Wie durch einen Schleier nahm Azina die Hochzeit wahr, obwohl sie als eine der wenigen Frauen keinen trägt. Sie hat keine Angst, der Braut die Show zu stehlen. Nicht hier. Nicht sie. Die eisblaue Klinge ihres weißen Runenspeeres ist sorgfältig mit einem Tuch verhüllt. Sie selbst trägt ein geborgtes schlichtes braun-weißes novadisches Kleid mit einigen wenigen Verzierungen. Ihre wahre charismatische Anmut offenbart sich nur, wenn sie sich in einer engen Lederrüstung elegant bewegt. Ihr Blick streng und stolz. Weich nur in Augenblicken der Schwäche oder der Unaufmerksamkeit. Ein kostbares Gut ihrer Mitreisenden.
Ihre derzeitige Sicht ist vergleichbar mit jener, die Kalkarib auf seine liebreizende Delia hinter dem Baldachin hat. Nur Schatten und Konturen. Nicht mehr. Nur eine Ahnung dessen, was er erwartet. Die Braut lässt sich Zeit, lässt ihn zappeln und warten. Er hält es kaum noch aus. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Zu schnell, zu rasch ging alles. Zu reibungslos. Wo doch in den Monden zuvor solch Ungewissheit herrschte. Waren sie für einander bestimmt, oder nicht? Können sie die Prüfung bestehen und ihre kulturellen Unterschiede überwinden? Wie stark ist ihre Liebe? Oder war es nur heißes ungestilltes Verlangen? Er war ehrlich besorgt, wie sie ihre Entscheidung treffen wird. Die Sprunghaftigkeit seiner künftigen Frau ist ihm nur zu gut bekannt. „Blamier mich jetzt bloß nicht, meine kleine Scharte, sagt sein sorgenvoller Blick.
Azina bekommt von seinen Gefühlen nichts mit. Sie ist in ihren eigenen Gedanken versunken. Aber als Delia schließlich doch vor den Vorhang tritt umspielt ein zartes Lächeln ihr Gesicht, während der überwältigende Rest der Gesellschaft in stürmischen Jubel ausbricht. Die Leute drängen nach vorn, um ihnen beiden zu gratulieren. Braut und Bräutigam fallen sich in die Arme. Sie sind nun rechtmäßig Mann und Frau. Endlich.
Wie wird es jetzt weitergehen? Wird Delia weiter mit uns reisen? Ich hoffe es. Nicht nur, weil wir einen göttlichen Auftrag von höchster Bedeutung haben. Nein, auch möchte ich ihre Gegenwart nicht missen. Kalkarib zieht es bestimmt vor mit ihr hier sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen. Aber das kann ich mir bei Delia nicht vorstellen. Sie wird einen Weg finden ihn zu überzeugen mit uns zu reisen. Schließlich ist sie eine Hexe. Auch wenn sie offenbar davon abgeschworen hat. Er wird auch lernen sich an Janes und meine Gegenwart zu gewöhnen. Lange wird er seine Feindseligkeit nicht aufrechterhalten können. Jane wird ihm schon zeigen, wo sein Platz ist. Notfalls wird er schlicht ignoriert. Das kann ich gut. Er ist nicht der erste Mann, der meint, mir was vorschreiben zu müssen. Damit ist Schluss!
Ich bin gespannt auf Darpatien. Sieghelm hat bisher kaum etwas davon erzählt. Vor ungefähr zwei Götterläufen bin ich schon einmal dort durchgereist. Es ist, als sei es schon eine Ewigkeit her. Mit ihm als Führer sollten sich viel mehr Eindrücke offenbaren, als bei meiner Flucht.
Die Bewegung der Menge erinnert sie daran, dass sie noch ein Geschenk zu übergeben hat. Ihr erstes selbst gegerbtes Fell. Von dem unglücklichen Hasen in Mathab mal abgesehen. Sie wartet bis sie an der Reihe ist. Wie immer.
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Azinas Gedanken