Auf den Wällen – Brangane
Mit flinken Füßen eilte die Kriegerin die steinernen Stufen des Wehrturms hinab. Von oben, durch die Dachluke, tönten noch kurz Schmerzens- und Hilfeschreie, doch die Ritterin eilte unbeirrt weiter. Sie erreicht eine Zwischenebene, welche als Aufenthaltsstube genutzt wurde. Ein paar Regale, Kisten, Kleidertruhen und Schlafstätten standen hier geordnet auf der Zwischenebene. Der Treppenabgang, der weiter nach unten in den Burghof führte, befand sind auf der anderen Seite des Turmrunds. Also rannte Brangane weiter, vorbei an Kisten und Truhen. Plötzlich brach eine der Türen auf, Holz splitterte ins Innere und flog nur knapp an der Ritterin vorbei. Eine der niederen Abscheulichkeiten quetschte sich flink durch den gedrungenen Eingang herein und begann sofort mit seinem außerderisch schrillen Geschrei. Brangane hatte keine Wahl, die Bestie befand sich zwischen ihr und dem Treppenabgang, also machte sie sich bereit und stellte sich sofort kampfbereit auf. Die Bestie verlor keine Zeit und stürmte instinktiv – wenn man davon ausgeht, dass diese Wesen so etwas wie einen Instinkt besaßen – auf Brangane zu. Diese machte im rechten Zeitpunkt einen Schritt nach vorne und presste mit ihrem Schild gegen die tödlichen Fangarme, wobei es unnatürlich laut schepperte. Dann hieb sie mit ihrem Rabenschnabel zu. Der erste Schlag verfehlte sein Ziel nur knapp und kratzte sinnlos über den Chitinpanzer. Die Bestie schrillte auf, doch Brangane schien es nichts auszumachen. Einer der Fangarme versuchte sich am Schild vorbei zu buxieren, doch Branganes Kampfposition war zu geschickt, um sie zu erreichen. Wieder schlug sie zu, dieses Mal zwischen zwei der wehrhaften Panzerplatten. Es knackte laut, als der lange Dorn des Rabenschnabels ins Innere des Wesens eindrang. Die Abscheulichkeit stieß hölzernes Geklapper aus, ehe es von Branganes Rabenschnabel zur Seite gezerrt und gegen einen Schrank geschleudert wurde. Die Bestie prallte so heftig gegen den Schrank, dass dieser unter seiner Last zusammenbrach und einstürzte. Dutzende Gegenstände, Tonkrüge und kleinere Kisten purzelten heraus, zerbrachen und verursachten ein heilloses Durcheinander, ehe sie den nunmehr leblosen Körper des Wesens bedeckten. Branganes Weg war nun frei, sie hielt sich nicht länger auf und setzte ihren Weg fort.
Eine Ebene tiefer hörte sie wieder das schrille Geschrei und Geklapper einer der skorpionähnlichen Abscheulichkeiten. „Bitte, helft mir!“, schrie eine weibliche Stimme. Der Ruf galt Brangane und kam von einer älteren Stallhelferin die zitternd einen Schürhaken, den sie sich wohl schnell zur Verteidigung gegriffen hatte, vor sich hielt. Die Abscheulichkeit direkt vor ihr schien die ältere Frau zu verhöhnen oder auf den rechten Moment zu warten, denn bis auf den Schürhaken gab es eigentlich keinen Grund zu warten. Branganes Blick ging zur Tür zum Hof, der Weg war frei, denn die Stallhelferin und die Abscheulichkeit waren auf der anderen Seite des Turmrunds. „Herrin, bitte! Hilfe!“ Die Stimme der Frau vibrierte vor Furcht und Verzweiflung im Angesicht ihres drohendes Endes. Brangane verlor keine Zeit und rannte – ohne die Frau eines Blickes zu würdigen – schnurstracks auf die Tür zur. Das Zerreißen von Fleisch und Gelenken, gepaart mit Todesschreien, die in ein blutiges Gegurgel endeten, drangen noch zu den Ohren der Ritterin herüber, ehe sie den Ausgang des Wehrturms erreichte.
Der Geruch von Blut und Schweiß wehte kühl über den Wehrhof, als Brangane ihn erreichte. Hier und dort kämpften auf den Wällen und im Innenhof Infanteristen und Bogenschützen gegen die Abscheulichkeiten. Rötliche Blitze zuckten über das Zentrum des Hofes in etwa zehn Schritt Höhe, als die Gestalt von Sara’kiin dort aus einer Art Riss erschien. Als sie komplett hindurchgeschwebt war, schloss sich der Riss mit einem dumpfen Ton. Sara’kiin, der gefallene Anker Saria Fuxfells, schwebte dort in der Höhe. Schwarzweiße Gewänder hüllten sie ein. An den Füßen, Händen und auf dem Kopf trug sie jedoch dunkelschwarzes zackiges Metall, so dass man weder Gesicht noch andere Stellen ihres Körpers sehen konnte. In der linken Hand hielt sie einen gewundenen weißen Stab mit blauen Einschlüssen. Niemand, außer wohl Sara’kiin selbst, wusste, warum sie dort in der Mitte der Festung schwebte. Wie eine Feldherrin, die über das Schlachtfeld blickte, schien auch sie dort, in sicherem Abstand zu allen, der sicheren Eroberung der Festung Friedstein zuzusehen.
Brangane machte eine paar Schritte ins Zentrum des Hofs, sie musste dabei an zwei Leichen von Abscheulichkeiten vorbei laufen. Ihr Blick ging nach oben, Sara’kiin hatte sie wohl noch nicht entdeckt. „Suchst du mich?! Ich bin hier unten!“, brüllte Brangane so laut sie konnte über den mit Kampflärm gefüllten Hof. Sara’kiins eisenbewehrter Kopf blickte herab und als sie Lady Brangane erblickte, drehte sich ihr Körper in der Luft ihr zu. Das heißt, ihr Schwebezustand verlagerte sich von einer stehenden in eine fast liegende Position. Dann streckte sie ihren weißen Stab aus und eine blau wabernde Kugel der Macht schoss direkt auf Brangane zu. Rasch hob die Ritterin ihr Schild über sich und ging leicht in die Hocke. Als die blaue Kugel auf das Schild prasselte, donnerte eine mächtige Explosion über den Hof. Blaues Licht, feine Blitze und wabernde Energie ergossen sich rund um das Schild, doch Brangane blieb wie durch ein Wunder unbeschadet stehen. Noch ehe sie das Schild senken konnte, flog ein weiterer blauer Energieball heran. Erneut donnerte er auf das Schild der Ritterin und drückte sie tiefer in den Boden des Hofs hinein. Auch dieses Mal waberte blaues Licht kugelartig um sie herum und kleine Blitze zuckten zu den Seiten. Brangane zog ihre Füße aus den Furchen, die der Druck auf ihren Körper verursacht hatte. Sie senkte das Schild, streckte sich und blickte zu Sara’kiin stoisch empor. Mit Hohn in der Stimme rief sie: „Mehr hast du nicht drauf? Ich bin enttäuscht!“
Da ihr Blick auf Sara’kiin gerichtet war, sah Brangane die niedere Abscheulichkeit, die sich ihr rasch näherte, nicht kommen. Mit einem Satz flog sie auf die Ritterin zu und riss sie mit der Wucht eines heraneilenden Stiers um. Das stachelbesetzte Maul biss sich tief in Branganes linke Seite, noch im Flug packten die beiden Fangarme der Bestie die Unterarme der Ritterin und verbissen sich darin. Die Abscheulichkeit kam auf Branganes Körper mehrere Schritt von der Position zuvor entfernt zum Liegen. Während das stachelige Gebiss sich tief in den Torso der Ritterin fraß und sie damit fixierte, zogen die mehrgelenkigen Fangarme ruckartig an ihren Unterarmen. Kein Laut drang aus Branganes Mund, während die Bestie auf ihr begann sie auseinander zu reißen. Doch so sehr die Abscheulichkeit auch zog, die Arme blieben am Körper der Ritterin dran, auch der Rabenschnabel und das Schild blieben stoisch in ihren Händen. Plötzlich krochen schwarze Tentakel, erst kleine und dann größere, um den Körper der Abscheulichkeit und begannen sich über ihr zu treffen, binnen eines einzelnen Lidschlags erwuchs auf dem Chitinpanzer der Bestie eine schwarze Masse, diese wuchs immer weiter und bildete rasch Extremitäten aus. Der Körper Branganes verschwand unter der Bestie, auch ihr Schild und der Hammer waren fort und ein durchweg schwarzer Körper, der einer Frau mit Rabenschnabel und Schild glich, hiebte mit einer gewaltigen Kraft auf den Schädel der Abscheulichkeit ein. Der Panzer zerbrach und die Abscheulichkeit streckte leblos alle Extremitäten von sich. Die schwarze Masse erhob sich und nahm plötzlich Farben an – es war der Körper von Brangane, der dort wieder – ohne jedwede Art der Verletzung – stand. „Ist das alles was du kannst? Komm her und stell dich mir!“, brüllte Brangane, die mit finsteren Blick wieder nach oben schaute, als wäre nichts von Belang passiert.
Sara’kiin schwebte herab und landete einige Schritt entfernt von Brangane auf dem Boden. Ihre Bewegungen waren, trotz ihrer bösartigen Gestalt, fließend und grazil. Anscheinend hatte die ehemalige Magierin des Konzils der Elemente einige ihrer Eigenschaften beibehalten.
„Iribaar und ich haben lange auf diesen Moment gewartet – erfüllen wir unser Schicksal und bringen es zu Ende“, sprach Brangane mit bedeutungsvoller Stimme, ehe sie sich bereit machte gegen den gefallenen Anker der Hesinde zu streiten. Der Kampf, den die beiden ausfechteten, konnte von nur wenigen – und dann auch nur zu Teilen – beobachten werden, da die meisten eher damit beschäftigt waren sich selbst gegen niedere Abscheulichkeiten zu wehren. Sara’kiin, die ihre außerderische Magie einsetzte, wechselte häufig die Position, sie verschwand quasi im Nichts, nur um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Sie warf zahlreiche blaue Energiebälle, die allesamt an Branganes Schild abprallten. Immer wieder zwang Brangane sie in den Zweikampf, doch diese pendelte ihre Schläge immer wieder mit elfengleicher Grazilität aus. Im Laufe des Gefechts kamen zwei Abscheulichkeiten Sara’kiin zur Hilfe, doch Brangane gelang es, beide mit gezielten Hieben auszuschalten. Irgendwann schaffte die Jenseitige ein Täuschungsmanöver, welches Brangane nicht kommen sah. Sie erschien nach einem Verschwinden nicht wie üblich irgendwo hinter ihr, sondern direkt über ihr. Der weiße, blau durchsetzte Stab traf Brangane am Kopf und brachte sie ins Straucheln. Den winzigen Moment der vorteilhaften Position nutzte Sara’kiin, um einen Bindungszauber auf sie zu werfen und sie damit zu umschließen, ehe sie sich fangen konnte. Dann hob sie Brangane an und schwebte mit ihr in die Höhe, denn Sara’kiin hatte etwas mit ihrer Gefangenen vor.