe hing. Obwohl er der Angeschlagenste von allen dreien war, war er doch der Erste, der auf Sara’kiin zuging. Todesmutig stürzte er voran, Ingmar folgte mit seinem Kurzschwert und auch Vidkum flankierte ihn schützend.

Der Kampf dreier Schwertträger gegen eine einzelne Stabträgerin wäre unter normalen Umständen wohl rasch erzählt. Doch dies war keine profane Stabträgerin, dies war der gefallene Anker Hesindes – eine gestählte und magische Vortexkriegerin gegen einen schwer angeschlagenen Kämpfer, einem jungen unerfahrenen Burschen und einen nicht gerade kampfaffinen Vertreter aus der Domäne des vielgestaltigen Blenders. Und doch, hätte den Kampf jemand von außen betrachten können, hätte er ihn als anmutigen Tanz der Klingen bezeichnet. Alle drei, Gneisor, Ingmar und Brangane schlugen mit allen Mitteln der Kampfkunst auf Sara’kiin ein, doch ihre unnatürliche Gewandheit, gepaart mit ihrer übernatürlichen Geschwindigkeit und dem gekonnten Umgang ihres Stabes wich sie dem Großteil der Hiebe aus, lenkte sie mit ihrem Stab im letzten Moment ab oder erlangte sogar eine vorteilhafte Position. Hatte sie erst einmal eine solche erreicht, setzte sie sofort zu einem tötlichen Schlag an – doch fuhr jedes Mal einer der anderen dazwischen, um sich unter Inkaufnahme eigenen Verletzungen dem anderen das Leben zu retten. Im Gegenzug gelang es den dreien trotzdem die Limbusverschlingerin hier und dort zu treffen und zumindest augenscheinlich zu verletzen. Alle drei bekamen dabei jedoch zahlreiche Blessuren und Platzwunden. Niemand vermag zu sagen, wie lange dieser Tanz der Klingen ging, und hätte die himmliche Leuin es mitansehen können, hätte sie sich diesen Kampf, der einem Gebet an sie gleichkommt, bestimmt nur zu gerne angesehen. Während dieses Gleichstandes, bei dem es keinem der beiden Seiten gelang einen Vorteil zu erkämpfen, beobachtete, ja fast schon studierte der Dämon Amazaroths ihren Widersacher genau. Welcher, wenn nicht ein Dämon der Imitation, war zu einer nahezu perfekten Beobachtungsgabe in der Lage. Vidkun fiel auf, dass Sara’kiin immer wieder versuchte Gneisors Schwäche, den gebrochenen Arm zu ihrem Vorteil auszunutzen. In mitten des Schwerttanzes fasste Vidkun daher den Entschluss, diese Schwäche ihres Mitstreiters, zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Wie vier Löwinnen, die umeinander tanzten und stritten, sprangen auch die vier Kämpfer umeinander her und wechselten ständig die Positonen. Nach einer Abfolge mehrere Schläge und Hiebe von Brangane, drehte sie sich so weg, dass sie Gneisors schwache Körperseite öffnete. Sofort machte Sara’kiin eine vorbereitende Bewegung, um diesen Moment der Schwäche zu nutzen, da nutze Brangane ihre von ihm vorhergesehen Bewegung und schlug ihr mit der Fehlschärfe gegen den zackenbewehrten Helm. Ein metallisches Scheppern erklang und für einen sehr kurzen Moment wirkte sie benommen. Doch anscheinend war Branganes Hieb nicht stark genug, noch immer stand Gneisor in einer unvorteilhaften Position da. Ingmar stand zu weit entfernt, um seinem Herrn beizuspringen und Gneisor wäre selbst nicht in der Lagegewesen, sich von dieser Seite zu verteidigen. Sara’kiin schien diese Gelegenheit nutzen zu wollen. Sie wich einem Hieb von Ingmar aus, drehte sich um die eigene Achse und rotierte mit ihrem Stab so, dass sie Gneisors verzweifelten Streich, sich aus der nachteilhaften Position zu bringen, an ihrem Stab mühelos ablenkte. In den Augen des Marschalls zeichnete sich entsetzte Verzweiflung ab, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war, denn sowohl Ingmar als auch Vidkun konnten ihm in diesem Moment nicht beispringen. Sara’kiin ließ ihren Stab wieder wie eine Windmühle rotieren und schlug dann nach der Seite von Gneisors gebrochenen Arm. Es lag viel Wucht in dem Schlag, es sollte Gneisors letzter Hieb werden, den er einstecken würde. Doch im letzten Moment zog Gneisor den Arm ruckartig aus der Schlinge, packte den Stab und brachte ihn mitten im Bewegungsmoment zum Erstarren. Noch während niemand verstand, was gerade geschah, formte sich auf den Lippen unter Gneisors Bart ein schelmisches Lächeln. Ein schlitzendes Geräusch war zu hören und ein kurzer Ruck durchfuhr Sara’kiins Körper, als eine schmale Klinge in Gneisors rechter Hand zwischen die Unmetallplatten in ihrem Leib stieß. „Stirb endlich!“, fauchte Gneisor mit fremder leicht schnarrender Stimme. Hinter Sara’kiin half Ingmar dem echten Marschall von Burg Friedstein gerade auf die Beine und hielt ihm davon ab, sofort auf Sara’kiin zu stürzen. Er spuckte Blut und hustete beim Versuch stehen zu bleiben. Vidkun hatte, nachdem er die Limbusverschlingerin mit der Fehlschärfe getroffen hatte, sich selbst in die Position von Gneisor gebracht und ihn dafür zur Seite gestoßen. Er hat seinen Platz eingenommen und ihr eine schwache Seite offeriert, die keine war. Vidkun beschloss die Form von Gneisor aufzugeben und verwandelte sich wieder in Matral, dem das süffisante Grinsen im Gesicht eh besser stand. Er presste den schmalen Dolch in seiner rechten Hand noch ein bisschen tiefer und es knackte im Innern des Vortexkriegerin. Ein Zucken durchfuhr ihn – Vidkun hatte endlich die Stelle getroffen die er erreichen wollte.

Erst begann es leise, doch es wurde rasch lauter, so dass es jeder auf dem Burgfried hören konnte. Von Sara’kiin ging ein bedrohliches Surren aus. Matral zog die Klinge aus ihren Körper, wobei ein großer Flatschen schwarzer Flüssigkeit auf den Planken landete. „In Deckung!“, rief er und entfernt sich mit einem beherzten Sprung von ihr. Gneisor, der gerade erst aufgestanden war, war im Moment alles andere als agil und duckte sich nur, während sich Ingmar mit seinem ganzen Körper schützend vor seinem Ritter warf. Binnen eines Lidschlags wurde das Surren so laut, dass es ohrenbetäubend wurde, eine blaue glänzende Aura schwoll um Sara’kiin an, die in einem ohrenbetäubenden entropischen Knall explodierte. Als sich die blaue Aura entlud und das Surren damit endete, stob die Druckwelle bis weit über die Zinnen hinaus.  Ingmar, der mit Abstand der Leichteste war und im Moment die größte Körperfläche bot, wurde von ihr gnadenlos erfasst. Wie eine Puppe, die an Fäden gehalten wird, wurde er durch die Luft gezogen und flog im hohen Bogen bis über die Zinnen.

Als Matral, der sich unter die Zinnen geduckt hatte, wieder die Augen öffnete, war Sara’kiin fort.


Ein neuer Orden – Kapitel 1

Aventurischer Bote 25. Peraine n. BF

Ein neuer Orden rettet das Mittelreich. Der Schutzorden der Schöpfung wurde angeführt vom jungen ruhmreichen Reichsritter und Turniersieger zu Gareth im Götterlauf 1027 nach Bosparans Fall, Sieghelm Gilborn von Spichbrecher.

Dieser selbstlose Orden, der sich offenbar zum hohen Ziel gesetzt hat die ganze Schöpfung der Götter zu schützen, stellte nicht nur eine ganze Kompanie seiner eigenen Truppen in der Schlacht auf Mythraelsfeld vor Wehrheim, sondern trug entscheidend zum Sieg über den Dämonenkaiser Gaius Cordovan Eslam Galotta bei. Hier ist die ganze Geschichte ihres Wirkens während der Rettung des Kaiserreiches im Peraine des Götterlaufes 1027 n. BF. Zusammengestellt aus den Berichten von vielen fassungslosen Augenzeugen:

Reo Brodbäck erzählt von der Schlacht vor Wehrheim:

Die Lage schien aussiehtslos. Wir standen dem größten Schrecken gegenüber, den man sich vorstellen konnte. Unzählige Skelette, Ghule und sonstiges vermodertes Leichentum. Eine Verspottung Borons, die unzähliges Leid in unsere Reihen brachte und die Männer in den Wahnsinn trieb, sodass sie sogar ihre eigenen Kameraden angriffen. Und inmitten unserer Stellungen, direkt an der Front stand die Kompanie mit dem schwarzen Banner des Schutzordens der Schöpfung. Ich wusste erst nicht, zu welchem Orden das Banner mit dem Halbmond und dem Tropfen gehört, dass seine Träger so würdevoll und zuversichtlich hoch erhoben in die Schlacht trugen.

Die Reiterei wurde von einer sehr schönen Frau in einer Lederrüstung angeführt. (Anm. d. R. das war die Gelehrte Jane Peddersen, nunmehr aktuelle Ordensgroßmeisterin, während direkt an der Front der Reichsritter von Spichbrecher höchstselbst die Infanterie anführte). Nur dank dieses Ordens, der in seiner Mitte die Priesterschar des Praios barg, die dem Schrecken einhalt Gebieten sollte, konnten wir überhaupt vorrücken. Der Reichsritter, der die Infanterie anführte, war nicht aufzuhalten. Selbst als der „König der Untoten“ den tapfersten unter uns zum Kampfe forderte und unseren ruhmreichen Rondrasil Löwenbrand, den Heermeister der Rondra, besiegte, sprang er ein und besiegte ihn in einem atemberaubenden Zweikampf.

Es gab noch weitere bemerkenswerte Ordesmitglieder. Als eine Reihe von vier riesigen Knochenogern sich regelrecht durch unsere Reihen pflügte, drängten sie vor und stellten jeder einen dieser Unholde mit ihren fantastischen Fähigkeiten. Außer der schönen Reiterin und dem Ritter, waren da noch ein von Schatten umhüllter bärtiger kräftiger Mann und eine junge wilde Tulamidin dessen Speer eine unglaubliche Durchschlagskraft hatte.

Als dann dieser verfaulte Drache mitten auf dem Schlachtfeld landete, glaubten wir uns schon verloren. Doch wieder waren es diese vier Helden, die sich aus der Formation lösten und die den Kampf aufnahmen. Sie konnten den Drachen schließlich vertreiben.

Akulut Fingorn Lassan sah noch einen weiteren Ordensmeister:

Da war dieser südländische Magier. Mitten auf dem Schlachtfeld stand er neben uns, als wir mit unseren Gebeten den Wolkendämon bannen wollten. Er legte einfach seinen Umhang auf dem Boden, auf dessen Innenseite ein kompliziertes Symbol gemalt war, und murmelte in seinen schwarzen Bart vor sich hin. Kurz darauf, noch ehe unser Gebet endete, zog es den gewaltigen Dämon in diesen kleinen Umhang. Wir waren sprachlos und geschockt.

Weiter mit Reo Brodbäck:

Und dann sahen wir sie. Die fliegende Festung, die die Wolke verbarg. Aus ihr kam ein heftiger Sturm. Ich hatte das Glück in der Nähe der wilden Tulamidin zu sein. Sie schütze mich und viele andere mit einem eisigen Schild. Ich war ihr so nahe, dass ich das firungefällige Amulett auf ihrer Brust sehen konnte. Es zeigte einen Eisbären.

Unsere Armee wurde fast komplett vernichtet. Doch die Tulamidin geleitete uns zum Feldmarschall und sprach mit ihm. Danach erschienen eine Phinx und ein Greif und die Tulamidin stieg auf den Greif und flog der Festung hinterher!

Burgol Wollweber weiß noch berichten:

Als die Naturkatastrophen endeten, sah ich, wie sich der Reichsritter mit dem gezackten Schwert, von einem dieser geflügelten Steinwesen freiwillig hat zur fliegenden Festung hinauftragen lassen.

Als dann fliegende Festung über Gareth auftauchte und um sie herum ein heftiger Luftkampf entbrannte, muss offenbar etwas in der Festung geschehen sein. Mitten im Kampf stürzte sie unvermittelt über Neu-Gareth ab. Später wurden die vier Ordensmeister lebendig und helfend in der Stadt gesichtet. Es wurde auch eine weitere Person gesehen: Eine schöne rothaarige Frau mit einem Kampfstab, die ebenfalls ein Amulett trug. Dieses Mal jedoch ein rotes.

Die wilde Tulamidin landete sogar auf einen Greifen in der zerstörten Stadt des Lichtes und hielt eine kurze Ansprache. Viele Gläubige und Prieser sanken vor ihr auf die Knie. Leider ist es mir nicht gelungen ihre Worte festzuhalten. Ich hörte nur, sie versprach den Menschen Hoffnung. Offenbar ist dieser Orden fest entschlossen, uns alle zu beschützen. Hoffen wir, dass es ihnen gelingt.

Ich fasse oben beschriebene Worte noch einmal zusammen. Diese großartigen Menschen kämpfen nicht nur in einer der größten Schlachten aller Zeiten und führten dort die Wende herbei. Nein, sie beendeten vorerst den Krieg gegen die schwarzen Lande indem sie die fliegende Festung abstürzen ließen. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, dass die Festung ausgerechnet auf die Stadt des Lichts fallen musste. Hätte man das nicht verhindern können? Aber ich sage und schreibe: Was wäre passiert, wenn diese … HELDEN … nicht gewesen wären? Wehrheim wurde vernichtet. Sollte in Gareth das gleiche Schicksal ereilen? Nein! Danke, Schutzorden der Schöpfung, danke!

Ich würde mich freuen, wieder über den SOS zu schreiben. Vielleicht spielen sie noch eine Rolle in den kommenden chaotischen Monden.

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Aventurischer Bote 25. Peraine n. BF

Der Blick klärt sich wieder

Erschöpft legt die Botin Firuns die letzten Schritte zur Villa zurück. Nur aus den Augenwinkeln bemerkt sie, dass Candidatus Voltan hinter ihr zurückbleibt und sich Janes rasch improvisiertem Lazaret anschließt. Wohlwollend nickt sie vor sich hin und schlurft gedankenverloren weiter.

Ja, gut so. Er hat heute Nacht gute Arbeit geleistet. Erstaunlich, dass er sich noch auf den Beinen hält. Ich für meinen Fall kann nicht mehr. Ist auch kein Wunder, bei dem was alles hinter uns liegt.

Noch heute früh früstückten wir notdürftig vor Wehrheim. Dann schlugen wir die gewaltigste Schlacht, die ich bisher erlebte. Wir kämpften gegen tausende untote Kreaturen, die ihre unheilige Magie verbreiteten und den tapferen Kämpfen die Furcht in die Knochen bohrte. Darunter befanden sich riesige keulenschwingende Oger und der gefürchtete Knochendrache. Letzteren bekämpften wir sogar erfolgreich am Boden. Wobei ich mich zurückblickend frage, wie – bei Boron – wir das überlebt haben. Da müssen die Götter ihre Hände im Spiel gehabt haben! Warum sonst, schaute uns Razzazor seelenruhig dabei zu, wie wir eher weniger erfolgreich auf ihn einprügeln, nur um dann wehklagend zu fliehen und allem Leben ewige Verdammnis zu schwören.

Nachdem Nehazet – sehr zum Erstaunen der engagierten Praiosprieser in unserer Mitte – Rahastes mal eben in seinen Umhang bannte, entfesselte die fliegende Festung den Magnus Opus, der unsere eigentlich siegreiche Armee vernichtete und Wehrheim verwüstete. Doch wir trotzden dem mächtigen Zauber! Die anderen ließen sich danach offenbar freiwillig von diesen fliegenden Steinfledermäusen mitnehmen, während wir drei uns erfolgreich gegen sie verteidigten. Zum Glück war Obaran da und trug uns zur Festung, damit wir Galotta endlich aufhalten konnten. Dabei kämpfte ich Seite an Seite mit einem Greif! Und mit was für einen Greifen! Voltan sprach ganz ehrfürchtig von Obaran. Ich muss mir mal bei Gelegenheit seine Geschichte erzählen lassen.

Der anschließende herrliche Flug auf ihm über den Dächern Gareths hat mir wohl den Rest gegeben. Zu überwältigend war dieser Tag. Zu berauscht waren meine Sinne. Unter normalen Umständen würde ich nur noch davon träumen.

Doch erst beim Abendessen realisierte ich wirklich, was geschehen ist. Und vor allem was das für Folgen für die Menschen da draußen hat und haben wird. Jane und Bothor sind gut geeignet die hochtrabenen Pläne voranzutreiben. Mir blieb nur der praktische Ansatz. Also ging ich in Beleitung des tapferen Canditatus direkt in das Zentrum des Wahnsinns und half wo ich konnte.

Aber jetzt ist genug. Am Ende verletze ich noch jemanden. Der nächste Morgen bringt noch genug Aufgaben.

Ohne sich das Blut und den Schlamm von der Kleidung zu waschen, fällt sie ins Bett. Elfenbein und Gro’jesh neben ihr. Nur Adaque sitzt gelangweilt auf einem Stuhl und legt den Kopf schief als er die vertrauten Gestalten erblickt.

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Azinas Gedanken

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