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Teil VI – Blut und Tot (1)

Auf den Wällen – Gustav

Gustav zog mit Wucht sein Schwert aus der Abscheulichkeit heraus. Es schabte dabei zwischen den chitinartigen Panzern entlang und machte ein Geräusch, als wenn man mit einem Wetzstein über die Klinge fahren würde. Von der Schwertspitze tropfte eine schwarze und zähe Flüssigkeit, während sich der ehemalige Heermeister nach dem nächsten Gegner umsah – denn davon gab es genug. Die Wälle wurden Schauplatz eines Gemetzels, zahlreiche Abscheulichkeiten fluteten die Festung und richteten eine horrende Zerstörung an. Auch Gustav blieb davon nicht verschont, Blut rann ihm den linken Oberarm bis zum Handgelenk entlang und spritze bei jeder Bewegung herum. Seinen Helm hatte er gleich der ersten Abscheulichkeit opfern müssen, da eines der krallenbesetzten Mäuler sich darin verbissen hatte und er – Rondra sei Dank – schnell genug den Riemen lösen konnte, um sich somit der drohenden Umklammerung entziehen konnte. Vorsichtig humpelte Gustav den Wehrgang entlang. Mehrere Schnittwunden färbten seinen linken Unterschenkel blutrot – eine der Kreaturen hatte ihn dort mit seinen Krallen erwischt, als er gerade dabei war eines der Wesen den Wall hinunter zu werfen.

Überall um ihn herum hörte und sah man das ungeordnete Kampfgetümmel, zahlreiche Abscheulichkeiten lagen auf den Wällen, im Innenhof oder vor den Wällen zusammengerollt, ihr eigenes Ende anzeigend, herum. Leider sah man auch mehrere tote und entstellte Körper von Kämpfern und Bogenschützen. Die Biester verschwendeten keine Zeit sich nach dem Mord an den toten Körpern ihrer Opfer aufzuhalten, wie es vielleicht Tiere getan hätten, um sich einen ersten Bissen einzuverleiben, sondern sprangen sofort unbeirrt und ohne jeden Anschein von Erschöpfung weiter zum nächsten. Es waren Kreaturen, die nur für diesen Zweck erschaffen wurden – und diesem Zweck gingen sie bis zu ihrem eigenen Ende stoisch nach. Keine Furcht, kein Anzeichen von taxieren, einfach nur blindes Drauflosstürmen und dabei so viel Schaden wie nur eben möglich anrichten. Da sie in der Überzahl waren, bedurfte es daher auch keiner nennenswerten Taktik.

„Gustav!“ rief Rigo, ein Infanterist. Sie Stimme kam von hinter ihm, er machte sofort auf dem Absatz kehrt und brachte sein Schwert in die niedrige Kampfposition. Zwischen Gustav und Rigo krabbelte gerade eine weitere Abscheulichkeit über die Zinnen. Ihr Vorderteil drehte es zu dem rufenden Kämpfer, während es das massige, aber nicht minder gefährliche, Hinterteil Gustav zuwandte. Da hörte Gustav es wieder, das abscheuliche Geräusch, welches diese Biester von sich gaben, wenn sie in die Kampfhaltung übergingen. Es war eine Mischung aus hölzernen Geklapper und metallischem Kratzen, wenn sich die Chitinpanzerplatten untereinander verschoben, um keine Schwachstelle zu offenbaren und die zahlreichen Füße auf den Steinen der Festung ihren Halt suchten. Rigo schlug mit der Wacht eines Ambosszwergischen Felsspalters auf die hauerbesetzten Fangarme ein, die wie Kobraköpfe nach ihm packten. Gustav suchte nach einer Schwachstelle im Panzerrücken, während sich die zwei riesigen Zangen, wie die eines Hirschkäfers, ihm entgegenstreckten. Drei mal stach er auf den Panzer ein, doch seine Klinge kratzte nur klagend über den Panzer. Rigo durchtrennte mit einem wuchtigen Hieb seiner Orknase einen der Fangarme, zähflüssiges schwarzes Blut quoll hervor und spritzte ihm entgegen. Gustav entschied sich für ein gewagtes Manöver, mit einem kräftigen Stampfen stieg er auf eine der Zangen, um das Hinterteil der Kreatur damit am Boden zu fixieren. Er spürte wie die Kraft des Wesens gegen sein Gewicht arbeitete, doch er hielt es an Ort und Stelle. Jetzt konnte die Abscheulichkeit die Panzerplatten nicht mehr verschieben wie es wollte, er beugte sich vor und suchte nach einer Schwachstelle, während er weiterhin auf sein Glück setzte und hier und dort auf die schmalen Ritzen einstach – doch ohne Wirkung. Auf Rigos Seite griff der verbliebende Fangarm nach seinem Standbein. Rigo versuchte den Angriff auszuweichen, doch er war zu langsam. Der Fangarm umklammerte mit einem schmerzvollem Biss sein Unterschenkel und zog mit einer so unsäglichen Kraft daran, dass Rigo ins Straucheln kam. Er rutschte gegen die Zinnen. Während sein Kettenhemd über den Stein wetzte, versuchte er mit der freien Hand seinen Sturz aufzuhalten, Phex sei Dank fanden seine Finger den Fackelhalter und klammerten sich daran fest. Mit Panik drosch Rigo mit der anderen Hand, die noch immer seine letzte Wehr hielt, auf den Kopf der Abscheulichkeit ein. Doch die wuchtige und inzwischen schartige Klinge der Axt kratzte nur scheppernd über den massiven Panzer. Gustav musste jetzt handeln, oder Rigo war verloren. „Verfluchtes Biest!“, stieß er aus und machte mit seinem freien Bein einen Ausfallschritt nach vorne, so dass er fast auf der Kreatur drauf lag. Und da! Da offenbarte sich ihm eine Schwachstelle, zwischen dem Vorder- und dem Hinterteil des Wesens, gab es eine kleine Stelle zwischen dem massiven Kopfpanzer und den lamellenartigen Hinterteil, wo die dünne hautähnliche Struktur hervorblitzte. Gustav zielte mit der Spitze seines Schwerts darauf, doch da spürte er eine Schmerzexplosion in seinem linken Fuß, der Druck den er gebrauchte hatte, um die Zange am Boden zu fixieren, genügte aufgrund seines Ausfallschrittes nicht mehr. Sie hatte sich gelöst und die Zangen, von denen jede die Länge einer Elle hatte, umklammerten Gustavs Fuß und drückten so fest zu, dass das Blut sogar aus dem festen Lederstiefel herausspitzte. Die Schwertspitze fand ihr Ziel. Mühelos durchschlug es die dünne Hautschicht des Wesens und ein schrilles Fiepen zuckte durch den Leib der Abscheulichkeit – es musste so etwas wie Schmerz verspüren, da war er sich ganz sicher. Finger für Finger trieb er mit beiden Händen die Klinge tiefer hinein, eine der Hände hinten auf den Knauf gedrückt, um es besser voran schieben zu können. Es knackte und gluckerte im Innern, doch der, das Bewusstsein raubende, Schmerz in Gustavs Fuß zuckte hoch bis ins Bein – er durfte jetzt nicht das Bewusstsein verlieren! Da knackte es erneut, der Druck am Fuß ließ ruckartig nach und die Kreatur unter Gustav erschlaffte. „Aaaaahhhhh!“, schrie er, jetzt wo die Zangen losgelassen hatten, ließ er zu, dass ihn der Schmerz übermannte. Rigo, der ebenfalls befreit war und dessen Bein eine tiefe klaffende Bisswunde hatte, stieg über den toten Körper der Kreatur hinweg, um Gustav aufzuhelfen. „Du hast mir das Leben gerettet!“, sprach dieser und hob Gustav an den Achseln hoch. Doch sein Fuß hing nur noch unkontrolliert an seinem Bein herab, der Stiefel war vollgelaufen mit Blut und das Leder zerfetzt – er spürte dort nichts mehr, außer einen die Sinne raubenden Schmerz. „Scheiß drauf, Rigo – kämpf weiter!“ der barsche Ton des ehemaligen und jungen Heermeisters überrascht den älteren Kämpfer. Gustav lehnte an die Zinnen und stand nur noch auf einem Bein. Er wurde Kreidebleich. Da bemerkte er, dass sein Schwert noch immer tief im Leib der Abscheulichkeit steckte – er musste es losgelassen haben. „Gib … gib mir mein Schwert.“, stotterte er schmerzerfüllt und streckte seine Hand zitternd in Richtung des Schwertes aus. Rigo tat wie ihm geheißen und zog mit einem Ruck am Heft des Schwerts.

Da wurden beide Kämpfer für einen Moment dunkel, der schwarze Körper einer Abscheulichkeit flog über Gustavs Kopf hinweg. Rigo konnte sich noch rechtzeitig umdrehen, doch das Hauer besetzte Maul der Kreatur stürzte genau in dessen überraschtes Gesicht. Das Knacken und Bersten von Knochen war das letzte, was Gustav von Rigo hörte, als sein Körper samt der Kreatur über die Brüstung flog und in den Innenhof abstürzte. „NEIN!“, brüllte Gustav und der Schmerz in seinem Fuß zuckte wieder in ihm hoch. Doch nicht nur die zwei waren fort, auch Gustavs Schwert – Rigo hatte es wohl im Angesicht des Todes festgehalten und mit in die Tiefe gerissen.

Auf den Wällen – Brangane

Die Ritterin stand zwischen zwei Bogenschützen auf einem der Türme, als die Flut an Abscheulichkeiten über die Festung hereinbrach. Die Bogenschützen ließen auf Kommando der Frau einen Pfeil nach dem anderen von der Sehne. Einer von Ihnen war es auch, der den ersten Treffer landete. Als die Bestien dann begannen die Festungsmauern zu erklimmen, als wären es einfache Sprossenleitern, wusste Brangane, dass kein einfacher Kampf folgen würde, in dem sie von zwei Bogenschützen umgeben war, die aus kurzer Distanz nichts auszurichten vermochten.  Sie waren zwar beide mit Kurzschwertern ausgestattet, doch würden sie damit nicht umgehen können – so viel stand für die Ritterin fest.

„Stellt euch dort hinten an die innere Brüstung – ich halte sie auf. Schießt, wann immer sich ein Ziel ergibt“, befahl sie den beiden Männern und deutete auf die zum Innenhof gewandten Mauersteine. Die beiden Männer, einer von ihnen erst an die zwanzig Götterläufe und der andere Anfang fünfzig mit dichtem grau meliertem Bart, nickten nur und begaben sich dann in Position. Hastig legten sie wieder Pfeile auf die Sehnen, da kam auch schon die erste Abscheulichkeit über die Zinnen gekrochen. Die hungrigen Mäuler voran, schlängelte es sich über die dicken Steine, während des hölzerne Geklapper der zahllosen Beine am Hinterleib zu hören war. Bragane hielt in der rechten Hand einen mit der Spitznase voran gedrehten Rabenschnabel und in der linken ein stabiles Wappenschild. Die Kreatur kreischte schrill, die Bogenschützen zuckten zusammen, doch Brangane schien nicht beeindruckt und schwang einen kurzen aber heftigen Hieb gegen den Schädel der Kreatur. Wie ein Schmiedehammer, der das glühende Metall unter seinem Hammerkopf formte, verformte sich der massive Kopfpanzer der Abscheulichkeit unter dem Druck der Spitze des Rabenschnabels. Anscheinend mühelos durchschlug er den Kopfschutz der Kreatur. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man sagen, dass die Kreatur überrascht zu sein schien, denn für einen kurzen Moment streckte es alle Glieder von sich und macht keinerlei Anstalten sich zu Wehr zu setzen. Noch ehe es aus seiner Starre wieder erwachte, drehte sich Brangane auf der Stelle und zog den Rabenschnabel hinter sich her. Die Kreatur hob vom Boden ab als wäre es um ein vielfaches leichter als es aussah, während der Kopf der Kreatur dabei am Ende des Rabenschnabels hing. Brangane schleuderte das Vieh mit schier übermenschlicher Kraft über die Zinnen zurück über die Außenmauer. Als sich der Haken aus dem Kopf der Kreatur knackend löste und es sich in der Luft wie ein herabfallendes Lindenblatt drehte, schoss schwarzes Blut absurde Kreise ziehend aus ihm heraus.

Die Bogenschützen hatte keine Zeit über das eben Geschehene nachzudenken, sicher war nur, dass sie die Autorität und Kampfkraft der Lady nicht anzweifeln würden. Da krabbelten auch schon zwei weitere über die Zinnen. Brangane schoss sofort auf einem der beiden zu. Die Bogenschützen entschlossen sich instinktiv den anderen zu bearbeiten. Die Pfeile flogen aus naher Distanz auf die Kreatur zu. Ein Pfeil schepperte unwirksam gegen den Panzer, der andere fand sein Ziel zwischen den Lamellenpanzern am Hinterleib. Das Biest zuckte zusammen, doch es war noch nicht besiegt. Währenddessen schlugen die maulbesetzten Fangarme des zweiten Monstrums gegen den Schild der Lady. Ihr erster Hieb hatte das Ziel verfehlt, die Kreatur war ausgewichen und ging ihrerseits zum Angriff über. Brangane wich zurück und pendelte die Schnappmäuler der Fangarme geschickt aus. Da schlug sie zu, der Hammerkopf des Rabenschnabels traf direkt in eines der Fangmäuler und zerfetzte es in hundert kleine fleischige Stücke. Die zwei Abscheulichkeiten flankierten Brangane und drängten sie in eine Ecke. Wieder flogen zwei Pfeile von den Sehnen, doch dieses Mal verfehlten beide ihr Ziel. Lady Brangane schlug erneut mit dem Rabenschnabel wuchtig zu, der Hieb durchschlug den Kopfpanzer der Kreatur – es schepperte und sofort krümmte sich die Kreatur leblos wie eine Assel zusammen. Mit dem Schild musste sich Brangane gleichzeitig der anderen erwehren, sie hatte Mühe sich die Kreatur vom Hals zu halten. Da bäumte sich das Vieh auf, so dass es so groß wurde die Brangane selbst. Die zwei Mäuler schnappten nach ihrem Gesicht, verfehlten jedoch ihr Ziel. Was folgte, war ein gewagtes, aber effizientes Manöver. Brangane schlug mit dem Schild nach dem Wesen. Es pochte, als es gegen die dünneren Panzerplatten am Unterleib der Kreatur schlug – doch Brangane schlug nicht nur, sie schob. Sie schob die Abscheulichkeit gegen die steinernen Zinnen, so dass es dort zwischen diesen und ihrem Schild eingeklemmt war. „Jetzt, schießt!“, befahl sie im ruhigen und bestimmenden Tonfall. Die zwei Bogenschützen brauchten nicht viel zu zielen, am nun offenliegenden Unterleib hatte es kaum Panzer. Die Bogenschützen ließen ihre Pfeile von den Sehnen, beide durchschlugen die dünne Haut und setzen der Abscheulichkeit ein jähes Ende. Als Brangane der Druck von ihrem Schild entfernte, klatschte die Kreatur leblos zu Boden.

Brangane warf einen Blick über die Brüstung in den Innenhof und zum Wehrfried. Die Abscheulichkeiten hatten sich binnen kurzer Zeit bis in den Innenhof vorgearbeitet. Überall kämpften die Verteidiger tapfer gegen die Aggressoren. Branganes Blick ging nach oben, in den Himmel, als würde sie dort etwas erwarten. Ihre steinerne Miene verriet nicht, über was sie sinnierte. „Lady, es kommen weitere!“ rief der junge Bogenschütze und deutete auf die Brüstung. Tatsächlich krabbelten erneut zwei Abscheulichkeiten empor. Doch Branganes Blick ging weiterhin unbeirrt, ja fast schon hypnotisch, zum Himmel. Mit einem Mal fuhr sie herum und schneller als die Bogenschützen ihre Pfeile auf die Sehnen bringen konnten, warf sie die Dachluke des Turms auf und verschwand darin im Treppenabstieg. „Was zum …“ fluchte der ältere Bogenschütze, der es nicht fassen konnte, dass sie Ritterin sie beide alleine ließ. Die Abscheulichkeiten schnellten auf die beiden Männer zu, ein Pfeil flog noch von der Sehne, während der jüngere Bogenschütze sofort nach seinem Kurzschwert griff. Es dauerte nur wenige Lidschläge, da hatten die hungrigen Mäuler und klauenbesetzten Fangzähne der Abscheulichkeiten die Körper beider Bogenschützen bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Sie hatten nicht einmal Zeit für Schreie.

Hinter ihnen am Himmel, direkt über der Festung, öffnete sich ein Riss – rote Blitze zuckten heraus und krochen wie auf einer Oberfläche in unsere Welt hinein. Der Riss öffnete sich weiter und wurde kreisrund. Mit den Füßen voran, senkte sich in diese Welt eine schlanke Gestalt – sie war menschenähnlich – und doch erkennbar anders. In der Hand hielt sie einen gewundenen Stab. Dies war keine Abscheulichkeit, kein niederes Wesen, welches geopfert werden konnte. Dies war Sara’kiin die Limbusverschlingerin.

 

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