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Teil VIII – Interludium (1)

Brangane

Es war an einem schönen Feuertag im Peraine, als die Bewohner vom Eilingshof das ruhige Donnern von zahlreichen herantrabenden Pferdehufen vernahmen. Zwei Lanzen Berittener, in den Dörflern unbekannten Farben, näherten sich. Auf dem trockenen Karrenweg lösten sich von den zahlreichen Hufen der Pferde große Staubwolken, die über die frisch gewachsenen Hirsefelder wehten. Auf dem Hofplatz, der gleichzeitig Treffpunkt und Warenumschlagplatz war, eilte eine ältere Magd geschwind in eines der flachen mit Reet bedeckten Fachwerkhäuser. Zwei Winhaller bellten aufgeregt und flitzten auf dem Hof hin und her. Hastig wurde ein Karren mit leeren Fässern zur Seite geschoben. Die herannahenden Reiter, die aufgereiht wie auf einer Perlenschnur hintereinander ritten, denn der schmale Weg bot nicht mehr Platz, erreichten donnernd den Hof. Sofort scherten die Pferde zu beiden Seiten aus und bildeten die Formation eines Halbkreises. Die Muskeln der Pferde zitterten noch, als der Staub des trockenen Wegs bis in den Hof hineingetragen wurde und Jahan Eiling, der Besitzer des Hofs, nach draußen zu den Berittenen kam. Der Dunst fing sich in seinem schwarzgrau meliertem dichten Bart. Er hielt sich ein geblümtes Tuch vor den Mund, was die ältere Magd hinter ihm nicht tat, weshalb sie im Gegensatz ihm husten musste.

„Beruhige die Hunde“, wies er die die Magd mit ruhiger Stimme an und ging dann auf das Zentrum der Reiterlanzen zu.  Noch während die Winhaller Wolfsjäger energisch bellten, trat Jahan Eiling zu dem schwarzen Greifenfurter Kaltblut mit dem dünnen Aalstrich auf der langen Stirn. Selten hatte Jahan Eiling ein so prächtiges Pferd gesehen, zumal sie nur in der Baronie Hexenhain nahe Greifenfurt – also weit weg von hier – gezüchtet wurden. Mit ruhiger Hand tätschelte er den Kopf des Pferdes, berührte achtsam den weißen Aalstrich und sah dann zum Reiter auf. „Es ist ein langer Ritt von Greifenfurt nach Hammerschlag. Eure Pferde sehen müde aus, gerne könnt ihr hier Rast machen. Doch erlaubt mir die Frage zu stellen, was euch hierher führt?“ Jahan Eilings Stimme war ruhig und sein Tonfall ehrlich interessiert. Seine buschigen Augenbrauen tanzten angestrengt über seinen Augen auf und ab, da sich der aufgewirbelte Staub sich noch immer nicht gelegt hatte und er mühsam zum Reiter aufschauen musste. Wortlos griff der Reiter in seine Satteltasche und fingerte eine Depeschenhülse hervor, um sie dem alten Mann zu reichen. „Ein Schreiben von seiner Exzellenz Nehazet“, beschrieb Jahan Eiling als er die Hülse öffnete. Er las den Inhalt des Schreibens und sagte: „Festung Friedstein befindet sich hinter dem Wäldchen – ihr könnt die Wehrtürme von hier aus schon sehen. Dort könnt ihr auch Sir Gneisor antreffen.“ Jahan Eiling deutete mit einer Hand in Richtung der untergehenden, rot glühenden Praiosscheibe.  „Dies hier ist nur ein einfacher Hof, Lady Brangane.“ Den Namen der Reiterin entnahm er dem Schreiben, welches von seiner Exzellenz Nehazet ibn Tulachim persönlich geschrieben und gesiegelt war. Die Reiterin öffnete das Schutzvisier ihres Helms und vom Vorschein kam das markante Gesicht der jung gebliebenen Kriegerin aus Greifenfurt. „Ich danke dir …“ sie machte eine fragende Pause. „Nennt mich Eiling, Jahan Eiling.“ Der alte Mann lächelte mit einem Mundwinkel. „… Eiling. Das Angebot die Pferde tränken zu lassen, nehme ich dankend an. Wir machen nur kurz Rast und werden dann weiter.“ Zu den zwei Lanzen gewandt sagte sie dann im lauten Befehlston: „Absatteln! Tränkt die Pferde – ihr habt zehn Momente – dann reiten wir weiter.“

Brangane von Dunkelfang-Krötenbrunn stieg ebenfalls von ihrem Pferd ab und übergab Jahan Eiling die Zügel ihres Pferdes. „Gib gut auf sie acht“, intonierte sie. Ihre leichte Reiterrüstung hatte viel Staub und Dreck vom Reiten gefangen und bevor sie Friedstein erreichte, wollte sie wieder ordentlicher aussehen. Mit einem Wink ließ sie einen Waffenknecht herankommen, der ihre Rüstung abputzen sollte. „So sauber wie letztes Mal“, ordnete sie mit befehlsgewohnter Stimme an. Ihr Knecht stutzte, nickte dann und wollte gerade loseilen, um das Rüstungspflegeutensilien zu holen, da bemerkte Lady Brangane seinen Blick und hakte nach: „Was schaust du so, Junge?“ Der junge Knecht, der nur einen simplen Wappenrock in ihren Farben trug, zögerte mit der Antwort. Augenscheinlich war er verunsichert. „Raus mit der Sprache!“, tönte Brangane im scharfen Ton hinterher. „Es … es … es steht mir nicht zu euch zu korrigieren, euer Wohlgeboren, aber ich habe eure Rüstung noch nie gereinigt“, widersprach der Knecht im ehrfürchtigen Ton. Lady Brangane kramte kurz in ihren Gedanken. Sie war sich sicher, dass ihre Rüstung schon einmal, kurz vor Ferdok, von ihrem Knecht gereinigt wurde. „Du hast nahe Ferdok meine Rüstung gereinigt. Daran erinnere ich mich genau. Ich musste die Rüstung nicht einmal ausziehen dafür.“ Der Knecht blickte verwirrt hin und her.  Hatte er es etwa wirklich vergessen? Doch etwas selbstsicherer antwortete er dann: „Nein, Herrin – das war ich nicht.“

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