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Trollmist

oder besser Ogermist! Genau das gab es im Wald ohne Wiederkehr. Langsam beschlich Karan das Gefühl, dass an diesem Namen etwas dran sein könnte. Bei allem was in diesem Wald so lebte war es kein Wunder wenn viele nicht wiederkamen. Außerdem hatte er selten soviel Pech in einem Wald wie in diesem. Essen war schwer zu finden und fast jedes Tier wollte sie hier töten. Dereinst hatte Karan mal überlegt, ob er nach Maraskan gehen sollte, denn dies sollten die herausfordernsten Wälder von Aventurien sein. Doch angesichts diesen Waldes verschob der Halbfirnelf dieses Reiseziel auf … ganz weit weg.

Nun war auch noch sein Bogen zerbrochen. Die Gunst der Götter und sein geübter Blick ließen ihn schnell neues Holz für einen neuen Bogen finden, an dem er nun baute. Doch bis zur seiner Fertigstellung und Namensgebung würde es noch ein paar Tage dauern. Bis dahin war ihn das Glück jedoch auch hold gewesen. Einen Kurzbogen hatte er von Orks erbeuten können. Genauer gesagt vom Mittagstisch des Ogers und aus deren Eingeweiden. Hm… immerhin war es ein Bogen. Auch wenn sich dieser Bogen nicht so gut anfühlte wie sein Bogen. Dieser war irgendwie befleckt, schmutzig und er stank nach Ork. Jedesmal wenn Karan die Sehne einlegte oder den Bogen spannte weigerte sich etwas ihn ihm diesen Bogen zu nutzen. Er würde weiter an seinem Bogen arbeiten und dieses armselige Wesen im Wald zurücklassen. Für einen Besitzer der ihn gebrauchen konnte.

Vom Mensch und Tier

Karan lag vor dem Bett in der Taverne und dachte über den Abend und die vergangenen Tage nach. Seine Reisegesellschaft und die Leute um ihn herum waren faszinierend. Ihre Handlungen waren für Karan nicht nachvollziehbar und irritierten ihn, gleichzeitig wuchs jedoch seine Neugier und er fragte sich, ob er sie jemals wirklich verstehen würde. Auf der Jagd war alles so einfach. Es gab eine Fährte, ein Ziel und den Wald. Alles Gegebenheiten mit denen der Halbfirnelf sehr gut zurechtkam. Tiere und deren Verhalten und auch den Geist des Waldes konnte er sehr gut verstehen, das war alles so natürlich. Doch das Verhalten der Menschen war mehr als… unberechenbar. Und das störte Karan sehr. Am vergangenen Abend erfreute er sich daran mit dem Holzfäller zu balancieren und genoss die Herausforderung. Doch warum der Holzfäller Karan beschuldigte ihn angerempelt zu haben, das verstand er nicht. Der Holzfäller log doch! Karan hatte ehrlich gewonnen. Knapp zwar aber er hatte gewonnen. Warum wurde er dann beschuldigt?

Karan war gespannt die Holzfäller wiederzusehen. Doch noch mehr freute er sich auf den Ausflug in den Wald. Endlich wäre er dann wieder in seinem Element und eins mit dem Geist des Waldes. Weiterhin konnte dann Ragnar keiner Magd mehr nachsteigen… Als ihn dieser Gedanke kam stutzte er… War das denn so schlimm? Warum zog sich sein Magen immer zusammen wenn Ragnar eine Frau ansah und Anstalten machte sich mit ihr paaren zu wollen? Der Halbfirnelf verstand zwar nicht viel vom menschlichen Verhalten. Doch im Paarungsverhalten, da unterschieden sich Menschen keinesfalls vom Tier. Nur seine eigene starke Reaktion und Abneigung verwunderte ihn.

Unruhig und neugierig auf die kommenden Tage glitt Karan wieder in den Zustand zwischen Tag und Traum, was die Menschen wohl als Schlaf ansehen würden.

Nach dem Sturm

Als die Gruppe in der Nacht zu Racona von Salzas Wohnstatt zurückkehrte, war Ludevico ungewöhnlich still und kehrte ohne Worte auf sein Zimmer zurück, um sich bettfertig zu machen. Er lag noch lange nachdenklich da und kämpfte mit Gewissensbissen.

Warum hatten wir eigentlich Firl mitgenommen? Das war mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein Fehler. Allerdings besser, er bekommt jetzt mit, dass das Abenteuerleben eine Spur härter ist, als er es sich dachte, als würde er es mitten im Wald erfahren. Hier hat er noch die Möglichkeit, in ein normales Leben zurückzukehren und sich zu entscheiden. Doch ist meine Beziehung zu dem aufgeweckten Jungen viel zu frisch, als dass ich ihn jetzt einfach fallen lassen wollen würde. Ich werde morgen sogleich einen Brief aufsetzen, den ich beim Tempel für ihn abgeben werde. Für heute muss ich schlafen, die Ereignisse dieser Nacht waren einfach zu viel. Doch vor allem muss ich mich bei Dir entschuldigen, PHEx. Ich habe Deine Macht missbraucht, nur um meine eigenen Interessen zu wahren und gleich zweimal Menschen aus Borons Händen zu entreißen, die ich noch nicht einmal leiden kann. Sicher war es perainegefällig gewesen, doch habe ich meine Tarnung dadurch preisgegeben. Dies ist unverzeihlich, und ich werde dich erst einmal nicht mehr um Hilfe bitten und versuchen, auf eigene Faust zu handeln. Ich hoffe, du vergibst mir meine unüberlegten Taten.

Bei diesen Gedanken schlief er mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn ein. Doch sein Schlaf war unruhig; ständig wälzte er sich auf dem Bett hin und her. Am nächsten Morgen war er darum nicht sehr erholt und man merkte ihm seine düstere Stimmung an. Er verbrachte den frühen Tag hauptsächlich in seinem Zimmer. Er ließ sich sein Essen dorthin bringen, während er wiederum einen Brief aufsetzte.

Das Schreiben ist für mich eine wahre Wohltat. Es erinnert mich ein wenig an mein normales Leben und gibt mir ein wenig Halt, denn das Abenteuerleben ist für mich im Grunde genommen genauso wenig etwas für mich wie für den kleinen Jungen.

Dabei musste er lächeln, doch seine Miene verdüsterte sich wieder, als die Ereignisse der letzten Nacht in sein Gedächtnis zurückkamen. Er schüttelte sich kurz und atmete tief durch, die Haltung straffend. Alles stand bereit und er begann zu schreiben.

Lieber Firl aus Thurana,

unsere Bekanntschaft dauert noch nicht sehr lange an, doch verstanden wir uns auf Anhieb gut. Obwohl dein Verschwinden für die Gruppe und mich einen herben Verlust darstellt, kann ich mehr noch als die anderen deine Entscheidung verstehen; du hast meinen vollen Respekt dafür. Nimm dir die Zeit im Borontempel, um zu überdenken, was du mit deinem Leben anstellen willst. Doch wie auch immer deine Entscheidung ausfällt, so sollst du wissen – und in diesem Punkt wiederhole ich mich gern -, dass du an meiner Seite immer einen Platz haben wirst. Denn auf lange Sicht ist das Abenteuerleben auf Straßen und in Katakomben genauso wenig für mich wie für dich gemacht. Ich hoffe, wir können zumindest im Geschriebenen noch in Kontakt bleiben, denn es interessiert mich sehr, wie sich ein so vielversprechender Sprössling wie du entwickelt. Solltest du das genauso sehen, so schicke mir doch von Zeit zu Zeit einen Brief an meine Adresse in Andergast. Es würde mir sicher die langweiligen Pflichten eines Händlers erleichtern und ein wenig Sonne in mein Herz treiben. Außerdem möchte ich dir hiermit ein Angebot machen. Ich weiß, diese Praktik ist sicher eher für Maraskanis üblich, doch da ich bisher weder eine Frau für mich gefunden habe, noch aufgrund dessen einen Spross mein eigen nennen kann, würde ich dich, solltest du dem Tempelleben überdrüssig werden, gern adoptieren. Verstehe das nicht als eine Aufforderung, ich möchte dir lediglich diese Tür offen halten. Denn ich will nicht, dass unsere Bekanntschaft und Zusammenarbeit so früh endet. Außerdem möchte ich dich bitten, die Handsprache, die ich euch beibrachte, für dich zu behalten, da sie eher wie ein Juwel ist, das ich Menschen, die ich schätze, anvertraue und sie nicht dafür gedacht ist, einfach wie ein Stück Lumpen weitergereicht zu werden. Ich hoffe, du kannst das verstehen.

Auf hoffentlich bald

LGLE

Dann versiegelte er den Brief wieder auf die gleiche Weise wie die anderen davor. Auf seinem Gesicht konnte man sehen, dass offenbar eine große Last von ihm abgefallen war. Seine Stirn war immer noch in Falten, doch nun nicht mehr so sehr. Er blies die Kerze aus, nahm das zusammengerollte Pergament und verließ unter einem Vorwand das Wohngebäude des Magus gen Borontempel.

Herz

Er lief über eine geschlossene, weiße Schneedecke. Die Beute war ganz nah. Er konnte ihre Spur deutlich erkennen. Tage lang war er ihr gefolgt und heute war es endlich soweit. Das Ziel, die Beute auf die er sein Leben lang gewartet hatte. Die Jagd würde bald zu Ende sein. Leicht trugen ihn seine Schritte tiefer in den verschneiten Wald. Federnd und elegant wich er kleinen Ästen und Wurzeln aus. Vor ihm öffnete sich der Wald zu einer kleinen Lichtung. Dort stand es, das Ziel! Reglos und still, als würde es denken in Sicherheit zu sein. Er legte einen Pfeil auf die Sehne und zielte. Der Jäger atmete tief ein, lies sich Zeit dieser Schuss durfte nicht fehlen. Er lies den Pfeil los und erlegte die Beute. Er trat näher an das zarte Geschöpf heran. Es lag so unschuldig dort, so friedlich als würde es schlafen. Nur ein paar kleine Blutstropfen lagen neben der Beute im Schnee. Der Jäger drehte den toten Leib, um besser das Herz erreichen zu können. Sein Messer blitzte auf. Einmal… Zweimal… Dreimal… Dann hatte zog er das kleine, warme Herz aus dem Körper. Karan strich dem Jungen das braune Haar aus dem Gesicht und schloss die gleichfalls braunen Augen. Firls Herz erkaltete in Karans Hand als er die Lichtung verließ…

Die Welt drehte sich und verschwand. Karan fand sich nackt in weiche, weiße Federn liegend wieder. Eine zarte Frauenstimme sprach in seinem Geiste. Sie kündete vom Ende des Winters. Die Jagd hatte Karan perfektioniert, die Wildnis war sein zu Hause. Doch was ist die Welt ohne Gefühl? Was die Welt ohne die leichte Wärme des Frühlings? Ifirn öffnete ihr Federkleid und ließ den Halbfirnelfen frei.

Dann erwachte er aus tiefem Traum….

Firl, der kleine Mann aus Thurana hatte die Gruppe verlasen. Er war das Herz und das Gewissen gewesen. Mit seinem Fortgang sollte auch jenes gehen. Doch wo Hoffnung ist, da ist auch ein Herz und Hoffnung… Hoffnung hatte Karan immer…

Warum ein Zwerg?

Zurück im Haus des Magus suchte Ragnar nur kurz den Tonkrug mit dem bornländischen Rübenschnaps, von dem er einen kräftigen Schluck nahm, bevor er sich es in seinem Bett gemütlich machte und unruhig einschlief. Die Geschehnisse der Nacht beschäftigten ihn sehr. Natürlich hat die Gruppe, relativ erfolgreich, ihre Aufgaben erfüllt, beide Gesuchten wurden unversehrt befreit, zwei weitere Gefangene noch dazu; Golgari wurde von Phexens Sternen geblendet, sodass der Mantikor-Krieger wieder zurück nach Dere kam. Den einzigen Verlust erlitt die Gruppe durch den kleinen stummen Jungen, der freiwillig sie verlassen wollte. Und trotzdem war Ragnar nicht zufrieden, weder mit der Queste, noch mit den Umständen, geschweige denn mit sich selbst. Dort unter in diesen stinkenden Gängen, der Kanalisation, dort war er er. Die Brücke, sein Geniestreich gegen die Wachen, seine Ungestümtheit an der letzten Tür und sein Kampf gegen den Erz-Dschinn, dass alles war er, wie er sich kannte. Aber seit wann meuchelt ein Ragnar schlafende Menschen? Hatte er seine Swafskari nicht unter Kontrolle gehabt? Muss er Angst haben eine Gefahr für die Gesellschaft zu werden? Diese Gedanken und Sorgen ließen ihn kaum schlafen. Als er durch seine Augenlider bemerkte, dass es zu dämmern begann stand er auf und verließ nur mit leichter Kleidung und seinem Stab ausgestattet das Haus, um sich auf den Weg zur Tommelmündung zu begeben. Dort entkleidete er sich, stieg in die Fluten und bekämpfte die Kälte, um Zwiesprache mit seinem Gott zu halten. „Vater, großer Pottwal, gib mir, deinem Kind, die Kraft und den Mut meine Ungestümtheit zu kontrollieren, dass sie nur die Schuldigen treffe. Lass mich meine Swafskari, deinen Segen, beherrschen, wie du die Weltmeere beherrschst, damit ich dir bessere Dienste leisten kann, als als gesegnetes Kind auf entfernten Inseln. Zeig Gnade den Gefallenen, die durch deine Meere ziehen wollen, bis sie dereinst an deiner Seite gegen die Schlange kämpfen werden, wie auch später einmal ich.“ Mit einem abschließenden „Swafnir ist groß!“ verlässt er das Wasser, reibt sich kurz trocken, zieht sich an und macht sich auf den Rückweg zum Magus, um nicht zu spät zum Frühmahl zu kommen. Er schwört sich nie wieder jemanden seine Axt spüren zu lassen, der nicht selber eine Waffe gegen ihn erhebt.

Briefe

Nachmittag des 2. Tsa 1029 B.F., Gasthof „Zur Fetten Flunder“, Nostria-Stadt

Im spärlich eingerichteten Zimmer, in dem Ludevico nun neben Firl auch noch eine weitere Person beherbergte, brannte eine flackernde Kerze auf dem Tisch. Daran, mit dem Ellenbogen auf dem Tisch und mit der Hand die Stirn stützend, saß der Spross des Handelshauses Eichauer und atmete schwer. Trotz der Fensterläden war es in dem Raum merklich frisch und sein Atem bildete leichte Dampfschwaden. Vor ihm auf dem dilettantisch zusammengezimmerten Holztisch – würde er darauf achten, wäre seinem fachmännischen Auge aufgefallen, dass es sich um Rotfichtenholz handelte, das hauptsächlich in den Wäldern Andergasts vorkam, doch seine Gedanken waren gerade woanders, lagen säuberlich einige Blätter Pergament, ein Tintenfass in dem ein Gänsekiel steckte und eine zusammengerollte Schriftrolle, an der ein aufgerissenes Siegel prangte. Er atmete tief ein und schaute noch einmal über die Schulter. In dem kleinen Raum war ein kleines, verlassenes Bett, sowie ein zweites, in dem Firl seelenruhig schlief und auf dem Boden waren einige Felle ausgebreitet, in denen sich der ihm erst kürzlich bekannte Nordmann Ragnar etwas unruhig wälzte.

So, nun habe ich etwas Ruhe, um mich um die etwas wichtigeren Dinge zu kümmern, dachte er bei sich. Er sog noch einmal die frische Winterluft ein, nahm den Gänsekiel, streifte ihn vorsichtig am Tintenfass ab und begann zu schreiben.

Eure Königliche Majestät,

mein Name ist Ludevico  Graulunkh Llondrian Eichauer, meines Zeichens erstgeborener Sohn von Ulrik Eichauer, Familienoberhaupt des bekannten Großhandelshauses Eichauer aus Andergast. Ich schreibe Euch diese Zeilen, da ich einige Zeit mit einer Euch bekannten Edlen zu Reisen die Freude hatte, die jedoch nur von allzu kurzer Dauer war. Des weiteren erlaube ich mir, zu denken, dass Ihr ein Recht habt, zu erfahren, aus welchem Grunde ich nun nicht mehr seine Gesellschaft genießen darf. Der besagte Edle, von dem ich hier schreibe, hat den wohlklingenden Namen Bermhoin G. R. Ui Niamad, Hofmaler Eurer Königlichen Majestät. Im Zuge einer groß angelegten Verschwörung in Winhall, die wir aufzudecken bereit waren, hatte er uns großzügig seine Hilfe, Unterstützung und seinen tadellosen Ruf und Fachkenntnis der albernischen Juristerei zur Seite gestellt. Doch als er gerade im Magistrat zu Winhall mit der zuständigen Richterin im Gespräch war, konnte ich leider nur vom Boden durch ein Fenster mitbekommen, wie er – bei PRAios! – ein Adliger des albernischen Königshauses, im Magistrat der Stadt von einem einfachen Büttel kaltblütig ermordet wurde. Ich hätte gern diesen Vorfall persönlich untersucht und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen, doch waren offenbar zu hochrangige Personen in den Vorfall verwickelt, sodass mir – um mein Leib und Leben zu wahren und Euch diese Zeilen zukommen zu lassen – nichts blieb, als Hals über Kopf aus dieser Stadt zu fliehen. Ich möchte Euch hiermit mein tiefstes Beileid ob dieses Verlustes ausdrücken und Euch untertänigst um Unterstützung in der Aufklärung dieses Falles bitten. Bis dato trugen wir die Mitverschwörer so zusammen:

Hochwürden Nerzis, Vorsteher des Winhaller Borontempels,

Lichtbringerin Dano Kurstan, die sich bereits selbst richtete,

Richterin Bernhold, die sich offenbar im Zimmer befand, in dem Euer geliebter Hofmaler gemeuchelt wurde.

Für all diese Anschuldigungen befinden sich Beweismittel in meinem Besitz und ich schwöre bei den zwölfen, allen voran beim Herre PRAios, dass alles so geschehen ist, wie hier darniedergeschrieben.

Die Habe von ihm und seinem Leibmagus werde ich Euch in den nächsten Tagen zukommen lassen.

 

Hochachtungsvoll

Ludevico G.L. Eichauer

Nostria, den zweiten TSA eintausendneunundzwanzig nach dem Falle Bosparans, Gasthof „Zur Fetten Flunder“

Auf der Rückseite vermerkte er noch „Zu Händen Ihrer Königlichen Majestät Invher ni Bennain, Havena, Hauptstadt des stolzen Königreichs von Albernia

Er wartete kurz, bis die letzten Buchstaben getrocknet waren, dann rollte er das Pergament zusammen, band eine rote Kordel darum und packte raschelnd ein rotes Stück Wachs aus einem Tuch, dass er sodann über die Kerze hielt. Den Wachs tropfte er geduldig auf die Kordel und das Pergament und drückte bis es fest wurde, seinen Siegelring darauf.

So, eine unangenehme Aufgabe hinter mir, eine steht noch aus. Dabei wurde es ihm im Gemüte schwer, denn so sehr er bisher versuchte, die Ereignisse der letzten Wochen zu vergessen, so sehr drängten sie nun wieder an die Oberfläche. Nie zuvor hatte er Menschen, die ihm so nahe standen, in so kurzer Zeit zu Boron gehen sehen.

Er nahm daraufhin ein zweites Blatt Pergament und schrieb.

Liebe Mütter, Väter, Brüder und Schwestern sowie Freunde von Mara Tannhaus,

Mein Name ist Ludevico Eichauer vom Handelshaus Eichauer aus Andergast und ich hatte die Ehre, eure stolze, hilfsbereite und entschlossene sowie überaus fähige Tochter, Schwester, Freundin als meine Begleiterin auf meiner Reise zu haben. Sie hat sich rührend um alle auch noch so kleinen Wehwehchen gekümmert und hätte sicher eine fähige Heilerin abgegeben. Hätte, da sie, als wir einst in der Wildnis zwischen dem Hof der Bargelters im Süden Andergasts und Winhall rasteten, sich schützend vor mich stellte, als ich wehrlos von einer Gruppe Rotpelze angegriffen wurde. Mein fähiger Leibwächter war gerade einen Steinwurf entfernt am Fluss, um Wasser zu holen. Sie konnte gerade noch einen Rotpelz mit ihrem Heilerbesteck niederstrecken, als sie tödlich und hinterrücks von einem Pfeil getroffen wurde. Mein Leibwächter eilte so schnell er konnte, um die restlichen Rotpelze zu erschlagen, doch für Mara kam leider jede Hilfe zu spät. Ihr Verlust schmerzt mich sehr, da sie nicht nur durch ihre Fachkenntnis, sondern auch durch ihre offene und ehrliche Art eine Bereicherung für meine Reisegesellschaft war. Ihr Lachen wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Ich wäre gern persönlich vorbeigekommen, um die traurige Kunde zu verbreiten, doch meine Geschäfte binden mich. Zumindest haben wir ihr ein borongefälliges Begräbnis ermöglicht. Ich werde euch alsbald ihr Hab und Gut zukommen lassen.

Mein herzliches Beileid

Ludevico Eichauer

2. TSA 1883. Jahr der Unabhängigkeit 

Und auch hier schrieb er auf die Rückseite „Zu Händen der Angehörigen von Mara Tannhaus, Joborn“ und versiegelte diesen Brief ebenso wie den vorherigen mit Wachs und Siegel. Diese Version schien ihm besser zu passen als die Wahrheit. Er wollte vermeiden, dass einfache bürgerliche Uneingeweihte den Vorgängen in Winhall nachforschten. Außerdem erscheint solch ein Tod, wenn sicher auch genauso traurig für die Angehörigen, bestimmt ehrenhafter, als der einer Freien, die ihre Nase in Angelegenheiten steckte, die zu groß für sie waren, und deswegen in einem Kerker umkam. Sobald er auf einen Hauch von Zivilisation stößt, würde er die Briefe bei den Beilunker Reitern oder ähnlich verlässlichen Botendiensten abgeben. Er schaute sich die Kerze an. Sie war fast abgebrannt, doch eine halbe Stunde blieb ihm wohl noch. Er würde sich noch einmal den Brief seines Vaters zu Gemüte führen. Zunächst aber verstaute er die beiden Briefe in einem gewachsten Leinensack, den er dann in seinen Rucksack steckte. Ragnar lag nun ruhig da, schnarchte nur ab und zu. Dafür bewegte sich Firl sehr unruhig. Offenbar träumte er gerade. Der Händler schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch. Dann nahm er das zusammengerollte Pergament mit dem gebrochenen Siegel und las noch einmal den Brief, den der Zöllner ihm von seinem Vater hat zukommen lassen.

Mein geliebter Sohn! – wann hatte er ihn zuletzt so genannt? er konnte sich nicht daran erinnern… –

Ich habe eine frohe Kunde zu verbreiten! Deiner Mutter geht es zwar immernoch nicht besser, und die Heiler meinen, ihr Zustand würde sich nicht allzu bald verändern. Darum habe ich beim hiesigen Traviapriester eine Annullierung unserer Ehe veranlasst. Die Bediensteten kümmern sich momentan um sie, ihr Zustand ist stabil. Nun zur wirklichen frohen Kunde: Arkenon Dalibor, das Familienoberhaupt unserer einstigen Konkurrenten, der Dalibors, ist zu Boron gegangen. Das ist natürlich traurig, doch wo der Herr Boron Vergehen sät, sprießen Tsas Keime aus, nicht wahr? -Bei PHEx, er schreibt wahrhaftig wie ein Bauer, der gerade erst das Schreiben gelernt hat – Also kam doch wie ein angeschossener Hund die Witwe Dalibor zu mir, und ich muss dir sagen, es war wie damals, als ich deine Mutter kennen gelernt habe. –Ja, das klingt vertraut. Überschnelle, hastige Entscheidung, ohne nachzudenken. – Sie meinte, es tue ihr leid, dass unsere Handelshäuser immer so verfeindet waren und sie hätte schon immer für mich geschwärmt, doch ihre traviatischen Pflichten banden sie. Sie hat mir eine Fusion unserer Handelshäuser und eine Heirat vorgeschlagen, was sagst du dazu? Ich habe sofort eingewilligt und gleich am nächsten Tag den Traviabund veranlasst. Das Handelshaus Dalibor gibt es nun nicht mehr. Außerdem fühle ich mich so jung wie schon lange nicht mehr! Es tue ihr auch leid, mir übrigens inzwischen auch, dass sie dem Glück zwischen dir und dieser Lysandra im Weg stand. Darum haben wir beide entschlossen, dass ihr noch dieses Jahr den Traviabund eingehen werdet, Lysandra freut sich auch darauf. Damit können wir die beiden Familien noch enger zusammen bringen und du wolltest das doch schon immer, nicht wahr? –Ja, inzwischen so sehr wie Zorganpocken. Diese Schlampe. – Wie auch immer. Zu dem Zeitpunkt, in dem du diese Zeilen liest, befinde ich mich schon auf der Gischt und fahre mit der Holzlieferung gen PraioS. Ich denke, du solltest nun mehr Zeit mit deiner zukünftigen Frau verbringen, ich fühle mich wieder in der Lage, die Geschäfte allein zu erledigen. Deine Zeit wird sicher später kommen, doch vorerst gilt es, eine Hochzeit zu organisieren. Du kannst also guten Gewissens nach Andergast zurückkehren und mich dort für die anfallenden Geschäfte vertreten sowie die Fusion der Handelshäuser abwickeln. Elise, deine neue Mutter, begleitet mich auf meiner Reise in den Süden. Somit hast du genug Zeit allein mit deiner Verlobten. Sie hat ebenso wie du die nötigen Befugnisse von ihrer Mutter erhalten.

Familiäre Grüße

Ulrik Eichauer

In ihm war alle Trauer verschwunden und hatte nun Wut Platz gemacht. Pah, die hiesigen Geschäfte wickelte er schon seit Jahren ab. Die günstig eingekaufte Holzlieferung aus Anderwald war sein händlerisches Meisterwerk, und nun sollte sein Vater dafür die Lorbeeren einheimsen? Endlich hatte er die Gelegenheit, die wahrhaft großen Geschäfte und Handelspartner kennen zu lernen und in die eigene Hand zu nehmen und nun das? Bei PHEx, wie er es hasste, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen und nicht so, wie er es geplant hatte. Vor allem, wenn er darauf keinen Einfluss hatte. Und nun sollte er ausgerechnet diese Hure heiraten, die ihn so hinterging? Sein Vater hatte nicht einmal den Schneid, es ihm direkt ins Gesicht zu sagen, sondern schien es darüberhinaus so eilig zu haben, dass er ihm nur einen Brief daließ. Niemals in seinem Leben wurde er so gedemütigt. Oh PHEx, warum musst du mich so strafen? dachte er bei sich. Zumindest hatte er nun genug Zeit, sich um die Angelegenheiten in Nostria zu kümmern. Allzusehr zog es ihn nun nicht nach Hause zurück. Doch sollte sein Vater in einem oder zwei Monden zurückkehren, so konnte er sich auf etwas gefasst machen, soviel war sicher.

Den Brief knüllte er lieblos zusammen und stopfte ihn in den Rucksack. Sie hatten noch eine Menge vor. Er sollte sich nun auch langsam zu Bett begeben. In dem Augenblick erlöschte die Kerze und  kleine Rauchfädchen schlängelten sich vom Docht empor. Der Händler machte sich bettfertig und kuschelte sich in die Decken. Er lag noch eine ganze Weile wach, denn seine Gedanken kreisten um den Brief seines Vaters, und seine Möglichkeiten, den Plänen ebendiesem entgegen zu wirken. Irgendwann fand er dann aber doch den Weg in Borons Arme und schlief friedlich ein.

 

Ein anderes Leben

In mitten des Trubels der Wohnung des Magus saß Karan und betrachtete das Treiben um sich herum. Wie konnte man nur so leben. Gefühlt waren hier 50 Kinder im Haus und immer wenn man dachte, dass man alle gesehen habe so kam ein neues Kind von irgendwo her. Dieses traute Familien Leben löste unangenehme Gedanken bei dem Halbfirnelfen aus. War sowas für ihn möglich? Bisher hatte er sich sein Leben in einem Wald im Norden nahe Olport vorgestellt. Vielleicht eine kleine Hütte mit einem Schrein an Herrn Firun und das was zum Leben gebraucht wird kommt aus dem Wald oder wird in der Stadt erhandelt. Somit konnte er zurückgezogen im Wald leben und Ragnar an der Akademie in Olport unterrichten und dennoch waren sie sich nahe.

Doch nun wurde dieses Bild von einem anderen überlagert. Die kleine Hütte im Wald war nun größer und näher an der Stadt . Schutzrunen prangten an der Tür und aus den Fenstern leuchtete ein behagliches Licht. Im Inneren war es mit der absoluten Stille auch vorbei. Karan saß in einem Sessel am Kamin und betrachtete seinen Bogen über dem Kamin. Ragnar saß über seinen Aufzeichnungen gebeugt an seinem Arbeitstisch und brummte vor sich ihn. Der Geruch einer kräftigen Suppe erfüllte den Raum, welche im Kessel durch einen verzauberten Löffel umgerührt wurde. Ein kleiner Junger von Ragnars kräftiger Statur und Karans eisblauen, leicht schrägen Elfenaugen kam auf Karan zu und legte ihm ein Stofftier auf den Schoß und rannte dann kichernd davon.
Karan nickte ein. Eine starke, kalte Hand weckte ihn und er hörte Ragnars brummende Stimme. „Komm ins Bett. Es ist spät. Das Kind schläft schon.“ Karan sah Björn vor dem Kamin schlafen und…

Der protestierende Aufschei der Herrin des Hauses weckte Karan aus seinem Tagtraum. Bei den Zwölfen! Das war unheimlich! Und wo kam das Kind her? Also ein Leben mit Ragnar wäre gut aber… Karan beschloss, dass diese Stadt ihm ganz und gar nicht gut tat. Ein Schauer rann ihm über den Rücken und er schüttelte sich. In dem er das bunte Treiben im Haus beobachtete wollte er sich auf andere Gedanken bringen. Doch immer wieder schoben sich Bilder von Ragnar, dem Kind und ihm in sein Gedächtnis…

Das Schlachthaus

Überall lagen Leichen. Männer und Frauen unterschiedlichen Alters. Sie alle wurden binnen weniger Augenblicke von Karan und seinen Gefährten dahingemetzelt. Positiv war die Beute die eingesammelt wurde. Unter einigen Aspekten war auch die Jagd und der Kampf gut und firungefällig gewesen. Oder etwa doch nicht? Es blieb ein bitterer Nachgeschmack. Sie alle wurden benutzt und verraten. Ragnars und Karans Freund Kasimir sowie die anderen Sklaven waren nicht hier. Dies alles war nur ein Test einer Verbrecherbande gewesen. Ein Test ob sie alle würdig waren. Sie sollten nun einen echten Hinweis auf die Sklaven erhalten. Doch konnten sie diesem Hinweis trauen? Nun nachdem sie so benutzt worden waren?

Der junge Mann Firl musste dies alles mit ansehen. So viel Blut und Leid hatte der Jünger der Göttin Tsa wohl noch nicht erblickt. Es würde ihn abhärten und auf diese unschöne Seite des Abenteuerlebens vorbereiten. Es ist zwar gut alle 12 Götter zu verehren, doch Härte, Disziplin und Wille konnten in dieser Welt nicht schaden. Je eher Firl das lernte, desto besser.

Abenteuerleben

Das sollte nun also das Abenteuerleben sein? In einer wildfremden Stadt einen ehemaligen Reisegefährten zu finden, das wäre unter normalen Umständen nicht so schwer. Doch die Umstände waren alles andere als normal. Die Stadt Nostria war heruntergekommen und nicht als die Stadt des stolzen Königreichs zu erkennen. Warum fürchteten sich einige Andergaster so sehr vor Nostria? Hier gab es höchstens die Verbrecherbanden vor denen man sich in Acht nehmen musste. Karan hoffte sehr darauf, dass er bald mit Ragnar aus dieser Stadt verschwinden konnte. Er wäre froh wenn die Gruppe Abenteurer ihnen beiden helfen konnte. Es war alles zu verwirrend und das war nicht seine Art. Diese ganzen zwischenmenschlichen Dinge, Untertöne und versteckten Anspielungen. Sowas machte man doch nicht. Lieber dem geraden Flug des Pfeils folgen, das wäre es! Firun würde wollen, dass sowas gerade heraus angesprochen wird und dann… und dann waren wir wieder bei seinem Problem. Ragnar. Bei ihm konnte er auch nicht alles einfach so gerade heraus ansprechen. Obwohl sie gute Freunde und Jagdgefährten waren. Doch wer weiß was eines Tages sein würde. Dieser Tag hatte ihnen einen Hund und ein paar nützliche Informationen und vielleicht ein paar neue Freunde eingebracht.

Die Gedanken des Halbfirnelfen kreisten um dieses und jenes Thema, als er das Feuerholz sammelte doch oft auch um Ragnar. Es war Zeit wieder zum Lager und dem guten Freund zurück zu kehren.