Bibliothek
Jedes Mal, wenn Halrik eine Seite des Folianten umblätterte, hoffte er, dass es ihm nicht erneut schmerzte. Die Seiten flogen so schnell, dass er ab und an das schreckliche Geräusch vernahm, welches jeder, der Bücher liebte, bis ins Mark erschüttern ließ. Durch unachtsames oder zu zügiges Umblättern entstand immer wieder das reißende Geräusch. Doch in Anbetracht ihrer Situation war es notwendig. Es ist nur eine Abschrift, es ist nur eine Abschrift – dachte sich Halrik jedes Mal wie ein Mantra, das man sich aufsagte, um sich selbst zu beruhigen und zwar jedes Mal, wenn er das Geräusch von reißendem Papier vernahm. Der Foliant trug den Namen „Jenseits der Sphären“ und hatte keinen bekannten Autor. Es war kein aus einer Feder stammendes Buch oder eine Sammlung verschiedener Abhandlungen – es war vielmehr eine unsortierte und wie zufällig zusammengeschobene Ansammlung von Tagebucheinträgen, Beobachtungen und kurzen Essays. Es gab weder ein hilfreiches Inhaltsverzeichnis, noch ein Glossar oder Stichwortverzeichnis – es waren nur sehr viele Seiten kruder Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick nicht immer etwas miteinander zu tun hatten. Auch auf dem zweiten Blick ergab nicht jeder Teil einen Sinn. Ein Grundverständnis vom Vortex musste schon vorhanden sein, um auch nur einen Ansatz verstehen zu können, worum es in dem Folianten ging. Es war auch nicht konkret vom Vortex die Rede – ganz im Gegenteil, das Wort Vortex tauchte kein einziges Mal in dem Buch auf. Häufiger war von einem „Strudel“, „dem Weltenbaum“ oder den „Verstoßenen“ die Rede. Dass Sara’kiin die Limbusverschlingerin sich hier in Aventurien befand, war auch eher eine Theorie, die Halrik hatte – einen genauen Beweis dafür hatte er nicht. In drei nicht zusammenhängenden Erzählungen des Buches waren Beschwörungsrunen und Symboliken zur Herbeirufung von sogenannten ‚Strudelbewohnern‘ beschrieben worden. In einem gab es sogar konkrete Bilder. Er hatte die Beschreibungen und die Bilder mit den Symbolen verglichen, die Ser Gneisor zusammen mit Geron von Varnyth bei der Eroberung der Festung gemacht hatten. Es gab eine Menge Übereinstimmungen und Hinweise darauf, dass das Ritual vollzogen wurde. Daraus schloss er, dass sich Saria Fuxfell, die nun unter dem Jenseitigen Namen Sara’kiin bekannt war, herbeigeholt wurde.
Die Seiten flogen genauso wie Halriks Finger über einzelne Textpassagen. Er suchte nach Stichwörtern, welche vielversprechend klangen: „Zur Entschwörung der Jenseitigen ist mir nichts bekannt.“ Der Finger flog weiter: „ … der Schleier zwischen den Welten ist löchrig, niemand vermochte …“ Seiten wurden hastig geblättert, Papier riss: „ … wir zeichneten ein neuneckiges Zauberzeichen und in jede Ecke …“ Der Finger rutschte bis ans Ende des Absatzes: „ … in die neunte Ecke das Symbol der Kraft. Was uns fehlte, war …“ Erneut suchten Halriks Finger die Ecke um die Seite umzublättern. Ein brennender Schmerz fuhr in seinen Finger. Er besah ihn sich, Blut quoll aus dem Zeigefinger hervor, denn er hatte sich am Papier geschnitten. Normalerweise hätte er jetzt – die Seiten schützend – nach einem Verband gesucht, doch dafür hatte er keine Zeit. „Hesinde verzeih mir“, murmelte er und blätterte die Seiten um, dabei beschmierte er alles was er anfasste mit seinem Blut.
Plötzlich hörte er durch die Bibliothekstür Kampfgeräuschte. Er zuckte kurz auf und blicke herüber, sie waren so laut, dass er dachte, dass die Jenseitigen schon hinter ihm standen. Doch die Tür war unversehrt – noch. Es war Ser Gneisors Stimme, die er hinter der Tür vernehmen konnte. Sie opferten dort draußen ihr Leben, um mich zu schützen. Halriks Flut an Gedanken hörte nicht auf. Er musste jetzt etwas finden und zwar sofort. Rote Linien zogen sich wild über die Seiten, als Halrik weiter nach Anhaltspunkten suchte und dabei sein Blut quer über die Abschrift verschmierte. Der Schmerz zu wissen, dass er dabei das Buch verschandelte, wich dem Schmerz, der in ihm aufkam, als ihm immer mehr bewusst wurde, dass ihm die Zeit davonrannte und alle sterben würden. Halrik blätterte erneut um und überflog die Zeilen. „ … dort ist Magie allgegenwärtig …“ eine Blutrote Linie zog sich quer über die Seite. „ … denn alles dort IST Magie – Grenzenlos“ Halrik konnte nicht anders, er wusste nicht wie das helfen sollte, trotzdem las er weiter, als wäre da eine Stimme in ihm die ihm sagte: Das ist es! Er las die Seite zu Ende, Wort für Wort, jede Zeile verschlang er und nahm sie in sich auf. Auch die nächste Seite las er durch – er verdrängte dabei die immer lauter werdenden Kampfgeräusche. Er gab sich ganz dem Inhalt des Buches hin und verlor sich darin. Zeit und Geschehen um ihn herum wurden Bedeutungslos. Plötzlich ergab alles einen Sinn, sollte es wirklich so einfach sein? Er schlang beide Arme unter den Folianten, hob ihn an und bewegte sich zur Bibliothekstür. Von draußen vernahm er immer lauter werdendes metallisches Scheppern. Er öffnete die Bibliothekstür und schritt mit dem Folianten hinaus auf den Gang.
Zu Halriks Füßen lag Ser Gneisor, seine Rüstung war verbeult und zerkratzt. Blut quoll aus mehreren Stellen an seiner Rüstung hervor. Fünf Schritt entfernt erblickte er die schwarze Abscheulichkeit, die beiden Kämpfer hatten ihr schwer zugesetzt. Zwei Arme fehlten und der schädelähnliche Teil war zersplittert, aber dennoch hatte es kein bisschen von seiner furchteinflößenden Aura und tödlichen Kampfkraft verloren. Das vertikale Maul des Wesens flatterte schwarze Klumpen verspritzend auf, als es einen gellenden Schrei ausstieß. Halrik atmete. Zwischen zusammengedrückten Lippen, zog er kühle, nach Eisen schmeckende Luft ein. Er füllte seine Lungen, bis sie ganz voll waren. Sein Blick fixierte das Vortexwesen. Es kam näher und holte mit seinem Oger ähnlichen Arm zum Schlag aus. Halrik legte den Foliant auf den linken Arm, während er die rechte, blutverschmierte, Hand hob. Die Handfläche dem Wesen entgegen streckend, wartete er noch einen Moment. Das Vortexwesen war nun nah genug, um ihn zu erreichen. Der Ogerarm holte aus und sauste ihm mit aller Kraft entgegen. Halrik sprach mit ruhiger Stimme: „Ta‘rian!“ Der Arm des Abscheulichkeit schlug mit voller Wucht ein, es schepperte und knisterte, doch Halrik blieb unversehrt. Der Arm des Wesens schlug mit der Kraft von drei Ochsen gegen Halriks Hand und prallte dort ab, als hätte es gegen eine Wand geschlagen. Die Abscheulichkeit taumelte einen Schritt von der Gegenwucht zurück, es war jedoch entschlossen, es noch einmal zu versuchen. Erneut holte es aus. Halrik änderte die Haltung seiner Hand und formte einen Trichter. Er sprach: „Croen tân!“ Noch ehe die Abscheulichkeit erneut zuschlagen konnte, leckten plötzlich dunkelrote Flammen aus der schwarzen Außenhaut des Wesens heraus. Es sah aus wie Feuer und doch war es keins. Die gesamte Oberfläche des Vortexwesens war von einem Moment auf den anderen davon überzogen – er unterbrach seinen Angriff und schrie schrill auf. Es taumelte hilflos zurück. Halrik machte einen entschlossenen Schritt auf das Wesen zu. Die Form seiner Hand änderte sich erneut. Er sprach: „Dyrnu!“ Ein dumpfes und lautes Pochen durchdrang den Flur, als die Abscheulichkeit, wie von einem rollenden Baumstamm getroffen, nach hinten geschleudert wurde und prasselnd zu Boden ging. Die dunkelroten Flammen hinterließen auf ihrem Flugweg kleine glühende Kügelchen in der Luft die binnen eines Lidschlags verglommen. Halrik ging weiter voran. Erneut sprach er: „Dyrnu!“ – doch dieses Mal etwas lauter. Das Vortexwesen hatte keine Zeit sich zu erholen, erneut wurde es wie eine Puppe, die an einem Faden gezogen wurde, durch die Luft geschleudert und bis hindurch zum Fenster gestoßen. Das Mauerwerk dort zerbrach von der Wucht, die das Wesen mit sich brachte. Fels- und Mauersteine zerstoben in alle Richtungen – doch anstatt gemäß ihrer eigentlichen physikalischen Eigenschaften herunter zu fallen, blieben sie alle in der Luft hängen und verharrten an Ort und Stelle und die brennende Abscheulichkeit mit ihnen.
Halrik ging langsam weiter und stand nun neben Ingmar. Das Gesicht des Knappen war aufgeschnitten und nicht mehr zu erkennen. Reglos lehnte er direkt neben ihm an der Mauer. Der Studiosus wandte sich ihm zu, kniete sich hin und besah sich das Gesicht des Jungen. Dann strich er mit seiner Hand über die blutverschmierten Haare des Knappen und sprach dabei „Ia‘chau“. Binnen einen Lidschlags schlossen sich die tiefen Verletzungen in seinem Gesicht, das Blut verschwand, als würde es wie von einem Schwamm aufgezogen werden und die gesunde Gesichtsfarbe kehrte zurück. Halrik erhob sich und drehte sich wieder zu der Abscheulichkeit, die noch immer außerhalb der Festung, von schwebenden Felsenteilen umgebend, schwebend verharrte und brannte.
Ingmar erwachte, er zog erstmal viel Luft in seine Lungen und öffnete die Augen. Er musste sich erst orientieren und sah sich um. Er musste einen Moment weggetreten sein, dachte er sich und suchte nach Orientierung. Da sah er seinen Herrn nur einige Schritt weiter am Boden liegen. „Ser!“ rief er besorgt und rappelte sich hastig auf. Als er ihn erreichte, erwachte auch Ser Gneisor gerade aus seiner Besinnungslosigkeit. „Ser! Was ist geschehen? Wo ist das Vortexwesen?“ sprach Ingmar hektisch und zog an Gneisors Arm um ihn aufzuhelfen. „Was bei Golgari … Ingmar?!“ Gneisor starrte seinen Knappen an, als hätte er gerade eben einen Toten gesehen und zog unwillkürlich seinen Arm zurück. Gneisor musste daran denken, dass wenn man stirbt, einem nahestehende und ebenfalls tote Personen, einem beim Übergang helfen wollen. „Nein Boron, noch nicht!“ rief Gneisor trotzig und versuchte sich selbst aufzurappeln, doch sein rechter Arm, der abstrakt vom Unterarmgelenk abstand, hinderte ihn daran. Ein pochend heißer Schmerz fuhr bis hoch in seine Schulter und sagte ihm ganz deutlich: Du bist noch nicht tot. „Ingmar … du … dir geht es gut, bei den Zwölfen!“ Gneisors überraschter Blick irritierte Ingmar. „Ihr müsst aufstehen, Ser … ich helfe euch.“ Ingmar überging die Aussage und zog erneut am heilen Arm des Marschalls. Dieses Mal ließ er sich helfen und beide Männer erhoben sich. Gneisor versuchte seine Gedanken zu ordnen, er war sich sicher, dass er Ingmar hatte sterben sehen – oder hatte er sich etwa geirrt? Sein Blick suchte sein Schwert. Er unterdrückte seinen Schmerz im rechten Arm und machte ein paar Schritt den Gang entlang, wo er seinen Anderthalbhänder liegen sah. Er bückte sich danach und griff mit der linken Hand nach dem Heft des Schwerts.
Da stand er plötzlich vor Ihnen, als wäre er aus dem nichts aufgetaucht. Studiosus Halrik, in der linken einen dicken Foliant haltend und die rechte darauf gelegt. „Halrik! Du lebst … wo ist … “ platze es aus Ser Gneisor heraus, der erst mitten im Satz realisierte, dass sich der schmale Studiosus verändert hatte. Beide Männer hielten Inne und Ser Gneisor packte den Heft des Schwerts fester.