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Teil VI – Blut und Tot (2)

Im Innern

Scheppernd schlug die Klinge des Anderthalbhänders auf die Panzerplatte der Abscheulichkeit ein. Ser Gneisor hatte eigentlich versucht den schon lädierten Schädel zu treffen, doch der Kreatur gelang es die Schulter rechtzeitig hoch zu ziehen und als Block zu benutzen.  „Zurück!“, bellte Gneisor, der Ingmar davon abhalten wollte, den geplanten Zangenangriff auszuführen. Die beiden Streiter kämpften nun schon gewiss zehn Momente mit dem Vortexwesen, dabei hatte sie sich immer weiter vorwärts in Richtung Bibliothek bewegt – und jetzt waren sie nur noch zehn Schritt von der massiven Eichentür entfernt. Sowohl Ser Gneisor, als auch der Knappe, waren an der Grenze ihrer Ausdauer angelangt – beide prusteten und der Schweiß stand ihnen auf der Stirn. Zusätzlich setzte Sir Gneisor die schwere Wunde im Oberschenkel, die er sich gleich zu Beginn zugezogen hatte, inzwischen sehr zu und behinderte ihn in seiner Bewegung. Der brennende und heiße Schmerz, wurde inzwischen zu einem betäubend kalten. Das heraussickernde Blut ergoss sich über den gesamten Flur und hinterließ eine lange Spur. Auch der Knappe war nicht unbeschadet geblieben, zu der dicken Beule in der Brustplatte, kam eine Schnittwunde am linken Unterarm sowie eine Platzwunde am Kopf. Der Kreatur gelang es ein weiteres Mal Ingmar mit der – wenn man es so nennen mag – ‚Rückhand‘ gegen die Wand zu schleudern. Sein Kopf prallte dabei gegen die Steinwand und zu der dabei entstehenden Platzwunde gesellte sich inzwischen ein betäubender Kopfschmerz.

Ser Gneisor stand wie ein Fels zwischen der Kreatur und der Bibliothek, während Ingmar sich derweil hinter sie begeben hatte um ihr gelegentlich ‚Nadelstiche‘ setzen zu können. Doch bisher blieb die erhoffte Wirkung ihrer Treffer aus. Sie zertrümmerten den Schädel, stachen ihre Klingen tief in den Körper und zerschlugen die großen Stachel auf seinem Panzer, doch es machte keinerlei Anzeichen der Ermüdung oder gar der Verletzung. Es kämpfte unermüdlich und unerbittlich weiter – was nicht gerade zur Moral der beiden Krieger beitrug.

„Wir müssen es von der Bibliothek fernhalten, koste es was es wolle!“ befahl Ser Gneisor mehr zu sich selbst, als zu seinem Knappen. Er brachte seinen Bihänder zwischen sich und dem wuchtigen, ogerähnlichen Arm. Das Metall kratzte über den Panzer und der Angriff der Abscheulichkeit flog unwirksam am Ritter vorbei. „Aber wie? Es ist unverletzbar!“ raunte Ingmar von hinter der Kreatur und stach noch einmal zu, doch wieder blieb eine Reaktion aus. An der letzten Abzweigung hatten beide Krieger versucht die Abscheulichkeit in eine andere Richtung zu lenken, doch vergebens. Es schien, als hätte es sich die Bibliothek zum Ziel gesetzt. Die zwei kleinen, fast schon verkümmert wirkenden Ärmchen griffen nach hinten. Ingmar wich ruckartig zurück und entkam damit ihren rasiermesserscharfen Krallen. Der obere Körper der Kreatur drehte sich nach hinten, die wuchtige Schulterplatte kam dabei nach vorne und Ser Gneisor bekam einen Blick auf die linke Flanke. Da kam ihm ein Geistesblitz. „Ich habe eine Idee – gib mir dein Schwert!“ „WAS?!“, bellte Ingmar entsetzt zurück, der glaubte die Aufforderung seines Ritters missverstanden zu haben. „Gib mir dein Schwert, Ingmar!“ wiederholte er, während er einen weiteren Schritt nach hinten machen musste um einen erneuten Hieb des starken Arms auszuweichen. Ingmar tat wie ihm geheißen, lugte hinter dem massiven Körper der Abscheulichkeit hervor und in einem günstigen Moment, warf er das  Kurzschwert mit dem Heft voran durch den Gang. Ser Gneisor gab sein Anderthalbhänder in die rechte Hand und fischte mit der linken das Kurzschwert behände aus der Luft. Sofort ließ ihn seine Kriegerausbildung eine an seine Bewaffnung angepasste Kampfhaltung einnehmen. Das Hauer besetzte Maul des Wesens flatterte auf, als es erneut ein unwirkliches Kreischen von sich gab. Dicke Brocken schwarzen Speichelns flogen dem Ritter dabei entgegen. Ser Gneisor nutze den Moment, um im Gedanken sein nun folgendes Kampfmanöver noch einmal durchzugehen. „Rondra steh mir bei …“, hauchte er und umklammerte die Hefte der beiden Schwerter noch etwas fester. Er machte einen Schritt nach vorne, der kühle und betäubende Schmerz in seinem Oberschenkel wurde sofort wieder glühend heiß. Mit dem Bihänder schlug er von oben auf die Kreatur ein. Die Abscheulichkeit tat das, womit Ser Gneisor gerechnet hatte, es hob den Ogerarm zur Verteidigung. Während die Klinge auf den Panzer schepperte, brachte er das Kurzschwert zum Einsatz. Er tauchte unter dem Arm hinweg, nutze die lange Klinge als Abwehr und dabei kam er an der Flanke des Wesens vorbei. Sein Ziel konnte er deutlich vor sich sehen. Die Kreatur bemerkte jedoch Gneisors Manöver und drehte sich seinerseits mit dem Ritter mit, doch es hatte anscheinend nicht mit dem Knappen gerechnet. Dieser sprang der Kreatur mit der Spitze seines Dolches voran in dessen Rücken. Die Klinge schlug Ingmar in die Stelle, wo Menschen das Schlüsselbein hatten – nur eben von hinten. Mit beiden Händen krallte sich der Knappe an den Griff des Dolches und mit seinen Füßen umklammerte er einen eisernen Fackelhalter, um so die Abscheulichkeit für einen kurzen Moment an Ort und Stelle zu binden. So war es Ser Gneisor möglich, sich weiter um die Kreatur herum zu bewegen. Das Kurzschwert stach er mit der Spitze voran in die Flanke und schob es dann mit aller Kraft so lange weiter, bis es an der Position war, wo er es haben wollte. Die Klinge rutschte Mühelos durch den Körper der Kreatur, denn Ser Gneisor hatte in der Flanke der Abscheulichkeit eine Art Schlitz ausgemacht, welcher sich zwischen zwei Panzerplatten ergab. Da sich die Panzerplatten so weit überlappten und aneinander rieben, würde das Schwert auf keinen anderen Weg herausrutschen können. Ser Gneisor schob das Kurzschwert tiefer, so weit, bis es an die kleine Parierstange stieß – auf diesem Ende des Schwerts, war es nun also fixiert.  Die Abscheulichkeit schrie wieder schrill auf, die beiden Ärmchen griffen ungelenk nach Ingmar, während der riesige Arm versuchte Ser Gneisor zu treffen, doch der massive Schulterpanzer schränkte dessen Bewegung so ein, dass er nicht an Gneisor herankam. Der Fackelhalter an dem sich Ingmar mit seinen Füßen klammerte, gab unter der enormen Last nach, das Metall zersprang und Ingmar rutsche den Halt verlierend und den Dolch loslassend an dem Vortexwesen herab – dabei fuhr einer der beiden  Ärmchen über Ingmars Gesicht, die Krallen schnitten mühelos tief durch das weiche Fleisch. Ser Gneisor bekam all dies nicht mit, denn er verfolgte weiter sein Manöver. Mit Aller Kraft drückte er die Kreatur in Richtung einer Tür. Seine Schulter stemmte er dafür in dessen Seite, während er den Griff des Kurzschwerts weiter mit einer Hand festhielt. Der wiederaufflammende Schmerz in seinem Oberschenkel und die zitternden Knie, veranlassten ihn dazu zu schreien, er brülle den Schmerz und die letzte Kraft aus sich heraus, das Manöver musste einfach gelingen! Die Spitze des Kurzschwerts voran, trieb er das Metall in das harte Holz der Tür. Ein hohles scheppern tönte durch den Wehrfried als die Klinge in die Tür eindrang. Sofort löste sich Gneisor von der Kreatur und machte einen weiten Schritt zurück. Die Abscheulichkeit war mit dem Kurzschwert seitlich an die Tür fixiert. Die beiden kleinen Arme wurden dabei gegen das Holz gequetscht und durch den Schulterpanzer, war auch der Wirkungsbereich des Ogerarms eingeschränkt. Sofort packt er den griff seines Bihänders wieder mit beiden Händen, jetzt würde er der Abscheulichkeit ein Ende setzen können.

„Sehr gut Ingmar! Wir haben es geschafft.“, lobte er seinen mutigen Knappen mit einem befriedigenden Lächeln auf den Lippen. Mehrere verwundbare Stellen offenbarten sich dem erfahrenen Krieger. Er machte einen kurzen Blick zu Seite, um sich zu versichern, dass sein Knappe bei ihm war, doch Ingmar war es nicht. Ser Gneisors Kopf drehte sich weiter, er folgte der Blutspur auf dem Boden. Ingmar lehnte mit dem Rücken an die Mauer gelehnt und überall war Blut. Das Gesicht des Knappen glich einer aufgeschnittenen Melone. Sein Gesicht war so voller Blut, dass es in dünnen Fäden auf die hohlen Hände des Knappen herablief. Zwei Blutfützen bildeten sich bereits in der doch so kurzen Zeit darin. Ser Gneisor bekam ein Schock. Er hörte nicht, wie die Abscheulichkeit versuchte sich von der Tür zu lösen. „Ingmar …“ hauchte Gneisor schwach, sein Unterkiefer bebte. Was habe ich getan? – dachte er sich und wandte sich zu ihm um. Drei lange und tiefe Schnitte zogen sich quer durch das Gesicht des Jungen, der eine hatte Ober- und Unterlippe aufgetrennt und das Nasenbein zerschmettert, ein anderer hatte die Wange aufgeschnitten und das rechte Auge des Knappen perforiert. Dort, wo das Auge war, war jetzt nur noch ein blutiger und klebriger Klumpen. Ingmar war, trotz der schweren Verletzung, jedoch noch am Leben und bei Bewusstsein. Er brachte keinen Ton hervor. „Es, wird alles wieder gut.“, sprach der Ritter im Tonfall eines Vaters, der gerade zusehen musste, wie sein Sohn sterben würde. „Für Rondra.“, brachte Ingmar nuschelnd und blubbernd hervor und dann erschlafften seine Glieder.

Es krachte, als sich die Abscheulichkeit von der Tür löste, denn das dünne Metall des Kurzschwerts, konnte der jenseitigen Kraft Wesens nicht ewig standhalten. Das schrille Kreischen, holte Ser Gneisor wieder zurück ins hier und jetzt. Erneut brüllte er, er brüllte sich alle Wut aus dem Leib und letzte übermenschlich viel Wucht in seinen Hieb. Das Schwert schlug in die Schulter mit den kleinen Ärmchen ein, traf zwischen zwei Panzerplatten und trennte beide Arme vom Rest des Körpers ab. Das Schwert, seinen Weg unbeirrt fortfahrend, hatte so viel Schwung, dass Ser Gneisor die Kraft nicht abfangen konnte, es schlug funkenschlagend auf dem Steinboden ein. Normalerweise hätte sich der Ritter niemals in eine derart unterlegende Position gebracht, denn er war nun in einer Verneigenden Haltung vor dem Vortexwesen, welches gerade zum Schlag mit seinem kräftigen Arm ansetzte. Der Marschall konnte nichts dagegen tun, als ihn der Ogerarm der Abscheulichkeit durch das Gesicht fuhr und ihn drei Schritt durch den Flur katapultierte. Die Klinge des Ritters prasselte zu Boden, Knochen knackten und der Körper des Mannes schlug so lautstark auf dem Boden auf, als hätte man ein dutzend Eimer den Flur heruntergeworfen.

Unbeirrt davon, dass ihm zwei der drei Arme fehlten, ging die Abscheulichkeit weiter voran.  Schwarze, dicke Flüssigkeit quoll aus der klaffenden Wunde hervor, wo die beiden krallenbesetzten Ärmchen waren. In fünf Schritt Entfernung zur Bibliothek war die Tür zur Bibliothek, sie stand offen – denn im Gang davor stand Halrik von Tarnel mit fester und entschlossener Miene, auf seinen Händen ruhte ein aufgeschlagener Foliant.

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