Auf den Wällen
Der unsichtbare Wall hatte keine große Ausdehnung, man stieß schon nach etwa einhundert Schritten hinter den Außenmauern gegen sie. Überall dort, wo die Späher den Rand ausgemacht hatten, nahm das Unheil ihren Lauf. Die Besatzung der Festung Friedstein musste mitansehen, wie sich am Ereignishorizont der Kuppel schmale Risse in der Erde bildeten, die sich dann zu großen klaffenden Wunden vergrößerten, aus denen, wie aus den Niederhöllen stammenden, rotglühendes und unheiliges Licht begann zu pulsieren. Was die meisten nicht wussten: Es waren nicht die Niederhöllen, es war etwas viel schlimmeres. Rufe des Entsetzens und der Verzweiflung schallten über die kalten Steine der Festung. Und als wären die zerklüfteten Risse in der Erde noch nicht genug, da kletterten aus ihnen auf allen Seiten Wesen hervor, die man nur als ‚Abscheulichkeiten‘ beschreiben konnte. Kleine, gerade einmal ein bis zwei Schritt lange, wurmartige Wesen mit dünnen, raupenartigen Füßen. Der Vorderleib ähnelte einer Mischung aus Skorpion und Spinne, mit hellem, knöchernem Exoskelett und tentakelartigen Auswüchsen, die sowohl Füße, Fühler, aber auch Giftstachel sein konnten. Zwei wuchtige, mehrgelenkige Arme standen nach oben hin in einer Angriffshaltung bereit – doch an Enden waren keine Stachel, sondern Hauer besetzte hungrige Mäuler. Der Hinterleib war eine abstrakte Mischung eines Tausendfüßlers und eines Ohrenkneifers – zahlreiche winzige Beine bewegten die Abscheulichkeit in absurder Geschwindigkeit fort, während das Schwanzende aus zwei langen und scharfkantigen Klauen bestand. Das aus dem Vortex stammende Wesen war eine Ausgeburt, die dazu bestimmt war zu töten, es diente keinem anderen Zweck, daran ließ ihr Aussehen kein Zweifel.
Als dutzende dieser Wesen aus den klaffenden Wunden in der Erde gekrochen kamen und in aberwitziger Geschwindigkeit in Richtung des Walls der Burg krochen, hörte man nur Wimmern und sowohl hastig, als auch ängstlich rezitierte Gebete von den Wällen – alle befürchteten, dass hier und jetzt ihr Ende gekommen war. „Booogenschützen, leeeeegt an!“ brüllte Branganes Stimme über den Wall, als wären es normale Menschen, die dort auf ihre Mauern zustürmten. Erschrocken von dem Befehl taten die zehn Bogenschützen genau das, sie zogen jeweils einen Pfeil aus ihrem Köcher und legten zwischen den Zinnen auf die Abscheulichkeiten an. Ein langer, sehniger Moment verging, in dem alle die Kreaturen herankrabbeln sahen. Ihre Fortbewegung sah keineswegs plump oder tierisch aus, vielmehr grazil und effizient – so als wären sie genau für diesen Zweck erschaffen worden: Den schnellen und zügigen Angriff. Durch ihre Wellenartige Fortbewegung wurde es den Schützen schwer gemacht auf sie anzusetzen und die Bewegung vorauszuahnen. Niemand wusste, ob die eisernen Spitzen der Pfeile überhaupt in der Lage waren die knöchrige Außenstruktur der Wesen zu durchdringen – wenn es überhaupt Knochen waren. Als die Wesen nah genug heran waren, bellte Lady Brangane den Schussbefehl. Die Pfeile verließen im Einklang die Sehnen – sie schwirrten die Mauern hinab in Richtung der Abscheulichkeiten. Alle Männer und Frauen starrten wie gebannt auf die nun folgende Szene – sie hofften und beteten alle, dass der Druck der Bogensehnen, das Eisen der Spitzen und die zusätzliche Kraft der erhöhten Position ausreichten, um die Hülle der Wesen zu durchdringen. Es würde ihnen allen Hoffnung geben, die Hoffnung, dass sie verletzbar und damit besiegbar wären. Innerhalb eines Bruchteils eines Moments wurde darüber entschieden, ob es Hoffnung oder Verzweiflung gab – ob der Sieg greifbar war, oder die unvermeidbare Niederlage bevorstand. Die Pfeile trafen auf die Abscheulichkeiten, ein paar verfehlten ihr Ziel und blieben im Erdreich stecken, einige weitere schepperten wirkungslos auf ihr Außenskelett und prallten im hohe Bogen zur Seite weg, während die krabbelnden Schrecken ihren Weg unbeirrt fortsetzten. Die Besatzung suchte verzweifelt nach wenigstens einem erfolgreichen Pfeil. Wenigstens einer musste doch seinen Weg durch die Panzerplatten hindurch gefunden und eines der Wesen verletzt haben. „Getroffen!“ schrie eine junge Stimme von einem der höheren Türme. Ein junger Bogenschütze von gerade einmal achtzehn Sommern deutete mit dem Ende seines Bogens auf die eine, liegen gebliebene, Abscheulichkeit, die sich wie eine Spinne, die ihr Ende gefunden hatte, sich zusammengedreht und an Ort und Stelle liegen geblieben war. Das federnde Ende eines Pfeils war das einzige, was noch vom Blattschuss zu sehen war. Die Verteidigungsstreitmacht jubilierte, der unausweichliche Kampf war kein hoffnungsloser – man würde ihn gewinnen können. „Leeeegt an!“ kommandierte Lady Brangane von ihrer Position erneut. Zwei oder drei Schüsse würden sie noch haben, bevor die Abscheulichkeiten die Wälle erreichten.
Im Innern
„Weg da!“ schrie Ser Gneisor und seine Stimme vibrierte förmlich, als er seinem mehrere Schritt entfernten Knappen zubrüllte, während er selbst nach dem Griff seines Anderthalbhänders fingerte. Doch der Knappe tat nicht wie ihm geheißen, tapfer und töricht zugleich stellte er sich der deckenhohen Kreatur, die nicht so aussah wie die, die gerade auf den Wall zukrabbelten, entgegen. Es lief auf zwei Beinen, war so groß wie der Gang hoch war und der ganze Leib war Stachelbesetzt, manche so groß wie die Hauer eines Ebers. Der eine Arm, wenn man es so nennen konnte, war gewaltig, die Schulter so massig wie die eines Ogers und der Unterarm, dessen Finger lange, schwarztriefende Krallen waren, Baumstammgroß. Auf der anderen Seite der Abscheulichkeit waren zwei weitere, fast schon verkümmert wirkende Ärmchen, die sich eine gemeinsame, ebenfalls stachelige Schulter teilten. Der Kopf, ähnlich dem eines Menschenschädels, erwuchs ohne sichtbaren Hals aus dem Oberkörper – vom Oberkiefer bis hin zur Brustmitte, zog sich ein einziges, vor verfluchter Flüssigkeit triefendes und stachelzahnbesetzen Maul. Bis auf den Schädel war der ganze Körper des Kreatur von einer dunklen, fast schwarzen und sehnigen Außenhaut überzogen – keine Haare, Kleidung oder Geschlechtsteile – es war nur dazu erschaffen zu töten.
Ingmar machte einen Satz nach vorne, anscheinend wollte er die Abscheulichkeit überraschen, er holte zum Schlag aus und wahrscheinlich hätte er einem normalen Menschen mit diesem Manöver auch überrascht, doch das jenseitige Wesen war kein Mensch und kam Ingmar zuvor. Es zuckte mit dem ogerartigen Arm und traf Ingmar, noch bevor dieser seinen Hieb vollenden konnte. Der Körper des Jungen wurde mit schmerzender Leichtigkeit durch den Gang geschleudert, sauste an Gneisor und Halrik vorbei und kam an einem Schrank scheppernd zum Erliegen. Sein Kurzschwert glitt klirrend über den Boden, nur knapp an den Beinen des Studiosus vorbei. Dieser war kreidebleich und klammerte sich schützend an seine Bücher. „In die Bibliothek, Los!“ bellte der Marschall mit seiner befehlsgewohnten Stimme und holte den Studiosus damit aus seiner Starre. Dieser verlor keinen Moment, machte auf dem Absatz kehrt und sauste sofort davon. Gneisor hoffte, dass Halrik ihn verstanden hatte und auch wirklich in die Bibliothek eilte. Ein schrilles, aus einer anderen Welt stammendes, hell schepperndes Schreien durchfuhr den Gang der Festung. Er drang bis tief in Fleisch und Bein des Ritters. Ätzende Tropfen gallertartiger Flüssigkeit tropfte vom Maul der Abscheulichkeit herab und flog zusätzlich beim Schrei durch den Gang dem Ritter entgegen. Ser Gneisor knurrte und drehte beide Hände mit einem ledernden Knirschen um den Griff seines Anderthalbhänders, als er ihn in Kampfposition brachte. Er würde nicht den gleichen Fehler begehen wie sein Knappe, er würde abwarten und wie eine Löwin darauf lauern, den einen tödlichen Hieb ansetzen zu können.
Die Abscheulichkeit kam Ser Gneisor entgegen, mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit brachte es den Ogerarm nach vorne und hieb nach ihm. Ser Gneisor, zwar erwartend, aber überrascht ob der Geschwindigkeit, pendelte den gefährlichen Hieb nur knapp aus. Ihm offenbarte sich die mächtige und stachelbesetzte Schulter des Wesens, das viel größer war als er. Mit tödlicher Präzision und der Wucht eines geübten Kriegers, schlug er auf die Schulter ein. Noch würde er nicht seine ganze Kraft in den Schlag hineinlegen, denn das würde ihn nur aus dem Gleichgewicht bringen. Erst musste er wissen, ob er dem Wesen damit überhaupt Schaden zufügen konnte. Die scharfe Klinge fuhr in die Schulter, zerschlug zwei hauerähnliche Stachel und wetzte dann kaum Schaden zufügend über die äußere Schicht. Dank Ser Gneisors dosiertem Einsatz von Kraft und Schwung gelang es ihm die Wucht abzufangen, so dass er dabei nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Das Wesen wollte den günstigen Moment nutzen. Die beiden, minderwertig wirkenden Ärmchen, versuchten nach ihm zu packen, doch der Marschall sah sie kommen und machte einen Ausfallschritt nach hinten. Er brachte sich damit erneut in Position und in Distanz zu ihnen. Nur knapp kratzten sie über seinen Brustpanzer und zerfetzten dabei den schwarzen Wappenrock. Ser Gneisor war nun weit genug entfernt um nicht mehr überrascht zu werden. Seine kampfgeschulten Augen suchten vergeblich nach Anhaltspunken für die nächste Bewegung des Wesens – auch wenn die äußere Hülle einer Haut mit Muskeln und Sehnen glich, so bewegten sich diese, wenn man es so nennen konnte, nicht wie bei dem eines Wesens aus Fleisch und Blut. Er musste sich also ganz auf seine Reaktionsfähigkeit und seinem Instinkt verlassen. Als die Abscheulichkeit erneut einen Angriff mit dem Ogerarm versuchte, machte Ser Gneisor einen Schritt zurück, verlagerte die Haltung des Schwerts nach oben in den Oberhau und nutze den Moment, um das Ende seiner langen Klinge auf den Schädel des Wesens mit voller Wucht niederfahren zu lassen. Doch er unterschätzte die Reichweite der langen Krallen des starken Arms, sie kratzten über seinen Oberschenkel, durchschlugen das dortige Plattenteil und kratzten bis zu seinem Fleisch hindurch. Ein brennender Schmerz zuckte durch seinen Körper, als er spürte, wie die Krallen seine Muskeln mühelos auftrennten. Im gleichen Moment durchschlugen die letzten fünf Finger der Schwertklinge die Schädelbasis des Wesens. Ein Ton, wie von zerberstenden Knochen erklang, als die Spitze des Schwertes bis in die schwarze Augenhöhle hindurchschmetterte. Ser Gneisor zuckte, trotz der Schmerzen im Bein, zurück. Sein Schlag würde bei jedem Wesen den Tot bedeuten – und genau dies erwartete er auch nun bei der Abscheulichkeit. Der Schädel war zertrümmert, das Wesen taumelte zurück und stieß wieder ein schepperndes Schreien aus. Fall um! – wünschte sich Ser Gneisor und beobachtete das Wesen genau, während er das Brennen in seinem Bein versuchte zu ignorieren. Aller Erwartung zum Trotz blieb die Abscheulichkeit jedoch stehen und wirkte jetzt noch aufbrausender. Erneut kam es auf ihn zu. „An mir kommst du nicht vorbei“, brachte Ser Gneisor stoisch hervor und machte sich wieder kampfbereit, das Schwert im Oberhau, so dass die Spitze der Klinge fast die Decke berührte. „Ich bin bei euch, Ser.“ An Gneisors Seite tauchte der kampfbereite Ingmar auf, dessen Brustplatte eine dicke Delle hatte, anscheinend hatte das Wesen ihn nur mit der stumpfen Prankenseite erwischt und seinen Panzer mächtig verbeult. „Die Leuin steh uns bei“, murmelte der Ritter glücklich darüber, dass sein Knappe noch lebte und nun an seiner Seite stand. Zusammen versperrten sie den Gang, denn unweit hinter Ihnen war der Zugang zur Bibliothek.
In der Bibliothek
Halriks Füße trugen ihn so schnell sie konnten in die Bibliothek. Die schwere Eichentür schlug er hinter sich zu und als er im Innern angekommen war, schob er beide massiven Riegel hektisch in das Schloss. Was er eben gesehen hatte überstieg seine Vorstellungskraft. Er hatte wahrlich schon viel über Dämonen und dämonoide Wesen gelesen und auch Zeichnungen gesehen, doch der Anblick der jenseitigen Abscheulichkeit übertrumpfte alles. „Ganz ruhig, Halrik – atme!“ Der junge Studiosus versuchte sich selbst dazu anzuhalten ruhiger zu werden. Sein Blick wanderte über die Bücherregale zu den Fenstern. Es beruhigte ihn ein wenig, dass sie seit der Übernahme der Festung mit massiven Gittern versehen wurden. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Er musste jetzt Ruhe finden, sonst würde er nicht die Folianten und Bücher studieren können. Ser Gneisor sagte, er solle in den Büchern eine Möglichkeit finden, wie sie aus dieser misslichen Lage entkommen konnten. Hastig eilte er zu der Abschrift der alten Senne, aus der er auch die Symbole der Kultisten entziffert hatte. Sie lag aufgeklappt auf einem Bücherständer, so wie er es vorhin zurückgelassen hatte, um dem Marschall zu berichten, dass Sara’kiin auf dieser Sphäre ist. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Was … das kann kein Zufall sein“, dachte er laut, was er immer machte, wenn er alleine in der Bibliothek war. „Genau in dem Moment, in dem ich herausfinde, dass Sara’kiin hier ist, taucht dieser unsichtbare Wall auf – und womöglich auch sie. Das kann kein Zufall sein“, wiederholte er ungläubig. Von einem Moment auf den anderen fühlte er sich beobachtet. War sie etwa hier? Hörte und sah sie, was sie alle taten? Hatte sie nur auf diesen Moment gewartet? Aber warum? Sie hätte auch viel eher angreifen können – welchen Sinn hat es, darauf zu warten, dass die Menschen herausfinden, dass sie hier ist? Zahlreiche Fragen und Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Da ermahnte er sich wieder dazu, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren.
Da hörte er plötzlich Schreie, menschliche Schreie, welche von den Wällen stammen mussten. Er hörte das Geschepper von Klingen und gelegentlich einen kurzen abgerissenen Ruf. Halrik hatte keine Ahnung von Schlachten, er hatte verständlicherweise auch noch nie an einem Kampf teilgenommen, weshalb ihm die typischen Geräusche einer Schlacht unbekannt waren und ihm Furcht einflößten. „Nur kein Druck …“, hauchte er schwach und klammerte sich so fest mit beiden Händen an den Bücherständer, dass seine Knöchel weiß wurden. „So, nun zu dir, du verrätst mir wie wir hier rauskommen, und ich verspreche dir im Anschluss einen schönen Ort mit Ausblick in der Bibliothek“, beschwor er den Folianten. Während draußen die Männer und Frauen um ihr Leben kämpften, hatte er hier in der Bibliothek auch einen Kampf auszutragen. Sie alle gaben draußen ihr Leben, damit er genug Zeit hatte dem Folianten die Geheimnisse zu entlocken, die sie brauchten, um aus dem Schlamassel zu entkommen. Halrik schloss die Augen, konzentrierte sich und hatte nur einen Gedanken: Möge mir Hesinde Erkenntnis geben.