Button

Eine neue Richtung

Da haben mir dieser Hund und dieser Wolf doch tatsächlich einen Streich gespielt! Ich habe ob der jüngsten Vorkommnisse scheinbar geschlafen wie ein Fels. Was als Jägerin eigentlich tödlich ist. Wachsamkeit ist das Gebot der Stunde. Immer und zu jeder Zeit. Umso erschreckender ist, dass ich nicht bemerkt habe, dass mir Elfenbein die abgeschlagene Kralle des Greifen wieder zurück brachte. Im ersten Moment dachte ich an göttliches Wirken. An einen Hinweis, dass der mir vorschwebende Weg der Richtige ist. Mit welcher Arroganz ich manchmal gesegnet bin. Ich habe tatsächlich göttliches Wirken in den Transport einer Jagdtrophäe gesehen. Azina schüttelt den Kopf. Wie lächerlich. Wie kämen Firun oder gar Praios dazu? Am Ende war es lediglich Elfenbein … aber ist er nicht auch göttlich? Ist es vielleicht doch ein Zeichen? … Verstohlen linst sie aus den Augenwinkeln zu „ihrem“ schneeweißen Wolf hinüber.

Wobei … eine Jagdtrophäe ist die Kralle ja nicht. Ich behielt die Kralle und einige Federn nur, weil Nehazet meinte, sie können noch nützlich sein bei der Errettung der anderen Greifen. Dank des Tempels in Katay wissen wir vermutlich, dass es hier in der Gegend acht Greifen gab. Das Licht von fünf der Statuetten ist bereits erloschen. Einem wurde letzte Nacht vor unseren Augen die Seele von einer Sphinx entzogen, weil ich ein Rätsel nicht beantworten konnte. Es war ein gar schrecklicher Anblick wie auch er in sich zusammenfiel und schließlich explodierte. Das Rätsel aber war so schwer nicht. Jane wusste es auf Anhieb. Nur ich nicht. (und Sieghelm auch nicht).

Sieghelm hat noch zu verhindern versucht, dass ich antworte. Vielleicht in der Hoffnung, dass die Sphinx von ihrem Opfer abließe, wenn die Antwort aufgeschoben wird. Aber irgendetwas in der Stimme der Schimäre sagte mir, dass eine gegebene Antwort zumindest eine Chance auf Rettung darstellte, während keine Antwort den Tod als Gewissheit hätte. Ich hätte mir meine Feigheit nicht verziehen. Und noch hatte ich keine gewirkte Magie in meine Richtung gesehen. Lieber hätten wir die Sphinx bei einer falschen Antwort bekämpft und wären bei dem Versuch gestorben, als mit der Schande der Untätigkeit zu leben. Das wäre einer Erwählten nicht würdig.

Erwählten … was mag das wirklich bedeuten? Könnte dieses Zwischenwesen … Azina spuckt gedanklich auf den Boden aus … am Ende doch Recht haben? Ist uns die Weihe nicht gegeben? Einige von uns haben ja schon besondere Kräfte und Fähigkeiten, die über normale Menschen hinausgehen. Sie sind auch anders als die Gaben der Geweihten. Und sie werden offenbar von Gottes Gnaden stärker. Nur wo entspringt der Macht Quelle? Von den Göttern? Aus uns selbst? Oder aus den Gegenständen? Und welche Rolle spielen die Amulette? Sie waren von Beginn an da. Uns zeichnend. Ohne Erklärung. Ohne Bedeutung? Wir können sie nicht wirklich fortgeben. Sie sind an uns gebunden. Und sie strahlen in göttlichem Weiß.

Gestern Abend hat mich Nahazet auf interessante Gedanken gebracht. Wir haben meine Fähigkeiten der zweiten Sicht trainiert. Experimentell versuchten wir herauszufinden, ob ich vielleicht Schatten oder Spuren vergangener Präsenzen entdecken kann. Leider war dies nicht der Fall. Dennoch könnte es aber ein Weg zum Ziel sein: Training der gegebenen Fähigkeiten.

Wie viel stärker wir wohl noch werden (müssen), um dem Gegner trotzen zu können?

___________________________

Azinas Gedanken

Den Göttern gefällig

8. Peraine 1027 n. BF

Gemächlich schreitet Mhanach voran. Ein Glied in der Kette der Gefährten, die sich durch das karg bewaldete Gebiet östlich der schwarzen Sichel bewegt. Auf ihm sitzt die Botin Firuns tief in Gedanken versunken.

Das war sie also. Meine erste Begegnung mit einem Firungeweihten. Er konnte mir nicht helfen. Er hatte offenbar noch kaum Erfahrung. Stattdessen schickt er mich in eine sogenannte Schwitzhütte zur Meditation. Hitze statt Kälte, um Firun nahe zu sein …

Dennoch schweiften meine Gedanken rasch weit weg. Zu einer schneebedeckten kargen Ebene. Es war jedoch nicht kalt. Nicht einmal als ich meine Stiefel auszog. Es zeichnete sich keine Erhebung ab. Eine sehr geordnete Leere. Nur in der Ferne war ein kleiner Wald zu sehen. Doch außer der kleinen Jagdhütte fand sich kein Leben in diesem Wald, keine Spur zeichnete sich ab, nicht ein einziger Hinweis. Im Innern der Hütte hielt sich ein Wesen in Gestalt eines alten Mannes auf, welches sich selbst als Zwischenwesen bezeichnete. Als ein Weisen zwischen Alveranier und Jenseitigem. Als ein Wesen des Ausgleichs.

Er wusste von meinem Wunsch die Weihe Firuns zu erfahren. Er wusste überhaupt alles von uns. Er offenbarte mir, dass ich ja bereits von Firun erwählt sei und ihm daher nicht näher zu kommen ‚brauche‘. Firungeweihte im Allgemeinen schauen zu mir auf, wie die Geschichte im Holz des Tempels bezeuge. Eine Weihe sei für meine Aufgabe daher nicht vorgesehen.

Nein! Bei des Ebers Hauer, das ist nicht wahr!

Ich wollte mit einem Abgesandten Firuns sprechen und nicht mit diesem Wesen, welches mich arglistig zu täuschen versucht. Niemals hätte mich Firun oder einer seiner Abgesandten einfach so empfangen, ohne mich schon auf dem Weg dorthin mit Kälte und Verzicht zu prüfen. Und wie kann es einen Wald ohne Leben geben? Das wäre das Ende allen Seins. Das wäre das Reich Nagrachs! Elender! Steht der Firungeweihte in Gallys bereits unter dämonischem Einfluss? Erstreckt sich die Macht der Schwarzen Lande bereits bis hier? Ich habe das nicht überprüft! Welch eine Schande! Ich war zu sehr mit mir selbst und meinen Gedanken beschäftigt.

Wie oft habe ich versucht Kontakt mit Firun aufzunehmen? Ihn gebeten mir zu weisen was ich tun soll? Bin ich seiner Gegenwart unwürdig oder fordert er von mir Selbstbestimmtheit? Scheinbar von den Göttern verlassen, streiten wir für sie. Oder ist es ihnen vielleicht nicht möglich mit uns direkten Kontakt aufzunehmen? Das passt ja alles gut zusammen. Und jetzt soll ich einfach zulassen, dass ein „Wesen des Ausgleichs“ Zweifel in mir säht? Nicht mit mir!

Man kann seinem Gott nicht nah genug sein! Alle Menschen streben danach. Ich wiederstehe der Versuchung. Ich werde nicht von meinem Ziel ablassen. Nein! Jenseitiger Alveraner! Nein! Fahr in die Niederhöllen oder noch weiter weg! Das war nur ein weiterer Versuch einen Anker zu fällen. Doch ich bleibe standhaft!

Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wird Firun mich weihen! Ich finde einen anderen Geweihten, der mir hilft. Oder auch nicht. Dann eben ohne Priester! Nehazet hat mir versprochen, dass wir nach Norden in die Eiswüste ziehen. Tun wir das! Dort werde ich Firun persönlich seinen Speer zu Füßen legen. Kälte und Hunger können mich nicht aufhalten. Und Hitze ist ja wohl ein schlechter Scherz.

—————————————————————————————————————

Kurz darauf kämpft die Gruppe gegen einen dämonisch beeinflussten Greifen. Azina sprang auf seinen Rücken und versuchte ihn am Weiterkämpfen zu hindern, als Sieghelm ihm mit einem gewaltigen Streich den Bauch aufschlitzt. Sie wurde zwei Mal schwer von reiner göttlicher Energie getroffen und kann sich nun kaum noch auf den Beinen halten.

Das … war … heftig. Ich fühle mich ganz schwach. Dieser Greif ist ja beim Sterben explodiert. Ich trage keine sichtbaren Wunden davon. Es ist, als ob mich sämtliche Energie verlassen hat. Aber ich nehme keinen Heiltrank. Das fühlt sich falsch an. Ich bin getroffen von göttlicher Energie, das muss mein Körper von allein schaffen.

Nehazet meinte, ich solle die abgeschlagene Kralle sowie einige Federn behalten. Sie seien unempfindlich gegen Magie und können diese beeinträchtigen.

Wir töteten ein göttliches Wesen. Ja, er hat uns angegriffen und ja, wir mussten uns verteidigen. Aber ich bin mir sicher, dass Nehazet eine Möglichkeit gefunden hätte, ihn von seiner dämonischen Beeinflussung zu befreien. Immerhin hat diese Beeinflussung auch Einzug in seinen Kopf gefunden. Und Nehazet findet immer eine Lösung. Wir hätten ihn vereint niederringen können. Dann hätte Nehazet genügend Zeit für die Heilung gehabt. Aber kaum erholte sich Sieghelm von seiner Blendung, hat er nichts Besseres zu tun, als ihn zu töten. Da nützt auch sein Gebet an Praios wenig. Das war voreilig.

Ich trauere um diese göttliche Existenz. Ich erinnere mich wie strahlend schön der Herold in Gareth aussah. Auf diesem armen verwirrten Greifen konnte ich nur einen kurzen Blick werfen, ehe er völlig ausrastete. Zumindest wissen wir nun wahrhaftig, womit wir es zu tun haben. Die Greifen der schwarzen Sichel werden pervertiert. Sein Opfer darf nicht umsonst gewesen sein. Nehazet muss einen Weg finden sie zu heilen. Denn wir können doch unmöglich alle befallenden Greifen schlachten. Vielleicht helfen uns hier wirklich seine wenigen Überreste weiter.

Bitte verzeihe uns diese Sünde. Wir tun es für die anderen Greifen, auf dass ihnen das zugedachte Schicksal erspart bleibe.

___________________________

Azinas Gedanken

erste Legenden

Schlaflos wälzt sich die Botin Firuns in ihrem Bett hin und her. Gro’jesh grunzt neben ihr vor sich hin und lässt sich nicht stören. Wie klein sie neben ihm ist.

So beginnt es also. Das sind meine ersten Legenden. Geschichten, erzählt von einem Firungeweihten aus Gallys während eines Gottesdienstes. Ich selbst habe sie ihm erst tags zuvor erzählt. Unglaublich, dass bereits vor fünf Götterläufen feststand, dass ich – oder zumindest eine Frau – die Erwählte des Firun wird. War es vorherbestimmt, dass ich scheitere? Dass ich niemals die Gunst einer Familie erlangen würde? Ich hatte mein Ziel aus den Augen verloren. Fern der Heimat schlug ich mich als Glücksritter durch, der mehr Glück als Verstand hatte. Das ist mir heute klar. Eigentlich unglaublich, was einem so widerfährt. Die verderbte Druiden damals hätte mich rasch erledigen können.

Wen hätte es an meiner statt treffen können, wäre ich gestorben? Musste es eine Frau sein? Oder stand von Anfang an fest, dass ich es sein musste? Und wann war der Anfang? Wie lange schon bereitet sich die achte Sphäre auf den Kampf vor. Wie lange wissen die Götter darum? Es ist unwirklich.

Aber ich vertraue auf Firun, dass es richtig ist. Ich bin sein Werkzeug, um den Vortex zu vernichten! Oder um zumindest meinen Teil dazu beizutragen. Mein Leben zu geben. Firun … oder vielleicht eher Ifirn hat ermöglicht, dass … dass ich noch ein anderes Leben führen kann. Ein Anderes.

Rasch hat sie einen Entschluss gefasst. Vorsichtig und leise schleicht sie sich aus der Taverne. Elfenbein begleitet sie auf samtenen Pfoten. Alles liegt ruhig da im Licht des Madamals. Keine menschlichen Schattenwesen treiben hier in der Nacht ihr Unwesen. Zu karg und zu gesichert ist diese Grenzstadt. Doch Azina hat ein Ziel. Schon bald erhebt sich der hölzerne Firunstempel vor ihr. Sie kniet vor seiner Schwelle nieder und wartet. Den Blick zu Boden und in sich gekehrt.

Früh am Morgen, wo Jane nur Gro’jesh im Nachbarbett vorfinden wird, tritt der Firungeweihte vor die Schwelle des Tempels. Interessiert schaut er auf die Tulamidin herab.

„Was ist dein Begehr?“ fragt er sie.

Sie hebt den Blick und starrt ihm herausfordernd in die Augen. Und sie antwortet mit fester Stimme: „Ich möchte eine Geweihte Firuns werden. Was muss ich dafür tun?“

___________________________

Azinas Gedanken

Verwandtschaft

„Sollten wir nicht Herrn Nehazet hinzuziehen?“ In Perainius Stimme schwang mehr Kritik mit, als es ihm lieb war. Er verlagerte nervös sein Gewicht ständig von einem auf das andere Bein. Der Ordensgroßmeister belegte seinen Knappen nur mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ich kann das auch alleine machen‘. „Er wäre bestimmt daran interessiert, dass ihr …“ „Ruhe jetzt!“ herrschte Sieghelm den Jungen an. Er wollte jetzt nicht darüber diskutieren. Eine schlanke Studiosa in einfacher weißer Robe schlurfte gelangweilt von einem Nebenzimmer an das Schreibpult heran, welches die beiden Krieger von ihr trennte. Mit aller Inbrunst, die eine junge Magiegelehrte zeigen konnte, die als Empfangsdame tätig sein musste, begrüßte Sie die beiden offensichtlich magisch unkundigen Männer: „Tach.“ „Seid gegrüßt, gelehrte Dame“, begrüßte Sieghelm die Magiekundige und hielt sich dabei seine Panzerfaust vor die Brust, um eine leichte Verneigung anzudeuten. Die Studiosa schnaufte verächtlich. „Zu viel der Ehre, eure Majestät“, ätzte sie. Sieghelm stockte. Perainius nutzte die Stille der diplomatischen Spitzen und ergriff das Wort: „Was mein Herr sagen möchte ist, dass ihr sehr wohl eine gelehrte Dame seid, weshalb ihr euch diese Anrede mit Sicherheit auch verdient habt, auch wenn ihr den Titel einer Adepta noch nicht tragt.“ Mit einem wachen Blitzen in den Augen, schenkte die schlanke Studiosa dem jungen Knappen einen anerkennenden Blick. Anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet, dass während ihrer jeglicher geistiger Herausforderung entbehrenden Zeit als Empfangsdame, es zu einem lichten Moment kommen würde. „Ihr ehrt mich, eure Exzellenz. Was kann ich für euch tun?“, schob sie dann an den Ordensgroßmeister gewandt hinterher, während sie in Richtung des Knappen anerkennend nickte. Sieghelm, der nicht so ganz hinterher kam und noch dabei war sich innerlich zu überlegen, ob er die Frau für ihre fälschliche Anrede schelten oder freundlich rügen sollte, beschloss das eben Geschehene zu übergehen und auf die neue Anfrage zu reagieren. „Ich möchte zu Candidatus Voltan.“ „Candidatus Voltan ist äußerst beschäftigt“, schoss sie zackig abweisend heraus. “ … er steckt mitten in seiner Vorbereitung für die Abschlussprüfung.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sich ihr Ton von gelangweilt abweisend zu überspielt ehrlich gelangweilt änderte. „Doch mit Sicherheit ist er bereit für eine wichtige Persönlichkeit eures Standes eine Ausnahme zu machen und euch zu empfangen.“ „Das … freut mich“, sprudelte es aus Sieghelm heraus, der sich erneut unsicher war, wie er auf die widersprüchlichen und zugleich schmeichelnden Aussagen der Frau reagieren sollte. Er entschied sich dafür, die Frau nicht zu mögen und sie im Auge zu behalten. Die Studiosa wandte sich nun mit schnellen Worten an den Knappen. „Den Gang entlang bis zum Ende, die Wendeltreppe hoch bis ins dritte Obergeschoss. Dort rechts und gleich wieder links – bei der Greifenstatue rechte Hand, zweite Tür. Bitte klopfen.“ Perainius nickte deutlich. „Mein Herr dankt euch. Ser, wenn ihr mögt, können wir los.“ Sieghelm belegte die Studiosa, die sich sofort nach der Beschreibung dem beschäftigten Sortieren von Pergamenten widmete, mit einem skeptischen Blick. „Dann voran, Perainius“, wieß er an und folgte seinem Knappen.

Die beiden Krieger erreichten zügig die beschriebene Tür. Perainius klopfte für seinen Herrn und stellte sich dann hinter ihm. „Momentum!“ rief eine junge männliche Stimme durch die Tür. Danach folgte für ein paar Augenblicke nur absolute Stille. Dann waren Schritte zu hören, die sich der Tür näherten. Sie wurde geöffnet, und im Türrahmen stand ein hochgewachsener junger und drahtiger Mann mit kurzen blonden Haaren in einer weißen Robe mit dunkelblauen Applikationen an den Säumen. Ein einfacher Seilgürtel schnürte die Hüfte des jungen Mannes ein, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Sieghelm hatte, nur das dieser noch deutlich in der Pubertät steckte. Die beiden Männer schauten sich für einen Moment lange an, als ob sie nach etwas suchen würden. „Sieghelm?!“ platzte es dann aus dem Magierlehrling heraus. „Voltan?“ entgegnete Sieghelm seinerseits, er war sich nicht ganz sicher. Dann begannen beide breit zu lachen, sich in die Arme zu fallen und abzuklopfen. „Sieghelm! Ha! Du hier? Was machst du hier?“ Die Stimme des Burschen war kantig und laut, mittelländisch geprägt und eine Spur arrogant. „Nun ich, rette die Welt – was soll ich sonst wohl machen?!“ Perainius, der nur knapp jünger war, als der junge Mann, den sein Herr gerade umarmte, machte einen Schritt zurück, um den beiden genug Raum zu geben. Er belegte seinen Herrn mit einem verwunderten Blick, als dieser davon sprach ‚die Welt retten zu wollen‘.

„Ich bin gerade in der Stadt und dachte mir, ich schau mal bei dir vorbei. Ich wollte mal sehen, wie es dir so geht. Du stehst also kurz vor deiner Abschlussprüfung?“ Sieghelm musterte den Candidatus von oben nach unten.  „Ja, ich bereite mich gerade auf die Prüfungen vor. Da tritt mich doch ein Ochse, wie lange haben wir uns nicht gesehen?“ „Bestimmt sechs Umläufe – du warst da gerade noch Eleve.“ Die beiden Männer tauschten noch weitere Begrüßungsrituale aus. Voltan bat die beiden dann in seine kleine Stube, die er sich mit einem anderen Candidatus teilen musste. Zu dritt, oder besser gesagt zu zweit, redeten die beiden Sprösslinge der Familie Spichbrecher noch eine Weile miteinander. Perainius lernte in dieser kurzen Zeit viel über seinen Herrn, denn sie hatten sich beide viel zu erzählen. Vor allem aber, dass sie beide typische Darpaten waren. Laut und geradlinig, ehrlich, ein wenig verbohrt, aber dennoch ehrenvoll. Voltan erzählte von einer Lehrzeit an der Akademie Schwert & Stab zu Gareth, von seiner bevorstehenden Abschlussprüfung, aber auch von der Stimmung an der Akademie bezüglich der drohenden Gefahr aus der Warunkei. Der gerade einmal achtzehn Sommer zählende Bursche hatte durch seine intensiven Studien nichts von Sieghelms jüngster Entwicklung mitbekommen und war nicht nur überrascht, sondern auch hochinteressiert.

Brief nach Hause

Ahlan aram,

ich hoffe bei Travia, euch geht es gut. Es vergeht kein Tag an dem ich nicht an euch denke. Meine Sehnsucht verzehrt mich zu jeder Stunde.

Ich schreibe euch diese Zeilen aus Gareth nach dem großen Turnier. Wir als Schutzorden der Schöpfung nahmen gemeinsam daran teil.

Es war außergewöhnlich! Ich gewann im Finale der leichten Waffen gegen Jane, die sich in den Vorrunden sehr gut geschlagen hatte. Sogar einen höfischen Firunsanhänger konnte ich bezwingen. Am Abend tauschten wir uns noch über unsere Vorstellungen im Dienste Firuns aus. Zu meiner Enttäuschung legte er Firuns Gebote sehr sanft aus. Stets durch die Wildnis zu pilgern war ihm fremd. Doch ein Traum von einer letzten großen Reise schwelt noch unerfüllt in ihm. Es tat gut mal mit jemanden mit gleicher Gesinnung zu sprechen. Vielleicht führt uns unser Weg noch gen Firun. Das hoffe ich. Vielleicht sehen wir in den Gebirgen des Nordens sogar Zeitenflug wieder. Seine Feder trage ich stets bei mir.

Bei den Wurfwaffen fehlte mir nur ein einziger Treffer zum Sieg. Ich konnte überraschend gut mithalten, obgleich ich bereitgestellte Wurfspeere nutzen musste, so rasch war die Wurffolge.

Beim Wagenrennen unterstützte ich Jane zusammen mit Sieghelms Knappen Perainius und konnte ihr mit einem entscheidenden Speerwurf in die Speichen des Gegners zum Sieg verhelfen. Ihr hättet seine Verblüffung sehen sollen, als mein Speer sein Rad komplett zerlegte und er mit hängender Achse ins Ziel trieb.

Im Buhurt trat der Schutzorden der Schöpfung gemeinsam gegen alle anderen an. Der Hochkönig der Zwerge Albrax hat das so herbeigeführt. Offenbar schlugen sich alle Teilnehmer aus dem Orden so hervorragend, dass unser Sieg wohl als zu sicher galt. Groß hervor getan habe ich mich dabei nicht. Wir bildeten eine standfeste Gruppe Seit an Seit stehender Kämpfer, an der sich unsere Gegner mit ihren kurzen Waffen die Zähne ausbissen. Bothor und Sieghelm warfen an den Flanken die Gegner reihenweise aus dem Kampf, indem sie ihnen die Wimpel auf den Helmen wegschlugen.

Gesamtsieger wurde natürlich der Auserwählte der Leuin nachdem er sowohl den Gang der schweren Waffen als auch die Tjost gewann. Meine Gefährten haben reichlich für den Orden gegeworben und wir konnten Land und Leute für unsere Sache gewinnen. Nehazet hat, obwohl er nicht an den Kämpfen teilnahm, am meisten gewonnen. Phex war ihm so hold, wie uns Rondra.

Ich erhielt einen großen Gewinn vom Kaiserhaus. Mit diesem Brief erreicht euch ein Großteil dessen:

  • 200 Dukaten
  • das Langschwert Larelein

Bitte bewahrt Larelein gut für mich auf. Es möge Zeugnis meines Sieges sein. Vielleicht wird es eines Tages von unseren Kindern getragen, wenn ihnen der Khunchomer nicht zusagt. Rondra möge sie davor behüten!

Mein gewonnenes leichtes Streitross aus dem kaiserlichen Gestüt werde ich Mhanach nennen und Aventurien künftig zu Pferde beschützen. Er ist ein schöner Warunker mit schwarz weißen Fell. Seine Haarfärbung gleicht der meinen und so habe ich ihn gleich erprobt und war sofort angetan von seiner Kraft und seiner Wendigkeit. Er wird ein teurer Gefährte werden. Ich habe Jane gebeten eine Zeichnung seiner stolzen Majestät anzufertigen. Ich lege sie diesem Brief bei.

Auf dem Weg nach Gareth konnten wir den Auserwählten des Schweigsamen als Großmeister gewinnen. Ich sehne den Tag herbei, da ich ihn euch vorstellen kann. Er ist ein guter Mann und er steht treu zu uns.

Doch der Morgen bringt hier dunkle Wolken. Bitte gebt auf euch Acht.

Dare azîz

Eure reisende Azina

5. Peraine 1027 n. BF

___________________________

Azinas Briefe

Die Auswahl eines neuen Gefährten

„Ich habe dich nicht nur mitgenommen, weil du ein Grünbacher bist“, sprach Sieghelm und klopfte seinem Knappen auf die Schulter, während er das Gatter zum Langstall passierte. Worauf der Ordensgroßmeister anspielte war das Gestüt, welches die Familie des Knappen seit vierzig Götterläufen führten. Perainius bekam kurz große Augen, konnte sich ein Prusten jedoch verkneifen. Wenn er sich selbst hätte einschätzen müssen, würde er sagen, dass er von Pferden kaum bis gar keine Ahnung hatte. Er hatte sich nie sonderlich für das Gestüt seiner Familie interessiert. Die Pflanzen, die am Rand einer Stallung oder aus dem Dung eins Pferdes wachsen konnten, faszinierten ihn da schon mehr.

„Deine Familie führt doch seit langer Zeit das einzige gräfliche Gestüt östlich des Ochsenwassers. So ein schlauer Junge wie du wird da doch bestimmt das ein oder andere aufgeschnappt haben.“ Wieder klopfte Sieghelm seinen Knappen ermutigend auf die Schulter. Perainius nahm seinen Mut zusammen und setzte zu einer Erklärung an. Da hörten beide das helle Bellen des Leutnants. „Pagol! Lass das – das Pferd will jetzt nicht spielen.“ Ermahnte der Ordensgroßmeister seinen Jagdhund. Dieser schaute jedoch nur missmutig zu seinem Herrchen und ließ dann widerwillig von dem Lattenzaun ab, wo er eben gerade noch seine schmale Schnauze durch einen Schlitz gesteckt hatte, um den dahinter liegenden Warunker Fliegenschimmel anzubellen. „Wisst ihr, Ser Sieghelm … ich bin …“ setzt Prainius erneut vollen Mutes an. „Ach stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Junge! Du bist klug – und vielleicht wird aus dir noch ein passabler Krieger. Erinnere dich nur daran, wie es dir gelungen ist, zwei Hiebe des Oberst Alrik vom Blautann und vom Berg abzuwehren! Das kann wahrlich nicht jeder Knappe von sich behaupten.“ Perainius wusste nicht ganz welchem Gott er dafür dankten sollte, dass er die Schläge in der Buhurt abgewehrt hatte und wie ihn das – beim Namenlosen – dazu qualifizierte, die Qualität von Zuchtpferden einzuschätzen, aber ein bisschen stolz war er schon darauf. Allerdings packte ihn nun auch die Angst, seinem Herrn keinen guten Ratschlag geben zu können. „Ja, mein Herr.“ Hauchte der Junge resignierend. Er versuchte sich an ein paar der Fachbegriffe zu erinnern, die er gelernt hatte. Womöglich würde dies genügend Eindruck bei seinem Herrn schinden und es dadurch nicht auffallen, dass er eigentlich keine Ahnung von Pferden hatte.

Eine schlanke Zureiterin mit hohen Lederstiefeln, kurz geschorenem Haar und einem nicht zu übersehenden Damenbart trat den beiden Kämpfern entgegen. „Rahja und Rondra zum Gruße, euer Exzellenz – die Rittmeisterin hat mir bereits gesagt, dass ihr kommt.“ Die Stimme der Frau war krächzig, wie von zu viel Met und Rauchraut. „Ihr müßt Ricarda sein, Hauptfrau Walda von Warunk hat uns zu euch geschickt. Rahjas Segen mit euch.“ Als er die Begrüßungsfloskel aussprach bemerkte Sieghelm, dass sie einen Unterton besaß, den er nicht beabsichtigt hatte. Es klang eher wie eine ernst gemeinte Empfehlung nach einer Verschönerung. Doch glücklicherweise bemerkte die Zureiterin der Unterton nicht, oder sie ihn überspielte ihn gut.

Sieghelm ließ sich von Ricarda durch den Langstall führen. Der Großteil der Pferde waren Trallopper Riesen, aber ein paar einige Warunker und Norburger Riesen waren auch dabei. Ricards erzählte bei den Pferden welch edler Herkunft sie waren, welche Charaktereigenschaften sie besaßen und für was sie sich besonders gut eigneten. Leutnant Pagol strich dabei von Zelle zu Zelle und schnüffelte hier und dort an den Rückständen plattgetretener Pferdeäpfel. Perainius garnierte gelegentlich die Schilderungen der Zureiterin mit ein paar Fachwörtern die ihm einfielen, hielt sich mit direkter Empfehlungen jedoch zurück.

Nach fast zwei Dritteln des Stalls, und etwa vierzig Pferden, machten die drei kurz halt. Sieghelm hatte eine Frage: „Ihr habt zahlreiche prächtige Pferde. Die Geschichten, die ihr zu ihnen zu erzählen vermögt, sind wahrlich beeindruckend“, begann er lobend vorweg zu schieben. Ricarda baute sich auf, sie wusste, dass auf diese Worte nur ein ‚aber‘ folgen konnte. „Aber … wie kann ich wissen, ob das Pferd auch zu mir passt, wenn ich nicht einmal draufgesessen habe.“ Ricarda atmete tief ein. „Das ist so, euer Exzellenz, wenn ihr möchtet, kann ich euch ein paar der Pferde mit einem meiner Leute für einen Ausritt mitgeben. Ihr könnte sie dann nacheinander einreiten und sehen, ob sie zu euch passen. Wir haben im kaiserlichen Forst einen eigenen Reitparcour, den ihr entlangreiten könnt – er ist ausgestattet mit …“ Die Schilderungen der Zureiterin wurden von einem hellen Bellen unterbrochen. Sieghelm, Perainius und die Frau suchten den Boden nach Pagol ab, doch sie konnten ihn nirgends sehen. „Wo … ist euer Hund …“ fragte sie besorgt. „Ich möchte dieses Pferd dort“, sprach Sieghelm mit fester Stimme plötzlich, der mit einem Grinsen auf den Lippen auf eines der Pferde zeigte. Die Zureiterin blickte an Sieghelms Arm und Zeigefinger entlang zu einer der Zellen. Ein schwarzbrauner Rappe befand sich darin und auf seinem, einen Schritt und achtzig Finger hohen, Rücken saß mit heraushängender Zunge in stolzer Pose Leutnant Pagol. Der Hengst war ganz ruhig und gelassen, als wäre es ganz normal, dass ein gerade einmal Handbreit großer Jagdhund auf seinem mächtigen und breiten Rücken saß.

„Wie … ist er dort heraufgekommen?“ Entfuhr es der Damenbartträgerin perplex. „Der Leutnant ist ein guter Kletterer.  Ach und darüber hinaus ein noch viel besserer Tier- und Menschenkenner.“

So viel zu tun

Mit eiligen Schritten eilte Jane den markt entgegen. So viel zu tun in so kurzer Zeit. Beim besten Schneider der zu finden war kehrte sie ein. „Hesinde zum gruße guter man ich habe leider einen eiligen Auftrag. Ich benötige zwei tuniken angemessen für die Therme gehalten in den Farben dieses Wappenrocks bis in zwei stunden. Eine für mich selbst und eine weiter für eine Begleiterin von mir deren maße ich hier niedergeschrieben habe.  Oh … und auch noch drei männliche entsprechende .. bekleidungstücke .. die Maße der drei Herren stehen hier ebenfalls drauf. Diese sind aber nur geschätzt last sie also ruhig etwas weiter ausfallen mit einem sanften Stoffgürtel wird das schon passen.“ Ein kleiner recht schwerer Beutel landete auf dem Tisch  “ Das hier sollte ausreichen für die Mühen … schickt es bitte zu dem Zelt des Ordensgroßmeisters vom Orden zum Schutze der Schöpfung auf dem Turnierplatz so schnell ihr könnt. Des weiteren benötige ich ein Kleid für den Ball, hmm meine Begleitern vermutlich auch aber ich werde das noch persöhnlich mit ihr abklähren. Das Kleid muss aber erst zum Ball fertig sein halt also etwas Zeit“

Während der verdutze schneider sich anschickte die Maße zu nehmen dachte Jane über die nächsten schritte nach. „Ich muss heute abend noch den wagen überprüfen.  … Azina finden und erfragen ob sie morgen intresse hat Teil zu nehmen ich hätte sie schon längst fragen müssen aber soviel ablenkungen. … hmm vielleicht sollte ich auch eine Tunika für Thornia anfertigten .. ich wette sie sieht umwerfend darin aus. Ob sie wohl eifersüchtige auf Sieghelm wird wenn sie erfährt wie entblöst er mich gesehen hat?“ Ein leichtes schmunzeln lief über ihre lippen. „Die Pferde sind schon besorgt ich sollte sie trotzdem noch durschcheken ob sie krank sind.“ … sie Blinzelte und lauschte nocheinmal auf die Frage von dem Schneider . „Ja ich denke das dunkle grün würde passend sein für das Kleid aber das Ordenswappen muss mit eingearbeitet sein, vielleicht auf dem Oberarm?“ „Welches Kleid sollte ich wohl morgen tragen … Ich muss unbedingt noch einen Brief an Thornia schreiben. …  Ob sie mich vermist?“ ….

 

Schwarz wie die Nacht

Auf dem Tunierplatz konnte er noch die Fassung wahren, doch je weiter er sich von ihm entfernte, desto erschrockener wichen die Leute ihm aus. Sein grimmiger, wutgefüllter Blick vermied es, das sich jemand gemüßigt fühlte ihn anzusprechen. Als er in seinem Zelt ankam, warf Bothor wütend sein Pailos fort und legte fluchend seine Rüstung ab. Wie konnte es sein, dass ihn seine Mutter Rondra so sehr im Stich ließ? Seit 27 Götterläufen dient er ihr nun schon und das war ihr Dank dafür!? Ihn zu blamieren!? Dies war kein ehrenhafter Zweikampf, den er gegen ihren Auserwählten verloren hat – Bothor war schon vor dem Kampf klar gewesen, dass es schwer werden würde gegen Sieghelm. Er ist ein würdiger Auserwählter der Leuin und ein sehr guter Kämpfer. Aber die Hauptfrau der Nordmärker Garde? Der Marschall Garethiens? Der Graf zu Yaquirtal? Die Königin des vermaledaiten Mittelreiches! Sie alle waren schlussendlich chancenlos gegen ihn gewesen. Aber gegen Sieghelm? Er fühlte sich schlechter, als nach seinem ersten Amphorenkampf während der Ausbildung, als er nach dem ersten Treffer das Gleichgewicht verlor und sich nicht länger auf den Amphoren halten konnte. In den 20 Jahren danach ist ihm nie wieder so etwas peinliches widerfahren – bis heute.

Inzwischen hat sich Bothor seiner Rüstung entledigt und kleidet sich in den wenigen schwarzen Stoff, den er besitzt, inklusive dem Wappenrock des Ordens. Die Kapuze tief in das Gesicht gezogen verlässt er Zelt und die alte Residenz. Als nächtlicher Schatten am Tage läuft er durch die Straßen Gareths, bis er den Tempel der Herrin Rondra erreicht. Regungslos steht er in der Pforte. Er möchte laut in den Tempel brüllen, doch nur in seinem Kopf klagt er sie an. Wenn du nicht mehr meine Herrin Mutter sein möchtest, bin ich nicht mehr dein Sohn! Er reißt sich eine Kette vom Hals, lässt sie aus der Hand gleiten und wendet sich vom Tempel ab. Wie von selbst führen ihn seine Schritte durch die Stadt, seine Gedanken sind dunkel und leer wie die Schwärze der Nacht. Als er das nächste Mal wieder klar seine Umgebung wahrnimmt steht er vor dem Altar des Tempels des Schwarzen Lichts. „Ihr da!“, blafft er etwas zu laut einen der Geweihten an. „Schickt den Hüter des Raben zu mir!“, befiehlt er deutlich flüsternder aber immernoch bestimmt. Dann wendet er sich dem Altar zu und spricht still zu ihm. Boron, Herr des Todes, Wächter über den Schlaf. Lass mich dein Diener sein, für den du mich erwählt hast, führe mich durch die Dunkelheit der Ewigkeit meines Seins, erweitere meinen Geist durch die Weisheit deiner Rabenschwingen. Ich, Bothor, bin dein Auserwählter, bis in deine Hallen!

Eine denkwürdige Begegnung

Der Bergkönig hatte gerade das Zelt verlassen und einen verstörten Gewinner des Turniers für Schwere Waffen zurückgelassen, als Schützer Rarik, der kauzige Krieger aus dem Hause Prutz, von seinem Posten vor dem Zelt hinein kam. Sieghelm hatte die Botschaft, dass das Bankett in die Thermen verlegt wurde, noch nicht ganz verdaut, da wurde er von seinem ergebenen Soldaten angesprochen: „Mein Herr, dort ist jemand vor dem Zelt, der euch sprechen möchte.“ Sieghelm stutzte und sah Rarik fragend an. „Hat er oder sie es nicht für nötig gehalten, sich vorzustellen?“ wollte er in einem fast schon belehrenden Tonfall wissen. „Nein mein Herr – er sagte nur, er möchte zu …“ Rarik unterbrach sich und schluckte, denn was er jetzt aussprechen musste, fiel ihm schwer über die Lippen zu bringen. „ … verzeiht mir Sir, aber dies sind nicht meine Worte, sondern die des Herrn draußen vor dem Zelt“, entschuldigte sich Rarik, der sichtlich beschämt war und herumdruckste es auszusprechen. Sieghelm senkte die Brauen, schüttelte die Verwirrung ab und streckte die Brust heraus. So hatte er seinen Schützer noch nie erlebt. „Sprich Rarik …“ sagte er dann im ruhigen aber befehlenden Tonfall. „Der Herr sagte …“ setzte der bärtige Schützer mit dünnerer Stimme erneut an, „ … er möchte zu Sieghelm Ochsenschwanz“. Sieghelm durchfuhr ein zuckender Schmerz im unteren Rücken. Ein Schmerz, den er schon lange nicht mehr gespürt und längst vergessen hatte. Unwillkürlich schob er beide Beine etwas breiter auseinander und verlagerte sein Gesicht gleichmäßig darauf. Sein Gesicht zeigte für einen kurzem Moment Entsetzen, gefolgt von einem noch kürzeren Moment der Freude, nur um dann in Ausdruck der freudigen Überraschung zu verharren. „Lass ihn ein, Rarik“, intonierte er. Rarik brauchte einen Moment um die Aussage seines Herrn zu verarbeiten. „Jawohl, Sir.“ Rarik deutete eine knappe Verneigung an und ging rückwärts aus dem Zelt heraus.

Nachdem der Schützer das Zelt verlassen hatte, blickte sich Sieghelm wie ein Kind, dass kurz bevor die Eltern ins Zimmer kamen noch zügig das letzte unaufgeräumte Spielzeug unter das Bett schieben musste, hektisch im eigenen Lagerzelt um. Er unterdrückte das Verlangen, den hastig hingeworfenen Wappenrock auf der Bank zusammenlegen zu wollen, und konzentrierte sich auf seine Haltung. Er war jetzt Ordensgroßmeister vom Orden zum Schutze der Schöpfung, es gab keinen Grund für ihn sich wie dereinst zu verhalten. Er musste sich wahrlich nicht verstecken. Er rief sich in Erinnerung, dass er gerade das Turnier der Schweren Waffen gewonnen hatte – nicht irgendein Turnier – sondern das alljährliche stattfindende Turnier in Gareth. Jeder, wirklich jeder Krieger, der was auf sich hält, träumte davon. Jeder Krieger war schon mindestens einmal dabei und hatte die ganzen Kämpfer bewundert, wie sie mit all den Waffen umgingen und sich gegenseitig im rondragefälligen Zweikampf miteinander duellierten. Und nicht nur das, Sieghelm hatte auch die Tjost, den Lanzenganz zu Pferd, gewonnen und er führte nun in der Gesamtwertung. Im Moment war er der größte und umjubelteste Krieger des ganzen Mittelreichs, zudem stand noch der Ritterschlag zum Reichsritter aus – eine der höchsten Ehren, die man als Absolvent einer mittelländischen Kriegerakademie bekommen konnte. Der Ritterschlag würde von der Regentin höchstpersönlich durchgeführt werden. Sieghelm hatte jeden Grund dazu stolz auf sich zu sein – und dann betrat ER das Zelt.

In das schwarze Zelt des Ordens kam ein gealterter, sehniger Krieger in einem schwarzroten Wappenrock. Ein grauer Haarkranz umspielte sein bares Haupt, welches von zahlreichen Narben übersäht war. Die ebenfalls grauen Brauen waren buschig und die Falten in seinem Gesicht waren in den letzten Götterläufen zu tiefen Furchen geworden. Auf seinem Wappenrock war die rotbrennende Lilie der Kriegerakademie der Feuerlilien zu Rommilys zu sehen. Ein Anderhalbhänder, dessen halbrunder Knauf und die schlichte Parierstange Sieghelm nur noch allzu schmerzlich in Erinnerung geblieben sind, hing fest auf seinem Rücken.

„In Feuer geboren, eure Exzellenz.“ sprach der Mann in einem tiefen Tonfall, welcher über die Jahre noch tiefer geworden war. In seiner Stimme war keine Spur von Bitterkeit oder Missgunst zu hören, was er sagte, meinte er ernst.

„In Feuer gehärtet.“ antwortete Sieghelm mit so fester Stimme wie es ihm möglich war, denn diese Begrüßungsfloskel war ihm noch gut in Erinnerung geblieben. „Es ist mir eine Ehre, euch nach so langer Zeit wiederzusehen, Meister Perainor.“ Der alte Mann war kein geringerer als Sieghelms alter Schwertmeister Perainor G. von Bregelsaum, Ausbilder für den Waffengang mit dem Anderthalbhänder an der Feuerlilienakademie. Perainors Blick wanderte innerhalb einer Sekunde durch den gesamten Zeltinnenraum. Sieghelm fühlte sich in seine alte Stube an der Akademie zurückversetzt. Damals wie heute gehörte es zum Teil der Ausbildung, dass die Schwertmeister auch für den ritterlich-traviagefälligen Umgang mit der eigenen Stube und der eigener Ausrüstung der angehenden Krieger zuständig waren. Sieghelm schossen sofort mehrere Makel durch den Kopf: Der Wappenrock liegt nicht ordentlich zusammen, der unsortierte Waffenständer, die Beinschienen sind nicht poliert, auf den Stiefeln ist Schmutz, die Schwertscheide hängt nicht … „Ich bin hier, um euch zu eurem Sieg zu gratulieren.“ Sieghelms Gedankenstrang wurde jäh unterbrochen. Der Schwertmeister trat einen Schritt auf Sieghelm zu und reichte ihm die rechte Hand und dessen Unterarm zum Rittergruß. In den ganzen vier Götterläufen, die er an der Akademie war, hatte er niemals den Rittergruß vom Schwertmeister angeboten bekommen.  Er blickte auf die ledernen Handschuhe des grau gewordenen Schwertmeisters – es waren immer noch dieselben wie damals – fein gegerbtes und zweimal gehärtetes Ziegenbauchleder. Wenn man damit einen Schlag mit dem Handrücken bekam, hatte man noch Tage danach die Nähte und Nieten als Abdruck im Gesicht. Sieghelm musste seinem Arm befehlen nach dem Unterarm des Schwertmeisters zu greifen, irgendetwas in ihm widersetze sich. Die Pranken der beiden Krieger umschlossen sich und ein lauter Knall durchdrang das Zelt als gegerbtes Leder aufeinander prallte. „Ich …“ hörte sich Sieghelm sagen „ … danke euch, Meister.“ Berauscht von dem Moment, war Sieghelm nicht Herr seiner Gedanken. Vor ihm stand sein alter Schwertmeister, härtester Ausbilder und größter Feind.

„Spart euch das ‚Meister‘ – die Ausbildung ist seit fünf Götterläufen beendet. Ich habe eure Kämpfe beobachtet – ihr schlackert auf euren Beinen noch immer wie ein Ochsenschwanz umher. Ich habe in den vier Jahren die ihr Schüler an der Akademie wart, vergeblich versucht euch das auszutreiben.“ Ein kurzes und süffisantes Lächeln umspielt die Lippen des Schwertmeisters. Erneut korrigiert Sieghelm seine Beinhaltung und versucht damit vergeblich der  ‚Ochsenschwanzhaltung‘ entgegenzuwirken. „ … doch offensichtlich …“ Setzt Perainor fort „ … begründet ihr damit euren ganz eigenen und offensichtlich erfolgreichen Kampfstil.“

Draußen vor dem Zelt musste sich Schützer Prutz ein lautes Lachen verkneifen, als er das Gespräche im Inneren des Zeltes verfolgte. Unter keinen, absolut gar keinen Umständen dürfe jemals jemand davon erfahren. Niemand dürfe es jemals hören, denn dann würde Sieghelms Kampfstil als die „Ochsenschwanzhaltung“ in die Geschichte eingehen. Dann kam plötzlich Knappe Perainius von einem Botengang zurück. „Hey Perainius!“ rief Rarik im Flüsterton und grinste dabei verschwörerisch. „Hör mal, ich muss dir etwas erzählen.“

Die Gedanken treiben

Angelegentlich stochert Azina mit einem Stock im Lagerfeuer herum und starrt in die Flammen, als sähe sie ein Bildnis von großer Schönheit. Elfenbein sitzt hinter ihr und wärmt ihr den Rücken, während es sich ausnahmsweise mal Adaque auf ihrem Schoß gemütlich gemacht hat. Versonnen streichelt sie ihm über die Federn.

Schade. Nach den ganzen packenden Vorkämpfen habe ich im Finale der schweren Waffen einen spannenderen Kampf erwartet. Insgeheim habe ich natürlich auf Bothor gehofft. Hätte er gewonnen, hätte ich mit einem Sieg in dem Buhurt auf den Gesamtturniersieg hoffen können. Aber Rondra war dem guten Bothor wohl nicht hold. Oder sie war heute eher Sieghelm zugeneigt. Es hat ja auch mehr Symbolkraft, wenn natürlich der Ordensmeister der Leuin den Zweikampf gewinnt, statt der des Ewigen.

Und um Symbolkraft im Dienste der Sache des Ordens geht es uns ja bei diesem Turnier. Sieghelm und Nehazet sind auch eifrig dabei, Kämpfer und Ländereien zu gewinnen. Da gilt es unsere persönlichen Gefühle hinten an zu stellen. Dennoch werde ich versuchen den Buhurt zu gewinnen. Und wenn ich am Ende Sieghelm selbst überwinden muss. Hm. Ich glaube, wir haben noch nie miteinander gefochten. Nicht einmal im Training. Zumindest ist dies wenn dann einige Götterläufe her.

Aber. Bisher ging alles viel zu glatt. Die einzelnen Turnierkämpfe werden abgehalten. Sieger werden gekürt. Auffällig ist, dass der Orden sehr gut abschneidet. Was ja gut für uns ist. Aber es wirft für mich die Frage auf: Geht es mit rechten Dingen zu? Ist das nicht alles zu leicht? Oder sind wir einfach nur gut. Wobei natürlich auffällt, dass hier fast ausschließlich Adelige antreten, `die neben dem Kämpfen noch andere Aufgaben haben.´

Auf jeden Fall funktioniert die Organisation des Turniers zu gut. Es gibt keine Störungen, keine Auffälligkeiten. Ich suche schon die ganze Zeit nach pervertiertem Einfluss. Aber Nehazet hat wohl den einzigen Dämon vor Ort gebannt. Von den winzigen fliegenden Spionen mal abgesehen. Sonst nichts! Wo sich angeblich hinter den Kulissen weittragende Dinge abspielen und wir armseligen einfachen Menschen nichts davon wissen dürfen.

Nun ja, ich vermute, unsere Rolle werden wir wohl noch spielen. Wenn dieses Turnier vorbei ist, werden wir versuchen weitere Unterstützer zu finden und uns auf den Weg gen Rahja machen, um die schwarze Gefahr aufzuhalten und vor allem Hochstieg zu schützen. Wenn nicht wieder etwas dazwischenkommt.

___________________________

Azinas Gedanken