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Reise nach Rommilys – Teil II „Im Kloster“

Den Galopp hielt Traviahold nur solange bei, bis er an einer Weide ankam, von der er wusste, dass er ab hier nicht mehr von der Stadt aus zu sehen war. Er würde natürlich heute im Kloster übernachten, aber je später er dort ankam, desto weniger Anliegen werden an ihn herangetragen. Er musste den Kopf schütteln, als er daran dachte, wer er von einem Götterlauf war – der drittgeborene Sohn eines Barons, der typischer Weise in ein Kloster abgeschoben wurde und sich nun darauf freute seine älteren Bruder wiederzusehen. Noch immer fiel es ihm schwer, Menschen von der Erlebnissen, die darauf folgten, zu erzählen. Wer konnte schon nachvollziehen, wie es ist an einem Tag in einer verlassenen Zwergenstadt gegen Dämonen zu kämpfen und am nächsten Tag Fischmenschen, untoten Echsen und „Schlinger“ zu begegnen. Manchmal fühlte er sich dadurch sehr einsam. Nicht einmal Darpatia kannte alle Geschichten, in der Zwischenzeit hat sich auch aufgehört danach zu fragen.

Die späte Nachmittagssonne ließ den Roten Riesen leuchten wie einen Karfunkel, als Traviahold unweit des Klosters auf einem Hügel das Pferd anhielt und das sich ihm bietende Bild betrachtete. Vor ihm ragte das dreigeschossige Hauptgebäude des Klosters auf, umgeben von Baustelle und noch mehr Baustelle. Er meinte den beißenden Geruch frisch aufgesetzter Maische wahrzunehmen, ausgeströmt von der Brauerei, dem einzigen weiteren fertiggestellten Gebäude. Derzeit wurde, ausgehend vom großen Wachturm, die Umfassungsmauer gebaut, die zukünftigen Ausmaße des Klosters ließen sich jetzt schon an der Zeltstadt erahnen, in der die zahlreichen Arbeiter lebten. Als er vor einigen Tagen das letzte Mal hier war, hatte er veranlasst, dass unter Anleitung von Swelinja Prutz damit begonnen wird, die Felder zu bestellen. Entsprechend herrschte nicht nur auf der Baustelle reges Treiben, sondern auch auf den Flächen drum herum.

Während er gemächlichen Schrittes weiter ritt, musste er an die zahlreichen Hände denken, die dieses Kloster bauen. Der größte Teil der Arbeiter sind die ehemaligen „Sklaven“, die aus den Fängen der Dämonen befreit wurden. Dadurch wurde Hochstieg entlastet und die meisten sind froh, etwas tun zu können, dabei aber gut versorgt und verpflegt zu werden. Viele hegen noch immer den Wunsch in ihre Heimat, zu ihren Familien, zurückzukehren. Wer wäre Traviahold, wenn er diesen Wunsch nicht unterstützen würde, doch war allen Seiten klar, dass es gelinde gesagt schwer ist, in die Warunkei zu gelangen. Und das Wissen, das er seit heute hatte, machte dies nicht leichter. Sollte er mit Charon darüber sprechen oder nicht? Eigentlich sind die Informationen höchst geheim, aber sollten sie nicht wissen, dass ihrer alten und ihrer neuen Heimat Krieg bevorsteht und sie noch für lange Zeit nicht zu ihren Familien kommen werden? Sieghelm würde ihm sicherlich den Kopf dafür abreißen. Charon, er musste kichern. Er ist der Erste des Ältestenrates der Warunkanier, wie die Gruppieren sich selbst nennt und inzwischen auch von allen genannt wird. Damit ist er in allen Angelegenheiten der erste Ansprechpartner und die wichtigste Vermittlungsperson – jedoch heißt er eigentlich Charyptoron. Es wurde aber die allgemeine Vereinbarung getroffen, dass sie alle nur noch eine verkürzte Form ihres Namens tragen. Sie haben verstanden, dass niemand der Zwölfgöttergläubigen in und um Hochstieg die junge Razzazora bei ihrem Namen rufen kann. Traviahold fragt sich immer wieder, was es eigentlich für das Kloster heißt, dass es größtenteils von Personen erbaut wurde, die oft die Namen von Dämonen und dämonischem Gezücht tragen. Wird es Fluch oder Segen sein? Zumindest nehmen immer alle geschlossen an den Messen teil. Vielleicht ist es der erste Schritt zur Missionierung der Warunkei. Obwohl abzuwarten bleibt, ob es bald noch was zu missionieren gibt, oder ob es sie selber überhaupt noch gibt – so ein Knochendrache ist halt unberechenbar.

Als er am Kloster ankommt wird ihm von allen Seiten zugewunken und er grüßt alle zurück, als er zum Tempel reitet. Dort wird er auch sogleich von Helfwiege empfangen: „Euer Hochwürden! Was verschafft uns die Ehre eurer Anwesenheit?“ „Mutter Helfwiege. Ich bin nur auf der Durchreise. Ich muss in einer dringenden Ordensangelegenheit nach Rommilys. Aber macht euch keine Sorgen, es ist nichts schlimmes geschehen, im Gegenteil, mein Bruder wird demnächst zum Reichsritter geschlagen!“ „Ach wie schön für ihn“, antwortet Helfwiege mit einem Blick, der zeigt, dass sie sehrwohl seine Lüge erkannt hat, aber die Großzügigkeit besitzt, darüber hinweg zu sehen. „Aber kommt doch ersteinmal hinein, das Essen für die Speisung ist bald fertig.“ „Vielen Dank, aber ich wollte vorher noch Charon aufsuchen. Ich werde an der Speisung aber natürlich teilnehmen.“ Damit verabschiedet er sich wieder von der Erzpriesterin und macht sich auf den Weg durch die Zelte. Er kommt wie erwartet nur langsam voran, da er an gefühlt jedem zweiten Zelt stehenbeiben muss, um sich kurz zu unterhalten. Er hat in den letzten Monden mit Zufriedenheit wahrgenommen, dass das Verhältnis zwischen den Einheimischen und den Warunkaniern offener und besser geworden ist. Er wäre sogar nicht verwundert, wenn er bald einen ersten Traviasegen sprechen müsste. Nach einiger Zeit kam er am Zelt von Charon an und betrat es. Im Inneren fand er wie erwartet den älteren Herrn an einem kleinen Feuer vor. Er fragt sich manchmal, wie er die Qualen unter dem Berg überstehen konnte. „Euer Hochwürden Traviahold, euer Besuch kommt überrraschend“, wird Trahiahold begrüßt. „Ältester Charon, ich werde nur über Nacht bleiben und dann weiter reiten. Trotzdem wollte ich mit euch reden.“ „Nun, dann setzt euch.“ „Danke. Nun, wie soll ich anfangen? Ich suche, wie ihr wisst, nach Möglichkeiten, wie ihr in eure Heimat zurückkehren könnt.“ „Und dafür sind wir euch sehr dankbar.“ Traviahold nickt. „Doch ich fürchte, keine allzu guten Nachrichten zu haben.“ „Das stand zu befürchten.“ „Es gibt…Gerüchte…über…außergewöhnliche…Aktivitäten in eurer Heimat.“ Traviahold spricht sehr leise, langsam und lässt sich viel Zeit bei der Wahl seiner Worte. „Im Reich, also dem Mittelreich, herrscht daher eine gewisse Unsicherheit, Sorge, ja fast Angst.“ Nun nickt Charon verständnisvoll: „Daher ist niemand derzeit bereit eine Gruppe Menschen dorthin zu führen. Das verstehe ich. Ich werde dieses Wissen erst ein mal für mich behalten. Im Großen und Ganzen haben sich alle mit dem derzeitigen Zustand arrangiert. Solange die Versorgungslage nicht schlechter wird, und jeder etwas zu tun hat, wird es keine Unruhe geben. Und ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam eine gute Lösung finden werden, wenn es nötig wird.“ Traviahold wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als das Schlagen eines Holzlöffels auf einen Suppentopf laut durch das Lager schallte. „Die Speisung beginnt“, meint er stattdessen, „wollen wir gemeinsam gehen?“ „Das wäre mir eine Freude Hochwürden.“

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