Button

Begegnung im Schnee

Die ersten Tage waren ereignisreich. Kaum ist der Junker wieder auf seinem Gut, schon sind allerhand aufgeschobene Probleme zu lösen. Als hätten sie auf uns gewartet, versetzen sie das Land in eine Starre der Ungewissheit. Das Verschwinden der zwei Grenzgardisten aus dem Warnturm macht mir besonders sorgen. Wohin ist der zweite Gardist verschwunden? Die Türe war von innen verriegelt. Da stimmt etwas nicht. Und dann diese Spur, die unseren Weg kreuzt. Immer wieder diese Spur. Nun hat sie mich hier her geführt. Lass sehen, was das Schicksal von mir erwartet.

Azina schleicht sich gebückt, in weiße Felle gehüllt und den Runenspeer in den Händen, an ihr Ziel, ein großes zotteliges weißfelliges Wesen mit einem widderköpfigen Stab in der Hand, heran. Unmerklich knirschen ihre Stiefel im feinen Pulverschnee. Ihr trainierter Körper ist angespannt, bereit zuzuschlagen. Doch sie weiß noch nicht, was sie tun wird. Sie reagiert instinktiv. Sie ist in ihrem Element. Sie ist erfreut und doch aufgeregt, ob der mysteriösen Wesenheit. Doch niemals vergisst sie die Gefahr.

So bedrohlich das Wesen auch ist, es scheint intelligent zu sein. Und offenbar friedlich. Denn ich bin … ihm … schon einmal begegnet. Es muss Schicksal sein, dass wir uns erneut über den Weg laufen. Es wäre nicht recht, ihn nur aufgrund seiner Andersartigkeit zu töten. Ich begnüge mich zunächst damit, ihn zu beobachten, vielleicht offenbart er ja sein Ansinnen. Es muss einen Grund geben, warum er hier so offen und allein durch die Wälder streift. Eigentlich müsste ihn doch jemand gesehen haben. Im ganzen Land müssten Gerüchte umgehen. Anschläge an Brettern sollten Aussicht auf Beute verheißen. Viele Jäger könnten nicht widerstehen. Solch ein Fell wäre vielen ein Leben wert. … Es sei denn die Personen, die ihn sahen, sind verschwunden. Vornehmlich Jäger, die der verheißungsvollen Spur folgten …

Mit einer Ruckartigen Bewegung dreht sich das Wesen um und blickt der nahenden Jägerin direkt in die Augen. Überraschung blitzt in beider Augenpaaren auf. Beide halten eine ewigwährende Sekunde inne, in der Azina eine wichtige Entscheidung trifft: Sie richtet sich auf und breitet die Arme zur Wehrlosigkeit aus. Das Wesen zögert kurz, ehe es sich langsam und bedrohlich auf sie zubewegt. Sie beginnt rückwärts zurück zu weichen als Zeichen der Entschuldigung ihn gestört zu haben. Doch das Wesen reißt ruckartig den Stab nach vorn. Ehe Azina zur Seite hechten konnte, hatten bereits grüne Ranken ihre Beine umschlungen und arbeiten sich zu ihrer Hüfte vor. So gefesselt stellt sie den Speer auf dem Boden ab und harrt des nun näher rückenden Wesens. Sie ist bemüht nicht aggressiv zu wirken. Bakkus jedoch wird nervös und kann sich nicht mehr halten. Er greift, wider dem rasch gebellten Befehl, an, um seine Herrin zu verteidigen. Ein kurzer Blitz aus der nackten Hand des Wesens bringt ihn verletzt zum Schweigen. Azina schluckt.

Bakkus nein … es ist ihm nicht zu verübeln. Ich hoffe er ist nicht allzu schwer verletzt. Ich sehe, er atmet noch. Auch dem Wesen kann ich nicht böse sein. Er hat sich nur verteidigt. Aber wie geht es weiter? Was hat er vor. Vielleicht kann man mit ihm reden, ihn fragen, was er hier unten sucht. Und er muss etwas suchen, sonst wäre er nicht hier.

Nun beginnt das Wesen zu sprechen. Gebrüllte Worte verlassen seinen Mund. Seine kräftigen Arme gestikulieren wild. Die Falknerin ist verdutzt. Sie ist unfähig mit ihm zu kommunizieren. Immerhin gelingt es, dass sie seinen Namen erfährt. Er heißt Shakling Boran. Aber sonst ist alles vergebens. Kopfschüttelnd greift er nach dem bewusstlosen Bakkus. Eine Hand führt plötzlich ein Messer, sie fährt hoch und … wird von einem „NEIN!!!“ Azinas unterbrochen. Zornesfalten ziehen sich durch ihr Gesicht. Sie hebt den Speer und verheißt ihm einen blutigen Kampf, sollte er sein Vorhaben vollenden. Er hält inne und schaut sie verwundert an.

Nein! Das wirst du schön bleiben lassen! … Wieder spricht er. Was will er mir bloß sagen? Warum macht er sich die Mühe mit mir zu sprechen. Es muss einen Grund geben. Oh Hesinde, gibt mir Wurm Erleuchtung, ich bitte dich.

______________________________

Azinas Gedanken

 

Hier geht’s weiter:  Forenspiel, Ruhe vor dem Sturm

Am Ende des Pfades

Der herzerweichende Schrei mag kaum verklingen. Denn das Echo der Berge wirft ihn vielfach zurück. Die Botin Firuns steht vor der Schlucht, die auch ihr Leben fordern wollte, und blickt auf den kleinen zerschlagenen Körper des jungen Waffenknechts. Ein laues Lüftchen kommt auf und trägt den Leichnam zu ihnen empor. Andächtig steht sie gedankenverloren da. Keine Regung der Trauer, auch kein Wehklagen, wie das des Junkers, entrinnt sich ihrem Körper. Ein wenig verachtet sie sich dafür, vor den anderen als gefühlskalt da zu stehen. Aber dies ist nunmehr ihre Bestimmung. Ein mentaler Fels in der Brandung der überschäumenden Gefühle. In ihrem Inneren jedoch tobt ein ebensolcher Sturm der sich alle Mühe gibt bahn zu brechen. Sie hält jedoch stand und betet stumm für den Jungen.

Armer tapferer Rondrian. Du warst noch nicht bereit. Warst noch zu schwach und zu klein, um diesen Pfad zu bestehen. Doch dein unerschütterlicher Mut und deine Entschlossenheit ehren die Leuin und den Alten vom Berg gleichermaßen und sollen Vorbild für alle sein! Beide Götter werden dich in ihren Paradiesen willkommen heißen. Du hast erneut die Wahl dein Schicksal zu bestimmen. Sei es nun so, wie es ist. Ruhe in Frieden kleiner tapferer Mann.

Er hat weder geklagt noch lamentiert. Ganz im Gegensatz zu den anderen. Vor allem Kalkarib entpuppt sich als Schwächling. Sicher, er ist die Kälte nicht gewohnt, aber muss man sich darum so gebaren? Nein! Und erst diese lächerliche Frage, wer für ihn kämpfen möge. Pah. Wer Mut und Entschlossenheit in der gerechten Sache zeigt, dem gebührt mein Beistand. Er wird ihn bekommen. Doch zuerst: kämpfe selbst und zeige mir, dass du es Wert bist, dass du es verdienst!!!

Dazu wird es auch genügend Gelegenheiten geben. Delias Pervertierung macht mir Sorgen. Selbst mein Speer konnte nicht helfen. Wäre ja auch zu einfach. Ich schätze, dies ist eine Aufgabe für Nehazet. Wir werden ihm dabei unterstützen.

Es gibt auch sonst viel zu tun auf Hochstieg. Ich versprach Traviahold mit ihm zu dem Turm zu gehen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Auf diesem Weg kann ich viel über diesen interessanten Landstrich erfahren. Außerdem muss ich noch Erkundigungen über das mysteriöse Wesen einholen, dessen Fußspuren ich in der Dorfruine fand. Mal sehen, ob es Aussicht auf eine ereignisreiche Jagd verheißt.

Hochstieg. Wir sind da. Schade dass es schon vorbei ist. Die anderen sind noch nicht bereit, diese Pilgerreise zu beenden. Aber wer ist schon bereit für etwas, was einem unverhofft wiederfährt?

Bei diesen Gedanken fällt ihr Blick auf die Trage. Sie presst die Lippen fast unmerklich zusammen und richtet ihre Aufmerksamkeit auf den jungen Jäger, der seinem Hund aus dem Gebüsch folgt.

______________________________

Azinas Gedanken

Auf Pilgerreise

Mit einem sollst du Recht behalten alter Mann.

Schwer stapft sie in ihren neuen Stiefeln den schneebedeckten Hang hinauf. Der Pfad der Ifirn ist kaum zu erkennen.

Die Sorgen und Nöte der Menschen, drücken gar sorgenschwer auf das Gemüt. Sowohl auf ihr eigenes, als auch auf das ihrer Reisegefährten. Die Stimmung meiner Kameraden kann ich nur als jammernd empfinden. Zeigen sie tatsächlich Schwäche? Freveln sie so meinem Gott? Oft reiste ich mit ihnen durch die Städte, oft besuchte ich Bibliotheken, Akademien, Märkte, Garnisonen und nächtigte in Gasthäusern. Ich bereiste fast ausschließlich WEGE!! Zu FUß, während sie ritten.

Kopfschüttelnd betrachtet sie die träumerisch verschneiten Berge der Efferdseite der Trollzacken. Oben angekommen fällt ihr Blick auf den Schnee zu ihren Füßen am Rande des Steilhangs. Langsam geht sie in die Knie. Sie zieht ihre Handschuhe aus und lässt sie achtlos fallen. Ehrfürchtig gleitet sie mit ihren nackten Fingern durch Firuns Element. Tief atmet sie ein. Ihre Kameraden sehen sich nach ihr um, wie sie so dasitzt, ein weißes buschiges Fell über den Rücken geworfen, kniend im reinen Schnee und voll Wonne, der Erde des Wintergottes nah.

Und kaum geht es ein einziges Mal auf einem PILGERPFAD halbwegs durch die Wildnis, quengeln sie alle, wie kleine Kinder. Einzig Sieghelm und die beiden alten Herren sind Musterbeispiele an Enthusiasmus. Und Rondrian. Aber der ist eh stets auf seines Herren Seite. Alle anderen haben keinen Sinn für die Schönheit der Natur! Deren atemberaubendes Antlitz zu betrachten und zu zeichnen reicht nicht aus Jane. Man muss sie erleben, spüren! So, wie ich es gerade andächtig tue. Hm, Schnee. So kalt und so schön. Nur dann ist man der Natur nahe. Aber was nützt es, wenn sie nicht einmal erkennen, worin der Sinn ihres Seins besteht. Im Einklang zu leben. Im Einklang zur Natur, im Einklang zu sich selbst und natürlich im Einklang mit seinen Göttern.

Sie richtet sich auf und sieht, wie ihre Kameraden im Schnee spielen. Und wendet sich grummelnd ab.

Der Sturz des alten Ardo reißt sie aus ihren Gedanken. Rasch eilt sie herbei, um gemeinsam mit Kalkarib Sieghelm zu helfen, Jane und Traviahold hochzuhieven. Ardo und Traviahold verlieren den Halt zueinander und der alte Mann fällt gen Tal. Nur ein elementarer Diener der Luft Nehazets verhindert seinen Aufschlag. Als der tapfere Rondrian an einem Seil hinabgelassen wird, steht die Tierbändigerin einige Schritt abseits auf einen Felsvorsprung und beobachtet mit erhabener Miene die Szenerie.

Schon besser Leute.

Am Abend gelangen sie in die Dorfruine Kohlenhüttens an einer Weggabelung am Ende des Ifirnpfades. Sieghelm versprach am Vortag eine “traviagefällige Heimstadt“, welche nun aus einem mit Brennholz bestücktem Lagerplatz samt offen Kamin bestand.

Ich weiß nicht, worüber sich die anderen aufregen. Es ist eine angemessene Heimstadt. Leider verdirbt Nehazet das firunsche Erlebnis durch eine sehr traviagefällige Geste. Sein erbetenes Dach verleiht der der Heimstadt tatsächlich ein wenig Glanz der Heiligen Mutter. Aber so richtig stolz und zufrieden scheint er nicht zu sein. Es düngt mir, er hadert außerordentlich stark mit seinem Schicksal. Was mag ihm zugestoßen sein, als ich in Aranien war? Er beschwerte sich ja schon immer, dass er durch die Wildnis müsste, aber so mürrisch und übellaunig kenne ich ihn gar nicht. Kann es sein, dass ihm die verwehrte Hochzeit doch sehr nahe geht? Doch was kümmert es mich? Im Zweifel wird Travia höchstpersönlich dafür Sorge tragen, dass ihr Auserwählter angemessen ist.

Eine schöne Nacht hier draußen. Ob diese Vettel Kohlenhütten tatsächlich existiert?

Noch einmal atmet sie die frische Bergluft, vermischt mit einer Note Eintopf, ehe sie sich auf ihren Umhang bettet und für eine weitere Nacht in Borons Domäne tritt.

______________________________

Azinas Gedanken

Am Rande des Rastullah-Bundes

Wie durch einen Schleier nahm Azina die Hochzeit wahr, obwohl sie als eine der wenigen Frauen keinen trägt. Sie hat keine Angst, der Braut die Show zu stehlen. Nicht hier. Nicht sie. Die eisblaue Klinge ihres weißen Runenspeeres ist sorgfältig mit einem Tuch verhüllt. Sie selbst trägt ein geborgtes schlichtes braun-weißes novadisches Kleid mit einigen wenigen Verzierungen. Ihre wahre charismatische Anmut offenbart sich nur, wenn sie sich in einer engen Lederrüstung elegant bewegt. Ihr Blick streng und stolz. Weich nur in Augenblicken der Schwäche oder der Unaufmerksamkeit. Ein kostbares Gut ihrer Mitreisenden.

Ihre derzeitige Sicht ist vergleichbar mit jener, die Kalkarib auf seine liebreizende Delia hinter dem Baldachin hat. Nur Schatten und Konturen. Nicht mehr. Nur eine Ahnung dessen, was er erwartet. Die Braut lässt sich Zeit, lässt ihn zappeln und warten. Er hält es kaum noch aus. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Zu schnell, zu rasch ging alles. Zu reibungslos. Wo doch in den Monden zuvor solch Ungewissheit herrschte. Waren sie für einander bestimmt, oder nicht? Können sie die Prüfung bestehen und ihre kulturellen Unterschiede überwinden? Wie stark ist ihre Liebe? Oder war es nur heißes ungestilltes Verlangen? Er war ehrlich besorgt, wie sie ihre Entscheidung treffen wird. Die Sprunghaftigkeit seiner künftigen Frau ist ihm nur zu gut bekannt. „Blamier mich jetzt bloß nicht, meine kleine Scharte, sagt sein sorgenvoller Blick.

Azina bekommt von seinen Gefühlen nichts mit. Sie ist in ihren eigenen Gedanken versunken. Aber als Delia schließlich doch vor den Vorhang tritt umspielt ein zartes Lächeln ihr Gesicht, während der überwältigende Rest der Gesellschaft in stürmischen Jubel ausbricht. Die Leute drängen nach vorn, um ihnen beiden zu gratulieren. Braut und Bräutigam fallen sich in die Arme. Sie sind nun rechtmäßig Mann und Frau. Endlich.

Wie wird es jetzt weitergehen? Wird Delia weiter mit uns reisen? Ich hoffe es. Nicht nur, weil wir einen göttlichen Auftrag von höchster Bedeutung haben. Nein, auch möchte ich ihre Gegenwart nicht missen. Kalkarib zieht es bestimmt vor mit ihr hier sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen. Aber das kann ich mir bei Delia nicht vorstellen. Sie wird einen Weg finden ihn zu überzeugen mit uns zu reisen. Schließlich ist sie eine Hexe. Auch wenn sie offenbar davon abgeschworen hat. Er wird auch lernen sich an Janes und meine Gegenwart zu gewöhnen. Lange wird er seine Feindseligkeit nicht aufrechterhalten können. Jane wird ihm schon zeigen, wo sein Platz ist. Notfalls wird er schlicht ignoriert. Das kann ich gut. Er ist nicht der erste Mann, der meint, mir was vorschreiben zu müssen. Damit ist Schluss!

Ich bin gespannt auf Darpatien. Sieghelm hat bisher kaum etwas davon erzählt. Vor ungefähr zwei Götterläufen bin ich schon einmal dort durchgereist. Es ist, als sei es schon eine Ewigkeit her. Mit ihm als Führer sollten sich viel mehr Eindrücke offenbaren, als bei meiner Flucht.

Die Bewegung der Menge erinnert sie daran, dass sie noch ein Geschenk zu übergeben hat. Ihr erstes selbst gegerbtes Fell. Von dem unglücklichen Hasen in Mathab mal abgesehen. Sie wartet bis sie an der Reihe ist. Wie immer.

______________________________

Azinas Gedanken

Tsagefällig

Das Hexenfeuer lodert um den gigantischen Scheiterhaufen, der noch lange brennen soll. Die fröhlichen Hexen singen und tanzen in wilder Ektase drum herum. Selbst Delia ist nun mit dabei nachdem sie und Kalkarib ihren wertvollen Stab zerbrachen und dem Feuer übergaben.

Es scheint, dass sie der Schwesternschaft entsagt. Sie muss ihn wirklich sehr lieben. Obwohl … welche Veränderungen haben wir bei ihr hervorgerufen? Hat Nehazet nicht den Traumkalkarib dazu bewogen von seiner Abkehr abzusehen? Tragen letztlich wir die Schuld an ihrer schicksalshaften Entscheidung? Hoffentlich haben wir ihrem Geist keinen Schaden zugefügt. Ich selbst war in jener Welt langsam dabei den Verstand zu verlieren. Es war einfach zu verwirrend. Die Realität verblasste zusehends. Während Nehazet wie im Wahn alles seinem Willen unterwarf, stach ich Alwine, die Hausherrin des bäuerlichen Herrenhauses, gleich zwei Mal nieder. Ich war fest von einer Falle der Dämonin überzeugt. Sieghelm reagierte darauf übertrieben hysterisch. Im Nachhinein ein gutes Zeichen. Zumindest hatte er den Boden unter den Füßen noch nicht verloren. Der nächste Schock für ihn kam, als ich Kaiser Reto tötete, weil er Travia frevelte. Aber auch er stand kurz danach wieder auf. Ich weiß nicht, was von allen Geschehnissen auf Nehazet zurückzuführen ist. Jedenfalls konnte er Kolkja helfen indem er verfügte, dass seine erste Frau niemals gestorben sei, sondern nur im Koma lag. Ob das für Delias Seelenheil förderlich war, weiß ich nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen sie stattdessen endlich Boron übergeben, als Zeit und Raum zu beeinflussen, so dass sein Wunsch doch noch in Erfüllung ging? Es gibt Dinge, die sollten nicht verändert werden. Es hat einen Sinn, dass es geschah! Aber inwiefern zählen die derischen Weisheiten in solch einer Welt?

Ja, es wurde Zeit, dass wir den Traum verließen. Denn dann tauchte eine sechsjährige Delia auf. Auch hier war ich mir sicher, dass sie die Dämonin sei. Jedoch versprach ich Sieghelm niemanden mehr auf Verdacht zu töten. Und so wartete ich. Geduldig, wie ein Baum die tödliche Lawine erwartet. Beständig und bewusst. … Außerdem war es Delia … *seufz*… Menschen sind so emotional und dumm! Denn tatsächlich offenbarte sie sich draußen als Liv. Sieghelm stellte sich ihr tapfer in den Weg, während Nehazet sie zurück in die Niederhöllen schickte. Delia war gerettet und wieder mit sich selbst vereint. Vollständig. Hat ihr bisher etwas gefehlt? Ich habe nichts bemerkt.

Ihre Aufmerksamkeit wendet sich wieder der Gegenwart zu. Sieghelm befreit sich neben ihr umständlich von seinem Wappenrock. Der arme Rondrian war sichtlich verzweifelt, was ob er es seinem Herrn gleichtun sollte oder nicht. Azina hingegen schaut dem Treiben nur gedankenverloren zu, als der der Herr von Spichbrecher ebenjenes Wappen in das Hexenfeuer wirft. Gierig fraßen die Flammen dieses Opfer.

Was tut er da? Er wirft seine Herkunft weg. Seine Herkunft … möchte er ein anderer sein?

Sie ist ziemlich erschrocken über ihren neuen Gedankengang und zuckt kurz unter ihm zusammen. Ihr Blick fällt dabei auf Nehazet.

Wenigstens scheint Nehazet unverändert. Auch ein Hexenfeuer wird dein Amulett nicht vernichten, lieber Adeptus.

Am Ende ist es mir gelungen, wenigstens eine einzige Veränderung in dem Traum zu bewirken. Zwar war es nicht die prächtige weiße Lederrüstung, aber immerhin habe ich etwas bewirkt. Somit waren die stundenlangen Vorträge von Jane nicht umsonst. Überhaupt habe ich so ein wenig Einblick in die menschliche Psyche erhalten. Nur lehnen Firuns Lehren dergleichen Empfindsamkeiten ab. Jeder ist für sein Glück selbst verantwortlich. Wer es nicht vermag, der fällt. … Aber es schadet jedoch nicht, zu verstehen, was die Menschen bewegt. So kann ihnen geholfen werden sich selbst zu überwinden … du siehst Firun … ein kleiner Teil von mir huldigt deiner schwanengleichen Tochter. ‚Gnade‘ ist ein Wort, welches dir fremd ist. Doch ich besitze sie. Ich verschonte Sefiras Leben bereits zwei Mal. Sie lehrte mich, dass jeder Schwächen hat. Nur liegt es an ihnen selbst damit fertig zu werden und aus den Geschehnissen zu lernen. Lehre nicht mit Groll, lehre mit Nachsicht. Bitte zürne nicht meiner Lektion.

Ich werfe nichts ins Feuer. Ich wünsche mir nichts. Meine Vergangenheit ist bewältigt. Meine Familie in Sicherheit. Meine Fehler sind vergolten. Ich richte meinen Blick auf die Zukunft. Dein Wille geschehe, weißer Jäger.

Was Delia betrifft. So wünsche ich ihr viel Glück. Sie wird diese Phase ihres Lebens überdauern. Was bedeutet schon die Lebensspanne eines gewöhnlichen Menschen für sie? Ich selbst kann nur hoffen, dass mein Erbe nicht vergessen wird. Und dafür streite ich. Für Dere. Für das Leben. Und somit letztlich für die Gnade.

______________________________

Azinas Gedanken

Belanglos?

Und wie er etwas präsentiert hat! Er hatte ein drittes Auge! Sogleich verwickelte er Jane einen Disput zur Ergründung der Kräfte. Meinen Einwand, dass wir doch losmüssen, wischte er beiseite. „nicht nötig“ meinte er nur. Ich begann nur nach und nach zu verstehen, was er meinte. Jane erwies sich als sehr begabt in Delias Unterbewusstsein Dinge zu bewirken. So erschuf sie einen Stein der Wasser sprudeln ließ. Leider handelte es sich um Salzwasser, was einer Nachlässigkeit bei der Erschaffung zu verdanken sein dürfte. Ich versuchte es ebenfalls. Nur gelingen wollte es mir nicht. Daraufhin hielt unsere Gelehrte auf dem Weg durch die Wüste einen stundenlangen Vortrag über die Möglichkeiten der Seelenheilkunde. Mäßig interessiert hörte ich zu. Könnte es doch tatsächlich nützlich noch sein, aber so richtig ist das wohl nicht mein Thema. Wer nicht mit sich im Reinen ist, verliert bei der Herausforderung des Lebens gegen sich selbst.

Ein prächtiges Kamel, was Jane da erschaffen hat. Es reitet sich ganz angenehm, wenngleich natürlich etwas ungewohnt holperig. Aber schnell ist es! Sogar durch den Sand, sodass ich ihm zuliebe darauf verzichtete, mich auf Nehazets gepflasterten Weg zu begeben. Der junge tote Jallal, den Jane zu neuem … Leben … erweckt hatte, lief hinter den anderen her. Er verschwand, als er sich seinem Hügelgrab näherte. Ich verstand, was diese Szene für Delia bedeuten sollte. Wie hin und hergerissen sie sein musste. Auf der einen Seite Kalkarib, der sich von ihr abwendet und auf der anderen Seite das offene Grab Jallals. Ein Zwiespalt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Wir halfen ihr mit beidem abzuschließen und machten ihr Mut, der Zukunft zu begegnen. Welche Auswirkungen werden unsere hiesigen Handlungen haben? Heilen wir tatsächlich Delias Seele, wie Jane behauptet? Lösen wir hier ihre inneren Zerwürfnisse? Ich hatte nicht den Eindruck, dass Delia unter irgendetwas leidet. Außer vielleicht unter ihrer Vergnügungssucht. Aber das ist ja nicht wirklich ein Leiden.

Ich erbot mich im nächtlichen Wald wache zu halten, da ich in dieser Welt nur mäßig von Bedeutung bin. Jane sollte sich ausruhen und ihre geistigen Kräfte schonen. Sie hat noch viel vor sich. Mitten in der Nacht hörte auf einmal lautes Herzklopfen und das Schreien einer Frau. Es kam mir bekannt vor, ich vernahm es schon einmal. Der Versuch, die anderen zu wecken, scheiterte. So ritt ich allein mit Bakkus dem Kreischen entgegen und entdeckte, wie sich fünf Delias an fünf Sefiras zu schaffen machten. Letztere starben gleich mehrere Tode. Nach verrichtetem Werk entschwand Delia im Schatten des Waldes, während die Sefiras sich vereinigten und eine Einzige blutend und wimmernd auf dem Waldboden liegen blieb. Verächtlich starrte ich auf sie hinab. Meine Faust umklammerte den Speer. Und doch … niemand verdient solch ein Schicksal. Ich selbst verschonte Sefira einst nach einem harten Kampf über den Dächern von Fasar, obwohl ich allen Grund hatte sie zu töten. „Nein Delia! Es wurde Zeit dir zu zeigen, was richtig ist. Rache ist keine Lösung. Die Götter werden über sie richten. Nicht wir.“ So begann ich mit den Wundbehandlungen. Danach schleppte ich sie mit Hilfe des Kamels zum Lagerplatz zurück, um gleich darauf einer Boronprozession ansichtig zu werden, die gleich wieder verschwand, als ich das Leben in Sefira prüfte.

Isaria nickte uns aus einem Baum heraus zu. Es schien, dass wir bisher alles richtig machten.

Gen Abend erreichten wir ein Dorf, welches Mahtab ähnelte. Im Gasthaus bewirtete uns auch Tuluf ibn Ali mit allem, was unser Herz begehrte. Vor allem das heiße Bad war unbedingt nötig, auch wenn Nehazet scheinbar den Sinn jeglicher normaler Interaktion abhanden zu kommen droht. Er ist der Ansicht, dass es keinen Grund gibt, zu baden oder zu schlafen, da es sowieso nicht real ist. Ich denke da anders. Es ist so real, wie wir es wollen. Und wenn uns schlafen und baden entspannt, dann ist das so; auch wenn ich mit Ernüchterung feststellen musste, dass ich nicht müde war, als ich versuchte mich an der Stallwand schlafen zu legen.

Am nächsten Morgen verursachten die anderen einen Mob, der sie daran hinderte das Gasthaus zu verlassen. Ich versuchte die Menge abzulenken, was nur mäßig funktionierte. Jane erschuf sicherlich eine Art Hinterausgang, denn sie kamen von außen heran und bestiegen die bereitgestellten Pferde. Zum Glück konnte ich noch mein Kamel von Sieghelms Wappen befreien, während die anderen jedoch unter seinem Banner ritten. Ich freue mich schon auf Sieghelms Reaktion, wenn er dessen gewahr würde.

Ich verstehe nun, was Nehazet meinte, dass Zeit und Raum hier nicht von Belang seien. Ist hier doch alles unwirklich und surreal. Dennoch. Einen Teil normalen Lebens sollten wir aufrechterhalten, um uns selbst in dieser Traumwelt nicht zu verlieren. Wie leicht kann man abdriften und verloren gehen? Sind meine Freunde am Ende in der Lage, sich loszueisen von der Macht, die sie hier besitzen? Um Jane mache ich mir dabei am meisten Sorgen. War sie doch ganz hysterisch, als sie tatsächlich Magie gewirkt hatte. Man erkannte verborgene Sehnsüchte, die ihr auf Dere verwehrt blieben. Sie ist mit sich selbst nicht im Reinen. Das ist gefährlich.

Wenn ich mir einen Wunsch erfüllen wollen würde, der nur für diese Zeit hier gültig ist. Was wäre dies?

______________________________

Azinas Gedanken

Parallel dazu – eine Geschichte der Geschicke III

— als Malzan Daske —

Am frühen Morgen des 7. Borons 1026 n. BF schlich sich ein einsamer Phexensjünger aus dem Anwesen Tulachims. Bei sich trug er Fingernägel, Haare und Blut von Adeptus Nehazet ibn Tulachim, einige Haare der Hexe Delia sowie sein eigenes Blut in einer Phiole. Welche Probe von wem genau stammt ist ihm nicht bekannt. Nur, dass sehr wahrscheinlich seine eigene darunter ist. In dem Schreiben zum Auftrag stand etwas von der zweiten Hälfte der Belohnung. Nur mit Mühe konnte er sich und seine Goldgier zurückhalten, in seine alte Lagerstadt gehen und dort auf eine weitere Nachricht zu warten. Zu gefährlich! Stattdessen vernichtete er im Phextempel die Proben mit Hilfe von Feuer vollständig. Auch ließ er sich dort ein Empfehlungsschreiben aus Ferdok über einen gewissen Reonar Wolf ausstellen und hielt fortan Ausschau nach einer passenden Anstellung in einem hochherrschaftlichen Hause. Verborgen auf dem Basar konnte er ein Gespräch mithören und bewarb sich, frisch in neue Kleidung gehüllt, als niedriger Kammerdiener mittelländischer Herrschaften. Die Nachricht über die zweite Hälfte der Belohnung erreichte ihn bisher nicht.

Er begann sich in der Rolle wohl zu fühlen. Rasch erhielt er das Vertrauen der Herrschaften durch seine charmante und liebevolle Art. Seine wahre Leidenschaft hielt er jedoch zurück. Es gibt künftig noch genug Gelegenheiten. Ein großer Ball soll beispielsweise in naher Zukunft in diesem Hause stattfinden. Da gibt es einiges zu holen. Diebisch freut sich Malzan auf jenen Tag.

Zum Forenspiel.

Delia zu retten

Ich hab es doch geahnt. Die friedliche Stimmung hier im Dorf trügt nur den Schein vor den finsteren Machenschaften im Verborgenen. Eine Dämonin namens Liv hält einen Teil von Delias Seele gefangen und fordert nun den Rest von ihr. Selbstverständlich bin ich bereit für Delia gegen diese Dämonin zu kämpfen. Doch nagen Zweifel an mir. Die Rolle Isarias ist undurchsichtig. Sicher, sie hat mir sehr geholfen und hilft mir weiterhin beim Schutz meiner Familie. Ich bin ihr zu großem Dank verpflichtet. Schon allein daher stürze ich mich für ihre Tochter in den Schlund der Chaos. Von der Zuneigung zu Delia mal abgesehen und von der Erwählung ganz zu schweigen. Und doch … die Art und Weise, wie sich Isaria aufführt ist … unberechenbar. Ihr hohes Alter gestattet es ihr, sich allen anderen erhaben zu führen. Zudem muss sie mehr verschweigen als erzählen, um die Geschicke zu lenken. Ich zweifle nicht an ihrer Aufrichtigkeit und an ihrem guten Willen. Und doch … ist mir nicht wohl bei der ganzen Sache. Dann noch Kalkarib! Dieser Bursche, wie Jane es so richtig aussprach, soll über Delia wachen. Dem Jungen fehlt es an Toleranz und Weitsicht. Engstirnig und emotional ist er. Was Delia an ihm findet ist mir ein Rätsel. Frauen sind für ihn niedrige Geschöpfe, die zu seinen Füßen zu kriechen haben. Pah! Zurecht hat sich Jane aufgeregt. Aber … zumindest Deila scheint ihn ganz durcheinander zu bringen. Seine Gefühle zu ihr sind echt. Was ihn natürlich nicht zu einem besseren Mann macht. Ich sah, wie Isaria ihn ins Gebet nahm. Ob ihm bewusst war, mit wem er dort sprach und vor wem er sich bloß stellte? Aber vielleicht kann er ja lernen. Ja, vielleicht.

Nehazet ist uns allen zuvor gekommen. Fröhlich springt er einfach durch das Tor. Es ist gut, ihn wieder bei uns zu wissen. Jetzt muss ich nur wieder lernen ihm zu vertrauen und ihn einfach machen zu lassen. Dass er Sieghelm und mich allerdings einer Horde Orks ausliefert, war fahrlässig! Er kann uns doch nicht einfach aus der Höhle ausschließen. Das kam einer Opferung an Boron gleich! Das wird ein Nachspiel haben! Ich denke nicht, dass Sieghelm ebenso denkt, wenn ich ihn mir so nach dem Kampf ansehe. Er war ganz versessen darauf, den Anführer persönlich zur Strecke zu bringen, dass er alles andere vergisst. Ich hätte wissen müssen, dass nicht sein konnte, was schien. Manchmal ist überlegen dem sofortigem Handeln vorzuziehen. Nehazet, hat heute seine eigenen Prinzipien im Angesicht der Gefahr verraten und sogleich gehandelt und uns damit in Lebensgefahr gebracht. So wie er in seine Meditation versunken ist, wird er das gerade gründlich durchdenken und uns morgen eine Definition dieser Traumwelt liefern. Das wird uns helfen echte Gefahren zu erkennen und Täuschungen zu durchschauen. Auch ich habe heute vorschnell gehandelt. Ich bin es wohl gewohnt schnell zu reagieren. Auf der Jagd und der Flucht ist das nötig. Aber hier gelten andere Gesetze. Isaria sagte, es seien Prüfungen. Und Prüfungen bieten immer eine Lösung. Mal sehen, was Nehazet morgen präsentiert, wenn die Sonnen aufgehen und ein anderes Licht bieten.

„Komm Bakkus.“ Gemeinsam ziehen sie den Leichnam des Orks aus der Baumhöhle heraus und verdecken ihn notdürftig ein paar Schritt entfernt unter Blättern, Erde und sonstigem leicht Griffigem. Ein kurzes Stoß gebet später begibt sie sich wieder hinter die Illusionären Wände und legt sich in ihre Bettstatt, um sich auszuruhen, nachdem sie und ihre Begleiter etwas zur Stärkung zu sich genommen haben.

______________________________

Azinas Gedanken

Parallel dazu – eine Geschichte der Geschicke II

— als Malzan Daske —

Als es geschah, überfiel ihn schlagartig die Erinnerung an jenen Auftrag vom Abend des 6. Boron 1026 n. BF. Ein junger Mann betrat damals sein Versteck. Rasch verschmolz Malzan mit den Schatten. Der Fremde sucht offensichtlich nach etwas. Oder nach jemanden. Da hört er ihn auch schon rufen: „Herr Groti? Hanert Groti?“ Malzan erschreckt. Bei Phex! Wie hat er mich gefunden und woher weiß er wie ich mich hier nenne? Bisher habe ich diesen Namen nur gegenüber Jamarl und seinen dummen Kumpanen erwähnt. Haben sie mich etwa verraten? Innerlich fluchend schleicht er sich an den ahnungslosen Jungen heran. Ein kurzer Sprung und der Kleine hat einen Dolch an der Kehle. Keuchend erschreckt dieser, sodass die Klinge sich leicht in seine Haut einschneidet. Blut fließt in einem schmalen Rinnsal auf seinen Kragen zu. Umso besser, dann weiß er worum es hier geht. Sein Leben. „Was willst du hier? Sprich!“ sagt der Dieb mit grunzender Stimme. „I-I-Ich h-habe eine N-Nachricht für euch …“ „Halt! Hände da lassen wo sie sind!“ Geschickt fischt er die schwere Nachricht aus der Tasche des Jünglings. Er stößt ihn von sich in den Staub und stellt sich in den Schatten. „Wer schickt dich?“ verlangt er zu wissen. „D-Das weiß ich nicht. Bitte lassen Sie mich gehen. Ich soll nur die Nachricht übergeben.“ War ja klar, ein unschuldiger Bote. „OK, geh Junge!“ Das lässt er sich kein zweites Mal sagen. Er springt auf und rennt hinaus. Zur gleichen Zeit schnappt sich Malzan sein Bündel gewinnt rasch an Höhe. Mit der Nachricht verlässt er sein Versteck und macht sich auf den Weg durch die belebten Straßen Khunchoms. Sein Ziel ist der Phextempel. Erst dort wird er die Botschaft öffnen.

Als er sich in einer Nische des Tempels in Sicherheit wähnt. Öffnet er vorsichtig die Schriftrolle. Zuerst fällt ihm das klimpernde Geld auf. Geld! Dann bemerkt er auch die anderen Utensilien. Es handelt sich dabei um menschliche Proben. Je eine Locke schwarzer und roter Haare, einige Fingernägel und zwei Phiolen Blut. Was soll das denn? Da er nur schlecht lesen kann, bittet er einen verschwiegenen Phexdiener gegen bare Münze ihm das Schriftstück vorzulesen:

„Eure Kunstfertigkeit in den Disziplinen des Fuchses beobachte ich nun schon länger, Herr Hanert Groti, ich habe einen Auftrag höchster Eile für euch, der auch in eurem Interesse sein wird, es geht um den phexgefälligen Tausch einiger Gegenstände, die Adresse und besagte Gegenstände liegen bei, sowie auch die Hälfte eures Honorars in blinkender Münze, wenn ihr die Gegenstände erfolgreich vertauscht habt, so werdet ihr für besagte Gegenstände den Rest  eures Lohnes erhalten.“

Er hört gut zu und bittet den Vorleser so oft zu wiederholen, bis er es sich eingeprägt hat. Dankend verzieht er sich erneut in eine Nische. Ich werde schon länger beobachtet? Erneut schaut er sich um. Es ist niemand verdächtiges zu sehen. Ein Auftrag von höchster Eile. Die Adresse sagt mir kenne ich. Zeugt sie doch von der Prachtstraße Khunchoms. Nun, einmal anschauen kann ich es mir ja, wenn ich schon beobachtet werde, dann wahrscheinlich auch jetzt.

Er macht sich also auf den Weg zu dem Haus von Tulachim ibn Rashim. Dabei gibt er sich auf gewohnte Art und Weise unnahbar. Als er am Haus ankommt, trifft ihn fast der Schlag. Nein. Schon wieder sie. Durch ein Fenster kann er die Gestalten Sieghelms, Janes, Delias, Sulibeths und Nehazet erkennen. Auch ein Mann und eine Frau mittleren Alters sitzt mit ihnen am Tisch. Vorsichtig überwindet er die Mauer und schleicht sich bis unter das Fenster, um zu lauschen. Sie sprechen vor allem von der Abreise nach Zorgan am nächsten Morgen. Ein Auftrag von höchster Eile. Also wahrscheinlich noch vor der Abreise nach Zorgan. Es muss also heute Nacht geschehen! Klasse. Und das Ganze ohne Vorbereitung. Hoffentlich hat Nehazet keine Zauberfallen aufgestellt. Was sollte ich noch gleich tun? Die Gegenstände tauschen. Er besieht sie sich noch einmal genau. Rote Haare … Delia! Und schwarze Haare. hm, da könnten mehrere Personen in Frage kommen. Die übrigen Gegenstände nicht zuordbar. Aber wozu braucht man denn so etwas?

Während er lauscht, sucht er fieberhaft an einer Lösung des Rätsels. Aus den Gesprächen kann er heraushören, dass Nehazet, Sulibeth und Zafia zurück bleiben werden. Dafür wird die alte Frau, Alhina, sie begleiten. Zafia ist nicht mit am Tisch, offenbar ist sie verstimmt wegen der geplatzten Hochzeit mit Nehazet. Hä? Nehazet wollte heiraten. Das ging aber schnell. Und dann noch Zafia…. Zaifa! Das andere Hexenweib! Sie ist es. Sie ist das Ziel. Sie möchte sich an der Gruppe rächen und dafür braucht sie Haare von Nehazet und Delia, sowie Fingernägel von Sieghelm und Blut von Jane! Das ist es. Aber warum habe ich hier zwei Phiolen mit Blut? Hat sie es auch auf die Kleine oder die beiden Älteren abgesehen?“ Vor Schreck der Erkenntnis weiten sich seine Augen.  … der auch in eurem Interesse sein wird … Nein! Hat sie auch mir Blut gestohlen, als ich schwer verwundet bei ihr in der Hütte lag? Zafia …

Malzan wartet bis alle im Haus sich auf ihr Zimmer begeben haben. Er versucht herauszufinden, wer in welches Zimmer geht und wo sich Zafia befindet. Aber ohne Erfolg. Als es im Anwesen ruhig scheint, bricht er ein. Etwas ängstlich wartet er auf die Feuerbälle, denen er ausweichen muss. Aber nichts geschieht. Uff. Noch einmal Glück gehabt. Als er die Treppe hochschleicht stößt er in der Kurve mit jemand zusammen. Beide purzeln sie ineinander in die Ecke. Noch ehe die andere kleine Person einen Laut von sich geben kann, hält Malzan ihr den Mund zu. Sie windet sich in seinen Armen und versucht sich loszureißen. Doch er ist stärker und hält sie fest. „Psst. Ich bin es. Goswin. Ich lasse dich los, wenn du versprichst, nicht zu schreien oder anderweitig Lärm zu machen. Vertrau mir. Ich möchte euch nichts tun, ich muss nur etwas holen.“ Nach kurzem Zögern nickt Sulibeth. Er gibt sich ihr zu Erkennen und gemeinsam gehen sie runter in einen Raum, der sich als Bibliothek entpuppt. „Was tust du denn hier, und warum bist du weg gewesen?“ fragt die Kleine misstrauisch. Malzan schaut sie an und überlegt. Das Mädchen ist schlau. Vielleicht kann sie mir helfen. Er deutet ihr sich zu setzen und setzt sich in einen Schemel. Er legt seine komplette Überzeugungskraft in seine Worte und seine Stimme: „Du musst wissen Sulibeth; ich musste dringend fort. Ich hatte noch viel zu erledigen. Aber ich hasse Abschiede, weißt du. Da wird immer so viel geweint und alles. Das ist nichts für mich. Und nun ist mir eingefallen, dass ich bei Zafia etwas vergessen habe, als sie mich behandelt hat. Ich dachte, ich hole es schnell.“ Mit zusammengekniffenen Augen schaut sie ihn an und überdenkt seine Worte. „Nun gut, Goswin. Ich glaube dir. Aber du musst auch mir helfen, damit ich dir helfe.“ Kleines Biest! denkt er, sagen tut er jedoch: „Wobei soll ich dir denn helfen?“ „Ich suche ein Rätsel für Fräulein Peddersen. Ich werde hier in Khunchom bleiben, während sie weiterreist. Und ich möchte ihr ein Rätsel aufgeben, dass sie nicht so schnell lösen wird, damit sie an mich denkt.“ Schmunzelnd stimmt er der dem Handel zu. „OK, ich helfe dir bei der Suche. Also, wo ist Zafias Zimmer?“ Sulibeth hat ihm kaum den Weg beschrieben, als er sich schon auf den Weg macht. Aber nicht bevor er das Versprechen wiederholt hat, zurück zu kommen und ihr zu helfen. Erneut schleicht er die Treppe hoch. Dieses Mal darauf bedacht mit niemanden zusammenzustoßen. Eine weitere Bitte kann er nicht erfüllen. Als er das Schloss zu dem Zimmer der Hexe öffnet, sieht er sofort, dass Sulibeth Recht hatte. Das ist Zafias Zimmer. Hier sieht es aus, wie in einer Hexenküche. Sogleich macht er sich auf die Suche nach den Gegenständen. Lange muss er suchen, denn sie sind gut verborgen und offensichtlich sehr wertvoll. Vor dem Austausch zögert er. Warum sollte ich dem Auftrag entsprechen? Warum soll ich sie austauschen? Wem beschere ich damit Unheil? Das Ganze stinkt zum Himmel! Phex, was soll ich tun? Handel ist Handel oder? Egal, unter welchen Bedingungen. Ich bin nicht verantwortlich für ihre Taten. Außerdem würde sie es noch vor der Abreise der Gruppe merken und einen Weg finden, um sich neue … Zutaten … zu besorgen. Mit flinken Fingern tauscht er die Gegenstände. Er muss sich enorm zusammenreißen, um nicht ein paar von den verkorkten Fläschchen einzustecken. Sie würde es merken!

Ihm ist nicht bewusst, wie sehr Phex, ihm in dieser Nacht holt war. Im Dienste für das große Ganze.

Erleichtert zieht er die Tür zur Bibliothek hinter sich zu uns atmet ein paar Mal ruhig ein und aus. Handel ist Handel. Ich helfe der Kleinen bei ihrem Rätsel. Es stellt sich heraus, dass Malzan Sulibeth keine sonderlich große Hilfe ist, da er nicht gut lesen kann. Also wird er kurzerhand auf die Tätigkeit des Buchträgers reduziert. Der Morgen beginnt zu grauen und Malzan wird mulmig zu Mute. Als Sulibeth gerade dabei ist einige Bücher aufzuarbeiten läuft er nervös die Regale entlang. Ein glänzendes Buch mit kreisrunden Verzierungen erregt seine Aufmerksamkeit. Er fischt es heraus und legt es Sulibeth hin. Sie blättert ein paar Seiten durch und schreit irgendwann leise auf: „Das ist es! So etwas habe ich gesucht!“ Geschwind rennt sie mit dem Buch zum Schreibpult und verfasst eine Nachricht auf Bosparano:

„Wenn der Mann den Bären trifft, offenbart sich, dank heiliger Schrift, was weder Mensch noch Bärchen ist. – Sulibeth.“

Als sich das Mädchen freudestrahlend umdreht, um Goswin zu danken. Ist er bereits verschwunden. „Er mag also wirklich keine Abschiede.“ Sagt sie perplex.

Zurück in der Gegenwart.

Parallel dazu – eine Geschichte der Geschicke I

— als Malzan Daske —

Ab 21. Travia 1026 n. BF

Ungesehen verschwindet er in der khunchomer Menschenmenge. Seine Kameraden Jane Peddersen, Sieghelm von Spichbrecher, Delia und Nehazet ibn Tulachim lässt er sich zusammensammelnd am Hafen zurück. Er sieht sich nicht um. Keine Träne des Abschieds verlässt seine starren Augen. “Nein Leute. Es ist zu gefährlich für euch mit mir gesehen zu werden. Ihr seid tapfere und aufrechte Frauen und Männer. Ihr verdient die Unbescholtenheit. Ich habe Großes vor und ihr währt nur eine Last für mich. Euer Gerechtigkeitswahn gereicht Praios zur Ehre. Ich aber bediene mich Phexens Pfaden.“ denkt er sich während er zum nächstbesten Gasthaus schlendert.

Zum Drachentöter. Eine recht heruntergekommene Spelunke direkt am Hafen. Der Wirt Tuluf ibn Taref schenkt ihm auf Anfrage ein Garetisches Helles ein. Provokativ stellt er sich mit seinem Bier mit dem Rücken zum Tresen und begutachtet das Gesindel. Bereit jederzeit seinen Dolch zu ziehen, ein paar Kehlen durchzuschneiden und zu verschwinden, sollte ihm einer ungemütlich werden. Er hält Ausschau nach passendem Material. Einer unterbelichteten Kontaktperson zum Khunchomer Untergrund. Und er findet einen, der von den anderen mit Jamarl angesprochen wird. Sie reden über belanglose Angelegenheiten, wie die Brüste der Frauen auf dem Markt, die geradezu zum Stehlen einladen, und spielen irgendein Kartenspiel. Er bestellt noch ein Bier und wartet ab. Vom Wirt weiß er, dass die Männer oft hier herkommen, um ihren „Verdienst“ zu versaufen. Harmlose Strolche nennt er sie. Interessant.

Malzan drückt Tuluf einige Münzen in die Hand und geht auf sein Zimmer ein Stockwerk höher und überdenkt seine Situation. Sein tulamidisch ist sehr schlecht. Er nimmt sich vor, es zunächst so schnell wie möglich zu verbessern, um hier zu Recht zu finden. Er verbringt die nächsten Tage damit sich in der Stadt und vor allem auf dem Basar umzuschauen und alle Eindrücke aufzunehmen, Gassen zu erkunden und nach Nützlichem Ausschau zu halten. Bei einer guten Gelegenheit stielt er zur Stadt passende unauffällige Kleidung. Dank seiner herausragenden Anpassungsfähigkeiten gelingt es ihm schnell sich zu Recht zu finden.

Irgendwann wagt er sich an den Münzhändler, den er bereits vor einigen Tagen ausgemacht hat. Er möchte die Münzen aus der Krypta versilbern oder besser gesagt, vergolden. Ärgerlich ist, dass bereits Fräulein Peddersen da war und ihre geschenkten Münzen verkauft hat, sodass Malzan nur noch einen Bruchteil des ehemaligen Wertes annehmen muss. “Argh! So viel Mühe umsonst, ich hätte sie ihr stehlen sollen!“ flucht er innerlich. Aber dennoch kann er seine Barschaft erheblich aufbessern. Nicht, dass es ihm irgendwie an etwas mangeln würde. Aber so kann er seiner zweitliebsten Beschäftigung nachgehen: Geld ausgeben! Er spendiert Lokalrunden in verschiedenen Tavernen, kauft sich wertvolle Duftöle und Speisen, nimmt die Dienste der exklusiven Freudenhäuser in Anspruch und spendet den Bedürftigen. Als sich seine Barschaft langsam dem Ende neigt, beschließt er Jamarl in gebrochenen tulamidisch anzusprechen und seine Dienste anzubieten. Überzeugen konnte er ihn, als er ihm eröffnete, dass er wisse, wo sich ihr Versteck befindet, zu dem sie in der Nacht trunken torkeln. Dass er sie nicht verraten habe, sei Beweis genug für seine … Gesinnung. Misstrauisch, aber zufriedengestellt, darf er die Bande begleiten.

Als sie in dem Versteck ankommen bemerkt er schnell, dass zwei Gefangene vor Ort sind. Für sie soll Lösegeld erpresst werden, das am nächsten Tag bezahlt würde. Um die Aktion nicht zu gefährden, wird Malzan, der sich inzwischen Hanert Groti nennt, angewiesen doch im Schlafsaal zu warten, bis die Sache beendet ist. Am Abend des nächsten Tages streiten sich die Strolche gerade über die Verteilung der Beute, als die Geräusche abrupt verstummen. Alarmiert schaut er aus dem Schlafsaal und findet seine neuen Kameraden erstarrt im Hauptraum stehen. Vom Südeingang hört er Geräusche und zögert keine Sekunde. “Tut mir Leid Leute, Phex sei euch hold.“ Und schleicht am Rande der Wand entlang zum anderen Ausgang. Keinen Augenblick zu früh, denn sogleich betritt eine wohlbekannte Gruppe von Helden den Hauptraum und überwältigt die Schurken. Malzan hat genug gesehen und verschwindet aus der Kanalisation.

Nach diesem Fiasko entscheidet er sich, seine Vorgehensweise zu ändern. Zunächst sucht er sich ein geeignetes Versteck. Er muss lange danach suchen. Ganz Khunchom scheint bereits belegt zu sein. Das anhaltende Gauklerfest mit seinen vielen Feiernden erschwert die Suche nach einem geeigneten leeren Platz zusätzlich. Doch er wird schließlich fündig und richtet sich ein. Von nun an unternimmt er kleinere Raubzüge am Tage, indem er in der Menschenmenge die Kaufleute bestielt. Nebenbei holt er weitere Erkundungen ein, die er nutzt, um nachts in Villen und Anwesen einzubrechen und kostbare Gegenstände zu rauben. Normalerweise nimmt er lediglich, was er zum Leben benötigt, aber er sucht die Herausforderung und einen Sinn in seinem Leben. Ewig wird er sich hier sowieso nicht aufhalten. Er hat noch mehrere offene Rechnungen in Gareth zu begleichen. Doch dafür muss er noch viel trainieren und das tut er.

Die geraubten Wertgegenstände verbirgt er einige Tage lang in seinem Versteck und bringt sie anschließend zurück zu ihren Besitzern. Das beschert ihm innerhalb kürzester Zeit einen gemischten Ruf in ganz Khunchom überall wird über den mysteriösen Dieb gesprochen. Er selbst schürt bei seinen Einkäufen die Gerüchte noch zusätzlich. Sowohl Stadtgarde als auch Untergrund sind auf der Suche nach ihm, um ihn entweder zu verhaften oder zu Diensten zu machen. Malzan genießt das gefährliche Spiel. Bis eines Tages etwas Unerwartetes geschah.