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Teil III – Hasardeure (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 17. Peraine, 34 nach Hal – Am frühen Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Die Gebende mit euch, Ser.“ Adellinde schälte auf einem Baumstumpf sitzend Zwiebeln, als sie den müde aussehenden Ordensmeister aus seinem provisorischen Unterstand aufstehen sah. Sie war mit der Praiosscheibe aufgestanden und hatte damit begonnen das Frühstück für sich und ihre Gefährten vorzubereiten. „Morgen“, raunte dieser nur zurück und streckte sich gähnend. Da es in der Nacht kälter geworden war, hatte er seinen dunklen Wams angelassen. Adellinde fand, dass Männer in diesen gefütterten Kleidungsstücken irgendwie drollig aussahen. Es hingen zahlreiche Nestelfäden herab und die Körperform wurde irgendwie unnatürlich in die Breite gezogen.  Was auch dieses Mal zutraf, weshalb sie etwas grinsen musste. „Was habt ihr?“, frug Sieghelm forschend, der ihr Grinsen nicht übersehen konnte. „Ach, ich … gar nichts.“ Ihre Wangen liefen rot an, als sie verlegen zur Seite schaute und selbst für einen sozial tapsigen Mann wie Sieghelm erkennbar verlegen wurde. Sieghelm beschloss sie nicht zu drängen, stattdessen kramte er in den Satteltaschen nach seinem Essgeschirr und ging damit zu ihr. „Ist Kalkarib …?“, begann er im Frageton. „Ja …“, antwortete sie und schälte weiter Zwiebeln. „Wir waren zur gleichen Zeit wach geworden. Er sagte er müsse zu Keft beten und sich deswegen zurückziehen.“ Ein langer Moment der Stille folgte, in denen nur das Knistern der Zwiebelschalen zu hören war, die Adellinde zusammentrug. „Wer ist eigentlich dieser Keft?“, platzte es dann aus ihr, lauter und neugieriger als gewollt, heraus. Als sie sich das sagen hörte, wurde sie sofort wieder etwas rot im Gesicht. Dieses Mal musste Sieghelm, ob der Unwissenheit der Geweihten, etwas grinsen. Er setzte zu einer kurzen Erklärung an: „Keft ist keine Person oder Gott, sondern ein Ort in der Wüste Khôm. Bestimmt habt ihr ihn nur falsch verstanden – sein Akzent ist gewöhnungsbedürftig.“ Als Sieghelm das sagte, deutete er sich selbst mit einer wedelnden Bewegung auf den Mund, was ein Nuscheln nachstellen sollte. Er wollte damit veranschaulichen, dass auch für ihn die Sprache der Novadis seltsam klang. „Ah, achso.“ Sie nickte nur, obwohl sie nicht den Anschein machte, vollständig zu verstehen, was der Reichsritter sagte. Sie holte ein Brettchen heraus und begann die Zwiebeln klein zu schneiden. Zwischendurch warf sie einen prüfenden Blick zum Lagerfeuer, das sie kurz zuvor angezündet hatte. Wieder folgte ein längerer Moment der Stille. Sieghelm betrachtete die junge und zierliche Frau. Er musste noch immer verarbeiten, was gestern Abend geschehen war und dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! „Ich habe mich noch gar nicht wegen gestern Abend bei euch bedankt“, begann er leise. Adellinde zwinkerte verlegen und da zeigte sich wieder ihr bezauberndes Lächeln, dass Sieghelm innerhalb der kurzen Zeit so zu schätzen gelernt hatte. „Ich habe getan, was jeder getan hätte.“ „Das sehe ich anders. Ihr habt mein Leben gerettet, und das im Angesicht eines überlegenden Gegners – ihr habt mehr Mut bewiesen, als ich es bei den meisten meiner Untergebenen je gesehen habe.“ Erneut wurden ihre Wangen scharlachrot, was ihre blauen Augen noch mehr erstrahlen ließ. „Eure Worte schmeicheln mir, Ser.“ „Ich meine das ernst!“, bestand Sieghelm in einem ungewollt harten Tonfall auf sein Gesagtes. Er erschreckte sich selbst vor der ungewollten Schärfe. Adellinde rief in ihm aus einem ihm unbekannten Grund seine sanfte Seite hervor. Es kam ihm so vor, als müsse er sie ganz behutsam behandeln, da sie beim kleinsten falschen Ton zu zerbrechen drohte. Was jedoch albern war, da er gestern Abend gesehen hatte, dass sie keineswegs ein zierliches Ding war, das man beschützen musste. In Sieghelm Welt war sie für ihn aufgrund dieses Widerspruchs ein Mysterium. „Was … was ich sagen will ist …“, setzte er erneut stotternd ein. Doch er konnte einfach nicht die richtigen Worte finden. Wie konnte er ihr sagen was er dachte oder fühlte, wenn er das nicht einmal selbst wusste? Er kam sich so töricht vor und als ihm gewahr wurde, dass sie ihn nun schon mehrere Momente lang fragend in die Augen blickte, da er seinen Satz mittendrin unterbrochen hatte und einfach nicht weiter sprach, wurde auch er verlegen. „Danke. Ich möchte danke sagen.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kamen sie ihm auch schon lächerlich vor. „Gern geschehen, Ser“, antwortete sie knapp und konzentrierte sich dann wieder auf das Zwiebelschneiden. Da fiel Sieghelm noch eine Frage ein, die er ihn unbedingt stellen wollte. Am gestrigen Abend war er viel zu aufgewühlt dafür gewesen und als er sich seine aufgeschlagenen Fingerknöchel betrachtete, wurde ihm wieder klar, wie sehr er bereute, was gestern über ihn gekommen war. „Euer Gnaden, ich möchte euch noch etwas fragen.“ „Nennt mich doch bitte Adellinde“, schoss sie ihn unterbrechend dazwischen, was Sieghelm wieder etwas aus der Fassung brachte. „Na schön, wie ihr wollt – Adellinde. Ich habe mich gefragt, was passiert ist und wie es dazu kam, dass ihr plötzlich zwischen mir und dem Paktierer standet? Ich muss zugeben, dass Boron da wohl den Segen des Vergessens über mich hat kommen lassen. Ich möchte gerne wissen wie es dazu kam. Das letzte woran ich mich erinnere, ist das ich wegen des Giftatems zusammenbrach und den Tod schon vor Augen hatte.“

Sie atmete tief ein, als würde sie zu einer langen Erklärung ansetzen wollen. Da tapste plötzlich Pagol heran und schwänzelte um Sieghelms Beine herum. Er ließ sich auf den Bauch fallen und mit einem kleinen Kläffen gab er bekannt, dass er gekrault werden möchte – was Sieghelm dann auch tat. Mit Blick auf den Hund, wurden ihre Augen etwas glasig, als sie sich an die Szene des gestrigen Abends zurückversetzte. „Wir waren zu dritt hinter dem Baumtrichter, kurz vor ihrem Lager“ begann sie ruhig zu erzählen. „… es war sehr dunkel und als wir die Kampfschreie der Zwerge hörten, stürmtet ihr beide los und hattet mich damit alleine gelassen.“

„Oh Herrin, geschieht das gerade wirklich?“ hauchte Adellinde gedankenverloren, die von Sieghelm und Kalkarib alleine im Dunkeln gelassen wurde. Sie kauerte sich tief hinter den Baumtrichter, um keinesfalls gesehen zu werden. Sie hatte noch nie ein Scharmützel oder gar einen Kampf gesehen. Sie musste an die Kneipenschlägerei denken, die sie in Perz einmal mitansehen musste. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was hier geschah. Sie hörte wie ihr Atem stotterte und spürte ihre Hände zittern. Dann begann das Metallgeklapper. Klingen trafen aufeinander, gefolgt von Todesschreien. Sie wusste nicht von wem es kam, sie hoffte, dass es die der Söldner waren. Da hörte sie eine kleine innere Stimme in ihr, die ihr sagte, dass sie etwas tun musste. Sie konnte nicht einfach nur hier herumsitzen und warten bis die Verletzten zu ihr kamen. Sie musste die Initiative ergreifen. Sie fasste sich ein Herz und blickte durch ein paar Wurzeln hindurch zum Lager der Söldner. Doch das Buschwerk war zu dicht und die wenigen Fackeln erhellten den Kampfplatz nicht gut genug, um etwas erkennen zu können. „Nur ein paar Schritte näher, Adellinde, damit du etwas siehst“, sprach sie zu sich selbst und hielt nach einer geeigneten Deckung Ausschau, die etwas näher am Lager lag. Vorsichtig schlich sie vor und duckte sich fünf Schritt weiter vorne hinter eine dichte Hecke. Doch auch von hier konnte sie nicht viel erkennen. Wieder hörte sie jämmerliche Schreie, gefolgt von ein paar lauten Kommandos einer ihr fremden Stimme. Sie fragte sich, ob das ihr Anführer sei. Sie wechselte noch zwei Mal die Position, bis sie so nah war, dass sie auf die Anhöhe schauen konnte, wo sie Sieghelm im Zweikampf mit einem dunklen Ritter erblickte. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, um aus der Entfernung die Zeichen auf seiner Rüstung besser erkennen zu können. „Ist das … hmm … oh Göttin! Das kann nicht wahr sein.“ Als sie die Symbole auf der geschwärzten Rüstung sah, rutschte ihr das Herz bis in die Hose. Für einen kurzen Moment fühlte sie sich taub und so klein wie eine Kirchenmaus im Praiostempel zu Gareth. „Ein Diener Mishkharas. Herrin ist das wirklich dein ernst?“, fauchte sie ungläubig gen Himmel. Für sie war klar, dass dies eine Fügung ihrer Göttin war. Sie hatte sie hierher gebracht, damit sie sich ihren Ängsten, dem Schlächter ihres Dorfes und dem Schänder ihrer Kirche stellte. Er musste es einfach sein, das spürte sie. Sie schloss sie Augen und ganz langsam begann sie drei Mal durchzuatmen, um sich so selbst zu beruhigen. Jedes Ein- und Ausatmen machte sie ganz bewusst, mit dem Gedanken daran, dass sie sich zum Werkzeug Peraines machen würde und es egal war, ob sie dabei ihr Leben lassen würde. Sie sog die Luft ein und fühlte, wie sich ihr Innerstes mit Leben füllte, mit jedem Ausatmen wuchs der Mut in ihr an, für das, wofür sie zu tun bestimmt war. Nach dem letzten Ausatmen, das über ihre rötlichen Lippen strich, öffnete sie wieder Augen, und es lag eine Entschlossenheit in ihr, die sie bis zur Sonnenwende nicht mehr ablegen würde.

Mit einem behänden Griff in ihre Stofftasche holte sie ein paar Kornähren hervor, die sie immer als Paraphernalien bei sich führte. Sie richtete sich auf, drehte sich zu der Anhöhe und trat entschlossen darauf zu. Sie sah, wie Ser Sieghelm gerade zurücktaumelte und eine giftige grüne Wolke über die Anhöhe waberte, dann begann sie erst leise und immer lauter werdend zu beten: „Herrin Peraine, ich erbitte Deinen Segen, ich habe gearbeitet wie Deine fromme Dienerin, habe geopfert wie Deine fromme Dienerin und habe gebetet wie Deine fromme Dienerin. Segne mich, auf das ich dein Werk auch morgen noch verrichten kann.“ Der Ritter brach inzwischen zusammen und der Paktierer ging mit einem süffisanten Lächeln auf ihn zu. Adellinde ließ ihn nicht mehr aus den Augen, noch war sie außerhalb des Fackelscheins, doch das würde sich jeden Moment ändern. Sie wusste, dass sie sich ihm alleine stellen musste, denn der Reichsritter war zu Boden gegangen und sie hatte als Waffe gegen ihn nur ihren Glauben. Sie durfte sich keinen Fehler erlauben. „Sie her, Diener der Seuchenbringerin – SIEH HER!“ Ihre Stimme überschlug sich, als sie losbrüllte und sich somit des Paktierers Aufmerksamkeit sicher war. Er hatte gerade zu einem vernichtenden Schlag ausgeholt, doch hielt er nun inne. Adellinde trat entschlossen in den Fackelschein, in der linken Hand die Kornähren, die Rechte geballt zur Faust und ihr Blick so entschlossen, dass ihre blauen Augen hell leuchteten. „Du hast Verderben über mein Dorf gebracht, und nun stehe ich hier, lebendig und kraftvoll trotze ich deinem fauligen Atem, denn wo ich gedeihe wirst du vergehen.“ Mit diesen Worten reckte sie die Kornähren ihm entgegen. Der grünliche Nebel wich so schnell von dem Hügel, als würde er flüchten und auch der Paktierer machte einen Satz zurück als hätte ihn ein mächtiger Stein am Kopf getroffen. „WEICHE, faulige Ausgeburt! WEICHE, wo das Leben blüht und gedeiht! DU bist hier nicht willkommen.“ Ohne langsamer zu werden, stellte sich Adellinde vor Sieghelm breitbeinig auf, noch immer die Ähren noch vorne gereckt. Der Paktierer fing sich ein paar Schritt entfernt auf. Er schüttelte sich und verzog das faulige Gesicht. „Wer bist du?!“, rief Baron Markwart und hielt sich einen Arm schützend vor das Gesicht, als würde Adellinde ihn blenden. „Ich bin eine Dienerin der Gebenden aus Perz und ich bin gekommen um dir zu verheißen, dass das Ende deines Vergehens gekommen ist. Knie nieder und bitte die Gütige um Vergebung für deine Gräueltaten in Perz, oder du wirst jetzt dein Ende finden.“ Die Worte sprudelten nur so aus Adellinde heraus,sie kamen zum Teil von ihr selbst und zum anderen Teil durchdrangen Sie sie einfach. Sie spürte wie ihre Göttin durch sie zu dem Paktierer sprechen wollte und sie ließ es zu, doch vorher kam Markwart zu Wort: „Dreckiges kleines Miststück! Du bist viel hübscher als die anderen – ich hätte lieber dich auf dem Altar schänden sollen.“ Die beleidigenden Worte des Barons verfehlten ihr Ziel, denn Adellinde befand sich inzwischen in einem geistig entrückten Zustand. Die blauen Augen der Priesterin wurden für einen kurzen Moment reinweiß und ihr gesamtes grünes Antlitz strahlte so hell, dass es Markwart erneut blendete. Mit einem tieferen Ton drangen aus ihr die Worte: „Ich bin die Bewahrerin, die Hüterin des Heiligen Hains. Sieh oh Halm, die Ähren auf dem Felde, ein leiser Hauch, wenn eine sich beugt, so bebet, die andere auch. Die Sichel kommt und Schnitt, die Faulen und die fremden Halme – Erzitter mit.“ „GENUG!“, erwiderte Markwart, dem es nun überkam, der seine Kraft zusammennahm und nach vorne preschte. Mit erhobenem Warunker Hammer warf er sich voran, doch Adellinde wich keinen Fingerbreit. Da fuhr plötzlich Rondras Nagel empor, geführt vom wiedererstarkten Reichsritter, der seinen mächtigen Hieb abfing. Sieghelm setzte nach und drängte ihn zurück – da kehrten auch Adellindes blaue Augen zurück und das Prickeln fuhr aus ihrem Körper. Sie sah mit an, wie es Sieghelm gelang den Frevler zu überwältigen, während Sie nur wenige Schritt entfernt versuchte, die Worte, die soeben über Ihre Lippen gekommen waren, zu verstehen.

„Ich bewundere euch“, flüsterte Sieghelm, der Adellindes Geschichte gebannt gelauscht hatte. Ihr rannen ein paar Tränen über die Wangen. „Warum weint ihr?“ „Die Zwiebeln, sie … es sind die Zwiebeln“, gab die Priesterin als ausweichende Antwort. Doch in Wahrheit war es die Erinnerung an der Moment, als ihre Göttin durch sie sprach, der sie erneut mitnahm. Sie war traurig, dass es ihr nicht gelang, sich komplett daran zu erinnern, was sie gesagt hatte und es gab auch keine Hoffnung, es je zu erfahren, denn der Einzige, der es mitbekommen hatte, war inzwischen tot. „Wo wir schon dabei sind von gestern zu sprechen, Ser – was war es eigentlich, was euch der Paktierer noch zugeflüstert hatte, dass es euch so in Rage versetzt hatte?“ Sieghelm schluckte schwer und Adellinde sah, dass es ihm unangenehm war. „Es ist heilend für Körper und Seele, über so etwas mit einer Priesterin eures Vertrauens zu sprechen. Euer Wohlgeboren.“ „Ich möchte eigentlich nicht darüber sprechen“, wich Sieghelm aus und machte Anstalten aufzustehen.Doch da kläffte Pagol, der noch nicht genug davon hatte, gekrault zu werden, weshalb ihm nichts anderes übrig bleib, als sitzen zu bleiben. „Wenn euer Verstand nicht darüber sprechen möchte, ist es umso wichtiger für eure Seele, dass ihr es tut“, hakte Adellinde nach und griff zu den Rüben, um nun diese zu bearbeiten. Sieghelm seufzte, die Priesterin war hartnäckig und sein eigener Leutnant hatte sich gegen ihn verschworen. „Nungut, wie ihr wollt. Aber ihr müsst mir versprechen, nicht darüber zu urteilen. Ich … bin sonst nicht so.“ „Heiliges Apfelehrenwort!“ Adellinde hob die linke Hand, reckte den Rücken und machte eine bedeutsame Pose.Sieghelms Brauen senkten sich und er schaute sie verwirrt an. „So etwas gibt es doch gar nicht.“ Adellinde grinste beschwichtigend. „Natürlich nicht. Aber ich bin eine Priesterin Peraines, eure Worte sind bei mir so sicher wie das Amen in der Praioskirche.“ Nun lächelte auch Sieghelm, der Adellindes neckische Art begann zu mögen. „Nun, es war so …“

Sieghelm drehte Custoris in der Luft um die eigene Achse und versetzte Markwart damit einen Treffer gegen die linke Schulter. Der Anderthalbhänder ächzte gegen die schwarze Plattenrüstung, doch die Wucht brachte den alten Baron ins Taumeln. Er versuchte das Ungleichgewicht mit seinem Warunker Hammer auszugleichen, doch schaffte er es nicht rechtzeitig und so setzte Sieghelm nach. Mit einem mächtigen Schwung traf er den Paktierer erneut am linken Arm, so dass er hörte, wie darunter Knochen brachen. Das von Pusteln übersäte Gesicht des Barons wurde schmerzverzerrt, er wusste, dass sein letzter Moment gekommen war. Er konnte dem Reichsritter einfach nichts mehr entgegensetzen und hatte schon zu viel Blut verloren. „Es ist ganz gleich, was hier geschieht“, stöhnte er und wehrte einen Hieb des Ritters mit letzter Kraft ab. „Der Greifenthron wird fallen, und mit ihm das Kaiserreich.“ Sieghelm machte eine Finte, die der Baron nicht kommen sah und dieser bekam so einen Treffer gegen das rechte Bein. Unter heftigen Schmerzen gab es nach und der Baron sank auf die Knie. „Und ihr könnt es nicht verhindern, die Kaiserin gehört uns.“ Der mächtige Anderthalbhänder sauste herab und noch während das Donnern über den Hügel zu hören war, durchtrennte seine Klinge den hölzernen Schaft des Warunker Hammers. Das Holz zerbrach und die Klinge suchte seinen Weg weiter nach unten und grub sich tief in die Schulter des Barons. „Während ihr hier euren Sieg feiern werdet …“ Markwart musste Blut spucken, als er das Schwert in seine Schulter bekam, doch ließ er sich nicht davon abhalten weiter zu reden. „ … wird die Hure des Mittelreichs in der Warunkei kaiserlich vom jedem im Nekromantenrat durchgepflügt, der noch etwas Fleisch am Pimmel hat.“ Während in Sieghelms Gesicht die Wut hochkochte, ergötzte sich der Frevler daran, denn auch wenn er den Kampf hier verloren hatte, so wusste er, dass er mit einem Lächeln abtreten konnte. Er hatte seinem Widersacher ein widerwärtiges Bild in den Kopf gesetzt, dasser nicht mehr loswerden würde. Sieghelm schlug mit dem Knauf seines Schwerts gegen Markwarts Gesicht. Seine Nase brach und Blut platzte Sieghelm entgegen. Dann stürzte sich der Reichsritter auf ihn und ließ den Knauf so lange auf dessen Gesicht nieder, bis das Grinsen in seinem Gesicht nur noch eine blutige Masse war.

Teil III – Hasardeure (3)

Teil III – Hasardeure (2)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

„Ha!“ Albrax’s Axt trennte einen Unterarm vom Rest des Körpers. Blut schoß durch die Luft. „Huh!“ Die Axt wirbelte in der Luft herum und drang dann tief in den Oberkörper des Söldners ein. „Hehe!“ Mit dem metallischen Endstück des Stils wehrte er gekonnt den Schwerthieb einer Söldnerin ab und ging ohne Unterbrechung zum Gegenangriff über. „Nimm das!“ Sofort sank sie auf die Knie, als sich Albrax‘s Axtblatt tief in ihre Hüfte schob. „Klonk!“ Mit der Wucht eines wasserbetriebenen Stampfwerks hämmerte Albrax seinen Helm gegen ihre Stirn. Sie wurde nach hinten über geschleudert und stand nie wieder auf.  „Was für ein Spaß!“, intonierte er auf der Suche nach einem neuen Gegner. Seine Brüder und Schwestern kämpfen noch gegen die inzwischen dezimierten Söldner, die entgegen seiner Erwartung bis aufs letzte Blut kämpften. Was ihn insgeheim ein kleines bisschen freute, denn im Hinterherrennen war er nicht so gut. Zumal es sich für einen Hochkönig nicht geziemte, einem fliehenden Feind nachzustellen. Dafür gab es schließlich Armbrüste. Albrax erblickte Kalkarib, der nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Er humpelte und wehrte sich mühsam gegen einen Söldner mit einem Breitschwert. Albrax verließ die Kampfreihe der Zwerge, welche sofort von seinen Brüdern und Schwestern geschlossen wurde. Seine knubbeligen Finger griffen nach etwas an seinem Gürtel, als er hinter den Reihen der Angroschim langging. Der junge Wüstensohn hatte Mühe mit seinem Gegner, was wohl an seiner ihn benachteiligenden Verletzung lag. Albrax‘ Arm beschrieb einen Halbkreis, als er durch die Luft zuckte. Im nächsten Moment schaute aus dem Oberschenkel des Söldners der Griff einer Wurfaxt heraus. „Aaaagh!“, brüllte dieser, der sich fortan auf Paraden beschränkte, da Kalkarib in die Offensive ging. Den schnellen Bewegungen des Novadis war der verletzte Söldner nicht gewachsen. Es dauerte keine zehn Momente, bis er seinen Gegner überwältigt hatte und auch dieser Söldner zu Boden ging. Als Kalkarib seinen Khunchomer am Wappenrock des Mannes abstrich, erblickte er den neben ihm stehenden und unter seinem grauen Bart breit grinsenden Hochkönig. „Mir erschien das gerechter“, brubbelte er plötzlich mit roten Pausbäckchen und zuckte kurz mit den Achseln. Was bei einem Zwerg mit seinem Format so aussah, als würde eine gedrungene Eichentruhe den Versuch unternehmen hüpfen zu wollen. Albrax hatte ihm bei seinem Kampf geholfen, in der er seinen Gegner eine ähnliche Verletzung zufügte wie die, die er hatte. Auf diese Weise konnte er seinen Gegner selbst überwinden und seine Ehre erhalten. Kalkarib blieb keine andere Wahl als „Danke“ zu sagen. „Gern geschehen Junge.“ Albrax zwinkerte ihm zu und beide blickten über das Kampffeld. Die Angroschim hatten inzwischen ohne ihn den Sieg errungen, alle Söldner waren besiegt. Die beiden Männer blickten daher zur Anhöhe, wo noch kurz zuvor Sieghelm den Anführer der Gruppe die Stirn geboten hatte. Sie waren nur zwanzig Schritt davon entfernt, und im schwachen Fackelschein der Nacht konnten Sie nicht alles klar erkennen, aber was sie dort sahen, ließ sie beide den Atem anhalten.

Baron Markwart hüstelte und grinste noch immer, als er sich erhob und ausreichend Abstand zwischen sich und Sieghelm brachte, um mit der scharfen Seite seines langen Warunker Hammers den Kopf vom Torso des Ritters trennen zu können. Sieghelms Krämpfe waren noch immer so stark, dass er absolut gar nichts dagegen ausrichten konnte, nicht einmal ein Stoßgebet an die Herrin drang ihm über die Lippen. Das einzige, was er tun konnte, war ihm nicht die Genugtuung zu geben, die Angst in seinen Augen zu sehen, weshalb er sich dafür entschied, selbige zu schließen. Es war ohnehin besser, so würde er die tödliche Klinge nicht kommen sehen. Er dachte an seine Familie, an seinen Vater Parzalon, den er nun nie wieder sehen würde und zu dessen Hilfe er eigentlich unterwegs war. Er dachte an seine beiden Brüder, Traviahold und Torion. Sein kleiner Bruder Traviahold hatte inzwischen eine Familie gegründet und war sogar Abt eines eigenen Klosters. Torion, der ebenfalls eine Familie hatte, setzte die Blutlinie fort und befand sich wohl gerade im Familiensitz in Dettenhofen. Wie er wohl reagieren wird, wenn die Nachricht kommt, das sowohl er, als auch ihr gemeinsamen Vater ihr Leben auf dem Schlachtfeld gelassen hatten? Immerhin wird er dadurch Baron von Dettenhofen. Während ihm seine Gedanken durch den Kopf schossen, bemerkte Sieghelm nicht, wie viel Zeit inzwischen verstrichen war. Anscheinend ließ sich Markwart viel Zeit und kostete seinen Sieg in vollen Zügen aus. Da berührte ihn plötzlich etwas an der Wange, etwas kaltes und gleichwohl weiches. Er riss die Augen auf, und was er sah, konnte er nicht glauben. Es war Adellinde, die ihm ihre rechte Hand auf die linke Wange legte, während sie die andere Hand mit ein paar Kornähren zur Faust geballt auf Markwart richtete, der doch tatsächlich davon angewidert zurückwich. Ein göttlicher und kaum wahrnehmbarer Glanz lag auf der Aura der zierlichen Priesterin. Sieghelm wusste nicht, ob er das wirklich sah, oder ob das an dem Gift lag, das er eingeatmet hatte. Adellinde sprach dann mit seidiger Stimme und ihre Worte beruhigten ihn: „Habt keine Angst. Ich bin bei euch, Herr Ritter.“ Wobei ihre Stimme sich für ihn wie göttliches Harfenspiel anhörte. Und tatsächlich, seine Angst verflog. Für einen klitzekleinen Moment lächelte sie ihn an, was Sieghelms Herz höher springen ließ. Er wollte ihr danken, ihr irgendetwas sagen, doch er konnte nicht. Dann schloss sie die großen blauen Augen und sprach: „Heiliger Therbûn, mögest Du diesen Gläubigen leiten! Gnädige Peraine, schenke diesem Gläubigen Gesundheit!“ Während ihrer Worte wurde ihre Handfläche angenehm warm. Dann erhob sie sich und stellte sich breitbeinig zwischen ihm und Markwart verteidigend auf. Ihre Faust war dabei noch immer auf den schwarzen Ritter gerichtet. Sieghelm wusste zwar nicht, wie es ihr gelungen war, Markwart zurückzudrängen, aber er bewunderte ihren übermenschlichen Mut, sich ihm alleine und nur mit ein paar Kornähren bewaffnet zu stellen. Er spürte wie die Betäubung aus seinen Gliedern wich und er wieder Kontrolle über seine Muskeln bekam. Die Krämpfe ließen nach, doch an ihre Stelle trat erschöpfter Schmerz, als hätte er den Hindernisparcour in der Kriegerakademie zum dritten Mal absolviert.

„Glaubst du wirklich, dass du mich damit aufhalten kannst, du hübsches Ding?“, bellte Markwart wütend, dessen Gesichtsausdruck immer verzerrter wurde. „Ich bin Adellinde, ergebene Dienerin Peraines, und es war mein Tempel und es waren meine Brüder und Schwestern in Perz, die du geschändet hast“, erklärte sie. Ihre sonst so zarte Stimme war plötzlich durchdrungen von Entschlossenheit. Es war kein Funken Wut in ihr und kein Zorn lag auf ihrem Gesicht. In Markwarts Gesicht hingegen glomm unterdessen die Erkenntnis, dass sie hier war, um seine Taten in Perz zu vergelten. „Aaaaahh, du willst Rache, Mädchen.“ Als er das Wort ‚Rache‘ aussprach, wuchs wieder ein hämischen Grinsen auf ihm an. „Nein“, konterte sie kühl, was Markwart überraschte. „So, wie eine Eiche, in der die Spitze eines Pfeils steckt, keine Rache gegenüber dem Pfeil verspürt, so verspüre auch ich keine. Stattdessen lebt der Baum damit weiter und überwuchert den Fremdkörper. Peraines Güte ist größer und beständiger, als das kurzlebige und verderbende Gift, das dir Mishkhara schenkt, Paktierer.“ Für einen kurzen Moment wusste der Baron darauf nichts zu erwidern. Stattdessen griff er nach seinem Warunker Hammer und ging zum Angriff über. „Dann stirbst du hier! Dummes Ding!“ Adellinde hatte noch immer nichts zu Verteidigung, außer ihre paar Kornähren und nichts vermochte ihn aufzuhalten. Er würde sie mit einem einzigen Hieb spalten. Markwarts Mimik war eine Mischung aus süßem Schmerz und Freude, als er das Axtblatt von weit hinter sich schwang und über ihrem Kopf niederschießen ließ, denn noch immer war ihm nicht wohl in ihrer Nähe, aber er freute sich gleichzeitig, seine Arbeit in Perz vollenden zu können. Da knallte ein Donnerschlag über die Anhöhe, der alles, bis auf ein kaum hörbares ‚Nein!‘ eines wiedererstarkten Reichsritters übertönte. Mit aller Kraft und noch immer unter erschöpfenden Schmerzen hatte sich Sieghelm hinter ihr hochgestemmt, mit Custoris ausgeholt und mit der Wucht eines Auerochsen, der gegen ein Scheunentor rannte, gegen den Hieb des Barons geschlagen. Die Klingen kreuzten sich nur knapp vor Adellindes Gesicht, die nicht einmal mit der Wimper zuckte. Funken, Holz- und Metallsplitter spritzten in alle Richtungen, als der Paktierer zurücktaumelte. Der Kopf seines Hammers flog im hohen Bogen davon, Sieghelms Hieb war so stark gewesen, dass er glatt den langen Stil am Metallteil durchtrennt hatte. Markwart hielt nun nur noch einen abgebrochenen Stecken in der Hand. Seine Kampfhaltung ließ zu wünschen übrig, als sich Sieghelm lautstark prustend und mit blutunterlaufenden Augen schützend vor Adellinde schob. „Wo waren wir stehen geblieben?“, sagte Sieghelm, der Mühe hatte, die Worte auszusprechen. Markwart blickte verbittert auf das ausgefaserte Ende seines Steckens und warf ihn dann missmutig zur Seite. „Wollt ihr es so beenden? Nennt ihr das rondrianisch, einen Unbewaffneten zu erschlagen?“, spottete er und spieh dabei mehrere Klumpen Spucke aus. Er hatte recht, auch wenn er ein Paktierer war, es lag keine Ehre darin, einen Unbewaffneten zu erschlagen – und rondrianisch war es allemal nicht. Dann sah Sieghelm eine Lösung. „Dort ist ein Waffenständer, wählt eure Waffe und ich schenke euch einen raschen Tod, wie es sich für einen Adeligen gebührt.“ Mit der Spitze seines Anderthalbhänders deutete er auf einen nahen Waffenständer in dem Äxte, Streitkolben und Kriegshämmer standen. Markwart rümpfe angewidert die Nase, als er die Waffen erblickte. „Wir wissen beide, das ihr mir im Kampf überlegen seid, ich habe euch auf dem Mythraelsfeld kämpfen sehen, was soll das ganze also?“ Sieghelm schnaufte verächtlich und setzte dann mit ernster Stimme zu einer Erklärung an. „Wenn ihr euch nicht wie ein Adeliger verhaltet und sofort zu einer Waffe greift, dann werde ich euch wie einen Gemeinen behandeln. Ich lasse euch gefangen nehmen, werde euch an den Händen fesseln lasen und werde euch hinter meinem Pferd im Galopp über die Reichsstraße ziehen, bis von euch nur noch ein blutiger Klumpen übrig ist.“ Das hatte gesessen. Auch wenn Baron Markwart ein Paktierer war, aber so wollte auch er nicht sterben. Bei Markwart zeichnete sich blutrünstiger Hass auf seinem zerfledderten Gesicht ab. Widerwillig holte er sich einen zweihändigen Kriegshammer und stellte sich dann kampfbereit auf. „Ich muss euch bitten, nun etwas zur Seite zu treten, euer Gnaden. Ich übernehme wieder“, sagte Sieghelm mit sanftmütiger Stimme rücklings gewandt zu Adellinde, die ihre Haltung kein bisschen verändert hatte. Sie nickte nur, senkte die Faust und trat dann ein paar Schritte zurück. Augenblicklich verschwand auch die glitzernde Aura von ihr. „Gute Entscheidung, Euer Hochwohlgebohren.“ Sieghelm nickte seinem Kontrahenten anerkennend zu.

„Ich muss ihm helfen!“, sagte Kalkarib besorgt im novadischen Akzent. Kaum hatte er seine Worte ausgesprochen, eilte er auf die Anhöhe los. Doch er wurde jäh in der Bewegung unterbrochen. Der Hochkönig, der sich trotz Kalkaribs Bewegungsmoment keine Haarbreite bewegt hatte, hatte ihm am Handgelenk gepackt und hielt ihn an Ort und Stelle fest. Der Novadi blickte ihn ernst an, warum in Rastullahs Namen hielt der Zwerg ihn davon ab, Sieghelm zur Hilfe zu eilen? Es war offensichtlich, dass nicht nur er, sondern auch Adellinde in Gefahr waren. „Ganz ruhig, mein Junge.“ Albrax‘ Stimme war zugleich beruhigend und bestimmend. „Diesen Kampf muss er alleine bestehen.“ „Seht ihr denn nicht, wie er dasteht? Er ist verletzt!“, konterte Kalkarib im Tonfall eines Kindes. Albrax ruckte am Arm des Novadis, der daraufhin aufhörte zu zappeln. Mit sehr ernster Miene sah der alte Zwerg dem großen Novadi in die Augen. Seine buschigen grauen Augenbauen wippten dabei auf und ab. „Ja das ist er, aber es ist ein rondrianischer Kampf – und wenn ich etwas über Rondra in den letzten 200 Jahren meines Lebens gelernt habe, dann, das es egal ist, wie der Kampf ausgeht, solange er rondrianisch bleibt.“ Mit den letzten Worten ließ Albrax‘ den Novadi los, der Mühe hatte, sich aufgrund seines verletzten Beins zu fangen. Doch vom durchdringenden Blick des Zwergen konnte er sich nicht lösen. Kalkarik dachte nach, es lag viel Weisheit in den Worten des kleines Mannes. Er selbst verstand nicht viel von den Zwölfen, aber auch er hatte ein Ehrgefühl. „Sieh es wie den Kampf eben, wie würde es dir ergehen, wenn ich den Mann meine Wurfaxt in den Kopf und nicht in sein Bein geworfen hätte – oder willst du mir unterstellen, dass ich das nicht gekonnt hätte?“  Beim letzten Satz schob Albrax trotzig sein bärtiges Kinn nach vorne. „Nein, keineswegs!“ Kalkarib machte eine abwehrende Geste. Albrax‘ Haltung entspannte sich wieder, und nach einem kurzen Moment zwinkerte er dem Novadi zu. Sofort lächelte das Gesicht hinter der knolligen Nase wieder. Kalkarib wurde einfach nicht schlau aus dem Zwerg. Aber er hatte Recht, es war eine Angelegenheit der Ehre, ihn den Kampf alleine austragen zu lassen. Einerseits blickte er den Zwerg nun noch immer etwas wütend an, da er von ihm aufgehalten wurde, aber andererseits war er dankbar, dass er ihn daran erinnert hatte. Während das Donnern von Custoris begann, gingen die beiden Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, die Anhöhe hoch, um dem rondrianischen Tanz zuzuschauen.

Sieghelm, der noch immer unter Erschöpfungsschmerzen litt, war schwerfälliger als sonst. Und Baron Markwart steckte noch immer in einer ihm weit überlegenden Rüstung. Er wusste jedoch, dass solange eine Dienerin Peraines anwesend war, es keinen Sinn mehr hatte, auf seine giftigen Paktgeschenke zurückzugreifen. Es musste es also in einem Kampf Mann gegen Mann austragen. Es war keinesfalls Sieghelms schönster Kampf den er je ausgefochten hatte, aber in seiner Vorstellung blickte die donnernde Göttin trotzdem in diesem Moment auf diese Anhöhe, und sah mit Wohlwollen dabei zu, wie er – ihr Auserwählter – einen Paktierer Mishkhara auf rondrianischem Wege besiegen würde. Rundherum versammelten sich die Zwerge, Kalkarib und Adellinde – der so entstehende Kampfplatz war ergo groß genug für die beiden Kontrahenten. Der Reichsritter tauchte jedoch so sehr gedanklich in den Zweikampf ab, dass er seine Freunde um ihn herum nicht wahrnahm. Begleitet nur vom sanften Knistern der Fackeln und in ihrem schwachen Schein, rang der Reichsritter des Greifenthrons zu Gareth den Paktierer unter Aufbringung großer Schmerzen nieder. Markwart von Graufenck aus Eslamsbrück, Baron von Taubrimora, verstarb im ritterlichen Zweikampf in einem Wäldchen nahe Perz, erschlagen von Ordensmeister Sieghelm von Spichbrecher – so würde es zumindest in die Geschichtsbücher eingehen. Der Kampf war auch rondrianisch, doch zwischendurch hatte der Baron Sieghelm etwas zugeflüstert, was sonst niemand anderes vernahm, was ihn anschließend in einen blutrauschartigen Zustand versetzte. Letztlich waren Albrax und drei weitere Zwerge gezwungen Sieghelm von Markwart herunter zu ziehen, als dieser mit dem Knauf seines Schwerts nur noch blutige Klumpen in den Boden stampfte, wo einst das eingefallene und kranke Gesicht des Barons war. „Hoffen wir, das Rondra rechtzeitig weg geschaut hat“, sagte Adellinde mit besorgter Stimme noch zu Albrax, als die beiden zu Sieghelm schauten, nachdem dieser sich beruhigt hatte und an einem Baum gelehnt die blutigen Klumpen Gehirn des Barons von den Händen wischte.

Wenig später, als die Angroschim den Kampfplatz aufräumten und Sieghelm um einen Moment der Ruhe bat, trat Adellinde an den auf dem Boden sitzenden Kalkarib heran. Sein linker Oberschenkel war inzwischen angeschwollen und schmerzte so sehr, dass er nicht mehr stehen konnte. „Was ist passiert?“, erkundigte sie sich bei ihm und kniete sich zu ihm nieder, während sie schon begann in ihrer Stoffumhängetasche zu kramen. „Mich hat ein Streitkolben getroffen“, sagte er nur. Er hatte außerdem ein paar kleine Blessuren, hier und dort ein paar Kratzer, aber nichts Schlimmes. „Was habt ihr vor?“, schob er noch interessiert hinterher, da er schon ahnte, was sie machen wollte. Doch würde er keinesfalls eine Ungläubige, und schon gar nicht eine unverheiratete Frau, seinen Oberschenkel berühren lassen. Sie fingerte aus der Tasche ein paar Kräuter und ein Salbendöschen. „Zieht eure Hose aus“, sagte sie. Da zuckte Kalkarib und sprang im Sitzen auf und ab, dass ihm sein Bein noch mehr wehtat. „A-Auf keinen Fall!“ Adellinde belegte Kalkarib mit einem Blick, der so viel sagte wie: ‚Ernsthaft?‘ „G-Gebt mir die S-Salbe und die K-Kräuter, ich mach das alleine“, stotterte er, was in Verbindung mit dem Novadi-Akzent besonders putzig für Adellinde klang. Er versuchte ihr beides aus den Händen zu reißen, doch sie drehte sich so ein, dass beides hinter ihrem Körper war und er sie nicht erreichte. „Was genau ist euer Problem?“ Ihre Blicke trafen sich und Kalkarib wusste nicht, wo er anfangen sollte.
‚All das!‘ wollte er ihr entgegen rufen, doch fand alles nur in seinem Kopf statt: ‚Weil ihr eine unverheiratete Frau seid! Weil ich verheiratet bin! Weil das ganz nah an meinem Schoß ist! Weil ihr eine Ungläubige seid! Weil ihr so jung seid! Weil ihr so hübsch seid! Weil‘ …“Muss ich euch erst besinnungslos schlagen, damit ich euch behandeln kann? So könnt ihr nicht stehen, und schon gar nicht gehen. Und Ser Sieghelm braucht euch nun mehr denn je, seht ihn euch an! Soll euer Stolz der Grund dafür sein, dass er so bleibt und beim nächsten Kampf vor die Hunde geht?“ „A-Aber…“ „Kein Aber! Nun lehnt euch zurück – ich kann es auch besonders schmerzhaft für euch machen, damit ihr nicht sagen könnt dass es angenehm war. Und nun lehnt … euch … zurück!“ Adellindes blaue Augen wurden so groß wie Unauer Glasperlen. Irgendwo im Hintergrund glaubte Kalkarib einen Zwerg kichern zu hören. Er hatte keine andere Wahl, die Verletzung war so stark, dass er ohnehin bald besinnungslos werden würde, wenn sie unbehandelt blieb und dann wäre er ihr ausgeliefert. Also lehnte er sich zurück und versuchte bei Besinnung zu bleiben, damit er Delia später erzählen konnte, was genau sie gemacht hatte.

Teil III – Hasardeure (2)

Teil III – Hasardeure (1)

In einem Wäldchen nahe Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – In der Nacht
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Die Überzahl der Söldner und die schlechten Sichtverhältnisse ließen die Situation für Albrax, die Zwerge und Kalkarib zwar nicht aussichtslos, aber als schwere Hürde erscheinen. Überraschenderweise gingen die Söldner koordiniert vor, was die Lage zusätzlich erschwerte. Die Zwergengruppe hatte ihre Formation geändert, inzwischen standen sie in einer Reihe Seite an Seite und boten somit eine geeinte Linie gegen die Überzahl an Gegnern, an dessen einen Ende sich Kalkarib eingereiht hatte. Beide Seiten tauschten ein paar prüfende, aber nicht allzu ernst gemeinte Stiche und Hiebe aus, es waren die klassischen ersten Versuche auszuloten, wie fähig die andere Seite war und wo ihre Schwachstellen lagen. Kalkaribs besorgter Blick ging dabei immer wieder durch die Reihen zu Sieghelm und dem schwarzen Ritter, die sich noch immer abwartend in sicherer Entfernung gegenüberstanden und anscheinend miteinander sprachen.

„So sieht man sich wieder“, sprach der fremde Ritter in geschwärzten Plattenteilen. Seine Stimme war kehlig und rau, wie von jemanden, der kürzlich eine schwere Atemwegsentzündung durchgemacht hatte. Seine Worte machten Sieghelm neugierig und er beschloss sich standesgemäß vorzustellen, damit sein Gegenüber wusste, wer ihn zu Boron schicken würde. „Ich bin Reichsritter und Ordensmeister Sieghelm Gilborn von Spichbrecher, ich streite im Namen Rondras für Königin und Kaiserreich – und mit wem habe ich die Ehre die Waffen zu kreuzen?“ Sieghelms Höflichkeit war keineswegs ernst gemeint, gehörte aber zum normalen Adeligensprech. Der ältere Ritter, dessen Gesicht von einer Kettenhaube eingerahmt wurde, hatte ein eingefallenes Gesicht und tiefe Falten um seine braunen Augen. „Ich bin Markwart von Graufenck, Baron von Eslamsbrück. Ich war in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld und habe gesehen, wie ihr den erhobenen Amagomer den Blutigen in den Staub getreten habt. Meine Glückwünsche, ich konnte ihn eh nicht ausstehen.“ Sieghelm dachte nach, seine Kenntnisse über die besetzten Gebiete waren begrenzt. Da fiel es ihm wieder ein. „Eslamsbrück, das liegt in der Grafschaft Tobimora“, stellte er fest. „Wir nennen es jetzt Taubrimora. Doch genug geplaudert, lasst uns zur Sache kommen“, schloss  Markwart von Graufenck und nahm wieder eine Kampfhaltung ein. „Sehr gerne, euer Hochwohlgeboren“, bestätigte Sieghelm, ging ebenfalls ein eine Kampfhaltung über und richtete die letzten Worte vor dem Zweikampf an Rondra, in dem er etwas nach oben schaute: „Dieser Kampf ist mein Gebet an dich, Herrin.“ Der Warunker Hammer des Ritters und Custoris begegneten sich klirrend in der Luft. Mit jedem Schwung seiner Waffe ertönte ein den Kampfplatz überschallender Donner. Da Sieghelms aktuelle Rüstung dem des vollplattierten Ritters unterlegen war, musste Sieghelm nicht nur vorsichtig sein, er musste auch versuchen seine Schläge gezielt zu setzen, da er sonst nur Plattenteile einbeulte. Sieghelm wusste, ein Warunker Hammer, dessen andere Seite mit einer scharfen Axtklinge versehen war, konnte mit genügend Schwung verheerenden Schaden anrichten, die Langwaffe war beliebt bei Söldnern, da man mit ihr sowohl gegen Plattenträger, als auch leichte Rüstungen gut gewappnet war. Der stachelige Hammerkopf eignete sich gut, um Plattenteile jeder Art zu knacken, während das lange Axtblatt genügte, um gegen weiche Ziele vorzugehen. Sieghelm trug aktuell nur Kettenteile, weshalb beide Seiten der Waffe für ihn gerade gefährlich waren. Zu guter Letzt hatte der Hammer am Ende einen tödlichen, zehn doppelfinger langen Eisendorn, wenn auch selten eingesetzt, konnte ein geübter Kämpfer diesen überraschend zum Einsatz bringen und damit seinen Gegner aufspießen.

Zurückhaltend, da die eigene Sicherheit gerade im Vordergrund stand, beschränkte sich Sieghelm zuerst darauf zu verteidigen, um taxieren zu können, wie gut sein Gegenüber mit der Waffe umzugehen wusste. Den ersten paar Schwüngen des Barons wich Sieghelm aus. Mit jedem Hieb legte sein Gegner mehr Kraft hinein, was Sieghelm fortwährend dazu zwang Paraden setzen zu müssen. Dem Reichsritter war klar, dass sein Gegner genau wusste, was er vor hatte. Er würde also versuchen seine wahren Fähigkeiten zu verbergen und sie erst zeigen, wenn er sich in einer Vorteilhaften Position sah. Sieghelm musste Baron Markwart also eine überzeugende Schwachstelle anbieten, die ihm dazu verlocken würde, gekonnter zuschlagen zu wollen, damit Sieghelm wiederrum diese exponierte Haltung auszunutzen vermochte.

Während sich der Reichsritter und der Baron von Taubrimora einen taxierenden Schlagabtausch leisteten, war der Kampf, der in unmittelbarer Nähe unterhalb der kleinen Anhöhe stattfand, weniger taktisch. „Für jeden Zwei“, hatte der Hochkönig der Zwerge mit vor Selbstsicherheit geschwellter Brust gesagt. Zuerst war sich Kalkarib nicht sicher, ob der Zwerg witzelte oder ob er es ernst meinte, denn er hatte bisher wenig Erfahrung im Umgang mit den Angroschim. Die mit rauem Kampfgebrüll untermalten Axthiebe der Zwergengruppe ließen den Wüstensohn jedoch vermuten, dass der Hochkönig seine Aussage tatsächlich ernst meinte. Sofort beschloss auch Kalkarib zum Angriff überzugehen, zum einen wollte er sich vor Sieghelm und den Zwergen keine Blöße geben, und zum anderen war die überschäumende Selbstsicherheit des Hochkönigs inspirierend für ihn. Kalkarib musste es mit zwei Gegnern gleichzeitig aufnehmen. Einer von Ihnen trug einen Streitkolben und ein kleines Rundschild, auf dem die Zähne eines Wolfs aufgemalt waren. Der andere hatte einen ihm einen Reichweitenvorteil bietenden Speer. Letzterer stellte sich knapp hinter den mit dem Streitkolben und wurde vom Schild des anderen gedeckt. Es war eine simple, aber dennoch effektive Kampfhaltung der beiden Söldner. Kalkarib war, da er nur einen Khunchomer und keinen Schild führte, in jeder Hinsicht unterlegen. Sie waren zu zweit, besser bewaffnet und zu allem Überfluss auch besser gerüstet. Doch Kalkarib hatte den Glauben an Rastullah auf seiner Seite, was aus Sicht des Wüstensohns den Vorteil der beiden zu genüge ausglich. „Allah maei. Satamut huna!“, fauchte er auf der Sprache der Novadi seinen Gegnern entgegen, um sie zu verunsichern. Für einen kurzen Moment zuckten sie tatsächlich zusammen, denn selbst Söldner der Warunkei fürchteten die Flüche der Novadis. Kalkarib ließ eine rasche Abfolge von Streichen und Hieben auf den Schildträger los, die ihn dazu zwangen in die Parade zu gehen. Die Schneide des Khunchomers regnete dabei pochend und Holzsplitter stobend auf dem Schild hernieder. Währenddessen suchte der Speerträger einen Moment, in der Kalkarib gerade ausholte, um zuzustoßen. Die Spitze des Speers durchstieß den wüstenfarbenen Kaftan von Kalkarib und verfehlte ihn damit knapp. Das war der Moment auf den Kalkarib hingearbeitet hatte. Er visierte sein Ziel an und zuckte mit dem Khunchomer blitzschnell hindurch. Die letzten fünf Finger der gewölbten Klinge schnitten sich mühelos durch den weichen Hals des Speerträgers. Noch während der Söldner Kalkarib mit weit aufgerissenen und ungläubigen Augen anstarrte und zu spät realisierte, dass das schneidige Geräusch der Luft nicht Bishdariel, sondern die Klinge des Wüstensohns war, hiebte der andere mit seinem Streitkolben nach ihm. Kalkarib versuchte auszuweichen, doch der Speer verhakte sich in seinem Kaftan und hielt ihn an Ort und Stelle. Ein betäubender Schmerz durchzuckte seinen linken Oberschenkel, als ihn der Kopf des Kolbens dort traf. Das Bein gab nach und Kalkarib ging auf die Knie. Der Speerträger hatte seine Waffe inzwischen los gelassen und hielt sich nun rückwärts taumelnd und blutgurgelnd den Hals. Der andere Kämpfer hatte sich jedoch gefangen und wurde rasend vor Wut. Während Kalkarib den Schmerz im Oberschenkel versuchte zu ignorieren, kam der Kopf des Streitkolbens erneut auf ihn zu. Zweimal musste Kalkarib die kraftvollen Hiebe aus der benachteiligten Position ablenken, was den Schmerz im Bein jedoch noch mehr befeuerte. Da stürzte sich der Söldner plötzlich und unerwartet auf ihn. Mit dem Rundschild voran warf er sich auf Kalkarib, der dieses Manöver wahrhaftig nicht hatte kommen sehen. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf, erneut brüllte der Schmerz in Kalkaribs Bein so intensiv, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde. Als er wieder zu sich kam, sah er den Söldner mit hasserfülltem Blick über sich sitzen. Das Schild drückte er auf Kalkaribs Brust und rechter Schulter und hielt damit seinen Waffenarm fixiert. Kalkarib versuchte unter dem Druck des Schilds seinen Khunchomer zu bewegen, doch gelang es ihm nicht. Der Söldner holte zum finalen Schlag aus, Kalkarib blieb keine Wahl, er zückte ohne darüber nachzudenken den Waggif, das kleine geschmückte Messer, und stach damit ziellos zu. Die schlanke gekrümmte Klinge zwängte sich mühelos zwischen den Kettengliedern hindurch und verschwand bis zum Schaft im Brustkorb des Söldners. Es verstrich ein langer Moment, in dem alles verharrte und nichts geschah. Selbst den Kampflärm drumherum nahm Kalkarib nicht mehr war. Da hustete der Söldner plötzlich und Blut rann über seine Lippen. Der Streitkolben rutschte aus dessen Hand und plumpste zu Boden. Die Gelegenheit nutzend, schob er den Mann mit Hilfe des Schilds von sich runter. Es schepperte als er neben ihm zu Boden ging, mühsam rappelte sich Kalkarib auf – der Schmerz in seinem linken Bein war noch immer da. Als er seinen Familien-Waggif aus der Brust des Mannes zog, schaute ihn dieser ungläubig an, bevor ihm die Augenlieder ein letztes Mal zufielen. „Rastullah ich danke dir“, murmelte er in seiner eigener Sprache und strich das Blut von der Klinge des Waggifs. Da ließ ihn plötzlich ein ohrenbetäubender Schrei zusammenzucken. Der Novadi realisierte, dass der Kampf zwischen den Angroschim und den Söldnern noch immer in vollem Gange war, auch wenn sich ihre Überzahl inzwischen dezimiert hatte. Humpelnd ging Kalkarib der Zwergengruppe entschlossen zur Hilfe.

Auf der kleinen Anhöhe wurde der Kampf zwischen dem alten Baron von Taubrimora und dem Ordensmeister inzwischen ernster. Auch wenn keiner von beiden bisher einen Treffer hatte landen können, so hatten sie beide viel über das Kampfverhalten des anderen gelernt. „Wollt ihr mich ermüden, Ritter?“, spottete Baron Markwart, dem das Getänzel begann zu langweilen, mit belegter Stimme. „Ich helfe euch gerne dabei, euch zur letzten Ruhe zu legen, euer Hochwohlgeboren“, konterte Sieghelm mit spitzer Zunge. Doch Markwart ließ sich davon nicht aus der Ruhe bringen, ganz im Gegenteil, er schmunzelte sogar ob der Aussage Sieghelms. „Ihr kämpft so zaghaft wie die Akoluthinnen bei der kläglichen Verteidigung ihres Perainetempels in Perz“, sprach er in rauem Ton und ließ den Warunker Hammer erneut rotieren. Sieghelm wich den Schlägen mühelos aus. „Ihr brüstet euch mit euren Schandtaten!?“ Sieghelms Stimme kippte vom spöttischen ins ernste, auch er hatte langsam genug davon. Als der Baron begann sich mit den Gräueltaten in Perz zu profilieren, wurde ihm übel und wütend zugleich. „Ich habe die zwei jungen Akoluthinnen zwei Mal auf dem Altar gepfählt – und ich kann euch sagen – bei einem davon hatten auch sie ihren Spaß.“ Das ekelhaft schmutzige Grinsen auf den faltigen Lippen des Barons, als er beschrieb was im Tempel geschah, ließ den Reichsritter erzürnen. Die Vorstellung, was dieser widerliche alte Bastard den Bewohnern von Perz angetan hatte, war schon fürchterlich genug, doch dass er nun auch noch begann zu beschreiben wie er den Tempel schändete, kochte es in Sieghelm hoch. „Schweigt!“, brüllte Sieghelm und beschloss dem alten Mann jetzt und hier sein verdientes Ende zu setzen. Der Reichsritter schwang in mächtigen Kreisen Custoris, Donner grollte über das Wäldchen und mit wütend angewidertem Blick machte er Schritt für Schritt nach vorne. Markwart wurde in die Parade gezwungen und wich zurück. Er ließ Sieghelms Schläge ins Leere laufen, während das widerwärtige Grinsen auf seinen Lippen nicht verging. Er hatte seinen Kontrahenten nun da, wo er ihn haben wollte. Es verlangte schon sehr viel Kühnheit oder auch Wahnsinn, um sich Sieghelms Ausfall und Abfolge von Schwüngen entgegen zu stellen, wahrscheinlich besaß Markwart beides, als er plötzlich stehen blieb und Sieghelm weiter auf sich zukommen ließ. Durch die Verkürzung der Distanz, rammte Custoris Stärke donnernd auf die linke Schulterplatte des Barons. Der Plattenpanzer gab ächzend unter der Kraft nach und Markwart spürte wie ihn die Klinge durch die Rüstung hindurch traf. Er federte die Wucht mit den Beinen ab und blieb so, Angesicht zu Angesicht zu seinem Angreifer stehen. Während Sieghelms Gesicht vor süßem Zorn strahlte, überkam Markwart aus dem tiefsten Innern eine aufsteigende Übelkeit. Erst gluckste es in seiner Brust, dann in seinem Hals und als würde er ein dickes Knäuel Haare, wie ein Greifvogel das Gewölle ausspuckte, hervorbringen, drang plötzlich aus seinem Mund ein ohrenbetäubendes Rülpsen, gefolgt von einer giftgrünen Wolke, die zuerst über Sieghelms Gesicht, und dann dessen ganzen Körper waberte. Der Reichsritter, der eben noch entzückt von seinem Treffer war, erschrak und atmete einen tiefen Schwall von der übelriechenden Wolke ein. Er taumelte reflexartig zurück und auch ihm wurde sofort speiübel. Mit jedem Schritt, den er tat, spuckte und schniefte er. Es gelang ihm geradeso die Selbstbeherrschung aufzubringen, sich nicht zu übergeben. Auch seine Augen tränten für einen Moment, was Sieghelm dazu veranlasste, Custoris schützend vor sich zu halten, falls Markwart vorhatte, seinen Moment der Blindheit auszunutzen. Doch der Baron von Taubrimora blieb an Ort und Stelle stehen, er rückte seine Schulterplatte zurecht, wischte sich den Mund ab, als hätte er gerade von einer fettige Schweinshaxe abgebissen und letztlich formte sich ein überlegenes und wissendes Lächeln auf seinem Gesicht. „War das alles was ihr könnt, Herr Ritter?“ Markwart wischte sich imaginären Staub von der Brust, während er seinem Gegner erneut spottete. Sieghelm brauchte einen kurzen Moment, doch dann hatte er sich wieder gefangen, die Tränen vergingen und den Geschmack nach verdorbenen Fleisch hatte er erfolgreich ausgespuckt. „Ich habe noch gar nicht angefangen!“ Sieghelm umklammerte Custoris noch fester und ging mit mehr Entschlossenheit auf Markwart zu. Unterwegs zu ihm erfassten ihn plötzlich Schmerzen in Beinen und Armen, als hätte ihn ein Zauber getroffen. Sein rechtes Bein verkrampfte so stark, dass es sich zusammenzog und Sieghelm das Gleichgewicht verlor. Mit aller Macht hielt er Curtsoris fest, als er zu Boden ging und er am ganzen Körper heftige Schmerzen und unkontrollierte Zuckungen hatte. Er unterdrückte den Schmerz, um nicht loszuschreien, wer auch immer ihn verzaubert hatte, er wollte dem Angreifer nicht die Blöße geben zu schreien. Doch was geschah mit ihm? Er sah Markwart langsam näher kommen, der seinen Warunker Hammer lässig über die Schulter geworfen hatte und noch immer das süffisante Grinsen in Gesicht hatte. Er konnte nichts dagegen unternehmen, die Krämpfe und Zuckungen waren zu stark, dass er schon genug damit beschäftigt war, nicht die Besinnung zu verlieren. „Dadurch, dass ich den Peraine-Tempel schändete…“, begann Baron Markwart mit seiner krächzenden Stimme im Plauderton, „ …verlieh mir meine Gottheit mehr Macht als zuvor.“ Er strich sich dabei wie beiläufig über eines der Zeichen auf seiner Rüstung, was Sieghelm erst jetzt als das Zeichen Mishkharas erkannte, der Dämonin der Missernten und der Pestilenz. Sieghelm wurde sofort, allerdings viel zu spät, klar, weshalb der alte Baron seit Kampfbeginn an so ruhig geblieben war. Er hatte einen Pakt mit Mishkhara geschlossen, weshalb er es nicht nötig hatte mit Sieghelm in ein rondrianisches Gefecht zu gehen. Er hatte dank seines Pakts die Macht und Zugriff über zahlreiche wirkungsvolle Gifte. Sieghelm öffnete den Mund, er wollte ihn verfluchen, seine Göttin anrufen oder um Hilfe rufen, doch außer sehr leises Glucksen drang nichts aus seinem Mund, denn auch seine Stimmbänder verkrampfen so sehr, dass er nicht einmal mehr das tun konnte. 

Markwart, der sich sicher war, dass Sieghelm ihm nichts mehr anhaben konnte, kniete sich zu ihm nieder, um ihm besser ins krampfende Gesicht blicken zu können. Er wollte den Moment seines Sieges in vollen Zügen auskosten. Es war das zweite Mal, dass Sieghelm das eingefallene Gesicht des alten Mannes von so nahem sehen konnte. Unter der Kettenhaube, die sein Gesicht einrahmte, konnte er rote entzündete Haut ausmachen und auch seine Zähne, die so Gelb und dünn waren wie Kornähren, standen weit voneinander entfernt in dem kranken Kiefer des Paktierers. Sieghelm hatte all die Zeichen übersehen, er hatte sich zu sehr auf das Kampfverhalten des Mannes konzentriert, dass er keinen Blick für dessen Symbole auf der Rüstung oder die Zeichen des Paktes hatte, die ihm sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben standen. „Ich habe eine Idee, ich werde euch meine Ländereien in Taubrimora zeigen“, begann Markwart erneut, dieses Mal in einem absurden Ton, als würde er mit einem Kind sprechen. Seine krächzende und entzündete Stimme – die ebenfalls ein Zeichen war, das Sieghelms übersehen hatte – machte es jedoch makaber. Mit jedem Wort, das er aussprach, wurde sein Grinsen breiter und breiter: „Ich werde euren hübschen Kopf auf einen Speer aufspießen und durch mein Land tragen.“

Teil III – Hasardeure (1)

Teil II – Neue und alte Freunde (3)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Der Reichsritter und der Novadi berichteten dem Hochkönig der Zwerge von der Gräueltat aus Perz und als Kalkarib erwähnte, dass er wusste wo sich die vermeidlich Schuldigen zur Zeit aufhielten, erhellten sich die alten und müden Augen des Angroschim zunehmend. Die Aussicht auf einen Kampf ließ ihn freudig von einem Bein aufs andere wippen, denn er hatte seinen Felsspalter schon viel zu lange nicht mehr geschwungen. Albrax ließ sechs Zwerge aus seiner Delegation bei Ysta und den Flüchtlingen zurück, die sich solange in einem anderen Wäldchen verstecken sollten. Er nahm vier weitere seiner besten Kämpfer mit, um dem Söldnerhaufen die Stirn zu bieten. „Wir sind Ihnen dann immernoch zwei zu eins unterlegen“, kommentierte Kalkarik die Situation, als er die eigene Gruppenstärke durchzählte und mit denen der Söldnergruppe verglich. „Nur Zwei für jeden?“, antwortete Albrax selbstsicher. „Dann wird es nicht lange dauern.“ Die Antwort des Hochkönigs überraschte Kalkarib, der noch keine Erfahrung mit Zwergen und ihrer Art zu Kämpfen hatte. Als sich die drei Menschen, denn Adellinde bestand darauf auch mitzukommen, und die fünf Zwerge, angeführt von Kalkarib, da nur er wusste, wo sich die Söldner aufhielten, am frühen Abend aufmachten, berichtete der Wüstensohn so detailliert er konnte von dem Lager der Söldner. Er hatte etwa drei Handvoll von ihnen gezählt und berichtete von ihrer Bewaffnung, wie ihr Lager aufgebaut war und welche möglichen Schwachpunkte es hatte. Albrax und Sieghelm hörten sich seine Ausführungen gut an, immerhin würde eine gute Vorbereitung über Sieg oder Niederlage entscheiden, führte der Reichsritter als Argument ins Feld. Am Ende schmiedeten sie einen Plan, wie sie im Schutze der Dunkelheit das Lager angreifen würden. Kalkarib schlug vor, dass sie warten sollten, bis es dunkel war, um sich dann so nah wie möglich an das Lager heranzuschleichen und sie zu überraschen, wenn sich die ersten schon hingelegt hatten. Sieghelm gefiel der Vorschlag nicht, er empfand ihn als nicht ‚rondrianischen genug‘, meinte aber, dass Albrax entscheiden sollte wie sie vorgehen sollen, da ihm als Hochkönig die Ehre zuteilwurde, die angemessene Taktik vorzugeben. Albrax fühlte sich geehrt, doch wäre er kein Zwerg, wenn er genau das tat, was alle von ihm erwarteten, weshalb er wollte, dass Kalkaribs Plan umgesetzt wird, da er die Gruppe entdeckt hatte und es seiner Meinung nach in seiner Verantwortung läge „den Angriffsplan“ vorzugeben. Mit einem kleinlauten Murren stimmte Sieghelm dem Hochkönig zu. Letztlich hatten sie sich für einen klassischen Zangenangriff entschieden. Auf der einen Seite die Zwerge, angeführt von Hochkönig Albrax, und auf der anderen Seite Sieghelm und Kalkarib. Da Adellinde nicht kämpfen konnte, sollte sie etwas zurück bleiben und für etwaige Verletzte bereit stehen. Sie wollten die Nacht abwarten, sich anschleichen und dann auf ein Zeichen Kalkaribs hin von zwei Seiten das Lager in die Mangel nehmen. Da ein Teil der Söldner zu der Zeit schon schlafen würde und sie das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hatten, würde es so das Risiko auf eigene Verletzte minimieren. Der Plan schien perfekt, doch was Kalkarib nicht wusste war, dass er eine kleine Gruppe stark unterkämpfter Zwerge enthielt.

Die Dunkelheit brach über das Wäldchen ganz plötzlich herein, die Dämmerung hatte lange angehalten, aber von einem Moment auf den anderen wurde es stockfinster. Die Zwerge und Menschen teilten sich wie verabredet auf. Sieghelm hatte seine schweren Rüstungsteile beim Pferd zurückgelassen und war nur mit leichter Rüstung unterwegs, um nicht so viel Krach zu machen und den Zwergen war ihre Rüstung quasi angewachsen, weshalb auch diese kaum bis gar keine Geräusche verursachten. „Wir sehen uns in der Mitte ihres Lagers, auf einen guten Kampf“, flüsterte Sieghelm dem Hochkönig zur Verabschiedung zu und dann trennten sich ihre Wege. Adellinde, Kalkarib und Sieghelm mussten sich etwa fünfhundert Schritt durch teils dichten Wald schleichen, um zum Lager vorzudringen. Sie sollten von Rahja her angreifen, während die Zwerge die Efferdseite einnehmen sollten.  Die halbe Meile kam den drei wie eine Ewigkeit vor, vor allem Sieghelm hatte damit zu kämpfen, denn es war so gar nicht seine Art sich fortzubewegen. Wohingegen sich Kalkarib und Adellinde weniger schwer taten. Immer wieder trat Sieghelm auf einen knackenden Ast, verhakte sich in einem Gebüsch oder kratzte mit seiner Rüstung an der Borke eines Baumes entlang. „Beim Alleinen, kannst du nicht leiser sein?!“, brach es irgendwann im gepressten Flüsterton aus Kalkarib heraus, dessen Blick bei jedem ungewollten Geräusch, das Sieghelm verursachte, immer finsterer wurde. „Ich kann einfach nichts sehen. Es ist nicht jeder so ein windiges Wiesel wie du“, frotzelte Sieghelm. „Ein Wiesel? Was soll …“ „PSCHT!“, zischte Adellinde lauter als gewollt dazwischen, als sie einer lautstarke Diskussion entgegen sah und sich dazu verpflichtet fühlte diese vorzubeugen. Die beiden Männer sahen sich erst verblüfft einander an und holten dann beide hörbar tief Luft. „Ah-Ah“, gluckste sie. Erneut ließ Adellinde ihre Zeigefinger flink durch die Luft fliegen, doch dieses Mal kamen sie auf den Lippen beider Männer zur Ruhe. „Wir haben dafür keine Zeit“, begann sie im eindringlich ernsten Ton. „Jeder hier gibt sein Bestes und jeder hier will das Selbe – also bei der gütigen Göttin, reißt euch zusammen.“ Für ein paar Lidschläge konnte man sehen, wie es in beiden jungen Männern arbeitete. Zeitgleich erhoben beide ebenfalls ihre Finger und deuteten auf den jeweils anderen. Adellinde konnte das schnippige ‚Aber er hat angefangen‘ schon in ihrem Kopf hören, doch ehe es einer von den beiden Zankhähnen aussprechen konnte schnipste sie mit beiden Händen kurz vor ihren Gesichtern und vollführte anschließend eine komplexe Abfolge von Gesten, die so viel hieß wie: ‚Schnauze halten, konzentriert bleiben und weiter gehen!‘ Was die beiden Männer dann auch kommentarlos befolgten. Sie fragte sich, was diese beiden ‚Jungs‘ bloß miteinander verband. Sie kannte sie erst flüchtig, aber wenn sie in der kurzen Zeit eins über sie gelernt hatte, dann, dass sie keine Gelegenheit ausließen miteinander zu zanken, ohne das es dabei zu einem Ergebnis kam. Trotzdem fand sie beiden putzig. Vielleicht genau wegen ihrer kindische Art keinen Zank auszulassen, gingen sie trotzdem achtsam miteinander um und harmonierten auf eine sehr seltsame Weise miteinander.

Den Rest der Strecke bis zum Söldnerlager legten die drei schweigend hin, und tatsächlich gelang es Sieghelm auch etwas leiser zu sein als zuvor. Kalkarib ging dem Ritter sogar unterwegs zur Hand, was der allgemeinen Stimmung und der Heimlichkeit der ganzen Gruppe zuträglich war. Als sie die Lichtkegel des Lagers sahen, wurden sie besonders vorsichtig, denn auch wenn es nur Söldner waren, konnten sie trotzdem irgendwo Wachen aufgestellt haben. Sie versteckten sich hinter dem Wurzeltrichter einer umgefallenen Buche, von dem aus sie einen guten Blick auf das Lager hatten. Zwei Feuerstellen konnten sie ausmachen, um denen ständig fünf Söldner saßen und sich miteinander unterhielten. Sie beobachteten das Lager noch eine Weile, denn sie mussten sicher gehen, dass auch die Zwerge auf der anderen Seite ihre Position eingenommen hatten. Da sie die Zwerge weder sehen noch sich mit ihnen verständigen konnten, blieb Ihnen keine andere Wahl, als zur Sicherheit noch etwas abzuwarten. Immerhin waren die Angroschim zu fünft und vielleicht kamen sie nicht so zügig voran wie sie oder sie wurden unterwegs durch irgendetwas aufgehalten und nichts wäre fataler für den Ausgang des Überraschungsangriffs gewesen, als zum Sturm zu rufen und die andere Gruppe war noch nicht da. Kalkarib und Sieghelm zählten insgesamt 16 Söldner, und das waren nur die, die sie sehen konnten. In den kleinen Zelten konnten noch mehr sein. Auf jeden Fall mussten es diejenigen sein, die Perz angegriffen hatten. Sieghelm erkannte einige kleine Fässer auf einem Handkarren als Bierfässer wieder, wie sie in den Tavernen in Perz benutzt wurden. Die Söldnergruppe trug die unterschiedlichsten Waffen, die meisten von Ihnen hatten Hiebwaffen wie Streitkolben, Äxte oder Morgensterne, aber es waren auch Hellebarden, Piken und klassische Schwert und Schildträger unter ihnen. Es waren auch Bogenschützen dabei, doch mit Ihnen würden sie leichtes Spiel haben, da sie im Überraschungsangriff nicht genug Zeit haben würden ihre Bögen zu bespannen und es in der Dunkelheit eh wenig Sinn ergab, mit einem Bogen zu schießen. Während die beiden Männer die taktische Lage sondierten, ging Adellinde ein letztes Mal ihre Verbände und Heilmittel durch. „Wenn ihr verletzt seid, ruft mich und ich komme zu euch“, flüsterte sie den beiden ganz leise zu.

Gemeinsam warteten sie noch etwas. Die Söldner verhielten sich allgemeinhin recht ruhig, sie tranken zwar das Bier aus Perz, aber sie ließen sich nicht richtig volllaufen. Für Sieghelm machte es fast den Eindruck, als wäre es ein geordneter Haufen. Er hatte sich betrinkende, grölende und feiernde Soldlinge erwartet, mit denen sie leichtes Spiel haben würden und nicht eine Gruppe nüchternen Söldner, die wachsam sein würden. Doch es machte letztlich keinen Unterschied, sie alle würden diese Nacht nicht überleben – dafür würden er und Custoris schon sorgen. „Die Zwerge sollten inzwischen in Position sein“, hauchte Sieghelm, der langsam ungeduldig wurde. „Ja, aber es haben sich noch nicht genug schlafen gelegt, über zwei Handvoll sind noch wach“ antwortete Kalkarib ebenfalls leise, ohne das Lager aus den Augen zu lassen. Es war ruhig rund um das Lager, nur ab und an trug der Wind ein paar vereinzelte Wortfetzen der ehemaligen Galottaner herüber. Kalkarib zählte akribisch jeden der sich in eins der zahlreichen Zelte zurückzog, denn schon bald würde er den Befehl zum Angriff geben. Die Zeit verstrich quälend langsam, denn die drei gaben sich die größte Mühe leise zu sein und sich so wenig wie möglich zu bewegen. Auch vom Söldnerlager war kaum ein Laut zu hören. Doch dann eskalierte die Lage völlig: „HAAAAARRRRGH!“ Lautes Gebrüll war das Erste, was sie aus Richtung des Lagers vernahmen, es war derart grotesk laut und unartikuliert, dass keiner der drei es sofort einzuordnen wusste. Waren es die Schmerzensschreie eines unglücklichen Mannes der ins Lagerfeuer gefallen war? Hatten die Söldner einen Gefangenen, den man mit einer glühenden Schmiedezange den großen Zeh abgeknipst hatte? Oder gar der absurd schrille Schrei eines Nachtwinds im Angesicht einer Gruppe Magier? Kalkarib und Sieghelm sprangen instinktiv hinter ihrer Deckung hervor, um einen besseren Blick auf das Lager zu haben und da sahen sie auch schon, was der Grund für das absurde Geschrei war. Sie wurden Zeugen wie eine dichte Traube axt- und hammerschwingender wild brüllender Zwerge in dichter Formation durch das Lager marodierte. Die Söldner wussten nicht wie ihnen geschah und die ersten von Ihnen wurden von ihren Hämmern und Äxten erst zu Fall gebracht und dann in einer perfekt ablaufenden Todesmaschinerie mit mehreren Hieben im Vorbeigehen zu Boron geschickt. „Wir müssen Ihnen helfen, los!“, befahl Sieghelm eilig, der seinen Anderthalbhander aus der Scheide springen ließ und sofort loseilte. Kalkarib folgte ihm auf dem Fuße, während Adellinde hinter dem Wurzeltrichter blieb. Sie hörten noch immer das groteske zwergische Kampfgebrüll, das immer wieder mal vom absterbenden Schreien eines Söldners übertönt wurde. Als die beiden Kämpfer am Lager ankamen, war das erste Überraschungsmoment vorbei, die restlichen Söldner hatten sich inzwischen ihre Waffen geschnappt und sich kampfbereit gemacht, die Zwerge hatten fünf von Ihnen wortwörtlich niedergemäht und sind in Formation in der Mitte des Lagers zum Stehen gekommen. Schulter an Schulter standen die sechs gedrungenen Zwerge wie eine Einheit zusammen und reckten ihre vor Söldnerblut tropfenden Klingen ihren umzingelnden Gegnern entgegen. „Rondra ist mit uns!“, brüllte Sieghelm, preschte aus der Dunkelheit hervor und zog so die Aufmerksamkeit von vier Söldnern auf sich. Die Söldner wandten sich ihm zwar zu, doch mit einem einzigen und dennoch mächtigen Hieb von Custoris spaltete er den Brustkorb eines Söldners, begleitet von einem göttlichen Donnerknall, in zwei Hälften – was unmittelbar zu dessem Tod führte. Erschrocken sprangen die anderen zur Seite und wagten es nicht, dem Reichsritter die Stirn zu bieten. Währenddessen schnellte Kalkarib an einer anderen Stelle aus einem Busch hervor und ließ seinen Khunchomer in Windeseile zwei Mal durch den Oberkörper einer Söldnerin schnellen, so dass sie sofort zu Boden ging. „Zwerge! Was macht ihr hier?“, rief Kalkarib, der empört darüber war, dass der Angriff nicht auf sein Kommando hin initiiert wurde, der Zwergengruppe perplex zu. „Ich improvisiere!“, rief die Zwergengruppe zurück. Es war zwar Albrax‘ Stimme, doch war nicht genau auszumachen, wer von den fünf miteinander verhakten Zwergen der Hochkönig war. Für mehr Dialog blieb keine Zeit, die Söldner hatten den zweiten Überraschungsangriff inzwischen auch verdaut und positionierten sich taktisch neu. Es folgte ein kurzer Schlagabtausch, bei dem keiner der Seiten einen entscheidenden Schlag zu setzen vermochte. Mit jedem Schwung den Sieghelm dabei tat, donnerte Custoris so laut durch das Wäldchen, dass man glauben konnte, dass ein Gewitter heraufzog. Das ganze wurde vom wilden Kampfgebrüll der Zwergengruppe untermalt, die die dichte Formation nicht aufgaben, sich wie ein axtbewehrter Kreisel hin- und herdrehten und dabei alle Beine vom Boden schnitten wie eine frisch geschärfte Sense trockenes Heu. Der Khunchomer des Novadis surrte so schnell durch die Luft, dass jeder Söldner schon die erste Wunde am Körper hatte, eh er auch nur seine schwerfällige Waffe in Reichweite zu ihm bringen konnte. Trotz des improvisierten Überraschungsangriffs der Zwerge, waren noch genügend Söldner übrig, um vorerst für einen Patt zwischen den beiden Gruppierungen zu sorgen. Zwischen dem Donnern des Schwerts und dem Gebrüll der Zwerge, vermochte Sieghelm eine einzelne befehlsgewohnte männliche Stimme auszumachen, die dem unglücklichen Haufen Befehle zubellte. Das muss der Anführer sein, dachte sich der Ordensmeister und orientierten sich im Schein der Lagerfeuer neu. Er entdeckte einen stämmigen Mann Mitte vierzig Götterläufe alt in einer geschwärzten Plattenrüstung mit roten Symbolen. Während die Zwerge von über zehn Männern und Frauen mit Piken und Hellebarden bewaffnet umzingelt wurden und Kalkarib immer wieder die Position wechseln musste, um nicht selbst in Bedrängnis zu geraten, kämpfte sich Sieghelm entschlossen zu den kommandobrüllenden Mann vor. Tödliche Hiebe konnte der Reichsritter unterwegs nicht setzen, denn er wollte keine Zeit verlieren. Die halbherzigen Hiebe der Söldner, die es wagten, sich in seinen Weg zu stellen, schlug der Ritter wie beiläufig beiseite. Inzwischen war er dem Mann in der Plattenrüstung näher gekommen, seine Aura war klar die eines Adeligen. Dies würde ein würdiger Kampf werden, dachte sich Sieghelm und rief mit entschlossener und lauter Stimme, so dass es der Ritter zu hören vermochte: „Dieser Kampf ist mein Gebet an dich, himmlische Leuin.“ Sofort schenkte der adelige Söldneranführer Sieghelm seine Aufmerksamkeit, indem er sich zu ihm drehte und eine Kampfhaltung einnahm. Er führte eine zweihändig geführte Warunker Gardeaxt, und wenn er damit umzugehen vermochte, hatte das Aufeinandertreffen der beiden das Potenzial, ein gleichwertiger Zweikampf zu werden, weshalb Sieghelm hoffte, des er nicht zu schnell vorbei war und eines Kampfgebets an Rondra würdig. „Macht Platz“, befahl der unbekannte Adelige zu den ihm umgebenen Mannen und tatsächlich, die Söldner räumten ihrem Befehlshaber und Sieghelm einen ordentlichen Kampfplatz von über fünf Schritt Durchmesser ein. Inzwischen hatten sich die Positionen der anderen ebenfalls zurechtgerückt und es entstand eine kurze Kampfpause. Während sich Sieghelm einem rondrianischen Zweikampf stellte, den er selbst gesucht hatte, mussten der Novadi und die fünf Zwerge es mit dem Rest der Bande aufnehmen. „Für jeden Zwei“, sagte Albrax aus der Zwergenformation und gluckste vor Lachen. „Für jeden Zwei“, bestätigte Kalkarib ernst, denn ihnen standen tatsächlich ein dutzend Söldner gegenüber und schon begann das Schwertgeklirre erneut.

Teil II – Neue und alte Freunde (3)

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Zwischen Wehrheim und Perz – 16. Peraine, 34 nach Hal – Am Morgen
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah
Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Geweihte

Sieghelm, Adellinde und Kalkarib kauerten zusammen hinter einer Anhöhe und lugten über die Kuppe. Die zwei Pferde hatten sie etwas weiter hinten an einer alten Koppel befestigt, damit man diese von der Reichsstraße aus nicht sehen konnte. Sie blickten zwischen dem hohen Gras des Hügels hinweg in Richtung der Straße, um so von der großen herannahenden Gruppe nicht gesehen zu werden. In Sieghelms Gesicht und seiner gesamten Körpersprache war zu sehen, dass er mit der Herangehensweise seiner kleinen Reisegruppe nicht allzu zufrieden war, er wurde jedoch überstimmt und wollte vor Adellinde nicht den störrischen Reiseleiter raushängen lassen. „Kannst ihr etwas erkennen?“, frug er gleichwohl interessiert und ein kleines bisschen trotzig. Nur Adellinde und Kalkarib blickten durch das hohe Gras in Richtung Straße. Sieghelm hielt es für nicht notwendig und lag auf dem Rücken um, wie er es nannte ‚Die Rückseite im Auge zu behalten‘. „Noch nicht, nur das es viele sind“, antwortete Kalkarib im markanten Novadi-Akzent. Der Ritter wollte schon zu einem gehässigen Kommentar ansetzen, biss sich dann aber auf die Zunge und hielt sich zurück.

Es verstrich noch etwas Zeit. Die herannahende Gruppe, die offen auf der Reichsstraße von Firun nach Praios ging, war zu Fuß unterwegs und nahte sich nur langsam ihrer Position. „Das ist merkwürdig. Ich glaube, ich sehe da einen Tulamiden.“ Kalkaribs Worte ließen Sieghelm neugierig werden. „Einen Tulamiden? Beim heiligen Geron …“ Sieghelm konnte es kaum glauben. Hatte Galotta etwa sogar Tulamiden aus Aranien unter seinen Sold gestellt? Wenn dem so war, war es schlimmer als befürchtet. Diese gottlosen Südländer würden noch viel bösartiger marodieren als mittelländische Söldner. Nun wandte er sich doch um, drückte etwas das hohe Gras zur Seite und blickte ebenfalls über die Kuppe zur Reichsstraße. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Sie hatten sich extra auf die Rahjaseite des Weges gelegt, um so die aufgehende Praiosscheibe um Rücken zu haben und somit einen taktischen Vorteil zu besitzen. Es schien so, als hätte der Wüstensohn tatsächlich Recht, auch Sieghelm erblickte dort einen Tulamiden – oder zumindest jemanden der wie einer gekleidet war. Er trug einen großen Turban und einen roten Kaftan. Sogar eines dieser, wie Sieghelm sie nannte, ‚kaputten‘ krummen Schwerter. „Du hast Recht, das ist wirklich ein Tulamide. Hmmm, wenn sich teile Araniens dem Heptarchenreich angeschlossen haben, dann steht der Feind nun auch im Süden vor den Toren des Kaiserreichs“, spekulierte er. „Zuzutrauen wäre es diesen Landesverrätern“, fügte er mit ernster Stimme hinzu. Da erhob Adellinde das Wort: „Herr Ritter, schaut euch die Leute hinter ihm mal genauer an.“ Ihre seidige Stimme entzückte ihn so sehr, dass er ihrem Wunsch sofort entsprach. Er drückte wieder etwas Gras zur Seite und blickte noch einmal über die Kuppe. „Ich sehe … sehe … heruntergekommene Marodeure, bei meiner Treu! Es sind sogar Kinder darunter! Diese gottlosen Tulamiden schrecken vor nichts zurück! Ich habe es immer gesagt, diese Landes …“ „Ser!“, unterbrach Adellinde den Ritter in seinem Fluch mit scharfer Stimme. „Das sind Überlebende aus Wehrheim!“  Ihre blauen Augen blickten den Ritter mit ernster Miene an. Sieghelm wurde von ihnen in den Bann gezogen und schaute zum dritten Mal durch das hohe Gras. „Hmmm … auch möglich“, gestand er ein. „Das kommt davon, wenn man ohne ordentliches Wappen über eine Reichsstraße in einem Kriegsgebiet reist. Wie soll man da als Heerführer Freund von Feind unterscheiden?“ Adellinde stieß nur ein wütendes Schnaufen aus, und ehe Kalkarib und Sieghelm reagieren konnten, war sie auch schon aufgesprungen und über die Kuppe gesprungen. Die beiden Männer versuchten noch nach ihr zu greifen, um sie daran zu hindern, doch die kleine Priesterin war einfach viel zu wendig und so griffen beide ins Leere. „Gut gemacht, Kalkarib“, spottete Sieghelm in ironischem Flüsterton, während er sich wieder fallen ließ. Dieser blickte mit großen Augen und absoluter Unverständnis zu Sieghelm. „Was kann ich denn jetzt dafür?“, protestierte er. „Sich hinter der Anhöhe zu verstecken war deine Idee, ich hatte gleich gesagt, dass wir auf der Reichstraße offen auf sie zugehen sollten.“ Der Novadi setzte zu einer Erklärung an, doch irgendwie war Sieghelms einfacher Logik nichts entgegen zu setzen, dass ihn hätte umstimmen können, und so ließ er es bleiben, schnaufte nur angestrengt und blickte wieder durch das Gras, um zu sehen, was die Priesterin vor hatte. „Wir müssen etwas unternehmen.“ sagte er dann noch, als er sah wie die große Reisegruppe anhielt, als Adellinde sie konfrontierte. 

„Peraine segne euch!“, rief die kleine Priesterin mit ihrer hellen Stimme der großen Gruppe entgegen und breitete einladend die Arme aus. Sie trug eine dunkelgrüne Kutte mit einer gelben Ährenstickerei auf der Brust und war ganz offensichtlich als Dienerin der gebenden Göttin zu erkennen. Der Mann, der wie ein Tulamide aussah und ganz vorne lief, war der erste der ihr entgegen schritt. „Salam’aleikum, die Gebende ist mit euch!“, antwortete er und machte eine mehr als nötige tiefe Verbeugung. „Ich bin Ysta Mandrakhor, bescheidener Diener der Heiligen Mutter“, stellte sich der Mann weiter vor. Er trug einen dunklen, grau melierten Spitzbart am Kinn der ihm bis zur Brust reichte, war von hagerer Gestalt und gekleidet in einem etwas abgewetzten roten Kaftan, der von einem mit silberbeschlägen verzierten Gürtel gehalten wurde. An dessen Seite in einer Halterung ein Säbel hing, der in einer ebenfalls mit Silber verzierten Scheide steckte. Adellinde erkannte, dass der Tulamide offenbar von höherem Stand sein mochte. Zudem hatte er einen leichten, kaum hörbaren Akzent, der so überzeugend war, dass er wohl wirklich aus Aranien stammen mochte. Von seinem offensichtlichen Aussehen ganz zu schweigen. „Ich bin der Karawanenführer einer Gruppe aus Waisen und Versehrten aus Wehrheim. Wir sind auf der Reise nach Gareth, um dort Schutz zu suchen. Und mit wem habe ich die Ehre?“ Der Mann, der sich als Ysta vorstellte, lächelte breit. Adellinde blickte kurz unwillkürlich herüber zur Anhöhe, sie hatte vergeblich gehofft, dass ihr die beiden Männer hinterher eilen würden. Ihr Gegenüber bemerkte ihren Seitenblick zur Anhöhe und ließ ebenfalls für einen kurzen Moment seine Augen darauf ruhen, ohne auch nur eine einzige Miene zu verziehen. Für die junge Adellinde wäre es schwer gewesen zu schätzen, wie alt der Tulamide war, sie hatte mit Südländern keine Erfahrung. Seine bronzefarbene Haut schien makellos sein, doch sein langer Bart und sein Stand ließ sie vermuten, dass er zwischen 40 und 50 Götterläufe alt war. „Ich heiße Adellinde, ich reise …“ sie stockte wieder kurz. Sie war sich nicht ganz sicher, wie sie die Situation jetzt erklären sollte. Einerseits wollte sie die beiden nicht in die Pfanne hauen, andererseits, war sie als Priesterin der Wahrheit verpflichtet. „ … nicht alleine. Meine Gefährten befinden sich in der Nähe und werden auch gleich hier sein.“ Den letzten Satz sprach sie absichtlich lauter und langsamer aus als eigentlich nötig, damit Sieghelm und Kalkarib sie auch sicher hören konnten. Sie war sich nicht mehr ganz so sicher, dass sie außer Gefahr war, die angeblichen Waisenkinder und Versehrten sahen zwar wirklich wie Waisen und Versehrte aus, aber sie hatte auch allerhand über die mächtige Illusionsmagie der Tulamiden gehört – die ihr eben erst wieder einfiel. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass ihr Mut mal wieder größer war, als ihre Vernunft. „Es freut mich sehr, euch kennen zu lernen, euer Gnaden. Ich reise jedoch nicht alleine, wäre es doch viel zu gefährlich zu dieser Zeit und in diesen Landen.“ Als der Tulamide erwähnte, dass er nicht alleine reiste, suchten Adellinde blaue Augen zwischen den Reihen der  vermeidlichen Flüchtlingen nach möglichen Bewaffneten ab. Einige der Kinder drängten sich jedoch nach vorne, als wollten sie näher kommen. Sie konnte sogar hier und dort die Stile von Waffen und das Aufblitzen von Klingen sehen. Ganz vorsichtig, ließ sie ihre Hand zu ihrem Messer gleiten, dass an ihrem Seilgürtel befestigt war.

Da war plötzlich das Gestampfe von Pferden zu hören. Ysta unterbrach sich und blickte zu der Anhöhe. Auch Adellinde fuhr herum und sah den Ritter, zusammen mit dem Novadi anmutig und gleichwohl bedrohlich über die Kuppe heranreiten. Ihre Waffen steckten noch in ihren Scheiden, aber das Toben der Pferde beeindruckte sie alle. Sie machten erst halt, als die beide links und rechts neben der Geweihten waren. Adellinde zuckte kurz zusammen, da sie befürchtete, zwischen den Muskelbergen zerquetscht zu werden, doch anscheinend wussten die beiden Reiter genau, was sie taten. Da donnerte auch schon Sieghelms mächtige Stimme über die Reichsstraße: „Ich bin Reichsritter Sieghelm Gilborn von Sprichbrecher, Ordensmeister des Schutzordens der Schöpfung und Wächter von Custoris, dem Bihänder der himmlischen Leuin.“ Adellinde wusste nicht genau weshalb, aber aus irgendeinem Grund fühlte sie sich jetzt wo die beiden Männer da waren, wesentlich sicherer als zuvor. Der Tulamide legte erneut seine rechte Hand auf die Brust und deutete wieder eine Verbeugung an. Er wollte gerade anfangen zu sprechen, als er von hinten, ja fast schon zur Seite geschubst wurde. Eines der Kinder, nein, ein Zwerg drängelte ihn zur Seite. „Ka baskan draxin! Garoschem Sieghelm!“, tönte die tiefe raue und alte Stimme des Zwergs, die Sieghelm nur sehr bekannt vorkam. „Eure bergkönigliche Hoheit!“, platze es aus Sieghelm heraus, der sofort vom Pferd sprang und dem Zwerg entgegen ging. Der Hochkönig der Zwerge trug kaum Rüstung, und die, die er trug, war dreckig und zerfetzt, selbst das Kettenhemd, das er trug, war kaum zu erkennen. Seinen weißen Bart, der ein Großteil seines Gesichts verdeckte, hatte er sich unter das Kettenhemd gestopft. Erst jetzt sahen die drei, dass noch mehr Zwerge unter den Waisen und Versehrten waren. Sie alle waren kaum zu erkennen und verbargen ihre Bärte und Waffen. Der Ordensmeister begrüßte lachend den Zwerg, als wären sie alte Bekannte, was Adellinde irritiert und bewundernd beobachtete. Sie tauschten ein paar Höflichkeiten aus und kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, währenddessen trat Ysta etwas in den Hintergrund. „Wenn ich es nicht besser wüsste, eure Bergkönigliche Hoheit, dann könnte man denken, ihr würdet euch vor dem Feind verstecken.“ Sieghelm deutet auf den versteckten Bart. „Ach das, wir wollten dem Rogelo dabei helfen, die Waisen nach Gareth zu bringen.“ Er deutete dabei zu dem Tulamiden. Sieghelm verstand ihn, denn er konnte Rogolan, die Sprache der Angroschim, und musste daher etwas grinsen. „Da hab ich mir gedacht, wir könnten doch die Waisengruppe nutzen, ein paar Dorkkaschos anzulocken, um ihnen unsere Hämmer und Äxte vorzustellen. Kein Söldner wäre nämlich drachisch genug, eine Gruppe voll gerüsteter Angroschim anzugreifen. Also haben wir uns unter sie gemischt, damit es so aussieht, als wäre diese Reisegruppe Broxa-Beute. Ha!“ Die buschigen silbernen Brauen des Zwergenkönigs hüpften bei der Schilderung seines Plans freudig auf und ab. Währenddessen versuchte Kalkarib zwischen den Flüchtlingen von seiner erhöhten Position aus die Zwerge unter ihnen zu zählen, er kam auf acht, und das waren nur die, die er erkannte. Ansonsten waren da noch acht weitere Handvoll Flüchtlinge. „Das klingt nach einem guten Plan, eure Hoheit.“ „Ach nenn mich doch Albrax, Junge!“, konterte der Zwerg sofort und klopfte Sieghelm gegen den Unterarm, denn höher kam er nicht. „Doch noch hatte es noch kein Söldner gewagt uns anzugreifen“, fügte er noch mit enttäuschter Stimme an und stieß dabei lustlos einen Kieselstein über die Reichstraße. „Wenn ich mich einmischen darf, eure Hoheit.“ Es war Kalkarib, der plötzlich das Wort ergriff, da er einen Geistesblitz hatte. „Ich habe da einen Vorschlag, von dem wir alle profitieren könnten.“ Albrax und Sieghelm sahen zu Kalkarib hoch. Albrax Gesicht erhellte sich sofort bei dem vielversprechenden Vorschlag, so dass man das erste Mal seine blauen Augen richtig sehen konnte und auch Sieghelm wurde sofort klar, welchen Plan Kalkarib im Sinn hatte.

Teil II – Neue und alte Freunde (2)

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Am späten Abend
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher
Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Im rötlich-goldenen Schein der untergehenden Praiosscheibe stach Sieghelm den Spaten erschöpft in die Erde neben der Ruine des ehemaligen Peraine-Tempels. Er war zusammen mit Kalkarib, nachdem die Perainepriesterin von Sieghelms Niederschlag erwacht war, nach Perz zurückgekehrt, um die ganzen Leichen aus der Tempelruine ordentlich beizusetzen. Die junge Priesterin, die sich als Meisterin der Ernte Adellinde vorstellte, beteuerte, ihn und Kalkarib für die brandschatzenden Söldner gehalten zu halten, die erst vor kurzem ihren Tempel geschändet hatten. Sie erklärte, dass es vor allem an Kalkaribs Dialekt lag. Sieghelm konnte sich eine Spitze an seinen Gefährten an dieser Stelle natürlich nicht verkneifen. Sie war, als der Weltenbrand über Wehrheim kam und der endlose Heerwurm nach Wehrheim zog, gerade in den Wäldern nach dringenden Heilkräutern für eine Schwangere Dorfbewohnerin suchen, als es passierte. In der Eile, als sie aus der Entfernung die fliegende Festung sah, war sie im Wald gegen einen Ast gerannt und besinnungslos zu Boden gegangen. Erst als die Söldner Perz schon niedergebrannt und den Tempel geschändet hatten, war sie erwacht und zurückgekehrt. Sie hatte in den Häusern nach Überlebenden gesucht, und dabei war ihr aufgefallen, dass noch immer unheimliche Gesellen, Söldner Galottas und Marodeure umherliefen. Sie wollte mit der grünen Kutte nicht so auffallen und hatte sich schnell eine Graue, die sie in den Ruinen fand, übergeworfen. Sie war zum Tempel zurückgekehrt, doch hat sie schon von weitem dort die Ghule gesehen und sich davon fern gehalten. In der Böschung des Baches suchte sie dann Donf und Einbeeren, um damit eventuellen Überlebenden helfen zu können. Sieghelm und Kalkarib glaubten ihr und erst nachdem sie ihr mehrmals versicherten, dass die Ghule an der Tempelruine tot waren, kehrte sie bereitwillig mit ihnen dorthin zurück. Sie war es auch, die darauf bestand, die Toten beizusetzen. Kalkarib machte sich gar nicht mehr die Mühe nach Sieghelms eigentlicher Quest zu fragen, ihm war klar, dass dieser erst hier helfen und abschließen musste, bevor er weiter gehen konnte. 

Hüterin der Saat
Adellinde
Peraine-Priesterin

„Puuh, das waren alle.“ Sieghelm schnaufte und stützte sich auf den Spatenstiel. Er hatte Teile seiner Rüstung abgelegt, um besser graben zu können. Seine Kettenteile hatte er aufgrund der unsicheren Gebiete jedoch an gelassen. Man wusste nie, wer noch so vorbei kam. Kalkarib verfluchte bei jedem dritten Spatenstich den harten und torfigen Boden der Mittellande. Er war aus seiner Heimat Mhanadistan viel lockeren und weicheren Boden gewohnt. „Warum beim Alleinen kommt ausgerechnet ihr, wo eurer Boden so hart wie Stein ist, auf die Idee, eure Toten einbuddeln zu wollen?“, fragte er die zierliche Priesterin, die ordentlich mit anpackte, ernsthaft, worauf diese nicht so recht wusste, was sie antworten sollte. Die drei bestatteten nicht nur die Überreste der Leichname aus dem Tempel, sondern auch die zwei Gehängten von der Taverne, die Sieghelm bei seiner Ankunft in Perz abgenommen hatte. Am Ende, während des Praiosuntergangs, segnete Adellinde den Boden in dem alle beigesetzt wurden. 

„Was habt ihr nun vor?“, erkundigte sich Sieghelm, nach der Weihung, bei der jungen und kleinen Priesterin. Ihm war erst beim Gräber ausheben, als sie einmal nebeneinander standen,aufgefallen, wie klein sie eigentlich war, denn ihr Scheitel reichte ihm gerade mal bis zur Schulter. Inzwischen hatte sie die graue Kutte abgelegt und ihr praiosblondes, nach hinten zu einem Zopf gebundenes Haar kam zum Vorschein. Es glänzte im Lichte Praios und ließ ihre makellose Haut wie Porzellan wirken. Ihre dunkelblauen Augen waren im Verhältnis zu ihrem ansonsten kleinen Gesicht riesig, trotzdem ergab wie eine wunderschöne Gesamterscheinung. In Sieghelm weckten sie mehr als üblich den Beschützerinstinkt. „Ich weiß es nicht, mein Tempel ist zerstört, alle die ich kannte und für die ich da war, sind tot. Mich hält hier nichts mehr“, erklärte sie in einem fast schon beängstigend nüchternen Ton. „Unter normalen Umständen wäre es meine ritterliche Pflicht, euch bis zu einem sicheren Ort gen Praios zu begleiten, euer Gnaden“, begann Sieghelm mit pflichtbewusster aber dennoch entschuldigender Stimme. „Doch eine höchst persönliche Quest führt mich genau in eine andere Richtung. Ich muss in den Nabel der Zerstörung, gen Wehrheim, oder was davon übrig ist.“ Die Priesterin sah mit ihren dunkelbauen Augen direkt zu ihm. Als dieser seine persönliche Quest erwähnte, machten sich Neugier und Hoffnung in ihrem liebreizenden Gesicht breit. „Was ist das für eine persönliche Quest, die euch nach Firun führt, Herr Ritter?“ Für einen kurzen Moment wollte Sieghelm protestieren, welche Dreistigkeit sie besaß, danach zu fragen. Doch sie war eine Dienerin der Zwölfe und noch dazu eine überaus hübsche. Er konnte ihre Frage also nicht unbeantwortet lassen. „Mein Vater, Baron Parzalon führte ein Regiment in der Schlacht auf dem Mythraelsfeld an. Es heißt, er sei seit dem Magnum Opus nicht mehr gesehen und es ist meine praios- und traviagefällige Pflicht als sein Sohn nach ihm zu suchen und ihn zu finden, Euer Gnaden.“ Die junge Priesterin legte einen Zeigefinger an ihr Kinn, als würde sie das brauchen, um sich besser konzentrieren zu können. Sie schaute zum Tempel, ließ den Blick über das frische Gräberfeld schweifen und blickte Sieghelm dann mit entschlossenem Blick an. „Dann werde ich euch auf eurer Quest begleiten und beistehen, Herr Ritter.“ Sieghelm fiel die Kinnlade herunter, als die zierliche Priesterin diesen Satz mit befehlsgewohnter Stimmlage aussprach. „Euer Gnaden, aber …“, setzte Sieghelm an und baute sich etwas vor ihr auf. Ihr Gesicht war dabei auf der Höhe von Sieghelms Brust. Sie hob nur erneut den Zeigefinger, doch dieses Mal ließ sie ihn knapp vor Sieghelms Gesicht ruhen. „Kein Aber, Ser Sieghelm. Ich kann reiten und ihr werdet außerdem jemanden benötigen, der eure Wunden pflegt, wenn ihr in den, wie ihr es nanntet ‚Nabel der Zerstörung‘, reitet. Und zudem könnt ihr so auch gleich eurer Ritterpflicht nachkommen und auf mich aufpassen.“ Der Reichsritter blinzelte und sah dann hilfesuchend zu Kalkarib, der sich wieder seinen Schal über die Nase gezogen hatte. Sieghelm glaubte unter dem Schal ein breites Grinsen erkennen zu können. „Doch für heute haben wir genug gearbeitet, die Gebende wird uns eine ruhige und erholsame Nacht schenken.“ Mit diesen Worten machte Adellinde auf den Hacken kehrt und ging zu ihrem Bündel herüber, wo sich eine Schlafrolle befand, die sie aus dem Tempel geholt hatte. Sieghelm konnte nicht anders, als der zierlichen Frau hinterher zu schauen. Inzwischen trat der Novadi an seine Seite und stellte sich Schulter an Schulter mit ihm auf. Sie sahen der kleinen Frau dabei zu, wie sie emsig das Nachtlager für sie herrichtete.

„Bei Rastullah, ich habe bisher nur ein einziges Mal ein solches Feuer in einer Frau gesehen. Sie ist nicht nur mit der Schönheit der Nacht vom Alleinen, sondern auch mit Mut und Entschlossenheit gesegnet. Ich mag sie.“ Sieghelm brauchte einen Moment, um aus seiner Starre zu erwachen. Hatte die junge Priesterin ihm etwa gerade einen Befehl erteilt? IHM? Dem Ordensmeister und Reichsritter! Doch aus einem für Sieghelm unbekannten Grund konnte er ihr nicht widersprechen! Sie hatte alles verloren, und zeigte im Angesicht dieses Verlusts so viel Mut, dass er sie bewunderte. „Du hältst die erste Wache“, befahl Sieghelm knurrend zu Kalkarib, der unter seinem Schal noch immer bis über beide Ohren grinste.

„Euer Gnaden, da ihr uns morgen begleiten werdet, solltet ihr aber vorher noch einiges wissen“, hörte der Wüstensohn Sieghelm sagen, bevor er sich zu ihr gesellte und beim Lageraufbau half. Den Abend verbrachten Kalkarib und Pagol zusammen, die etwas abseits des Lagers Wache hielten. Der Novadi wollte den beiden ihre Privatsphäre lassen. Er hörte sie lange miteinander reden. Anscheinend hielt es Sieghelm für notwendig, die Priesterin umfassend über den Orden und die Ereignisse der letzten Tage aufzuklären. Währenddessen holte Kalkarib seinen Teppich, um sein Abendgebet zu Rastullah zu halten. Zum Glück war da ja noch der Leutnant, der für den kurzen Moment die Wache übernehmen konnte.

Teil II – Neue und alte Freunde (1)

Teil I – Vorboten (3)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Nachmittags
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Der Bogenschütze am Eingang des Peraine-Tempels ließ den Bogen sinken und erst jetzt erkannte Sieghelm ihn. In dem kehligen und auf den Konsonanten betonenden Akzent eines Novadis antwortete Kalkarib al’Hashinnah dem Krieger: „Bitte, gern geschehen.“ „Spar dir das, auch wenn es für dich anders aussehen mochte, so hatte ich alles unter Kontrolle“, wiederholte Sieghelm in seinem Stolz verletzt und zog Custoris aus den Brustkorb des Ghuls, indem er seinen Stiefel auf ihm absetzte und kräftig zog. Sofort ging er zu Pagol herüber, der sich inzwischen aufrappelte, sich kräftig schüttelte und ein paar Schritte benommen auf Sieghelm zutaumelte. Im Flüsterton fragte Sieghelm ihn, ob es ihm gut gehe. Pagol nieste nur, schmiegte sich dann an seines Herrchens Bein. „Ich wusste gar nicht, dass du mit einem Bogen umgehen kannst“, begann der Reichsritter im Plauderton, während er seinen Helm abnahm und die Kratzer darin begutachtete.

Wüstensohn
Kalkarib
al’Hashinnah

Kalkarib, der erst jetzt die ganze Szenerie wirklich überblickte, rümpfte angewidert die Nase, da die ganzen Leichen und das viele Blut auch ihn schockierten. Er zog sein Halstuch über sein Gesicht, denn der faulige Gestank ließ ihn bleich werden. „Bei Rastullah, was für ein Gestank – das ist ja schlimmer als in euren Niederhöllen. Was ist hier geschehen?“ Sieghelm belegte den Novadi mit dem Blick eines Veteranen, der einen Rekruten ansah, der keine Ahnung von den Schrecken des Krieges hatte. „Das, mein geschätzter Wüstensohn, ist der faulige Geruch des Todes, der über das ganze Land gekommen wäre, wenn das Kaiserreich nicht zusammen gegen den endlosen Heerwurm gestanden hätte.“ Sieghelm spöttische Spitze überhörte Kalkarib, der anscheinend noch zu geschockt von dem Anblick war. Der Reichsritter untersuchte den Leichenhaufen auf dem Altar. Er wollte wissen, ob auch ein Perainepriester dabei war. Ganz vorsichtig stellte der Novadi einen Fuß vor den anderen, als er den ehemaligen Tempel betrat. Auch er hatte zwar schon viel mitgemacht, doch die Menge an Gräueltaten, die hier begangen wurden, ließen ihm die Haare zu Berge stehen und noch fester daran glauben, dass nur der allmächtige Rastullah ihnen allen helfen konnte. „Kein Priester.“ stellte er fest. „Das sind die Dorfbewohner von Perz … die Söldner müssen sie hier aufgestapelt und den Tempel geschändet und angesteckt haben“, erläuterte er weiter, während er seine Untersuchung einstellte und sich dann wie beiläufig das Blut von der Rüstung wischte. „Doch wo ist der Priester hin … er oder sie hätte das Gebäude mit seinem Leben verteidigt.“ Kalkarib hörte Sieghelms Worte, doch konnte er seine Gedanken nicht nachvollziehen. Für ihn war kein Gebäude oder Zelt wertvoll genug, dass es sich lohnte dafür zu sterben. Auch nach Jahren unter den Ungläubigen, verstand er ihre tiefe Verbundenheit zu Objekten oder Orten noch immer nicht vollständig. „Willst du nach dem Priester suchen?“ Seine Worte wurden von dem Schal vor seinem Mund abgedämpft. „Er könnte überall sein. Vielleicht geflohen – verschleppt oder in einem der Häuser dort hinten verbrannt. Was ist mit der Suche nach deinem Vater?“ Während Kalkarib Sieghelms Idee anzweifelte, durchwühlte dieser die Schränke und Truhen. Kalkarib wusste nicht, was er davon halten sollte. Für ihn wäre es normal gewesen, hier nach etwas Brauchbaren zu suchen, doch von den Ungläubigen verstand er inzwischen so viel, dass es als Frevel galt, Tempeleigentum zu stehlen. „Was tust du da, ist das nicht Tempeldiebstahl in euren Augen? … Hörst du mir überhaupt zu?“ Sieghelm kramte in einer leicht verkohlten Truhe und zog plötzlich eine grünliche Scherpe heraus und kommentierte diese mit einem triumphierenden „Aha!“ Er vollführte damit eine bedeutungsschwangere Geste in der Luft, die so viel aussagte wie: Damit schaffen wir es. „Du und ich werden nicht nach dem Priester suchen, keiner von uns hat die Fähigkeiten dazu – aber der Leutnant hier hat ein sehr feines Näschen, das ihn uns finden lässt, wo immer er sich aufhält.“ Er hielt die grüne Scherpe unter Pagols schwarze Nase, der sich inzwischen gefangen hatte und wieder an Sieghelms Seite saß. Pagol schnüffelte daran und Sieghelm sagte: „Such, Leutnant – Such den Priester.“ Zuerst geschah nichts, als müsste der Dachshund erst einen inneren Mechanismus aktivieren, bevor es losgehen konnte. Er schüttelte sich einmal, schnüffelte, sah sich um und sauste dann blitzartig über die Scherpe springend und durch die Beine des Wüstensohns flitzend los. Der Akademiekrieger eilte hinterher und auch Kalkarib nahm die Beine in die Hand. Er war außerdem froh, diesen stinken Ort hinter sich zu lassen.

Pagol wetzte über die Felder in Richtung eines bewachsenen Bachs. Sieghelm und Kalkarib hatten Mühe hinterher zu kommen. Unterwegs fiel Sieghelm etwas ein, wonach er sich sofort erkundigen musste. „Was machst du eigentlich hier, hatten wir nicht vereinbart, dass du weiter im Rahja über die Feldwege gehst und nach versprengten Truppen suchst und wir uns erst vor Wehrheim wiedertreffen?“ Der schnelle Gang schien Sieghelm auch trotz der schweren Rüstung nichts auszumachen. „Ganau das tat ich“, antwortete Kalkarib mit starkem Novadi-Akzent. „Ich stieß jedoch auf eine Gruppe Söldner, die zu viele waren, um sie zu umgehen. Ich musste zur Straße zurückkehren, da sie mich sonst entdeckt hätten.“ „Söldner sagst du?“, platzte es aus dem Ritter heraus. Der Tonfall den die Frage hatte, gefiel Kalkarib nicht. „Ich habe sie beobachtet, es sind über drei Hand voll, das sind zu viele für uns.“ Der Novadi wollte Sieghelm keinesfalls auf die Idee bringen sie anzugreifen. Er wusste, dass es für den Krieger eine Verbindung zwischen der geschändeten Kirche und den Söldnern gab.

Der Leutnant führte die zwei an einen Bach mit breit bewucherter Uferböschung. Er gab Laut und die beiden Männer gingen sofort zu der Stelle zwischen den Büschen. Sie beide befürchteten das schlimmste. Der Priester hatte sich wohl bis hierher gerettet und wurde dann entweder von den Söldner gestellt, oder er war verletzt und konnte sich bis hierher schleppen und war dann hier verendet. Kalkarib und Sieghelm wühlten beide vorsichtig in den Büschen und durchsuchten die Uferböschung mit ihren Schwertern. „Siehst du was?“ rief Sieghelm, der sich von Kalkarib etwas entfernt hatte, um einen größeren Bereich absuchen zu können. „Nein,“ antwortete dieser nur knapp. „Vielleicht ist er den Bachlauf gefolgt, dann verliert sich hier die Spur für Pagol“, dachte Sieghelm laut und gab die Suche vorerst auf. Er sah zu Kalkarib herüber, der mit seinem Khunchomer die Büsche zur Seite drückte. Plötzlich erblickte Sieghelm eine Gestalt aus den Hecken hinter Kalkarib hervorgucken und sich sprungbereit machen, er glaubte auch das Aufblitzen einer Klinge zu sehen und rief sofort: „Kalkarib, HINTER DIR!“ Doch Sieghelms laute Warnung kam zu spät und eine dunkle Gestalt sprang Kalkarib von hinten an und riss ihn in die Büsche nieder, so dass Sieghelm beide nicht mehr sehen konnte. „Bei Rondra!“, fluchte er und rannte sofort zu Kalkarib herüber. Er hörte wie Äste knackten und das Buschwerk raschelte. Die beiden kämpften miteinander und Pagol, der aufgrund des dichten Buschwerks nicht näher herankam, bellte laut auf.

Als Sieghelm bei den beiden ankam, saß eine dünne Gestalt in einer alten grauen und zerfetzten Robe auf Kalkarib, der versuchte nach seinem Khunchomer zu fingern, den er beim Angriff verloren hatte. In der Hand des Angreifers war tatsächlich ein kurzes Messer. Doch Kalkarib hielt die Messerbewehrte Hand am Gelenk fest und hielt die todbringenen Klinge somit von sich fern. Sieghelm schlug beherzt mit dem Knauf von Custoris auf den Hinterkopf des Angreifers. Sofort fiel er schlapp neben den Novadi, der daraufhin sofort seinen Khunchomer packte und sich außer Atem und mit Kratzern im Gesicht aufrappelte. Er fluchte in seiner für Sieghelm unverständlichen eigenen Sprache. „Geht es dir gut?“, erkundigte sich Sieghelm ehrlich besorgt um den Mann von Delia. Er hätte nicht gewusst, wie er seinen Tod an dieser Stelle seiner Frau hätte erklären können. Kalkarib fluchte noch immer vor sich hin, doch mittendrin wechselte er dann ins Garethi um Sieghelm zu antworten: „Ich hatte alles unter Kontrolle.“ Sieghelm flog ein Grinsen über die Lippen. Er musste an die Szene in der Tempelruine denken und bemerkte erst jetzt, wie absurd seine Aussage von vorhin war. Und da auch Kalkarib es gerade ernst zu meinen schien, überkam dem Reichritter ein Bedürfnis. „Kalkarib?“ „Was?“, fauchte dieser nur und trat prüfend mit der Fußspitze gegen seinen am Boden liegenden Angreifer. „Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Du hast mir in der Not geholfen und dafür danke ich dir.“ Der Novadi, der wirklich mit vielen, aber beim besten Willen nicht damit und schon gar nicht in dieser Situation gerechnet hatte, blinzelte Sieghelm nun verwirrt an. „Ich hatte wirklich alles …“, begann er mit Stolz verletzten Tonfall, sah dann aber Sieghelm ernstes Lächeln auf den Lippen und brach mittendrin ab und schloss mit einem gehauchten: „ … Danke.“  Für einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden stolzen Männer, und beide mussten ob ihrer Situation grinsen.

„Dann lass uns mal nachsehen mit wem wir es hier zu tun haben.“ Sieghelm kniete sich nieder und zog die graue Kapuze vom Gesicht des Angreifers. Zum Vorschein kam, zur Überraschung der beiden Krieger, das schlanke und zierliches Gesicht einer jungen Frau. „Bei meiner Treu!“, platze es aus Sieghelm hervor und er zog schreckartig die Hand zurück. Auch Kalkarib sagte etwas, doch er verstand es nicht. „Es ist ein Weib“, bemerkte der Novadi dann in Garethi, der davon mehr überrascht schien als der Mittelländer. Für einen kurzen Moment warf Sieghelm seinem Begleiter einen missbilligenden Blick zu. Es fiel dem Novadi noch immer schwer zu akzeptieren, dass im Kaiserreich die Frau dem Mann gleichgestellt war. „Sieh nur …“, sagte er dann, als er die Frau weiter untersuchte. Er fingerte unter der grauen Kutte etwas grünen Stoff hervor und am Hals fand er ein silbernes Amulett das eine Ähre zeigte. Kalkarib steckte den Khunchomer weg und sprach dann flapsig: „Gut gemacht Sieghelm, du hast eine Priesterin deiner Götter niedergeschlagen.“

Teil I – Vorboten (3)

Teil I – Vorboten (2)

Perz – 15. Peraine, 35 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

„Ihr Bestien!“, knurrte der Reichsritter, als er einen beherzten Schritt nach vorne tat. Seine panzerfaustbewehrten Hände umschlossen bei jedem Schritt, den er tat, sein Schwert Custoris noch fester. Die Bestien – wie Sieghelm sie nannte – waren abscheuliche graugrünhäutige und krallenbewehrte Wesen des Namenlosen, auch bekannt unter der Bezeichnung Ghule. Überall dort, wo der Krieg vorübergezogen war und Elend und Tod hinterlassen hatte, und kein Boronpriester schnell genug die Leichen unter die Erde bringen und segnen konnte, war es wahrscheinlich, dass vom Geruch des Todes angelockt, Ghule Einkehr fanden, um sich am verrottenden Fleisch der jüngst Verstorbenen zu laben. Davor waren leider auch einstmalige göttliche Orte nicht gefeit. Der Tempel schien ohnehin entweiht, doch Sieghelm verlor keinen Gedanken daran, was wohl geschehen sein mag, dass dieser Boden nunmehr nicht mehr heilig war. Fünf Ghule drehten sich fauchend und gallespritzend zum Krieger um, der sie gerade bei einem Festmahl gestörte hatte. Auf dem ehemaligen Altar der Göttin Peraine lag ein Berg aus blutigen und zerfetzten Leichen, an denen sich die namenlosen Wesenheiten bereits mehr als gütig getan hatten. Mit blutbeleckten Mäulern und scharfen Krallen stürzten die Ghule allesamt auf Sieghelm zu.

Den ersten und schnellsten von Ihnen empfing Custoris‘ Schwäche, die letzten zehn Doppelfinger der gewellten Klinge schnitten quer über die Brust der hageren Gestalt und schleuderten sie gegen einen hölzernen Tisch an der Seite des Tempelschiffs. Die darauf stehenden Tonkrüge zerplatzten, als der Körper des Ghuls auf ihm aufschlug und zahlreiche Flüssigkeiten in alle Richtungen stoben. Sieghelms Hände nutzen den Schwung des Schwertes aus und ließen es in den Oberhau übergehen. Er brauchte nicht mehr vorwärts zu gehen, denn die Ghule kamen von ganz alleine auf ihn zu. Zwei von ihnen sprangen ihn mit gelblich glühenden Augen an. Der Reichsritter zog sein rechtes Bein über den Boden hinter sein linkes und brachte sich so aus der Sprungrichtung beider Ghule. Ruckartig zog Sieghelm dann Custoris herab und ließ die Klinge mit Wucht von der Stirn bis zum Unterkiefer des heranspringenden Ghuls fahren. Mit einem Knacken des Schädels erloschen die gelblichen Augen der Unwesenheit sofort, der zweite sprang dank Sieghelms Ausweichbewegung ins Leere. Der vierte Ghul, er hatte inzwischen einen dicken Bauch, da er sich an den Leichen auf dem Altar mehr als satt gefressen hatte, erreichte Sieghelms linke Seite. Seine Krallenhände Kratzten über seine Schulterplatte sowie den Unterarmplattierungen und verursachten dabei widerlich schrille Geräusche, als sie versuchten, sich an Sieghelm festzuhalten. „Rondra, führe meine Klinge!“, rief er im betenden Tonfall, als der fette Ghul versuchte seine blutbeleckten Zähne in eine empfindliche Stelle zwischen den Plattenteilen zu treiben. Sieghelm ließ mit seiner linken Hand den Griff des Schwerts los, so dass nur noch Daumen und Zeigefinger es umklammerten. Mit der Rechten packte er umso stärker zu. Auf diese Weise klappte die lange gewellte Klinge des Schwerts bis zu Sieghelms linken Oberarm herab. Nun drückte er Custoris, den Oberarm als Führung nutzend, über seinen Arm hinweg in Richtung des graugrünen Halses des Ghuls. „Sei’s in Licht wie in … DUNKELHEIT“, setzte er die Litanei fort. Das letzte Wort spie er förmlich aus, als er mit aller Kraft die gesamte Klinge, von der Schwäche bis zur Stärke durch den fleischlichen Hals des Ghuls zog und ihn dabei den Kopf vom Körper trennte, wie ein scharfes Messer, dass einen Kanten von einem Laib Brot schnitt. Der Kopf des namenlosen Wesens flog flutschend und Blut verspritzend quer durch den ehemaligen Altarraum und der Rest des Körpers fiel von Sieghelm herab. Doch es blieb ihm keine Zeit, der Ghul, der an ihm vorbei gesprungen war, hatte sich inzwischen neu positioniert und kam in geduckter Haltung auf ihn zu. Und dann war da noch ein weiterer, sich mehr als satt gefressener Ghul, der sich von der anderen Seite ebenfalls sprungbereit machte. Sieghelm war also von beiden Seiten flankiert und stand mit dem Rücken zu Wand. Die Reichweite seines Schwerts brachte ihm nun keinen Vorteil mehr, er war gezwungen mit den Ghulen in den Nahkampf zu gehen. „Rondra, führe meine Klinge.“ Begann er erneut den Refrain des Gebets, als er Custoris mit der linken Panzerfaust in die Fehlschärfe griff, um es als Halbschwert zu führen. Da hörte er plötzlich ein helles Bellen. Der tapfere Leutnant biss beherzt in den linken Fuß des fetten Ghuls und lenkte ihn damit entscheidend ab. Tapferer Pagol! Ich muss den Überraschungsmoment nutzen, dachte sich Sieghelm und wandte sich dem anderen Ghul zu. Dieser schlug, da er inzwischen recht nah war, erbarmungslos mit beiden Krallenhänden zu. Wieder kratzten die klingenartigen Fingernägel über verschiedene Plattenteile an Sieghelms Unter- und Oberarmen. Wäre er nicht so gut gerüstet, wären seine Arme nun hoffnungslos aufgeschlitzt gewesen. Mit der Schwäche von Custoris schlug er erst nach dem Ghul und setzte dann zu einem Stich an. Dem Schlag wich die unheilige Bestie gekonnt aus, doch den Stich hatte es den Göttern sei Dank nicht kommen sehen. Die Klinge fuhr tief durch die graugrüne Brust und trennte Muskeln und Knochen. Der Ghul war noch nicht besiegt. Erneut schlugen seine Krallenhände zu, doch die Schläge waren ungezielt und wirkungslos, da sie nur über Sieghelms Brust- und Schulterpanzer kratzten. Der Krieger nutze die Verletzung des Ghuls zu seinem Vorteil, erneut rezitierte er den Refrain „Sei’s in Licht wie in Dunkelheit“. Er griff das Schwert um und schlug kräftig mit dem schmalen Parier in das Gesicht des Ghuls. Die Parierstange bohrte sich dabei in das gelblich glühende Auge und versank flutschend darin. Der Ghul war sofort tot und Sieghelm musste den Leichnam der Kreatur von seinem Schwert schüttelt wie jemand, der Dreck von seinem Schwert schüttelt musste.

Erneut hörte er ein verbissenes Knurren, gefolgt von einem kurzem aufheulen. Der fette Ghule schlug nach Pagol! Die Krallen rutschten über dessen lederne Rüstung und schleuderten ihn gegen den Altar. Es schlug dumpf, als Pagol direkt vor dem Altar der Herrin liegen blieb. „PAGOL!“, rief Sieghelm mit der Sorge eines Vaters, der mit ansehen musste, wie sein Sohn von Fremden geschlagen wurde. Der Ghul war nun zwischen ihm und dem Leutnant, und erschien nicht minder furchterregend. „Das wirst du büßen, unheilige Kreatur!“ Sieghelm griff Custoris nun wieder mit beiden Händen und brachte die Spitze der Klinge zwischen sich und den Ghul.

Gepackt von Wut und Entschlossenheit, ließ Sieghelm eine Abfolge von kontrollierten Schlägen aus verschiedenen Richtungen auf den Ghul niederregnen. Er machte dabei zwei Schritte nach vorne, doch der Ghul wich jedem Hieb geschmeidig wie eine Natter aus. Nur einmal kratzte die Klinge etwas über seine Unterarm. „Leuengleiche, Ehrengleiche, …“, setzte Sieghelm dann das Gebet fort. Mit einem weiteren Schritt nach vorne, ließ er wieder mehrere Schläge auf den Ghul los, doch erneut wich er jedem aus. „ … donnernd Schutz und feste Wehr.“ Sieghelm setzte zu einer Finte an, anscheinend war diesem Ghul wohl nicht anders beizukommen. Er täuschte einen Schlag auf die linke Schulter an, drehte dann aber das Schwert so, dass der Hieb von rechts auf den Körper ging. Die Finte hatte der Ghul nicht kommen sehen und so verursachte Sieghelm einen langen Schnitt über den Bauch des Ghuls, der daraufhin sofort aufplatzte und nach Verwesung riechende, blutige Fleischklumpen quollen heraus. Sieghelm hatte den fetten Wamst getroffen, ihm wurde sofort klar, was dort aus der Kreatur heraus fiel, waren halb verdaute Körperteile der Dorfbewohner. Ihm stockte der Atem, und sofort wurde ihm speiübel. Da bekam er plötzlich einen heftigen Schlag von hinten auf den Kopf und den Rücken, als würde etwas auf ihn fallen. Sofort sah er Krallenhände, die versuchten, sich durch die Schlitze in seinem Helm einen Weg ins Innere zu bahnen. Einer der Ghule musste überlebt haben oder hatte sich versteckt, er hatte Sieghelm von hinten angesprungen und befand sich nun in einer für den Reichsritter sehr gefährlichen Position. Von Panik ergriffen schlug Sieghelm nach sich selbst, oder vielmehr, nach dem Wesen, das auf seinem Rücken kauerte. Er hörte das Fauchen des Ghuls und spürte den nassfauligen Atem in seinem Nacken, als es versuchte, zuzubeißen. Da er mit seinen Hieben der Kreatur nicht beikam und eine Krallen die Schlitze in seinem Held immer weiter öffneten, sprang er beherzt mit dem Rücken voran gegen die Steinwand des Tempels, in der Hoffnung, so den Ghul stark genug zu verletzten, um ihn von sich abzuschütteln.

Es schepperte lautstark, als Sieghelm samt des gesamtem Gewichts seiner Ketten- und Plattenrüstung gegen die Feldsteine sprang. Unter dem Quietschen und Scheppern der Metallteile waren auch knackende Knochen zu hören. Der Ghul fiel schlaff von Sieghelm herab. Der Reichsritter drehte sich sofort um die eigene Achse und trieb die Spitze seiner Klinge voran durch den Brustkorb des nunmehr toten Ghuls bis tief in die hölzernen Planken. Da hörte er das Surren eines Pfeils, welches nur knapp an seinem Kopf vorbeiging. Gefolgt von einem absterbenden Kreischen eines Ghuls. Dem Schrei folgend, blickte Sieghelm in Richtung Altar, wo ein Pfeil in dessen Kopf steckte, dem er zuvor den Wamst aufgeschlitzt hatte. Mit einem lauten ‚Platsch‘, ging damit auch der letzte Ghul tot zu Boden. Sofort fuhr Sieghelm wieder herum und sah zum Eingang des Tempels, wo eine Person stand, ein Bogenschütze. „Ich hatte alles unter Kontrolle“, rief Sieghelm, der anstatt dankenden Worte, eher einen Fluch darüber, dass er eines rondrianischen Kampfes beraubt wurde, auf den Lippen hatte, trotzig.

Teil I – Vorboten (2)

Teil I – Vorboten (1)

Perz – 15. Peraine, 34 nach Hal – Gegen Mittag
Ordensmeister
Sieghelm Gilborn
von Spichbrecher

Das Pferd, auf dem er ritt, schnaufte, denn Sieghelm hielt es schon seit Stunden dazu an, im zügigen Trab, ja fast schon Galopp, über die Reichsstraße zu eilen. Es schepperte bei jedem Schritt, den das Pferd tat, denn die eisernen Hufen wetzten gnadenlos über die seit Jahrzehnten abgeschmirgelten Steine. Immer wieder ritt er dabei an verzweifelt aussehenden Bauern, Händlern oder getürmten Soldaten vorbei, die ihm entgegen kamen. Frauen, Kinder, Familien, die den Magnum Opus des Weltenbrandes überlebt hatten oder die einfach nur nach dem Schrecken, der Wehrheim erfasst hatte, flohen. Immer wieder versuchte Sieghelm für einen kurzen Moment in ihre Gesichter zu blicken und herauszufinden, ob er eines dieser Gesichte erkannte. Doch weder kamen ihm die Wappen, noch die Gesichter der Leute bekannt vor. Also trieb er sein Pferd weiter an, wie er es schon gestern getan hatte. Inzwischen schmerzten ihm die Oberschenkel und sein Hintern und die Innenschenkel juckten, weil sie sich durch den harten Ritt wund gerieben hatten. Nicht nur für das Pferd war der zügige und lange Ritt über Pflastersteine eine Tortur, auch der Reiter wurde dabei einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Doch Sieghelm war entschlossen keine Zeit zu verlieren. Die Nachricht, dass das Regiment seines Vaters Parzalon im Schlachtengetümmel auf dem Mythraelsfeld abgedrängt und aufgerieben sein soll, konnte er nicht glauben. Es hieß, dass man gesehen habe, wie er vom Pferd gestürzt sein soll und dass er nach dem Magnum Opus nicht mehr gesehen wurde. Sieghelm Vater war ein erfahrener Heermeister. Er würde sich niemals in eine solch aussichtslose Situation bringen lassen, davon war Sieghelm überzeugt. Doch was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Der Weltenbrand, der von der Festung Galottas ausging, war so gewaltig, verheerend und gleichwohl willkürlich, dass keine Erfahrung der Welt einem dabei geholfen hätte, sie zu überleben. Wenn Sieghelms Vater also von etwas überrascht werden konnte, dann von dem Weltenbrand, alles andere waren nur infame Behauptungen oder Falschmeldungen, da war er sich sicher. Auch wenn Sieghelm seit seiner Kindheit mit seinem Vater häufiger im Zwist als im Frieden war, so war er trotzdem sein Vater, und es war Sieghelms praios- und traviagefällige Pflicht, nach seinem Vater zu sehen, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging. Und wenn er Hilfe benötigte, würde er durch alle Sphären gehen, um ihm zu helfen.

„Brrrr!“, stieß Sieghelm zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Das Pferd wurde immer langsamer, bis es ganz anhielt. Sieghelm war jetzt nur noch zehn Meilen von Wehrheim entfernt. Das wusste er genau, denn der Ort, der vor ihm lag, hieß Perz und Sieghelm kannte die Strecke und Entfernung von Perz bis nach Wehrheim auswendig. Doch waren es keine Bauernhäuser, die Perz ankündigten, sondern bis auf die Grundmauern heruntergebrannte Reste einer einstmals schönen Siedlung auf der Reichstraße zwischen Wehrheim und Gareth. Aufgrund des hohen Aufkommens an Durchreisenden hatte die kleine Siedlung mehrere Gasthäuser und Tavernen gehabt. Erst vor kurzem hatte Sieghelm in einer dieser Schenken Halt gemacht. Er musste an die Schankmaid denken, die ihn den Abend bewirtet hatte. Wie war doch gleich ihr Name? Dara? Daria? Oder so ähnlich? Sieghelm hielt sein Pferd dazu an, vorsichtig weiter zu traben. Der Geruch von verbranntem Holz lag in der Luft, denn der Wind wehte die dichten schwarzen Rußwolken direkt zu ihm herüber. Perz lag zu weit außerhalb von Wehrheim, als das es vom Weltenbrannt zerstört werden konnte. Dies konnte nur das Werk von Söldnern oder versprengten untoten Truppen des endlosen Heerwurms sein. „Bei Rondra, Pagol. Perz hatte auch einen Peraine-Tempel!“, stieß Sieghelm schockiert aus, als seine Erinnerung an diesen Ort zurückkehrte. Seine Anrufung richtete sich an seinen Leutnant. Der Dachshund stand etwas schwankend auf seinem kleinen Pfoten auf dem Rücken des Pferdes in einer speziellen Tragevorrichtung, die Sieghelm improvisiert hatte, da er rasch aus Gareth aufbrechen musste. Der Ritter erinnerte sich daran, dass Perz einen Tempel der gebenden Göttin hatte. „Wir müssen nachsehen, ob jemand überlebt hat und unsere Hilfe braucht, Pagol“, entschied er mit entschlossener Stimme. Der braunrote Dachshund verstand sofort und ließ sich vorsichtig am Sattel des Pferdes herab. Kaum war er am Boden angekommen, flitzte er auch schon los. Sein kleines Halsband schepperte dabei über die Pflastersteine der Reichsstraße. Sieghelm hatte keine andere Wahl, er gab seinem Pferd wieder die Sporen, um mit dem vorschnellenden Leutnant mithalten zu können.

Als er und Pagol zwischen den verbrannten Bauernhäusern ankamen, wurde Ihnen schnell klar, dass dies das Werk von unzufriedenen Söldnern Galottas war, die sich wohl noch rechtzeitig davongestohlen hatten, um nicht selbst vom Weltenbrand erfasst zu werden. An dem Querbalken der Pforte des Gasthauses hatten diese ruchlosen Söldner den Wirt und seinen Knecht aufgeknüpft. Für sie kam jede Rettung zu spät. Wahrscheinlich hatten die Söldner alles gründlich geplündert und die Weiber des einstmals idyllischen Wegortes geschändet, bevor sie es in Brand gesteckt hatten. Auf Sieghelms Miene zeichnete sich eine tiefe Unzufriedenheit ab. Er wünschte sich hier gewesen zu sein, um diese Gräueltat verhindern zu können.

Mit bitterem Schwermut holte Sieghelm die Leichname der beiden Männer vom Querbalken herunter und legte sie ordentlich an den Zaun. Er beschloss sie später wie ein guter Gläubiger der Zwölfe beizusetzen, doch zuerst wollte er nach dem Perainetempel sehen. Nachdem er die Männer an den Zaun gelegt hatte, trafen sich seine und die Blicke Pagols. Er musste sofort daran denken, dass er eigentlich auf der Mission war, seinen Vater zu suchen. Doch konnte er auf der Reise dorthin nicht sich selbst und seine ritterlichen Schwüre vergessen. „Ich kann nicht anders, Pagol. Ich muss das tun“, sagte er im entschuldigenden Tonfall zu seinem Hund, dessen trauriger Blick und die herabhängenden Ohren ihn in seiner trübsinnigen Stimmung in keinster Weise aufmunterten. „Ich werde mich später um die Zwei kümmern. Komm, lass uns nach dem Tempel sehen.“ Mit schweren Schritten ging er zusammen mit Pagol an verbrannten, einstmals mit Leben gefüllten Häusern vorbei. Sein Gesicht war rußig, denn der schwarze Rauch fing sich in dem Schweiß auf seinem Gesicht und legte sich über seine Haut wie eine zweite, schmierige Schicht, die ihn nicht vergessen ließ, was hier fürchterliches geschehen war. Der Tempel der Göttin der Saat befand sich zwischen zwei Feldern und war größtenteils aus Stein gebaut. Nur der Turm, von dem man über die Felder blicken konnte, war aus Holz errichtet worden. Als Sieghelm quer über das Feld lief, entschuldigte er sich bei Peraine dafür, doch es gab keine Bauern mehr, die dieses Feld bewirtschafteten. Schon von weitem sah er, dass der hölzerne Turm des Tempels nicht mehr stand. Er war bis zum Boden niedergebrannt und schwarzer Rauch quoll aus den Überresten hervor. Der aus Stein gebaute Teil schien jedoch noch erhalten zu sein, was dem Reichsritter ein wenig Hoffnung gab. Als die beiden die eingeschlagene Eingangstür erreichten, tat Pagol das, was ein guter Wachhund tat, wenn er eine Bedrohung witterte: Er knurrte. Sieghelm verlor keinen weiteren Gedanken und reagierte sofort auf das Warnsignal seines treuen Weggefährten. Mit einem langen *Ziiing*, surrte sein göttlicher Anderthalbhänder aus der Rückenscheide. Mit einem kräftigen Tritt ließ Sieghelm die ohnehin eingeschlagene Tür des Tempels aus den Angeln fliegen. Fast zeitgleich schnellten Pagol und Sieghelm kampfbereit durch den nun türlosen Rahmen und was sie sahen, ließ beiden einen kalten Schauder den Rücken hinunterfahren.

Teil I – Vorboten (1)