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Verwandtschaft

„Sollten wir nicht Herrn Nehazet hinzuziehen?“ In Perainius Stimme schwang mehr Kritik mit, als es ihm lieb war. Er verlagerte nervös sein Gewicht ständig von einem auf das andere Bein. Der Ordensgroßmeister belegte seinen Knappen nur mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ich kann das auch alleine machen‘. „Er wäre bestimmt daran interessiert, dass ihr …“ „Ruhe jetzt!“ herrschte Sieghelm den Jungen an. Er wollte jetzt nicht darüber diskutieren. Eine schlanke Studiosa in einfacher weißer Robe schlurfte gelangweilt von einem Nebenzimmer an das Schreibpult heran, welches die beiden Krieger von ihr trennte. Mit aller Inbrunst, die eine junge Magiegelehrte zeigen konnte, die als Empfangsdame tätig sein musste, begrüßte Sie die beiden offensichtlich magisch unkundigen Männer: „Tach.“ „Seid gegrüßt, gelehrte Dame“, begrüßte Sieghelm die Magiekundige und hielt sich dabei seine Panzerfaust vor die Brust, um eine leichte Verneigung anzudeuten. Die Studiosa schnaufte verächtlich. „Zu viel der Ehre, eure Majestät“, ätzte sie. Sieghelm stockte. Perainius nutzte die Stille der diplomatischen Spitzen und ergriff das Wort: „Was mein Herr sagen möchte ist, dass ihr sehr wohl eine gelehrte Dame seid, weshalb ihr euch diese Anrede mit Sicherheit auch verdient habt, auch wenn ihr den Titel einer Adepta noch nicht tragt.“ Mit einem wachen Blitzen in den Augen, schenkte die schlanke Studiosa dem jungen Knappen einen anerkennenden Blick. Anscheinend hatte sie nicht damit gerechnet, dass während ihrer jeglicher geistiger Herausforderung entbehrenden Zeit als Empfangsdame, es zu einem lichten Moment kommen würde. „Ihr ehrt mich, eure Exzellenz. Was kann ich für euch tun?“, schob sie dann an den Ordensgroßmeister gewandt hinterher, während sie in Richtung des Knappen anerkennend nickte. Sieghelm, der nicht so ganz hinterher kam und noch dabei war sich innerlich zu überlegen, ob er die Frau für ihre fälschliche Anrede schelten oder freundlich rügen sollte, beschloss das eben Geschehene zu übergehen und auf die neue Anfrage zu reagieren. „Ich möchte zu Candidatus Voltan.“ „Candidatus Voltan ist äußerst beschäftigt“, schoss sie zackig abweisend heraus. “ … er steckt mitten in seiner Vorbereitung für die Abschlussprüfung.“ Sie machte eine kurze Pause, in der sich ihr Ton von gelangweilt abweisend zu überspielt ehrlich gelangweilt änderte. „Doch mit Sicherheit ist er bereit für eine wichtige Persönlichkeit eures Standes eine Ausnahme zu machen und euch zu empfangen.“ „Das … freut mich“, sprudelte es aus Sieghelm heraus, der sich erneut unsicher war, wie er auf die widersprüchlichen und zugleich schmeichelnden Aussagen der Frau reagieren sollte. Er entschied sich dafür, die Frau nicht zu mögen und sie im Auge zu behalten. Die Studiosa wandte sich nun mit schnellen Worten an den Knappen. „Den Gang entlang bis zum Ende, die Wendeltreppe hoch bis ins dritte Obergeschoss. Dort rechts und gleich wieder links – bei der Greifenstatue rechte Hand, zweite Tür. Bitte klopfen.“ Perainius nickte deutlich. „Mein Herr dankt euch. Ser, wenn ihr mögt, können wir los.“ Sieghelm belegte die Studiosa, die sich sofort nach der Beschreibung dem beschäftigten Sortieren von Pergamenten widmete, mit einem skeptischen Blick. „Dann voran, Perainius“, wieß er an und folgte seinem Knappen.

Die beiden Krieger erreichten zügig die beschriebene Tür. Perainius klopfte für seinen Herrn und stellte sich dann hinter ihm. „Momentum!“ rief eine junge männliche Stimme durch die Tür. Danach folgte für ein paar Augenblicke nur absolute Stille. Dann waren Schritte zu hören, die sich der Tür näherten. Sie wurde geöffnet, und im Türrahmen stand ein hochgewachsener junger und drahtiger Mann mit kurzen blonden Haaren in einer weißen Robe mit dunkelblauen Applikationen an den Säumen. Ein einfacher Seilgürtel schnürte die Hüfte des jungen Mannes ein, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Sieghelm hatte, nur das dieser noch deutlich in der Pubertät steckte. Die beiden Männer schauten sich für einen Moment lange an, als ob sie nach etwas suchen würden. „Sieghelm?!“ platzte es dann aus dem Magierlehrling heraus. „Voltan?“ entgegnete Sieghelm seinerseits, er war sich nicht ganz sicher. Dann begannen beide breit zu lachen, sich in die Arme zu fallen und abzuklopfen. „Sieghelm! Ha! Du hier? Was machst du hier?“ Die Stimme des Burschen war kantig und laut, mittelländisch geprägt und eine Spur arrogant. „Nun ich, rette die Welt – was soll ich sonst wohl machen?!“ Perainius, der nur knapp jünger war, als der junge Mann, den sein Herr gerade umarmte, machte einen Schritt zurück, um den beiden genug Raum zu geben. Er belegte seinen Herrn mit einem verwunderten Blick, als dieser davon sprach ‚die Welt retten zu wollen‘.

„Ich bin gerade in der Stadt und dachte mir, ich schau mal bei dir vorbei. Ich wollte mal sehen, wie es dir so geht. Du stehst also kurz vor deiner Abschlussprüfung?“ Sieghelm musterte den Candidatus von oben nach unten.  „Ja, ich bereite mich gerade auf die Prüfungen vor. Da tritt mich doch ein Ochse, wie lange haben wir uns nicht gesehen?“ „Bestimmt sechs Umläufe – du warst da gerade noch Eleve.“ Die beiden Männer tauschten noch weitere Begrüßungsrituale aus. Voltan bat die beiden dann in seine kleine Stube, die er sich mit einem anderen Candidatus teilen musste. Zu dritt, oder besser gesagt zu zweit, redeten die beiden Sprösslinge der Familie Spichbrecher noch eine Weile miteinander. Perainius lernte in dieser kurzen Zeit viel über seinen Herrn, denn sie hatten sich beide viel zu erzählen. Vor allem aber, dass sie beide typische Darpaten waren. Laut und geradlinig, ehrlich, ein wenig verbohrt, aber dennoch ehrenvoll. Voltan erzählte von einer Lehrzeit an der Akademie Schwert & Stab zu Gareth, von seiner bevorstehenden Abschlussprüfung, aber auch von der Stimmung an der Akademie bezüglich der drohenden Gefahr aus der Warunkei. Der gerade einmal achtzehn Sommer zählende Bursche hatte durch seine intensiven Studien nichts von Sieghelms jüngster Entwicklung mitbekommen und war nicht nur überrascht, sondern auch hochinteressiert.

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