
Gneisor Geldwin
von Ochsenstolz
Halrik
Die Kraft der puren und ungezügelten Magie, die aus Halriks beschworener rötlicher Lichtkugel in seine Hand schoss, wurde nicht schwächer. Sie hielt an, fünf Sekunden, zehn Sekunden, fünfzehn Sekunden … ein permanenter gleißender Strahl, so funkelnd rot, dass man ihn für einen einzigen riesigen Rubin hätte halten können. Nur an der Stelle, an der er auf das bläuliche Schimmern des magischen Schildes traf, zerfaserte er wie ein im Sturmwind flatternder Wimpel zu allen Seiten aus – und das Schild kam näher. Die Limbusverschlingerin, die aufgrund der spektakulären Vereinigung von aufeinanderprasselnder Magie kaum mehr zu sehen war, drückte den roten Strahl langsam, Schritt für Schritt, immer weiter zurück. Dann, wie ein Lichtstrahl der plötzlich eine seit Stunden anhaltende dicke Wolkendecke durchbrach, zerbarst das blaue Magieschild in abertausende kleine bis zum verschwinden glimmende kleine Splitter. Der rote Lichtstrahl konnte nun seinen Weg ungehindert fortsetzen, prallte mit voller Wucht gegen einen dahinter liegenden Wehrturm und binnen eines Lidschlags explodierte er in einer gewaltigen und lauten Explosion. Zerborstene Feldsteine, Mörtel, Holzsplitter und zerfetzte Balken wurden mit einer unbeschreiblichen Wucht aus der Festungsanlage herauskatapultiert. Nichts davon flog, trotz der gewaltigen Kraft des Lichtsstrahls in den Innenraum der Festung. Als dieser dann hindurch war und seinen Weg nun bis an den Ereignishorizont der Kuppel fortsetzten konnte, war der komplette obere Teil der Wehrturms abgerissen und regnete als als zerfetzte Stein- und Holzmasse im Außenbereich der Festung ab. Dann endete der Zauber abrupt. Der rubinfarbene Strahl endete und auch sein magisches Surren verschwand. Halrik senkte seine nunmehr leere Hand, von Sara’kiin war nichts mehr zu sehen, sie war in der gewaltigen Kraft des Zaubers aufgelöst worden. Der junge Studiosus war kaum mehr zu erkennen. Seine Haut war aschfahl und durchzogen von tiefschwarzen fingerdicken Adern, in seinen Augen war kein Weiß mehr zu sehen und sein Haar so schütt, dass es nur noch als ein silbriges Glitzern auf einem ansonsten kahlen Haupt zu erahnen war.
Es kehrte Ruhe ein auf Festung Friedstein. Kein Todes- oder Kampfgeschrei mehr, kein Klackern oder schrilles Zirpen von Abscheulichkeiten. Halrik überblickte von seiner erhöhten Position den Burghof, in dem mehrere Leichen und tote jenseitige Geschöpfe lagen. Er hatte es geschafft, Sara’kiin die Limbusverschlingerin war besiegt, oder gebannt – ganz egal – sie war fort und das allein zählte. Doch noch waren sie nicht sicher, denn sie waren noch immer in der Zeit gefangen, solange sie sich im Innern der Kuppel befanden. Doch eins nach dem anderen. Halrik dreht sich in der Luft und schwebte auf den höchsten Punkt der Festung. Es war die selbe Position, bei der die Katastrophe heute ihren Lauf genommen hatte, als er – zusammen mit seinen Büchern – auf Ser Gneisor stieß und ihm von seiner Erkenntnis berichtete, dass Sara’kiin sich hier auf der Sphäre befindet. Genau dort, wo alles ihren schrecklichen Verlauf nahm, sollte es auch enden – dachte er sich und ließ sich auf dem obersten Turm der Niederrungenfestung nieder.
Er füllte seine Lungen noch einmal mit Luft, die geschwängert war von den Gerüchen nach menschlichem Blut, der zähflüssigen Masse, die in den Körpern der Abscheulichkeiten steckte, die nach Schwefel roch und dem Geruch nach Ozon. Letzterer war durch die ungezügelte Magie entstanden, die er erzeugt hatte. Dann hob er seine Arme in die Höhe und formte damit einen Kelch. Sein Zauber würde sich gegen den unsichtbaren Wall richten, um diesen Ort wieder dem Vortex zu entreißen: „Ausghairm banna áit.“ sprach er aus. Seine Worte kamen dabei ganz natürlich über seine inzwischen pechschwarzen Lippen. Weit über ihm, am Ereignishorizont, zuckten plötzlich Blitzartige Gebilde über den Kuppelrand. Sein Zauber zeigte Wirkung. Halrik wurde lauter: „Ausghairm banna áit!“ Wieder zuckten Blitze, die Risse in dem Membran hinterließen, über den Kuppelrand. Sein Zauber half, er würde ihn nur noch ein paar mal wiederholen müssen und dann wäre die Kuppel zerstört. Erneut setzte er an: „Ausghairm ban …“ Halriks Stimme versagte plötzlich mitten im Wort in einem hellen Krächzen. Da er nicht wusste warum, versuchte er es erneut, doch kein Ton drang aus seinem Mund, dafür schossen ihm aber tiefrote Spritzer über die Lippen, die er vor sich in die Luft versprühte. Verwundert blickte er den Tropfen hinterher. Was war geschehen? – fragte er sich. Hatte er etwa zu viel Magie verwendet? Aber das war unmöglich – schoss es ihm wieder durch den Kopf. Ein Ruck fuhr ihm durch den Körper, verwundert blickte er an sich herab und senkte die Arme. Ein spitzes, vor Blut triefendes Stück Unmetall ragte aus seiner Brust heraus. Er spürte keinen Schmerz, nur einen sanften, kaum spürbaren Druck. Begleitet von einem metallischen Kratzen, das über Knochen fuhr, zuckte das Stück Unmetall wieder aus seinem Körper heraus. Halrik dreht sich um und vor ihm stand ein jenseitiges Geschöpf. Der Körper gehüllt in schwarze, eng anliegende Kleidung, gewoben aus einem Stoff, der so dunkel war, dass es jedes Licht verschluckte, das darauf traf. Nur die Hände, die Füße und der Kopf waren eingehüllt in dunkles Metall. Zacken und dunkle Sigillen waren daran eingearbeitet, im rechten Panzerhandschuh lag eine kurze, dolchartige und filigran dünne Klinge, von der Blut – sein Blut – tropfte. Halrik wollte etwas sagen, er nahm all seine Kraft zusammen, um gegen den Pfropfen an Blut in seinem Hals anzukämpfen. Er hüstelte und gurgelte und dann spuckte er einen Klumpen zähflüssigen Blutes aus. Mit absterbenden Stimme brachte er mit letzter Kraft hervor: „Matral?!“