
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz
Gneisor
Ser Gneisor, sein Knappe Ingmar und der wie Brangane aussehende Dämon standen gemeinsam im Zentrum des Burghofs. Über ihnen prasselte ein rubinfarbener Strahl aus Magie gegen eine blau schimmernde Wand, die die Limbusverzehrerin schützte. Langsam aber sicher stemmte sie sich über ihnen dem Strahl entgegen und die drei unter ihr konnten die Szenerie gut beobachten. „Halrik scheint sie gut hinzuhalten. Wenn du wirklich das kannst, was du behauptest, dann sag uns, wie wir dir dabei helfen können!“, intonierte Ser Gneisor. Er verließ die Kampfhaltung und deutete auf das Spektakel über ihnen. „Was euer Gelehrter da vollbringt ist gewaltig, doch ist er im Umgang mit der Vortexmagie noch zu unerfahren, um Sara’kiin besiegen zu können“, antwortete Brangane im Plauderton. Alle drei blickten nach oben, direkt über Ihnen sahen sie, wie Sara’kiin mit der einen Hand – in der sich auch ihr Stab befand – von sich gestreckt die magische Wand aufrecht hielt und mit der anderen Hand einige zackige Gesten formte. „Was tut sie da?“, entfuhr es Ingmar. Die Antwort auf seine Frage folgte auf dem Fuße. Direkt hinter ihr öffnete sich ein vertikaler Spalt in der Luft, gerade groß genug für sie selbst. Geschwind schlüpfte sie hindurch und verschwand, als ihr Stab als letztes den Spalt passierte, schloss er sich hinter ihr wieder. Wohin sie verschwand und ob sie dank Halriks Zauber Schaden genommen hatte, war nicht ersichtlich. Die magische blaue Wand zerbarst in tausend kleine sich auflösende Splitter, unter dem anhaltenden Druck des roten Strahls. Die dabei entstehende Druckwelle drückte Ingmar, Brangane und Gneisor wie Zinnsoldaten unter der Last eines Stiefels zu Boden. Der Marschall, der mit angebrochenen Rippen und einem gebrochenen Arm schon schwer genug angeschlagen war und noch dazu Probleme beim Atmen hatte, wurde so heftig zu Boden gedrückt, dass er erneut die Besinnung verlor.
Wie aus sehr weiter Entfernung hörte er eine Stimme. Sie war so weit fort, dass er sie weder einer Person zuordnen konnte, noch dass er ihren Inhalt verstand. Schmerz glimmte, wie ein an einem heißen Praiostag frisch abgebrannter trockener Weizenacker, in seiner Brust. Ihm war schwindelig, nur mit Mühe gelang es ihm ganz langsam die Lider zu öffnen. Er bewegte sich, was er an den klappernden Schritten festmachte, die immer lauter wurden. Und daran, dass der Schmerz in seiner Brust in immer wiederkehrenden regelmäßigen Intervallen kam. „Er hält uns nur auf“, hörte er eine Stimme sagen, die klar weiblich klang. „Ohne ihn wären wir schon alle tot – auch du schuldest es ihm“, sagte im unerschütterlichen Tonfall eine jüngere Stimme, die Gneisor seinem Knappen zuordnen konnte. „Ich schulde ihm gar nichts! Ich mache das nur, damit ich einen weiteren Fleischsack zwischen mir und Sara’kiin habe, der geopfert werden kann“, polterte der Dämon in Gestalt der Ritterin zurück. Inzwischen wurde Gneisor klar, dass sie Stimme zu Brangane gehörte. Und jetzt bemerkte er auch, in welcher Haltung er sich befand. Er wurde von ihr, oder besser gesagt, ‚es‘, über der Schulter getragen! Der Dämon musste über gewaltige Kraft verfügen, denn Gneisor trug noch seine komplette Rüstung. Zusammen genommen, wogen er und seine Rüsung über 100 Stein. „Der ‚Fleischsack‘ kann wieder alleine gehen“, hauchte er mit hohler Stimme aus. Sofort machte Brangane halt und setzte den Ritter ruckartig ab. Ingmar übergab seinem Ritter sofort wieder seinen Anderhalbhänder. Gneisor sah sich um, sie befanden sich im Burgfried auf einer mittleren Etage eines Treppenabsatzes. „Wie geht es euch, Ser?“, erkundigte sich Ingmar im besorgten Ton. Gneisor nickte nur in Richtung des Jungen, für mehr war jetzt keine Zeit – und sein Zustand war in Anbetracht ihrer Situation auch mehr als irrelevant. Hastig, wohl etwas zu hastig, zog er Luft ein, woraufhin das Feuer in seiner Brust wieder stärker wurde. Als er ausatmete, hörte er ein leises Pfeifen. Ihm selbst war bewusst, was bedeutete, eine oder mehrere seiner Rippen hatten seine Lunge durchbohrt und diese füllte sich nun nach und nach mit seinem eigenen Blut. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, bis er nicht mehr atmen und einfach tot umfallen würde. „Wir müssen weiter. Vorran!“ Brangane und Ingmar verloren keine Zeit und eilten sofort los, sie hatten allem Anschein nach ein Ziel und der Marschall folgte ihnen, so gut er konnte. Er konnte und wollte nicht einfach an seinem eigenen Blut ersticken, sondern wenn. dann in einem rondrianischen Kampf fallen.
Die Treppe innerhalb des Burgfrieds stellte sich für den Ritter als schwerste und vielleicht auch letzte Hürde in seinem Leben heraus. Mit jeder Stufe brannte das Feuer in ihm so heiß, dass er glaubte innerlich zu verbrennen. Er spuckte unterwegs mehrmals Blut, stolperte und kratzte mit den Rüstungsteilen gegen die Wände und Treppenabsätze. Ingmar, der aufgrund seiner Treue zu seinem Herrn nicht anders konnte, ließ sich zurückfallen und half ihm, indem er ihn stützte. Brangane machte keine Anstalten noch einmal zurück zu sehen und nach den beiden zu schauen und die beiden Männer hatten zu viel Stolz, um einen Dämon um Hilfe zu bitten. Sie beide wusste,n wie das hier für den Marschall enden würde, doch beide waren auch rondrianisch genug, um nicht aufzugeben. Denn noch gab es hier Feinde und noch hatten sie im Namen der himmlischen Leuin einen Auftrag zu erfüllen. Und nichts würde Ingmar mehr das Herz brechen, als seinen Herrn auf einer Treppe sterben zu sehen. Wenn er schon unbedingt zu Boron gehen musste, dann doch wenigstens in einem Zweikampf, und dabei wollte er ihm helfen. „Kommt schon! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, schallte Branganes Stimme auffordernd von weiter oben durch den Treppenaufgang. „Ich lasse euch hier nicht zurück, Ser!“, brachte Ingmar unmissverständlich zwischen zusammengebissenen Zähnen zu seinem Herrn hervor, während sein Kopf zur Stütze unter Gneisors linken Arm hing. Der Knappe erahnte nämlich schon, welchen pathetischer ‚Lass mich zurück und geht ohne mich weiter‘-Unsinn in den Augen seines Herrn aufblitzte. Gneisors Gesicht war ein einziger Wasserfall, sein sonst so ordentlicher Bart, eine feuchte Wand aus zerrissenen Lianen, an dessen unteren Enden überall Tropfen hingen. Unter seinem nassen Bart kam ein kurzes Grinsen hervor. „Ingmar … das würde … ich dir doch … nie antun. Hier … zu sterben“, flapste er. „Ihr solltet besser nicht reden, Herr.“ Stille folgte, in denen sie wieder fünf Stufen schafften. „Ich sah dich sterben … Ingmar.“ Der Knappe antwortete nicht, da er nicht wusste worauf sein Ritter hinaus wollte. „Vorhin, vor der … Bibliothek … das Ding … hat dein Gesicht … aufgeschlitzt wie eine Arange … du bist leblos … zu Boden … gefallen.“ Gneisor hustete feucht und spuckte wieder einen Flatschen Blut aus. Ingmars Augen wurden tellergroß, er wusste nicht, wovon er da redete, er konnte sich nicht daran erinnern. „Halrik … er … muss dich … geheilt haben.“ Sie erreichten die letzte Etage. Es war ein kleiner Raum, voll mit Fässern voller Pfeile, Bogenständern und ein paar flachen und hohen Kisten mit Wimpeln und allerlei anderem Tand. Ingmar verstand nicht, warum sein Herr ihm das erzählte oder ob er begann zu halluzinieren.
Von Brangane war keine Spur zu sehen. Sie musste wohl schon die Leiter nach ober zur offenen Dachluke genommen haben. Die beiden blickten zur Leiter, zeitgleich war ihnen bewusst, dass Ser Gneisor es in seinem Zustand da nicht herauf schaffen würde.