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Teil XI – Leben und Tod (1)

Marschall
Gneisor Geldwin
von Ochselstolz

Auf dem Dach des Burgfrieds

Durch den von der blauen Explosion ausgehenden Druck flog der Knappe Ingmar hoch über die Zinnen des Burgfrieds. Er hatte sich schützend vor seinen Ritter geworfen, da er wusste, dass dieser die Druckwelle aufgrund seiner Verletzungen nicht aushalten würde. Noch im Flug muss Ingmar an die Worte seines Herrn denken – war er wirklich dort unten in den Gängen des Burgfrieds gestorben? Hatte Halrik ihn wiederbelebt? Es waren die Gedanken eines Jungen, der sein Leben in den letzten Momenten vor seinem Tode an sich vorbeiziehen sah. Ingmars Körper beschrieb eine hohe Flugkurve, weshalb er nicht sofort über die Zinnen stürzte, zuerst schlug er samt seiner Rüstung scheppernd auf der Kante einer Zinne auf, Knochen brachen und dumpfer Schmerz brachte Ingmar bis an den Rand der Ohnmacht. Ohne Kontrolle über seinen Körper rutsche er über den Rand hinweg und stürzte in die Tiefe. Dort waren nur spitze Felsen und scharfkantiges Geröll … niemand der hier herabfallen würde, würde den Sturz überleben. Ingmar sah die Felsen näher kommen, da wurde sein Fall ruckartig unterbrochen. Am äußeren Rand seiner Wahrnehmung, denn Ingmar war aufgrund der Schmerzen noch immer kurz vor der Ohnmacht, hörte er die Stimme seinen Herrn. Er konnte seine Worte nicht verstehen. War es etwa so? Stirbt man auf diese Weise? Sehr langsam und mit den Worten der Menschen in den Ohren, die einem wichtig waren? Doch die Stimme wurde lauter und Ingmars Besinnung kehrte zurück. „Nimm, meinen Arm!“, brüllte Gneisor blubbernd. Ingmar blickte durch verschwommene Augen nach oben. Der Marschall hatte Ingmar am linken Arm gepackt und lugte mit hochroten Kopf und bluttriefenden Mund zwischen den Zinnen hervor. Mit seinem nicht gebrochenen Arm war es Gneisor irgendwie gelungen, rechtzeitig zu den Zinnen zu kommen und Ingmars tödlichen Sturz in die Tiefen zu verhindern. Seine Brust klemmte er hinter die Kante und hielt den Jungen somit in der Luft. Doch Gneisor war zu schwer verletzt, um Ingmar alleine hoch zu ziehen. „Ich lass dich nicht erneut sterben, Junge!“ Gneisors Worte wurden begleitet von zahlreichen Blutspritzern, die auf den Knappen hernieder regneten.

Ingmar sah, wie die Umrisse seines Ritters plötzlich bläulich aufglommen. Er rief seinem Herrn zu: „Ser! Hinter euch!“ Auch Ingmar musste husten, der Aufprall auf den Zinnen hatte ihn mehrere Rippen gekostet und nun fiel auch ihm das Atmen schwer. Den Arm den Gneisor zu packen bekam war ebenfalls gebrochen – er spürte ihn schon gar nicht mehr. Gneisor lugte hinter sich, und was er sah, ließ ihn verzweifeln. Aus irgendeinem Grund hatte Sara’kiin Matrals letzten Stich überlebt, sie schwebte einen halben Schritt in der Luft, überall aus ihr heraus quoll – ja quasi floss – die schwarze Flüssigkeit. Mit einer Geste hielt sie Vidkun in der Form von Matral einige Schritt von sich entfernt in einer glitzernden blauen, jedoch stark flackernden Kugel in der Luft gefangen. Sie war stark angeschlagen, das sah man ihr an. Sara’kiins Körperhaltung war gekrümmt und ihr Zauber flackerte, doch noch hatte sie nicht genug und Vidkun würde sich nicht alleine aus dieser Position befreien können. Zu allem Überfluss begann die Limbusverschlingerin am Ende ihres Stabes eine blaue Kugel der Macht gedeihen zu lassen. Gneisor war sofort klar, dass war eine dieser Angriffe mit der sie den Wehrturm zerstört hatte. Solch vernichtende Magie wäre selbst für einen Dämon aus der Domäne Amazeroths tödlich.

Der Marschall der Feste musste über das Schicksal entscheiden. Wenn er seinen treuen Knappen dabei half, sich wieder hoch zu ziehen, würde er dafür im Gegenzug Vidkun nicht retten können. Sara’kiin würde, wenn auch geschwächt, mit einem einzelnen Angriff den Dämon in Stücke reißen. Doch wenn er dem Dämon helfen wollte, musste er Ingmar los- und in den sicheren Tod stürzen lassen.  Er müsste einen geliebten und gottesfürchtigen Menschen opfern, um einen mehrgehörnten Dämon zu retten. Gneisor sah zwischen der immer bedrohlicher werdenden Szene zwischen Vidkun und Sara’kiin und seinem Knappen hin und her, der gerade versuchte mit dem anderen Arm nach ihm zu greifen. Das Schicksal lag wortwörtlich in seinen Händen.

Zuvor, kurz nachdem die blaue Kugel aus Licht explodierte und eine Druckwelle über den Burgfried ging, hatte sich Vidkun in Form von Matral unter die Zinnen gekauert. Die Druckwelle erfasste ihn und drückte ihn weiter in die Ecke zwischen Planken und Stein. Doch die Welle ging zu großen Teilen über ihn hinweg und so blieb er unverletzt. Als er wieder aufschaute, war Sara’kiin fort. Gneisor rannte gerade zum Rand der Wehrmauer, wo mit einem ohrenbetäubenden Scheppern Ingmar nieder ging und dann über die Brüstung in den sicheren Tod rutschte. Aus einem ihm unbekannten Instinkt heraus, sprang Vidkun auf, um Gneisor und Ingmar zur Hilfe zu eilen. Blind sprang er Ihnen entgegen, doch kurz bevor er Gneisor erreichte, wurden seine Füße vom Boden abgehoben und ein eiskalter Griff umschlang seinen ganzen Körper. Das blaue Licht erfasste ihn, zog ihn zurück, fort von Gneisor und Ingmar und hob ihn in die Luft. Als sich sein Körper in der Luft langsam drehte, sah er sie: Sara’kiin die Limbusverschlingerin. Wie konnte er nur so dumm und unaufmerksam sein, dachte er sich. Ganz so schnell, würde eine Vortexkriegerin nicht sterben, es würde schon noch etwas mehr brauchen. Er ärgerte sich über sich selbst. Wenn er nicht blindlings hätte helfen wollen, sondern fokussiert geblieben wäre, dann wäre ihm dieser Fehler nicht passiert und er hätte Sara’kiins Wiedererscheinen rechtzeitig bemerkt. Doch nun ist es zu spät, sie mag zwar schwer angeschlagen sein, doch noch hatte sie nicht genug und von seiner Position aus würde er nichts unternehmen können. Da sah er, wie die ehemalige Eismagierin begann, einen blauen Ball aus Licht am Ende ihres Stabes zu formen. Ihm wurde rasch klar, dass dies sein Ende sein würde. Noch nie in der Geschichte seiner Existenz hatte ein Wesen dieser Sphäre einem Dämon geholfen, geschweige denn ihm das Leben gerettet. Auf Gneisor konnte er also nicht zählen. Vidkun schloss die Augen, er wollte Sara’kiin nicht die Genugtuung geben in seine verzweifelten Augen zu blicken, während sie ihn mittels ihres Zaubers in tausend Stücke zerriss.

Das Knistern der Macht, das von der blauen Kugel ausging, wurde immer lauter, als Vidkun beschloss, die Augen zu schließen und sich seinem Schicksal zu ergeben. Er hörte, wie sich die zerstörerische Kraft von ihrem Stab löste und auf ihn zubrauste. Er spürte, wie zersetzende und zerstörende Kraft seine Schulter traf und auflöste. Der Ruck war so heftig, dass er nach hinten gerissen wurde und das Gefühl hatte, zu fallen. Das zersetzende Gefühl breitete sich aus, da schlug er plötzlich auf den Planken des Burgfrieds auf. Er war kurz benommen, wusste nicht wie er die Eindrücke einordnen sollte. Blinzelnd öffnete er nach einem Moment die Augen, seine Schulter blubberte und dampfe, es roch nach Schwefel und sie zersetzte sich nach und nach, aber ihm erschien in Anbetracht der Situation seine Verletzung als zu gering für das, was er eigentlich erwartete. Der Wind trug einen langen, dünner werdenden und markerschütternden Schrei über den Wehrfried, Vidkun erkannte ihn: Es war der vom in den Tod fallenden Knappen Ingmar. Vidkuns Augen schauten durch gelblichen, schwefelhaltigen Rauch hindurch als er sah, wie Gneisor, mit dem Willen einer Löwin, sein Anderthalbhänder durch die Luft schwang. Vor ihm kniete Sara’kiin, ihr linker Arm lag abgetrennt, ihren Stab noch immer in der Hand haltend, am Boden und des Ritters Hieb fuhr mit allerletzter Kraft auf ihren Hals herab. Die Klinge schnitt sauber durch ihren weißen Mantel und ihren Hals, wie eine heißes Messer durch ein Stück Gänseschmalz. Ihr Kopf flog trudelnd durch die Luft und landete pochend auf den Planken. Durch den Schwung der Klinge, die unerbittlich weiter ging, wurde Gneisor herum geschleudert und umgerissen. Er hatte so viel Schwung in diesen finalen Hieb gelegt, dass er ihn nicht kontrollieren konnte. Er fiel wie ein nasser Sack zu Boden und blieb in seiner eigenen Blutlache liegen. Vidkun, dessen Schulter sich immernoch zersetzte und gelblich dampfe, erhob sich langsam. Seine unterschiedlichen Formen verschwammen nun miteinander. Teile seines Körpers waren Matral, andere
wiederum Brangane und wieder andere zeigten Gneisor. Nur das Gesicht blieb größtenteils das von Brangane, als er zum Marschall herüberschlurfte. Vidkun konnte nicht fassen, was dieser Mensch getan hatte. Er hatte Ingmar, seinen treuen Knappen, geopfert, um ihn zu retten.

Der kopflose Körper von Sara’kiin war zur Seite gekippt und lag nun regungslos auf den Planken – sie war endlich besiegt. Vidkun wusste, dass er ihr Herz zwar perforiert und er damit den tödlichen Stich gesetzt hatte, doch war sie dadurch nicht sofort besiegt. Ihr Vortexherz ließ sie noch ein paar Schläge lang weiter agieren, was ihr allerdings – wie man sah – genug Zeit gab, noch zu einem letzten Angriff über zu gehen. Gneisors Rettungstat war, wenn auch sehr heroisch anmutend und wahrscheinlich einmalig in der Geschichte, dumm und sinnlos. Sie wäre ohnehin binnen weniger Lidschläge gestorben, auch wenn sie ihn selbst noch dabei mitgenommen hätte. Und wäre Vidkun hier gestorben, wäre es für immer – denn von dieser Vortexebene hätte er nicht auf die Dämonensphäre zurückkehren können.

Mit nach Schwefel dampfender sowie Blasen schlagender Schulter und sich ständig verändernder Gestalt stelle sich Vidkun über den am Boden liegenden Marschall. Dieser von den Göttern gesegnete Krieger war noch immer am Leben, doch sein Funke, war kurz davor zu erlischen. Er spuckte Blut und das Rasseln, das aus seinen Lungen drang, wurde immer nasser, er war kurz vor seinem Ende. Vidkun sah ihn an, das Gesicht von Brangane zeigte eine Mischung aus Wut und Mitleid. „Du dämlicher Fleischsack. Warum müsst ihr Rondrianer euch immer als die Helden aufspielen, sag es mir!?“ Gneisors Blick suchte Vidkun, es schien, als wäre Bishdariel gerade dabei ihn abzuholen. Seine Lippen bewegten sich, als wolle er etwas sagen, doch außer einem feuchten Husten brachte er nichts mehr hervor. Vidkun konnte nicht anders, er musste es einfach fragen. Er musste es wissen, bevor er starb. Er kniete sich zu ihm herunter und packte ihn am Kragen. „Warum hast du das Leben deines Knappen gegen meins gegeben?“ Der Blick des Marschalls traf den von Vidkun, und in seinem letzten klaren Moment, huschte ihm ein blutiges, aber dennoch süffisantes Grinsen über die Lippen. Fast sah es so aus, als würde Gneisor die Kraft aufbringen etwas zu sagen, doch kein Laut drang über seine Lippen. „WARUM?!“, brüllte Vidkun ihn mit metallisch schnarrender Stimme an. Ganz langsam verflog Gneisors Grinsen. Er schloss die Augen, sein Atem verflachte sich und sein Körper erschlaffte. Als Vidkun ihn losließ, war es totenstill.

Sein Blick ging zu Sara’kiin, ihre Vortexgestalt begann sich aufzulösen, was ein gutes Zeichen war, denn es bedeutete, dass sich auch die Zeitkuppel, in der sie sich befanden, auflösen würde. Er blickte zum Horizont – und tatsächlich – überall waren leuchtende Flecken zu sehen. Die Vortexglobule begann sich allmählich aufzulösen. Wenn Vidkun eine Lunge gehabt hätte, wäre ihm jedoch genau in diesem Moment der Atem gestockt, denn erst jetzt fiel ihm auf, dass Studiosus Halriks Körper fort war. Sofort wuchs aus Vidkuns rechter Hand ein langes blankes Schwert. Der Kampf war gewonnen, doch die Schlacht war anscheinend noch nicht vorbei.

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