„Ich habe dich nicht nur mitgenommen, weil du ein Grünbacher bist“, sprach Sieghelm und klopfte seinem Knappen auf die Schulter, während er das Gatter zum Langstall passierte. Worauf der Ordensgroßmeister anspielte war das Gestüt, welches die Familie des Knappen seit vierzig Götterläufen führten. Perainius bekam kurz große Augen, konnte sich ein Prusten jedoch verkneifen. Wenn er sich selbst hätte einschätzen müssen, würde er sagen, dass er von Pferden kaum bis gar keine Ahnung hatte. Er hatte sich nie sonderlich für das Gestüt seiner Familie interessiert. Die Pflanzen, die am Rand einer Stallung oder aus dem Dung eins Pferdes wachsen konnten, faszinierten ihn da schon mehr.
„Deine Familie führt doch seit langer Zeit das einzige gräfliche Gestüt östlich des Ochsenwassers. So ein schlauer Junge wie du wird da doch bestimmt das ein oder andere aufgeschnappt haben.“ Wieder klopfte Sieghelm seinen Knappen ermutigend auf die Schulter. Perainius nahm seinen Mut zusammen und setzte zu einer Erklärung an. Da hörten beide das helle Bellen des Leutnants. „Pagol! Lass das – das Pferd will jetzt nicht spielen.“ Ermahnte der Ordensgroßmeister seinen Jagdhund. Dieser schaute jedoch nur missmutig zu seinem Herrchen und ließ dann widerwillig von dem Lattenzaun ab, wo er eben gerade noch seine schmale Schnauze durch einen Schlitz gesteckt hatte, um den dahinter liegenden Warunker Fliegenschimmel anzubellen. „Wisst ihr, Ser Sieghelm … ich bin …“ setzt Prainius erneut vollen Mutes an. „Ach stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Junge! Du bist klug – und vielleicht wird aus dir noch ein passabler Krieger. Erinnere dich nur daran, wie es dir gelungen ist, zwei Hiebe des Oberst Alrik vom Blautann und vom Berg abzuwehren! Das kann wahrlich nicht jeder Knappe von sich behaupten.“ Perainius wusste nicht ganz welchem Gott er dafür dankten sollte, dass er die Schläge in der Buhurt abgewehrt hatte und wie ihn das – beim Namenlosen – dazu qualifizierte, die Qualität von Zuchtpferden einzuschätzen, aber ein bisschen stolz war er schon darauf. Allerdings packte ihn nun auch die Angst, seinem Herrn keinen guten Ratschlag geben zu können. „Ja, mein Herr.“ Hauchte der Junge resignierend. Er versuchte sich an ein paar der Fachbegriffe zu erinnern, die er gelernt hatte. Womöglich würde dies genügend Eindruck bei seinem Herrn schinden und es dadurch nicht auffallen, dass er eigentlich keine Ahnung von Pferden hatte.
Eine schlanke Zureiterin mit hohen Lederstiefeln, kurz geschorenem Haar und einem nicht zu übersehenden Damenbart trat den beiden Kämpfern entgegen. „Rahja und Rondra zum Gruße, euer Exzellenz – die Rittmeisterin hat mir bereits gesagt, dass ihr kommt.“ Die Stimme der Frau war krächzig, wie von zu viel Met und Rauchraut. „Ihr müßt Ricarda sein, Hauptfrau Walda von Warunk hat uns zu euch geschickt. Rahjas Segen mit euch.“ Als er die Begrüßungsfloskel aussprach bemerkte Sieghelm, dass sie einen Unterton besaß, den er nicht beabsichtigt hatte. Es klang eher wie eine ernst gemeinte Empfehlung nach einer Verschönerung. Doch glücklicherweise bemerkte die Zureiterin der Unterton nicht, oder sie ihn überspielte ihn gut.
Sieghelm ließ sich von Ricarda durch den Langstall führen. Der Großteil der Pferde waren Trallopper Riesen, aber ein paar einige Warunker und Norburger Riesen waren auch dabei. Ricards erzählte bei den Pferden welch edler Herkunft sie waren, welche Charaktereigenschaften sie besaßen und für was sie sich besonders gut eigneten. Leutnant Pagol strich dabei von Zelle zu Zelle und schnüffelte hier und dort an den Rückständen plattgetretener Pferdeäpfel. Perainius garnierte gelegentlich die Schilderungen der Zureiterin mit ein paar Fachwörtern die ihm einfielen, hielt sich mit direkter Empfehlungen jedoch zurück.
Nach fast zwei Dritteln des Stalls, und etwa vierzig Pferden, machten die drei kurz halt. Sieghelm hatte eine Frage: „Ihr habt zahlreiche prächtige Pferde. Die Geschichten, die ihr zu ihnen zu erzählen vermögt, sind wahrlich beeindruckend“, begann er lobend vorweg zu schieben. Ricarda baute sich auf, sie wusste, dass auf diese Worte nur ein ‚aber‘ folgen konnte. „Aber … wie kann ich wissen, ob das Pferd auch zu mir passt, wenn ich nicht einmal draufgesessen habe.“ Ricarda atmete tief ein. „Das ist so, euer Exzellenz, wenn ihr möchtet, kann ich euch ein paar der Pferde mit einem meiner Leute für einen Ausritt mitgeben. Ihr könnte sie dann nacheinander einreiten und sehen, ob sie zu euch passen. Wir haben im kaiserlichen Forst einen eigenen Reitparcour, den ihr entlangreiten könnt – er ist ausgestattet mit …“ Die Schilderungen der Zureiterin wurden von einem hellen Bellen unterbrochen. Sieghelm, Perainius und die Frau suchten den Boden nach Pagol ab, doch sie konnten ihn nirgends sehen. „Wo … ist euer Hund …“ fragte sie besorgt. „Ich möchte dieses Pferd dort“, sprach Sieghelm mit fester Stimme plötzlich, der mit einem Grinsen auf den Lippen auf eines der Pferde zeigte. Die Zureiterin blickte an Sieghelms Arm und Zeigefinger entlang zu einer der Zellen. Ein schwarzbrauner Rappe befand sich darin und auf seinem, einen Schritt und achtzig Finger hohen, Rücken saß mit heraushängender Zunge in stolzer Pose Leutnant Pagol. Der Hengst war ganz ruhig und gelassen, als wäre es ganz normal, dass ein gerade einmal Handbreit großer Jagdhund auf seinem mächtigen und breiten Rücken saß.
„Wie … ist er dort heraufgekommen?“ Entfuhr es der Damenbartträgerin perplex. „Der Leutnant ist ein guter Kletterer. Ach und darüber hinaus ein noch viel besserer Tier- und Menschenkenner.“