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Teil VII – Märtyrer (2)

Im Innern

Sir Gneisor besah sich den Körper des jungen Studiosus genau. Sein Erscheinungsbild hatte sich drastisch verändert. Seine rosafarbene Haut, die ihn stets jugendlich hat wirken lassen, war einem blassen Teint gewichen, der von dunklen Adern durchzogen war, welche sich sowohl in den Unterarmen als auch am Hals vom Rest der Haut absetzten, wie Steineichenbalken in einem gekalktem andergastischen Fachwerkhaus. Die hellblauen und neugierigen Augen des Abkömmlings des Hauses Tarnel waren ebenfalls dunkel geworden, wie Obsidian, umgeben von einem elfenbeinfarbenden Bett, starrten sie stoisch am Ritter vorbei. Die Gesichtszüge des Jungen schienen im Moment der Gleichgültigkeit erstarrt. Keine Neugier, keine Furcht, kein Schalk und kein jugendhaftes Feuer war mehr im blassen Gesicht zu sehen. Auf dem linken Unterarm des Jungen lag ein aufgeklappter dicker Foliant. Sir Gneisor konnte aufgrund der Lage des Foliants nicht erkennen, um welches Buch es sich handelte.

„Halrik?!“ testete Sir Gneisor mit Vorsicht, aber dennoch fester Stimme an. In der Erwartung eine unwillkommene Reaktion herauf zu beschwören, umklammerte er das Heft seines Anderthalbhänders noch fester. Augenblicklich drehten sich die obsidianfarbenden großen Augen des Jungen zum Ritter. „Sir Gneisor.“ Es lag kein Ausdruck in der unverändert klingenden Stimme. Der Ritter wusste nicht, sollte es seine Frage, eine Feststellung oder gar ein Hilferuf sein. Hinter Gneisor positionierte sich Ingmar, der Knappe des Ritters. Auch er machte sich für einen Kampf bereit. „Halrik, bist du es?“ versuchte es Gneisor erneut, legte jedoch dieses Mal mehr Sanftmut in seine Stimme, so als würde er zu seinem Sohn sprechen. „Ja. Ich bin es“, entgegnete dieser knapp, ohne auch nur einen Hauch von Mimik zu zeigen. „Wir werden noch immer angegriffen und müssen hier raus. Hast du einen Weg gefunden?“ Der Ritter entschied sich, die unwichtigen Teile zu überspringen und gleich zur Sache zu kommen. Womöglich gelang es ihm auf diese Weise zu Halrik durchzudringen. Die Lider des Jungen klapperten mehrmals, als würde er aus einem Tagtraum erwachen. Erschrockene, fast schon ängstliche Mimik flog über sein Gesicht. „Ja, ja … es gibt einen Weg. Friedstein wurde in den Vortex gerissen. So beginnt alles.“ „Wie können wir es rückgängig machen?“ Gneisor lockerte sich etwas, anscheinend war noch genug von Halriks Geist in dem von Dunkelheit durchsetzten Körper. Er fragte sich kurz, ob Halrik wusste, wie er aussah und was mit ihm geschehen war. Doch dann erinnerte er sich an seine eigene Kriegerausbildung. Meist wurden Verletzungen im Rausch des Kampfes einem erst dann bewusst, wenn man darauf hingewiesen wurde. Das Gleiche könnte auch mit Halrik geschehen. Und dieses Risiko konnte und wollte er jetzt nicht eingehen. „Hier im Vortex, sind die Götter abwesend – sie alle. Sie haben keine Macht über diesen Ort, denn sie sind es, die unsere Welt beschneiden und uns die Macht nehmen. Hier … ist die Magie noch frei, denn ALLES ist Magie. Materie, Zeit, Leben … einfach alles … und man kann sie lenken. JEDER kann sie lenken.“ Begeisterung flammte in Halriks dunklen obsidianfarbenden Augen auf, wie ein Kind, dass voller Stolz von seinem ersten Ritt auf einem Steckenpferd berichtet.  „Doch wie hilft uns das, Halrik?“  unterbricht Sir Gneisor die Euphorie des Jungen. Die Gesichtszüge des blassen Halriks erhärten wieder. „Mit … Wortzauberei … wenn man die Worte richtig ausspricht, SIND sie Magie. Ich vermag Burg Friedstein wieder aus dem Vortex nach Dere zurückholen.“ Gneisor glaubte Enttäuschung im letzten Satz des Studiosus zu hören. Der Marschall erkannte: Halriks Geist begann zu korrumpieren. Er musste jetzt an seinen gesunden Menschenverstand und seiner tief innewohnenden Güte appellieren. „Dann rette uns alle, alle die die dir wichtig und teuer sind, und hilf uns, Burg Friedstein und seine Bewohner zu retten!“ „Ja“, hauchte Halrik knapp, und dieses Mal war seine Enttäuschung stark zu spüren, sogar so stark, dass Ingmar es bemerkte. Gneisor hörte, wie sich sein Knappe noch immer nicht gelockert hatte und noch weiter bereit war anzugreifen. „Also gut, was musst … was müssen WIR tun, Halrik?“ Halrik sah nach oben, als könnte er durch die dicken Mauern der Festung hindurchblicken. Vielleicht konnte er es sogar? „Sara’kiin selbst ist der Anker der die Festung hier im Vortex hält – wir müssen sie ausschalten. Dann kann ich uns zurück nach Dere bringen.“ „Dann gehen wir es an, auch wenn uns die Götter hier nicht beistehen können, so können wir trotzdem für sie streiten.“ Die pathetischen Worte des Ritters ließen Halrik kurz zusammenzucken. Dann machten sich die drei auf, den Burgfried zu verlassen. Von draußen drang noch immer leichter Kampflärm, es war also noch nicht vorbei und noch hatte keine Seite gewonnen. Solange es also Menschen gab, die bereit waren ihr Leben geben und ein Schwert zu führen, gab es noch Hoffnung, dachte Gneisor.

Der Marschall, sein Knappe und der Studiosus eilten durch die dunklen Flure des Frieds. Die Tür zum Burghof war offen, im Eingang lag ein Infanterist, sein rechter Arm war ausgerissen und eine dicke Blutlache hatte sich über die Steine ergossen. Die Augen des Mannes waren weit aufgerissen, im Moment seines Todes hatte er wohl mit ansehen müssen, wie ihm sein Arm ausgerissen wurde. Die drei drückten sich am schmalen Eingang an der Leiche des Mannes vorbei nach draußen. Sie hielten alle sofort an, der Lärm des Kampfes war hier viel deutlicher zu hören, als im Innern. Instinktiv stellten sich der Ritter und sein Knappe Kampfbereit um den Studiosus auf. „Dort!“ rief Halrik und deutete in die Luft. In der Mitte des Burghofs schwebte in zehn Schritt Höhe eine abscheuliche Gestalt, gehüllt in schwarzweiße Stoffe und einem metallenen Helm mit sich nach oben hin verjüngenden Spitzen. Ein blau waberndes Leuchten ging von ihrer Hand aus und hielt die nur wenige Meter von ihr entfernte Ritterin Brangane in einem festen magischen Griff. Die Luft zwischen ihnen vibrierte, so dass alles miteinander verschwamm. „Das ist Sara’kiin“, sagte Halrik fast schon ehrfürchtig, und im gleichen Moment traf sie ein Pfeil von der Seite. Das blaue Band erlosch ruckartig und der Körper von Brangane fiel wie ein nasser Sack zu Boden. „Nein!“ brüllte Gneisor, der sofort seine Kampfposition aufgab und auf sie zueilte noch ehe sie den Boden berührte. Ingmar blickte kurz zwischen Halrik und seinem davoneilenden Ritter hin und her, um dann treu hinter seinem Herrn her zu rennen und Halrik alleine stehen zu lassen. Ein tödliches Scheppern klapperte über den Burghof, als der Körper von Brangane samt ihrer Rüstung auf dem Boden aufkam.

Halrik beleckte mit seiner schwarze Zunge seinen Zeigefinger und blätterte in aller Ruhe eine Seite in dem Folianten um. Sein Blick huschte über die Zeilen und dann sprach er: „Snámhphointe.“

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