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Teil VIII – Interludium (2)

Vidkun

„Ich erachte die Quelle als unzuverlässig“, raunte Vidkun, während er in stolzer Haltung seine dünnen Arme in die Hüften stemmte. Er war an die zwanzig Götterläufe jung, trug einen Wappenrock in den Farben seiner Herrin, einen dunkelblauen Gambeson und einfache Lederteile zum Schutz gegen einfache Hieb- und Stichwaffen. Seine dünnen blonden Haare fielen ihm zur Hälfte ins Gesicht. Auch wenn er noch sehr jung aussah, so konnte ein aufmerksamer Beobachter in seinen dunkelbraunen Augen einen Charakter ausmachen, der viel älter und erfahrener war, als der Körper, in dem er steckte. Ihm gegenüber stand eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. „Du zweifelst an mir?“, zischte eine weder weiblich noch männlich klingende Stimme unter der Kapuze. „Nicht an dir, sondern an der Glaubwürdigkeit deiner Quelle – aus welchem Grund sollte uns …“, versuchte Vidkun es im beschwichtigenden Tonfall, doch er wurde mit einer abschneidenden Geste der verhüllten Gestalt unterbrochen „ … weil wir den gleichen Feind haben, Vidkun – gerade du solltest das am besten wissen.“ Der Junge wandte sich ab und besah sich den Innenraum des Heuschobers in dem die beiden nun schon einige Momente zusammen standen. Von draußen drang heiteres, unbedarftes Lachen durch die Spalten der Bretter. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Er drehte sich wieder zu der verhüllten Gestalt. „Nun gut, nehmen wir einmal an, dass die Quelle uns nicht hereinlegen will – so wie sie es schon immer getan hat – dann hieße das, dass ich allein etwas gegen ihren gefallenen Anker ausrichten kann. Denn ihre Streiterin befindet sich zur Zeit am Hofe in Gareth und ich trage Iribaars Spiegel.“ „Ganz genau“, bestätigte die Kutte zischend. „Sag es mir noch einmal: Warum in Amazeroths Namen soll ich diesen Haufen unbedeutender Wesen retten?“ Vidkun glaubte so etwas ähnliches wie ein schweres Atmen aus dem Innern der dunklen Kutte hören zu können. „Die Quelle verriet uns, dass dort in zwei Tagen ein junger Studiosus dem Buch ‚Jenseits der Sphären‘ eine Information entlocken wird, welche für den Orden sehr wichtig sein wird. Ohne diese Information, werden sie noch viele weitere Jahre im Dunkeln umherirren.“ Vidkun prustete verächtlich. „Sie sind uns wirklich noch so weit hinterher…“, sprach er und schweifte damit etwas vom Thema ab, als er daran dachte, wie wenig der Orden wusste und wie engstirnig sich dieser Schutzorden bisher in seinen Augen verhalten hatte. Für ihn hatten die Bewohner der 3. Sphäre in der langen Zeit, in der ihr gemeinsamer Feind bekannt war, schlichtweg zu wenig erreicht. Der Orden war seines Erachtens der erste Versuch mit Aussicht, etwas Konstruktives zu werden. Wenn sie doch nur jemanden mit mehr Verstand als Muskelmasse an die Spitze gewählt hätten. Vidkun dachte für einen kurzen Moment darüber nach, ob es vielleicht auch nur ein windiger Zug war, den lenkbaren Ritter zum Oberhaupt zu machen, während die klugen Köpfe aus dem Hintergrund agierten und sich damit selbst nicht zur Zielscheibe machten. Besaßen die Bewohner dieser Sphäre etwa doch mehr Verstand als er ihnen zutraute? Die Kutte nickte nach Vidkuns Aussage. Der junge Knecht setze seinen Gedankengang fort: „Jetzt müssen wir also schon – wie sagt man hier – Amme für sie spielen und ihnen dabei helfen, zu Erkenntnissen zu gelangen, zu denen sie schon vor Jahren selbst hätten kommen sollen?“ Von draußen erklang ein Ruf, so als würde jemand gesucht werden. Die verhüllte Gestalt und Vidkun blickten kurz zur Seitentür des Schobers. „Mach dir keine Sorgen, ich habe dafür gesorgt, dass er tief und fest schläft.“ Vidkun deutete auf eine der Pferdeboxen in denen im Schatten ein junger Mann lag, der genauso aussah wie er. Ein Pferdeknecht der Greifenfurter Ritterin. Vidkun stutzte plötzlich. „Sagtest du in zwei Tagen? Ich hörte wie die Ritterin sagte, dass sie erst in drei Tagen an Burg Friedstein ankommen würden.“ Die Kutte nickte wieder. „Dann bleibt mir wohl keine Zeit. Ändern wir unseren Plan ab. Ich werde mich mit Iribaars Spiegel der Limbusverschlingerin stellen und den Studiosus retten.“ Die Kutte nickte wieder und sprach dann zischend: „Du wirst wohl deine Tarnung vor Ort aufgeben müssen. Die Schutzritter werden es nicht verstehen.“ Vidkar musste grinsen, als ihm ein Gedanke durch den Kopf schoss. „Ha, meinst du sie würden mir glauben, wenn ich Ihnen sagen würde, dass unsere Quelle ihre Göttin Hesinde ist, welche uns diese Informationen zukommen ließ und uns dazu brachte ihnen zu helfen? So engstirnig wie sie sind, würden sie es nicht verstehen.“ Wieder erklang der Ruf, doch dieses Mal fordernder. „Ich werde mir etwas überlegen, wie ich vor Ihnen in schon zwei Tagen an Burg Friedstein sein kann, ohne dass es auffällt. Wir sehen uns, wenn das alles hier vorbei ist.“ „Der Prächtige wird dich mit Wissen segnen“, zischte die androgyne Gestalt unter der Kutte und löste sich dann in einen verwehenden schwarzen Nebel auf. Vidkun, der in Gestalt des Knappen war, blieb alleine zurück. Er änderte seine Haltung, ging nun etwas gebückter mit zusammengekrümmten Schultern. Viel weniger stolz und selbstsicher, sondern so wie es sich für einen jungen Pferdeknecht gehörte: unterwürfig. „Hey ja, ich komme, Lady Brangane!“, rief er laut, im unsicheren Tonfall, durch die Bretter des Schobers. Vidkun hatte bereits einen Plan.

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