
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz
Kurz zuvor im Innern des Burgfrieds
Lady Branganes Füße flogen die steinernen Stufen den Burgfrieds hoch. Die Schnelligkeit mit der die voll gerüstete Frau über die Treppenstufen hinter sich ließ, erschien unnatürlich. Einen Absatz tiefer hörte sie den schwer verletzten Ser Gneisor keuchen und japsen. Er war trotz der Hilfe seines Knappen viel zu langsam. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ brüllte sie und ihre Stimme hallte im Treppenaufgang mehrmals wieder. Einen kurzen Moment hielt sie an, lehnte sich über das Geländer und wartete auf eine Antwort, doch sie blieb aus. Sie musste weiter, sie hatte keine Zeit zu verlieren und der schwer verletzte Fleischsack wäre ohnehin keine Hilfe im Kampf gegen Sara’kiin. Sie hatte eine Mission: Sie musste Halrik retten. Er war – so hatte es die verhüllte Gestalt gesagt – wichtig für die Bewohner der 3. Spähre. Brangane, oder besser gesagt Vidkun, war ein Quitslinga, ein Dämon der Imitation aus der Domäne Amazeroths. Wenn er etwas sehr gut, ja fast schon perfekt konnte, dann war es Beobachten und Imitieren, weshalb er nicht nur eine geradezu perfekte Auffassungsgabe, sondern auch eine ausgesprochen gutes Gedächtnis hatte. Während Branganes Füße wieder über die Treppenstufen schnellten, erinnerte er sich jedes Wort seines Auftraggebers: „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele Jahre im Dunkeln umherirren.“
Sie erreichte die oberste Etage des Burgfrieds, nun trennte sie nur noch eine Leiter von dem Dachebene, von dem aus sie Halrik am besten erreichen konnte. „Ich muss ihn retten“ – immer wieder schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf, doch wie sie das anstellen sollte, war ihr noch nicht klar. Während sie die Leiter erklomm, wurde es draußen still. Der magische Kampf zwischen Sara’kiin und dem Studiosus pausierte wohl, oder war er gar beendet? War sie etwa zu spät? Der Studiosus konnte nicht gewonnen haben, denn er war nicht derjenige, der Sara’kiin besiegen konnte. Er konnte sie schwächen, ja, aber nicht besiegen. Das vermochten nur sie und die Auserwählte Hesindes. Die Stille bedeutete also nichts Gutes. Entweder hatte Sara’kiin den jungen Mann in Stücke gerissen, oder Halrik war es gelungen sie für einen kurzen Moment zu Schwächen, doch dann, befand er sich in noch größerer Gefahr, denn dann wog er sich in trügerischer Sicherheit. Egal was geschehen war, sie musste zügig weiter.
Vorsichtig drückte sie die Dachluke auf und lugte zwischen dem schmalen Spalt hindurch. Sie erblickte den Studiosus, er stand in seiner grauen Kutte mit dem Rücken zu ihr auf dem Burgfried und reckte seine Arme einen Kelch formend gen Kuppel. Von Sara’kiin war keine Spur. Es war Halrik also für einen kurzen Moment gelungen sie zu schwächen und nun nahm er arrogant an, dass er sie besiegt habe – dieser mittelländische Hundsfott. Angereichert mit der Macht des Vortex aber trotzdem beschränkt durch den Geist eines naiven Kindes. Wieder hallten die Worte der verhüllten Gestalt in ihrem Kopf wieder: Du musst ihn retten! Doch wie sollte sie das anstellen? Sie musste ihn vor Sara’kiin schützen, und das konnte sie nur, indem sie die Limbusverschlingerin besiegte. Denn im Moment war ER für sie zwar keine Bedrohung, aber dennoch ein sehr lästiger Störenfried, dem sie sich mit Sicherheit als erstes zuwenden würde.
Vorsichtig und vollkommen lautlos schob Brangane die Dachluke etwas weiter auf. Währenddessen begann Halrik zu sprechen: „Ausghairm banna áit.“ Blitzartige Gebilde zuckten über den Kuppelrand, als er die Worte mit hoch erhobenen Armen aussprach. Vidkun wusste, jetzt war der Moment gekommen an dem er etwas tun musste. Sara’kiin würde sich die Zauberei des Jungen nicht lange mitansehen und in Kürze wieder erscheinen. Er konnte sich aber auch nicht Sara’kiin offen stellen – er war kein Kämpfer, sondern ein listenreicher Blender der aus dem Verborgenen agiert. Außerdem, selbst wenn er sich ihr in Gestalt von Brangane stellen würde, wäre er aus Sicht von Sara’kiin noch immer nicht der gefährlichste Gegner und ihre Angriffe würden sich weiter auf Halrik richten. Da hatte der Dämon plötzlich einen Gedankenblitz: Was, wenn er Halrik aus dem Spiel nehmen würde, wie eine Figur die man vom Brett nehmen würde, um nicht zur Zielscheibe des Gegners zu werden?
Als Brangane öffnete Vidkun die Dachluke, und als Matral, dem gefallenen Anker Borons, schloss er sie wieder. Vidkun war nun in gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. An Stelle des Bihänders der Kriegerin, war dort nun ein schlanker, nadelartiger Dolch in seiner rechten Hand. Auch wenn Vidkun selbst keinerlei Organe besaß, so kannte er sich mit ihnen sehr gut aus. Er wusste genau, welche Organe wichtig zum Überleben waren, wo die sich befanden, wie sie sich im Innern wandten und was passierte, wenn man sie gezielt punktierte. Auch wenn sich Halriks Körper aufgrund des Einflusses des Vortex inzwischen verändert hatte, so mussten seine Organe noch immer die gleichen Funktionen haben, wie zuvor. Um Halrik zu retten war Vidkun gezwungen ihn vorübergehend auszuschalten. Und damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe! Er würde Halrik nicht nur sprichwörtlich ‚vom Brett nehmen‘, er würde der Limbusverschlingerin sogar vortäuschen, auf ihrer Seite zu sein. Vielleicht würde sie den Köder schlucken und es würde ihm gelingen, nah genug an sie heran zu kommen, um bei ihr einen tödlichen Stich zu setzen. „Ausghairm banna áit“, sprach Halrik zum zweiten Mal und die Blitze am Rand der Kuppel wurden immer größer. Der Junge war wirklich talentiert – dachte sich Vidkun und schaute sich seinen Rücken sehr genau an. Mit den Augen sezierte er ihn und legte eine Route fest, die sein schlanker Dolch nehmen musste, um ihn so zu verletzten, dass es so aussah, als ob er tödlich verletzt worden wäre, er den Stich aber überleben würde. Es bedurfte also einem Höchstmaß an Konzentration und Präzision. Nur einen halben Fingerbreit zu tief, oder zu weit rechts, links, oben oder unten gestochen, und Halrik würde bei Bewusstsein bleiben, oder schlimmer noch: sterben.
Halrik setzte zum dritten mal an: „Ausghairm ban …“ Da stach Vidkun in der Form von Matral dem Jungen ruckartig von hinten in den Rücken. Die schlanke Klinge fuhr mühelos durch dessen Körper und trat vorne wieder aus. Der Dolch verursachte ein ganz leises matallischess Kratzen, als er durch die Brust de Jungen, vorbei an Rippen, fuhr und dabei dessen Lunge an einer fatalen Stelle punktierte. Matral zog an dem Dolch und er flutsche mühelos aus dem Körper des Studiosus heraus. Die Klinge hatte seiner Meinung nach den richtigen Weg genommen, Halrik musste also in Kürze zusammenbrechen – die Verletzung war schwer genug, um ihn sofort auszuschalten, doch würde er sie überleben, was Vidkun Zeit gab, sich zuerst um Sara’kiin zu kümmern.
Halrik ließ still die Arme sinken und drehte sich nach seinem Peiniger um. Vidkuns Darstellung von Matral war so, dass sein Gesicht vollkommen verhüllt war und er auf dem Kopf einen mit metallischen Zacken gekrönten Helm trug – so wie alle Jenseitigen Anker. Er hatte also keine für außenstehende erkennbaren Augen, und doch trafen sich für einen kurzen Moment der Blick von Halrik, dessen Augen obsidianfarbene Steine waren und Matral, der das Gesicht des Jungen nun das erste Mal erblickte und es sofort wiedererkannte. Das Gedächtnis eines Quitlinga-Dämons, vergaß nämlich nie ein Gesicht, auch wenn es so verunstaltet war, wie das von Halrik.
Hinter dem Studiosus öffnete sich ein schlanker Spalt. Der Spalt, dessen Öffnung wie ein länglicher aufrechter Mund mit schmalen Lippen aussah, knisterte vor entropischer Energie als sich die Lippen voneinander trennten. Der Spalt weitere sich und Sara’kiin die Limbusverschlingerin wurde aus den schmalen Vortexschlund ausgespuckt. Ihr schwarzweißes Gewand wallte dabei, als wäre es im ständigen Fluss, an Grazilität und Anmut hatte die ehemalige Eismagierin Saria Fuxfell bei ihrer finsteren Verwandlung kein bisschen eingebüßt. Direkt hinter ihr schloss sich der Schlund wieder, und binnen einen Lidschlags endete auch das entropische Knistern – der Spalt war verschwunden. Sara’kiin dreht anmutig ihren langen Stab wie eine Windmühle durch die Luft und mit einer flüssigen Bewegung traf ihr finaler Schwung Halrik von hinten gegen die rechte Schulter. Mit einer Wucht, als hätte ihn ein darpatischer Ochse im vollen Lauf von der Stelle gepflügt, flog er zur Seite und donnerte gegen die inneren Burgzinnen, wo er mit knackenden Knochen und zerplatzten Muskeln in einer abstrakten Haltung liegen blieb.
Sara’kiin und Matral standen sich nun direkt gegenüber. Vidkuns Plan war aufgegangen, die Limbusverschlingerin sah ihn als einer der ihren an und Halrik war vorrübergehend ausgeschaltet, und so Amazeroth will, würde er auch trotz ihres Hiebs lange genug überleben, dass er genug Zeit hatte, den gefallenen Anker Hesindes zu vernichten. Matrals Blick ruhte jedoch noch immer auf dem zerschundenden Körper des Jungen, auch wenn sein Plan funktionierte, musste er erstmal verstehen, wie es sein konnte, dass Halrik die Person war, für die er ihn hielt.