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Teil XI – Leben und Tod (3)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Aus Vidkuns rechter Hand wuchs ein langes blankes Schwert und er konzentrierte sich darauf, wieder eine einzelne äußere Form anzunehmen. Die brodelnde und schwefelnde Stelle an seiner linken Schulter würde er dennoch nicht verstecken können. Die Gestalt wurde jünger und schlanker, er war nun Anfang 20 Götterläufe jung, trug einen dunkelblauen Gambeson und eine einfache Lederrüstung. Er hatte blondes Haar, das ihm ins Gesicht fiel, und auf dem Wappenrock, den er trug, prunkte das Hauswappen von Lady Brangane. Vidkun war nun wieder der junge Knecht, als er die Informationen von der verhüllten Gestalt vor zwei Tagen entgegennahm, er hielt diese Form für diesen Moment am passendsten. Über den Rand der Zinnen erhob sich der vom Vortex verzerrte Halrik, noch immer war sein Gesicht mit dunklen, ja fast schon schwarzen Adern überzogen, der Rest seiner Haut war aschfahl und seine Augen glichen großen Obsidiansteinen. Er schwebte langsam über die Zinnen, während er in seinen Händen vor der Brust den leblosen und zerschundenen Körper des Knappen Ingmar hielt. Seine Rüstteile hingen zerfetzt von ihm herab, ebenso wie Teile seines Körpers, die beim Aufschlag auf die scharfkantigen Felsen von der schieren Wucht des eigenen Gewichts zerschmettert wurden.

„Es ging dir nie um das Wissen, dass du den Spährenbewohnern hier bringst…“, begann Vidkun mit der Stimme des jungen Knechts, die jedoch ein wenig metallisch klang. „…nicht wahr? Es ging dir allein darum, dass ich Sara’kiin vernichte.“ Vidkun hatte Halrik schon als die verhüllte Gestalt aus dem Heuschober erkannt, kurz nachdem er ihm den Dolch in den Rücken gestochen hatte. Vidkuns Kontaktperson und Halrik waren ein und dieselbe Person. Vor zwei Tagen im Heuschober, hatte Halrik Vidkun beauftragt den jungen Studiosus zu retten. Er hatte also seinen eigenen Rettungsplan initiiert, doch Vidkun wäre nicht ein Meister der Blendung, wenn er nicht sofort erkannt hätte, dass es Halrik gar nicht darum ging sich selbst zu retten. Halrik hatte ihn benutzt, ihn getäuscht. In Wahrheit wollte er nur, dass er sich nach Burg Friedstein begab, um Sara’kiin zu stellen und zu vernichten – weil es im Moment niemand anderen gab, der es hätte tun können. Halrik schwebte auf die Planken des Burgfrieds und legte Ingmars zerschlagenen Körper sanft ab. Da er nicht antwortete, sprach er weiter: „Du warst also hier als Sara’kiin diese Burg zerstörte und alle darauf tötete und bist entkommen.“ Er machte eine kurze Pause und sah wie Halrik sich neben den Leichnam kniete und zu ihm aufschaute. „Alle außer mir wurden getötet.“, begann der Studiosus mit sanfter Stimme. „Ich trat gegen sie an, so wie auch dieses Mal. Und sie gewann, ebenfalls wie dieses Mal. Mit meinem Wissen über den Vortex konnte ich beim ersten Mal jedoch entkommen. Ich brauchte dich, um das Geschehene zu verändern.“ Halrik ließe Hände über Ingmar gleiten, als würde er einen Segen vorbereiten. Die Gesichtszüge von Vidkun in Form des jungen blonden Knechts wurden wütend. Er wusste, dass er benutzt wurde, aber das Halrik es auch so ganz unverhohlen zugab, machte ihn noch wütender. „Sie sind auch dieses Mal alle verreckt, es scheint mir nicht so, als hättest du irgendetwas bewirkt oder verändert. Mich für deinen Plan zu benutzen war nutzlos!“ Vidkun spottete ihm und lief aufgeregt auf und ab. Er konnte es noch immer nicht fassen: Er, der Meister des Intrigenspiels, wurde selbst hereingelegt, und das auch noch von einem jungen Fleischling. „Das ist nicht richtig.“, entgegnete Halrik und strich mit den aschfahlen und von schwarzen Adern überzogenen Händen über den zerschundenen Körper des toten Knappen. Für einen kurzen Moment blickte er nach oben, die Vortexkuppel war kurz davor zusammenzubrechen, er musste sich also beeilen, solange die Wortzauberei noch funktionierte. Er bemächtigte sich wieder dieser und sprach den Zauber, den er schon im Innern der Festung gesprochen hatte, erneut: „Ia’chau“ Die zahlreichen Verletzungen im Körper des Jungen schlossen sich, das Blut verschwand, Knochen verbanden sich und auch das Fleisch wuchs wieder zusammen. Das Gesicht des Jungen, was kurz zuvor nur noch ein verunstaltetet Blutklumpen war, war wieder zu erkennen. Es schien fast so, als würde er ruhig schlafen. Die zerfetzte Rüstung des Knappen blieb jedoch so zerstört wie zuvor. Kettenteile blieben zersprungen und die Plattenteile verbeult, doch der Körper des Knappen wurde mittels Halriks Wortzauberei geheilt. Vidkuns Lippen wurden schmal und er schüttelte den Kopf. „Was findest du nur an diesem Jungen?“,platzte es aus ihm heraus, doch dann hat er eine Erkenntnis und er fuhr fort: „Es ging dir um ihn, richtig?“ Während sich Halrik erhob, sah er herüber zu der kopflosen Sara’kiin, dessen Körper sich immer mehr auflöste und ihre wahre Gestalt preisgab. Saria Fuxfell, die Eismagierin, war schon gut zu erkennen. „Er muss leben“, antwortete Halrik knapp und mit einem Tonfall, als würde seine Antwort einfach alles erklären.

Sie beide hörten plötzlich Geräusche aus dem Burgfried unter ihnen. Es waren Stimmen. Halrik und Vidkun sahen sich an. „Anscheinend haben doch noch welche überlebt“, spekulierte Vidkun, der nicht allzu begeistert klang. „Wir müssen nun fort von hier.“ Halriks Stimme erschien endgültig und duldete keinen Widerspruch. „Warte … wo wirst du hin? Du kannst nicht zurück in unsere Sphären. Sie würden sich aufspüren und finden, und du wärst eine Gefahr für alle die dich umgeben“, fragte Vidkun in fast schon besorgtem Tonfall, der sich schon darauf konzentrierte, sich erneut zu verwandeln. Halrik schloss seine obsidianfarbenden Augen und antwortete: „Ich werde im Vortex bleiben, ihn studieren und mich zur rechten Zeit wieder an euch wenden.“ Dann sprach er zwei Worte, die Vidkun nicht vernahm, da er sich gerade verwandelte. Halrik verschwand, er löste sich einfach auf und war hinfort. Vidkun hingegen nahm die Gestalt eines weißköpfigen Adlers an und erhob sich mit zwei mächtigen Flügelschlägen in die Lüfte, um binnen Lidschlägen durch die immer größer werdenden Spalten in der Vortexkuppel zu verschwinden.

Als er gerade hindurch war, flog die Dachluke des Burgfrieds auf und sowohl Tarn, als auch Elfa, sprangen kampfbereit heraus. „Sie ist fort. Und wer zum Geier ist das?“, stieß Tarnelius im rauen Tonfall aus. Seine Rüstung und sein Wappenrock waren zerschlissen und in seinem Gesicht waren zahlreiche Kratzer. Mit der Spitze seines Schwerts zeigte er auf die am Boden liegende Magierin Saria Fuxfell. Elfa, die ebenfalls einiges abbekommen hatte und einen dicken Verband am linken Arm und um die Hand trug, entspannte ihren Bogen, als sie zu Ser Gneisor ging, um seine Lebenszeichen zu prüfen. Sie legte zwei Finger auf eine Stelle an seinem Hals. „Oh, bei den Göttern. Der ist hinüber.“ Ihre glockenhelle Stimme war dabei keineswegs spöttisch, sie meinte es genau so, wie sie es sagte: Gneisors Seele war schon hinüber gegangen in das Totenreich. „Der hier lebt noch!“, rief Tarn, der gerade Ingmars Lebenszeichen prüfte. „Bei Ingerimm, sieh dir nur seine Rüstung an, komplett zerstört und kein einziger Kratzer – ein Wunder“, fügte er noch an, als er Ingmar an der Schulter ruckelte, um ihn aufzuwecken. Ingmar, der Knappe des Marschalls der Festung, stöhnte, als er rüde aufgeweckt wurde. Er blinzelte und blickte in das von Verletzungen gezeichnete Gesicht des erfahrenen Infanteristen. „Was … wo … ich sollte …“, brachte er schwach und verwirrt hervor. Tarn schloss daraus, dass er wohl mächtig eins auf den Kopf bekommen haben musste und noch etwas verwirrt war. „Ganz ruhig junger Herr, ihr müsst gestürzt sein.“ Tarn wusste nicht, wie viel Wahrheit in seiner Aussage lag. „Ich sollte Tod sein – schon wieder“, hauchte Ingmar und versuchte aufzustehen, doch die zerbeulte Rüstung hinderte ihn daran. Tarn rollte mit den Augen. „Man man man, ihr müsst wohl ganz heftig was abbekommen haben. Ihr phantasiert, junger Herr.“ Tarn reichte dem jungen den Arm, um ihm aufzuhelfen. Er zog ihn hoch, es klapperte, quietschte und kratzte metallisch, als er den Knappen aufrecht hinstellte und noch ein paar Momente stabilisierte. Tarns Blick fiel kurz auf den toten Ritter. Er wusste nicht, ob der Knappe es schon wusste und beschloss es ihm sofort zu sagen. Besser er erfuhr es jetzt, als später. „Ich muss euch etwas sagen, junger Herr … euer Ritter …“, begann er mit so viel Einfühlsamkeit, wie er besaß, da wurde er von Elfas schneidiger Stimme im Befehlston unterbrochen. „Tarn! Lass den Jungen und hilf mir hier.“ Tarnelius prüfte noch kurz, ob es der Knappe schaffte alleine zu stehen und ging dann mit einer entschuldigenden Geste zu Elfa herüber, die mit gespannten Bogen vor der erwachenden Magierin stand. Das Ende ihres Pfeils war dabei auf ihr Gesicht gerichtet. „Nimm ihr den Stab ab.“,befahl sie weiter.Tarn wollte schon protestieren, immerhin wussten sie nicht, wer sie ist, und sie richteten gerade einen Pfeil auf eine Magierin, doch da erkannte auch er sie: „Das ist … das ist …“,stotterte er. „Saria! Die ehemalige Herrin dieser Festung und gefallener Anker Hesindes“, brachte Elfa Tarns Satz mit einer anschließenden Erklärung zu Ende. Sie lag da und hatte sich etwas aufgerichtet, ihr weißer Magierstab lag in Griffreichweite zu ihr, doch Elfa hielt sie in Schach. Tarn näherte sich ihr vorsichtig und fingerte ihr dann den Stab weg. „Was hast du mit ihr vor?“, erkundigte sich Tarn bei Elfa, in seiner Stimme lag Besorgnis. Die Augen der Bogenschützin waren feine Schlitze, als sie auf die Gesichtsmitte der Magierin zielte. Sie antwortete nicht, man sah nur, wie die Wut über all das Verderben, das sie als Sara’kiin über sie gebracht hatte, in ihr hochkochte. Elfas Finger lockerten sich von der Sehne, da hallte plötzlich Ingmars Stimme über den Burgfried: „Sie soll leben!“, quietschend und klappernd schloss er zu den beiden auf. „Sie soll uns Rede und Antwort stehen. Sie weiß mehr über den Vortex, als wir alle, sogar mehr, als die Großmeister. Legt ihr den Praioskragen an, legt sie in metallene Fesseln und bringt sie in den Kerker … und lasst sie nicht aus den Augen.“ „Jawohl, Herr“,antworteten Elfa und Tarn im Gleichklang. Nach dem Tod von Ser Gneisor war er nun wohl der neue Herr von Festung Friedstein.

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